Wesen und Wirken

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Jedes Wesen hat sein Wirken. Jedes Wirken hat sein Wesen. Auf einem Felsen im See putzt sich ein Fischreiher. Was um ihn vorgeht, versteht sich für ihn. Die starke Sonne war ihm Aufforderung. Seine grauen Beine halten ein Gleichgewicht, das dem des Steins gleicht, auf dem er steht. Seine Bewegungen sind schnell und präzise. Er kämmt den Bart an seinem Hals, der anfangs gelb wie Augen der Nierenkranken ist. Einmal pickt er, einmal packt er einzelne Federbüschel mit seinem Schnabel und bürstet sie mit einer langen Bewegung, die am Schilfufer begonnen hat. Seine Bartfedern beginnen zu schimmern, verlieren das müde Gelb. Einmal breitet er den linken Flügel aus und sticht und strählt hinein, immer zuerst den linken, einmal streckt er die rechte Schwinge aus, wählt einzelne Federn aus und glättet sie mit seinem Schnabel. Verdeutlicht er die Farben der Unterfedern, verdeutlichen die Federn ihn? Er steht auf seinem Geierberg und erblüht. Seine Schwingen sind nicht mehr nur graue Schwingen, sie leuchten in Kristallfarben zwischen violett, silbern, meergrün, dämmerungsrosa, ein Amethyst-Himmel. Er formt die Flügel in seinem Rücken zu einem Schild, zu einem Herz. Er streckt seinen Hals lang, den Schnabel steil im Himmel. In seiner Kehle unterm winzigen Kopf bewegt sich eine halb gurgelnde, halb keckernde Freude oder Lust. Er hat seine Beine nicht bewegt. Er singt in der flimmernden Hitze des Mittags. Sein Wesen ist Schönheit, sein Wirken ist Tod; sein Wirken ist Warten, sein Wesen ist Jetzt.

Das Volk Josefs

Village with tower-like dwellings and people walking on stone pathways in volcanic terrain

Das Volk Josefs, sagt man, wohnt im Norden des Turms «Nitzotzot». Es soll in hohen, kelchförmigen, zum Himmel offenen Türmen wohnen. Diese Türme sehen aus wie aus dem Boden gerissene und in den Himmel gestülpte Brunnen. Die Beschaffenheit dieser Strukturen, auf deren fensterlosen Grund das Volk Josefs wohnt, ist die eines Wespennests. Wer sich dieser aus hunderten Türmen bestehenden Stadt nähert, die Neunaugen aus dem schwarzen, warmen Boden ragen, wird auch zuerst das Summen von tausenden flüsternden Stimmen vernehmen. Die Wabentürme wechseln je nach Lichteinfall ihre Farbe. Darin gleichen sie den Augen dieser Menschen, die ihre Stimmungen oder Gefühle mit der Farbe ihrer Iris ausdrücken. Man sagt, Menschen, dabei ist das gar nicht gewiss. Während einige sie für Flüchtlinge aus der Zeit vor dem Feuerspalt halten, der ihnen die Heimkehr ist Nordland versperrt, behaupten andere glattwegs, wenn sie zwar menschlich seien oder schienen, so stammten sie aus einer anderen Welt. Manche ganz radikale Stimmen aus der zweiten Gruppe halten die manchmal auch «grüne Männchen» genannten Menschen aus dem Volk Josefs für «Wiederkehrende». Ganz Verrückte vermuten sogar, es seien dies, wie sie es sagen, «aus der Schlucht von Gehinnom Geschlüpfte». Viel spricht dafür, dass die zweite Gruppe auf der richtigen Spur ist: Bewohner des 4. Zikkurats genannt «Oigschtchummum» – das heisst «Herzenüberschlag» -– würden sicherlich nicht zögern, die buchstäbliche Ausser- oder zumindest Anderweltlichkeit dieser Rasse zu bestätigen. Die Bewohner des «Oigschtchummum» müssen es wissen, denn sie kennen das Volk Josefs gut: Dieses kommt in den Wintermonden vor das Tor «Nitzotzot», um ihre Häute zu verkaufen, aus denen die Einwohner des Zikkurats darauf Pergament für ihre ausführlichen geheimen Chroniken herzustellen, in die noch nie ein Gelehrter aus den anderen noch bewohnten Zikkurat blicken konnte. So erzählt man sich, dass ein Blick in die farbwechselnden Augen eines solchen Menschen bei einem Menschen der Inneren Stadt zu Halluzinationen, Nahtoderfahrungen oder Zungenreden führt. Die Bewohner des 4. Zikkurats haben sogar ein eigenes Wort für diese Krankheit: Immondifikation. Doch die offensichtliche Andersartigkeit des Volks Josefs zeigt sich in ihrer Fortbewegungsart, denn sie gehen auf allen Vieren, obwohl sie Arme und Beine wie die Innenstädter haben – diese auch für Ähnliches benutzen –, und in ihrer Sprache, die aus kurzen, manchmal harten, manchmal weichen, fast schleimigen, irgendwie halb singend-schmatzenden, halb klickend-knarrenden Lauten gebildet wird. Wenn sie mit Innerstädtern reden, benutzen sie mit grosser gutturaler Mühe die herrschende Sprache der Väter.

Von der Blödheit der Männer

Japanese soldiers in uniform marching with rifles near the Ziggurat of Ur

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ein Zug des 49. Regiments überquerte heute vor unseren Augen den Äusseren Hof. Ich war mit anderen Damen und der Prinzessin Nyaruhodo auf der Heimkehr vom Turm der Geschichten. Man hatte unsere Sänften für eine kurze Rast der Träger abgesetzt. Einige von uns hatten sich ins langsam feucht werdende Gras gesetzt. Die Männer des Zugs gingen trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung fast im Laufschritt. Sie waren nicht nur erschöpft, sie schienen kurz vor der Auflösung zu sein. Einige gingen nur im Hemd, mit zerrissenen Hosen, andere besassen nur noch einen oder keinen Schuh mehr. Ihre Gesichter waren derart schmutzig von Schweiss, Russ und Blut, dass man ihr Augenweiss für Sterne im Abendlicht halten konnte, das einen feinen Dunst über den Äusseren Hof legte. Da ihr Schritte nicht als das übliche regelmässige Stampfen zu hören waren, dachte man bei ihrem Vorübergehen an Amphibien. Sie glichen in keiner Weise den jungen Männern, die ich noch gestern auf dem Exerzierplatz betrachtet hatte. Jene hatten mich an meine Brüder erinnert. Es war ein Bild männlicher Energie gewesen, Gesichter in ihrer Röte trotzig, Körper als Körper. Nach dem Marschieren standen und sassen sie in den verschiedensten Stellungen und Haltungen auf dem staubigen Platz. Ihre Gesichter leuchteten. Obwohl ich ihre Gespräche oder Zurufe nicht verstehen konnte, war ihre Sprache hart und ihre Gesichter stumpf. Einer hatte Sommersprossen, die wie frische Blutspritzer blinkten. Das Männerlachen klang herüber zu mir, rau wie Echsenhaut, bohrte sich wie Holzspriessen in meine Niere. Ich dachte an meine Brüder, an ihr dumpfes Wesen, an ihre vermutlich absichtsvolle Blödheit oder Blödelei, die sich nie auch nur einmal einer Form von Einsicht näherte. Dieses Schweigen junger Männer vor den Feinheiten eines Tanzes, Liedes oder Bildes. Ochsen oder schlimmer. Ich verachtete meine Brüder, aber ich verspürte eine merkwürdige Bewunderung für sie. Und doch konnte ich heute nicht anders als weinen, als ich die Soldaten über den Äusseren Hof schlurfen sah. Hatte denn der Krieg schon begonnen? Diese Männer schienen mir jetzt noch weiter vom Menschlichen entfernt als gestern, und man konnte es ihnen ansehen.

Fern ist mein Bruder –
Wer nur hilft ihm dort dabei
Ein Mensch zu bleiben?»

Eine militärische Operation

(Scenic Beauty of Kōfu) Main Gate of the 49th Infantry Regiment Barracks, Kofu

Die Zeitung «Jade-Öhr», die im Einflussgebiet des 3. Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung», erscheint, schreibt: «Aus zuverlässigen Quellen ist uns bekannt geworden, dass die Jade-Division namens «Gyoku-heidan» unter unserem verehrten Herr Erlang demnächst eine beschränkte und präventive Inkursion in das westlich des Felsens der Reue gelegene Gebiet plant. Offizielle Stellen haben diese Information bisher weder bestätigt noch verneint. Wie unser geneigter Leser und unsere aufrecht-hübsche Leserin mit einiger Sicherheit wissen oder vermuten dürften, könnte es sich dabei um eine längst fällige Antwort unseres umkämpften, aber standhaften Rumpf-Reiches handeln, die bisher jenseits der Ebene der Gottesfurcht heimischen Rakschasi, die sich bisher allesamt als Vergewaltiger, Verbrecher und Friedensucher erwiesen haben, wie unser lieber König Z. Qoum I. nicht müde wird zu betonen, als süchtiges, meintätiges Gefleuch dürfen wir uns an dieser Stelle wohl durchaus berechtigt sehen und herausnehmen, den guten, sorgenaufgebrachten König einmal richtig zu zitieren, eine also längst überfällige, vielmehr notwendige Antwort unserer Governeure und Profiteure auf die aus dem Wesen heranflutende «Rote Gefahr», wie wir das Wort aus dem Volksmund anzuwenden beflissen sind, einzudämmen und abzuklemmen, damit sich insbesondere unsere strebsamen und unermüdlichen Siedler ganz auf die Erschliessung des Westens konzentrieren können, denn nicht umsonst haben uns ihre Stimmen bereits mehrfach in unserer Redaktion erreicht, sie würden als Pseudo-Miliz oder koloniale Vorhut missbraucht, die Dynastie der Z. missbrauche sie als zivile Schutzschilde im über weite Strecken vergeblichen Abwehrkampf eines einst mächtigen, ja gefürchteten, jetzt aber geschwächten, ja geradezu in Auflösung begriffenen Hegemons, so der Tenor dieser Stimmen aus dem Lager der Siedler. Die Redaktion hat bereits mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass ihre eigene Lage durch die wiederholten und ausdauernden Sit-ins und Shout-ins dieser doch mehr als aggressiven Minderheit gefährdet ist. Gerade gestern wieder wurden zwei unserer Journalisten von den «Gottesfürchtern», wie sie sich bekanntlich zu nennen belieben, ohne einen wirklichen, will heissen beglaubigten Propheten in ihren Reihen zu haben, nicht nur eingeschüchtert, sondern geradezu spitalreif geschlagen. Wir können den Entschluss unseres verehrten Herrn Erlang daher nur wortmächtig unterstützen und ihm in unserer Leserschaft Gehör verschaffen, indem wir unterstreichen, auch wenn dieser noch von keiner offiziellen Stelle bestätigt wurde, dass wir eine solche nicht mehr länger diplomatische Vorgehensweise nicht umhin können zu unterstützen. Laut weitergehenden Berichten wird das 49. Regiment als erstes ausrücken.»

Unterm Zaqqum

A dark hellscape filled with flames, tortured human figures, and a large twisted tree bearing flaming demonic heads

Unterm Zaqqum sassen wir und weinten.
Von den Zungen der Teufel tropfte der scharfe Speichel des Nachtragenden.
Unterm Zaqqum hielten wir Rat.
Die Wurzeln wuchsen in den Anus hinauf.
Unterm Zaqqum machten wir Eingaben.
Aus dem Salz unserer Tränen bauten wir eine Bank.
Unterm Zaqqum lagen wir und litten.
Der Wiedehopf kam und kontrollierte unsere beschnittenen Glieder.
Unterm Zaqqum fluchten wir auf die Gottesfurcht.
Nicht in einem Wort, das die Teufel sagten,
zeigte sich die Sonne.
Unterm Zaqqum sassen wir und weinten.
Der Speichel des Nachtragenden löste unsere Augäpfel auf.
Unterm Zaqqum streckte sich die Zeit wie eine Bahn.
Wir ritten unsere Grossväter tiefer in den Sumpf,
unsere Mütter klammerten sich an unsere Knöchel,
rutschten tiefer, eine an jedem Zeh.

Beschluss des Dritten Rats

Group of villagers with animals evacuating near burning crevice and stone wall

Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Der Dritte Rat hat nach zweiwöchiger Klausur beschlossen, dass die Bemühungen um eine Wiedererschliessung der südlichen Stadtteile sowie der darin liegenden Vestigien, Türme, Bibliotheken, Höfe und Weihestätten, Nadelöhre und Mausoleen einzustellen sind. (Allfällige Rückkehrer der letzten Expetion werden in den Priesterstand erhoben und mit einem Landgut unter den Felsen der Reue beschenkt.) Dem Dritten Rat liegen Beschwerden vor, wonach die Population der Gluckliche am westlichen Ende des Felsens der Reue derart angewachsen ist, dass sie der Urbarmachung des Lands am Fuss des fünften Zikkurats, genannt «Himmelsachtung», gefährdet. Die Läuferin Sa’ile hat unseren Eindruck von einer verstärkten, zumindest zunehmenden Bedrohungslage bestätigt, indem sie uns glaubwürdig von massiven Schäden in der Nordmauer, besonders im Bereich des Turm «Chochmah» (das ist der mittlere Turm in der nördlichen Mauer), berichtet hat, einerseits, und dass vom westlichen Nordturm, dessen Name verschollen ist, wenngleich einige Mitglieder des Dritten Rats weiterhin zu behaupten wagen, es sei der vergessene Turm genannt «Malchuth», andererseits grosse bis starke Erschütterungen aus dem Bereich des Feuerspalts jenseits der Mauer anzuzeigen seien. Sie habe, versichert die Läuferin Sa’ile, auf ihrer Rückkehr hierher mehrere Wagentrecks angetroffen, die sich auf dem Rückzug aus der Ebene der Gottesfurcht befänden. Vor diesem Hintergrund – und in der Folter eines kürzlich eingefangenen Rakshasis bestätigt – scheint es dem Dritten Rat notwendig, sowohl die Suche nach weiteren Arkana und Urkunden über die Zeit des Manns namens Aron Sa’ara als auch die Erkundung der weitgehend in Vergessenheit geratenen südlichen Stadtteilen einzustellen. Gegeben und geschrieben im fünften Jahr unseres Königs T. Balak IV, Tkufa des She’er ne’ul.»

Einer ruft im Mordtal

Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Briangotts in der Wikipedia auf Englisch – From the 1901-1906 en:Jewish Encyclopedia. Übertragen aus en.wikipedia nach Commons durch Storkk mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4452832

«Ich bin so allein wie das Lamm Gottes,» ruft Blödelîn, «mürbe und morsch bin ich hier im Schatten Zaqqums, hier im wüsten Mordtal, ein klindender Clearling unterm Milch-Makel des Sternenheers. Soll ich mich denn weiter mit den Baalen aalen? Ich werde an jedem Ort lieber sterben wollen als leben. Ich bin zerbrechlich wie Schiefer, ich bin weich und zart, schlüpfrig im Leben wie das Schmalz in euren Töpfen. Der Geruch Molochs betäubt meine Nieren. Ich höre die Stimmen oben auf der Mauer im Osten: «Alles ist gut,» sagen sie, «alles ist in Ordnung.» Aber nichts steht gut, nichts ist in Ordnung. Das Lied, das ihr singt, lässt die Wolken zerspringen. Niemand wird da sein, um euch aufzuheben. Das Blöken der Herden ist verstummt, selbst die Vögel des Himmels und die Tiere des Waldes sind geflohen und lassen sich nicht mehr sehen. Immer von neuem hat man euch Gottesdiener geschickt, aber keiner von euch kümmerte sich darum, niemand hörte darauf. Jeder rennt auf seinem Irrweg weiter wie ein Pferd, das sich in die Schlacht stürzt. Alle Zugvögel halten sich an die Zeiten, die ihnen gegeben sind: der Storch, die Taube, die Schwalbe, die Drossel. Ihr betet den Stein auf dem Pfauenthron an. Das Tal, über das ihr eure Mauer errichtet, heisst Mordtal. Zerschlagen bin ich, zerriesele mitten unter euch, in meinem Schädel hausen Schakale und Baale. Ich kann nicht mehr stolz sein auf diese Stadt und ihre Einwohner, denn sie erkennen, was sie wollen, sie begreifen, was ihnen recht ist. Das Volk, das ich von ganzem Herzen liebte, sehe ich dem Diamanten-Glanz ausgeliefert, hart und glatt. Es ist mir fremd geworden, unheimlich wie ein Löwe im Dickicht. Genauso wie ein Löwe brüllt es mich an, feindselig und stur. Darum ist es mir zuwider. Kommt zu mir ins Tal, an den stockenden Fluss, betrachtet mit mir voller Abscheu die Leichen der Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben. Ihre Qual nimmt kein Ende, sie brennen im ewigen Feuer.»

Aus der Lehre Yu Dis

Von Anonym – Daoist deity: Jade Emperor. Boston: Museum of Fine Arts., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10288375

Wenn Gott göttlich ist, sagte Yu Di, kennt er den Schmerz nicht, auch das Glück wird ihm fern, aber nicht verwehrt sein. Ein göttliches Sein ist göttlich in seiner Empfindung der Unaufhörlichkeit. Er ist dem Stein näher als dem Wesen. Es gibt für sein An-Wesen keine zeitlichen Schranken ausser Wind, Wasser, Tektonik. Seine Empfindungen dauern an, seine Aufmerksamkeit ist unablässig. Seine Natur ist so beschaffen, dass ihn selbst die 129’600 Jahre des yuan nicht verringern. An ihren harten und rauen Brüsten versammeln sich die Kormorane und Kondore, die Makaken und Meerkatzen, die Schwämme und Schnecken. Für ein göttliches Sein gibt es keine Erinnerung, kein Geschlecht und keine Vernunft, die ausreichen würde, um es zu beschreiben. Die Rede Gottes ist Nein. Sein Handeln ist Bleiben. Weder schreitet er voran noch weicht sie zurück. Jedes hui ist ihr gleich. Werfen wir Geübten Blicke und Gedanken auf ihn, schenkt er uns die Furcht des Tuns und die Gnade der An-Weile. Leiden wir, wendet er uns den Rücken. Für unser Fühlen hat er nur Gletscher übrig. Wohl sind ihm die Schranken unseres Wesens bekannt, doch sind es nicht seine. Damit schwieg Yu Di. Eine Schülerin fragte in die Lehr-Stille: Kennt Gott, wenn er göttlich ist, keine Verantwortung?

Das nördliche Viertel

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Im nördlichen Viertel sind die Lilien. Ihr Duft ist vor Schönheit unbekömmlich wie der Schmerz. Sie weilen schon voraus. Sie handeln durch Blühen. Mehr ist nicht nötig. Sie sind alle weisse vor Güte. Sie brauchen keine Gnade. Sie haben das Glück, von Gott gesehen zu werden. Was sie brauchen, gibt ihnen der grüne Himmel.

Turangalîla hat über die Lilien gesagt: «Ich möchte Lider nicht. Ich fühle mich nicht notwendig. Ich kann es wenden wie ich will, der Stein stirbt nicht wie das Korn, schenkt seine Kraft nicht, um anders anderes zu werden. Die nördlichen Schönen sind ihm fast zu vergleichen. Ihre Helle ist die Reue des Tages. Sie sind nicht auf das Wohlwollen aus, das sie schon haben. Wie der Stein sind sie in ihrem So-Sein hart und rau wie die Wirklichkeit, die sie entschaffen. Eine von ihnen wiegt hundert Gottfähige auf.»

An gewissen Tagen ist die Himmelsstirn eine Raffel. Sie nimmt die Farbe des Grossen Pfefferfischs an. Wer ihr zu nahe kommt, wird passend gemacht. An diesen Tagen sind selbst die Mächtigen und Heiligen vorsichtig. Erstere schlüpfen unter ihre Trhone, letztere falten ihre Flügel morgens besonders sorgfältig. Einkäufer und Verkäufer fürchten diese Tage, sie erinnern sie an die Vergeblichkeit ihres Handelns. Die Himmelsstirn kaut sogar an den Steinen. Die Himmelsstirn hasst das Runde. Nichts geht ihr über eine gesunde Ecke, eine scharfe Kante. Die Himmelsstirn will, wenn sie kommt, alles in Gleichschenkligkeit vereinen. Die Turangalisten nennen das Runde das Ungesunde. Die Himmelsstirn lauert nicht, sie ist offenbar. Sie verursacht einen gesunden Abrieb, sodass die Schöpfung nicht in Erschöpfung überdauert.

Alles Kantige, alles Scharfe, alles Eckige ist machbar. Es gehört zu den Ursachen. Es gehört zur Wirklichkeit. Grammatische Kuben ordnen Notwendigkeit. Selbst wenn der Weg steil ist, ist er eben im Vergleich mit den Sternen. Selbst wenn der Weg eben ist, ist er steil im Vergleich mit den Lilien. Kann man die Steine mit den Sternen, die Sterne mit den Steinen, die Lilien mit den Früchten des Korns, die Heiligen mit den Mächtigen vergleichen?

Bauchige Landschaft, aufsteigendes Gelb, grünschattige Nadelbuchten, Schritte im weissen Gras, Kieferwolken, Olivenstapfen, hinauf ins violett singende Blau.

Der Ruhstein

By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – The green stone lying in one of the storerooms of the Temple complex, it is a block of green nephrite-type stone common in the geology of the region, it may have played a role in some religious cult, Hattusa, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51807591

Der Ruhstein hat die Form eines Würfels. Einem erwachsenen Mann reicht er bis übers Knie. Die westliche obere Ecke des Steins ist abgeschliffen oder erodiert. Keine seiner Kanten ist scharf, aus einiger Distanz sieht er aus wie ein grünes Zuckerstück. Er steht nicht in der Mitte des Innenhofs, sondern in der Mitte seines südlichen Viertels. Der Steinhüter sitzt meist im Schatten des verschlossenen südsüdöstlichen Tors. Er dort seine Schlafmatte zusammengerollt, und sein Protokolltischchen steht vor seinem Hocker, darunter in einem Korb die feuchten Tonplatten, die ihm ein Gardist einmal am Anfang der Woche bringt. Sein Schilfgriffel liegt nördlich ausgerichtet auf dem Tischchen. Die Friedensglocke erklingt siebenmal am Tag und dreimal in der Nacht. Nach ihrem Schlag erhebt sich der Steinhüter von seinem Hocker oder seiner Matte, löst im Gehen schon ein blaues Seidentuch aus seinem Gürtel. Beim Stein angekommen, kniet er nieder und reibt jede der vier Seiten mit kräftigen, genauen Bewegungen ab, darauf reinigt er auch die Himmelsstirn des Ruhsteins. In einer weiteren fliessenden Bewegung fährt er mit seinem blauen Seidentuch die acht Kanten des Steins ab und beugt sich dann tief über den Ruhstein, ohne in die Knie zu gehen. Er spitzt seine Lippen und küsst die westliche obere Ecke, der er etwas zuflüstert. Gemessenen Schrittes kehrt er an seinen Schattenplatz zurück und notiert mit seinem Griffel auf eine handgrosse Tafel seien Beobachtungen. Der Ruhstein leuchtet blendend grün wie ein Kubus Meer vor ihm in Sonne und Sand, in Mond und Sand. Der Steinhüter schliesst wieder die Augen.