
Jedes Wesen hat sein Wirken. Jedes Wirken hat sein Wesen. Auf einem Felsen im See putzt sich ein Fischreiher. Was um ihn vorgeht, versteht sich für ihn. Die starke Sonne war ihm Aufforderung. Seine grauen Beine halten ein Gleichgewicht, das dem des Steins gleicht, auf dem er steht. Seine Bewegungen sind schnell und präzise. Er kämmt den Bart an seinem Hals, der anfangs gelb wie Augen der Nierenkranken ist. Einmal pickt er, einmal packt er einzelne Federbüschel mit seinem Schnabel und bürstet sie mit einer langen Bewegung, die am Schilfufer begonnen hat. Seine Bartfedern beginnen zu schimmern, verlieren das müde Gelb. Einmal breitet er den linken Flügel aus und sticht und strählt hinein, immer zuerst den linken, einmal streckt er die rechte Schwinge aus, wählt einzelne Federn aus und glättet sie mit seinem Schnabel. Verdeutlicht er die Farben der Unterfedern, verdeutlichen die Federn ihn? Er steht auf seinem Geierberg und erblüht. Seine Schwingen sind nicht mehr nur graue Schwingen, sie leuchten in Kristallfarben zwischen violett, silbern, meergrün, dämmerungsrosa, ein Amethyst-Himmel. Er formt die Flügel in seinem Rücken zu einem Schild, zu einem Herz. Er streckt seinen Hals lang, den Schnabel steil im Himmel. In seiner Kehle unterm winzigen Kopf bewegt sich eine halb gurgelnde, halb keckernde Freude oder Lust. Er hat seine Beine nicht bewegt. Er singt in der flimmernden Hitze des Mittags. Sein Wesen ist Schönheit, sein Wirken ist Tod; sein Wirken ist Warten, sein Wesen ist Jetzt.
