
Interview mit Jack D. Forbes am Vorabend des 4. Juli 2026:
- Herr Forbes, seit der Veröffentlichung Ihres Buches «Columbus und andere Kannibalen» im Jahr 1992 sind nun 34 Jahre vergangen. Wie hat sich das Phänomen des strukturellen Wahnsinns namens Wétiko entwickelt?
- (lacht) Entwickelt? Müsste man nicht eher vertieft sagen?
- Anders gefragt, wie schauen Sie heute auf ihre Gegenthese zum weissen Modernisierungswahn?
- Es ist keine Gegenthese, es ist die einzige These, die uns heilen könnte.
- Gestatten Sie mir die Frage, was meinen Sie mit «uns»?
- «Uns», das meint eigentlich alle Glieder der Lebenskette, vom Bakterium zum Pottwal. Wussten Sie, dass Pottwale in Vokalen sprechen?
- Nein, das weiss ich nicht.
- Forscherinnen haben in den letzten Jahrzehnten einen Schritt gemacht, den ich als wichtigsten Schritt im materiellen Positivismus der Wissenschaft seit Descartes bezeichnen würde.
- Und der wäre?
- Ausgehend von Elefanten haben die Forscherinnen sich darauf eingelassen, dass andere Wesen andere Wahrnehmungsformen haben. Elefanten zum Beispiel denken in einer anderen Zeitform, könnte man sagen. Die Forscherinnen haben also begriffen, dass unsere Massstäbe für Dinge wie Intelligenz, Bewusstsein oder Empfinden unsere Erkenntnisfähigkeit einschränken. Nochmals, das Denken eines Elefanten kann man mit unseren Vorstellungen nicht vergleichen, geschweige denn verstehen. Ich bin kein besonderer Anhänger der Gaia-Theorie, da ist mir zu viel New-Age drin. Aber ich würde meinen Kollegen David Abram mit seinem Begriff des «Mehr-als Menschlichen» unbedingt unterstützen wollen. Dieser Begriff ist einer der wesentlichen Impulse für eine positive Entwicklung unserer Welterkundung.
- Wie war das mit den Pottwalen?
- Nun, die Pottwale singen ja nicht, sie klicken. Das sind mächtige Schallwellen. Man hat nun diese Schallwellen in Momenten der sozialen Interaktion – insbesondere bei der Geburt eines Walkalbs im Mutterverband – aufgezeichnet und darauf um einiges verlangsamt… wiederum: eine andere Zeitform, würde ich sagen, ein anderes Zeitempfinden in einem Tier, das doch gleichzeitig mit uns lebt…, man hat die Aufnahmen verlangsamt und dabei festgestellt, dass die Pottwale in Vokalen oder mit Vokalen sprechen, und dass ihre «Sprache» eine tonale ist wie die Chinesische. Sie können sich auch an andere Dialekte der Pottwalwelt anpassen. Es handelt sich dabei also um eine hochkomplexe, hochstrukturelle, geradezu mathematisch aufgebaute, damit durchaus auch in unserem menschlichen Sinne intelligente Sprache. Das muss unsere Sichtweise auf andere Lebenswelten und Wirklichkeits-Wahrnehmungen grundlegend verändern.
- Inwiefern muss uns diese Erkenntnis verändern?
- (lacht) Keine Ahnung… Überall auf der Welt sind durchaus entsprechende Anfänge gemacht worden, und ich glaube, dass die meisten vom Weissen Zentrum geprägten Menschen, also alle Menschen, die ihre Religiosität, ihre Gottfähigkeit verloren haben, dennoch eine innere Leere fühlen, die ich Spiritualität nennen würde. Diese innere Leere ist nicht nur das Produkt des Weissen Wahnsinns. Diese Restform oder Grundform von Spiritualität hat häufig ihren Ursprung in einem Bedürfnis nach der Nähe zur Natur. Also Menschen, die sich im Wald wohlfühlen, einen Baum wie eine Eiche ausgewählt haben, den sie immer wieder besuchen, oder auf ihrem Waldspaziergang einer Schnecke bei ihrem Weg über einen Sonnenstreifen zuschauen. Diese Spiritualität ist für mich die Grundform des Glaubens, aus der sich eine wirkliche, wahrhafte Kommunikation entwickeln. (lacht) Das ist unerwartet hoffnungsvoll ausgefallen.
- Dann möchte ich auf meine Anfangsfrage zurückkommen. Wie schauen Sie heute auf das System des strukturellen Weissen Terrors und Wahnsinns, das Sie vor 34 Jahren diagnostiziert haben?
- Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Entschuldigen Sie, diesen Spruch von Pilatus muss ich mindestens einmal am Tag anbringen… Wir feiern dieses Jahr ja 250 Jahre USA. Das ist für mich als Native American immer ein Moment, in dem ich mit meinem Hasse und meiner Ohnmacht umgehen muss. Ich sehe meine Schwestern und Brüder aus den indigenen Nationen auf einem Weg, dessen Ende vermutlich nie gefunden wird. Auch seine Anfänge sind längst verschüttet.
- Sie meinen den «Roten Pfad»?
- Ach nein, ich habe mich nur in der Metapher verloren.
- Gerade zum 250. Geburtstag der Gründung der USA muss sich ihrer Gemeinschaft, ihren Gemeinschaften doch die Frage nach ihrem eigenen, vielleicht gegensätzlichen Weg noch stärker stellen?
- Sehen Sie: ich würde gern nicht auf Ihre Frage antworten. Dennoch ist es notwendig, obwohl meine Verzweiflung und mein Hass, die die Verzweiflung und der Hass all meiner Schwestern und Brüder sind, von dieser Frage geradezu befeuert werden, und das hiesse, mich von Wétiko verführen zu lassen, denn Hass und Verzweiflung sind ja gerade Kinder von Wétiko, es ist notwendig, auf die Frage zu antworten. (schweigt lange) Sehen Sie: jede indigene Gemeinschaft in diesem Land hat das gleiche Problem. Sie hat kein Recht auf Land und kein Recht auf zumindest Mitbestimmung. Es kann eine Uranmine sein wie die Midnite Mine im Gebiet der Spokane in den 70ern und 80ern, der Kampf der Sioux gegen die Dakota Access Pipeline zwischen 2016 und 2020 – und dieser Kampf ist noch längst nicht ausgestanden. Heute brennt uns das Problem der Datenzentren unter den Fingern, die für die Künstliche Intelligenz gebaut werden. Immer geht es darum, dass Mineralressourcen wie Uranium oder Kupfer oder Seltene Erden, aber auch Grundressourcen wie Wasser und Luft auf unserem Land ausgebeutet werden. Ausgebeutet werden für und von dem Weissen Wahnsinn. Es sind jeweils nur andere Formen von Kannibalismus, andere Gesichter des gleichen Phänomens. Aber auch die direkte Enteignung von Land für den Bau von sogenannten «hyperscale data centers» ist ein grosses Problem. Ich bin in direktem Kontakt mit meiner Schwester Krystal Two Bulls, die sich um die Vernetzung der Gemeinschaften im Kampf gegen diese neue Form des Kolonialismus kümmert. Das ist besonders akut im Staat Oklahoma, der eine zentrale Drehscheibe für die Energie- und Abbau-Industrien ist. Ich möchte sie hier zitieren. Sie nennt diese Form von Kolonialismus übrigens «Daten-Kolonialismus». Sie sagt: «Wir Native Americans sind immer diejenigen, die unsere Verbundenheit mit dem Land, der Luft und dem Wasser, mit unseren Gemeinschaften und unseren nicht-menschlichen Verwandten opfern müssen.»












