Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.
Kategorie: Chronik
Black Boy
Stand auf dem Perron.
Sonne und Schweiss im Rücken.
Schaue auf aus dem Buch.
Ein Zug fährt ein. Wo bin ich?
Halte das Buch fest wie einen Hut.
Gleichheit der Dinge. Abgemessenheit
Und Zugemessenheit. Der Zug gleicht
Dem verstellten Horizont. Wo du bist
Kennst du bis zur Unverwechselbarkeit
Die Gestalten Gesten gleichförmigen Gegenstände
Vertikalen Gardinenstangen und die regelmässige
Freiheitsgewähr: wo nur bin ich? Ich denke an die Einsamkeit
Meiner Mutter an der Seite ihres Mannes
Der für sie fast verloren ist. Oh keine Gefährdung:
Nur ihr Mann – fantasiert beim Notar darüber
Wie er sich das Gehirn und all das Blut
Auf das halbabstrakte Sonnenuntergang-am-Meer-Gemälde
Katapultieren würde und es würde noch gut passen:
Wo bin ich? Das Buch hing in meiner Hand
An meiner Seite. Mein Zug fährt ein.
Ich warte bis die Eiligen eingestiegen sind. Sind es nicht immer
Mehr? Weshalb eilen? Das fesselnde Gefühl von Staunen und Ehrfurcht
Im Angesicht des Dramas menschlichen Gefühls
Das vom äussern Drama des Lebens verborgen wird.
Die Frage nicht nach dem Wo: nach dem Wer –
Ich weine nicht über was mein Leben verändert
Ich weine über Kinder die sich sagen lernen
Und lernen das auszudrücken was nur ihnen eigen ist:
Die Traumata ihres Vaters
Die hebräische Schrift und dass in Italien
Gotteslästerung auf Fussballplätzen
Verboten ist: wer bin ich?
Alles das im Zug. Buch auf dem Schoss.
Auf Vintage gemacht: als seien die Seiten vom Erstleser
Erst gerade aufgeschnitten worden: das Ich als Reprint
Und ich komme in Basel an. Das Tigerbaby spielt unter der Brücke
Mit dem sich aufdröselnden Schwanz seiner Mutter.
