Yu Di sagte: «Wäre es einfacher, hätte der Mensch keinen Geist wie der Stein? Woher weisst du, dass der Stein keinen Geist hat? Kann denn ein Stein dem Himmel widerstreben, der Erde etwa gar? Er hat vielleicht mehr Geist als du in seiner Hingabe, in seiner Aufgabe. Für ihn ist nichts zweifach, für ihn ist es einfach. Es ist eine grosse Aufgabe. Er hat nichts richtig zu stellen, er ist selbst geworfen, und selbst geworfen, aufrichtig, und er muss sich nicht um die Wahrheit bemühen, denn er redet nicht, sie redet nicht. Ich wiederhole es, ihr Wesen dingt, und in diesem Dingen ist er weder vom Himmel oder der Erde entfernt noch ihnen näher als du. Heisst das etwa, du sollst werden wie der Stein?»
Da ist der Salamander. Da ist jetzt der Salamander. Da ist jetzt gerade der Salamander. Da ist jetzt gerade nur der Salamander. Grau, grau-braun, Schwefel-Wesen. Da ist nur der Salamander. Da ist nur jetzt der Salamander. Eine breite Linie, die sich schwingt, Halbkreis, Schlamm-Sichel, stromaufwärts, kurvenwegs. Es gibt sie, auf dem Gegenweg des Wassers, in der zitternden, wesend-zitronigen, aufschäumenden Spiegelfläche der Stromschnelle, nachts. Sie, auf dem Weg. Zwischen Steinen, Flussgras, im Weissen Rauschen von Kies, Sand und Geröll. Der langsame Salamander, Gegenwelle unter den Wellen, sein flaches breites Gesicht der Vergangenheit entgegenstossend. Seine Vergangenheit ist die Vergangenheit der Wellen. Im jadegrünen Wasser der Nacht, ein Gegenlauf.
Woran erkennst du, dass du im Westen bist? Die Sonne geht im Westen unter, aber der Abstand zu ihrem Untergangsort hat sich nicht verringert. Als Kind dachte ich, je weiter du in den Norden gehst, umso gefährlicher wird der Boden; je weiter du in den Süden gehst, umso mehr Affen gibt es; je weiter du in den Oster oder den Westen gehst, umso näher kommst du diesem Ort, an dem die Sonne untergeht. Aber die Sonne ist so weit weg, dass sie sich nicht bewegt. Die Unbewegte, nannte sie meine Lehrerin, die unbewegte Bewegerin. Den Westen erkenne ich an der Trübung in der Luft, als triebe die letzte Asche eines Vulkans in der Luft. Ich bemerke en Westen an dem brummenden Singsang, der aus der Richtung des Sonnenuntergangs aufsteigt. Unter der Eibe sitzend, habe ich versucht, meinen Geist zu toter Asche, meinen Körper zu dürrem Holz werden zu lassen. Das ist im Westen anscheinend eine weit schwierigere Übung als im Zentrum. Vielleicht ist es im Osten sehr leicht, vermute ich. Es fällt mir schwer, die fraktalen Formen meines Körpers wahrzunehme, seine Anteile an den Elementen, seit ich gestern im Dämmer gesehen habe, dass die Krone der Eibe einen braunen, gelblichen Schimmer zeigt. Ich weiss, dass ein weisses Pferd kein Pferd mehr ist; ist die Eibe auch bald keine Eibe mehr? Verwandelt sich im Westen alles in Unterschiede? Ich stelle den Westen an dieser Ungewissheit fest, die alle Erscheinungen annehmen: ein Flimmern und Schimmern zwischen Da und Nicht-Da. Ich muss dafür sorgen, dass ich beim Bodhi-Baum ankomme, bevor auch ich strohig werde und Hund. Ich erinnere mich daran, dass meine Mission davon abhängt. Meine Mission?
Ich halte es nicht mehr aus. Ich bin vom Volk Josefs. Ich habe mich ins Tor im Nordwesten gesetzt. Dreimal bin ich um den Thron geschlurft. Soweit so gut, der Umgang für den Kelch der Zumutung. Der Thron ist kein Traum, soweit so gut. In der Südwestecke quillt braun und im langen Wind raschelnd die Füllung aus den Rissen im rosa Leder heraus. Die Palastkatzen haben mich angefaucht, sind meinem dreifachen Umgang mit gesträubten Rücken dreimal gefolgt. Unser Morgentanz. Meister hat einen weiteren Kreis um den Thron festgestampft, er fürchtete die Katzen, aber er war auch nicht vom Volk Josefs. Wir – ich vom Volk Josefs lieben Katzen. Ihre Augen, die wir erben. Mein Kreis ist enger; tiefer, das kommt vom Vierbeiner-Sein. Ich kann nicht mehr. Meister hat gesagt: Sand ist Hilfe, Sand ist Kern, Sand ist aller Anfang, wie die Tröckne. Manchmal hat er noch hinzugefügt: Tröckne ist Trennung, darum bist du hier. Bald ist es Zeit für meinen zweiten Umgang. Beim zweiten Umgang, den ich dem Freudeblut der Sterne weihe, spucke ich an die vier Geierfüsse des Throns. Meist geht mir die Spucke beim vierten Fuss aus, dann mache ich nur noch das Geräusch dazu. Pfft, pfft, pfft, pfft; pfft, pfft, pfft, pfft. Im Anschluss werde ich mich im Sand waschen. Meine Haut glüht, als ich in Unterhosen aus dem Tor heraustrete. Ich kann es nicht mehr aushalten. Das auge des Steins im Baldachin folgt mir über den weiten Platz, zwei Katzen springen vom Thron und folgen mir in sicherem Abstand. Ihre Ingwer-Schweife zeigen in den blinden, krautigen Himmel. Dann streicht unsere Prozession der östlichen Mauer entlang, die sich über meinem Rücken leicht einwärts wölbt. Die Katzen aus dem Palast von Darius oder vielleicht Artaxerxes sind die einzigen, aber feindlichen Denk-Male meines Daseins. Wie einem aus dem Volk Josefs ein Tier als Denk-Mal genügen, noch dazu eines, dem er sich nähern kann? Als ich noch jung war, habe ich sie gejagt, aber natürlich waren sie zu wendig. Katzenjagd ist eine Angelegenheit für eine Gemeinschaft, nicht für einen Einzelnen. Die Fräulein und die Katzen, die Fräulein darf ich nicht vergessen. Früher kamen sie häufig, einige liessen sich in Gespräch verwickeln, die Tage und Nächte dauerten. Ich nannte das meine Regenzeit. Das ist schon lange nicht mehr vorgekommen. Bald ist es Zeit für den vierten Umgang, den Umgang für die Schwemmländer jenseits der Mauer. Würde ich es aushalten, wenn ich einen Jünger hätte? Und wäre er ein Stein.
Liebe gibt es nicht. Weder all-umfassend noch klein-klein. Liebe ist wie die Völlerei eine Todsünde, die mit dem Sternstaub nicht begonnen haben kann. Liebe ist wie der Geiz eine Todsünde, die nicht mit den Eukaryoten angefangen hat. Wer Wege findet, von der Liebe zu reden, lügt. Wer sich kennt, dürfte lieben. Niemand kennt sich. Nur der Körper der anderen Person ist hier, Schleier und Höhle. Eine aufgehobene Hölle verschlingt dich. Je bestimmter der Ton, desto falscher der Akkord. Die Frage nach der Liebe ist eine Frage nach dem Nichts, das Etwas wird. Liebe als Aufgabe, als Hingabe – weiht sich dem Tod. Wenige wollen den Tod. Stein kann lieben, Lilie und Vogel, der Stoff der Träume; Mensch nicht. Ihnen ist der Zugang zum Himmel verwehrt, der Schlange wachsen keine Beine mehr. Es sei denn, sie vergessen und vergeben sich. Ist Liebe Caritas, ist sie nicht erfüllt. Ist Liebe Amor, ist sie nicht erfüllt. Gottesliebe ist Hinwendung zur Abwesenheit, Abwendung von der Beteiligung. Liebe ist, wenn Nicht-Wollen herrscht. (Nicht Nicht-mehr-Wollen.) Liebe ist der Stern, von dem du nicht weisst, ob du seine Gegenwart siehst. Die einzige Liebe, die gut ist, ist jene zu deinen Kindern. Du könntest auch sagen, Güte oder Glauben.
Der Stein sagt: Ich gehe nicht zur Neige. Wo ich liege, ist Canossa. Wer du sagt, kann nicht die Meinigkeit meinen. An so vielen Meintaten bin ich schuldlos beteiligt, höre die Schreie der Jugend. Der Stein sagt: Du verbeugst dich, ich kann’s nicht. Er sagt: Ich gebe mich hin, du verbiegst dich. Ob ich vom Meerboden stamme oder aus dem Erdinnern, mein Nicht-Wollen bleibt unübertroffen. Es kommt vor, dass ich mich an die Güte des Gletschers erinnere, der mich hierhergebracht hat. Der Stein sagt: Der einzige Vergleich, der dir gelingen wird, ist der Vergleich mit mir. Wenn ich dinge, dringe ich zu mir vor, nicht zu dir. Ich werde dich nicht erreichen. Worauf ich liege, kann mich bewegen, aber nie gefährden. Ich verneige mich nur vor meiner Sturheit. Der Stein sagt: In jeder Witterung bestehe ich auf ihr, standfest und mit hartem Herz.
Interview mit Jack D. Forbes am Vorabend des 4. Juli 2026:
Herr Forbes, seit der Veröffentlichung Ihres Buches «Columbus und andere Kannibalen» im Jahr 1992 sind nun 34 Jahre vergangen. Wie hat sich das Phänomen des strukturellen Wahnsinns namens Wétiko entwickelt?
(lacht) Entwickelt? Müsste man nicht eher vertieft sagen?
Anders gefragt, wie schauen Sie heute auf ihre Gegenthese zum weissen Modernisierungswahn?
Es ist keine Gegenthese, es ist die einzige These, die uns heilen könnte.
Gestatten Sie mir die Frage, was meinen Sie mit «uns»?
«Uns», das meint eigentlich alle Glieder der Lebenskette, vom Bakterium zum Pottwal. Wussten Sie, dass Pottwale in Vokalen sprechen?
Nein, das weiss ich nicht.
Forscherinnen haben in den letzten Jahrzehnten einen Schritt gemacht, den ich als wichtigsten Schritt im materiellen Positivismus der Wissenschaft seit Descartes bezeichnen würde.
Und der wäre?
Ausgehend von Elefanten haben die Forscherinnen sich darauf eingelassen, dass andere Wesen andere Wahrnehmungsformen haben. Elefanten zum Beispiel denken in einer anderen Zeitform, könnte man sagen. Die Forscherinnen haben also begriffen, dass unsere Massstäbe für Dinge wie Intelligenz, Bewusstsein oder Empfinden unsere Erkenntnisfähigkeit einschränken. Nochmals, das Denken eines Elefanten kann man mit unseren Vorstellungen nicht vergleichen, geschweige denn verstehen. Ich bin kein besonderer Anhänger der Gaia-Theorie, da ist mir zu viel New-Age drin. Aber ich würde meinen Kollegen David Abram mit seinem Begriff des «Mehr-als Menschlichen» unbedingt unterstützen wollen. Dieser Begriff ist einer der wesentlichen Impulse für eine positive Entwicklung unserer Welterkundung.
Wie war das mit den Pottwalen?
Nun, die Pottwale singen ja nicht, sie klicken. Das sind mächtige Schallwellen. Man hat nun diese Schallwellen in Momenten der sozialen Interaktion – insbesondere bei der Geburt eines Walkalbs im Mutterverband – aufgezeichnet und darauf um einiges verlangsamt… wiederum: eine andere Zeitform, würde ich sagen, ein anderes Zeitempfinden in einem Tier, das doch gleichzeitig mit uns lebt…, man hat die Aufnahmen verlangsamt und dabei festgestellt, dass die Pottwale in Vokalen oder mit Vokalen sprechen, und dass ihre «Sprache» eine tonale ist wie die Chinesische. Sie können sich auch an andere Dialekte der Pottwalwelt anpassen. Es handelt sich dabei also um eine hochkomplexe, hochstrukturelle, geradezu mathematisch aufgebaute, damit durchaus auch in unserem menschlichen Sinne intelligente Sprache. Das muss unsere Sichtweise auf andere Lebenswelten und Wirklichkeits-Wahrnehmungen grundlegend verändern.
Inwiefern muss uns diese Erkenntnis verändern?
(lacht) Keine Ahnung… Überall auf der Welt sind durchaus entsprechende Anfänge gemacht worden, und ich glaube, dass die meisten vom Weissen Zentrum geprägten Menschen, also alle Menschen, die ihre Religiosität, ihre Gottfähigkeit verloren haben, dennoch eine innere Leere fühlen, die ich Spiritualität nennen würde. Diese innere Leere ist nicht nur das Produkt des Weissen Wahnsinns. Diese Restform oder Grundform von Spiritualität hat häufig ihren Ursprung in einem Bedürfnis nach der Nähe zur Natur. Also Menschen, die sich im Wald wohlfühlen, einen Baum wie eine Eiche ausgewählt haben, den sie immer wieder besuchen, oder auf ihrem Waldspaziergang einer Schnecke bei ihrem Weg über einen Sonnenstreifen zuschauen. Diese Spiritualität ist für mich die Grundform des Glaubens, aus der sich eine wirkliche, wahrhafte Kommunikation entwickeln. (lacht) Das ist unerwartet hoffnungsvoll ausgefallen.
Dann möchte ich auf meine Anfangsfrage zurückkommen. Wie schauen Sie heute auf das System des strukturellen Weissen Terrors und Wahnsinns, das Sie vor 34 Jahren diagnostiziert haben?
Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Entschuldigen Sie, diesen Spruch von Pilatus muss ich mindestens einmal am Tag anbringen… Wir feiern dieses Jahr ja 250 Jahre USA. Das ist für mich als Native American immer ein Moment, in dem ich mit meinem Hasse und meiner Ohnmacht umgehen muss. Ich sehe meine Schwestern und Brüder aus den indigenen Nationen auf einem Weg, dessen Ende vermutlich nie gefunden wird. Auch seine Anfänge sind längst verschüttet.
Sie meinen den «Roten Pfad»?
Ach nein, ich habe mich nur in der Metapher verloren.
Gerade zum 250. Geburtstag der Gründung der USA muss sich ihrer Gemeinschaft, ihren Gemeinschaften doch die Frage nach ihrem eigenen, vielleicht gegensätzlichen Weg noch stärker stellen?
Sehen Sie: ich würde gern nicht auf Ihre Frage antworten. Dennoch ist es notwendig, obwohl meine Verzweiflung und mein Hass, die die Verzweiflung und der Hass all meiner Schwestern und Brüder sind, von dieser Frage geradezu befeuert werden, und das hiesse, mich von Wétiko verführen zu lassen, denn Hass und Verzweiflung sind ja gerade Kinder von Wétiko, es ist notwendig, auf die Frage zu antworten. (schweigt lange) Sehen Sie: jede indigene Gemeinschaft in diesem Land hat das gleiche Problem. Sie hat kein Recht auf Land und kein Recht auf zumindest Mitbestimmung. Es kann eine Uranmine sein wie die Midnite Mine im Gebiet der Spokane in den 70ern und 80ern, der Kampf der Sioux gegen die Dakota Access Pipeline zwischen 2016 und 2020 – und dieser Kampf ist noch längst nicht ausgestanden. Heute brennt uns das Problem der Datenzentren unter den Fingern, die für die Künstliche Intelligenz gebaut werden. Immer geht es darum, dass Mineralressourcen wie Uranium oder Kupfer oder Seltene Erden, aber auch Grundressourcen wie Wasser und Luft auf unserem Land ausgebeutet werden. Ausgebeutet werden für und von dem Weissen Wahnsinn. Es sind jeweils nur andere Formen von Kannibalismus, andere Gesichter des gleichen Phänomens. Aber auch die direkte Enteignung von Land für den Bau von sogenannten «hyperscale data centers» ist ein grosses Problem. Ich bin in direktem Kontakt mit meiner Schwester Krystal Two Bulls, die sich um die Vernetzung der Gemeinschaften im Kampf gegen diese neue Form des Kolonialismus kümmert. Das ist besonders akut im Staat Oklahoma, der eine zentrale Drehscheibe für die Energie- und Abbau-Industrien ist. Ich möchte sie hier zitieren. Sie nennt diese Form von Kolonialismus übrigens «Daten-Kolonialismus». Sie sagt: «Wir Native Americans sind immer diejenigen, die unsere Verbundenheit mit dem Land, der Luft und dem Wasser, mit unseren Gemeinschaften und unseren nicht-menschlichen Verwandten opfern müssen.»
53. Märchen aus dem Turm der Geschichten: «Am Anfang herrschte Chaos. Wasser, Himmel und Erde gab es noch nicht. Doch wirkten schon die fünf Grundkräfte, die fünf Alten. Der erste, das ist der gelbe Alte, Beherrscher der Erde. Der zweite hiess der rote Herr, Beherrscher des Feuers. Der dunkle Herr war der Beherrscher des Wassers. Der vierte Alte hiess der Holzfürst, er herrscht über das Grünende. Die fünfte ist die Metallmutter, sie fruchtet durch Metall. Diese fünf Alten setzten ihren denkenden Blick in Bewegung, Erde und Wasser senkten sich herunter aus dem Himmel. Der Himmel aber stieg hoch und höher, löste sich von der festen, schweren Erde. Ihr blickendes Denken, schauendes Schweigen sammelte die Wasser und hob die Hügel, die Berge in den Himmel. Die Erde teilte sich, die Himmel mehrten sich. Die Sonne, der Mond, die Sterne, Wolken und Wind, Regen und Tau begannen mit ihrem Wirken. Der gelbe Alte befreite die kreisende kreissende Kraft der Erde und würzte ihr Dingen mit den Wirkungen von Feuer und Wasser. Die Gräser und Bäume, die Vögel und Tiere, die Schlangen und ihr Geschlecht, die Kerfen und ihr Wimmeln, die Fische und die Schildkröten fingen mit Dingen an. Holzfürst und Metallmutter verbanden das Licht mit dem Trüben, so machten sie das Menschenwesen. Die fünf Alten baten den Nephritherrscher, der über den dreiunddreissig Himmeln wachte, als höchster Gott zu herrschen. Er wohnte im Jaspisschloss aus weissem Nephrit mit goldenen Toren. Er gebot über die achtundachtzig Mondhäuser und die Götter des Donners und des Grossen Bären. Er befehligte die Klassen der unheilvollen Götter. Sie halfen dem Jaspisfürsten, über die tausend mal tausend Geschlechter unter den Himmeln zu herrschen. Sie verteilen Leben und Tod, Glück und Unglück, sie halten die Waage. Danach zogen sich die fünft Alten zurück. Sie leben nun abgeschieden in stiller Reinheit, üben das Nicht-Wollen. Der rote Herr wohnt im Süden als Feuergott. Der dunkle Herr hat sich im Norden niedergelassen, im trüben Nordhimmel, der nicht als die Einbildung bestehen lässt. Er thront in seinem Schloss aus Wasserkristall. Der Holzfürst wohnt im Osten, er beherrscht Vergehen und Entstehen, Zerstörung, Zerstreuung und Zeugung. Er heisst der grüne Herr, Besitzer der Frühlingskraft und Anstifter zur Liebe. Die Metallmutter wohnt im Westen am Jaspissee, sie ist die Königinmutter des Westens. Ihr gehorchen die Feen und die Kräfte von Wachstum und Wandlung. Der gelbe Alte wohnt in der Mitte. Er wandelt umher auf der Erde, um zu retten und helfen in Not.»
Ich möchte sterben, dachte er, zerfallen, zerbrechen, zerrieseln, zerstieben, zerstäuben. Er sass im handbreiten Schatten des östlichen Nordtors, im glühenden Glanz des Throns. Das Licht fiel wie Sand in seine Augen, verrieb seine Sicht. Ich möchte sterben, dachte er und blickte aus dem papierscharfen Schattenbalken auf Taht-e-Tavus, seinen Nephritherrn, seinen Schöpfer, dachte er. Sterben, aber ohne Stein zu werden, das wünschte er sich. Er sass unbewegt da und wirkte nicht wie ein menschliches Wesen. Sein Meister war eine Salzsäule am westlichen Nordtor. Der Rubinstein blickte unentwegt in seine Richtung. Er war wie das dritte Auge dieses Lands, ein unentwegtes unbewegtes Starren auf die Wesen, die ihm Dinge, während die Dinge ihm Wesen. Kohi-noor beschenkte alles mit Ohnmacht, mit zeitloser Pein. Ein Stein, der schon immer ebenbürtig gewesen war. Sein durchdringender, ätzender Blick, dachte er, ist mehr das Ende als der Anfang. Aus den Mären seines Meisters wusste er, dass dieser Rubin sich nie hatte durch Bitten erweichen lassen. Selbst Männer wie Darius und Serubabbel und Suppiluliuma hatten ihm geradeso standgehalten; zu lange, und die Knochen schmelzen auch ihnen. Ich möchte sterben, dachte er, ohne Nachfolger sterben, diese aus Unkunde und Urkunde gebaute Welt verlassen oder zumindest vergessen. Gleichgültig, was für ein Danach mich erwartet. Es war nicht die Einsamkeit, die er Verlassenheit nennt, die hatte ihn doch schon längst aufgefressen und wieder ausgespien, es war der unablässige, unerbittliche, unbewegte Blick von Kohi-noor, ein Endleuchten, ein Ausleuchten. Wenn nur die Fräuleins wieder mal kämen, mit ihren lispelnden und zwitschernden Stimmen, den neugierigen Näschen, den neckenden Worten, dachte er. Wenn ihnen am westlichen Nordro die Schelmenkappen überstreifen musste, konnte er den Zitrusgeruch ihres Körpers und den Mandelgeruch ihres Haars riechen, und dann trippelten sie davon, hielten sich am Silberstrang, das sie über den stäubenden Platz ins Gelände des Turms führte, aber bald waren sie hinter der Krümmung des Horizonts verschwunden. In seiner Jugend war er ihnen einmal gefolgt. Er war an der Grenze stehengeblieben, wo die Wolken und Winde sich sammelten, unter wehenden Röcken hatte er die weissen Beine der Fräuleins aufleuchten gesehen. In der Ferne konnte man die Spitze des Turms sehen, das drehende Feuer. Ich möchte sterben, dachte er, diese Erinnerung genügt mir, und wie mich der Meister danach geschlagen hat.
Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Auf Begehr unseres himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., berichten die Chronisten aus dem Turm «Divrê Hajjamim», östlich unserer Stadt gelegen, Folgendes über die Legende vom Untergang der Wallstadt Kowloon: «Das Ereignis wird in die Zeit der Königsdynastie D. datiert, Tkufa des Scha’ar HaRachamim. Damals – genaue Jahres oder Herrschaftsdaten liegen uns nicht vor – soll in den Herbstmonden, kurz nach einem besonders starken Schwefelsturm, ein Rabe mit einer Botschaft vom Blumen-Früchte-Berg beim Ratsmitglied Zhuangzi eingetroffen sein. Es ist vorzubemerken, dass damals aus Gründen, die sich uns nicht erschliessen, die Wallstadt Kowloon den «Heiligen vom Thron» stellte. Wir vermerken dies lediglich der Vollständigkeit und Verständlichkeit halber: Wie eine südliche Stadt für das nördliche Viertel des Jadetempels zuständig erklärt worden sein kann, erschliesst sich uns weder aus den Aufzeichnungen noch scheint es uns vernünftig. In dem Sendschreiben, das der Rabe dem Zhuangzi brachte, forderten die Affen die Rückgabe des Steins genannt «Kohinoor». Dieser ist unserem Wissen gemäss der mittlere Stein im Baldachin des Taht-e-Tuvas. Die Antwort von Zhuangzi war ein unbegründetes, aber bestimmtes Nein. Die Affen vom Blumen-Früchte-Berg schickten darauf noch weitere Vögel mit der gleichen Botschaft: eine Eule, einen Kranich und einen Geier. Erst bei der vierten, vom Geier überbrachten Forderung brachte Zhuangzi das unerhörte Begehren den anderen Ratsmitgliedern zur Kenntnis. Auch diese bestanden jedoch auf einem kategorischen Nein als rechtmässiger Antwort. Sie liessen den Geier vom Himmel schiessen. Einige Monde später tauchte vor den Wällen der Wallstadt Kowloon das Schwein namens Xiao zhû auf. Die Einwohner, die von den Forderungen des Blumen-Früchte-Bergs in seliger Unkenntnis gelassen waren, gerieten angesichts der Schweineschreie in Panik. Das Schwein namens Xiao zhû war allen aus ihrer Kindheit bekannt als die Figur des verkörperten bösen Künders, des Kinderfressers und Kriegsbringers. Das Schwein namens Xiao zhû überbrachte dem Rat der Wallstadt Kowloon die Kriegserklärung und verschwand darauf in den Hitzewallenden Sümpfen. Wochen später langte die Flotte der Affen im Hafen Dan-no-ura an. Sie überrannten die Wächter des Turms genannt «Stiefmutters Ziegelofen», rissen die Kerker dortselbst ein, liessen die darin eingeschlossenen Sirenen frei und kämpften sich durch die Stadt bis zum Zikkurat des Rats, genannt «Haus des leeren Wegs». Sie erschlugen alle dreizehn Ratsmitglieder und verschwanden spurlos Richtung Westen. Gemäss der von uns studierten Unterlagen ist es unklar, ob sie wirklich, wie Flüchtende aus der Wallstadt Kowloon behaupteten, bis zum Jadetempel vorgedrungen sind und den Taht-e-Tavus geschändet haben. (Es wäre ihnen zuzutrauen.) Die Sirenen haben im Anschluss die Wallstadt Kowloon fast dem Erdboden gleich gemacht. Inwiefern diese Legende auf getreulich tradierten Tatsachen, somit der Wahrheit, beruht, ist uns aufgrund der zeitlichen Entfernung nicht möglich gewesen zu eruieren. Der einzige Fakt dieser Legende ist die vollkommene Zerstörung der Wallstadt Kowloon in der Tkufa des Scha’ar haRachamim.» Dieser Beruicht wurde unserem himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., im achten Jahr seiner Herrschaft zu Gehör gebracht, Tkufa des Scha’ar ne’ul. Sie waren es zufrieden.»