Von einem Steinhauer

Photo by laura parenti on Pexels.com

Sechstes Märchen aus dem Turm der Geschichten:

«Es muss dies in den Anfangsjahren des Tempels passiert sein, als die Erde flach wie ein Wurfstein war, der über die Wasserebene hüpft. An manchen Stellen war sie feucht und schwach, an anderen aber hart und rau. Dort arbeiteten mit Pickel und Meissel die Menschen, stiessen auf die ersten Edelsteine. Auch ein Steinhauer lebte dort. Er war ein Meister seiner Kunst, sein Wesen erkannte in dem gespaltenen Stein Dinge, von denen nur ein Stein wissen konnte. Manchmal hielten die Leute, die bei ihm ihre Grabsteine und Sarkophage und Ahnenstelen bestellten, diesen Mann dort draussen in der Steinplatte für einen Hexer. Er aber lebte zufrieden sein ärmliches Leben, in trauter Verbundenheit mit Felsen und Geröll, mit Stein und Steinbrech. Wenn ihn die anderen Menschen fragten, ob er sich nicht fürchte vor dem Steingott, der in der harten und rauen Erde hause, so antwortete er mit einem Lachen: «Noch nie habe ich einen Steingeist gesehen. So etwas gibt es gar nicht.» Und er wandte sich wieder seinem Steinwerk zu.

Eines Tages aber, es war in der frühen Abendstunde, als er draussen vor der Türe seiner Bananenhütte sass, kam ein merkwürdiger Zug vorbei. Voran gingen die Krieger in ihren Lederrüstungen, der Hauptmann mit einem fürchterlichen Kabuto auf seinem Kopf. Darauf kamen die Sänften mit ihren halbnackten Trägern, die in gleichmässigem Trab voran trotteten. Hinter ihnen rollten mehrere Wagen mit Kisten, Frauen und Kindern darauf. Der Steinhauer riss seine Augen gross auf und warf sich in den Kies vor seiner Türe. Es war der örtliche Fürst, der da vorüberzog.

Der Staub legte sich, und der Steinhauer erhob sich aus seinem Kotau. In seinen Augen lag eine Glut, die nur die Armen kennen, denn sie wissen, der Armut entkommst du nicht; in seinen Gedanken blühten die Früchte des Blumen-Früchte-Bergs. Er schlief mit dem Wunsch auf den Lippen ein, auch ein solches Gefolge zu haben, Träger und Kinder und Krieger und Frauen, die alle seiner Macht gehorchten.

Am nächsten Morgen wachte er in einem anderen Haus auf. Diener liefen herbei, um ihm Seidenkleider anzulegen; draussen sangen die Vögel von hohen Bäumen über einem kleinen Steingarten, und eine schöne Frau mit schwarzen, glänzenden Haaren brachte ihm lauen Tee und warmes Gebäck. Das war ein anderes Leben, das konnte ihm gefallen.

So lebte der Steinmetz einige Wochen als lokaler Fürst, schwelgte im Reichtum seiner neu gewonnenen Stellung. Doch da kamen Briefe aus der Hauptstadt, die ihn zum Shogun riefen. Nach einer angenehmen Reise in seiner vergoldeten Sänfte kam er in der Hauptstadt an. Er erkannte sofort, in was für einer Armut und schändlichen Vorstellung von Macht er bisher gelebt hatte. Er machte seinen Kotau in der meerweiten und meergrünen Halle des Shoguns, wo es vor Soldaten und Dienern nur so wimmelte, der Shogun selbst sass auf einem goldenen Thron, und jedes Wort in seinem Mund war ein Gesetz. Selbst die stärksten Krieger und die mächtigsten Fürsten verneigten sich vor ihm, ja sie zitterten in seiner Gegenwart. Die Stimme des Shoguns klang wie ein Gewitter. Der Steinhauer machte seinen Kotau und liess sich in seiner Sänfte nach Hause bringen. Es schien ihm, als sei er in einem Augenblick um Jahre gealtert. Seine Konkubinen umschwärmten und liebkosten ihn, aber er hatte keine Freuden mehr. Er legte sich mit einem einzigen Wunsch ins Bett: Er wollte auch Shogun sein.

Am Morgen wachte er im Palast des Shoguns auf. Wunderte es ihn? Begann er an den Steingeist zu glauben? Die Geschichte erzählt es nicht.

Von diesem Tage an herrschte er über Millionen, er befahl Kriege und ermöglichte Frieden, er nahm sich Frauen aus fernsten Ländern, deren Haut und Hüften anders waren. Seine Krieger bewunderten ihn, seine Diener vergötterten ihn.

Doch da kam der Sommer ins Land. In diesem Jahr war die Sonne unerbittlich, unbarmherzig. Das Land verbrannte unter ihren Strahlen, zuerst die Felder, dann musste das Vieh geschlachtet werden, die Kinder und Alten starben dahin wie die Fliegen. Der Shogun reiste durch das Land, um den Menschen und der Natur Linderung zu bringen, aber er war machtlos. In seiner Hauptstadt schloss er sich ein, einen brennenden, bitteren Gedanken auf den Lippen: Die Sonne wollte er sein, die Sonne war das Mächtigste überhaupt.

Und wer ist erstaunt, denn so gehen die Geschichten, am nächsten Morgen war er es, der überm grünen Ostmeer aufstieg. Er sammelte alle seine Glut in seinen Strahlen, er trocknete die Bergbäche aus, schmolz die Gletscher, verschonte keinen einzigen Salamander in seinem letzten dumpfen Schlupfloch, wie Hagelkörner fielen die Vögel gebraten vom Himmel, verbrannt von der siedenden Luft, die Menschen streckten ihre streichholzdünnen Ärmchen zu ihm aus, flehten ihn, Amataseru, um Schonung an. So könnte ihm das Leben gefallen.

Mitten im Tag zog vom Ozean eine Wolke heran, grau und vollgesogen, begann Amataseru zu verdunkeln. Ein milder Schatten legte sich über die Erde, und so verzweifelt die Sonne auch auf die Wolke einbrannte, die Wolke wollte nicht schrumpfen, beschützte das Land.

An diesem Tag sank die Sonne hinter die westlichen, braun gebrannten Berge und hatte nur einen Gedanken: Die Wolke ist mächtiger als die Sonne, ich will Wolke sein.

Und so zog die Sonne als Wolke in den Morgenhimmel, sie liess Regen fallen. Der Regen fiel und fiel, füllte die Flüsse, die Seen, die Karpfenteiche des Shoguns, die Menschen jubelten, der Reis begann wieder zu gedeihen, aber die Wolke hatte längst noch nicht genug, hatte ihre Macht längst noch nicht ausgekostet. Und so ging das Land unter. Das Wasser schwemmte alles hinweg.

Bis auf einen einzigen hohen Felsen. Dieser trotzte den Fluten. Er reckte seine Stirn der Wolke entgegen. Er würde sich weder entwurzeln noch überschwemmen lassen, seine Macht war in der Erde, er war die Erde, und seine grünen Adern schimmerten im Zwielicht der Sintflut.

Der Steinhauer war jetzt schon vieles gewesen, und es schien kein Ende zu nehmen. Erinnerte er sich noch an sein Leben als Steinhauer? An sein Lachen über den Steingeist? Dieser Fels mitten in der Flut verspottete ihn, die Fluten bringende Wolke. Während sie durch die Nacht trieb, wünschte sie sich die Härte und Rauheit und Ausdauer der Felsenmacht.

Und er wurde Fels. Endlich schien sein Traum sich zu erfüllen. Niemand und nichts konnte ihm etwas anhaben. Er war schlicht und ergreifend das mächtigste der 10’000 Dinge auf der Erde. Unvergänglich und mächtiger als die Flut, die Sonne, der Shogun, der Fürst. Kühl war ihm darüber geworden, angenehm kühl, eine überlegene Kühle erfüllte seinen Geist.

An einem Morgen, als er in seiner Starre schwelgte, kratzte ihn etwas am Fuss. Da war ein Mensch, der mit einer Hacke auf ihn einschlug, gerade so gross wie eine Ameise. Der Mann trug nur einen Lendenschurz, aber auf seinem Gesicht glänzte die Freude eines Schöpfers, die Freude Pangus. Vorsichtig trennte der Mann zu Füssen des Felsen grosse Brocken aus dem Felsen heraus, die er mit einem Handkarren zu seiner Hütte schleppte. Dieser Mensch vermag etwas gegen das mächtigste der 10’000 Dinge? So dachte der Fels. Ich will ein Mensch sein, der diesen Fels beherrscht.

Und so wachte der Steinhauer am nächsten Tag in seiner alten Hütte auf, stolz und froh, mächtiger als der Fels, die Flut, die Sonne, der Shogun, der Fürst zu sein. Und wenn ihn späterhin seine Kunden fragten, ob er den Steingeist nicht fürchte, antwortete er ernst und leise: «Reden Sie bitte nicht vom Steingeist.»

Karakorum

Photo by Max Mishin on Pexels.com

Karakorum kommt nicht, kommt nimmer. Das weiss er jetzt: Sein Körper birgt noch zu viele Risiken, seine Gedanken sind wie die Zungensteine, die sich in den Wällen der Felsen der Reue finden, und die Zeichen im Kies, auf dem er seine Zähne verliert, haben immer noch etwas Besitzergreifendes, was sage ich, Hinwegführendes. Obwohl versengt, ist Artal nicht weich geworden. Er steht nicht mehr, ist aber noch immer hinter den Sturmsarg-Mären, die er nicht bestätigt noch verneint, in Sicherheit. Nicht wahr? Nicht wahr. Noch hört er die Schritte schlurfen, durch die Gänge hinter den Schlössern kommen und gehen, keuchende Worte und knisterndes Lachen. Artal will schreiben, wie er zuvor hätte schreiben sollen, kratzend und schürfend, er dreht sich auf die Schulter, streckt seine Hand gar nicht suchend nach den Steinen aus, in seiner Verlassenheit ist auf sie Verlass. Karakorum wird er nicht zu fassen kriegen, weder im Tod noch im Traum, solange Sturmsargs Haltung in ihm kernt und steint. Der Boden glänzt und spiegelt wie ein hohes Fenster, gerade kann er es noch sehen, dann schreibt er das Wort des zweiten Bannfluchs hin.

Nachrichten aus der Zeitung

Die Zeitung «Jade-Öhr», die im Einflussgebiet des 3. Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung», erscheint, berichtet: «Nach nun doch schon mehreren Monaten hektischer Truppenverlegungen und ausgiebiger Masch- und Stellungsübungen, immerzu begleitet von Klingeln und Trompeten, Schallen und Plagören, von unserere besseren Gesellschaft morgens wie abends auf dem Exerzierplatz des 49. Regiments gerne begutachtet und ausführlich kommentiert, wobei die Älteren bekannterweise sich gelegentlich nicht zu schade sind, selbst einige haarsträubende, will heissen: nahezu billigste Mären zum Besten zu geben, die in die ersten Jahre der Herrschaft unseres damals noch jungen und entschlussfreudigen, hoch beliebten König Z. Quom I. fielen, obwohl historiographisch gesehen die ersten beiderseitigen Angriffe durchaus bereits in die letzten Tage des Kartenspieler-Königs Z. Kufar X., des Onkels unseres geliebten König, datiert werden müssen, der eine doch nicht ganz heillose Ausdehnung unseres Einflussbereichs immer wieder und meist vergeblich angestrebt hatte, insbesondere in der Bemühung um die Sicherung der Seltenen Erden und Öle, die westlich des Tals Gehinnom von ausgewiesenen Fachkräften und erfahrensten Experten vermutet werden, welche erstere Politik in den mittleren Jahren unseres guten Herrschers Z. Quom I. zu der Siedlungspolitik geführt hat, mit deren Konsequenzen wir in diesen Tagen kämpfen oder hadern, wie man es nimmt, wie man es wendet, haben wir bereits zahlreiche, wenn auch noch weitgehend unverifizierte Nachrichten über die ersten Zinksärge aus dem Westen erreicht. Die gewogen-ansehnliche Leserin wie auch der unvoreingenommen-kritische Leser können allerdings versichert werden, dass es sich dabei, so das Büro des allseits hochgeschätzten Herrn Erlang in einer gestern an unseren diplomatischen Korrespondenten adressierten Stellungsnahme, um so genannte «Leergut-Übungen» handele. Besonders in den südlichen Territorien der Ebene der Gottesfurcht bemühe sich die «Gyoku-Heidan» um die vorsorgliche Sicherung der Nachschubswege, und nichts eigne sich besser dafür als eben diese unverwüstlichen «Zinktruhen», wie sie im Militärjargon heissen, um eine solche Stabilisierung der Zugänge zu einem Gebiet zu ermöglichen, dessen Erschliessung unser allerfreundlichster König Z. Quom I. im Interesse aller Siedler angeordnet habe. Die Redaktion erwartet zudem in den nächsten Stunden einen ersten Bericht unserer Sonderkorrespondentin aus den südöstlichen Regionen der Felsen der Reue. Wir werden an geeigneter Stelle und zu gegebener Stunde davon berichten, nachdem des hochverehrten Herr Erlangs Büro ihre Berichterstattung eingesehen und wo nötig korrigiert hat.»

Dingkraft in Stein

Photo by Jim TheFrog on Pexels.com

Yu Di sagte: «Wäre es einfacher, hätte der Mensch keinen Geist wie der Stein? Woher weisst du, dass der Stein keinen Geist hat? Kann denn ein Stein dem Himmel widerstreben, der Erde etwa gar? Er hat vielleicht mehr Geist als du in seiner Hingabe, in seiner Aufgabe. Für ihn ist nichts zweifach, für ihn ist es einfach. Es ist eine grosse Aufgabe. Er hat nichts richtig zu stellen, er ist selbst geworfen, und selbst geworfen, aufrichtig, und er muss sich nicht um die Wahrheit bemühen, denn er redet nicht, sie redet nicht. Ich wiederhole es, ihr Wesen dingt, und in diesem Dingen ist er weder vom Himmel oder der Erde entfernt noch ihnen näher als du. Heisst das etwa, du sollst werden wie der Stein?»

Kurvenwegs der Salamander

Da ist der Salamander. Da ist jetzt der Salamander. Da ist jetzt gerade der Salamander. Da ist jetzt gerade nur der Salamander. Grau, grau-braun, Schwefel-Wesen. Da ist nur der Salamander. Da ist nur jetzt der Salamander. Eine breite Linie, die sich schwingt, Halbkreis, Schlamm-Sichel, stromaufwärts, kurvenwegs. Es gibt sie, auf dem Gegenweg des Wassers, in der zitternden, wesend-zitronigen, aufschäumenden Spiegelfläche der Stromschnelle, nachts. Sie, auf dem Weg. Zwischen Steinen, Flussgras, im Weissen Rauschen von Kies, Sand und Geröll. Der langsame Salamander, Gegenwelle unter den Wellen, sein flaches breites Gesicht der Vergangenheit entgegenstossend. Seine Vergangenheit ist die Vergangenheit der Wellen. Im jadegrünen Wasser der Nacht, ein Gegenlauf.

Im Westen

Photo by Marek Piwnicki on Pexels.com

Woran erkennst du, dass du im Westen bist? Die Sonne geht im Westen unter, aber der Abstand zu ihrem Untergangsort hat sich nicht verringert. Als Kind dachte ich, je weiter du in den Norden gehst, umso gefährlicher wird der Boden; je weiter du in den Süden gehst, umso mehr Affen gibt es; je weiter du in den Oster oder den Westen gehst, umso näher kommst du diesem Ort, an dem die Sonne untergeht. Aber die Sonne ist so weit weg, dass sie sich nicht bewegt. Die Unbewegte, nannte sie meine Lehrerin, die unbewegte Bewegerin. Den Westen erkenne ich an der Trübung in der Luft, als triebe die letzte Asche eines Vulkans in der Luft. Ich bemerke en Westen an dem brummenden Singsang, der aus der Richtung des Sonnenuntergangs aufsteigt. Unter der Eibe sitzend, habe ich versucht, meinen Geist zu toter Asche, meinen Körper zu dürrem Holz werden zu lassen. Das ist im Westen anscheinend eine weit schwierigere Übung als im Zentrum. Vielleicht ist es im Osten sehr leicht, vermute ich. Es fällt mir schwer, die fraktalen Formen meines Körpers wahrzunehme, seine Anteile an den Elementen, seit ich gestern im Dämmer gesehen habe, dass die Krone der Eibe einen braunen, gelblichen Schimmer zeigt. Ich weiss, dass ein weisses Pferd kein Pferd mehr ist; ist die Eibe auch bald keine Eibe mehr? Verwandelt sich im Westen alles in Unterschiede? Ich stelle den Westen an dieser Ungewissheit fest, die alle Erscheinungen annehmen: ein Flimmern und Schimmern zwischen Da und Nicht-Da. Ich muss dafür sorgen, dass ich beim Bodhi-Baum ankomme, bevor auch ich strohig werde und Hund. Ich erinnere mich daran, dass meine Mission davon abhängt. Meine Mission?

Ich halte es nicht mehr aus

Photo by Nikita Vinogradov on Pexels.com

Ich halte es nicht mehr aus. Ich bin vom Volk Josefs. Ich habe mich ins Tor im Nordwesten gesetzt. Dreimal bin ich um den Thron geschlurft. Soweit so gut, der Umgang für den Kelch der Zumutung. Der Thron ist kein Traum, soweit so gut. In der Südwestecke quillt braun und im langen Wind raschelnd die Füllung aus den Rissen im rosa Leder heraus. Die Palastkatzen haben mich angefaucht, sind meinem dreifachen Umgang mit gesträubten Rücken dreimal gefolgt. Unser Morgentanz. Meister hat einen weiteren Kreis um den Thron festgestampft, er fürchtete die Katzen, aber er war auch nicht vom Volk Josefs. Wir – ich vom Volk Josefs lieben Katzen. Ihre Augen, die wir erben. Mein Kreis ist enger; tiefer, das kommt vom Vierbeiner-Sein. Ich kann nicht mehr. Meister hat gesagt: Sand ist Hilfe, Sand ist Kern, Sand ist aller Anfang, wie die Tröckne. Manchmal hat er noch hinzugefügt: Tröckne ist Trennung, darum bist du hier. Bald ist es Zeit für meinen zweiten Umgang. Beim zweiten Umgang, den ich dem Freudeblut der Sterne weihe, spucke ich an die vier Geierfüsse des Throns. Meist geht mir die Spucke beim vierten Fuss aus, dann mache ich nur noch das Geräusch dazu. Pfft, pfft, pfft, pfft; pfft, pfft, pfft, pfft. Im Anschluss werde ich mich im Sand waschen. Meine Haut glüht, als ich in Unterhosen aus dem Tor heraustrete. Ich kann es nicht mehr aushalten. Das auge des Steins im Baldachin folgt mir über den weiten Platz, zwei Katzen springen vom Thron und folgen mir in sicherem Abstand. Ihre Ingwer-Schweife zeigen in den blinden, krautigen Himmel. Dann streicht unsere Prozession der östlichen Mauer entlang, die sich über meinem Rücken leicht einwärts wölbt. Die Katzen aus dem Palast von Darius oder vielleicht Artaxerxes sind die einzigen, aber feindlichen Denk-Male meines Daseins. Wie einem aus dem Volk Josefs ein Tier als Denk-Mal genügen, noch dazu eines, dem er sich nähern kann? Als ich noch jung war, habe ich sie gejagt, aber natürlich waren sie zu wendig. Katzenjagd ist eine Angelegenheit für eine Gemeinschaft, nicht für einen Einzelnen. Die Fräulein und die Katzen, die Fräulein darf ich nicht vergessen. Früher kamen sie häufig, einige liessen sich in Gespräch verwickeln, die Tage und Nächte dauerten. Ich nannte das meine Regenzeit. Das ist schon lange nicht mehr vorgekommen. Bald ist es Zeit für den vierten Umgang, den Umgang für die Schwemmländer jenseits der Mauer. Würde ich es aushalten, wenn ich einen Jünger hätte? Und wäre er ein Stein.

Über Liebe

Photo by Mareike W. on Pexels.com

Liebe gibt es nicht. Weder all-umfassend noch klein-klein. Liebe ist wie die Völlerei eine Todsünde, die mit dem Sternstaub nicht begonnen haben kann. Liebe ist wie der Geiz eine Todsünde, die nicht mit den Eukaryoten angefangen hat. Wer Wege findet, von der Liebe zu reden, lügt. Wer sich kennt, dürfte lieben. Niemand kennt sich. Nur der Körper der anderen Person ist hier, Schleier und Höhle. Eine aufgehobene Hölle verschlingt dich. Je bestimmter der Ton, desto falscher der Akkord. Die Frage nach der Liebe ist eine Frage nach dem Nichts, das Etwas wird. Liebe als Aufgabe, als Hingabe – weiht sich dem Tod.  Wenige wollen den Tod. Stein kann lieben, Lilie und Vogel, der Stoff der Träume; Mensch nicht. Ihnen ist der Zugang zum Himmel verwehrt, der Schlange wachsen keine Beine mehr. Es sei denn, sie vergessen und vergeben sich. Ist Liebe Caritas, ist sie nicht erfüllt. Ist Liebe Amor, ist sie nicht erfüllt. Gottesliebe ist Hinwendung zur Abwesenheit, Abwendung von der Beteiligung. Liebe ist, wenn Nicht-Wollen herrscht. (Nicht Nicht-mehr-Wollen.) Liebe ist der Stern, von dem du nicht weisst, ob du seine Gegenwart siehst. Die einzige Liebe, die gut ist, ist jene zu deinen Kindern. Du könntest auch sagen, Güte oder Glauben.

Der Stein sagt

Photo by Casia Charlie on Pexels.com

Der Stein sagt: Ich gehe nicht zur Neige. Wo ich liege, ist Canossa. Wer du sagt, kann nicht die Meinigkeit meinen. An so vielen Meintaten bin ich schuldlos beteiligt, höre die Schreie der Jugend. Der Stein sagt: Du verbeugst dich, ich kann’s nicht. Er sagt: Ich gebe mich hin, du verbiegst dich. Ob ich vom Meerboden stamme oder aus dem Erdinnern, mein Nicht-Wollen bleibt unübertroffen. Es kommt vor, dass ich mich an die Güte des Gletschers erinnere, der mich hierhergebracht hat. Der Stein sagt: Der einzige Vergleich, der dir gelingen wird, ist der Vergleich mit mir. Wenn ich dinge, dringe ich zu mir vor, nicht zu dir. Ich werde dich nicht erreichen. Worauf ich liege, kann mich bewegen, aber nie gefährden. Ich verneige mich nur vor meiner Sturheit. Der Stein sagt: In jeder Witterung bestehe ich auf ihr, standfest und mit hartem Herz.

Interview mit Jack D. Forbes

Von Catboy69 – Eigenes Werk, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=192900057

Interview mit Jack D. Forbes am Vorabend des 4. Juli 2026:

  • Herr Forbes, seit der Veröffentlichung Ihres Buches «Columbus und andere Kannibalen» im Jahr 1992 sind nun 34 Jahre vergangen. Wie hat sich das Phänomen des strukturellen Wahnsinns namens Wétiko entwickelt?
  • (lacht) Entwickelt? Müsste man nicht eher vertieft sagen?
  • Anders gefragt, wie schauen Sie heute auf ihre Gegenthese zum weissen Modernisierungswahn?
  • Es ist keine Gegenthese, es ist die einzige These, die uns heilen könnte.
  • Gestatten Sie mir die Frage, was meinen Sie mit «uns»?
  • «Uns», das meint eigentlich alle Glieder der Lebenskette, vom Bakterium zum Pottwal. Wussten Sie, dass Pottwale in Vokalen sprechen?
  • Nein, das weiss ich nicht.
  • Forscherinnen haben in den letzten Jahrzehnten einen Schritt gemacht, den ich als wichtigsten Schritt im materiellen Positivismus der Wissenschaft seit Descartes bezeichnen würde.
  • Und der wäre?
  • Ausgehend von Elefanten haben die Forscherinnen sich darauf eingelassen, dass andere Wesen andere Wahrnehmungsformen haben. Elefanten zum Beispiel denken in einer anderen Zeitform, könnte man sagen. Die Forscherinnen haben also begriffen, dass unsere Massstäbe für Dinge wie Intelligenz, Bewusstsein oder Empfinden unsere Erkenntnisfähigkeit einschränken. Nochmals, das Denken eines Elefanten kann man mit unseren Vorstellungen nicht vergleichen, geschweige denn verstehen. Ich bin kein besonderer Anhänger der Gaia-Theorie, da ist mir zu viel New-Age drin. Aber ich würde meinen Kollegen David Abram mit seinem Begriff des «Mehr-als Menschlichen» unbedingt unterstützen wollen. Dieser Begriff ist einer der wesentlichen Impulse für eine positive Entwicklung unserer Welterkundung.
  • Wie war das mit den Pottwalen?
  • Nun, die Pottwale singen ja nicht, sie klicken. Das sind mächtige Schallwellen. Man hat nun diese Schallwellen in Momenten der sozialen Interaktion – insbesondere bei der Geburt eines Walkalbs im Mutterverband – aufgezeichnet und darauf um einiges verlangsamt… wiederum: eine andere Zeitform, würde ich sagen, ein anderes Zeitempfinden in einem Tier, das doch gleichzeitig mit uns lebt…, man hat die Aufnahmen verlangsamt und dabei festgestellt, dass die Pottwale in Vokalen oder mit Vokalen sprechen, und dass ihre «Sprache» eine tonale ist wie die Chinesische. Sie können sich auch an andere Dialekte der Pottwalwelt anpassen. Es handelt sich dabei also um eine hochkomplexe, hochstrukturelle, geradezu mathematisch aufgebaute, damit durchaus auch in unserem menschlichen Sinne intelligente Sprache. Das muss unsere Sichtweise auf andere Lebenswelten und Wirklichkeits-Wahrnehmungen grundlegend verändern.
  • Inwiefern muss uns diese Erkenntnis verändern?
  • (lacht) Keine Ahnung… Überall auf der Welt sind durchaus entsprechende Anfänge gemacht worden, und ich glaube, dass die meisten vom Weissen Zentrum geprägten Menschen, also alle Menschen, die ihre Religiosität, ihre Gottfähigkeit verloren haben, dennoch eine innere Leere fühlen, die ich Spiritualität nennen würde. Diese innere Leere ist nicht nur das Produkt des Weissen Wahnsinns. Diese Restform oder Grundform von Spiritualität hat häufig ihren Ursprung in einem Bedürfnis nach der Nähe zur Natur. Also Menschen, die sich im Wald wohlfühlen, einen Baum wie eine Eiche ausgewählt haben, den sie immer wieder besuchen, oder auf ihrem Waldspaziergang einer Schnecke bei ihrem Weg über einen Sonnenstreifen zuschauen. Diese Spiritualität ist für mich die Grundform des Glaubens, aus der sich eine wirkliche, wahrhafte Kommunikation entwickeln. (lacht) Das ist unerwartet hoffnungsvoll ausgefallen.
  • Dann möchte ich auf meine Anfangsfrage zurückkommen. Wie schauen Sie heute auf das System des strukturellen Weissen Terrors und Wahnsinns, das Sie vor 34 Jahren diagnostiziert haben?
  • Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Entschuldigen Sie, diesen Spruch von Pilatus muss ich mindestens einmal am Tag anbringen… Wir feiern dieses Jahr ja 250 Jahre USA. Das ist für mich als Native American immer ein Moment, in dem ich mit meinem Hasse und meiner Ohnmacht umgehen muss. Ich sehe meine Schwestern und Brüder aus den indigenen Nationen auf einem Weg, dessen Ende vermutlich nie gefunden wird. Auch seine Anfänge sind längst verschüttet.
  • Sie meinen den «Roten Pfad»?
  • Ach nein, ich habe mich nur in der Metapher verloren.
  • Gerade zum 250. Geburtstag der Gründung der USA muss sich ihrer Gemeinschaft, ihren Gemeinschaften doch die Frage nach ihrem eigenen, vielleicht gegensätzlichen Weg noch stärker stellen?
  • Sehen Sie: ich würde gern nicht auf Ihre Frage antworten. Dennoch ist es notwendig, obwohl meine Verzweiflung und mein Hass, die die Verzweiflung und der Hass all meiner Schwestern und Brüder sind, von dieser Frage geradezu befeuert werden, und das hiesse, mich von Wétiko verführen zu lassen, denn Hass und Verzweiflung sind ja gerade Kinder von Wétiko, es ist notwendig, auf die Frage zu antworten. (schweigt lange) Sehen Sie: jede indigene Gemeinschaft in diesem Land hat das gleiche Problem. Sie hat kein Recht auf Land und kein Recht auf zumindest Mitbestimmung. Es kann eine Uranmine sein wie die Midnite Mine im Gebiet der Spokane in den 70ern und 80ern, der Kampf der Sioux gegen die Dakota Access Pipeline zwischen 2016 und 2020 – und dieser Kampf ist noch längst nicht ausgestanden. Heute brennt uns das Problem der Datenzentren unter den Fingern, die für die Künstliche Intelligenz gebaut werden. Immer geht es darum, dass Mineralressourcen wie Uranium oder Kupfer oder Seltene Erden, aber auch Grundressourcen wie Wasser und Luft auf unserem Land ausgebeutet werden. Ausgebeutet werden für und von dem Weissen Wahnsinn. Es sind jeweils nur andere Formen von Kannibalismus, andere Gesichter des gleichen Phänomens. Aber auch die direkte Enteignung von Land für den Bau von sogenannten «hyperscale data centers» ist ein grosses Problem. Ich bin in direktem Kontakt mit meiner Schwester Krystal Two Bulls, die sich um die Vernetzung der Gemeinschaften im Kampf gegen diese neue Form des Kolonialismus kümmert. Das ist besonders akut im Staat Oklahoma, der eine zentrale Drehscheibe für die Energie- und Abbau-Industrien ist. Ich möchte sie hier zitieren. Sie nennt diese Form von Kolonialismus übrigens «Daten-Kolonialismus». Sie sagt: «Wir Native Americans sind immer diejenigen, die unsere Verbundenheit mit dem Land, der Luft und dem Wasser, mit unseren Gemeinschaften und unseren nicht-menschlichen Verwandten opfern müssen.»