Ich möchte sterben

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Ich möchte sterben, dachte er, zerfallen, zerbrechen, zerrieseln, zerstieben, zerstäuben. Er sass im handbreiten Schatten des östlichen Nordtors, im glühenden Glanz des Throns. Das Licht fiel wie Sand in seine Augen, verrieb seine Sicht. Ich möchte sterben, dachte er und blickte aus dem papierscharfen Schattenbalken auf Taht-e-Tavus, seinen Nephritherrn, seinen Schöpfer, dachte er. Sterben, aber ohne Stein zu werden, das wünschte er sich. Er sass unbewegt da und wirkte nicht wie ein menschliches Wesen. Sein Meister war eine Salzsäule am westlichen Nordtor. Der Rubinstein blickte unentwegt in seine Richtung. Er war wie das dritte Auge dieses Lands, ein unentwegtes unbewegtes Starren auf die Wesen, die ihm Dinge, während die Dinge ihm Wesen. Kohi-noor beschenkte alles mit Ohnmacht, mit zeitloser Pein. Ein Stein, der schon immer ebenbürtig gewesen war. Sein durchdringender, ätzender Blick, dachte er, ist mehr das Ende als der Anfang. Aus den Mären seines Meisters wusste er, dass dieser Rubin sich nie hatte durch Bitten erweichen lassen. Selbst Männer wie Darius und Serubabbel und Suppiluliuma hatten ihm geradeso standgehalten; zu lange, und die Knochen schmelzen auch ihnen. Ich möchte sterben, dachte er, ohne Nachfolger sterben, diese aus Unkunde und Urkunde gebaute Welt verlassen oder zumindest vergessen. Gleichgültig, was für ein Danach mich erwartet. Es war nicht die Einsamkeit, die er Verlassenheit nennt, die hatte ihn doch schon längst aufgefressen und wieder ausgespien, es war der unablässige, unerbittliche, unbewegte Blick von Kohi-noor, ein Endleuchten, ein Ausleuchten. Wenn nur die Fräuleins wieder mal kämen, mit ihren lispelnden und zwitschernden Stimmen, den neugierigen Näschen, den neckenden Worten, dachte er. Wenn ihnen am westlichen Nordro die Schelmenkappen überstreifen musste, konnte er den Zitrusgeruch ihres Körpers und den Mandelgeruch ihres Haars riechen, und dann trippelten sie davon, hielten sich am Silberstrang, das sie über den stäubenden Platz ins Gelände des Turms führte, aber bald waren sie hinter der Krümmung des Horizonts verschwunden. In seiner Jugend war er ihnen einmal gefolgt. Er war an der Grenze stehengeblieben, wo die Wolken und Winde sich sammelten, unter wehenden Röcken hatte er die weissen Beine der Fräuleins aufleuchten gesehen. In der Ferne konnte man die Spitze des Turms sehen, das drehende Feuer. Ich möchte sterben, dachte er, diese Erinnerung genügt mir, und wie mich der Meister danach geschlagen hat.

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