53. Märchen

Five elemental beings representing fire, water, earth, air, and light surrounding Earth in space

53. Märchen aus dem Turm der Geschichten: «Am Anfang herrschte Chaos. Wasser, Himmel und Erde gab es noch nicht. Doch wirkten schon die fünf Grundkräfte, die fünf Alten. Der erste, das ist der gelbe Alte, Beherrscher der Erde. Der zweite hiess der rote Herr, Beherrscher des Feuers. Der dunkle Herr war der Beherrscher des Wassers. Der vierte Alte hiess der Holzfürst, er herrscht über das Grünende. Die fünfte ist die Metallmutter, sie fruchtet durch Metall. Diese fünf Alten setzten ihren denkenden Blick in Bewegung, Erde und Wasser senkten sich herunter aus dem Himmel. Der Himmel aber stieg hoch und höher, löste sich von der festen, schweren Erde. Ihr blickendes Denken, schauendes Schweigen sammelte die Wasser und hob die Hügel, die Berge in den Himmel. Die Erde teilte sich, die Himmel mehrten sich. Die Sonne, der Mond, die Sterne, Wolken und Wind, Regen und Tau begannen mit ihrem Wirken. Der gelbe Alte befreite die kreisende kreissende Kraft der Erde und würzte ihr Dingen mit den Wirkungen von Feuer und Wasser. Die Gräser und Bäume, die Vögel und Tiere, die Schlangen und ihr Geschlecht, die Kerfen und ihr Wimmeln, die Fische und die Schildkröten fingen mit Dingen an. Holzfürst und Metallmutter verbanden das Licht mit dem Trüben, so machten sie das Menschenwesen. Die fünf Alten baten den Nephritherrscher, der über den dreiunddreissig Himmeln wachte, als höchster Gott zu herrschen. Er wohnte im Jaspisschloss aus weissem Nephrit mit goldenen Toren. Er gebot über die achtundachtzig Mondhäuser und die Götter des Donners und des Grossen Bären. Er befehligte die Klassen der unheilvollen Götter. Sie halfen dem Jaspisfürsten, über die tausend mal tausend Geschlechter unter den Himmeln zu herrschen. Sie verteilen Leben und Tod, Glück und Unglück, sie halten die Waage. Danach zogen sich die fünft Alten zurück. Sie leben nun abgeschieden in stiller Reinheit, üben das Nicht-Wollen. Der rote Herr wohnt im Süden als Feuergott. Der dunkle Herr hat sich im Norden niedergelassen, im trüben Nordhimmel, der nicht als die Einbildung bestehen lässt. Er thront in seinem Schloss aus Wasserkristall. Der Holzfürst wohnt im Osten, er beherrscht Vergehen und Entstehen, Zerstörung, Zerstreuung und Zeugung. Er heisst der grüne Herr, Besitzer der Frühlingskraft und Anstifter zur Liebe. Die Metallmutter wohnt im Westen am Jaspissee, sie ist die Königinmutter des Westens. Ihr gehorchen die Feen und die Kräfte von Wachstum und Wandlung. Der gelbe Alte wohnt in der Mitte. Er wandelt umher auf der Erde, um zu retten und helfen in Not.»

Die Zerstörung der Wallstadt Kowloon

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Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Auf Begehr unseres himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., berichten die Chronisten aus dem Turm «Divrê Hajjamim», östlich unserer Stadt gelegen, Folgendes über die Legende vom Untergang der Wallstadt Kowloon: «Das Ereignis wird in die Zeit der Königsdynastie D. datiert, Tkufa des Scha’ar HaRachamim. Damals – genaue Jahres oder Herrschaftsdaten liegen uns nicht vor – soll in den Herbstmonden, kurz nach einem besonders starken Schwefelsturm, ein Rabe mit einer Botschaft vom Blumen-Früchte-Berg beim Ratsmitglied Zhuangzi eingetroffen sein. Es ist vorzubemerken, dass damals aus Gründen, die sich uns nicht erschliessen, die Wallstadt Kowloon den «Heiligen vom Thron» stellte. Wir vermerken dies lediglich der Vollständigkeit und Verständlichkeit halber: Wie eine südliche Stadt für das nördliche Viertel des Jadetempels zuständig erklärt worden sein kann, erschliesst sich uns weder aus den Aufzeichnungen noch scheint es uns vernünftig. In dem Sendschreiben, das der Rabe dem Zhuangzi brachte, forderten die Affen die Rückgabe des Steins genannt «Kohinoor». Dieser ist unserem Wissen gemäss der mittlere Stein im Baldachin des Taht-e-Tuvas. Die Antwort von Zhuangzi war ein unbegründetes, aber bestimmtes Nein. Die Affen vom Blumen-Früchte-Berg schickten darauf noch weitere Vögel mit der gleichen Botschaft: eine Eule, einen Kranich und einen Geier. Erst bei der vierten, vom Geier überbrachten Forderung brachte Zhuangzi das unerhörte Begehren den anderen Ratsmitgliedern zur Kenntnis. Auch diese bestanden jedoch auf einem kategorischen Nein als rechtmässiger Antwort. Sie liessen den Geier vom Himmel schiessen. Einige Monde später tauchte vor den Wällen der Wallstadt Kowloon das Schwein namens Xiao zhû auf. Die Einwohner, die von den Forderungen des Blumen-Früchte-Bergs in seliger Unkenntnis gelassen waren, gerieten angesichts der Schweineschreie in Panik. Das Schwein namens Xiao zhû war allen aus ihrer Kindheit bekannt als die Figur des verkörperten bösen Künders, des Kinderfressers und Kriegsbringers. Das Schwein namens Xiao zhû überbrachte dem Rat der Wallstadt Kowloon die Kriegserklärung und verschwand darauf in den Hitzewallenden Sümpfen. Wochen später langte die Flotte der Affen im Hafen Dan-no-ura an. Sie überrannten die Wächter des Turms genannt «Stiefmutters Ziegelofen», rissen die Kerker dortselbst ein, liessen die darin eingeschlossenen Sirenen frei und kämpften sich durch die Stadt bis zum Zikkurat des Rats, genannt «Haus des leeren Wegs». Sie erschlugen alle dreizehn Ratsmitglieder und verschwanden spurlos Richtung Westen. Gemäss der von uns studierten Unterlagen ist es unklar, ob sie wirklich, wie Flüchtende aus der Wallstadt Kowloon behaupteten, bis zum Jadetempel vorgedrungen sind und den Taht-e-Tavus geschändet haben. (Es wäre ihnen zuzutrauen.) Die Sirenen haben im Anschluss die Wallstadt Kowloon fast dem Erdboden gleich gemacht. Inwiefern diese Legende auf getreulich tradierten Tatsachen, somit der Wahrheit, beruht, ist uns aufgrund der zeitlichen Entfernung nicht möglich gewesen zu eruieren. Der einzige Fakt dieser Legende ist die vollkommene Zerstörung der Wallstadt Kowloon in der Tkufa des Scha’ar haRachamim.» Dieser Beruicht wurde unserem himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., im achten Jahr seiner Herrschaft zu Gehör gebracht, Tkufa des Scha’ar ne’ul. Sie waren es zufrieden.»

Wesen und Wirken

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Jedes Wesen hat sein Wirken. Jedes Wirken hat sein Wesen. Auf einem Felsen im See putzt sich ein Fischreiher. Was um ihn vorgeht, versteht sich für ihn. Die starke Sonne war ihm Aufforderung. Seine grauen Beine halten ein Gleichgewicht, das dem des Steins gleicht, auf dem er steht. Seine Bewegungen sind schnell und präzise. Er kämmt den Bart an seinem Hals, der anfangs gelb wie Augen der Nierenkranken ist. Einmal pickt er, einmal packt er einzelne Federbüschel mit seinem Schnabel und bürstet sie mit einer langen Bewegung, die am Schilfufer begonnen hat. Seine Bartfedern beginnen zu schimmern, verlieren das müde Gelb. Einmal breitet er den linken Flügel aus und sticht und strählt hinein, immer zuerst den linken, einmal streckt er die rechte Schwinge aus, wählt einzelne Federn aus und glättet sie mit seinem Schnabel. Verdeutlicht er die Farben der Unterfedern, verdeutlichen die Federn ihn? Er steht auf seinem Geierberg und erblüht. Seine Schwingen sind nicht mehr nur graue Schwingen, sie leuchten in Kristallfarben zwischen violett, silbern, meergrün, dämmerungsrosa, ein Amethyst-Himmel. Er formt die Flügel in seinem Rücken zu einem Schild, zu einem Herz. Er streckt seinen Hals lang, den Schnabel steil im Himmel. In seiner Kehle unterm winzigen Kopf bewegt sich eine halb gurgelnde, halb keckernde Freude oder Lust. Er hat seine Beine nicht bewegt. Er singt in der flimmernden Hitze des Mittags. Sein Wesen ist Schönheit, sein Wirken ist Tod; sein Wirken ist Warten, sein Wesen ist Jetzt.

Von der Blödheit der Männer

Japanese soldiers in uniform marching with rifles near the Ziggurat of Ur

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ein Zug des 49. Regiments überquerte heute vor unseren Augen den Äusseren Hof. Ich war mit anderen Damen und der Prinzessin Nyaruhodo auf der Heimkehr vom Turm der Geschichten. Man hatte unsere Sänften für eine kurze Rast der Träger abgesetzt. Einige von uns hatten sich ins langsam feucht werdende Gras gesetzt. Die Männer des Zugs gingen trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung fast im Laufschritt. Sie waren nicht nur erschöpft, sie schienen kurz vor der Auflösung zu sein. Einige gingen nur im Hemd, mit zerrissenen Hosen, andere besassen nur noch einen oder keinen Schuh mehr. Ihre Gesichter waren derart schmutzig von Schweiss, Russ und Blut, dass man ihr Augenweiss für Sterne im Abendlicht halten konnte, das einen feinen Dunst über den Äusseren Hof legte. Da ihr Schritte nicht als das übliche regelmässige Stampfen zu hören waren, dachte man bei ihrem Vorübergehen an Amphibien. Sie glichen in keiner Weise den jungen Männern, die ich noch gestern auf dem Exerzierplatz betrachtet hatte. Jene hatten mich an meine Brüder erinnert. Es war ein Bild männlicher Energie gewesen, Gesichter in ihrer Röte trotzig, Körper als Körper. Nach dem Marschieren standen und sassen sie in den verschiedensten Stellungen und Haltungen auf dem staubigen Platz. Ihre Gesichter leuchteten. Obwohl ich ihre Gespräche oder Zurufe nicht verstehen konnte, war ihre Sprache hart und ihre Gesichter stumpf. Einer hatte Sommersprossen, die wie frische Blutspritzer blinkten. Das Männerlachen klang herüber zu mir, rau wie Echsenhaut, bohrte sich wie Holzspriessen in meine Niere. Ich dachte an meine Brüder, an ihr dumpfes Wesen, an ihre vermutlich absichtsvolle Blödheit oder Blödelei, die sich nie auch nur einmal einer Form von Einsicht näherte. Dieses Schweigen junger Männer vor den Feinheiten eines Tanzes, Liedes oder Bildes. Ochsen oder schlimmer. Ich verachtete meine Brüder, aber ich verspürte eine merkwürdige Bewunderung für sie. Und doch konnte ich heute nicht anders als weinen, als ich die Soldaten über den Äusseren Hof schlurfen sah. Hatte denn der Krieg schon begonnen? Diese Männer schienen mir jetzt noch weiter vom Menschlichen entfernt als gestern, und man konnte es ihnen ansehen.

Fern ist mein Bruder –
Wer nur hilft ihm dort dabei
Ein Mensch zu bleiben?»

Eine militärische Operation

(Scenic Beauty of Kōfu) Main Gate of the 49th Infantry Regiment Barracks, Kofu

Die Zeitung «Jade-Öhr», die im Einflussgebiet des 3. Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung», erscheint, schreibt: «Aus zuverlässigen Quellen ist uns bekannt geworden, dass die Jade-Division namens «Gyoku-heidan» unter unserem verehrten Herr Erlang demnächst eine beschränkte und präventive Inkursion in das westlich des Felsens der Reue gelegene Gebiet plant. Offizielle Stellen haben diese Information bisher weder bestätigt noch verneint. Wie unser geneigter Leser und unsere aufrecht-hübsche Leserin mit einiger Sicherheit wissen oder vermuten dürften, könnte es sich dabei um eine längst fällige Antwort unseres umkämpften, aber standhaften Rumpf-Reiches handeln, die bisher jenseits der Ebene der Gottesfurcht heimischen Rakschasi, die sich bisher allesamt als Vergewaltiger, Verbrecher und Friedensucher erwiesen haben, wie unser lieber König Z. Qoum I. nicht müde wird zu betonen, als süchtiges, meintätiges Gefleuch dürfen wir uns an dieser Stelle wohl durchaus berechtigt sehen und herausnehmen, den guten, sorgenaufgebrachten König einmal richtig zu zitieren, eine also längst überfällige, vielmehr notwendige Antwort unserer Governeure und Profiteure auf die aus dem Wesen heranflutende «Rote Gefahr», wie wir das Wort aus dem Volksmund anzuwenden beflissen sind, einzudämmen und abzuklemmen, damit sich insbesondere unsere strebsamen und unermüdlichen Siedler ganz auf die Erschliessung des Westens konzentrieren können, denn nicht umsonst haben uns ihre Stimmen bereits mehrfach in unserer Redaktion erreicht, sie würden als Pseudo-Miliz oder koloniale Vorhut missbraucht, die Dynastie der Z. missbrauche sie als zivile Schutzschilde im über weite Strecken vergeblichen Abwehrkampf eines einst mächtigen, ja gefürchteten, jetzt aber geschwächten, ja geradezu in Auflösung begriffenen Hegemons, so der Tenor dieser Stimmen aus dem Lager der Siedler. Die Redaktion hat bereits mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass ihre eigene Lage durch die wiederholten und ausdauernden Sit-ins und Shout-ins dieser doch mehr als aggressiven Minderheit gefährdet ist. Gerade gestern wieder wurden zwei unserer Journalisten von den «Gottesfürchtern», wie sie sich bekanntlich zu nennen belieben, ohne einen wirklichen, will heissen beglaubigten Propheten in ihren Reihen zu haben, nicht nur eingeschüchtert, sondern geradezu spitalreif geschlagen. Wir können den Entschluss unseres verehrten Herrn Erlang daher nur wortmächtig unterstützen und ihm in unserer Leserschaft Gehör verschaffen, indem wir unterstreichen, auch wenn dieser noch von keiner offiziellen Stelle bestätigt wurde, dass wir eine solche nicht mehr länger diplomatische Vorgehensweise nicht umhin können zu unterstützen. Laut weitergehenden Berichten wird das 49. Regiment als erstes ausrücken.»

Beschluss des Dritten Rats

Group of villagers with animals evacuating near burning crevice and stone wall

Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Der Dritte Rat hat nach zweiwöchiger Klausur beschlossen, dass die Bemühungen um eine Wiedererschliessung der südlichen Stadtteile sowie der darin liegenden Vestigien, Türme, Bibliotheken, Höfe und Weihestätten, Nadelöhre und Mausoleen einzustellen sind. (Allfällige Rückkehrer der letzten Expetion werden in den Priesterstand erhoben und mit einem Landgut unter den Felsen der Reue beschenkt.) Dem Dritten Rat liegen Beschwerden vor, wonach die Population der Gluckliche am westlichen Ende des Felsens der Reue derart angewachsen ist, dass sie der Urbarmachung des Lands am Fuss des fünften Zikkurats, genannt «Himmelsachtung», gefährdet. Die Läuferin Sa’ile hat unseren Eindruck von einer verstärkten, zumindest zunehmenden Bedrohungslage bestätigt, indem sie uns glaubwürdig von massiven Schäden in der Nordmauer, besonders im Bereich des Turm «Chochmah» (das ist der mittlere Turm in der nördlichen Mauer), berichtet hat, einerseits, und dass vom westlichen Nordturm, dessen Name verschollen ist, wenngleich einige Mitglieder des Dritten Rats weiterhin zu behaupten wagen, es sei der vergessene Turm genannt «Malchuth», andererseits grosse bis starke Erschütterungen aus dem Bereich des Feuerspalts jenseits der Mauer anzuzeigen seien. Sie habe, versichert die Läuferin Sa’ile, auf ihrer Rückkehr hierher mehrere Wagentrecks angetroffen, die sich auf dem Rückzug aus der Ebene der Gottesfurcht befänden. Vor diesem Hintergrund – und in der Folter eines kürzlich eingefangenen Rakshasis bestätigt – scheint es dem Dritten Rat notwendig, sowohl die Suche nach weiteren Arkana und Urkunden über die Zeit des Manns namens Aron Sa’ara als auch die Erkundung der weitgehend in Vergessenheit geratenen südlichen Stadtteilen einzustellen. Gegeben und geschrieben im fünften Jahr unseres Königs T. Balak IV, Tkufa des She’er ne’ul.»

Aus der Lehre Yu Dis

Von Anonym – Daoist deity: Jade Emperor. Boston: Museum of Fine Arts., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10288375

Wenn Gott göttlich ist, sagte Yu Di, kennt er den Schmerz nicht, auch das Glück wird ihm fern, aber nicht verwehrt sein. Ein göttliches Sein ist göttlich in seiner Empfindung der Unaufhörlichkeit. Er ist dem Stein näher als dem Wesen. Es gibt für sein An-Wesen keine zeitlichen Schranken ausser Wind, Wasser, Tektonik. Seine Empfindungen dauern an, seine Aufmerksamkeit ist unablässig. Seine Natur ist so beschaffen, dass ihn selbst die 129’600 Jahre des yuan nicht verringern. An ihren harten und rauen Brüsten versammeln sich die Kormorane und Kondore, die Makaken und Meerkatzen, die Schwämme und Schnecken. Für ein göttliches Sein gibt es keine Erinnerung, kein Geschlecht und keine Vernunft, die ausreichen würde, um es zu beschreiben. Die Rede Gottes ist Nein. Sein Handeln ist Bleiben. Weder schreitet er voran noch weicht sie zurück. Jedes hui ist ihr gleich. Werfen wir Geübten Blicke und Gedanken auf ihn, schenkt er uns die Furcht des Tuns und die Gnade der An-Weile. Leiden wir, wendet er uns den Rücken. Für unser Fühlen hat er nur Gletscher übrig. Wohl sind ihm die Schranken unseres Wesens bekannt, doch sind es nicht seine. Damit schwieg Yu Di. Eine Schülerin fragte in die Lehr-Stille: Kennt Gott, wenn er göttlich ist, keine Verantwortung?

Das nördliche Viertel

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Im nördlichen Viertel sind die Lilien. Ihr Duft ist vor Schönheit unbekömmlich wie der Schmerz. Sie weilen schon voraus. Sie handeln durch Blühen. Mehr ist nicht nötig. Sie sind alle weisse vor Güte. Sie brauchen keine Gnade. Sie haben das Glück, von Gott gesehen zu werden. Was sie brauchen, gibt ihnen der grüne Himmel.

Turangalîla hat über die Lilien gesagt: «Ich möchte Lider nicht. Ich fühle mich nicht notwendig. Ich kann es wenden wie ich will, der Stein stirbt nicht wie das Korn, schenkt seine Kraft nicht, um anders anderes zu werden. Die nördlichen Schönen sind ihm fast zu vergleichen. Ihre Helle ist die Reue des Tages. Sie sind nicht auf das Wohlwollen aus, das sie schon haben. Wie der Stein sind sie in ihrem So-Sein hart und rau wie die Wirklichkeit, die sie entschaffen. Eine von ihnen wiegt hundert Gottfähige auf.»

An gewissen Tagen ist die Himmelsstirn eine Raffel. Sie nimmt die Farbe des Grossen Pfefferfischs an. Wer ihr zu nahe kommt, wird passend gemacht. An diesen Tagen sind selbst die Mächtigen und Heiligen vorsichtig. Erstere schlüpfen unter ihre Trhone, letztere falten ihre Flügel morgens besonders sorgfältig. Einkäufer und Verkäufer fürchten diese Tage, sie erinnern sie an die Vergeblichkeit ihres Handelns. Die Himmelsstirn kaut sogar an den Steinen. Die Himmelsstirn hasst das Runde. Nichts geht ihr über eine gesunde Ecke, eine scharfe Kante. Die Himmelsstirn will, wenn sie kommt, alles in Gleichschenkligkeit vereinen. Die Turangalisten nennen das Runde das Ungesunde. Die Himmelsstirn lauert nicht, sie ist offenbar. Sie verursacht einen gesunden Abrieb, sodass die Schöpfung nicht in Erschöpfung überdauert.

Alles Kantige, alles Scharfe, alles Eckige ist machbar. Es gehört zu den Ursachen. Es gehört zur Wirklichkeit. Grammatische Kuben ordnen Notwendigkeit. Selbst wenn der Weg steil ist, ist er eben im Vergleich mit den Sternen. Selbst wenn der Weg eben ist, ist er steil im Vergleich mit den Lilien. Kann man die Steine mit den Sternen, die Sterne mit den Steinen, die Lilien mit den Früchten des Korns, die Heiligen mit den Mächtigen vergleichen?

Bauchige Landschaft, aufsteigendes Gelb, grünschattige Nadelbuchten, Schritte im weissen Gras, Kieferwolken, Olivenstapfen, hinauf ins violett singende Blau.

Der Ruhstein

By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – The green stone lying in one of the storerooms of the Temple complex, it is a block of green nephrite-type stone common in the geology of the region, it may have played a role in some religious cult, Hattusa, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51807591

Der Ruhstein hat die Form eines Würfels. Einem erwachsenen Mann reicht er bis übers Knie. Die westliche obere Ecke des Steins ist abgeschliffen oder erodiert. Keine seiner Kanten ist scharf, aus einiger Distanz sieht er aus wie ein grünes Zuckerstück. Er steht nicht in der Mitte des Innenhofs, sondern in der Mitte seines südlichen Viertels. Der Steinhüter sitzt meist im Schatten des verschlossenen südsüdöstlichen Tors. Er dort seine Schlafmatte zusammengerollt, und sein Protokolltischchen steht vor seinem Hocker, darunter in einem Korb die feuchten Tonplatten, die ihm ein Gardist einmal am Anfang der Woche bringt. Sein Schilfgriffel liegt nördlich ausgerichtet auf dem Tischchen. Die Friedensglocke erklingt siebenmal am Tag und dreimal in der Nacht. Nach ihrem Schlag erhebt sich der Steinhüter von seinem Hocker oder seiner Matte, löst im Gehen schon ein blaues Seidentuch aus seinem Gürtel. Beim Stein angekommen, kniet er nieder und reibt jede der vier Seiten mit kräftigen, genauen Bewegungen ab, darauf reinigt er auch die Himmelsstirn des Ruhsteins. In einer weiteren fliessenden Bewegung fährt er mit seinem blauen Seidentuch die acht Kanten des Steins ab und beugt sich dann tief über den Ruhstein, ohne in die Knie zu gehen. Er spitzt seine Lippen und küsst die westliche obere Ecke, der er etwas zuflüstert. Gemessenen Schrittes kehrt er an seinen Schattenplatz zurück und notiert mit seinem Griffel auf eine handgrosse Tafel seien Beobachtungen. Der Ruhstein leuchtet blendend grün wie ein Kubus Meer vor ihm in Sonne und Sand, in Mond und Sand. Der Steinhüter schliesst wieder die Augen.

Der Schweisstropfen Gottes

Amphibious humanoid playing flute before glowing red bird statue in rocky canyon with hieroglyphs

Der Schweisstropfen Gottes gleicht annähernd einem Wiedehopf. Nur die Engelfolger dürfen ihn anschlagen. Es gibt für das Anschlagen viele ungeschriebenen Regeln. Eine davon heisst «Entwicklung der Liebe». Es ist nicht die wichtigste, aber sie nimmt direkt Bezug auf die Kiemenpflege. Ein Engelfolger hat die Pflicht – bevor er das Recht des Anschlagens wahrnehmen kann -, die Kiemen regelmässig mit Salzwasser zu spülen und dafür zu sorgen, dass die Klangläuse sich nicht zu stark vermehren. (Schon mancher Engelfolger ist an einer Kiemenverstopfung gestorben, warnen die Mütter.) Die meisten Engelfolger sind aufgrund ihrer Sorglosigkeit erblindet. Die Schallwellen setzen eine solche Energie frei, dass der Schalldruck alle Gefässe im Kopf platzen lassen kann. Dafür haben die Engelfolger die Kiemen: sie sind die Schallleiter. Der Stein selbst hat trotz seines Klangvolumens, trotz seiner Klangbreite eine unbestimmte Farbe. Die Legende besagt, dass der Schweisstropfen Gottes das Ei eines Salamanders sei. Es ist wie bei vielen Legenden: Selbst der japanische Riesensalamander Andrias japonicus hat erwiesenermassen keine so wuchtigen Eier gelegt. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass der Stein Teil einer Eischnur gewesen ist: Seine Oberfläche ist absolut makellos und weist auch keine Nabelstellen auf.