Von der Blödheit der Männer

Japanese soldiers in uniform marching with rifles near the Ziggurat of Ur

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ein Zug des 49. Regiments überquerte heute vor unseren Augen den Äusseren Hof. Ich war mit anderen Damen und der Prinzessin Nyaruhodo auf der Heimkehr vom Turm der Geschichten. Man hatte unsere Sänften für eine kurze Rast der Träger abgesetzt. Einige von uns hatten sich ins langsam feucht werdende Gras gesetzt. Die Männer des Zugs gingen trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung fast im Laufschritt. Sie waren nicht nur erschöpft, sie schienen kurz vor der Auflösung zu sein. Einige gingen nur im Hemd, mit zerrissenen Hosen, andere besassen nur noch einen oder keinen Schuh mehr. Ihre Gesichter waren derart schmutzig von Schweiss, Russ und Blut, dass man ihr Augenweiss für Sterne im Abendlicht halten konnte, das einen feinen Dunst über den Äusseren Hof legte. Da ihr Schritte nicht als das übliche regelmässige Stampfen zu hören waren, dachte man bei ihrem Vorübergehen an Amphibien. Sie glichen in keiner Weise den jungen Männern, die ich noch gestern auf dem Exerzierplatz betrachtet hatte. Jene hatten mich an meine Brüder erinnert. Es war ein Bild männlicher Energie gewesen, Gesichter in ihrer Röte trotzig, Körper als Körper. Nach dem Marschieren standen und sassen sie in den verschiedensten Stellungen und Haltungen auf dem staubigen Platz. Ihre Gesichter leuchteten. Obwohl ich ihre Gespräche oder Zurufe nicht verstehen konnte, war ihre Sprache hart und ihre Gesichter stumpf. Einer hatte Sommersprossen, die wie frische Blutspritzer blinkten. Das Männerlachen klang herüber zu mir, rau wie Echsenhaut, bohrte sich wie Holzspriessen in meine Niere. Ich dachte an meine Brüder, an ihr dumpfes Wesen, an ihre vermutlich absichtsvolle Blödheit oder Blödelei, die sich nie auch nur einmal einer Form von Einsicht näherte. Dieses Schweigen junger Männer vor den Feinheiten eines Tanzes, Liedes oder Bildes. Ochsen oder schlimmer. Ich verachtete meine Brüder, aber ich verspürte eine merkwürdige Bewunderung für sie. Und doch konnte ich heute nicht anders als weinen, als ich die Soldaten über den Äusseren Hof schlurfen sah. Hatte denn der Krieg schon begonnen? Diese Männer schienen mir jetzt noch weiter vom Menschlichen entfernt als gestern, und man konnte es ihnen ansehen.

Fern ist mein Bruder –
Wer nur hilft ihm dort dabei
Ein Mensch zu bleiben?»

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