Einer ruft im Mordtal

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«Ich bin so allein wie das Lamm Gottes,» ruft Blödelîn, «mürbe und morsch bin ich hier im Schatten Zaqqums, hier im wüsten Mordtal, ein klindender Clearling unterm Milch-Makel des Sternenheers. Soll ich mich denn weiter mit den Baalen aalen? Ich werde an jedem Ort lieber sterben wollen als leben. Ich bin zerbrechlich wie Schiefer, ich bin weich und zart, schlüpfrig im Leben wie das Schmalz in euren Töpfen. Der Geruch Molochs betäubt meine Nieren. Ich höre die Stimmen oben auf der Mauer im Osten: «Alles ist gut,» sagen sie, «alles ist in Ordnung.» Aber nichts steht gut, nichts ist in Ordnung. Das Lied, das ihr singt, lässt die Wolken zerspringen. Niemand wird da sein, um euch aufzuheben. Das Blöken der Herden ist verstummt, selbst die Vögel des Himmels und die Tiere des Waldes sind geflohen und lassen sich nicht mehr sehen. Immer von neuem hat man euch Gottesdiener geschickt, aber keiner von euch kümmerte sich darum, niemand hörte darauf. Jeder rennt auf seinem Irrweg weiter wie ein Pferd, das sich in die Schlacht stürzt. Alle Zugvögel halten sich an die Zeiten, die ihnen gegeben sind: der Storch, die Taube, die Schwalbe, die Drossel. Ihr betet den Stein auf dem Pfauenthron an. Das Tal, über das ihr eure Mauer errichtet, heisst Mordtal. Zerschlagen bin ich, zerriesele mitten unter euch, in meinem Schädel hausen Schakale und Baale. Ich kann nicht mehr stolz sein auf diese Stadt und ihre Einwohner, denn sie erkennen, was sie wollen, sie begreifen, was ihnen recht ist. Das Volk, das ich von ganzem Herzen liebte, sehe ich dem Diamanten-Glanz ausgeliefert, hart und glatt. Es ist mir fremd geworden, unheimlich wie ein Löwe im Dickicht. Genauso wie ein Löwe brüllt es mich an, feindselig und stur. Darum ist es mir zuwider. Kommt zu mir ins Tal, an den stockenden Fluss, betrachtet mit mir voller Abscheu die Leichen der Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben. Ihre Qual nimmt kein Ende, sie brennen im ewigen Feuer.»

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