Von Steinen und Eiben

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Die Steine ruhn. Sie haben das Warten nimmer satt. Zusammengedrängt, gedrückt und in sich versammelt haben sie ohne Weg den Rat. Ausweichen ist nicht. Erzählen ist nicht. Unzeit häuft sich, ist. Die Steine in ihnen fehlen nicht. Der Salamander ist bei ihnen, einverstanden. Es gibt keine Notwendigkeit, die zu erwarten wäre. Da gibt es nichts zu bedenken.

Zwei Eiben gibt es. Seit Vorzeiten wachsen sie, die eine wie ein Pfeil, die andere wie eine Frau. Niemand weiss, wann der Pfeil fliegen wird, und niemand weiss, ob das Mädchen zur Frau wird. Die Eibe steht im Vorhof, rechtsab. Das Fräulein Kyaraboku lebt im hintern Turm auf der Südseite. Ihre Schriftzeichen sind manchmal zittrig, verwitternd, aber immer spitz zulaufend, nadelfein. An Tagen des Bedenkens widerstreben sie dem Wind und sammeln sich auf dem Leder, drängen sich wie Eisenspäne in einem Winkel zusammen. Niemand weiss, ob das Fräulein Kyaraboku zählt – Stunden oder Regentropfen – oder erzählt – Träume oder Briefe. An Tagen des Erwartens müssen die Mäuse im Korn sich fürchten. Dann ist jedes Stück Haut kostbar für ihre Schriftzeichen, kostbar wie notwendig, heisst das. Die Schriftzeichen haben eine Neigung, darüber hinweg zu wimmeln wie im Taumel eines Gefühls. Der Baum wurde von Turungulîla VI. gepflanzt. Er erinnerte damit an die Göttin der Beeren, die das Land in einer Pandemie beschützte. Manche erzählen sich, es sei die Amme des Fräuleins gewesen. Vielleicht steht es irgendwo verzeichnet, aber niemand hat die Schriftstelle gefunden.

Die Blüte der Steine steht bevor. Zwar fehlen ihnen Fortpflanzungseinbuchtungen, doch unter den Blicken der Rückflüchtenden öffnen sie ihre verdächtigen Stellen dem seltenen Licht. Nicht viele Wachen können davon erzählen, eine gesehen zu haben. Die wenigsten Wachen wissen auch davon. Wir befinden uns auch in einer Zeit kurz vor der ersten Schrift. Es gibt kaum Informationen über die Anzahl der Stellen an einem Stein, noch weniger über die Orte, von denen die Flüchtenden zurückkommen. Die Wachen denken, vielleicht sollte man das Fräulein fragen. Doch aus ihrer Kammer dringen keine Laute nach draussen. Sie schreibt.

Im gelben Himmel

Ancient ziggurat with people walking nearby and a vintage flying machine flying above at sunset

Ein Gerät röhrt im Himmel. Die Langsamkeit einer Subduktionszone hat nicht mit dem Machbaren zu tun. Die Unmittelbarkeit des Geräuschs befindet sich im Bereich des Glücks, von Gott gesehen zu werden. Im gelben Himmel rührt das Gerät ohne eine Notwendigkeit zu bewirken. Die vernarbte Haut der Masken überm Türsturz des Zikkurat hat etwas Lebendiges, Bewegendes. Sie scheinen die künftigen Gottesdinge zu erwarten. Aus den elementaren Schreiben der Vögel in den Luftwurzeln und Lianen ist eine Verachtung zu hören, die mit dem Machbaren keine Gesellschaft hat. Und doch sind es keine Vögel des Himmels. Der gelbe Dunst schmiert seine Schlaufen in den minzigen Wind. Stellt man sich das Spatzenhirn des Geräts vor, lässt sich ein So-Sein nicht mehr vorstellen. Winde drücken nicht, Tillandsien brechen nicht, Luftwurzeln pressen nicht, Spuren bleiben nicht. Das Gras hat die Farbe des Wiedehopfs. Es ist auch fast kein Gras mehr, wie die Vögel des Himmels. Manchmal schmiert das Gerät mit einem knirschenden Geräusch im Himmel ab. Dann drehen sich die Köpfe der Stenotypistinnen wie Minutenzeiger den Schlieren im Himmel zu. Dann müssen sie die Aufnahmen, die während der Ablenkung weitergeplärrt haben, in der Zeit zurückspulen. Am Fuss des Zikkurat knirschen die Käfer in den ungeschnittenen Büschen. Vor allem in den Abendstunden, wenn der Himmel grünt, hört man die Schreie der Archivare aus den oberen Stockwerken. Wenige Stenotypistinnen haben je einen Archivar gesehen, obwohl die älteren von ihnen inzwischen ihre Stimmen zu unterscheiden und erkennen gelernt haben. Aber die Schreie der Archivare in den Abendstunden sind auch keine Stimmen mehr. Der Minzgeruch des Windes kommt nicht von den Algen im Burggraben. Das Gerät ist noch nicht verstummt.

Das verschlossene Tor

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Warum ist das Tor im Osten verschlossen? Gesteinte Blüten warten auf den Blick. Das Tor ist stumm, schriftlos. In den Nischen liegen Hühnerknochen. Krautiger Salat wächst in Steinfugen. Das Zedernholz der Doppeltür ist schwarz vom Regen, der nicht aufhört. Moosbärte hängen an Angeln. Ein Kinderfinger würde die Türe einstossen können. Rechts schlägt der Regen auf das Glas des Kastens für Bekanntmachungen. Das Klingeln ist das einzige Geräusch, das im Regen zu hören ist. Der Stein, der das Glas links oben durchschlagen hat, liegt grünend im Kasten. Auf einer Bekanntmachung liest sich unter einem Gesicht, das der Beschreibung spottet, der Name «Sturmsarg». Im Schlamm vor dem Tor sind die Schritte tausender Vögel zu lesen. Ihr schwärzlicher Kot schwimmt in den tiefen Pfützen, die schweres Gerät verursacht hat. Aber es ist nicht ihre Tageszeit.

Erste Begegnung

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Wen siehst du, was willst du, wen kennst du, hinterm Weissdorn hervortretend, kastanienfarbenes Haar, Lippen ablecken, Zungen-Muschel, wer bin ich, wer verliert mich, was hast du von mir, besitzen geht nicht, was hasst du an mir, wen willst du, wen hast du, ich bin nicht die Kammerzofe, siehst du nur meine Schenkel unterm Pianola, was trage ich, wen meinst du mehr, wen erträgst du nicht, was kannst du feststellen, bin ich davongelaufen, werfe ich mich auf dein Bett aus Erschöpfung oder Erwartung, warum beäugt mich Françoise als ein Lamm, wem schulde ich keine Rechenschaft, wer sagt, ich hätte grüne Augen, wer behauptet kupferne Wangen, ich habe nie gesagt, der alte Knabe, der tut mir aber echt leid, der ist ja schon halb verreckt, wer bringt mich zum Tod, warum küsst du meine Wangen, wer bin ich ohne Brüste, ohne ein Wiegen in den Hüften, wer nennt mich einen Vielfrass, tanzt du nicht eng umschlungen, die Wärme der anderen zu spüren, warum rieche ich nach Geranien, wer gibt mir die Freiheit wieder, vielleicht zum ersten Mal, bevor ich zu lügen begann, wer war ich da, könntest du mich lieben, löge ich nicht, warum bin ich dir, warum hältst du mich, du hast mich noch nie geschlagen, nicht mit deiner Hand, wer wird mich begraben, wer wird um mich trauern, die ich bin, ausser dir, der mich will, wirst du um mich trauern, wenn du weisst, wer ich war, ich bin das fleischige Plüsch, das dir fehlt, ich kann die Grossmutter nicht sein, wen liebst du, weisst du, was ich wünsche, was wünsche ich, die schwarzen Haare hochbindend, mit blauen Augen, die fast milchig scheuen unter den schweren Brauen, ich liege in deinem Bett, siehst du mich, als hättest du die Gazebänder um deine Brust im Alptraum abgestreift, wen kennst du mehr, wen kannst du nicht, was habe ich von dir?

Aus der Dunkelheit heraus

Ich behaupte es nicht einmal mehr, dieses Land ist von mir geformt, langstielig und langwierig, vielleicht die eine Gefässkrümmung zu viel, es hat nicht das F von der Form deiner Lippen nötig, es hilft auch nicht mehr, das Leid wegzudrücken, das führt nur zu Leistenbrüchen, zu anderen rücksichtslosen Zusammenhängen, ich halte mich nicht mehr auf bei den Dummen, die sich die Angst absprechen, um Auffahrunfälle zu verursachen in der dunkeln Menge, als gebe es nichts Wichtigeres auf der Welt, mittags hämmern die Spechte, aus der Dunkelheit heraus komme dir die grinsensten Gesichter entgegen, und wer so grinsen kann, dem spreche, dem muss ich die Mutter absprechen, und selbst für einen so kurzen Zeitraum wie 380’000 Jahre reicht meine Vorstellung nicht, ich kann mir diese anfängliche Enge in der Menge, dieses Gedränge schon gut vorstellen, ein Gehen und Kommen, ein Stehen und Warten, Gras in der Hand und im Mundwinkel, die Maschinen heissen jetzt Park, Koen-zyklopädische Bedürfnisse müssen kategorisch verneint oder befürwortet werden, heraustreten in das Dunkelheits-Verfahrensgerät, wenn die Spechte nicht hämmern, die Hühner noch rennen, Würde mit Wünschen noch etwas gemein hat, aus der Dunkelheit heraus handeln, ein unablässiges Lippenspiel, und du hast schon wieder Rippenspiel verstanden, Dummerchen du, die Form des Landes ist gattungsgleich, gestaltet wie der Gang eines Marders, und für einige Jahre könnte ich fragen, ob ein Marder nicht auch zu den Nagern zu rechnen wäre, einer dieser Nager, die das Gras mitsamt der Wurzel ausreissen, ich kann diese Handlung nicht grasen nennen, während ich durch das bis zur Hüfte scherbenreiche Gras gehe, nur die Dummen behaupten ständig etwas, das Sinn ergibt, sie sagen es unablässig, es ist zunehmend schwierig, ihnen auszuweichen, und selbst als Leichen bekennen sie sich noch dazu, dass etwas zu wissen das gleiche sei wie Intelligenz, manche kennen sogar das Wort für Talent, aber er konnte nicht länger das Leid aussitzen, die Spechte singen hören, die Sterne, deren Summen wie Stecknadeln im Heuhaufen klingt, polternde Kleinstmagnetenbahnen, deren Kegel in der Dunkelheit fallen, fallen, fallen, fast schon aufwärts wie Schnee, draussen fiel der Schnee ohne Rücksicht auf die Richtungen, Koen-tstehung von Höhlenritzungen, die aufgehaltenen Hände, langsam durch das Glas brechend, das Wünschen genügt doch, aus der Form deiner Lippen mehr als eine Hoffnungsfalte zu ziehen, ich behaupte nur noch etwas, von dem ich nichts, aber auch gar nichts mehr wissen kann, in vollkommener Dunkelheit wiege ich mich auf, wiege ich mich in Sicherheit, Glas oder Gras, das ist hier die Frage, eine Frage der Durchlässigkeit und auch der Richtung, durch die Schnee fällt, Parkspechte klappern, mit den Hände habe ich Hühner gerupft, aber in Gedanken bin ich durch die Milchstrasse gereist, ich erkenne die Hügel aus Falten, was heisst hier, lange 380’000 Jahre, im grauen Faltenwurf des Steins ist die Stirn die Regel, aber nicht die Kategorie, und mit Rücksicht auf die Herren, die putengleich an den Glaskelchen nippen, an den Graskelchen nippen und fürchten, verstehe ich dieses von mir geformte Land, das der Form deiner Lippen entwachsen ist, die das Meer der Blätter wie tausend hohle Hände behaupten, verstehe ich es als Poren eines Nebels, der Wünsche mit Würde verdunkelt, fliehend wie deine Lippen und meine Stirn.