Fräulein Kyaraboku

Woman in kimono looking worriedly through bamboo blinds at two samurai walking outside traditional Japanese house.

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ich sah ihn nur von hinten. Das lange Haar fiel ihm glänzend über den Rücken. Ich hätte aus Stein sein wollen. Mein Körper wurde zur trockenen Pflaume. Auf meiner Zunge lag der schwere Pfeffer der Reue. Ich schrumpfte, schrumpfte. Wie glänzten da seine Haare. Mein Kopf drehte und rasselte wie eine Gebetsmühle. Ich wich hinter die Bambusmatte zurück, es raschelte. Hatte er das trockene Flüstern der fallenden Matte gehört, das Seidenkichern meines Kleids, den leisen spitzen Schrei? So stand er und sprach mit einem Gardisten. Ein unbezwingbarer, unbezwungener Turm im Zenith der Herbstsonne. Geblendet und zitternd kniete ich mich hin. Mein Unterleib war heiss und gurgelte. Ich hatte oft zu meiner Zofe gesagt, er kann mir nichts mehr, er kann mir nichts mehr antun. Mein Schmerz sei vernarbt, und ich selbst ein Kiesel im Marschfeld der Zeit. Doch siehe da, nein. Das Fleisch erinnert sich, die Achseln heulen. Wer ich wurde, zunichte. Die Sashimono knattern im aufkommenden Abendwind. Meine Zofe hält meine Hand. Dann trägt der Wind den kehligen Schrei der Flöte heran, den ersten dumpfen Schlag der Trommel. Ich schliesse die Augen, presse die Lider zusammen, das Abbild seines Haars im breiten Rücken leuchtet dort drinnen weiter und weiter.

Der Glanz deines Haars –
Ein salziges Gedenken –
Ich werde zu Stein.»

Der Schweisstropfen Gottes

Amphibious humanoid playing flute before glowing red bird statue in rocky canyon with hieroglyphs

Der Schweisstropfen Gottes gleicht annähernd einem Wiedehopf. Nur die Engelfolger dürfen ihn anschlagen. Es gibt für das Anschlagen viele ungeschriebenen Regeln. Eine davon heisst «Entwicklung der Liebe». Es ist nicht die wichtigste, aber sie nimmt direkt Bezug auf die Kiemenpflege. Ein Engelfolger hat die Pflicht – bevor er das Recht des Anschlagens wahrnehmen kann -, die Kiemen regelmässig mit Salzwasser zu spülen und dafür zu sorgen, dass die Klangläuse sich nicht zu stark vermehren. (Schon mancher Engelfolger ist an einer Kiemenverstopfung gestorben, warnen die Mütter.) Die meisten Engelfolger sind aufgrund ihrer Sorglosigkeit erblindet. Die Schallwellen setzen eine solche Energie frei, dass der Schalldruck alle Gefässe im Kopf platzen lassen kann. Dafür haben die Engelfolger die Kiemen: sie sind die Schallleiter. Der Stein selbst hat trotz seines Klangvolumens, trotz seiner Klangbreite eine unbestimmte Farbe. Die Legende besagt, dass der Schweisstropfen Gottes das Ei eines Salamanders sei. Es ist wie bei vielen Legenden: Selbst der japanische Riesensalamander Andrias japonicus hat erwiesenermassen keine so wuchtigen Eier gelegt. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass der Stein Teil einer Eischnur gewesen ist: Seine Oberfläche ist absolut makellos und weist auch keine Nabelstellen auf.

Der Turm des ersten Rats

Large concrete cooling tower and empty industrial structures in rocky desert terrain

«Der westliche Turm im Süden hat die Hüften einer Frau, die rennt.» Im Kalkboden sind viele Schritte zu sehen. Sie sind um den Turm herumgegangen, entfernt sich in Richtung Norden. Sie haben auch eine Feuerstelle errichtet. Sie müssen kurz vor einer Bekehrung gestanden haben, denn in der Asche sind Spuren geschmolzenen Plastiks zu erkennen. Aber vielleicht hat in diesem Moment die Bekehrungskraft der Frauen im Stein nicht ausgereicht. Es gibt keine Spuren von Schuhnägeln in der Asche, und natürlich stammen all die Schritte am Fuss des Turms von festen Schuhen. Füsse hätten keine Zeichen hinterlassen, nicht solche, das weiss jede. Auch die eingeschmolzenen Helme fehlen. Vielleicht hat die Hitze nicht ausgereicht. Da sagt man «unverrichteter Dinge» dazu. Heute singen die Frauen im Stein nicht. Vielleicht halten sie Profess oder ein anderes ihrer schwer zu unterscheidenden Rituale, die noch niemand gesehen hat, wenn auch gehört. Aber ein stilles Ritual muss es sein. An Anlässen dürfte es in ihrer Eingeschlossenheit nicht fehlen. Als Turungalîlist bin ich das erste Mal so weit im Süden. Die zähe Erinnerung meiner Lehrerin hat die Form des Turms und die Umgebung gut überliefert. Sie hat ihn den Turm des ersten Rats genannt. Vielleicht auch des Ersten Rats. Sie konnte nicht schreiben. Ich bin über die weite, vernarbte Ebene hierhergelangt, durch die hitzewallenden Sümpfe zuerst und über das Geröllfeld hinterm Hügel der drei Sinne (Fehlen, Mangeln, Lösen). Doch diese platte, trockenrissige Tafel hat mich erschreckt. Die Schritte der Truppe sind tief eingegraben und im südlichen Winter ausgetrocknet. Waren es Gesandte oder Heilige? Von meiner Lehrerin weiss ich auch, dass die Sommer im Süden unserer Vorstellung von der Sintflut gleichen. Wohl eher Heilige, dass sie in diesem Regen ein Feuer unterhalten konnten. Der Turm öffnet sich oben wie die andere Öffnung einer Flöte. Es steigt kein Rauch auf. Ich sage deutlich: «Die Bekehrung hat nicht stattgefunden.» Ich artikuliere genau und gut. So hat es mich meine Lehrerin gelehrt. Besonders bei Gefahr von Umkehr. Ein wenig grauer Staub fliegt auf, als ich mich hinsetze, meine Aufzeichnungen öffne und den Turm festzuhalten beginne. Immer noch keine einzige Stimme, und auch keiner der Vögel, vor denen ich gewarnt wurde. Ich muss schnell machen.

Von Steinen und Eiben

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Die Steine ruhn. Sie haben das Warten nimmer satt. Zusammengedrängt, gedrückt und in sich versammelt haben sie ohne Weg den Rat. Ausweichen ist nicht. Erzählen ist nicht. Unzeit häuft sich, ist. Die Steine in ihnen fehlen nicht. Der Salamander ist bei ihnen, einverstanden. Es gibt keine Notwendigkeit, die zu erwarten wäre. Da gibt es nichts zu bedenken.

Zwei Eiben gibt es. Seit Vorzeiten wachsen sie, die eine wie ein Pfeil, die andere wie eine Frau. Niemand weiss, wann der Pfeil fliegen wird, und niemand weiss, ob das Mädchen zur Frau wird. Die Eibe steht im Vorhof, rechtsab. Das Fräulein Kyaraboku lebt im hintern Turm auf der Südseite. Ihre Schriftzeichen sind manchmal zittrig, verwitternd, aber immer spitz zulaufend, nadelfein. An Tagen des Bedenkens widerstreben sie dem Wind und sammeln sich auf dem Leder, drängen sich wie Eisenspäne in einem Winkel zusammen. Niemand weiss, ob das Fräulein Kyaraboku zählt – Stunden oder Regentropfen – oder erzählt – Träume oder Briefe. An Tagen des Erwartens müssen die Mäuse im Korn sich fürchten. Dann ist jedes Stück Haut kostbar für ihre Schriftzeichen, kostbar wie notwendig, heisst das. Die Schriftzeichen haben eine Neigung, darüber hinweg zu wimmeln wie im Taumel eines Gefühls. Der Baum wurde von Turungulîla VI. gepflanzt. Er erinnerte damit an die Göttin der Beeren, die das Land in einer Pandemie beschützte. Manche erzählen sich, es sei die Amme des Fräuleins gewesen. Vielleicht steht es irgendwo verzeichnet, aber niemand hat die Schriftstelle gefunden.

Die Blüte der Steine steht bevor. Zwar fehlen ihnen Fortpflanzungseinbuchtungen, doch unter den Blicken der Rückflüchtenden öffnen sie ihre verdächtigen Stellen dem seltenen Licht. Nicht viele Wachen können davon erzählen, eine gesehen zu haben. Die wenigsten Wachen wissen auch davon. Wir befinden uns auch in einer Zeit kurz vor der ersten Schrift. Es gibt kaum Informationen über die Anzahl der Stellen an einem Stein, noch weniger über die Orte, von denen die Flüchtenden zurückkommen. Die Wachen denken, vielleicht sollte man das Fräulein fragen. Doch aus ihrer Kammer dringen keine Laute nach draussen. Sie schreibt.

Im gelben Himmel

Ancient ziggurat with people walking nearby and a vintage flying machine flying above at sunset

Ein Gerät röhrt im Himmel. Die Langsamkeit einer Subduktionszone hat nicht mit dem Machbaren zu tun. Die Unmittelbarkeit des Geräuschs befindet sich im Bereich des Glücks, von Gott gesehen zu werden. Im gelben Himmel rührt das Gerät ohne eine Notwendigkeit zu bewirken. Die vernarbte Haut der Masken überm Türsturz des Zikkurat hat etwas Lebendiges, Bewegendes. Sie scheinen die künftigen Gottesdinge zu erwarten. Aus den elementaren Schreiben der Vögel in den Luftwurzeln und Lianen ist eine Verachtung zu hören, die mit dem Machbaren keine Gesellschaft hat. Und doch sind es keine Vögel des Himmels. Der gelbe Dunst schmiert seine Schlaufen in den minzigen Wind. Stellt man sich das Spatzenhirn des Geräts vor, lässt sich ein So-Sein nicht mehr vorstellen. Winde drücken nicht, Tillandsien brechen nicht, Luftwurzeln pressen nicht, Spuren bleiben nicht. Das Gras hat die Farbe des Wiedehopfs. Es ist auch fast kein Gras mehr, wie die Vögel des Himmels. Manchmal schmiert das Gerät mit einem knirschenden Geräusch im Himmel ab. Dann drehen sich die Köpfe der Stenotypistinnen wie Minutenzeiger den Schlieren im Himmel zu. Dann müssen sie die Aufnahmen, die während der Ablenkung weitergeplärrt haben, in der Zeit zurückspulen. Am Fuss des Zikkurat knirschen die Käfer in den ungeschnittenen Büschen. Vor allem in den Abendstunden, wenn der Himmel grünt, hört man die Schreie der Archivare aus den oberen Stockwerken. Wenige Stenotypistinnen haben je einen Archivar gesehen, obwohl die älteren von ihnen inzwischen ihre Stimmen zu unterscheiden und erkennen gelernt haben. Aber die Schreie der Archivare in den Abendstunden sind auch keine Stimmen mehr. Der Minzgeruch des Windes kommt nicht von den Algen im Burggraben. Das Gerät ist noch nicht verstummt.

Das verschlossene Tor

Von Fallaner – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88839146

Warum ist das Tor im Osten verschlossen? Gesteinte Blüten warten auf den Blick. Das Tor ist stumm, schriftlos. In den Nischen liegen Hühnerknochen. Krautiger Salat wächst in Steinfugen. Das Zedernholz der Doppeltür ist schwarz vom Regen, der nicht aufhört. Moosbärte hängen an Angeln. Ein Kinderfinger würde die Türe einstossen können. Rechts schlägt der Regen auf das Glas des Kastens für Bekanntmachungen. Das Klingeln ist das einzige Geräusch, das im Regen zu hören ist. Der Stein, der das Glas links oben durchschlagen hat, liegt grünend im Kasten. Auf einer Bekanntmachung liest sich unter einem Gesicht, das der Beschreibung spottet, der Name «Sturmsarg». Im Schlamm vor dem Tor sind die Schritte tausender Vögel zu lesen. Ihr schwärzlicher Kot schwimmt in den tiefen Pfützen, die schweres Gerät verursacht hat. Aber es ist nicht ihre Tageszeit.

Darum ein Salamander

By Salamandra2021 – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112022318

Ich komme zurück auf die Kreten. Auf die Kiefern, die kriechen. Auf den Dunst des Hochgebirgs. Tosende Wasser. Den steingrauen Salamander im Schatten vom Strudel. Ein Bücken und Drücken ist dabei. Ein Stemmen und Stossen, das Knospen von Erde: da kommt ein Leib, dem kein Leben ist. Aus den Kreten knospt die Erde. Ein erstes Wort, es hängt von kruden Lippen, platzt von Zähnen, die verwittern. Ich komme, heisst das. So langsam, dass die Zeit vergeht. Die Eier des Salamanders leuchten. Im Rücken der Kreten liegt die Wüste, erstreckt sich in den Wesen, mit Hitze gepflastert. Der steingraue Salamander spürt die Härte des Stroms nicht. Sie kennt die Steine, die rollen. Die Kraft von Fäusten. Liest die Schrift der Kalzitadern, das Holpern stromaufwärts. Die Kraft des Steins, geballte Umarmung. Das Donnern von Stromschnellen. Ein wüstes Rollen, ödes Immer-wieder-nie-gleich. Der Dunst presst sich ins Moos, ins Totholz, ins Farn. Kost die hellen Spuren des Sturms. Das Wachsen hat keine Zeit. Die Kiesel im Mund der Schnelle träumen vom Schweigen, vom Liegen. Gibt es oben Kanten, gibt es unten keine. Darum ein Salamander, im Hals des Stroms.