53. Märchen

Five elemental beings representing fire, water, earth, air, and light surrounding Earth in space

53. Märchen aus dem Turm der Geschichten: «Am Anfang herrschte Chaos. Wasser, Himmel und Erde gab es noch nicht. Doch wirkten schon die fünf Grundkräfte, die fünf Alten. Der erste, das ist der gelbe Alte, Beherrscher der Erde. Der zweite hiess der rote Herr, Beherrscher des Feuers. Der dunkle Herr war der Beherrscher des Wassers. Der vierte Alte hiess der Holzfürst, er herrscht über das Grünende. Die fünfte ist die Metallmutter, sie fruchtet durch Metall. Diese fünf Alten setzten ihren denkenden Blick in Bewegung, Erde und Wasser senkten sich herunter aus dem Himmel. Der Himmel aber stieg hoch und höher, löste sich von der festen, schweren Erde. Ihr blickendes Denken, schauendes Schweigen sammelte die Wasser und hob die Hügel, die Berge in den Himmel. Die Erde teilte sich, die Himmel mehrten sich. Die Sonne, der Mond, die Sterne, Wolken und Wind, Regen und Tau begannen mit ihrem Wirken. Der gelbe Alte befreite die kreisende kreissende Kraft der Erde und würzte ihr Dingen mit den Wirkungen von Feuer und Wasser. Die Gräser und Bäume, die Vögel und Tiere, die Schlangen und ihr Geschlecht, die Kerfen und ihr Wimmeln, die Fische und die Schildkröten fingen mit Dingen an. Holzfürst und Metallmutter verbanden das Licht mit dem Trüben, so machten sie das Menschenwesen. Die fünf Alten baten den Nephritherrscher, der über den dreiunddreissig Himmeln wachte, als höchster Gott zu herrschen. Er wohnte im Jaspisschloss aus weissem Nephrit mit goldenen Toren. Er gebot über die achtundachtzig Mondhäuser und die Götter des Donners und des Grossen Bären. Er befehligte die Klassen der unheilvollen Götter. Sie halfen dem Jaspisfürsten, über die tausend mal tausend Geschlechter unter den Himmeln zu herrschen. Sie verteilen Leben und Tod, Glück und Unglück, sie halten die Waage. Danach zogen sich die fünft Alten zurück. Sie leben nun abgeschieden in stiller Reinheit, üben das Nicht-Wollen. Der rote Herr wohnt im Süden als Feuergott. Der dunkle Herr hat sich im Norden niedergelassen, im trüben Nordhimmel, der nicht als die Einbildung bestehen lässt. Er thront in seinem Schloss aus Wasserkristall. Der Holzfürst wohnt im Osten, er beherrscht Vergehen und Entstehen, Zerstörung, Zerstreuung und Zeugung. Er heisst der grüne Herr, Besitzer der Frühlingskraft und Anstifter zur Liebe. Die Metallmutter wohnt im Westen am Jaspissee, sie ist die Königinmutter des Westens. Ihr gehorchen die Feen und die Kräfte von Wachstum und Wandlung. Der gelbe Alte wohnt in der Mitte. Er wandelt umher auf der Erde, um zu retten und helfen in Not.»

Ich möchte sterben

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Ich möchte sterben, dachte er, zerfallen, zerbrechen, zerrieseln, zerstieben, zerstäuben. Er sass im handbreiten Schatten des östlichen Nordtors, im glühenden Glanz des Throns. Das Licht fiel wie Sand in seine Augen, verrieb seine Sicht. Ich möchte sterben, dachte er und blickte aus dem papierscharfen Schattenbalken auf Taht-e-Tavus, seinen Nephritherrn, seinen Schöpfer, dachte er. Sterben, aber ohne Stein zu werden, das wünschte er sich. Er sass unbewegt da und wirkte nicht wie ein menschliches Wesen. Sein Meister war eine Salzsäule am westlichen Nordtor. Der Rubinstein blickte unentwegt in seine Richtung. Er war wie das dritte Auge dieses Lands, ein unentwegtes unbewegtes Starren auf die Wesen, die ihm Dinge, während die Dinge ihm Wesen. Kohi-noor beschenkte alles mit Ohnmacht, mit zeitloser Pein. Ein Stein, der schon immer ebenbürtig gewesen war. Sein durchdringender, ätzender Blick, dachte er, ist mehr das Ende als der Anfang. Aus den Mären seines Meisters wusste er, dass dieser Rubin sich nie hatte durch Bitten erweichen lassen. Selbst Männer wie Darius und Serubabbel und Suppiluliuma hatten ihm geradeso standgehalten; zu lange, und die Knochen schmelzen auch ihnen. Ich möchte sterben, dachte er, ohne Nachfolger sterben, diese aus Unkunde und Urkunde gebaute Welt verlassen oder zumindest vergessen. Gleichgültig, was für ein Danach mich erwartet. Es war nicht die Einsamkeit, die er Verlassenheit nennt, die hatte ihn doch schon längst aufgefressen und wieder ausgespien, es war der unablässige, unerbittliche, unbewegte Blick von Kohi-noor, ein Endleuchten, ein Ausleuchten. Wenn nur die Fräuleins wieder mal kämen, mit ihren lispelnden und zwitschernden Stimmen, den neugierigen Näschen, den neckenden Worten, dachte er. Wenn ihnen am westlichen Nordro die Schelmenkappen überstreifen musste, konnte er den Zitrusgeruch ihres Körpers und den Mandelgeruch ihres Haars riechen, und dann trippelten sie davon, hielten sich am Silberstrang, das sie über den stäubenden Platz ins Gelände des Turms führte, aber bald waren sie hinter der Krümmung des Horizonts verschwunden. In seiner Jugend war er ihnen einmal gefolgt. Er war an der Grenze stehengeblieben, wo die Wolken und Winde sich sammelten, unter wehenden Röcken hatte er die weissen Beine der Fräuleins aufleuchten gesehen. In der Ferne konnte man die Spitze des Turms sehen, das drehende Feuer. Ich möchte sterben, dachte er, diese Erinnerung genügt mir, und wie mich der Meister danach geschlagen hat.

Die Zerstörung der Wallstadt Kowloon

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Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Auf Begehr unseres himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., berichten die Chronisten aus dem Turm «Divrê Hajjamim», östlich unserer Stadt gelegen, Folgendes über die Legende vom Untergang der Wallstadt Kowloon: «Das Ereignis wird in die Zeit der Königsdynastie D. datiert, Tkufa des Scha’ar HaRachamim. Damals – genaue Jahres oder Herrschaftsdaten liegen uns nicht vor – soll in den Herbstmonden, kurz nach einem besonders starken Schwefelsturm, ein Rabe mit einer Botschaft vom Blumen-Früchte-Berg beim Ratsmitglied Zhuangzi eingetroffen sein. Es ist vorzubemerken, dass damals aus Gründen, die sich uns nicht erschliessen, die Wallstadt Kowloon den «Heiligen vom Thron» stellte. Wir vermerken dies lediglich der Vollständigkeit und Verständlichkeit halber: Wie eine südliche Stadt für das nördliche Viertel des Jadetempels zuständig erklärt worden sein kann, erschliesst sich uns weder aus den Aufzeichnungen noch scheint es uns vernünftig. In dem Sendschreiben, das der Rabe dem Zhuangzi brachte, forderten die Affen die Rückgabe des Steins genannt «Kohinoor». Dieser ist unserem Wissen gemäss der mittlere Stein im Baldachin des Taht-e-Tuvas. Die Antwort von Zhuangzi war ein unbegründetes, aber bestimmtes Nein. Die Affen vom Blumen-Früchte-Berg schickten darauf noch weitere Vögel mit der gleichen Botschaft: eine Eule, einen Kranich und einen Geier. Erst bei der vierten, vom Geier überbrachten Forderung brachte Zhuangzi das unerhörte Begehren den anderen Ratsmitgliedern zur Kenntnis. Auch diese bestanden jedoch auf einem kategorischen Nein als rechtmässiger Antwort. Sie liessen den Geier vom Himmel schiessen. Einige Monde später tauchte vor den Wällen der Wallstadt Kowloon das Schwein namens Xiao zhû auf. Die Einwohner, die von den Forderungen des Blumen-Früchte-Bergs in seliger Unkenntnis gelassen waren, gerieten angesichts der Schweineschreie in Panik. Das Schwein namens Xiao zhû war allen aus ihrer Kindheit bekannt als die Figur des verkörperten bösen Künders, des Kinderfressers und Kriegsbringers. Das Schwein namens Xiao zhû überbrachte dem Rat der Wallstadt Kowloon die Kriegserklärung und verschwand darauf in den Hitzewallenden Sümpfen. Wochen später langte die Flotte der Affen im Hafen Dan-no-ura an. Sie überrannten die Wächter des Turms genannt «Stiefmutters Ziegelofen», rissen die Kerker dortselbst ein, liessen die darin eingeschlossenen Sirenen frei und kämpften sich durch die Stadt bis zum Zikkurat des Rats, genannt «Haus des leeren Wegs». Sie erschlugen alle dreizehn Ratsmitglieder und verschwanden spurlos Richtung Westen. Gemäss der von uns studierten Unterlagen ist es unklar, ob sie wirklich, wie Flüchtende aus der Wallstadt Kowloon behaupteten, bis zum Jadetempel vorgedrungen sind und den Taht-e-Tavus geschändet haben. (Es wäre ihnen zuzutrauen.) Die Sirenen haben im Anschluss die Wallstadt Kowloon fast dem Erdboden gleich gemacht. Inwiefern diese Legende auf getreulich tradierten Tatsachen, somit der Wahrheit, beruht, ist uns aufgrund der zeitlichen Entfernung nicht möglich gewesen zu eruieren. Der einzige Fakt dieser Legende ist die vollkommene Zerstörung der Wallstadt Kowloon in der Tkufa des Scha’ar haRachamim.» Dieser Beruicht wurde unserem himmlischen Fürsten, König T. Balak IV., im achten Jahr seiner Herrschaft zu Gehör gebracht, Tkufa des Scha’ar ne’ul. Sie waren es zufrieden.»

Wesen und Wirken

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Jedes Wesen hat sein Wirken. Jedes Wirken hat sein Wesen. Auf einem Felsen im See putzt sich ein Fischreiher. Was um ihn vorgeht, versteht sich für ihn. Die starke Sonne war ihm Aufforderung. Seine grauen Beine halten ein Gleichgewicht, das dem des Steins gleicht, auf dem er steht. Seine Bewegungen sind schnell und präzise. Er kämmt den Bart an seinem Hals, der anfangs gelb wie Augen der Nierenkranken ist. Einmal pickt er, einmal packt er einzelne Federbüschel mit seinem Schnabel und bürstet sie mit einer langen Bewegung, die am Schilfufer begonnen hat. Seine Bartfedern beginnen zu schimmern, verlieren das müde Gelb. Einmal breitet er den linken Flügel aus und sticht und strählt hinein, immer zuerst den linken, einmal streckt er die rechte Schwinge aus, wählt einzelne Federn aus und glättet sie mit seinem Schnabel. Verdeutlicht er die Farben der Unterfedern, verdeutlichen die Federn ihn? Er steht auf seinem Geierberg und erblüht. Seine Schwingen sind nicht mehr nur graue Schwingen, sie leuchten in Kristallfarben zwischen violett, silbern, meergrün, dämmerungsrosa, ein Amethyst-Himmel. Er formt die Flügel in seinem Rücken zu einem Schild, zu einem Herz. Er streckt seinen Hals lang, den Schnabel steil im Himmel. In seiner Kehle unterm winzigen Kopf bewegt sich eine halb gurgelnde, halb keckernde Freude oder Lust. Er hat seine Beine nicht bewegt. Er singt in der flimmernden Hitze des Mittags. Sein Wesen ist Schönheit, sein Wirken ist Tod; sein Wirken ist Warten, sein Wesen ist Jetzt.

Das Volk Josefs

Village with tower-like dwellings and people walking on stone pathways in volcanic terrain

Das Volk Josefs, sagt man, wohnt im Norden des Turms «Nitzotzot». Es soll in hohen, kelchförmigen, zum Himmel offenen Türmen wohnen. Diese Türme sehen aus wie aus dem Boden gerissene und in den Himmel gestülpte Brunnen. Die Beschaffenheit dieser Strukturen, auf deren fensterlosen Grund das Volk Josefs wohnt, ist die eines Wespennests. Wer sich dieser aus hunderten Türmen bestehenden Stadt nähert, die Neunaugen aus dem schwarzen, warmen Boden ragen, wird auch zuerst das Summen von tausenden flüsternden Stimmen vernehmen. Die Wabentürme wechseln je nach Lichteinfall ihre Farbe. Darin gleichen sie den Augen dieser Menschen, die ihre Stimmungen oder Gefühle mit der Farbe ihrer Iris ausdrücken. Man sagt, Menschen, dabei ist das gar nicht gewiss. Während einige sie für Flüchtlinge aus der Zeit vor dem Feuerspalt halten, der ihnen die Heimkehr ist Nordland versperrt, behaupten andere glattwegs, wenn sie zwar menschlich seien oder schienen, so stammten sie aus einer anderen Welt. Manche ganz radikale Stimmen aus der zweiten Gruppe halten die manchmal auch «grüne Männchen» genannten Menschen aus dem Volk Josefs für «Wiederkehrende». Ganz Verrückte vermuten sogar, es seien dies, wie sie es sagen, «aus der Schlucht von Gehinnom Geschlüpfte». Viel spricht dafür, dass die zweite Gruppe auf der richtigen Spur ist: Bewohner des 4. Zikkurats genannt «Oigschtchummum» – das heisst «Herzenüberschlag» -– würden sicherlich nicht zögern, die buchstäbliche Ausser- oder zumindest Anderweltlichkeit dieser Rasse zu bestätigen. Die Bewohner des «Oigschtchummum» müssen es wissen, denn sie kennen das Volk Josefs gut: Dieses kommt in den Wintermonden vor das Tor «Nitzotzot», um ihre Häute zu verkaufen, aus denen die Einwohner des Zikkurats darauf Pergament für ihre ausführlichen geheimen Chroniken herzustellen, in die noch nie ein Gelehrter aus den anderen noch bewohnten Zikkurat blicken konnte. So erzählt man sich, dass ein Blick in die farbwechselnden Augen eines solchen Menschen bei einem Menschen der Inneren Stadt zu Halluzinationen, Nahtoderfahrungen oder Zungenreden führt. Die Bewohner des 4. Zikkurats haben sogar ein eigenes Wort für diese Krankheit: Immondifikation. Doch die offensichtliche Andersartigkeit des Volks Josefs zeigt sich in ihrer Fortbewegungsart, denn sie gehen auf allen Vieren, obwohl sie Arme und Beine wie die Innenstädter haben – diese auch für Ähnliches benutzen –, und in ihrer Sprache, die aus kurzen, manchmal harten, manchmal weichen, fast schleimigen, irgendwie halb singend-schmatzenden, halb klickend-knarrenden Lauten gebildet wird. Wenn sie mit Innerstädtern reden, benutzen sie mit grosser gutturaler Mühe die herrschende Sprache der Väter.

Von der Blödheit der Männer

Japanese soldiers in uniform marching with rifles near the Ziggurat of Ur

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ein Zug des 49. Regiments überquerte heute vor unseren Augen den Äusseren Hof. Ich war mit anderen Damen und der Prinzessin Nyaruhodo auf der Heimkehr vom Turm der Geschichten. Man hatte unsere Sänften für eine kurze Rast der Träger abgesetzt. Einige von uns hatten sich ins langsam feucht werdende Gras gesetzt. Die Männer des Zugs gingen trotz ihrer offensichtlichen Erschöpfung fast im Laufschritt. Sie waren nicht nur erschöpft, sie schienen kurz vor der Auflösung zu sein. Einige gingen nur im Hemd, mit zerrissenen Hosen, andere besassen nur noch einen oder keinen Schuh mehr. Ihre Gesichter waren derart schmutzig von Schweiss, Russ und Blut, dass man ihr Augenweiss für Sterne im Abendlicht halten konnte, das einen feinen Dunst über den Äusseren Hof legte. Da ihr Schritte nicht als das übliche regelmässige Stampfen zu hören waren, dachte man bei ihrem Vorübergehen an Amphibien. Sie glichen in keiner Weise den jungen Männern, die ich noch gestern auf dem Exerzierplatz betrachtet hatte. Jene hatten mich an meine Brüder erinnert. Es war ein Bild männlicher Energie gewesen, Gesichter in ihrer Röte trotzig, Körper als Körper. Nach dem Marschieren standen und sassen sie in den verschiedensten Stellungen und Haltungen auf dem staubigen Platz. Ihre Gesichter leuchteten. Obwohl ich ihre Gespräche oder Zurufe nicht verstehen konnte, war ihre Sprache hart und ihre Gesichter stumpf. Einer hatte Sommersprossen, die wie frische Blutspritzer blinkten. Das Männerlachen klang herüber zu mir, rau wie Echsenhaut, bohrte sich wie Holzspriessen in meine Niere. Ich dachte an meine Brüder, an ihr dumpfes Wesen, an ihre vermutlich absichtsvolle Blödheit oder Blödelei, die sich nie auch nur einmal einer Form von Einsicht näherte. Dieses Schweigen junger Männer vor den Feinheiten eines Tanzes, Liedes oder Bildes. Ochsen oder schlimmer. Ich verachtete meine Brüder, aber ich verspürte eine merkwürdige Bewunderung für sie. Und doch konnte ich heute nicht anders als weinen, als ich die Soldaten über den Äusseren Hof schlurfen sah. Hatte denn der Krieg schon begonnen? Diese Männer schienen mir jetzt noch weiter vom Menschlichen entfernt als gestern, und man konnte es ihnen ansehen.

Fern ist mein Bruder –
Wer nur hilft ihm dort dabei
Ein Mensch zu bleiben?»

Eine militärische Operation

(Scenic Beauty of Kōfu) Main Gate of the 49th Infantry Regiment Barracks, Kofu

Die Zeitung «Jade-Öhr», die im Einflussgebiet des 3. Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung», erscheint, schreibt: «Aus zuverlässigen Quellen ist uns bekannt geworden, dass die Jade-Division namens «Gyoku-heidan» unter unserem verehrten Herr Erlang demnächst eine beschränkte und präventive Inkursion in das westlich des Felsens der Reue gelegene Gebiet plant. Offizielle Stellen haben diese Information bisher weder bestätigt noch verneint. Wie unser geneigter Leser und unsere aufrecht-hübsche Leserin mit einiger Sicherheit wissen oder vermuten dürften, könnte es sich dabei um eine längst fällige Antwort unseres umkämpften, aber standhaften Rumpf-Reiches handeln, die bisher jenseits der Ebene der Gottesfurcht heimischen Rakschasi, die sich bisher allesamt als Vergewaltiger, Verbrecher und Friedensucher erwiesen haben, wie unser lieber König Z. Qoum I. nicht müde wird zu betonen, als süchtiges, meintätiges Gefleuch dürfen wir uns an dieser Stelle wohl durchaus berechtigt sehen und herausnehmen, den guten, sorgenaufgebrachten König einmal richtig zu zitieren, eine also längst überfällige, vielmehr notwendige Antwort unserer Governeure und Profiteure auf die aus dem Wesen heranflutende «Rote Gefahr», wie wir das Wort aus dem Volksmund anzuwenden beflissen sind, einzudämmen und abzuklemmen, damit sich insbesondere unsere strebsamen und unermüdlichen Siedler ganz auf die Erschliessung des Westens konzentrieren können, denn nicht umsonst haben uns ihre Stimmen bereits mehrfach in unserer Redaktion erreicht, sie würden als Pseudo-Miliz oder koloniale Vorhut missbraucht, die Dynastie der Z. missbrauche sie als zivile Schutzschilde im über weite Strecken vergeblichen Abwehrkampf eines einst mächtigen, ja gefürchteten, jetzt aber geschwächten, ja geradezu in Auflösung begriffenen Hegemons, so der Tenor dieser Stimmen aus dem Lager der Siedler. Die Redaktion hat bereits mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass ihre eigene Lage durch die wiederholten und ausdauernden Sit-ins und Shout-ins dieser doch mehr als aggressiven Minderheit gefährdet ist. Gerade gestern wieder wurden zwei unserer Journalisten von den «Gottesfürchtern», wie sie sich bekanntlich zu nennen belieben, ohne einen wirklichen, will heissen beglaubigten Propheten in ihren Reihen zu haben, nicht nur eingeschüchtert, sondern geradezu spitalreif geschlagen. Wir können den Entschluss unseres verehrten Herrn Erlang daher nur wortmächtig unterstützen und ihm in unserer Leserschaft Gehör verschaffen, indem wir unterstreichen, auch wenn dieser noch von keiner offiziellen Stelle bestätigt wurde, dass wir eine solche nicht mehr länger diplomatische Vorgehensweise nicht umhin können zu unterstützen. Laut weitergehenden Berichten wird das 49. Regiment als erstes ausrücken.»

Unterm Zaqqum

A dark hellscape filled with flames, tortured human figures, and a large twisted tree bearing flaming demonic heads

Unterm Zaqqum sassen wir und weinten.
Von den Zungen der Teufel tropfte der scharfe Speichel des Nachtragenden.
Unterm Zaqqum hielten wir Rat.
Die Wurzeln wuchsen in den Anus hinauf.
Unterm Zaqqum machten wir Eingaben.
Aus dem Salz unserer Tränen bauten wir eine Bank.
Unterm Zaqqum lagen wir und litten.
Der Wiedehopf kam und kontrollierte unsere beschnittenen Glieder.
Unterm Zaqqum fluchten wir auf die Gottesfurcht.
Nicht in einem Wort, das die Teufel sagten,
zeigte sich die Sonne.
Unterm Zaqqum sassen wir und weinten.
Der Speichel des Nachtragenden löste unsere Augäpfel auf.
Unterm Zaqqum streckte sich die Zeit wie eine Bahn.
Wir ritten unsere Grossväter tiefer in den Sumpf,
unsere Mütter klammerten sich an unsere Knöchel,
rutschten tiefer, eine an jedem Zeh.

Beschluss des Dritten Rats

Group of villagers with animals evacuating near burning crevice and stone wall

Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Der Dritte Rat hat nach zweiwöchiger Klausur beschlossen, dass die Bemühungen um eine Wiedererschliessung der südlichen Stadtteile sowie der darin liegenden Vestigien, Türme, Bibliotheken, Höfe und Weihestätten, Nadelöhre und Mausoleen einzustellen sind. (Allfällige Rückkehrer der letzten Expetion werden in den Priesterstand erhoben und mit einem Landgut unter den Felsen der Reue beschenkt.) Dem Dritten Rat liegen Beschwerden vor, wonach die Population der Gluckliche am westlichen Ende des Felsens der Reue derart angewachsen ist, dass sie der Urbarmachung des Lands am Fuss des fünften Zikkurats, genannt «Himmelsachtung», gefährdet. Die Läuferin Sa’ile hat unseren Eindruck von einer verstärkten, zumindest zunehmenden Bedrohungslage bestätigt, indem sie uns glaubwürdig von massiven Schäden in der Nordmauer, besonders im Bereich des Turm «Chochmah» (das ist der mittlere Turm in der nördlichen Mauer), berichtet hat, einerseits, und dass vom westlichen Nordturm, dessen Name verschollen ist, wenngleich einige Mitglieder des Dritten Rats weiterhin zu behaupten wagen, es sei der vergessene Turm genannt «Malchuth», andererseits grosse bis starke Erschütterungen aus dem Bereich des Feuerspalts jenseits der Mauer anzuzeigen seien. Sie habe, versichert die Läuferin Sa’ile, auf ihrer Rückkehr hierher mehrere Wagentrecks angetroffen, die sich auf dem Rückzug aus der Ebene der Gottesfurcht befänden. Vor diesem Hintergrund – und in der Folter eines kürzlich eingefangenen Rakshasis bestätigt – scheint es dem Dritten Rat notwendig, sowohl die Suche nach weiteren Arkana und Urkunden über die Zeit des Manns namens Aron Sa’ara als auch die Erkundung der weitgehend in Vergessenheit geratenen südlichen Stadtteilen einzustellen. Gegeben und geschrieben im fünften Jahr unseres Königs T. Balak IV, Tkufa des She’er ne’ul.»

Einer ruft im Mordtal

Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Briangotts in der Wikipedia auf Englisch – From the 1901-1906 en:Jewish Encyclopedia. Übertragen aus en.wikipedia nach Commons durch Storkk mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4452832

«Ich bin so allein wie das Lamm Gottes,» ruft Blödelîn, «mürbe und morsch bin ich hier im Schatten Zaqqums, hier im wüsten Mordtal, ein klindender Clearling unterm Milch-Makel des Sternenheers. Soll ich mich denn weiter mit den Baalen aalen? Ich werde an jedem Ort lieber sterben wollen als leben. Ich bin zerbrechlich wie Schiefer, ich bin weich und zart, schlüpfrig im Leben wie das Schmalz in euren Töpfen. Der Geruch Molochs betäubt meine Nieren. Ich höre die Stimmen oben auf der Mauer im Osten: «Alles ist gut,» sagen sie, «alles ist in Ordnung.» Aber nichts steht gut, nichts ist in Ordnung. Das Lied, das ihr singt, lässt die Wolken zerspringen. Niemand wird da sein, um euch aufzuheben. Das Blöken der Herden ist verstummt, selbst die Vögel des Himmels und die Tiere des Waldes sind geflohen und lassen sich nicht mehr sehen. Immer von neuem hat man euch Gottesdiener geschickt, aber keiner von euch kümmerte sich darum, niemand hörte darauf. Jeder rennt auf seinem Irrweg weiter wie ein Pferd, das sich in die Schlacht stürzt. Alle Zugvögel halten sich an die Zeiten, die ihnen gegeben sind: der Storch, die Taube, die Schwalbe, die Drossel. Ihr betet den Stein auf dem Pfauenthron an. Das Tal, über das ihr eure Mauer errichtet, heisst Mordtal. Zerschlagen bin ich, zerriesele mitten unter euch, in meinem Schädel hausen Schakale und Baale. Ich kann nicht mehr stolz sein auf diese Stadt und ihre Einwohner, denn sie erkennen, was sie wollen, sie begreifen, was ihnen recht ist. Das Volk, das ich von ganzem Herzen liebte, sehe ich dem Diamanten-Glanz ausgeliefert, hart und glatt. Es ist mir fremd geworden, unheimlich wie ein Löwe im Dickicht. Genauso wie ein Löwe brüllt es mich an, feindselig und stur. Darum ist es mir zuwider. Kommt zu mir ins Tal, an den stockenden Fluss, betrachtet mit mir voller Abscheu die Leichen der Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben. Ihre Qual nimmt kein Ende, sie brennen im ewigen Feuer.»