Der Ruhstein

By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – The green stone lying in one of the storerooms of the Temple complex, it is a block of green nephrite-type stone common in the geology of the region, it may have played a role in some religious cult, Hattusa, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51807591

Der Ruhstein hat die Form eines Würfels. Einem erwachsenen Mann reicht er bis übers Knie. Die westliche obere Ecke des Steins ist abgeschliffen oder erodiert. Keine seiner Kanten ist scharf, aus einiger Distanz sieht er aus wie ein grünes Zuckerstück. Er steht nicht in der Mitte des Innenhofs, sondern in der Mitte seines südlichen Viertels. Der Steinhüter sitzt meist im Schatten des verschlossenen südsüdöstlichen Tors. Er dort seine Schlafmatte zusammengerollt, und sein Protokolltischchen steht vor seinem Hocker, darunter in einem Korb die feuchten Tonplatten, die ihm ein Gardist einmal am Anfang der Woche bringt. Sein Schilfgriffel liegt nördlich ausgerichtet auf dem Tischchen. Die Friedensglocke erklingt siebenmal am Tag und dreimal in der Nacht. Nach ihrem Schlag erhebt sich der Steinhüter von seinem Hocker oder seiner Matte, löst im Gehen schon ein blaues Seidentuch aus seinem Gürtel. Beim Stein angekommen, kniet er nieder und reibt jede der vier Seiten mit kräftigen, genauen Bewegungen ab, darauf reinigt er auch die Himmelsstirn des Ruhsteins. In einer weiteren fliessenden Bewegung fährt er mit seinem blauen Seidentuch die acht Kanten des Steins ab und beugt sich dann tief über den Ruhstein, ohne in die Knie zu gehen. Er spitzt seine Lippen und küsst die westliche obere Ecke, der er etwas zuflüstert. Gemessenen Schrittes kehrt er an seinen Schattenplatz zurück und notiert mit seinem Griffel auf eine handgrosse Tafel seien Beobachtungen. Der Ruhstein leuchtet blendend grün wie ein Kubus Meer vor ihm in Sonne und Sand, in Mond und Sand. Der Steinhüter schliesst wieder die Augen.

Fräulein Kyaraboku

Woman in kimono looking worriedly through bamboo blinds at two samurai walking outside traditional Japanese house.

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ich sah ihn nur von hinten. Das lange Haar fiel ihm glänzend über den Rücken. Ich hätte aus Stein sein wollen. Mein Körper wurde zur trockenen Pflaume. Auf meiner Zunge lag der schwere Pfeffer der Reue. Ich schrumpfte, schrumpfte. Wie glänzten da seine Haare. Mein Kopf drehte und rasselte wie eine Gebetsmühle. Ich wich hinter die Bambusmatte zurück, es raschelte. Hatte er das trockene Flüstern der fallenden Matte gehört, das Seidenkichern meines Kleids, den leisen spitzen Schrei? So stand er und sprach mit einem Gardisten. Ein unbezwingbarer, unbezwungener Turm im Zenith der Herbstsonne. Geblendet und zitternd kniete ich mich hin. Mein Unterleib war heiss und gurgelte. Ich hatte oft zu meiner Zofe gesagt, er kann mir nichts mehr, er kann mir nichts mehr antun. Mein Schmerz sei vernarbt, und ich selbst ein Kiesel im Marschfeld der Zeit. Doch siehe da, nein. Das Fleisch erinnert sich, die Achseln heulen. Wer ich wurde, zunichte. Die Sashimono knattern im aufkommenden Abendwind. Meine Zofe hält meine Hand. Dann trägt der Wind den kehligen Schrei der Flöte heran, den ersten dumpfen Schlag der Trommel. Ich schliesse die Augen, presse die Lider zusammen, das Abbild seines Haars im breiten Rücken leuchtet dort drinnen weiter und weiter.

Der Glanz deines Haars –
Ein salziges Gedenken –
Ich werde zu Stein.»

Der Schweisstropfen Gottes

Amphibious humanoid playing flute before glowing red bird statue in rocky canyon with hieroglyphs

Der Schweisstropfen Gottes gleicht annähernd einem Wiedehopf. Nur die Engelfolger dürfen ihn anschlagen. Es gibt für das Anschlagen viele ungeschriebenen Regeln. Eine davon heisst «Entwicklung der Liebe». Es ist nicht die wichtigste, aber sie nimmt direkt Bezug auf die Kiemenpflege. Ein Engelfolger hat die Pflicht – bevor er das Recht des Anschlagens wahrnehmen kann -, die Kiemen regelmässig mit Salzwasser zu spülen und dafür zu sorgen, dass die Klangläuse sich nicht zu stark vermehren. (Schon mancher Engelfolger ist an einer Kiemenverstopfung gestorben, warnen die Mütter.) Die meisten Engelfolger sind aufgrund ihrer Sorglosigkeit erblindet. Die Schallwellen setzen eine solche Energie frei, dass der Schalldruck alle Gefässe im Kopf platzen lassen kann. Dafür haben die Engelfolger die Kiemen: sie sind die Schallleiter. Der Stein selbst hat trotz seines Klangvolumens, trotz seiner Klangbreite eine unbestimmte Farbe. Die Legende besagt, dass der Schweisstropfen Gottes das Ei eines Salamanders sei. Es ist wie bei vielen Legenden: Selbst der japanische Riesensalamander Andrias japonicus hat erwiesenermassen keine so wuchtigen Eier gelegt. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass der Stein Teil einer Eischnur gewesen ist: Seine Oberfläche ist absolut makellos und weist auch keine Nabelstellen auf.

Der Turm des ersten Rats

Large concrete cooling tower and empty industrial structures in rocky desert terrain

«Der westliche Turm im Süden hat die Hüften einer Frau, die rennt.» Im Kalkboden sind viele Schritte zu sehen. Sie sind um den Turm herumgegangen, entfernt sich in Richtung Norden. Sie haben auch eine Feuerstelle errichtet. Sie müssen kurz vor einer Bekehrung gestanden haben, denn in der Asche sind Spuren geschmolzenen Plastiks zu erkennen. Aber vielleicht hat in diesem Moment die Bekehrungskraft der Frauen im Stein nicht ausgereicht. Es gibt keine Spuren von Schuhnägeln in der Asche, und natürlich stammen all die Schritte am Fuss des Turms von festen Schuhen. Füsse hätten keine Zeichen hinterlassen, nicht solche, das weiss jede. Auch die eingeschmolzenen Helme fehlen. Vielleicht hat die Hitze nicht ausgereicht. Da sagt man «unverrichteter Dinge» dazu. Heute singen die Frauen im Stein nicht. Vielleicht halten sie Profess oder ein anderes ihrer schwer zu unterscheidenden Rituale, die noch niemand gesehen hat, wenn auch gehört. Aber ein stilles Ritual muss es sein. An Anlässen dürfte es in ihrer Eingeschlossenheit nicht fehlen. Als Turungalîlist bin ich das erste Mal so weit im Süden. Die zähe Erinnerung meiner Lehrerin hat die Form des Turms und die Umgebung gut überliefert. Sie hat ihn den Turm des ersten Rats genannt. Vielleicht auch des Ersten Rats. Sie konnte nicht schreiben. Ich bin über die weite, vernarbte Ebene hierhergelangt, durch die hitzewallenden Sümpfe zuerst und über das Geröllfeld hinterm Hügel der drei Sinne (Fehlen, Mangeln, Lösen). Doch diese platte, trockenrissige Tafel hat mich erschreckt. Die Schritte der Truppe sind tief eingegraben und im südlichen Winter ausgetrocknet. Waren es Gesandte oder Heilige? Von meiner Lehrerin weiss ich auch, dass die Sommer im Süden unserer Vorstellung von der Sintflut gleichen. Wohl eher Heilige, dass sie in diesem Regen ein Feuer unterhalten konnten. Der Turm öffnet sich oben wie die andere Öffnung einer Flöte. Es steigt kein Rauch auf. Ich sage deutlich: «Die Bekehrung hat nicht stattgefunden.» Ich artikuliere genau und gut. So hat es mich meine Lehrerin gelehrt. Besonders bei Gefahr von Umkehr. Ein wenig grauer Staub fliegt auf, als ich mich hinsetze, meine Aufzeichnungen öffne und den Turm festzuhalten beginne. Immer noch keine einzige Stimme, und auch keiner der Vögel, vor denen ich gewarnt wurde. Ich muss schnell machen.

Das verschlossene Tor

Von Fallaner – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88839146

Warum ist das Tor im Osten verschlossen? Gesteinte Blüten warten auf den Blick. Das Tor ist stumm, schriftlos. In den Nischen liegen Hühnerknochen. Krautiger Salat wächst in Steinfugen. Das Zedernholz der Doppeltür ist schwarz vom Regen, der nicht aufhört. Moosbärte hängen an Angeln. Ein Kinderfinger würde die Türe einstossen können. Rechts schlägt der Regen auf das Glas des Kastens für Bekanntmachungen. Das Klingeln ist das einzige Geräusch, das im Regen zu hören ist. Der Stein, der das Glas links oben durchschlagen hat, liegt grünend im Kasten. Auf einer Bekanntmachung liest sich unter einem Gesicht, das der Beschreibung spottet, der Name «Sturmsarg». Im Schlamm vor dem Tor sind die Schritte tausender Vögel zu lesen. Ihr schwärzlicher Kot schwimmt in den tiefen Pfützen, die schweres Gerät verursacht hat. Aber es ist nicht ihre Tageszeit.

Darum ein Salamander

By Salamandra2021 – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=112022318

Ich komme zurück auf die Kreten. Auf die Kiefern, die kriechen. Auf den Dunst des Hochgebirgs. Tosende Wasser. Den steingrauen Salamander im Schatten vom Strudel. Ein Bücken und Drücken ist dabei. Ein Stemmen und Stossen, das Knospen von Erde: da kommt ein Leib, dem kein Leben ist. Aus den Kreten knospt die Erde. Ein erstes Wort, es hängt von kruden Lippen, platzt von Zähnen, die verwittern. Ich komme, heisst das. So langsam, dass die Zeit vergeht. Die Eier des Salamanders leuchten. Im Rücken der Kreten liegt die Wüste, erstreckt sich in den Wesen, mit Hitze gepflastert. Der steingraue Salamander spürt die Härte des Stroms nicht. Sie kennt die Steine, die rollen. Die Kraft von Fäusten. Liest die Schrift der Kalzitadern, das Holpern stromaufwärts. Die Kraft des Steins, geballte Umarmung. Das Donnern von Stromschnellen. Ein wüstes Rollen, ödes Immer-wieder-nie-gleich. Der Dunst presst sich ins Moos, ins Totholz, ins Farn. Kost die hellen Spuren des Sturms. Das Wachsen hat keine Zeit. Die Kiesel im Mund der Schnelle träumen vom Schweigen, vom Liegen. Gibt es oben Kanten, gibt es unten keine. Darum ein Salamander, im Hals des Stroms.