Das ist kein Traum,
und das wird gewesen sein.
Die Berge und Hügel meines Landes werden von Kratern besiedelt sein,
und im Lande Ammon und Seïr werden Pilze den Himmel bewachsen.
Die Flüsse werden unter harten Schalen verdorren,
die Eichen und Tamarisken, die Olivenbäume und die Feigenbäume werden metallene Augen tragen.
Ein alter Mann wie dieser hier wird in eisernen Gefässen über das Land hinwegreiten,
jaulend wie ein Wintersturm,
seine Hände werden glänzen von einem fremden Metall.
Und ich sehe keine Frau mehr in Benjamin,
ich sehe keine Töchter mehr in Israel,
die Luft in meiner Kehle ist schleimig und brennt wie Alkohol.
Das ist kein Traum, so sage ich,
denn so wird es geschehen sein.
Die Milch der Geissen, die Milch der Eselinnen,
die Milch von Stuten und Kühen wird selbst durch Sieden nicht sauber werden,
die Kakerlaken und Dungkäfer werden sich über die warmen schlafenden Körper aller Lebewesen legen wie ein barmherziger Mantel in der Nacht,
über die Schulter meiner zitternden Geliebten geworfen.
Und oben auf dem Garizim und in Mizpa und Schilo,
Rama und Betlehem,
auf dem Horeb und dem Zion,
selbst den wankenden Stelen meines Gibea,
werden leuchtende farbige Kuppeln stehen wie die Augen eines alten, alten Gottes,
werden stinkende, Sekrete absondernde Gewölbe wie Furunkel oder Pestbeulen erblühen,
darin wird der alte Mann wie dieser hier über Bildern und Schatten von Bildern, Zahlenreihen und Zungenzeichen kauern und lauern,
und mit krächzendem Flüstern Strophen eines Gebets aufsagen,
das seit dem Anfang der Erde das Meer, die Erdplatten und die Vulkane gemurmelt haben,
aufwühlende, aufheulende, zerwerfende, zerstreuende Sprache.
Und eine andere Stimme, die Stimme seines Abgottes,
wird ihm scheppernde Befehle erteilen, die abermenschlich sind.
Mit blinkenden Augen werden die letzten Erstgeborenen ihre leeren Brüste auseinanderreissen.
Das Land brennt
Nach diesem einen Bissen Brot,
nach diesem einen Schlucke Wein,
da schwindet dir die Zeit,
da brennt dir das Land:
die Schatten lösen sich von den Dingen,
und was du noch zu tun vermagst, kennt keine Dauer.
Du siehst die Spuren der Wüstenmäuse bis an die Furten,
du siehst die Kreise der Geier im Himmel wie Schriftzeichen, vorwärtsgeschrieben.
Dein Herz ist wie eine Lücke in der Zeit,
eine Bresche in der Mauer deines Verstehens,
und die singenden und pfeifenden Ängste deines Kindesalters fahren hindurch mit dem Flügelschlag von Jonas Wurm,
und die letzten Disteln am Rande deines Sichtfeldes zerreissen deine sausenden Gewissheiten:
nach diesem einen Bissen Brot,
nach diesem einen Schlucke Wein,
als dir bereits die Pfähle Gibeas wie väterliche Warnungen entgegenkommen,
und die Zeit ist wie der Schlick eines ausgeleerten Sees,
und das Land ist wie ein Feuerspiegel,
wendest du dein Kinn von Kotze befleckt zur Seite,
verdrehst deinen Hals derart,
dass deine Kehle ins Stocken kommt,
deine Arme beginnen hilflos zu flattern wie das Huhn zwischen den Zähnen des Fuchses,
die drei Menschen sind wie die drei Scherben eines Menschen,
das ausgefaltete Land, das eben noch wie die Stirn deiner vergessenen Mutter war,
ist wie die Kehle eines Geiers auf deiner Brust,
und du siehst metallene Gestalten aus den Wüsten und Savannen aufsteigen,
und du hörst das Säuseln des Windes über Nicht-mehr-Sand,
das Rascheln von Dingen wie von Knochen, die nimmer zerfallen,
sie haben die Farben von Noahs Himmelsbogen,
du riechst das Öl der Wüste auf der Haut der Säuglinge Benjamins,
du schmeckst die verkohlte Kruste auf dem Herzfleisch deines Gottes,
und schmierig umfasst deine rechte Hand einen Stab nicht-mehr-aus-Holz:
da steht der alte Mann über leuchtenden Tischen und flackernden Wänden.
Diese beiden Brote
Dein Hunger ist gross,
dein Verlangen ist mächtig;
deine Armut ist gross,
dein Mangel ist heftig.
Du stehst mitten im Grün und verdorrst,
das Wasser kommt nicht zu dir,
das Salz kommt nicht zu dir,
dein Mehl ist der Wüstensand,
in deinem Herzen gibt es keine warme Stelle ohne Wind für die Hefe,
das Gottes Wort dir geschenkt hat.
Dein Schlaf ist wie ein Wachen,
dein Wachen ist wie ein Schlafwandel.
Deine Schreie kommen zu Gott wie das Rascheln von Mäusen im Speicher,
deine Bitten sind wie die Nacken der Dorfältesten,
deine Rufe klingen wie Befehle,
dein Hunger ist wie das frisch gepflügte Feld unter Raben und Wind,
deine Not ist übermächtig,
deine Armut ist wie eine Höhle, die sich selbst gräbt,
in der sich niemand verstecken kann, so tief sie auch wachse in den Stein,
deine Träume sind wie Berge, die sich selbst schürfen,
doch in deinen Augen sehe ich den Flachs noch blühen.
Nimm diese beiden Brote,
hart wie die Klinge eines Schwertes in der Hand eines Philisters,
nimm diese beiden Brote,
braun wie die Täler deiner Heimat,
das eine für deinen Knecht,
der an deinem Hunger leidet,
das andere Brot für dich selbst,
der du dein Hunger bist.
Du wirst kein anderes Leben finden,
du wirst kein anderes Brot mehr finden,
so halte dich daran:
die Armut wird dir nicht verloren gehen,
der Hunger wird dich nicht verlassen,
der Mangel ist dein Erbe,
das Verlangen der Boden, auf dem du wächst.
Diese beiden Brote, Sohn des Kisch,
diese beiden Brote sind Schilde,
diese beiden Brote sind Spiegel,
diese beiden Brote sind Räder, auf die du dich flichst,
diese beiden Brote sind wie die Sonne,
die über dem Flachs aufgeht.
Und so sehr ich deinen Hunger sehe und achte, Sohn des Kisch,
so sehr ich deine Armut wie die wunde Kruppe eines Esels erkenne und schätze,
so sehr selbst du die Fülle schätzen und erkennen,
die von diesen beiden harten Broten kommt.
Ein neuer Mensch
Du wirst ein neuer Mensch werden,
mit Lippen wie Brüsten,
mit eichelharten Worten,
mit einem Herz wie eine Katzenzunge,
mit Füssen wie Minze,
denn auf nichts wirst du mehr treten,
nichts wirst du mehr beschädigen in deinem Gang,
ein neuer Mensch wirst du werden,
mit Augen wie eine Mutter,
mit Augen wie Kreuzkümmel wird deine Gegenwart erfüllt,
und milde wird der Schatten deines Blicks auf den Menschen liegen,
die Hass noch hegen und Zorn unter Schmerzen gebären,
deine linke Hand wird in deiner Schulter sein,
deine rechte Hand ausgestreckt wie die Ranke einer Weinrebe,
schlingend und die Abtrünnigen bei Sinne haltend,
eine neuer Mensch mit neuer Kehle,
deren Atem weihrauchwarm den Mut und den Willen stärkt,
mit einer Brust wie der Karmel,
und deine fiederschnittige Zunge werden deine Taten sein,
aber es werden andere Taten sein,
denn breit ist deine Hüfte nun,
denn ausgedehnt wurde deine Achsel,
um die Grundfesten des Menschen zu tragen,
um die Erstgeborenen Kraft durch Milde zu lehren,
um den Töchtern die Kehle zu weiten,
um den Töchtern die Räte zu öffnen,
um ihrem Tun und Denken das Land zu Erbe zu geben,
auf dass sie mit Reichardien-Wimpern über die noch trauernde Erde gingen,
du wirst ein neuer Mensch werden,
der ein Mann nicht mehr ist,
der keine Frau noch wird,
und deine Ohren werden selbst die Gesänge der Wegwarten hören,
werden die schmalen Lieder des Dills belauschen,
deine Ohren werden wie offene Hände,
wie das Becken einer Frau sein und aufnehmen,
ohne zu unterbrechen aufnehmen wie die Erde im Tal der Rafaiter, und der Augenblick wird verrinnen.
Der wartet und aufmerkt
Doch der Junge steht noch vor dem altem Mann und wartet,
ihn überragend steht er vor dem Geschrumpften und merkt auf,
sein Herz knistert wie die Borsten eines Stachelschweins,
seine Wange brennt noch vom Kuss des alten Mannes,
seine Ohren glühen.
Der Junge überragt den alten Geschrumpften,
der mit dem Aufgang der Sonne noch mehr zu schrumpften begann,
aber sein Schatten wuchs und legte sich über das dürre Land in seinem Rücken,
in den Augenbrauen des Jungen sammelte sich das Öl,
er begann es wegzublinzeln,
denn seine Arme waren schwer wie Schwengel.
Er hatte aufgemerkt,
er hatte sein Ohr dem Manne zugewandt,
er hatte ihm sein ungefähres Jungengesicht hingehalten,
den Kopf hatte er nicht willig geneigt,
und seine Wange war feucht von dem Kuss des Schrumpfers.
In seinem Herz raschelten rastlos die Worte,
es gibt Wichtigeres als die Eselinnen,
und geduldig wartete er mit brennender Wange darauf,
der alte Mann mit den Fliegen in den Augenwinkeln würde sich auflösen wie ein Sandwirbel am Fuss eines Busches,
doch der alte Mann steht noch vor dem Jungen und wartet,
sieht ihn wachsen an Erstaunen und Erwartung,
in seinem Schatten steht der alte Mann und wehrt sich gegen die Scheu,
die ihm in die Nieren fährt wie eine Zikade,
erkennt die Flucht des Geistes in seinen zitternden Knien,
in den Scherben des Krugs zu seinen Füssen,
und im Abnehmen sieht er das leere Gesicht des Jungen über sich hinausragen,
der immer noch wartet,
der immer noch aufmerkt,
und der alte Mann merkt sich diesen Ausdruck auf dem ölglänzenden Antlitz,
er sieht die Fettflecke von der Keule,
die er ihm beim Opfermahl gereicht hat,
schimmern im Rock des Jungen wie drei Augen, die ihn schuldig wissen,
ihn, den kleiner werdenden,
doch bevor er ganz eingegangen ist,
dreht er sich weg vom Stehenden, Starrenden, Störrischen.
Sieben Jahre (Olam)
Sieben Jahre sind lange,
eine mit Mühsal und Zaudern gewürzte Wegstrecke sind sieben Jahre,
viele Stadien wirst du laufen, viele Stadien wirst du kriechen,
sieben Jahre sind geräumig genug für Enttäuschungen und Hochmut,
und mit Langmut betrachtet sind sieben Jahre kaum so breit wie die weisse Spitze deines Fingernagels,
sieben Jahre wollen nicht enden und hören doch auf wie der zwiefache Ruf des Wiedehopfs,
der dich aufhorchen und einhalten lässt und verstummt im Sennabusch,
lange mögen die sieben Jahre erscheinen,
lange wie die Zöpfe einer Tänzerin vor dem Altar, wie ihre Knöchel unterm fliegenden Rock,
wie der Pfeilflug von dem Bogen eines jungen Schützen,
stark und breit wie die Brust eines Ringers,
und du hörst noch die tiefe Sanftmut im Vogelruf über die Furt von Michmas hinweg,
und du ordnest noch die Insektenbeine deiner zappelnden Erinnerung,
und doch gehen sie vorbei wie Lufthauch im Mittag, wie das kleine Zittern in der Terebinthe,
wie eine Biene im Flug streifen sie deinen Handrücken und sträuben die hellen Haare darauf,
von Immerschon zu Immerschon sind sie:
was du aufsammeln kannst, das sammle auf,
was du tragen kannst, das trage mit,
bevor du es zerstreuen musst,
bevor es dich beschwert mit Gewicht oder Gestank,
seine Lust zur Last wird und seine Schönheit verpönt,
das gut gewürzte Opferfleisch scheidest du aus,
den herben Wein mit seinem Traum von Ruhe und Abgeschiedenheit scheidest du aus,
die Völle und der Taumel bleiben ein Augenzwinkern noch,
verlassen dich auch wie der Wiedehopf auf dem Dach deines Speichers,
und in sechs mal sieben Jahren wirst auch du wie der alte Mann,
der dir seine Hand, leicht wie ein Spatz, auf die Schulter legt,
wie der alte Mann mit seinem faulen Atem,
der dir den Weg durch Zaudern und Mühsal,
die vielen Stadien aus Hochmut und Enttäuschung aufzeigt,
gebeugt von dem Immer,
das immer schon war und ist.
Und Gott sammelt die Verfolgten
Wie oft wende ich mein Antlitz dir zu, Mensch,
wie sehr wende ich mein Auge dir zu, Menschin:
aufheben will ich dich in der Hitze des Mittags,
auflesen will ich dich in der Kühle der Nacht,
strecken will ich deinen runden Rücken,
stärken will ich deine wankenden Knie.
Ich höre und ich horte,
ich horte und ich höre,
und ich habe das Einst in dein Herz gelegt. SELA
Keine Schmach ist es, sich zu bücken,
keine Schande ist es, hinter den Erntehelferinnen aufzusammeln,
zusammenzutragen, was dazwischen gefallen ist,
zu ernten, was liegen geblieben ist,
das höre du, der ich mein Wohlgefallen zugewandt habe.
Das Vergessene suche ich,
das Entschwundene suche ich,
das Fallengelassene sammle ich,
ich sammle das Verlorene,
pflücke die Reste auf,
das Zerstreute findet Boden in meinem Herzen,
ich horte den Rest,
ich höre die Reste.
Und ich habe das Immer in dein Herz gehäuft,
aus der einmal aufgestellten, einmal gebundenen Garbe habe ich Ähren herausgezerrt,
ich habe an den Garben gezupft wie du am Kleide Boas’,
wie du am Kleide Samuels,
herausgelesen habe ich die Ähren, an denen es dir mangelte,
achtlos hingeworfen lagen sie vor deinem Auge,
und unter meinem antlitzenden Auge lasest du sie auf,
hobest das Entschwundene auf,
nahmst das Vergessene zu dir in die Schürze,
hinter den Garbenbinderinnen her gingst du geneigt,
fandest hier eine Ähre und da eine andere Ähre,
und dein Ohr lag an der stäubenden Erde im Mittag,
im Schatten des Dornbuschs und der Distel,
und ich hörte dein Herz knistern und piksen,
und ich horte das Prickeln in deinen Augen und das Hüpfen deiner Leber.
Wie oft wandte ich mein Antlitz dir zu, Menschin,
wie sehr wandte ich meine Auge an dich, Mensch:
das habe ich dir geschenkt,
dass du eine Schürze hast, in die du liest.
So wird es nach dem Propheten geschehen
Mein Name ist Ikabod, und ich frage dich,
aus der fremden Vergangenheit frage ich dich,
gibt es einen von euch, gibt es eine von euch,
die den Lauf der Dinge gesehen hat,
der das Nieseln der Zeit in den Nieren gehört hat,
so frage ich dich aus der umgewandten Vergangenheit, eine Person nur,
die sich weder umgedreht noch aufgerichtet hat in jener fernen bereits beschriebenen,
in jener gerückten bereits geschehenen Toten See,
die sammelt und sammelt, was die Propheten sagen,
die aufliest und aufliest, was die Propheten schreiben,
und wo ist die Herrlichkeit auf einmal hin, so frage ich dich,
mein Name ist Ikabod, und ich horte,
horte, was nach dem Propheten geschieht,
horte, was du gesehen hast,
häufe an, was du gehört hast in den Tagen deines gebeugten Halses,
häufe an, was du gesehen hast in den Nächten deiner ausgeweinten Augen,
und ich wende mich dir zu, ich selbst,
Ikabod, der in seinem Herzbeutel genügend schon trägt,
der in seinem Herzzelt schon genügend getragen hat,
der die gerungenen Hände aufbewahrt und die gedungenen Schänder,
und ich frage dich, aus der fremden Vergangenheit hinauf,
wo ist die Herrlichkeit auf einmal hin,
so frage ich dich, denn siehe, da war sie – die Menschin,
so frage ich dich, denn höre, da war er – der Mensch,
und hob jemand den schweren Kopf,
angefüllt mit diesen bedeutenden Wörtern, mit diesen vorausblickenden,
mit diesen vorausschauenden Sprüchen,
und hob jemand den schweren Arsch von dem Karren,
der mit der Lade des Zeugnisses dahin rollte,
um von dem Karren, der durch das Kies des Unwendbaren knirschte,
der durch das Feld des Unrückbringlichen flüsterte,
hinunterzuspringen in das tränende kalte Gras des Morgens,
um sich hinzukauern und den Karren Karren sein zu lassen ,
das Voraus Voraus und das Vorwärts Vorwärts,
den Karren mit seinen drehenden, drohenden Augen,
war da auch nur eine oder einer, die fragte,
die Füsse in den grauen Bauch des Weges gestemmt,
wo ist die Herrlichkeit?
Wedernoch, Nichtnurnicht
Es gibt kein Ja von mir
Du kriegst ein Nein: beschreite ich doch
Schon Auswege bevor du noch
Nachfragst: aber mein Nein ist auch
Kein Nein: weder ein Nein noch ein Ja
Nicht nur nicht kenne ich
Was war oder was kommt: auch
Was jetzt ist gibt es für mich nicht:
Sondern ich weiss um meinen immer
Tragenden Schoss mit seinem Entwederbeutel –
Sondern ich schwelle um meinen immer
Zeigenden Finger mit seinem Odersack an –
Es gibt kein Nein: du kriegst nur
Ein Ja: beschreite ich doch schon
Einen Abweg bevor du noch
Nachfolgst: ich habe mein Joch
An den Mond gehängt und mein Weberschifflein in die Ebbe:
Ich gebe dir meinen Zahn und keine Fingerspitze: sauge du doch
Am eigenen Daumen: ich schultere meinen Korb
Hoch oben zwischen den Platanen und im Seeglast des Nachmittags:
Ich bin Weide: ich bin Traube:
Ich bin Stift: ich bin Pfahl:
Ich bin Hanfseil: ich bin Schamlippe:
Ich bin Vorhaut: ich bin ein Weder
Das nochmals und nochmals besteht
Auf dem Nochnicht und Nichtschon
Auf dem Nichtschonwieder und auf dem
Machtvollen Tropfen: auf dem kräftigen Bizzen
Der dich noch würgen: der dich noch aufschlagen:
Der dich noch fortspülen wird: ich bin der Abstand
Zwischen Ja und Nein: und dieser wächst mit jedem Wort
Das hier fällt wie das erste Blatt aus der Krone:
Wie der erste Stein aus der Krone der Schöpfung:
Und im Abstand innen rinnen: rinnen innen
Meine Wesenzüge nicht nur nicht aus
Sondern führen in die Poren
Die sich wie Ohren weiten in den unbeschrittenen Breiten
Wo du noch nie warst und wirst zu mir:
Mit einer letzten entscheidungsfreien:
Entscheidungslosen Geste gebe ich dich dir.
Ein Gedicht schreiben: Mit der Stimme einer Frau
Letzte Woche habe ich an einer Lesung das erste Mal das Gedicht «Rahels Gebet» vorgetragen. Das Gedicht schildert die letzten Momente der «Erzmutter» Rahel, die bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin stirbt. Von der Moderatorin wurde ich darauf angesprochen, weshalb ich dieses Gedicht als mein «erstes in der Stimme einer Frau» bezeichne, wo es doch grade so strotze vor körperlichen Begriffen, die das Weibliche in einer patriarchalen Zuschreibung fixierten und daher beherrschten.
Diese Kritik hat mich beschäftigt, und ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht, die ich hier nachzeichnen möchte.
Eine andere Männlichkeit?
Seit ich nicht nur weiss (kognitiv), sondern auch begriffen habe (affektiv), wie sehr ich als Mann (noch dazu als weisser Mann in einem europäischen Land!) privilegiert bin – und das ist zu meiner Schande noch gar nicht allzu lange her –, hat sich etwas in der Haltung zu meinen Gedichtstimmen verändert, das mehr als nur ein Perspektivenwechsel ist. (Einen Blick auf meinen damaligen Reflexions-Strang findest du unter «Unterdrückung der Frau und männliche Privilegien».)
Der Schock war umso kräftiger für mich, als ich mich als einen Mann verstehe oder interpretieren zu können glaubte, der keinerlei machoide Tendenzen oder Wesenszüge vorzuweisen hat. Meine Vorlieben waren im «strikten Sinne» gesellschaftlicher Typologisierung schon immer «un-männlich»: ich war weder sportlich noch interessierte ich mich für Autos oder wie auch immer geartete technische oder mechanische Vorgänge und Produkte. Meine Lieblingsfarbe ist pink, und wenn ich mutiger wäre, trüge ich jeden Tag High Heels, die ich liebe.
In anderer Hinsicht bin ich jedoch ganz Mann – abgesehen einmal von meinem «natürlichen» Interesse für das andere Geschlecht: ich rede viel lieber, als dass ich zuhöre; wenn ich Trost spenden soll, fühle ich mich hilflos und gebe einer unbegründeten, aber gut verwurzelten Wut Raum; ich habe auch keine Scheu, in einer Runde das Wort zu ergreifen, obwohl ich vielleicht weit weniger Kenntnisse über das zu besprechende Thema habe als die andern Teilnehmenden; desgleichen bin ich es gewohnt, dass mein Wort angehört wird und gilt, wenn ich es ergreife.
Je älter ich werde, umso weniger ausgeprägter werden die oben aufgezählten, von mir als spezifisch «männlich» und gesellschaftlich bedingten und bewirkten Züge. Auch hat mich eine Liebesbeziehung in den letzten Jahren vieles gelehrt, was mich verändert und «empfindungsfähiger» gemacht hat, was in mir die Fähigkeit des Sehens und Hörens auf die andere Person hat wachsen lassen.
Vielstimmige Gedichte auf dem Weg in eine neue Polyphonie jenseits des Dualismus
Meine Gedichte haben schon sehr früh mit vielerlei Ausdrucksebenen und Stimmen gesprochen, und es war nichts Aussergewöhnliches, dass in einem Liebesgedicht beide Stimmen der Liebenden mitgeklungen, mitgesungen haben.
In den letzten Wochen habe ich nun ein paar erste Gedichte «in der Stimme einer Frau» geschrieben. Dabei war mein Augen- und Sprachmerk vor allem auf der brutalisierten Erfahrung der Frau, auf ihrer Leidensgeschichte und -erfahrung, auch auf ihren biologischen und geschlechtlichen Merkmalen. In diesem «ersten Stadium», wie ich es bei mir nennen, bin ich noch ganz «Mann», noch ganz «Aussenstehender», «Unverständiger», «Missversteher»: das äusserliche und körperliche überwiegt in meiner Darstellung, die Biologie behält noch die Oberhand.
Biologische Begriffe als Hebel zur Veränderung?
Doch schon das Biologische ist ein wichtiger Anfang, wie mir im Rahmen der Beschäftigung mit meinem neuen Zyklus «Psalmen für Saul», in dem auch israelitische Frauenstimmen (von Sara über Rahel, von Rut über Ester bis Hanna und Maria) hineindringen, die patriarchale Welt dieses Gebirgsvolkes aufbrechen und durchdringen sollen. Denn nicht nur die Lebenswelten und -erfahrungen und die Stimmen der Frau wurden und werden in der Bibel und in vielen anderen religiösen Schriften unterdrückt, sondern mit diesen auch die ganze Körperwelt der Frau, und das «bildliche» Potenzial dieser – ja – anderen Körper.
Wenn es der Literatur und Kunst gelingen kann, diese Körperwelt und das damit verbundene Erleben und Wahrnehmen ohne patriarchalen Ventriloquismus in ihre Schaffen und Schöpfen zu übernehmen, wird sich auch die Wirklichkeit und die gesellschaftliche Wahrnehmung, Darstellung und Repräsentation nicht nur erweitern und bereichern, sondern verändern: zu einer mehrstimmigen, für Alteritäten offeneren und eindenkenden.
Biologische Begriffe und Merkmale als Metaphern
Doch was will das heissen, das Biologische, das biologisch Andere – auf das schon Simone de Beauvoir mit erschöpfter Geste gezeigt hat – einzudenken, in unser Denken und Handeln zu inkorporieren, inkarnieren?
Indem du die Sinnhaftigkeit biologischer Begriffe und Merkmale als Bereicherung und Welterweiterung in die Literatur und Kunst und somit vielleicht in die gesellschaftliche Realität hinausträgst. Das für mich beste Beispiel für eine solche Metapher, die in die Denkweisen und Handlungsweisen einer Gesellschaft einwirken kann, ist der biblische Begriff für das «Erbarmen» Gottes, «rahman», der auf die Wurzel «rächäm» – die Gebärmuter – zurückgeht.
Silvia Schroer und Thomas Staubli haben in ihrem Standardwerk «Die Körpersymbolik der Bibel» (1998) erstmals klar und eindeutig darauf hingewiesen, wie mächtig für das ursprüngliche, hebräische Gottesbild (und damit auch für das Menschenbild) diese «Mutterschössigkeit Gottes» (Schroer / Staubli) war – solange ein Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung präsent gehalten wird, werden kann, solange wird er auch das Menschen- und Weltbild mitprägen.
Dabei ist gleichzeitig nicht zu verleugnen, dass die Menstruation in der Bibel tabuisiert, der Frau in dieser Zeit mit dem Begriff der «Unreinheit» jegliche Würde abgesprochen wurde. Doch um mit Schroer und Staubli zu sprechen:
Vielleicht kann die biblische Tradition einer theologisch begründeten Würde des Mutterschosses aber in solchen ethischen Diskussionen eine herrschaftliche Funktion übernehmen und daran erinnern, dass der Schoss der Frau mehr ist als ein Objekt patriarchaler Interessen.
Schroer / Staubli (Hervorhebung von mir)
In eine ähnliche Richtung ist schon sehr lange vorher Ursula K. Le Guin vorgestossen, als die «Tragetaschentheorie des Erzählens» (The Carrier Bag of Fiction, 1989) veröffentlichte: hier wird ein äusseres Instrument (der Sack, der Beutel) im Mindesten zum Symbolträger für eine Veränderung des Erzählens, der Erzählhaltung: wie die von ihr geschriebene Science-Fiction sollte seither jede Literatur
ein Versuch (sein), das zu beschreiben, was passiert, was Leute tun und fühlen, wie Menschen sich zu allem andern im riesigen Sack Befindlichen in Beziehung setzen, zu diesem Mutterleib des Universums, zu dieser Gebärmutter der Dinge, die einst kommen, und dieser Grabstätte der Dinge, die einst waren, jener unendlichen Geschichte.
Ursula K. Le Guin
Rahel dem patriarchalen Diktat entziehen
Damit möchte ich den Bogen zurückschlagen zu den ersten Sätzen dieses Textes.
Was das erwähnte Gedicht betrifft, ging es mir in erster Linie darum, einer Frau eine Stimme zu geben, die so sehr unter patriarchaler Manipulation gelitten hat, Objekt patriarchalen Begehrens war und sich so sehr (laut der Bibel, die von Männern geschrieben ist) in das patriarchale Narrativ (eine Frau ohne Kind hat keine Würde) einpassen wollte. Das einzige, was wir von Rahel wissen: sie ist schöner als ihre Schwester (wer definiert denn bitte Schönheit?), sie bestürmt ihren Mann um Kinder, die ihr erst ganz zuletzt endlich geschenkt werden. Und wie eine andere Frau – die Frau des Samuel-Sohnes Pinheas – begreift sie im Moment der Geburt das Schicksal ihres Sohnes (und zukünftigen Stammvaters) Benjamin. Doch nicht einmal dieses Wort, in dem sie ihrem Kind einen Namen gibt (Ben-Oni, Schmerzenskind), wird ihr gelassen, denn ihr Mann Jakob «tauft» das Kind in «Glückskind» (Benjamin) um: entmächtigt sie in ihrem Willen und ihrer Würde als Frau ein letztes Mal, und das ausgerechnet im Todesmoment.
Dieser Entmächtigung und Entwürdigung will sich mein Gedicht widersetzen. Dass dabei körperliche Merkmale der Frau scheinbar typisiert werden, ist mir sehr wohl bewusst: die Verschiebung der Begrifflichkeit und Bedeutung von Zuschreibungen wird nicht auf einmal und vor allem nicht in einem einzigen Gedicht gelingen können.
Viele Fragen bleiben…
In der Anfrage der Moderatorin wurde mir also bewusst, wie wenig ich über das körperliche Empfinden und Fühlen der Frau weiss – und überhaupt über den anderen Menschen! -, obwohl ich ja selbst der Vater einer inzwischen fast erwachsenen Tochter bin.
Doch lass uns nochmals über den scheinbaren patriarchalen Ansatz dieses Gedichts reden: entmächtigt und entwürdigt es die Frau nicht ein weiteres Mal, wenn ich als Mann mir anmasse, in ihrer Stimme und «in ihrem Namen» zu sprechen? Darf ich als Mann denn nur mit der Stimme und im Namen des Mannes sprechen und denken?
Das Schreiben ist mein Lebenszweck, meine Lebensaufgabe – wenn ich nicht schreiben kann, sterbe ich, veröde ich, verliere jegliche Selbstachtung und Würde und Verfügungsgewalt über mich: ich bin jemand, der schreibt.
Wenn ich nun nur als Mann sprechen dürfte, würde das mich nicht auch ebenso entwürdigen? Würde es mich nicht in meiner menschlichen Würde in Frage stellen, wenn ich nur als Mann sprechen dürfte?
Kann ich als wenn auch ungehörter, ungelesener Schreiber-Schöpfer nicht über die Kraft meiner Texte und Worte eine «Anderwelt» schaffen; eine Welt, eine Geschichte, in der Weibliches und Männliches sich verbinden und bereichern – in der Stimme meiner Stimmen?
Das ist letztlich die Frage, auf die ich eine Antwort suche: Ob das blosse Verändern oder anders Verwenden von Zuschreibungen und Begriffsbedeutungen die Wahrnehmung deiner und meiner Welt verändern und damit die patriarchale Dualität und den kapitalistischen Sensationalismus und Konsumismus unterlaufen, unterströmen helfen können?
Und ich bin überzeugt, für diese Veränderung braucht es mich als Mann genauso wie meine Stimme als Frau.
