So hat es der Prophet geschrieben

Deine Kinder wird er auspressen,
            deine Frauen wird er einsperren,
deine Männer wird er einspannen, Israel.
Du wirst sein Gesicht nur seitwärts sehen,
seine Hand wird in seinem Rücken sein und an deiner Kehle.
            Dein Land wird dir nicht mehr gehören,
deine Felder und Weinberge werden von Dornen gefressen,
            deine Ölbäume werden verdursten.
Dein Land wird stille sein wie ein Vater, der um die Mutter seiner Kinder trauert.

SELA

In Ägypten wird man fragen, weshalb ist es so still in unserem Norden?
            In Assur brüllen die Wassermassen des Tigris unerträglich laut in die Stille hinein.
Im Bogen des Marassanta kommen keine Boten aus dem Süden mehr an,
            keine Boten mehr, die berichten von dem geschäftigen Lärm eines jungen Volkes.
Die Philister werden mit weichen Knien in die Bergtäler hinaufspähen,
            in Erwartung von geschleuderten Steinen,
aber es werden keine Steine mehr fliegen.

Ein Gedicht schreiben: Das ist keine Kommunikation

Die Verwirrung, das Unverständnis sind meinen Zuhörerinnen oft ins Gesicht gestellt. Sie hören Sprache, sie können sogar Sätze ausmachen, mehr oder weniger vollständige Sinnzusammenhänge erkennen, doch können ihre Ohren keinen «Sinn», keine «Aussage» festhalten oder feststellen, die das Gedicht in die Welt des gesprochenen Wortes, der alltäglichen Sprache «herunterholen» und dort eingemeinden, verankern, es entschärfen würden.

Auch bei meiner gestrigen Lesung ist dies wieder passiert. Eine Zuhörerin stellte die Frage, wie sie das von mir Gelesene, Vorgetragene denn einordnen solle, sie komme eher von der Musik her, aber hier handele es sich doch um Sprache, oder ob sie einfach zu wenig «Übung» habe darin, Gedichte zu hören und lesen.

Meine Antwort war einerseits eine Entschuldigung, die ich heute gerne wieder zurücknähme, in der ich eingestand, dass es sich bei der Lyrik durchaus um eine Literaturgattung handele, die häufig nur «von Eingeweihten für Eingeweihte» sei, dass die Lyrik aber andererseits durchaus meine Gedichte auch als Musik hören, lesen und verstehen dürfe.

In der Pause höre ich dieselbe Zuhörerin dann mit ihren Tischpartnerinnen flüstern. Ich hätte mich, am Tisch hinter ihnen sitzend, wohl besser eingemischt, wie ich heute früh denke, heute früh, nach einem ruhelosen Schlaf ob dieser immer gleichen, meinen Lebenssinn immer noch immer gleich abwürgenden Frage. Im Wesentlichen behauptete sie im Flüsterton, aber es sei doch hier Sprache, sie verstehen den vor mir lesenden Krimi-Autoren gut, der mit einfachen, klaren Sätzen eine Szene aus dem Berner Alltag beschrieben habe, es handele sich hier doch um Wörter, da müsse man doch etwas verstehen können, das habe doch nicht mit Musik zu tun. Kurz, sie stellte die alte Theorie auf, dass Sprache immer noch und «schlussendlich» im Dienste der Kommunikation stehe oder zu stehen habe.

Es ist interessant, wie mich eine solche Argumentation in meiner gereiften lyrischen Schaffenshaltung und Schaffenswelt noch und immer wieder erschüttern, – nein, nicht erschüttern: irritieren kann.

Auf der Heimfahrt musste ich dann an eine Unterscheidung denken, die ich in einem Essay über die Ironie getroffen hatte, an dem ich seit etwa 2 Jahren arbeite. Darin hatte ich mich, an den amerikanischen Philosophen Richard Rorty angelehnt, um eine Unterscheidung zwischen einer buchstäblichen und einer ironischen bzw. uneigentlichen Haltung bemüht.

Ein buchstäblicher Mensch ist eine Person, die sich zur Ironie, zur Fantasie trainieren, manchmal auch hindurchringen muss; diese Person möchte alles buchstäblich verstehen – eine Aussage muss für sie «Hand und Fuss» haben, mit der «Welt» und dem «Hier und Jetzt» in direktem Kontakt und Bezug stehen, damit sie sie annehmen und ihren Wert wahrnehmen kann.

Für eine buchstäbliche Person steht nur in Krisenzeiten, dann jedoch radikal und lebensbedrohend, der Glauben an das «Hier und Jetzt» und an eine gemeinsame faktuelle «wirkliche Welt» auf dem Spiel. Für eine ironische Person jedoch ist es genau umgekehrt: die «wirklich wahrzunehmende Welt» und das «Hier und Jetzt» werden in Krisenmomenten zudringlich und lebensgefährlich. Eine ironische Person lebt in ihrem Alltagsleben ständig mit dem Gedanken daran, dass die Umgebung und ihre / die Sprache weder «wirklich» wahrnehm- und erfassbar, sondern mehr noch: nicht begrifflich und als auch sprachlich nicht zu erfassen und erfahren ist.

Und hier liegt der grosse Unterschied ziwschen solchen Zuhörerinnen und mir Lyriker: nicht nur glaube ich nicht an die Transport- und Übersetzungsfähigkeit der Sprache, sondern nutze sie meist gleich von Beginn an nur noch als Pinsel oder Klaviatur, um traumähnliche Bilder zu malen oder zu komponieren. Ich erzähle sehr wohl Geschichten und biete sehr wohl Sinn an in meinen Gedichten, aber sowohl Sinn als auch Geschichte liegen in der Art des Sagens, in der zufälligen Konstellation der Worte am Himmel eines Gedichtes.

Um ein Beispiel aus der Musik zu zitieren, ich bin kein Pop- oder gar Schlagersänger, dessen Herzschmerz oder Weltwut oder Weltenttäuschung du verstehen kannst, weil er die Wörter wie du benutzt, ich bin eine Opernsängerin, deren Wörter in Koloraturen und hochfrequenten Schwingungen wie der biblische Sauerteig in deinen Ohren aufgehen soll und kann.

Um mich zu hören und verstehen, musst du nur eines: deine Ohren öffnen. Jedoch nicht so, wie du deine Ohren einer Lautsprecherdurchsage öffnest oder dem Bericht eines Freundes von der Trennung von seiner Frau. Öffne deine Ohren und lasse dein Herz denken, lass deine Nieren fühlen und empfinden, zu was für einem Gesange sich alltägliche und aussergewöhnliche Wörter miteinander verbinden – sie wollen nicht kommunizieren, sondern singen, und was sie singen, ist jenes, was du nie sagen können wirst. Deshalb höre genau hin!

Überflusstung

Die Zählen eines Flusses
Die Fliessen eines Einfahrens
Die Murkeln einer Nierenscheide
Mieden und weiden und schieden
Dich vor der rechtzeitigen Marlieserei:
Die minimale Reistume eines Himmels
Voller Laugen und Mimenwürfe – ernst-
Lassen die mörderischen Baikalkurven
Die den Ablastzug konsumieren
Der in den nörderischen Betrieb eingezählt:
Mit einer enormen Muchtsonne:
Übermählung einer Minute im ersten gynäkologischen Moment.
Das nächste Tram fährt wie ein Cargo-Grimm
Ein in die Mauerfräsen
Denen ich mich einreichen soll
Als eine Art Moorhase in den Gesellenstücklein
Mittelhaltiger Marnies oder unalternder Keimunfälle voller
Urzeit: Urmass eines Gesangs voller Zählnen –
Murnende Lastzüge im gewissenhaften Mahlwerk
Und die Falbmuster schiessen ihre Fäden in die kundigen Fliesen:
Die Ansprüche an die Sprache werden abgeschraubt
Ich schaube sie ab ich schnaube sie
Hinauf in die Stirnfasern meiner Aberganzigkeit:
Die Zollen wägen den Füssentorgenau
Mittels Barkenhaken und den Ohrengestümen einer Rollenfuhr
Hochmut und ragende Bildschirme:
Marlies komm Marlies komm –
Mindestens konkrete antlitzende Bilder:
Was du verstehen kannst
Was du verstehst und hörst:
Keine lässliche Zahlflut
Keine missliche Blüte im regenrohen Musik-Flasshaar
Und die breiten Felgen-Fersen:
Urzeit: Gesang aus Mauern
Klumpen von Stimmen
Die keine Brüste noch Schösse haben
Und weder um ihre Privilegien noch um ihre Moorhasen
Sich sorgen und kümmern können.

So hat es der Prophet gesagt

Wenn ich euch höre, schnaube ich;
            Wenn ich euch sehe, verengt sich meine Kehle;
Wenn ich eure Herzen betrachte, geben meine Knie unter mir nach;
            Wenn ich die Lebern eurer Frauen unter meinen Fingern hin- und herwende, schrecken mich die Folgen ihrer Freude,
die schwer wie ein zu weit gerollter Gebirgskamm in ihnen hockt.

SELA

Jetzt noch ist der Herr euer König,
            mit scharfem Auge späht er in euren Herzen nach Anzeichen von Übermut und Torheit,
jetzt noch kann der Herr euren Augen das wilde Leuchten nehmen,
            jetzt wieder weilt er in Mizpa unter euch und reckt seine Hörner wie ein Stier vom Baschan über die Feinde ebenso wie die Freunde aus,
jetzt noch kann der Herr die Armut eures Volkes in einem einzigen Donner wenden,
            den Jordan zum Euphrat machen,
doch habt ihr ihn schon lange von euren Zungen verbannt,
            von euren Lippen habt ihr ihn gewischt wie Kinder den Kuss ihrer Mutter von der Wange wischen in stolzem Ekel,
und ich weissage euch mit stechenden Nieren,
            mit Nieren, die ins Dorngebüsch geworfen worden sind, in dem das Feuer sie verzehren wird,
weissage ich euch vom Gräuel der Herrschaft des Menschen über den Menschen,
            vom Grausen eines Königs, der euch versklaven wird für seine Sache,
der euch verdingen wird für Dinge, die nicht im Sinne eines Menschen liegen,
            doch dann wird der Herr sein Antlitz abgewandt haben,
dann werdet ihr zum Herrn schreien, aber er wird euch nicht helfen,
            und eure Herzen werden verdorren wie ein Beet ohne Wasser,
eure Kehlen werden versiegen wie die Bergbäche im Sommer,
            und die Schwere eurer Lebern wird zu leicht sein für das Grauen eurer Tage,
wenn ihr auf der offenen Strasse nicht mehr verweilen dürft,
            und das Aufschrecken in den Nächten, wenn ein unbekannter Knöchel an eure Türen schlägt,
zu leicht werden sie sein,
            wie Säcke von Mehl werden sie zerrissen und ausgeschüttet in den Strassen liegen,
aber der Herr wird euch nicht helfen.

Rahels Gebet

Ich trug mein ganzes Leben zwischen meinen Brüsten die reich ausgestattete Göttin,
            zwischen meinen leeren Brüsten hauste seit meiner ersten Blutung das Stäbchen ihrer Anwesenheit,
und sie kam mit mir aus meiner Heimat bis an diesen verfluchten Ort,
            am Rande einer weiteren Reise,
an den staubigen Rest meiner Kraft.
            In meinem Sattelbeutel rettete ich die anderen Pfählchen,
die durch den Mund zwischen ihren Schenkeln sprechen,
            und ihr Zwitschern hat mich all die Jahre erfreut und aufmerksam gemacht,
aufgeweckt hat mich ihr Flöten für die Lügen der Männer und Söhne,
            für die Versprechen ihres Gottes, die Drohungen sind,
und wenn ich blutete,
            und wenn mein Schoss zerriss,
wenn mein hohler Bauch sich häutete und all seine Fleischesfülle ausleerte,
            sass ich auf dem Sattelkorb meines Kamels und spürte die Leiblein wie die fingerdicken Spähne für ein Wegesfeuer unter meinem Leib,
und nicht wie die knotigen knorrigen knochigen Finger meines Mannes,
            die mich wie eine Zibbe vor der Schur behändigen,
dessen Kraft unzählige Male schon in mich gefahren ist wie ein Sommergewitter,
            das sogleich verdunstet, mitten im Fallen schon aufsteigt,
dessen Glied mich ausschabte,
            dessen Hitze mich verkühlte,
hier am Wegrand, hier auf einer weiteren Reise,
            gedenke ich der Göttin und halte sie in meiner feuchten Hand und schreie,
presse und schreie,
            ich spüre meinen Muttermund zerreissen, ein letztes Mal,
die gelben Hänge und Wiesen verschwimmen vor meinen Augen,
            das Gesicht meines Mannes über mir, dessen Namen ich vergesse und verfluche,
doch mein Schoss will ein letztes Mal ein Ja ausstossen für die Göttin,
            oh, und nicht für seinen Besitzergott, für seinen Reichengott,
ein letztes Wort will mein Leib sich entringen,
           ein Schmerzenswort, ein Schmerzenskind,
und der Mund meiner Göttin öffnet sich kreischend und von Süsse erfüllt jetzt für mich.

Anrufung der Aschera

Von Sigal Lea Raveh – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83607007

Herrin, aus deinem Nabel wächst ein Zweig,
            der einen kleinen Schattenkreis zieht,
mit dem Sonnenlauf meint er mich,
            dieser Ast zeigt auf mich und zeigt mich an,
wie mit einem Griffel schreibst du damit auf meiner Leber deinen Namen, Aschera.
            Der wahre Baum des Lebens bist du,
vor dir neigen die Jungfrauen ihren lockenschweren Kopf,
            um dich springen und hüpfen die Mütter und Grossmütter in hochaufgerichtetem Tanz,
es jauchzt mir die Leber,
            es wohnt in mir die Kraft des Herrn,
es haust in mir die aufgesammelte, aufgesparte Regung der Menschensöhne,
            die Terebinthe hat ihre Kinder wie eine Frau in Schiloh,
unter ihrem langen Haar ist gut stillen,
            unter ihrem glitzernden Blättertanz ist gut sich unterhalten,
um deine schlanken und ausgestreckte Arme winden sich die Lotosblätter wie Schlangen und züngeln wort- und liebreich,
            Herrin, und wenn wir uns morgens und mittags und abends vor deinem Bild verneigen,
flüstern deine Wurzeln an unseren Herzen wie kichernde Kinderscharen,
            liebkosen mit scheuen Tasten den Beutel meines Bauches,
in denen nichts scharf ist,
            in denen nichts spitz ist,
aus denen nichts Lautes kommt,
            aus denen kein böses Wort dringt,
und abends und mittags und morgens stütze ich mich auf deine Fürsprache in Wind und Regen,
            in stechender Sonne und stehender Luft,
und mögen auch die Wolken brechen und die Berge erbeben mit dem Zorn deines Ehegatten,
            mit der enttäuschten traurigen Wut deines Augapfels, Aschera,
unter deinem Blätterdach ist gut übernachten,
            an deinem Stamm findet die geschlagene Frau endlich Schutz vor der schweren Hand ihres Mannes,
unter den Falten deiner Borke sind die Mädchen und Frauen und Tanten und Grossmütter wie unter der schweren Brust einer säugenden Frau,
            aus der süss die Milch schiesst,
Aschera, vor dir neige ich das Haupt und weiss um Zuflucht.

Lobpreisung Jabeschs

Trocken-Ort, dich preise ich, hoch über dem Jordan,
            deine Kehle atmet die Luft der Wüste,
die steigende Luft der vom Wind ausgewaschenen Gebirgstäler,
            deine Brunnen sind tief wie die Mutterliebe deiner Frauen,
du hast noch nie genug gehabt,
            wie sehr giert deine Kehle nach der Fülle des Lebens,
nach dem trostvollen Schatten eines Wäldchens,
            das an deinem Berg lecken möchte wie ein Kitzlein am salzigen Stein,
ich preise dich mit der ausgedörrten Kraft meiner Leber, Jabesch,
            Jabesch, trügerische Tröckne, mein Hals öffnet sich weit wie die Ebene von Jesreel,
mein Herz blaut wie das galiläische Meer im grünen Gesicht Naftalis,
            und Rubens Schoss, Rubens zaudernder, nachdenklicher Schoss sehnt sich nach dir,
die du atmest in der Dürre,
            die du trauerst um deine Mädchen,
von deinen eigenen Brüdern entführt und zum Rimmon-Felsen den Witwern Benjamins zum Frass vorgeworfen,
            dein Mittag ist seit damals, als der König mit glühendem Geist von dir hörte,
deinen Hilferuf vernahm er über den träge fliessenden Jordan hinweg,
            eine Zeit des Jubels und der Gnade,
und dein Totenacker ist an in der Hitze blühenden Steinen nicht arm,
            dein Totenhügel wächst in den staubigen Himmel an deiner Seite,
höher als deine Tore erhebt sich das Land,
            wo deine Toten warten, Bein an Bein, Schulter an Schulter, Becken an Becken,
bis der Gesalbte sie rufen wird, Zeugnis abzulegen gegen die angeschwollenen Kehlen der Frevler,
            das übervolle Auge in die Waagschale wirfst für die Töchter und Söhne du der gering Gemachten,
Jabesch, Mutter der Wüste, du Schoss von Gilead,
            dich lobe ich mit breiter Kehle,
ich preise dich mit einem Mund wie das Stadttor,  
            wo die Bettler und Versehrten Schutz und Schatten finden,
dankbar will ich immer an dich denken.

Kind des Todes

Aus allen 4 Windrichtungen kann es dich anhauchen,
            im Tal unten und auf dem Berg oben kann es dich treffen,
ob du liegst oder stehst, kauerst oder kriechst,
            es wird dich finden wie die Bienen die Blüten,
es wird dich haschen wie der Vater das Kind im Garten.
            Deine Kehle wird sich plötzlich verengen,
deine Augen werden blinzeln,
            dein Herz in deinem Brustkorb schrumpfen wie ein Apfel im Gras unterm Baum,
aber es wird kein Atem mehr sein,
            keine Regung in der Luft wird mehr sein,
du Kind des Todes, und deine Haare werden grau wie der Felsen im Gebirge,
            deine von keinem Anblas mehr getragene Haut wird knattern an deinen Rippen im kalten Morgen ohne Sonne.

Und du wirst wie deine Feinde keine Schuld fühlen,
            in deinem verstörten Herz, weich wie die Schnauze des Schäferhundes,
wird dein Gehorsam grollen wie die Rufe des Esels,
            und die Heilige wird mit Rauch in der Nase sich zu deinem Fleisch herunterneigen,
die Heilige wird deine Nieren prüfen wie ein Schächter,
            wie ein Rabbi werden seine Ohren auf dich gerichtet sein,
seine mächtige Hand hält dein erschrockenes Herz,
            ob dein Denken anders war als dein Reden, Kind des Todes,
auch du nur ein Halm auf seinen Matten.

            Die Heilige wird dein Herz wiegen,
die verständigen Taten und die menschlichen Taten abschätzen,
            sie wird die Wundheit deiner Sohlen betrachten und die Ausdehnung deiner Kehle umfassen,
und du, Kind des Todes, wirst nichts von ihren Flügeln sehen,
            für lange Zeit wirst du nicht an ihrem warmen Bauch liegen,
der sich mit dem heissen Atem der Vulkane hebt und senkt,
            ein Halm nur in der weiten Wiese ihres Gedenkens und ihres Weinens und Wütens,
das bist du,
            und keine Flügel wird sie über dich ausbreiten,
deine Nägel und deine Haare rieseln an dir hinunter wie die Tränen eines erschrockenen Kindes,
           und deine Feinde werden um dich streichen wie die Hunde vor den Toren.

Ein Gedicht schreiben: die Welt anders wahrnehmen und darstellen

Von Giotto di Bondone – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2941674

Auch wenn ich weiss, dass Aufzählungen sowohl die Leserin als auch mich erschöpfen, ja als ein Zeichen von Schwäche gelten können, liebe ich diese Form der Weltstreifung, der Weltdurchstreifung.

Es ist mir dies eine ganz natürliche, quasi instinktive Art und Weise zu sprechen: weit greife ich aus mit der Sprache, werfe mein Netz mit Schwung ins braune Wasser des Nildeltas. Je mehr sich in meinem Netz verfängt, umso besser, und je entlegener und verschiedener die gefangenen Arten und Formen sind, desto besser: in Differenz und Entlegenheit liegt eine reichhaltige Poesie.

In der letzten Zeit, angefangen mit den buddhistisch grundierten Gedichten der «Ginkakuji-Variationen», beschäftigt mich nicht nur Vieldeutigkeit, vieldeutiges Sprechen, sondern das Ausbrechen aus dem herrschenden dualistischen Denken und Handeln.

Die so geliebten Aufzählungen, beginne ich zu verstehen, bieten mir genau diesen Ausweg aus dem Entweder-Oder. Und die Sprache ist da durchaus ein Hindernis, denn sie kann nur linear und kausal sein, immer stellt sie grammatikalisch und syntaktisch Verbindungen her. Eines kommt nach dem andern, eines kommt von dem andern.

Immer schon habe ich Mühe gehabt, Kausalitäten zu verstehen und darzustellen. Immer schon hat sich meine Wahrnehmung gegen eine lineare Abfolge von Perspektiven und Geschehnissen gesträubt. In den Aufzählungen habe ich ein Ventile dafür gesucht und gefunden.

Das Gleichzeitig-Verbundene und das Gleichzeitig-Unverbundene: so möchte ich darstellen, was ich wahrnehme und was mich be-eindruckt. Im Buddhismus ist alles – Belebtes wie Lebloses – leer, wird aber von uns Menschen «gefüllt», sodass es Bedeutung erhält und zu behändigen ist; Gegensätze und Dualismen sind also nicht «wirklich», sondern gemacht, ebenso wie Unterschiede und Erkenntnisse.

In der Beschäftigung mit der hebräischen Sprach- und Bildwelt, was ja auch immer eine Beschäftigung mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Verstehensmustern darstellt, treffe ich nun im Rahmen meiner neuen Gedichtreihe «Psalmen für Saul» auf weitere Alteritäten des Sprechens. Dabei handelt es sich einerseits um das aspektivische Sprechen (der Aspekt einer Sache, eines Wesens oder eines Zustandes steht für das Ganze), das in Merismen seinen Ausdruck findet. Andererseits erlebe ich im «Parallelismus membrorum», dem zweifachen, aber veränderten Aussagen des Gleichen oder Ähnlichen eine neue Freiheit.

In den Sätzen der hebräischen Sprache werden selten eindeutige kausale oder temporale Beziehungen eines Sachverhaltes oder eines Ereignisses zu einem andern ausformuliert.

(Schroer / Staubli)

Was jedoch viel wichtiger für meine sich wandelnde Poetik ist, das ist das Bewusstsein einer stereometrischen Wahrnehmung der Welt: eine mehrdimensionale, eine Tiefenperspektive in der Darstellung wird möglich, ebenso wie die Gleichzeitigkeit alles Geschehens und Empfindens.

Ich denke dabei immer an Giottos «Einzug in Jerusalem» (Padua, 1304-1306), in dem drei Figuren in der rechten unteren Bildhälfte darstellen, wie jemand sein Kleid auszieht du auf der Strasse ausbreitet. Dieses Bild hat mir in meiner Jugend zum ersten Mal gezeigt, dass eine Aushebung der zeitlichen Linearität in der Kunst (oder durch die Kunst?) möglich ist. Oder um mit dem Prediger zu sprechen:

Was in Zukunft geschehen wird, ist schon da gewesen; und was in der Vergangenheit geschah, war zuvor schon einmal da. Gott lässt alles wiederkehren wie in einem Kreislauf.

Koh 3,15

So entwickelt sich das Leben eines Lyrikers, ebenso kreisförmig, und so entwickelt sich seine Sprache und sein Sprechen, ebenso zyklisch. Was aus einem anfänglichen Impuls des «möglichst viel und vollständig Einfangens» entstanden ist, wird mit der Zeit – in der spiraligen Zeit der Kunst – zu einem bewussten Handeln in der Bemühung nicht mehr nur um die bereits als unmöglich verstandenen Vollständigkeit, sondern um eine absichtliche Verschiebung von Massstäben, Sichtweisen und Sprechweisen, um eine Auflösung der Gefangenschaft im Definitiven und Faktisch-Empirischen, in der Bemühung um eine andere, weiter gefasste (aber nicht «fassbare») Weltsicht, die in der Bejahung der Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Unterscheidung auch eine neue Welt erstrebt.

Anrufung Dagons

Durch den schmierigen Regen höre ich das Kreischen der Frauen,
            die Frauen heben ihre Hände und raufen ihre Haare,
und unterm Brüllen der Kühe starren die Männer auf der Schwelle auf dich,
            gesichtsloser Herrgott mit dem Gesicht zur Erde vor der Kiste aus dem Lande der Eiferer.

Von Aschdod bis Gat und Ekron reicht deine gewundene Hand,
            schwielig und schwer schlingt sie sich um die Kehlen der Menschen,
um die Knöchel der Völker windet sie sich mit silbernem Glanz.
            Unter deinen schleifenden Schritten,
unterm gelben harten Schweiss aus deinen Achseln spielen die Kinder in den satten Büschen,
            unter deiner weit geschwenkten Zunge schlafen die werdenden Mütter.
Mit schwerem Seufzen heben die Ältesten ihre Glieder,
            mit Vorsicht befreien sie ihre Knie von der Starre,
kein Rat ist ihnen geworden im Schatten deiner Netze,
            mit Umsicht strecken sie die Arme, rollen sie die Schultern,
denn nichts ist mehr dauerhaft befestigt und nichts ist mehr dauerhaft verankert,
            und die Mäuse huschen um ihre Knöchel wie Sonnenflecken,
und ich sehe im Hafenbecken die Bäuche der Fische,
            den milchfarbenen Mantel des Meeres,
das Lid eines nimmerwachen Auges,
            mit dem Gesicht zur Erde liegen die Mütter vor deinem Altar,
bitten um ihre Töchter und Söhne,
            deren gebuckelte Haut wie Knospen im Frühling aufbricht,
du bist ein Gott ohne Gesicht, mein Herr, du kannst nicht sehen noch hören,
            und fallen dir Glieder ab, so wachsen sie dir nach,
doch uns Menschen, oh Seestern-Füssiger,
            uns Menschen blüht nur,
unterm schmierigen Regen und unterm Brüllen der Kühe,
            Verfall und Tod, oh Glattgesicht auf der Schwelle.  

Mit Schmerzen in den eitrigen Achseln, mit Brand in den Kniehöhlen sehe ich die Menschen vor dir sich niederwerfen,
            die Mäuse haben das Korn gefressen,
die Mäuse wimmeln um unsere Knöchel und beissen hinein,
            wie wütende Augen voller Ausfluss wischen sie um uns herum,
die wir uns verneigen vor der Kiste aus dem Land der Eiferer.

Das ist Isebel

Die Männer sind wie Fliegen,
            und keiner ist wie der Geier.
Umschwirren meine Scham,
            bedecken meine Brüste.
Die Männer senken ihre Köpfe,
            wenn ihnen etwas verweigert ist.
Ich sage dir, du allzu Besonnener,
            das sage ich dir, du allzu Ungekrümmter, wo ist deine Hoheit,
und bist du nicht ein Fürst?
            Iss nun etwas, stärke dich, denke nicht an Gott,
mit Gott hat das Menschenleben nichts zu tun,
            das Volk ist kein Weinberg,
die Menschen sind keine Trauben,
            diese Augen der Süsse unterm Sonnenschlag,
iss nun etwas, hebe deine Glieder!
            Die Herzen der Männer sind wie Kahle Berge überm Schaum des Sturms,
die Glieder zerschlagen sie sich und das Kinn an den Lehmmäuerchen,
            die sie mitten ins offene Land von Jesreel gestellt haben,
diese Unkrummen, diese Ungewundenen!
            Gott ist für sie ein Strich durch die Landschaft, eine Grenze durch die Zeit,
ein Strich durch die Rechnung ist Gott für sie,
            und ich erscheine im Fenster mit meinen Aschera-Augen,
und die Männer senken ihre Köpfe,
            pressen ihr Kinn auf die staubige Brust,
und ich höre sie sagen,
            das ist Gevîrah, Königsmutter,
das ist Isebel.