Beschluss des Dritten Rats

Group of villagers with animals evacuating near burning crevice and stone wall

Aus den Archiven der ersten Jadestadt, im dritten Zikkurat, genannt «Wehrlose Entscheidung»: «Der Dritte Rat hat nach zweiwöchiger Klausur beschlossen, dass die Bemühungen um eine Wiedererschliessung der südlichen Stadtteile sowie der darin liegenden Vestigien, Türme, Bibliotheken, Höfe und Weihestätten, Nadelöhre und Mausoleen einzustellen sind. (Allfällige Rückkehrer der letzten Expetion werden in den Priesterstand erhoben und mit einem Landgut unter den Felsen der Reue beschenkt.) Dem Dritten Rat liegen Beschwerden vor, wonach die Population der Gluckliche am westlichen Ende des Felsens der Reue derart angewachsen ist, dass sie der Urbarmachung des Lands am Fuss des fünften Zikkurats, genannt «Himmelsachtung», gefährdet. Die Läuferin Sa’ile hat unseren Eindruck von einer verstärkten, zumindest zunehmenden Bedrohungslage bestätigt, indem sie uns glaubwürdig von massiven Schäden in der Nordmauer, besonders im Bereich des Turm «Chochmah» (das ist der mittlere Turm in der nördlichen Mauer), berichtet hat, einerseits, und dass vom westlichen Nordturm, dessen Name verschollen ist, wenngleich einige Mitglieder des Dritten Rats weiterhin zu behaupten wagen, es sei der vergessene Turm genannt «Malchuth», andererseits grosse bis starke Erschütterungen aus dem Bereich des Feuerspalts jenseits der Mauer anzuzeigen seien. Sie habe, versichert die Läuferin Sa’ile, auf ihrer Rückkehr hierher mehrere Wagentrecks angetroffen, die sich auf dem Rückzug aus der Ebene der Gottesfurcht befänden. Vor diesem Hintergrund – und in der Folter eines kürzlich eingefangenen Rakshasis bestätigt – scheint es dem Dritten Rat notwendig, sowohl die Suche nach weiteren Arkana und Urkunden über die Zeit des Manns namens Aron Sa’ara als auch die Erkundung der weitgehend in Vergessenheit geratenen südlichen Stadtteilen einzustellen. Gegeben und geschrieben im fünften Jahr unseres Königs T. Balak IV, Tkufa des She’er ne’ul.»

Einer ruft im Mordtal

Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Briangotts in der Wikipedia auf Englisch – From the 1901-1906 en:Jewish Encyclopedia. Übertragen aus en.wikipedia nach Commons durch Storkk mithilfe des CommonsHelper., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4452832

«Ich bin so allein wie das Lamm Gottes,» ruft Blödelîn, «mürbe und morsch bin ich hier im Schatten Zaqqums, hier im wüsten Mordtal, ein klindender Clearling unterm Milch-Makel des Sternenheers. Soll ich mich denn weiter mit den Baalen aalen? Ich werde an jedem Ort lieber sterben wollen als leben. Ich bin zerbrechlich wie Schiefer, ich bin weich und zart, schlüpfrig im Leben wie das Schmalz in euren Töpfen. Der Geruch Molochs betäubt meine Nieren. Ich höre die Stimmen oben auf der Mauer im Osten: «Alles ist gut,» sagen sie, «alles ist in Ordnung.» Aber nichts steht gut, nichts ist in Ordnung. Das Lied, das ihr singt, lässt die Wolken zerspringen. Niemand wird da sein, um euch aufzuheben. Das Blöken der Herden ist verstummt, selbst die Vögel des Himmels und die Tiere des Waldes sind geflohen und lassen sich nicht mehr sehen. Immer von neuem hat man euch Gottesdiener geschickt, aber keiner von euch kümmerte sich darum, niemand hörte darauf. Jeder rennt auf seinem Irrweg weiter wie ein Pferd, das sich in die Schlacht stürzt. Alle Zugvögel halten sich an die Zeiten, die ihnen gegeben sind: der Storch, die Taube, die Schwalbe, die Drossel. Ihr betet den Stein auf dem Pfauenthron an. Das Tal, über das ihr eure Mauer errichtet, heisst Mordtal. Zerschlagen bin ich, zerriesele mitten unter euch, in meinem Schädel hausen Schakale und Baale. Ich kann nicht mehr stolz sein auf diese Stadt und ihre Einwohner, denn sie erkennen, was sie wollen, sie begreifen, was ihnen recht ist. Das Volk, das ich von ganzem Herzen liebte, sehe ich dem Diamanten-Glanz ausgeliefert, hart und glatt. Es ist mir fremd geworden, unheimlich wie ein Löwe im Dickicht. Genauso wie ein Löwe brüllt es mich an, feindselig und stur. Darum ist es mir zuwider. Kommt zu mir ins Tal, an den stockenden Fluss, betrachtet mit mir voller Abscheu die Leichen der Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben. Ihre Qual nimmt kein Ende, sie brennen im ewigen Feuer.»

Aus der Lehre Yu Dis

Von Anonym – Daoist deity: Jade Emperor. Boston: Museum of Fine Arts., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10288375

Wenn Gott göttlich ist, sagte Yu Di, kennt er den Schmerz nicht, auch das Glück wird ihm fern, aber nicht verwehrt sein. Ein göttliches Sein ist göttlich in seiner Empfindung der Unaufhörlichkeit. Er ist dem Stein näher als dem Wesen. Es gibt für sein An-Wesen keine zeitlichen Schranken ausser Wind, Wasser, Tektonik. Seine Empfindungen dauern an, seine Aufmerksamkeit ist unablässig. Seine Natur ist so beschaffen, dass ihn selbst die 129’600 Jahre des yuan nicht verringern. An ihren harten und rauen Brüsten versammeln sich die Kormorane und Kondore, die Makaken und Meerkatzen, die Schwämme und Schnecken. Für ein göttliches Sein gibt es keine Erinnerung, kein Geschlecht und keine Vernunft, die ausreichen würde, um es zu beschreiben. Die Rede Gottes ist Nein. Sein Handeln ist Bleiben. Weder schreitet er voran noch weicht sie zurück. Jedes hui ist ihr gleich. Werfen wir Geübten Blicke und Gedanken auf ihn, schenkt er uns die Furcht des Tuns und die Gnade der An-Weile. Leiden wir, wendet er uns den Rücken. Für unser Fühlen hat er nur Gletscher übrig. Wohl sind ihm die Schranken unseres Wesens bekannt, doch sind es nicht seine. Damit schwieg Yu Di. Eine Schülerin fragte in die Lehr-Stille: Kennt Gott, wenn er göttlich ist, keine Verantwortung?

Das nördliche Viertel

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Im nördlichen Viertel sind die Lilien. Ihr Duft ist vor Schönheit unbekömmlich wie der Schmerz. Sie weilen schon voraus. Sie handeln durch Blühen. Mehr ist nicht nötig. Sie sind alle weisse vor Güte. Sie brauchen keine Gnade. Sie haben das Glück, von Gott gesehen zu werden. Was sie brauchen, gibt ihnen der grüne Himmel.

Turangalîla hat über die Lilien gesagt: «Ich möchte Lider nicht. Ich fühle mich nicht notwendig. Ich kann es wenden wie ich will, der Stein stirbt nicht wie das Korn, schenkt seine Kraft nicht, um anders anderes zu werden. Die nördlichen Schönen sind ihm fast zu vergleichen. Ihre Helle ist die Reue des Tages. Sie sind nicht auf das Wohlwollen aus, das sie schon haben. Wie der Stein sind sie in ihrem So-Sein hart und rau wie die Wirklichkeit, die sie entschaffen. Eine von ihnen wiegt hundert Gottfähige auf.»

An gewissen Tagen ist die Himmelsstirn eine Raffel. Sie nimmt die Farbe des Grossen Pfefferfischs an. Wer ihr zu nahe kommt, wird passend gemacht. An diesen Tagen sind selbst die Mächtigen und Heiligen vorsichtig. Erstere schlüpfen unter ihre Trhone, letztere falten ihre Flügel morgens besonders sorgfältig. Einkäufer und Verkäufer fürchten diese Tage, sie erinnern sie an die Vergeblichkeit ihres Handelns. Die Himmelsstirn kaut sogar an den Steinen. Die Himmelsstirn hasst das Runde. Nichts geht ihr über eine gesunde Ecke, eine scharfe Kante. Die Himmelsstirn will, wenn sie kommt, alles in Gleichschenkligkeit vereinen. Die Turangalisten nennen das Runde das Ungesunde. Die Himmelsstirn lauert nicht, sie ist offenbar. Sie verursacht einen gesunden Abrieb, sodass die Schöpfung nicht in Erschöpfung überdauert.

Alles Kantige, alles Scharfe, alles Eckige ist machbar. Es gehört zu den Ursachen. Es gehört zur Wirklichkeit. Grammatische Kuben ordnen Notwendigkeit. Selbst wenn der Weg steil ist, ist er eben im Vergleich mit den Sternen. Selbst wenn der Weg eben ist, ist er steil im Vergleich mit den Lilien. Kann man die Steine mit den Sternen, die Sterne mit den Steinen, die Lilien mit den Früchten des Korns, die Heiligen mit den Mächtigen vergleichen?

Bauchige Landschaft, aufsteigendes Gelb, grünschattige Nadelbuchten, Schritte im weissen Gras, Kieferwolken, Olivenstapfen, hinauf ins violett singende Blau.

Der Ruhstein

By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – The green stone lying in one of the storerooms of the Temple complex, it is a block of green nephrite-type stone common in the geology of the region, it may have played a role in some religious cult, Hattusa, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51807591

Der Ruhstein hat die Form eines Würfels. Einem erwachsenen Mann reicht er bis übers Knie. Die westliche obere Ecke des Steins ist abgeschliffen oder erodiert. Keine seiner Kanten ist scharf, aus einiger Distanz sieht er aus wie ein grünes Zuckerstück. Er steht nicht in der Mitte des Innenhofs, sondern in der Mitte seines südlichen Viertels. Der Steinhüter sitzt meist im Schatten des verschlossenen südsüdöstlichen Tors. Er dort seine Schlafmatte zusammengerollt, und sein Protokolltischchen steht vor seinem Hocker, darunter in einem Korb die feuchten Tonplatten, die ihm ein Gardist einmal am Anfang der Woche bringt. Sein Schilfgriffel liegt nördlich ausgerichtet auf dem Tischchen. Die Friedensglocke erklingt siebenmal am Tag und dreimal in der Nacht. Nach ihrem Schlag erhebt sich der Steinhüter von seinem Hocker oder seiner Matte, löst im Gehen schon ein blaues Seidentuch aus seinem Gürtel. Beim Stein angekommen, kniet er nieder und reibt jede der vier Seiten mit kräftigen, genauen Bewegungen ab, darauf reinigt er auch die Himmelsstirn des Ruhsteins. In einer weiteren fliessenden Bewegung fährt er mit seinem blauen Seidentuch die acht Kanten des Steins ab und beugt sich dann tief über den Ruhstein, ohne in die Knie zu gehen. Er spitzt seine Lippen und küsst die westliche obere Ecke, der er etwas zuflüstert. Gemessenen Schrittes kehrt er an seinen Schattenplatz zurück und notiert mit seinem Griffel auf eine handgrosse Tafel seien Beobachtungen. Der Ruhstein leuchtet blendend grün wie ein Kubus Meer vor ihm in Sonne und Sand, in Mond und Sand. Der Steinhüter schliesst wieder die Augen.

Fräulein Kyaraboku

Woman in kimono looking worriedly through bamboo blinds at two samurai walking outside traditional Japanese house.

Das Fräulein Kyaraboku schrieb: «Ich sah ihn nur von hinten. Das lange Haar fiel ihm glänzend über den Rücken. Ich hätte aus Stein sein wollen. Mein Körper wurde zur trockenen Pflaume. Auf meiner Zunge lag der schwere Pfeffer der Reue. Ich schrumpfte, schrumpfte. Wie glänzten da seine Haare. Mein Kopf drehte und rasselte wie eine Gebetsmühle. Ich wich hinter die Bambusmatte zurück, es raschelte. Hatte er das trockene Flüstern der fallenden Matte gehört, das Seidenkichern meines Kleids, den leisen spitzen Schrei? So stand er und sprach mit einem Gardisten. Ein unbezwingbarer, unbezwungener Turm im Zenith der Herbstsonne. Geblendet und zitternd kniete ich mich hin. Mein Unterleib war heiss und gurgelte. Ich hatte oft zu meiner Zofe gesagt, er kann mir nichts mehr, er kann mir nichts mehr antun. Mein Schmerz sei vernarbt, und ich selbst ein Kiesel im Marschfeld der Zeit. Doch siehe da, nein. Das Fleisch erinnert sich, die Achseln heulen. Wer ich wurde, zunichte. Die Sashimono knattern im aufkommenden Abendwind. Meine Zofe hält meine Hand. Dann trägt der Wind den kehligen Schrei der Flöte heran, den ersten dumpfen Schlag der Trommel. Ich schliesse die Augen, presse die Lider zusammen, das Abbild seines Haars im breiten Rücken leuchtet dort drinnen weiter und weiter.

Der Glanz deines Haars –
Ein salziges Gedenken –
Ich werde zu Stein.»

Der Schweisstropfen Gottes

Amphibious humanoid playing flute before glowing red bird statue in rocky canyon with hieroglyphs

Der Schweisstropfen Gottes gleicht annähernd einem Wiedehopf. Nur die Engelfolger dürfen ihn anschlagen. Es gibt für das Anschlagen viele ungeschriebenen Regeln. Eine davon heisst «Entwicklung der Liebe». Es ist nicht die wichtigste, aber sie nimmt direkt Bezug auf die Kiemenpflege. Ein Engelfolger hat die Pflicht – bevor er das Recht des Anschlagens wahrnehmen kann -, die Kiemen regelmässig mit Salzwasser zu spülen und dafür zu sorgen, dass die Klangläuse sich nicht zu stark vermehren. (Schon mancher Engelfolger ist an einer Kiemenverstopfung gestorben, warnen die Mütter.) Die meisten Engelfolger sind aufgrund ihrer Sorglosigkeit erblindet. Die Schallwellen setzen eine solche Energie frei, dass der Schalldruck alle Gefässe im Kopf platzen lassen kann. Dafür haben die Engelfolger die Kiemen: sie sind die Schallleiter. Der Stein selbst hat trotz seines Klangvolumens, trotz seiner Klangbreite eine unbestimmte Farbe. Die Legende besagt, dass der Schweisstropfen Gottes das Ei eines Salamanders sei. Es ist wie bei vielen Legenden: Selbst der japanische Riesensalamander Andrias japonicus hat erwiesenermassen keine so wuchtigen Eier gelegt. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass der Stein Teil einer Eischnur gewesen ist: Seine Oberfläche ist absolut makellos und weist auch keine Nabelstellen auf.

Der Turm des ersten Rats

Large concrete cooling tower and empty industrial structures in rocky desert terrain

«Der westliche Turm im Süden hat die Hüften einer Frau, die rennt.» Im Kalkboden sind viele Schritte zu sehen. Sie sind um den Turm herumgegangen, entfernt sich in Richtung Norden. Sie haben auch eine Feuerstelle errichtet. Sie müssen kurz vor einer Bekehrung gestanden haben, denn in der Asche sind Spuren geschmolzenen Plastiks zu erkennen. Aber vielleicht hat in diesem Moment die Bekehrungskraft der Frauen im Stein nicht ausgereicht. Es gibt keine Spuren von Schuhnägeln in der Asche, und natürlich stammen all die Schritte am Fuss des Turms von festen Schuhen. Füsse hätten keine Zeichen hinterlassen, nicht solche, das weiss jede. Auch die eingeschmolzenen Helme fehlen. Vielleicht hat die Hitze nicht ausgereicht. Da sagt man «unverrichteter Dinge» dazu. Heute singen die Frauen im Stein nicht. Vielleicht halten sie Profess oder ein anderes ihrer schwer zu unterscheidenden Rituale, die noch niemand gesehen hat, wenn auch gehört. Aber ein stilles Ritual muss es sein. An Anlässen dürfte es in ihrer Eingeschlossenheit nicht fehlen. Als Turungalîlist bin ich das erste Mal so weit im Süden. Die zähe Erinnerung meiner Lehrerin hat die Form des Turms und die Umgebung gut überliefert. Sie hat ihn den Turm des ersten Rats genannt. Vielleicht auch des Ersten Rats. Sie konnte nicht schreiben. Ich bin über die weite, vernarbte Ebene hierhergelangt, durch die hitzewallenden Sümpfe zuerst und über das Geröllfeld hinterm Hügel der drei Sinne (Fehlen, Mangeln, Lösen). Doch diese platte, trockenrissige Tafel hat mich erschreckt. Die Schritte der Truppe sind tief eingegraben und im südlichen Winter ausgetrocknet. Waren es Gesandte oder Heilige? Von meiner Lehrerin weiss ich auch, dass die Sommer im Süden unserer Vorstellung von der Sintflut gleichen. Wohl eher Heilige, dass sie in diesem Regen ein Feuer unterhalten konnten. Der Turm öffnet sich oben wie die andere Öffnung einer Flöte. Es steigt kein Rauch auf. Ich sage deutlich: «Die Bekehrung hat nicht stattgefunden.» Ich artikuliere genau und gut. So hat es mich meine Lehrerin gelehrt. Besonders bei Gefahr von Umkehr. Ein wenig grauer Staub fliegt auf, als ich mich hinsetze, meine Aufzeichnungen öffne und den Turm festzuhalten beginne. Immer noch keine einzige Stimme, und auch keiner der Vögel, vor denen ich gewarnt wurde. Ich muss schnell machen.

Von Steinen und Eiben

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Die Steine ruhn. Sie haben das Warten nimmer satt. Zusammengedrängt, gedrückt und in sich versammelt haben sie ohne Weg den Rat. Ausweichen ist nicht. Erzählen ist nicht. Unzeit häuft sich, ist. Die Steine in ihnen fehlen nicht. Der Salamander ist bei ihnen, einverstanden. Es gibt keine Notwendigkeit, die zu erwarten wäre. Da gibt es nichts zu bedenken.

Zwei Eiben gibt es. Seit Vorzeiten wachsen sie, die eine wie ein Pfeil, die andere wie eine Frau. Niemand weiss, wann der Pfeil fliegen wird, und niemand weiss, ob das Mädchen zur Frau wird. Die Eibe steht im Vorhof, rechtsab. Das Fräulein Kyaraboku lebt im hintern Turm auf der Südseite. Ihre Schriftzeichen sind manchmal zittrig, verwitternd, aber immer spitz zulaufend, nadelfein. An Tagen des Bedenkens widerstreben sie dem Wind und sammeln sich auf dem Leder, drängen sich wie Eisenspäne in einem Winkel zusammen. Niemand weiss, ob das Fräulein Kyaraboku zählt – Stunden oder Regentropfen – oder erzählt – Träume oder Briefe. An Tagen des Erwartens müssen die Mäuse im Korn sich fürchten. Dann ist jedes Stück Haut kostbar für ihre Schriftzeichen, kostbar wie notwendig, heisst das. Die Schriftzeichen haben eine Neigung, darüber hinweg zu wimmeln wie im Taumel eines Gefühls. Der Baum wurde von Turungulîla VI. gepflanzt. Er erinnerte damit an die Göttin der Beeren, die das Land in einer Pandemie beschützte. Manche erzählen sich, es sei die Amme des Fräuleins gewesen. Vielleicht steht es irgendwo verzeichnet, aber niemand hat die Schriftstelle gefunden.

Die Blüte der Steine steht bevor. Zwar fehlen ihnen Fortpflanzungseinbuchtungen, doch unter den Blicken der Rückflüchtenden öffnen sie ihre verdächtigen Stellen dem seltenen Licht. Nicht viele Wachen können davon erzählen, eine gesehen zu haben. Die wenigsten Wachen wissen auch davon. Wir befinden uns auch in einer Zeit kurz vor der ersten Schrift. Es gibt kaum Informationen über die Anzahl der Stellen an einem Stein, noch weniger über die Orte, von denen die Flüchtenden zurückkommen. Die Wachen denken, vielleicht sollte man das Fräulein fragen. Doch aus ihrer Kammer dringen keine Laute nach draussen. Sie schreibt.

Im gelben Himmel

Ancient ziggurat with people walking nearby and a vintage flying machine flying above at sunset

Ein Gerät röhrt im Himmel. Die Langsamkeit einer Subduktionszone hat nicht mit dem Machbaren zu tun. Die Unmittelbarkeit des Geräuschs befindet sich im Bereich des Glücks, von Gott gesehen zu werden. Im gelben Himmel rührt das Gerät ohne eine Notwendigkeit zu bewirken. Die vernarbte Haut der Masken überm Türsturz des Zikkurat hat etwas Lebendiges, Bewegendes. Sie scheinen die künftigen Gottesdinge zu erwarten. Aus den elementaren Schreiben der Vögel in den Luftwurzeln und Lianen ist eine Verachtung zu hören, die mit dem Machbaren keine Gesellschaft hat. Und doch sind es keine Vögel des Himmels. Der gelbe Dunst schmiert seine Schlaufen in den minzigen Wind. Stellt man sich das Spatzenhirn des Geräts vor, lässt sich ein So-Sein nicht mehr vorstellen. Winde drücken nicht, Tillandsien brechen nicht, Luftwurzeln pressen nicht, Spuren bleiben nicht. Das Gras hat die Farbe des Wiedehopfs. Es ist auch fast kein Gras mehr, wie die Vögel des Himmels. Manchmal schmiert das Gerät mit einem knirschenden Geräusch im Himmel ab. Dann drehen sich die Köpfe der Stenotypistinnen wie Minutenzeiger den Schlieren im Himmel zu. Dann müssen sie die Aufnahmen, die während der Ablenkung weitergeplärrt haben, in der Zeit zurückspulen. Am Fuss des Zikkurat knirschen die Käfer in den ungeschnittenen Büschen. Vor allem in den Abendstunden, wenn der Himmel grünt, hört man die Schreie der Archivare aus den oberen Stockwerken. Wenige Stenotypistinnen haben je einen Archivar gesehen, obwohl die älteren von ihnen inzwischen ihre Stimmen zu unterscheiden und erkennen gelernt haben. Aber die Schreie der Archivare in den Abendstunden sind auch keine Stimmen mehr. Der Minzgeruch des Windes kommt nicht von den Algen im Burggraben. Das Gerät ist noch nicht verstummt.