Vampir und Chronist

Gaunt man in gothic attire writing Ode to the Eternal Night by candlelight.

Eine Freundin meinte einmal, ich sei ein Vampir. Ich stürze mich auf alles, was mir diene, verschlinge es und kotze es in Gedichten aus. Kein Wiedergänger, sondern ein Wiederkäuer, eine Mühle, eine Raffinerie.

Das stimmt. Ich nehme auf und spucke aus. Ich bin eine Fabrik, die wie ein Staubsauger funktioniert. Verschlinge unterschiedslos alles, vom kleinsten Staubkorn bis zum schwärzesten Loch.

Ich assimiliere.

Ich will mich der Welt bemächtigen, weil ich weder Freiheit noch Sicherheit kenne. Ich bin ein Durchlauferhitzer, ein Dauerbrenner. Ich will verwerten, was ich weiss, was ich erfahre, was ich erlebe, was ich spüre.

Alles muss durch die Mangel meiner Worte.

Ich selbst nenne das – Chronist sein. Jeder Tag bringt Neues, in ungeschickten, halb leeren Haufen, in honigsüssen Trauben und würzigen Schichten. Hinter allem ist noch mehr, immer noch mehr.

Ich notiere, seismografiere. Innen oder aussen, egal. Wahr oder falsch, das ist gleich. Ich bin eine Schnecke, mein Schleim sind Gedichte. Auf ihnen komme ich voran, selbst wenn ich im Leben klebe.

Normaldiode

Goddess Venus floating over ancient naval battle with text VENUΣ AT SALAMIΣ.

Blinkende Tatsachen, glatt wie ein Venusbauch, angefüllte Zeiten, komm ins Grosse Buch, das von Zwecken frei ist, ins kirschrote Lächeln, das vom Tanzen befreit ist, stirnbefreit,

Ortskundig wie Odysseus, namenlos wie Schafe, Einwegeinsichten, rahmenlose Vorhersagen, Tempelfest auf der Höhe der Zeit, Helmbusch für Hektors Sohn,

Trinkende Kühe in der Grünen Zone am Evros, Einsamkeit ist zu ertragen, wenn die Niederlage gewiss ist, vorhergesagt, bühnenreife Interviews,

Oh, niemand beschliesst zu tanzen, wenn das Fortkommen stockt, die Richtungen ihre Mehrdeutlichkeit verlieren, die Flüsse ihre Brücken abwerfen, Briefe die Seiten wechseln, Orakel sich bewahrheiten, die Boltzmann-Konstante ausgesetzt ist, Xerxes ist nicht Kyros, weder energetisch noch temperamentell, weder kehren noch wenden hilft da

Uncanny Valley

Humanoid robots standing on a dirt path in a foggy mountain landscape under a grey sky.

Beträufelte Betten, betrogene Ohren, eingefrorene Bildschirme, Alterungsprozesse in den Ecken des Raums, komm und spelze, kratze und wühle,

Ordnung im Staub deines Gesichts, noch ähnlich, noch auszuhalten, Schmisse rechts und links, die Zukunft ist die Richtung von mehr haltlos, unverbunden, unkenntlich, aber mit Kraft bahnen, ein Wähnen von rinnenden Stränden, rennenden Tälern, Mumien von

Tiefen Einsichten, nichts mehr mit Beobachten und Tee trinken, Mühen, die sich leicht kürzen lassen, Grenzen, die sich leicht aufspritzen lassen, linnenweisse Löcher des Staunens, herber Balsam für den Lauf gegen das Korn der eigenen Erwartung, saures Bier,

Ex und Hopp, je mehr Löcher, desto höher das Geschlecht, spreizende Duftnote des Starrens, ein Tal wie ein schockgefrorenes Gesicht, bröckelige Pforten, das Schlucken fällt schwer, staubige Zitronen auf den Regalen der verschwiegenen Geschichten,

Ohnmacht bis zum letzten Engel, Mangroven auf der Zunge, noch ein Korn, Fräulein, kreischend bricht die Antriebswelle, Sturz ins Entsetzen aus Augenring und Wundverlauf.

Scherben-Helden

Bevor Azrael kommt, Tiamat in ihrer fülligen Weise der Verknappung Raum schafft, die Möglichkeiten ungesichtet verstranden, komm in den Hammer für den Kiefer, in die Sichel durch den Spiegel, in den Bruch der Gefässe,

Ob das Leben nun verwirkt ist oder nur abhanden gekommen, Ziffern sind Ziffern, bleiben Ziffern, Exilmaschinen, es gibt kein Ende, nicht einmal im HERRN, der

Tzimtzum praktiziert, tzimtzum, tzimtzum, die Welt ist leer, weil sie nützlich ist, ein Scherbengericht für Pick-up-Artisten mit ihren Pick-up-Schwänzen, Kelim statt Olim, getrennt von Tiferet, verschluckt vom

Odem des Kain, abends Abel, morgens Mose, Lupe in der Hand, um die Barthaare einzeln aufzuspüren und sorgfältig zu fällen, Gesicht als Schilfmeer für Siegfriede, zerbrochene Welten, kaum mehr menschlich, Frieden durch Sieg statt Sieg durch Frieden, Krone des Scherbenhaufens, Choch-choch-chomah, Ausfluss des

א, nicht mehr als eins, weniger als eins, alle Ampeln stehen auf Zinnoroth, das Königreich ist vorbehalten in den Spatzenkämpfen und Liliendämpfen.

Grosser Aufgang

Von HJPD – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12262319

Ohne die Zeit kein Ort, keine Begebenheit und keine Brache, ein nur durch sich selbst teilbares Rasen, komm und biege die Federn zur Krone, ungeflogen, verschränkte 400 Jahren im Westen, bis in die Spitzen der Unendlichkeit fortgesetztes Ereignis, Beute der Jahre,

Ohne die Nase, ohne die Nase nur Nullen, weit und breit nur gleichmässige Vertikalität, lauter Buggertipfel, Erdhöhlen, Eisbärte, westliche Zitadellen am tiefsten Punkt, Quetzalcoatl im drehenden

Tonalpohualli, bittere Blätter der 20-Jahre-Schritte, Primzahlen wie Blicke in den Herbst, passierte Früchte des Nordens, Mais-Rollen für Verschickte,

Beerensucher im Tau, aufgezogen auf der Kette der Tage, durch die Nase gehängt, auf dem Pfad nach matlactli omei xochitl, unten in

Xochicalco die Venus mit ihrer Vernichtung, Hände im Fleisch, Zungen an Sohlen, lange Zählung aus Versprechen und Entrechtung, gefiederte Klinken in einen Ort aus Blumen, Grube von Aztlan, nördliches Wurmloch, Ort ohne Ursachen.

Unerwiderte Liebe

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Oh, da war ein Mensch, da waren Hände und Beine und Gesichter, aber nicht an der richtigen Stelle, noch nicht vollständig tot, rundum Liebesäpfel und Kinder, komm nach Haran, komm in mir, alle glücklichen Liebenden gleichen einander, jeder unglücklich Liebende ist auf eigene Weise unglücklich, keine Geschichte ist nicht auch eine Geschichte,

Tief im Brunnenloch ist nicht hoch im Himmel, Entfernungs-Leitern entfalten sich, das ist wirklich keine Zeit für

Xenien, Jakob ist schon vollständig tot, besser als eine Nachtmahr, hat sich nach dem Allerschönsten verzehrt, was in der Liebe zählt, eingehüllt in Essigmütter, Jahre wie Tage, Geschichte-Rücken an der Nase, erzählen, was sich

Beim besten Willen nicht erzählen lässt, Haman oder haram, mit Tränen in den Augen, Urmaterie und Liebe im Bann der Hubble-Konstante, lieber langsam in die Leidseligkeit eintreten,

Ostwärts an den Salbtöpfen vorbei, aber nicht an der richtigen Stelle, knapp daneben ist auch vorbei, hinter den Augen dieser Druck, Trockenheit oder Reisfeld, Action, Action, aber niemand kommt in die Träume, aber niemand kommt zwischen den Reben hervor, aber niemand hat sich verborgen.

Aventiure

Baal-Musik, überall die Musik des Baal, ein zerdepperndes Scheppern, füllige Leere aus Rasseln und Brummen, komm ins rote Auge des Mars, in die Koordinatenwahl,

Ozean aus Porzellan, Blatthornkäferlarven und Holzschneiderinnen, das Subjekt blöd und bloss, tonlos trocken, ein Knochen-

Xylophon wie von altersher in der Nacht überm Karmel, über das Steinfrüchte rollen, ein ständiges Jetzt, eine Warnung vor dem Jetzt, zerschmetterte Felder, rutschendes Da,

Orakanartiges Erdenrufen, kein dunkler Wald, aber Engerlinge, Engerlinge, Rauten und Rhomben, Hartriegeldolden mitten im Gesicht, zweischneidige Wahl von Kandidaten, Naginaten, ein Buhurt aus kosmischen

Transfusionen, unwilligen Enthaltungen, sklavisch, kleptogamen Geschmäcken, sirrender Tanz des Gottes über dem Feld aus Rausch und Hagel, und die Mitesser im stehenden, stechenden Licht.

Im Bett

Oben ist eine völlige Leere, Mondschrift im Korianderton, reich gefaltete Käferflügel, entfaltet im Bedeuten, komm in die schlichte Schlechtheit, in die Ruhe unter den Klingen der Xing’e,

Bekehrt den Trieb im Fett, schwere Lider vom Chankonabe, Restefressen und Delikatessen, eingeplüscht in den eigenen Schweiss und Schleim, ein freigestrampelter Noah, rotbackiger Engel,

Transit im eingebackenen Kissen, ganz schlaff, denn Schlaf ist tough, ölige Karte im Körperhimmel, Unsitte durch Unmitte,

Oblomows ringen mit den Dingen, die sich nicht von Handlung und Zeit bezwingen lassen, Schultern wie Murgänge, sahnig gelegene Kreten, Kanten, die diese Bezeichnung nicht verdienen, Fettwürfe und darunter den Karneol der unerwiderten Liebe,

Xungzi in der Wolfsmilch des Geschlechts, rasende Fliegen, platzende Feigen, zerfliessender Kopf unterm unerbittlichen Jadehimmel, Exil im Osten, Richtschnüre wie Rufmord, Todesurteil.

Büüle

Ordeli tschägged, leer mit Chriesi druff, Süüle-Schriibi wo voraagoot, chum zum Fälibaum us Traum und Niid, Wassermasse stürzed uf dis Liid,

Trümmligi Faable, Chleischter uf em Aug, Biene überem liise Huuch vo bruune Alge, Schönheit chasch nid

Xseh, nume mit Wüsse und Wille isch si mängmal fasch doo, am Entstoo, weder ganz do no ganz deet, Disziplin

Oder täglichs Tue isch nötig, hüüle chasch au spöter no, defür gits Spermatheke und Fermi-Paradox, mit ere nöchschte Büüle schaffsch vilech en neue Himmel, Stärne flüüge, Täg bruused eimaalig im Ohr wie Wall-Street-Wüete, aber ich han doch gsait dass, hii und her und her und hii, wo isch vore, Stutz für Stutz, Sturz für Sturz,

Bevor de Näggel sich ganz leert, Chreje sitzt ab, Chreje flüügt uf, en Schuelthek liit vergesse im Gras, en O-Ton wo foltered vor em einzige Tag wo wohr isch, wo öpper isch, öpper chunnt, en Art Mogli, en Art Waisechind, es Kaiserchind, de Heiri mit Bluet überem Aug, Tigerbrüele, jedem siis, jedem siis, do hesch es.

Schreiben heisst warten

Schreiben heisst Warten, Warten heisst Voraus-Wissen, Voraus-Wissen heisst Fürchten, Fürchten heisst Nicht-Wollen, Nicht-Wollen heisst Nicht-Können, Nicht-Können heisst Nicht-Wissen, Nicht-Wissen heisst Von-sich-weisen, Von-sich-weisen heisst Von-sich-wissen, Von-sich-wissen heisst Ahnen, Ahnen heisst Ehren, Ehren heisst Fürchten, Fürchten heisst Verzweifeln, Verzweifeln heisst Aufschieben, Aufschieben heisst Vertagen, Vertagen heisst Ertragen, Ertragen heisst Gedulden, Gedulden heisst Warten, Warten heisst Schreiben.