Fabel

Als gäb es nicht den Spatzen, der zählt auf nichts im Park,
Und doch in seinem Flattern genug vom linden Reichtum
Und fast von nichts zu leben hat; schreit er nicht so stark,
als sei des Orts er würdig, und nicht aus eignem Zutun?

Und fehlt ihm auch Objektpermanenz, mag klein er auch sein,
So braun und reizlos aufreizend, er gibt sich nicht kleinlich,
Das fiele ihm nicht ein: ist mein Bruder ohne Schein,
Foutiert sich um die kleinliche Welt. Wahrscheinlich

Ist seine Hektik nötig. So kennt er keinen Gleichmut,
Er stösst hinauf in Höhe, er fällt hinab ins Tiefe,
Erregt sich am Geringsten, ist nicht von lauem Kleinmut,
Er harrt auf nächste Nähe, er hält den Kopf ins Schiefe:

Ich seh dich Ort gewinnen und Staub um dich verteilen,
Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen.

Im Hier und Jetzt

Mit rotgeschwärzten Händen doch stets das Gleiche meinen,
Das hiesse, langsam Gesten zu formen ohne Gier,
In linden Formen sagen, was gilt im Allgemeinen,
Obwohl dich klirrend heiss die Vision befragt im Jetzt und Hier,

Die brühend kalten Lilien hier den Anfang nehmen,
In diesen Mandibeln eingespannt, deren Gift wie Rahm
In deine Blutbahn schiesst, und im Hier und Jetzt die Schemen
Auf spitzem Fusss umkrabbeln die noch primäre Scham,

Das hiesse, kritzelnd hergeben dieses eine Siegel,
Gebrannt in deine Hände, damit am Raum du rückst,
Denn hier musst du hinaustreten aus dem Schatten-Spiegel,
Weil das Faktum ist, du kannst so nicht weiter noch zurück.

Ich seh die Gliederfüsser saugen schon am Mark,
Als gäb es nicht den Spatezn, der zählt auf nichts im Park.

Faktum Fatum

Auf diesem Pfad ist wirkliche Erglühen bis ins Mark!
Der lange Flur von Kälte durchhallt, an dem dein Zimmer
Als Schimmel-Schrank liegt mit den Wänden weich wie Quark,
so lebst du dann und hast von der Zukunft keinen Schimmer;

Die Schaben schieben nachts sich dir über dein Gesicht,
Der Nachbar brüllt und rülpst, das Papier wirft dumpfe Blasen,
Die Tür ist dünn wie Haut, und nichts, nichts hat mehr Gewicht:
Gedichte, Sohn und Tochter, das ist nur alles Wrasen.

Und Faktum ist, du kannst so nicht lieben noch entfliehn
Der Hitze dieser Kälte, die innen wächst wie Flügel.
Das Fatum liebt´s, dass du so auf allen Vieren knien
Gelernt hast, tief gebückt über diesen Speigut-Tiegel.

Ich seh die Scham dich wärmen, dasselbe lau verneinen,
Mit rotgeschwärzten Händen doch stets das Gleiche meinen.

Der kleine Kampf

Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen
Durchs Land in kleinen Kämpfen spazieren, wo noch nie
Ich sah Libellenflügel auf Spreiten Lettern schreiben.
Ich spür den feinen Rasen, auf dem ich beug das Knie,

Das lau, zivil-gehorsam der schönen Ordnung folgt,
Die lauter rosa Schädlinge in Tatenlosigkeit
Und falschem Mut herumbeineln sieht, und kein Erfolg
Wird je ihr Kaineln bremsen. Erschöpft von Schwierigkeiten,

Geht Adam langsam weiter, auf Wegen voller Müll,
Vorbei an zahmen Hornochsen, kalte saure Hoffnung
Im Mund statt braver Wörter. Die Wut gehüllt in Tüll,
spür ich die Schameshitze im Dämmern einer Öffnung:

Da schluckst du schnell den Haken, der brennt im Hals wie Marc.
Auf diesem Pfad ist wirklich erglühen bis ins Mark.

Auszureden ist es nicht

Auszureden ist es nicht:
Die Karussell-Stufen schlingen sich um dich wie ein Kind das dich lange vermisst hat
Die ausgewürgte Scham steigt aus deinen Augen mit ihrem Ebergesicht und den Kakerlakenfüssen
Die früheren Zeiten streiten nicht mehr mit den kommenden Zeiten
Die letzten Gedanken vor dem Schlaf sind Mutterbrüste voller lächelnder Kehrichtdeponien
Und unter das Dach deiner Gedichte hat noch kein Wurm sein Erdhäufchen hingebracht.

Der Hass auf diese Zeiten

Der Hass auf diese Zeiten, wenn Geld dir wieder fehlt,
Die Tage ausgestreckt über dir wie Kranichflügel,
Als sei der Ruf: „nach Süden, nach Süden!“ nie verfehlt,
Der Hass auf diese Zeiten, er formt den Venus-Hügel,

Auf dem du trotzt den Wünschen nach rationalem Tun,
Von dem du Hoffnung tötest auf kluges Spar-Verhalten,
Und singst und zählst die Kerne, wies tut ein blindes Huhn,
In denen liegt das Schweigen, das niemals wird veralten:

„Es sind die Dinge so voller Mühe.“ Rede nur
Und hör nicht auf das Rauschen, das kommt vom Flug der Lügen,
Die aufgereiht du hast in Gedichte ohne Spur
Von Treue oder Mut: willst dich immer noch betrügen…

Ich seh den Hass Facetten schleifen von deinen Gallensteinen.
Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen.

Lagrimas Negras

Sein wie
Der Mann im morgendlichen Park
Der zuerst im Nebel und dann in zunehmender Sonne langsam ausschreitet
Fast im Tanz
Die weissen Kopfhörer gut eingesteckt
Als seien es Wurzeln der Realität
Die sich aus seiner Jackentasche windet
Bedächtig und bedacht schreitet er aus
In seiner rechten Hand hält er eine Bierbüchse
Den ganzen Morgen hält er diese Bierbüchse in seiner rechten Hand
Grade wie sein Rücken und geht
Rund und rund um die Rasenfläche herum
Den ganzen Morgen

Sein wie
Das blonde Strubbelmädchen
Vier Jahre etwa
Das mit knarrender und krächzender Stimme
Miniaturrabe
In den Morgenpark hineinläuft
Schiesst und fuchtelt und kichert
Entgegen der Warnung der hochschwangeren Mutter auf hohe Steine kriecht
Sich unter unserem Tischtennistisch verkriecht und herausschiesst wie ein Eichhörnchen
Sich vom Ball ablenken lässt und ihn wieder lässt

Sein wie der alte Herr mit Krawatte
Jetzt im hellen schrägen Herbstmorgenlicht im Park
Mitten in der Matte
Seine Gitarre glänzt und sein Haar
Seine Gitarre trägt nicht weit
Aber seine laute tragende Stimme
Er singt in das Grün hinaus
Spanische Weisen
Die Sonne im Gesicht und ernst
Als ginge es um Brot und Leben.

Ich seh die alte Lüge

Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen:
Auf diesem Pfad ist wirklich erglühen bis ins Mark!
Mit rotgeschwärtzen Händen doch stets das Gleiche meinen,
Als gäb es nicht den Spatzen, der zählt auf nichts im Park.

Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen,
Mit Blumen-Nägeln kratzen am Kitt der Sorgenwelt.
Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?
Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält!

Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend weichen Händen:
Du tust was du getan hast und gehst von Hind nach Sind.
Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden.
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.

Ich seh dich ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden.
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Mehr als der Wall

Ich bin mehr als der Wall
In dem ich bin.
Ich bin weniger als die Wut
In der ich schreibe.
Ich bin die Mühe um Wind
Und mehr: eine Kaskade über dem schwarzen Gestein
Das in mir immer noch widersteht einer Berührung
Einer Rosenaufzucht
Und unter dem schwarzen Gestein die Dornen der Hecken im Spiegel der Zeiten
Und unter den Dornen die Bise der Abwendung.
Aufgewirbelt ist die mutlose und richtungslose Wut
Zerfetzt das Zahnfleisch der Betriebsamkeit und auf dem Wall
In dem ich hause
Schneidet meine Lunge tranige Brocken Zeit von meiner Freiheit ab.

Brackwässerige Augen sind eingefasst in die roten Wangen Adams:
Ich bin mehr als die Wut mit ihren Wurzeln in der Scham
Ich bin weniger als der Wall mit seinen Backensteinen aus Schuld
Und mehr: ich bin das Grausen der Trittsicherheit und
Die Speise des Aufstiegs.
Ich bin der Vorkoster des Abschieds und der Kataster von den krallenwerfenden
Anfängen diesen sturen Böcken
Die mitten in der Nebel-Matte stehen und die Hörner senken
Und harre katatonisch mit einem leichten Zwinkern auf den Wind
Der durch die Lücken meines Walls und in die Röte meiner Wut führe
Und kaue mit dem nötigen Schwindel am Zuckerrohr
Das aufgeschossen ist in meinem schweigenden Rücken
Verkrustet von den fehlenden Händen.

Der Blick deiner Katze

Meine Katze betrachtet mich:
In ihrem Blick
In ihrem langsamen Blinzeln
Sehe ich all die abgebrannten Scheunen in den überfluteten Träumen stehen
Die Löwenscherze meiner Bedürftigkeit –
Was hatte ich nicht alles eingenistet in diesen Lotterläden für meine Gedichte
Die sich niemals zu einem Gebet hinaufschwingen konnten
Hinaufschwingen können würden zu einem Gebet
Das da oben wie eine Klinge im Herbstregen sauste
Und ich sehe im Blick meiner Katze den Blick eines Wesens ohne Hoffnung
Weil Hoffnung etwas für den Menschen ist
Eine Art unendlicher Faden an dem zu ziehen der Mensch geboren wird
Um endlich am Ende des Fadens vielleicht
Eine Fliege oder eine Pfauenfeder mit dem Auge Allahs oder wenigstens
Einen Haken zu erlangen
Der leicht zu verschlucken ist und mit den ersten Rucken dann doch zu schmerzen beginnt
Aber leicht oh leicht sind die ersten Rucke wie ein Blinzeln
Und du tauchst ab und reisst alles mit dir mit in die Tiefe der Stille deiner Wohnung
In die fraglose Tiefe deiner Armut
Die wie immer keinen Ausweg verrät
Den sie dir bereit hielte für den Falle eines zu erfüllenden Gebets
Das dich abschnitte von diesem Faden an dem zu zerren du berufen bist
Und in den Augen der Katze siehst du die Unempfindlichkeit für deine Tränen und Seufzer und dein Lachen über deine Lage
Und während sie sich abwendet und die Scheunen mitnimmt und die Haken und die Regentropfen und die Tiefe und die Wünsche deiner Kinder
Hat das Gedicht schon begonnen wie eine Ankerkette.