Ein Gedicht schreiben: In einem Zug

Für mich ist ein Gedicht die Tat eines langen Moments. Das Gedicht ergibt sich. Es wurzelt tief in meiner Erfahrung und in meiner aktuellen Wortwelt.

Wenn ich Gedichte schreibe, liegen häufig kleine farbige Zettel auf meinem Tisch; Wörter, die ich ausgedacht, gefunden habe und für kostbar halte. Einige wenige davon bringen die Funken für das Gedicht. Es sind keine zufälligen Wörter, sie sind stimmig zum Thema oder Stoff, der mich antreibt.

Eine Vorbereitung für das Gedicht ausser dem andauernden, ausdauernden Ruminieren, das bis in die Träume reicht, gibt es nicht. Genauso wenig gibt es einen vernunftgesteuerten Schreibprozess: Ich schaue und schreibe genau und haarscharf daneben, damit das Gedicht die Freiheit hat, sich selbst zu sein oder werden.

Diese lange Moment des Gedichts ist unerschiedlich lang, von 15 Minuten bis 2 Stunden. Das Gedicht entsteht nur in diesem einen Zug, diesem schreibenden Atemzug, der ein wenig Heraklits Fluss gleicht: Du steigst nicht zweimal hinein.

In diesem langen Moment herrscht eine besondere Konzentration: ich bin hochrezeptiv, sehr aufmerksam – und gleichzeitig zentral abwesend; ich bin keine rechnende Person, es gibt keinen Punkt, auf den ich ziele, kein Resultat, das ich fordere; ich lasse kommen und gehen. Erlahmt die Kraft, spanne ich sie ein letztes Mal an: für das Ende.

Ein so geschriebenes Gedicht ist wie eine Baumnuss, die ich gefüllt und geschlossen habe. Eine Überarbeitung ist im seltensten Fall nötig und noch seltener möglich.

Jagdgedicht

Östlich vom Berg, angeschnitten von Zerstörung, angehalten von der Auflösung, ein biderber Fluch,

Brachland aus ungehaltenen Versprechen, Mass für Mass im Takt des Kalpa, aufgewogen in der

Tau-Welt, die über Fluchten in den Süden naht, brauchbar wie Essig, aufgeraut von

Oben, das Blicke auf sich zieht wie der Frühling den Winterling aus dem Boden, ein allzu gleichmässiges Rasen und Summen, Kreten von aufgesetzten Plattitüden, die ein

X für eine U machen, rosige Fingerhüte im V, komm und füge den Lappen dein Gesicht hinzu.  

Der HERR verschafft Raum

Bevor der Raum sich schliesst, Spuren hinterlässt von Spatzenfüssen und Liliengeschlecht, in den hier gestrandeten

Tann mündet, vollkommen uneins mit den Furchen, die in Wind und Wetter gestanden haben, erzählen von Siegfrieds Rücken, ausgestreckt in die herannahenden

X-Einheiten, die jene terrain vagues abtasten, die nach Wasser aus der rechten Seite schmecken, süsslich-klar, und der Doppelkinn-Bart aus Sedimentschichten im

Odenwald, eine Art Nebeldiadem aus Tiamat und Azrael, der HERR verschafft Raum,

Orografische Möglichkeiten, hoch und niedrig, flüssig und fest, komm in die dritte Person, Schattenexistenz im Bereich des Trüben.

Am Strand

Traum in der Welle der Anfassung, Gesichtskreis von der Spanne einer Mühe, ein Pfad von nacktestem Gebrechen, Gabriels

Ohnmacht, ist das denn noch zu sagen, ein Teil ist Spreu, ein Teil ist Scheu, im Türrahmen ein bisschen

Xerox, ein bisschen An-sich-halten, Sorgfalt im Zeichen von Anmassung, halb entzweite Wolken, trocken wie Zunder,

Bahnen ziehen Ahnen, wollen Geltung, die man ihnen weigert, aufgewiegelte Kiesel am Strand, ein gegenständliches, kaum zu ertragendes

Ohrensausen angesichts einer unbewegten Zeit, überall Funkenflug, weiche Felsen und Falten, komm und regne, schmilz und wälze.

Auf hoher See

Bündel von Leere, Vorhersagen in gedoppelten Richtungen, verankerte Lockerungen,

Ordungslichtungen, die kehren und kehren, wehren und währen, Flossen aus aufgeweichten Instrumenten, ohne Bühne, die sich ausdehnt,

Taxinomien für Tage, in denen kein Fortkommen ist, selbst ein Elektron kennt die Einsamkeit nicht, im ständig zuwachsenden

Overall-Effekt, Ungeduld als Vektor, Schöpfung im kleinsten Rahmen, küstenloses Einst, komme ins Schauen,

Xeres im Hals, rote Lampe auf Brusthöhe, Knirschen aus dem Brassbaum, ins Auffüllen, ins Ausdehnen, schlucke, schlenkere, ins Schwellen einer Zunge, unten und oben.

Wiesenpoesie

Organisierte Türlippen, Anstandskehlsessel, zusammengesetzte Metronome, die sich absetzen in geschehender Freude,

Xerophile Emotionen, Schuppenhaftung, einzelne Wörter, die umkehren

Tunlichste Vermeidung von Mundwinkeln, komm in den Garten, zu den hängenden Scharten,

Obere die dünnschaligen Komfortzonen als schlagende Argumente, leichte Widerstände in der Zusammensetzung, in der Epilierung,

Besenkammern blühen, schwer liegen die Mundwinkel im Wort, kernige Schönheitsmale, Feld-, Weg-, Wald-, Wiesenpoesie.

Theorie der Schönheit 3

Oberhalb Vaters Tod ist es sehr laut, Spelzen glänzen im Licht, Kriechen und Fliehen ist die Regel, Nasen drehen sich ins rücksichtslose

Theaterblau, Kinder lachen im Dopplereffekt, nichts bleibt gesagt, Geschmack von Sägemehl und die Hand des Gegners, es hat noch nichts gebracht,

Oberhalb Vaters Tod ein Flüstern verstehen zu wollen, ein Kümmern anzubringen am grünen Revers, im Schatten des Schlupflids Aufregung von Spatzen, denn die Zeit vergeht zu schnell,

Xanthinderivate tropfen hinein, der Lärm ist langsam und schwer, leicht und schnell geben die Knie nach, darunter ist der Geruch von Myrrhe, Buntfalten spielen mit den Geraden, Kummerbänder umfassen die schon Liegenden,

Bevor die Zeit kommt, ist es schon vorüber, unbegriffen, unerschaffen, die Mitrochondrien hatten wieder nichts gesagt, Fadenenden anfeuchtend, in Türfluchten flimmernd, komm ins weiche Gold der Ähren.

Theorie der Schönheit 2

Tief im Nichts drin, am Quell der Geraden, fast stumm, nicht taub, mindestens so gross wie ein Kiesel unterm Strom,

Xenoform in seiner Verwandtschaft, keineswegs vereinzelte Quaddel, ankylotisch, aber auf dem Weg zur

Besserung, mehr zusammengefaltet als aufgespalten, im Histaminbereich,

Oberflächlich gesehen dort, wo dem Traum die Wirklichkeit abhandenkommt, chasarisch schon, kurz vor physikalischen Eigenschaften, zero point motion,

Obergrenze des Wahrnehmbaren, schneckenschnellend, öffnen sich die Falten-Felder, die Archäenreiche, sprengen die Vorstellung, entfernen die Entfernung, komm, du Höhlentraube.

Essen: Schauen

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I

Ich esse solange das Gleiche
Bis es mir gleich wird: langsam
Beginnt der Geschmack zu schweigen.


Die Zunge befördert
Auf der Baustelle der Aneignung
Stahlhart und stumpf
Bolus um Bolus
Ins Ausscheiden.

Aufschwellend
Un-Schwamm
Kauere ich im Schatten
Überm weichen
Erdteil.

(Ich fürchtete mich
Vor dem Schlucken:
Würde ich Schlange?)

II

Mein Anteil Erde:
Ich ringe mit nichts –
Nichts ringt mit mir.

Mein Fett:
Weder Schwimmblase noch Schild.
Ich bin niemand Feind und
Weder hoch noch tief.

Ränge jemand mit mir
Ich träte schnell vorwärts
Aus dem Ring.

Erhöbe ich mich aus klammem Einstreu
Niemand kennte mich.
Niemand fände mich
Sänke ich in die Dämmerzone.

III

Ich esse zum Essen.
Gänse müssen sich so fühlen.
Ich habe einen offenen Hals.
Ich bin eine Röhre.

Ich esse rutschend:
Rutsche essend ins Fortwähren.
Ich halte nicht an mich
Weil nichts mich hält.

Die Erde wie der Geschmack
Ohnegleichen:
Farblos wie Wasser
Hart wie Kot.

Jahresrückblick 2025

Wenn du schreibst, ist jedes Jahr ein Scharnier-Jahr. Manchmal geschieht vieles in kleinen Schritten; in Tritten und Stufen, die du scheinbar mühelos überwindest. Hin und wieder aber gibt es diese Momente in deinem schöpferischen Prozess, die dich unverhofft viel weitertragen.

Das vergangene Jahr ist reich an solchen Momenten. Sie geben mir Zuversicht, „dranzubleiben“, „weiterzumachen“.

Das Jahr 2025 beginnt eigentlich schon im Dezember 2024. Im Schreiben eines (erfolglosen) Antrags an die Literaturkommission beider Basel habe ich mehrere Dinge erlebt oder festgestellt. Davon will ich nur zwei erwähnen: Ich kann geduldig und ausdauernd an der Verbesserung eines Texts arbeiten, der eine vielköpfige Jury anzusprechen hat; ich erkenne, wie reich meine literarische Erfahrung schon ist, indem ich einen literarischen Lebenslauf erstelle. Mit diesem Bewusstsein starte ich ins Jahr: Ich bin ein Autor, mein Talent ist die Sprache, das Erzählen. – Ich werde im Lauf des Jahrs weitere Anträge stellen; den letzten wiederum diesen Dezember 2025 – für den aktuellen Roman „Nagelprobe“.

Ausdauer und Geduld auch mit meiner ersten Novelle. „Ne me quitte pas“ heisst sie nach einem von Brels berühmtesten Liedern. Es handelt sich dabei im buchstäblichen Sinne um Autofiktion: ich schildere (nicht zum ersten Mal) meine erste, unerwiderte Liebe. In dieser Geschichte, die ich gerne im Frühjahr 2026 publizieren möchte, verwebe ich drei verschiedene Ebenen miteinander – und verneige mich vor meinen grossen Vorbildern Dazai und Ramuz: Dazais Geschichte «Hundert Ansichten des Fuji-sama» spiegle ich in einer Rahmenhandlung, in der das «erzählende Ich» zusammen mit einem Freund just im Restaurant / Gasthaus «Tenka Chaya» auf dem Misaka-Pass wohnt; Ramuz’ Ehrlichkeit spiegle ich in der Liebeserzählung: einfache Sätze, nachdenklicher Ton; meiner derzeitige Liebe zu Isekai-Mangas und -Animes gebe ich nach, indem ich die Liebeserzählung mit drei Geschichten aus «Anderwelten» verflechte, die sich alle um gelungene oder misslungene Liebesbeziehungen drehen.

Ein weiterer Meilenstein ist mein ONO-Auftritt im Februar 2025. Im Rahmen des dortigen Lese-Sessels trage ich meinen ersten Prosatext überhaupt vor Publikum vor, bei dem es sich zudem noch um eine Sex-Szene handelt.

Aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Yijing und dem Taoismus entsteht im Laufe des Frühjahrs 2025 ein neuer Zyklus. Wie er heissen wird, ist derzeit noch nicht klar. Ich stelle den Zyklus im Mai 2025 fertig. Es handelt sich dabei um 64 Sechszeiler, 14 Vierzeiler und 2 Langgedichte, die in einer komplexen Struktur miteinander verflochten sind. Das Herz des Zyklus sind die 64 Sechszeiler, die von den 64 Orakel-Tetragrammen inspiriert sind, sie spiegeln und erweitern.

Dieser Gedichtzyklus ist für mich ein riesiger Fort-Schritt. Ich gebe darin meinem Bedürfnis nach, die Sprache hinter mir zu lassen. Dabei missachte ich sowohl die Semantik als auch die Grammatik. Wörter ersetzen Sätze, Wörter werden Dinge. In einer extremen Dichte komprimiere ich Weltsicht und Weltgefühl. So sehr, dass es sich dabei fast um eine Geheimschrift handelt. Ich bin sehr neugierig, wie ich diese Gedichte vortragen werde!

Aus einem Traum geboren, entsteht seit Juni ein neuer Roman. Er trug zuerst nur den Titel «Engadiner Roman», heisst inzwischen offiziell «Nagelprobe». Seine Entstehung, sein «zu-mir-kommen» hat mich überrascht. Die Dringlichkeit, diesen Anfangsimpuls umzusetzen, war sehr hoch. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Romanen wie «Von keinerlei Bedeutung» finde ich von Beginn weg eine belletristische, einfache Stimme – und ironisiere das eigene Leben, in dem ich dem Ich-Erzähler meinen Namen gebe. Überhaupt: dass ich nach «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen» (2023/24), in dem ich just am Ich-Erzähler gescheitert bin, «aus heiteren Himmel» einen neuen Versuch starte, der diesmal gelingt, beglückt mich sehr. Dieser Roman nimmt meine Schreibzeit den Rest des Jahrs fast ganz in Anspruch. Derzeit befinde ich mich im 24. Kapitel, ungefähr auf Seite 170.

Parallel zur täglichen Schreibarbeit am Roman überarbeite ich lange schon lektorierte Gedichte, die aus den Jahren 2016 und 2017 stammen. Ich hatte sie vergessen oder verdrängt, entdecke sie im Herbst 2025 neu. Daraus entsteht mein Gedichtband im Eigenverlag namens «Es ist soweit», den ich im Oktober anlässlich von «Züri liest» präsentiere. – Die Gedichte erweisen sich als wirksam, als stark. Erstmals trage ich sie auswendig und frei vor. Ich fühle mich ermächtigt und stark. Die Rückmeldungen überzeugen mich nachträglich davon, dass die Publikation eine gute Entscheidung war. – Eine zweite Lesung im ONO-Lesesessel im Dezember bestätigt meinen Eindruck. Die Gedichte sind gute Gedichte.

Von diesem Erfolg angespornt, nehme ich einen alten Gedichtzyklus wieder hervor. «Meine russischen Verse» ist in meinen Augen eine Sammlung von 134 «Jugendgedichten». Ich nennen sie hier «Jugendgedichte», weil sie eine Vorstufe zu meiner «erwachsenen» Phase darstellen, die mit «Jahr dazwischen» (2017) beginnt. Diese «Jugendgedichte» stammen aus den Jahren 2004-2011. – In einer radikalen «Relecture» lese ich einen Satz pro Gedicht heraus; Sätze, die mir auch heute noch gut und wichtig scheinen. In einem weiteren Schritt wähle ich je 10 Sätze für ein komprimiertes Langgedicht aus; so entstehen 13 Langgedichte. Ich gebe ihnen den vorläufigen Titel «Wiederaufbereitungsanlage». Ich befinde mich derzeit in der Überarbeitungsphase dieses Gedichtzyklus.

Angestossen vom Austausch mit meinem Mentor (wie ich ihn bei mir nenne) Thomas Kunst beginne ich in der persönlich schwierigsten Zeit meines Jahres, im Dezember, im Kriseninterventionszentrum der UPK mit einem ersten Sonettenkranz. Diese 14 resp. 15 Sonette drücken meine Gedanken aus, die ich im Austausch mit Thomas gewonnen habe. Es ist eine Art Beschwörung der Demut und Einfachheit. Der Titel dieses Gedichts ist «Lass es sein». – Und wie häufig in solchen Fällen, löst dieser erste Versuch weitere aus: diese Woche beginne ich mit einem weiteren Sonettenkranz, den ich vorerst «Weihnachtssonette» nenne. Der Impuls stammt aus Geschichten von Silja Walter, die mich in ihrer biblischen, bildhaft-konkreten Sprache unglaublich gepackt haben – eine unbedingte Lese-Empfehlung, eine Wieder-Entdeckung für mich.

Und jetzt bin ich wieder am Warten: am 15. Dezember habe ich fristgerecht meinen dritten Antrag in Folge bei der Literaturkommission beider Basel eingereicht. Ich habe einen Werkbeitrag von 12’000 Franken beantragt, was mir eine dreimonatige Schreib-Auszeit ermöglichen würde. Mal schauen, ob die Jury diesmal erkennt, dass hier jemand schreibt, der gefördert werden sollte. Daumen drücken ist angesagt!

Was bringt das nächste Jahr?

Wenn nicht den Werkbeitrag, so sicher das Ende des Romans „Nagelprobe“ (April 2026). Danach steht Überarbeitung an. Und natürlich weitere Geschichten: einige warten schon länger auf ihre Entstehung! So eine Geschichte über die Rückkehr eines Schweizer Söldners in sein Heimatdorf. Die Geschichte ist nur in Dialogform gehalten, fast ein Theaterstück; sie spielt im späten 17. Jahrhundert.

Was lyrisch passieren wird, ist derzeit noch nicht klar. Ein Zyklus ist nicht in Planung, meine Prosa-Arbeit braucht aktuell alle meine Schreibzeit auf.

Sicher aber sind einige Publikationen und hoffentlich damit verbundene Auftritte: der „Yijing-Zyklus“ und die „Wiederaufbereitungsanlage“ sollten im Frühjahr bzw. Herbst wiederum im Eigenverlag publiziert werden; ich hoffe auch, die Novelle „Ne me quitte pas“ im Frühjahr zu publizieren.