Lyrik hassen?

Eine poetologische Stellungnahme zu einem Essay von Ben Lerner

In einem Essay namens «Warum hassen wir die Lyrik?» versucht der amerikanische Literaturwissenschaftler und Autor / Lyriker Ben Lerner Antworten darauf zu finden, warum Lyrik bei «Otto Normalbürger» und sogar bei «Literaturliebhaber*innen» einen schlechten Stellenwert hat. Dabei stösst er auf die Abneigung, den Hass gegen Lyrik.

Als Lyriker bin ich sicher nicht die richtige Person, um objektiv und argumentativ vielfältig auf Lerners Aussage zu reagieren. Dennoch will ich es hier kurz versuchen – und dabei sicherlich auch eine kleine Gegen-Poetik formulieren.

Selbst 11-jährigen Schüler*innen gelingt es, das Erlebte oder Erfahrene „irgendwie“ in Worte zu fassen. Selbst mit ihrem kleinen Wortschatz und ihrer Unkenntnis darüber, was Lyrik ist, gelingt ihnen ein Haiku. Darum geht es ja letztlich immer wieder: um einen Anfang, der deine Fähigkeiten akzeptiert und dich ermutigt, einen Weg zu finden.

Das Gedicht als nie zu erfüllendes Versprechen

Lerners Grundthese stammt vermutlich von seinem «Meister» Grossmann. Dabei handelt es sich um die Theorie vom Gegensatz des «virtuellen» und des «verwirklichten» Gedichts. Das «virtuelle» Gedicht ist die Idealform des Gedichts, nach der alle Lyriker*innen streben. Es entstammt einer Unterwelt, einer Traumwelt, zu der wir als wache, vernunftgesteuerte Menschen keinen Zugriff mehr haben. Das «verwirklichte» Gedicht (Lerner nennt es das «konkrete» Gedicht) dagegen ist das, was die Lyriker*in effektiv zu Papier bringt (oder vorträgt).

Ich glaube sagen zu können, dass dieser Gegensatz jeder Lyriker*in bewusst und nachvollziehbar ist. Dieser Gegensatz zwischen dem «Wunschobjekt Gedicht» und dem «Endprodukt Gedicht» ist vermutlich auch der Grund, weshalb ein Lyriker niemals aufhören kann zu schreiben: seine Gedichte sind immer nur Versprechen, die nicht einzulösen sind, zumindest nicht auf dem Papier oder im Vortrag.

Soweit würde ich Lerner also zustimmen. Die Lyrik, könnte man zusammenfassen, lebt just in diesem Spannungsfeld von Sagbarem und Unsagbarem. Und sie lebt von diesem Spannungsfeld. Anders gesagt: dieses Spannungsfeld ist eine Triebfeder, ein Motor, ein Grund.

Aber hassen…?

Die Aussage, dass «wir» Lyrik hassen, erstaunt mich auch nach der Lektüre des Essays immer noch. Von einem deutschen Literaturkritiker*in kommend, würde sie mich keineswegs erstaunen. Aber von einem amerikanischen?

Für mich ist die anglo-sächsische Lyrik eine Form von Lyrik, die durch Zugänglichkeit, individuellen Ton und Erzählkunst fasziniert und anspornt. Die deutschsprachige Lyrik dagegen ist eine verkopfte, übermetasprachlisierte Angelegenheit, und da würde ich Lerner durchaus zustimmen: wie auch die amerikanische Lyrik handelt es sich dabei um die Ausgeburt von Akademiker*innen. Um die Frucht also von Fachleuten. Daher das Meta in der Lyrik: Selbstreferentialität und Sprachschwurbel.

Immer wieder habe ich das Gefühl, wenn ich «anerkannte» Lyriker*innen lese (oder noch schlimmer: höre), dass hier jemand masturbiert. Und zwar auf hohem sprachlichen Niveau, das niemand ausser Fachleuten und Nerds mehr zugänglich ist. Ich habe diese Form von Lyrik in meinem Blog über den Tag der Poesie 2021 die Sprache von Lyrik-Bürokraten genannt. Diese Aussage finde ich weiterhin zutreffend.

Doch würde ich keinesfalls sagen, deswegen hasse ich die Lyrik. Ich könnte ohne Lyrik gar nicht leben. Wenn ich nicht ständig mit Worten im Kopf herumlaufen kann, die sich auf ein Gedicht vorbereiten, die ich für ein Gedicht aufhebe…, dann verliert mein Leben an Sinn. Und selbst wenn ich vieles nicht liebe, was heute unter Lyrik läuft, so würde ich es doch niemals verachten oder verabscheuen – nur, weil es ein nicht eingelöstes Versprechen ist.

Hassen kann die Lyrik nur jemand, der wirklich zutiefst von ihrer Sinn- und Nutzlosigkeit überzeugt ist, ein durch und durch vernünftiger und quasi algebraischer Verstand – doch zweifle ich daran, dass es so eine Person gibt.

Jeder Ausdruck deiner selbst ist kostbar

Auch Lerner weist darauf hin, dass die meisten Menschen irgendwie davon überzeugt sind, jede*r könnte ein Lyriker*in sein. Das ist etwas, was ich in meiner Arbeit als Religionslehrperson immer wieder erlebe: Wenn ein Kind zu eigenen Worten findet, wenn ein Kind etwas Gehörtes, Erlebtes in Sprache umzusetzen versteht, dann ist das ein grosser Moment.

Es ist deshalb ein grosser Moment, weil unsere Gesellschaft inzwischen weitgehend über Bilder und Filme funktioniert und kommuniziert – und die Sprache vernachlässigt wird. Es ist deshalb ein grosser Moment, weil du als Person erst weisst, wer du bist, wenn du dies ausdrücken kannst.

Und dabei kann es sich dabei um einen durchaus ganz einfachen Satz handeln, ganz ohne Reim und Metrum. Denn Sprache – selbst gefundene Sprache – hilft dir beim Verstehen und letztlich beim Handeln.

Einer der Gründe für die aktuelle Hitzigkeit in öffentlichen Diskussionen ist gerade dieses Reden in Worthülsen: die Benutzung von vorgefertigten Bruchstücken einer Rede.

Wer jedoch selbst sagen und reden gelernt hat, ist über diese Redewendungen, Floskeln und Sprachfetzen hinweg emanzipiert.

Ich glaube auch, dass jede schreibende Person zuerst durch das Dickicht der überkommenen Floskeln und Redewendungen hindurchmuss, um sich zu emanzipieren: um eine eigene Stimme zu gewinnen, den flüchtigen und doch bleibenden Ausdruck seiner selbst.

Die anerkannte Nutz- und Sinnlosigkeit

Lerner erwähnt in seinem Essay auch die stereotypen Diskussionen mit «Nicht-Lyriker*innen». Darin dreht sich vieles darum, warum jemand Lyriker*in ist und ob diese Person veröffentlicht ist. Das erlebe ich auch so. Doch erlebe ich niemand, der Lyrik hasst; Gleichgültigkeit, ja, aber keinen Hass.

Und ich muss Lerner in einem nicht unwichtigen Punkt widersprechen. Denn in den meisten Diskussionen, die ich mit «Nicht-Lyriker*innen» führe, findet selten eine Lächerlichmachung oder Verächtlichmachung meiner Tätigkeit statt. Viel öfter erlebe ich Ermunterung und manchmal sogar Bewunderung dafür. Diesen Zuspruch könnte man in folgendem Satz zusammenfassen: «Es ist gut, dass du dies tust. Denn das fehlt in dieser heutigen Gesellschaft.»

Der Lyrik wird also durchaus auch durch die im «business as usual» versinkenen «Nicht-Lyriker*innen» eine Relevanz und eine Bedeutung zugemessen, auch wenn sich diese nicht unbedingt bis in ihr eigenes Erleben und Empfinden hinein erstreckt.

2 Typen von schlechter Lyrik

Doch lassen wir das müssige Geplänkel hinter uns. Befassen wir uns damit, was der Lyrik einen schlechten Ruf beschert.

Die anerkannten deutschsprachigen Lyriker*innen

Da sind zum einen die anerkannten (ich nenne sie die «institutionalisierten») Lyriker*innen. Ich meine damit die herrschende Elite der Lyriker*innen. Ich habe vor kurzem einen Dokumentarfilm über die Mayröcker gesehen und war zutiefst geschockt, mit was für einer weihräucherigen Achtung diese Person behandelt worden ist. Als wäre sie eine Art Verkörperung der Lyrik, von etwas fast schon Vergeistigtem.

Diese Lyriker*innen sind für das Bild, das in Medien und in den Köpfen der «Otto-Normalverbraucher*innen» herrscht, verantwortlich. Ihre Gedichte sind verkopfte, verkleisterte und germanistisch durchdachte Missgeburten. Hier handelt es sich um die ad absurdum getriebene Sprachonanie. Hier wird nur selten noch etwas so gesagt wie es zu sagen wäre. Persönliches, vergessen denn Privates wird derart «durch die Blume» gesagt, dass das Gedicht einen fast vereisen lässt vor Langeweile.

Gedichte von solchen «Grössen» sind meist abstrakt. So «durchwortet», dass sie weder berühren können noch berührt sind. Es sind Sprachkunstwerke auf dem Weg in das «virtuelle Gedicht», um Lerner zu zitieren: ein Versuch, eine ideale Sprachwelt zu entwerfen jenseits der gebräuchlichen Sprache.

Gewiss hat dieses Vorgehen und Anliegen eine Berechtigung. Doch liebe ich weitaus mehr die direkten, erzählenden, fast schon in Prosa geschriebenen Gedichte aus dem anglo-sächsischen Raum. Dort wird Erlebtes in einer zugänglichen, unverfänglichen Sprache ohne Überbau ausgesprochen.

(Ich nehme mir hier vor, in naher Zukunft zwei Gedichte zu gleichen Themen aus den beiden Sprachräumen zu vergleichen, um dies deutlich zu machen.)

Die beginnenden Lyriker*innen

Dann sind da die Nachwuchs-Lyriker*innen: Menschen, die aus innerer Zerworfenheit, Lebensqualen oder Sinnfragen zu schreiben beginnen. Ihre Gedichte – und das ist bezeichnend für den Zustand der Lyrik – orientieren sich an romantischen, klassizistischen Vorstellungen davon, wie man Gedichte schreibt oder was Poesie ist. Da werden Blumengefässe gefüllt und Hülsenwörter aufgehäuft (von «Liebe» über «Sehnsucht» bis zu «Wunder»).

Sie sind meist noch in der Phase, die ich oben beschrieben habe: durch das Dickicht der Klischees und Floskeln hin zu einer eigenen Stimme. Dass dieser Weg ein mühsamer ist und meistens ein Holzweg, der irgendwann in der Tristesse einer Beliebigkeit endet, steht auf einem anderen Blatt.

Während den einen eine «eigene Stimme» nicht abzusprechen ist, sind die andern noch ohne solche. Beide aber verballhornen die Lyrik auf ihre Art und Weise: die einen durch Überfrachtung, die anderen durch Anachronismus.

Dass vor diesem Hintergrund das in unserem Sprachraum herrschende Bild der Lyrik bestenfalls von Gleichgültigkeit geprägt ist, kann daher kaum erstaunen.

Natürlich hat in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Vulgarisierung der Lyrik durch die vermeintlichen Poeten des Poetry Slams eingesetzt, auch durch deren Arbeit für junge und jugendliche Schreibarbeit in den Schulen ist vieles in der Aussen- und Fremdwahrnehmung verändert worden.

Was sich nicht verändert hat, ist das Jammern über die Lyrik und über den Zustand der Lyrik. In das ich hier ja auch einzustimmen scheine. Doch möchte ich hier gleich wieder abwinken: ich möchte nur für mehr Leidenschaft plädieren! Mehr gute Lesungen, die nur so von Spucke und Verve glänzen, Autor*innen, die ihre Gedichte mit Energie und Freude vortragen. Denn das ist ja das Schlimme im deutschen Sprachraum: die Autor*innen sitzen bei ihren Wassergläsern und murmeln wie die Pfarrer in den Kirchen etwas in ihre Mikrofone, als schämten sie sich ihrer Worte. Da wünschte ich mir mehr Lyriker*innen, die sich inszenieren können – und wollen. Dafür aber haben die meisten zu grosse Hemmungen, weil sie die Gleichgültigkeit kennen, die ihnen entgegenzuschlagen droht; zu grosse Hemmungen, weil sie nicht wirklich an ihren Auftrag und an ihre Verantwortung glauben. (Ausgenommen die «Institutionalisierten»: die tingeln weiterhin von Wasserglas zu Wasserglas mit ihren Pfarrerstimmen und schöpfen aus den Stiftungs-Töpfen.)

Wir brauchen mehr Lyriker*innen wie Jörg Fauser oder Henry Bukowski, könnte man mein Argument zusammenfassen. Keine Besitzstandsverwalter, sondern energische, leidenschaftliche Pioniere und Abenteurer. Denn nur wer nicht «institutionalisiert» ist, kann wirklich «aus dem Leben» sprechen. Um mit Lerner zu sprechen:

Für die Avantgarde ist das Gedicht eine imaginäre Bombe mit echtem Schrapnell: Es sprengt die Kategorie der Dichtkunst und dringt in die Geschichte ein.

Lerner, 47

Das Individuum spricht das Universelle am besten aus

Doch zum Abschluss zu was anderem. Lerner referiert, so ich ihn recht verstehe, klassische und fast schon klischierte Vorwürfe der «Gedicht-Hasser*innen», die dem «subjektiven, zutiefst persönlichen Gedicht» die Fähigkeit absprechen, «authentisch jeden einschliessen zu können», weil damit «Besonderheit als Universalität» ausgegeben würde (Lerner 71 f.). Diese Aussage tätigt er vor dem Hintergrund der sozialen Ungleichheiten, die in Amerika auch mit dem Begriff «race» verbunden sind.

Verkürzt gesagt, stellt er im Zuge der Auseinandersetzung mit dieser Kritik am Universalitätsanspruch eines lyrischen Werks die Frage, ob die Dichtung eines schwarzen Mannes oder einer lesbischen Latina Anspruch auf Universalität hat.

Seine Argumente erscheinen mir ziemlich schwammig, aber ich glaube, letztlich behauptet er, eine Universalität lyrischer Aussage sei nicht realisierbar:

… aber die Hasserinnen sollten aufhören, so zu tun, als hätte irgendein Gedicht jemals erfolgreich für alle gesprochen.

Lerner 74 f.

Wie ist das nun mit der Universalität?

Nach dieser Aussage stellt sich für mich die Frage, ob meine bisherige Haltung gegenüber der potentiellen Universalität lyrischen Sagens noch gerechtfertigt ist. Ich will daher meinen Gedankengang nochmals nachvollziehen:

  • Am Anfang eines Gedichts steht ein Gedanke oder ein Gefühl.
  • Um diesem Gedanken Ausdruck zu verleihen, musst du durch das Dickicht des gewohnten Sprachmaterials hindurchwaten und hindurchfinden. Dich davon befreien.
  • Dabei behältst du das, was du sagen willst, was du dir zu sagen vorgenommen hast, fest im Auge. (Siehe dazu: «Gedichte schreiben: Es»)
  • Du verschränkst dich mit deiner eigenen Sprachwelt, tauchst ab in deine äusserste Sprachfähigkeit. Dabei bemühst du dich um Wahrheit und Aufrichtigkeit, um dem Gefühl oder dem Gedanken gerecht werden zu können.
  • Aus der Sprachwelt auftauchend, schreibst du dein Gedicht: mit den dir eigenen Metaphern und Manierismen, den dir eigenen Wortvorlieben und grammatischen Verdrehungen.

Und an diesem Punkt wird es heikel, weil der Schöpfungsprozess sich nur bedingt kontrollieren lässt. Ich würde behaupten, dass bei äusserster Bemühung um Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ein Gedicht entsteht, das «anschlussfähig» ist. (Entschuldigung für dieses «akademische», «germanistische» Unwort, doch erfüllt es hier überraschend seinen Zweck.) Will heissen, und zwar selbst wenn du das Gefühl oder den Gedanken gar nicht aussprichst, wird die Leser*in die Energie, die Dringlichkeit des Gesagten spüren und – in gewisser Weise – das gleiche fühlen können wie du.

Der russische Autorenfilmer Tarkovski hat einmal sinngemäss gesagt, seine Filme kämen trotz seiner Komplexität und Metaphernüberfrachtetheit beim Publikum an, weil er selbst von ihren Bildern getroffen werde. Und wenn er von diesen Filmen gerührt werde, gehe er davon aus, dass dies auch anderen Menschen passiere. Er hat in dieser Aussage – ich glaube, es war im Rahmen eines Interviews – das Gefühl als das Universelle behauptet, und das Gefühl kannst du – so du noch fühlst oder zu fühlen bereit bist – jederzeit erkennen, wo immer du es antriffst. Und selbst wenn deine Liebe eine andere ist als jene von Romeo und Julia wirst du das gleiche Herzreissen spüren wie dein Nachbar.

Doch mit dem Gedicht passiert dies in meiner Erfahrung nur, wenn du dein Schreiben in aller Ehrlichkeit und Radikalität und mit der nötigen Hemmungslosigkeit betreibst. Und wenn du dein Schreiben nicht verzierst, nicht verbrämst, nicht versteckst hinter Worthülsen oder Wortdrechselei. (Auch mir passiert dieses Drechseln immer wieder; das kommt von der intensiven Beschäftigung mit der Sprache und ist vermutlich nur allzu-menschlich.)

Deshalb sind oft die einfachen und lexikalisch schlichten Texte am treffendsten und verletzen und erreichen uns am direktesten.

Victor Hugo in Helsinki-Vantaa

Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Poesie hat sich vor vielen Jahren im Flughafen Helsinki-Vantaa ereignet. Ich hatte damals gerade meine Victor-Hugo-Phase und las dauernd in seinen «Contemplations». Ich war von Zürich herkommend nach Tallin in Estland unterwegs und sass wartend im Transit des Flughafens.

Eine finnische Familie mit einem offensichtlich maghrebinischen Vater und einer offensichtlich finnischen Mutter tummelte sich nicht weit weg von meinem Sitz. Die Kinder streunten neugierig herum und spielten Fangen. Auf einmal erblickte der Mann den Titel meines Buches und kam auf mich zu. Er sprach mich auf Französisch an – eine Sprache, die ich hier im Norden am wenigsten erwartet hätte. Was ich denn von Hugo läse. Ich zeigte ihm das Titelblatt meines Buchs. Ah, die Contemplations! Und er rezitiere fast flüsternd einen Vers, den ich heute nicht mehr wiedergeben kann.

Darauf entspann sich zwischen uns ein fast freundschaftliches Gespräch, bis ihn seine Frau zu sich rief, weil ihr Abflug ausgerufen worden war. Er erzählte mir von seinem Leben im Norden, der Nüchternheit der finnischen Menschen, von ihren kontrollierten Gefühlen, von ihren Vorurteilen auch. Er war glücklich, jemand aus «seinem» Kulturkreis gefunden zu haben – und mit ihm für kurz die Leidenschaft für einen Lyriker teilen zu können, der quasi zur französischen Sprache gehört wie der Accent aigu.

Wenn ich also bei Lerner lese:

Wenn mich mein Sitznachbar in einer Warteschleife über Denver zum Singen auffordert, ein Gedicht von mir verlangt, das Touristenklasse und erste Klasse zu einer Gemeinschaft vereinigt, dann kann ich das nicht.

Lerner, 17

Wenn ich das lese, kann ich nur widersprechen. Denn selbst wenn Menschen wissen, dass ein Gedicht immer an seiner Potenzialität, an seiner «virtuellen» Kraft ersticken muss, so vereinigt sie doch das Wort, das gesprochene oder gesungene Wort: selbst wenn ich nur aus der Perspektive der Holzklasse spreche, so «singe» ich doch von allen – denn alle fühlen das gleiche. Und wenn ich dein Gefühl auszudrücken vermag, auch nur annähernd sagen kann, was du vielleicht fühlst, dann habe ich dich erkannt, anerkannt und ausgesprochen. Das hat nichts von einer «Peinlichkeit und ein(em) Vorwurf»: Lyrik spricht zu allen.

Und wer noch Probleme hat, lieber Herr Lerner, mit seinem Verständnis als Lyriker*in, wer noch schwankt zwischen Peinlichkeit und Hemmung, der ist vermutlich noch kein Lyriker*in. Denn nur wer sich eingerichtet hat in dieser Erdspalte zwischen den Orten «Nutzlos» und «Sinngebend», wer eingesehen hat, dass das Singenkönnen eine Aufgabe ist, die herkömmliche Erwartungen und weltliche Ansprüche auf Erfolg und Ruhm oder Verdienst übersteigt, nur dieser kann sich wirklich «Lyriker*in» nennen.

Denn wenn du bereit bist, an einem nie zu erfüllenden Versprechen zu arbeiten, dann bist du bereits an einem Ort, wo das «Echte» ist oder sein könnte.

Gedichte schreiben: Aus einem Gedicht ausbrechen wollen

Quelle des Bildes Von wpopp – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16431

Das Anspruchsvollste im Gedichteschreiben ist sicherlich das Beenden eines angefangenen Gedichts, das du für einen, für zwei Tage liegen gelassen hast.

Genau wie das Redigieren und Korrigieren, der Feinschliff eines Textes eine der schwierigsten Arbeiten darstellt, die ein Schreibende*r unternehmen kann: Klarheit gewinnen und Abrundung, Abschluss («closure») kann ganz schön unter die Haut gehen. Soweit, dass ein Text dabei manchmal einfach sterben muss.

Du hast mit dem Gedicht angefangen, du hast klare Vorstellungen gehabt, vielleicht sogar – so wie es mir passiert ist – eine Gedichtform, die metrische Präzision verlangt. Und metrische Vorgaben sind immer Grenzen, die du innerhalb der Grenzen zu sprengen versuchen musst. Sonst klingt dein Text steif und abgestanden, nicht gegenwärtig. Sonst ist das, was du sagen willst (oder sagen könntest), verschüttet in Kunstfertigkeit.

So habe ich mich am Freitag an ein Gedicht namens «Die ungeteilte Leidenschaft» gesetzt, das ich am vergangenen Dienstag begonnen habe. Es ist in der Form einer Sestine abgefasst. Ich habe am Dienstag und am Mittwoch erfolgreich daran fortgeschrieben. Wenn ich auch am Mittwoch in ein grösseres Schreibformat (von A5 zu A4) wechseln musste, um die Gesamtkomposition im Auge zu behalten. Donnerstag fand ich keine Zeit, daran weiterzuschreiben.

Am Freitag nun habe ich mich am Rand des Tennisplatzes im Margrethen hingesetzt und versucht, den Faden dort aufzunehmen, wo ich ihn fallen gelassen habe. Doch trotz einstündiger Bemühungen bin ich keinen einzigen Vers weitergekommen. Das Thema der Leidenschaft für die Poesie schien mir im Gedicht plötzlich eingeengt, metrisch und durch die Gedichtform, aber auch durch die sprachliche Einstimmung des Gedichts. Als habe der Geigenbogen zu wenig Kollophonium, oder als habe die Hand, die ihn führte, jegliche Feinmorotik für diese so schwer zu erlernende «anklebende», aber nicht anpressende Leichtigkeit-Bestimmtheit der Bogenführung verlernt.

Darauf habe ich versucht, aus dem Gedicht auszubrechen. Meistens sind die ersten paar Wörter oder Sätze gut und richtig, wichtig und prägnant. Doch auch dieser versuchte Ausbruch aus dem Gedicht – auch das Weglassen der Form – halfen nicht. Der Gesang, den ich gehört hatte, der mich ins Gedicht getragen hatte, war verstummt. Das ganze Gedicht starb unter meinen Händen, so könnte man es sagen. Entmutigt liess ich es bleiben.

Doch die Stimmung, die Ansicht, die mich ins Gedicht getrieben hat, diese Haltung ist nicht weg. Sie sitzt in meinen Schulterblättern und wartet darauf, dass eine gewisse Zeit vergangen ist, köchelt ihre Suppe in meinem Unterbewusstsein und wartet auf ihren Moment. Ich lasse also einige Zeit verstreichen und setze neu an. Diesmal war das Ausbrechen keine Lösung. Vielleicht braucht das Ausbrechen noch einige weitere Vorbereitungszeit, einige Tipps von andern Insassen, einen helfenden Abbé Faria.

Holbeinplatz 2

Bin wieder hier und erfahre
Wie es für die Spatzen ist
Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst
Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt
So wie dir am Gedicht: für sie
Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist
Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als
Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen –
Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden
Und die Bäume sind gut gegen den Regen
Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel
Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn
Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz
Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen
Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter
Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten
Und immer wird es plötzlich still
Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt
Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads
Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress
Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf
Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf
Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach
Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte
Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz
Seine Lippen kauen an Gedanken
Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt
Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen
Hier ist so selten – denn niemand ist
Da ausser der Held und ich
Kann wirklich nicht sagen
Wie schwer es ist
Diese Leidenschaft auszuhalten
Die niemand teilt.

Hinter mir

Hinter mir die Körper meiner Gedichte
Und wenn mich auch manchmal das Gefühl einer morgendlichen Morgue beschleicht
Kühl und von Lachgas erfüllt
Erstaunen sie mich und ich sehe ihre mangelhaft schönen Gestalten
Die sich zu zeigen nicht gelernt haben:
Rieche den Zimtgeruch ihres Schweisses
Ertaste die Ausstülpungen und Auswüchse und Wolfe’schen Wülste an jenen Stellen
Wo kein vernünftiger und auf Gesundheit bedachter Mensch sie erwartete
Höre ihre spitzen Schreie und die seltsamen Inflexionen ihrer Dialekte
Und sehe ihre offenen verkrusteten Hosen und das graue Mammuthaar ihrer Brüste
Das aus den schweissgelben Hemden herausquillt – 
Hinter mir schlurfen diese Unterweltsgeschöpfe
Diese Anderweltgeburten
Durch den Bahnhof eines Samstagmorgens im Sommer

Ein Gedicht schreiben: „Es“

Ich starre unverwandt und blank und ununterbrochen «darauf», was das Gedicht beschreibt oder sagt, jedoch ohne genau zu sehen, was dieses «Darauf» ist, denn sähe ich es genau (an), so verflüchtigte sich jedes Wort.

Denn die meisten empfindenden und denkenden (will heissen: hinterfragenden, lauschenden) Menschen haben «es» schon einmal empfunden oder gedacht – und dafür ein nützliches, nutzbar gemachtes Wort gebraucht – und «es» damit gesagt.

Doch Sagen ist nicht gleich Sagen: was ich da fast mit tränendem inneren Auge und mit zunehmender Verzweiflung fixiere wie die vermeintliche Fliege oder der angebliche Ölfleck auf dem weissen Hemd eines Mathematiklehrers, bis er «daran» glaubt, ­- was ich da festhalte, festzuhalten versuche – das ist ganz allein mein «Es»: und wenn mir gelingen sollte, «es» mit meinen Worten lange genug und immer näher zu umkreisen, bis es sich fast schon in meine Zwecke einspannen lässt, das Gedicht vielleicht sogar selbst voranzutreiben beginnt, also meine Rolle usurpiert, buchstäblich gleichzeitig Motor und Energie des Gedichts wird – wenn das gelingt: ist «es» auch zu dem «Es» eines denkenden und empfindenden Menschen geworden, die erkennen kann, dass es mit dem nutzbar gemachten Wort keineswegs oder ausschliesslich gemeint sein kann, der erkennen kann, wie verschieden und vielfältig in einem es doch zugleich sein kann und ist.

„Also der Typ mit dem Altsaxophon, Mann, gestern Abend – der hatte ES, und er hat es festgehalten; ich habe noch nie erlebt, dass einer es so lange halten konnte.“ Ich wollte wissen, was „ES“ bedeute. „Ah“, lachte Dean, „jetzt fragst du mich Imponderabilien, hmm! Hier steht zum Beispiel ein Typ, und da ist das Publikum, verstehst du? Seine Aufgabe ist es, auszudrücken, was die anderen fühlen. Er fängt mit dem ersten Chorus an, reiht dann seine Ideen aneinander, die Leute schreien „yeah, yeah, weiter so“, und dann stellt er sich zu seinem Schicksal auf, und muss etwas entsprechendes blasen. Und plötzlich, irgendwo mitten im Chorus, hat er es – alle blicken auf und wissen es; sie lauschen; er greift es auf und führt es weiter. Die Zeit bleibt stehen. Er füllt den leeren Raum mit der Substanz unseres Lebens, mit Geständnissen dessen, was ihm Bauchschmerzen macht, mit Erinnerungen an Iden, an Themen früherer Sessions. Er muss über die Brücke hinweg und wieder zurück, mit einem so tiefen, die Seele auslotenden Gefühl für die Melodie des Augenblicks, dass alle wissen, nicht auf die Melodie kommt es an, sondern auf ES -“ Dean konnte nicht weiter, er brach in Schweiss aus, während er darüber sprach.

Jack Kerouac, Unterwegs

Wie ich Gedichte lese

Um die Lektüre von Gedichten ranken sich unabwendbare Klischees und unausweichliche Missverständnisse – ebenso wie um die Interpretation oder Deutung von Gedichten. In diesem kurzen Blogeintrag will ich damit Schluss machen. Hier handelt es sich also um ganz und gar parteiische und subjektive Vorschläge.

1.    Lies das Gedicht immer laut

Bitte lies das Gedicht immer laut. Ein Gedicht, das du nicht laut lesen kannst, ist kein Gedicht. (Das gilt nicht nur für konkrete Poesie, sondern auch für die verkopfte Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum.) Du kannst es natürlich auch nur flüstern, aber am Besten ist es, wenn du ihm deine ganze Stimmkraft verleihst. Das kannst du im stillen Kämmerchen tun oder aber im Kreis deiner Liebsten, die du damit herrlich terrorisieren kannst. (Bald kannst du das Vortragen oder Vorlesen eines Gedichts als Droh- und Druckmittel einsetzen!)

Achte darauf, dass du jedes Wort deutlich aussprichst. Achte auf jeden Vokal, sprich auch die Vokale deutlich aus. Gib ihnen Farbe, indem du sie längst oder kürzt. Gerade die Vokale sind das Herz jedes Gedichts. In Kombination mit den Konsonanten (in Fällen von Alliteration) beginnt jedes gut geschriebene Gedicht zu singen.

Ach ja, und versuche zu singen. Versuche zu erkennen, ob das Gedicht verschiedene Stimmen oder Stimmungen beinhaltet oder wiedergibt. Passe deine Stimmlage diesen Impulsen an.

Du wirst bald merken, dass damit auch deine eigene Ausdruckskraft wächst.

(Nebenbemerkung: versuche, Autor*innenlesungen ohne Schauspieler*innen zu meiden. Die Autor*innen sind meist nicht in der Lage, ihren Gedichten Stimme zu verleihen. Nur im englischsprachigen Raum gibt es – auch Spätfolgen der Beat-Revolution – wirklich Leser unter den Autor*innen. Und wenn du doch auf eine Autor*inlesung gehst, brich deine Zelte sofort ab, wenn es sich um eine «Wasserglas-Lesung» handelt; die Autor*in also hinter einem Tisch versteckt ist, ein Glas auf dem Tisch steht und alles im sicheren Bereich läuft.)

2.    Lies keine Gedichte aus der Zeit vor 1900

Und versuche dich nicht zuerst an klassischen deutschen Gedichten wie «Erlkönig» – die vermitteln dir nur einen ganz und gar falschen Eindruck von Gedichten. In solchen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert begibst du dich in eine Art «Brockenhaus», in ein mittelgut gepflegtes Antiquariat. Lass Göthe, Schiller und die Biedermeier-Konsorten hinter dir. Steige gleich mit den Expressionisten ein: von Hoddis, Trakl und vor allem (immer wieder) Gottfried Benn.

Denn du bist ja nicht ein Bewohner des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren entstand die moderne Lyrik, die mit Brentano und Novalis gewiss schon ihre ersten Zuckungen erlitten hatte.

3.    Lerne lauschen und lies das Gedicht immer wieder

Und lies ohne Hemmungen, querbeet. Lerne auf Töne, Stimmen / Stimmungen und Metaphern lauschen. Lasse sie auf dich wirken, indem du das Gedicht probeweise immer wieder liest. Schmecke das Gedicht ab, verkoste es.

Lass es dir von anderen vorlesen, lass es von anderen probeweise für sich entdecken, und du lauschst auf ihre Intonation und ihren Ausdruck, ihre stimmliche Reaktion darauf.

Grabt gemeinsam (oder allein) nach den Wörtern, die euch oder dich berühren (lautlich und auf der Ebene der Sprache, in Metaphern).

4.    Höre nicht auf, wenn du nichts verstehst

Beim Gedicht bist du nicht verpflichtet, etwas zu verstehen. Lege deine Vernunft oder Vernünftelei ab. Stelle dir vor, du bist bei einem guten Freund*in eingeladen und kostest einen guten Wein oder ein speziell für dich gekochtes Gericht. Denn in die Gedichte, die du liest, sind viel Energie und Lust geflossen.

Versuche nur sprachlich zu ergründen, zu erfühlen, was im Gedicht geschieht. Denn in Gedichten geschieht viel nur auf der Ebene der Sprache, nicht auf der Ebene der Logik.

Mir geschieht es oft, dass ich ein Gedicht sehr mysteriös finde, keinen Anhalt finde, aber wenn ich es zu «geniessen», abzuschmecken beginne, erwecke ich sehr viel in mir (und in ihm).

Und natürlich passiert bei einigen Gedichten nichts. Dann legst du das Gedicht (und häufig auch den Lyriker*in) weg, um nicht mehr (oder sehr viel später) wiederzukommen. Denn ich garantiere dir, dass dir der Lyriker*in nichts sagen wird – oder eben, erst viele Jahre später.

5.    Lies in fremden Sprachen

Und scheue nicht vor französischen, englischen, amerikanischen, brasilianischen, herzegovinobosnischen Gedichten zurück. Insbesondere der englische Sprachraum bietet einen guten Einstieg für Gedicht-Neulinge, weil die anglosächsische Poesiewelt mehr vom Erzählen als vom Ziselieren hat als die deutschsprachige hat. Auch hier: suche dir moderne Autor*innen!