Ein Gedicht schreiben: Anfangen, Innehalten

Es vergehen Tage, die deine Leere aushöhlen und vertiefen. Die Überzeugung, du hast nicht nur nichts zu sagen, das Sagen sollte dir endgültig und schon immer verwehrt, seit jeher genommen worden sein, weil es immer schon Maniküre, meinetwegen (noch schlimmer) Pediküre war, ein selbstermächtigendes Tändeln und Herumschwänzeln, diese Einsicht bestärkt deine Wehrlosigkeit. Fremde Wörter munden dir mehr als sonst, die gelesenen Seiten sind voller Unterstreichungen.

Doch da tut sich was in dir. Denn im Lesen, im Spazieren, im Schlafen arbeitest du. Nicht genau du, eine Stimme in dir kaut Vergangenes und Zukünftiges wieder, gutmütig und geduldig, schwerfällig und leichtfüssig, barfuss.

Es kommt herauf, so sagst du diesem Prozess, es steigt auf. Du kannst schon seine Lichthaare sehen im grünen Wasser, die sich konzentrisch zu dir hin ausbreiten.

Du möchtest aufspringen, ein Heft nehmen und deinen Stift. Doch du weisst, der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, auch wenn du schon fast verhungert bist, fast ganz ausgehöhlt, fast ganz vertieft.

Es verträgt weder Hast noch Gewalt. Es verträgt nur Fürsorge und Aufrichtigkeit.

Daher springst du nicht auf. Wenn du schon aufgesprungen bist, notierst du dir im Stehen die zwei, drei Wörter, die es vorerst auszumachen scheinen. Im Stehen, bitte, und gehst weiter, liest weiter, kochst weiter.

Es kommt nie im Reden, selten im Zuhören. Es kommt immer im Schweigen, durch das dein Denken und Fühlen wie eine Achäne treibt.

Es ist auch nicht das, was zu schreiben du dir vorgenommen hast. Es sind dessen Wurzeln oder dessen Triebe. Oder seine zerstörten Schiffsplanken am entfernteren Ufer.

Aber du möchtest anfangen, du möchtest es schreiben. Ein Prozess des Anhäufens hat begonnen, zuerst langsam und dann immer schneller. Assoziationen, Laute, Bilder überfluten dich. Sie kommen barfuss über den Strand auf dich zugelaufen, mit ausgestreckten Armen wie ein Kind.

Es ist zuviel, es wird zuviel. Du bist doch kein Kiosk, keine Samenbank!

Jetzt solltest du schreiben, jetzt musst du schreiben, denkst du. Nichts da, warte noch ein wenig.

Denn erst wenn dieses Zuviel sich wie Sand oder Schlamm unter deinen Schritten wieder gelegt hat, darfst du den Stift ansetzen.

Deine Aufgabe ist es zu erkennen, wenn unter der Vielfalt der Stimmen und Vergleiche, wenn unter der Vielheit der Alliterationen und Zitate diese eine, was in dir vor Stunden, vielleicht Tagen in dir Auftrieb gefunden hatte, nochmals und von Neuem, fast wie zum ersten Mal, seine lieblich verschwollene Gestalt zeigt.

Jetzt setzt du dich hin, und immer noch gilt es nicht zu überstürzen. Ein Wort ums andere zu schreiben, den langsamen Aufstieg und Fall der Sedimente ebenso langsam und fallend nachzuschreiben, als würdest du ein Fossil freilegen, das in einer zerborstenen Amphore geborgen lag.

Feld von Tatsachen

Ich bin ein Feld von Tatsachen,
ich häufe an, was geschieht,
ich sammle auf, was brach ungeschehen liegt,
ich bin ein Wurzelgrund für «genügt nicht»,
die Spuren meiner Schritte sind ein leichtes Tappen über die gesprungene Scheibe der Zeit,
die Eindrücke von dem, was geschieht, sinken unter meine Zunge,
wo sie Schatten finden und Feuchte,
wo ich sie rolle wie den Kern einer Olive,
mein Geläuf hinterlässt Schwangerschaftsstreifen auf den Wirklichkeiten,
die in ihren Banden um unsere Kehlen wachsen wie die Weinrebe,
ich bin ein Hügel von Sachverhalten, die kein Sachwalter mehr einzuordnen vermag,
ich bin ein Tell von Fakten,
die kein Archäologe mit Glaubensinhalten in Übereinstimmung zu bringen vermag,
ich bin ein Ausdruck, der so sehr Eindruck ist,
dass Geschehenes noch geschieht,
ich bin ein Eindruck, der so sehr Ausdruck ist,
dass in dem kleinen Raum meiner einzelnen Kehle möglich wurde, was passieren wird,
als schnurrte eine Katze in deinem wartenden Schoss,
ich bin so sehr Mann, dass meine Brüste anschwellen von Kolostrum,
ich bin so sehr Frau, dass meine schwielige Hand das Antlitz der Besitzenden eindrückt mit einem Schlag,
wenn sie denn je eines hatten, die da haben,
ich bin ein Feld von Tatsachen,
das deinen Atem einlädt zur Paarung,
ich bin eine Spur von Mensch, dessen ganzer Kopf Gesicht ist,
ich bin ein Wort, das immer wieder ausgesprochen wird wie ein fliegender Samen,
ich bin ein Wort, das selbst als Strich in der Landschaft mehr als nur verbindet,
in meiner Erdschale liegend, sehe ich die Finger der Blätter über mir,
die aus meinen Untaten wachsen,
die ich in die Zukunft geworfen habe,
und ich höre sie flüstern wie das Wasser des Kidron, und?

Wedernoch, Nichtnurnicht

Es gibt kein Ja von mir
Du kriegst ein Nein: beschreite ich doch
Schon Auswege bevor du noch
Nachfragst: aber mein Nein ist auch
Kein Nein: weder ein Nein noch ein Ja
Nicht nur nicht kenne ich
Was war oder was kommt: auch
Was jetzt ist gibt es für mich nicht:
Sondern ich weiss um meinen immer
Tragenden Schoss mit seinem Entwederbeutel –
Sondern ich schwelle um meinen immer
Zeigenden Finger mit seinem Odersack an –
Es gibt kein Nein: du kriegst nur
Ein Ja: beschreite ich doch schon
Einen Abweg bevor du noch
Nachfolgst: ich habe mein Joch
An den Mond gehängt und mein Weberschifflein in die Ebbe:
Ich gebe dir meinen Zahn und keine Fingerspitze: sauge du doch
Am eigenen Daumen: ich schultere meinen Korb
Hoch oben zwischen den Platanen und im Seeglast des Nachmittags:
Ich bin Weide: ich bin Traube:
Ich bin Stift: ich bin Pfahl:
Ich bin Hanfseil: ich bin Schamlippe:
Ich bin Vorhaut: ich bin ein Weder
Das nochmals und nochmals besteht
Auf dem Nochnicht und Nichtschon
Auf dem Nichtschonwieder und auf dem
Machtvollen Tropfen: auf dem kräftigen Bizzen
Der dich noch würgen: der dich noch aufschlagen:
Der dich noch fortspülen wird: ich bin der Abstand
Zwischen Ja und Nein: und dieser wächst mit jedem Wort
Das hier fällt wie das erste Blatt aus der Krone:
Wie der erste Stein aus der Krone der Schöpfung:
Und im Abstand innen rinnen: rinnen innen
Meine Wesenzüge nicht nur nicht aus
Sondern führen in die Poren
Die sich wie Ohren weiten in den unbeschrittenen Breiten
Wo du noch nie warst und wirst zu mir:
Mit einer letzten entscheidungsfreien:
Entscheidungslosen Geste gebe ich dich dir.

Ein Gedicht schreiben: Mit der Stimme einer Frau

Letzte Woche habe ich an einer Lesung das erste Mal das Gedicht «Rahels Gebet» vorgetragen. Das Gedicht schildert die letzten Momente der «Erzmutter» Rahel, die bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin stirbt. Von der Moderatorin wurde ich darauf angesprochen, weshalb ich dieses Gedicht als mein «erstes in der Stimme einer Frau» bezeichne, wo es doch grade so strotze vor körperlichen Begriffen, die das Weibliche in einer patriarchalen Zuschreibung fixierten und daher beherrschten.

Diese Kritik hat mich beschäftigt, und ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht, die ich hier nachzeichnen möchte.

Eine andere Männlichkeit?

Seit ich nicht nur weiss (kognitiv), sondern auch begriffen habe (affektiv), wie sehr ich als Mann (noch dazu als weisser Mann in einem europäischen Land!) privilegiert bin – und das ist zu meiner Schande noch gar nicht allzu lange her –, hat sich etwas in der Haltung zu meinen Gedichtstimmen verändert, das mehr als nur ein Perspektivenwechsel ist. (Einen Blick auf meinen damaligen Reflexions-Strang findest du unter «Unterdrückung der Frau und männliche Privilegien».)

Der Schock war umso kräftiger für mich, als ich mich als einen Mann verstehe oder interpretieren zu können glaubte, der keinerlei machoide Tendenzen oder Wesenszüge vorzuweisen hat. Meine Vorlieben waren im «strikten Sinne» gesellschaftlicher Typologisierung schon immer «un-männlich»: ich war weder sportlich noch interessierte ich mich für Autos oder wie auch immer geartete technische oder mechanische Vorgänge und Produkte. Meine Lieblingsfarbe ist pink, und wenn ich mutiger wäre, trüge ich jeden Tag High Heels, die ich liebe.

In anderer Hinsicht bin ich jedoch ganz Mann – abgesehen einmal von meinem «natürlichen» Interesse für das andere Geschlecht: ich rede viel lieber, als dass ich zuhöre; wenn ich Trost spenden soll, fühle ich mich hilflos und gebe einer unbegründeten, aber gut verwurzelten Wut Raum; ich habe auch keine Scheu, in einer Runde das Wort zu ergreifen, obwohl ich vielleicht weit weniger Kenntnisse über das zu besprechende Thema habe als die andern Teilnehmenden; desgleichen bin ich es gewohnt, dass mein Wort angehört wird und gilt, wenn ich es ergreife.

Je älter ich werde, umso weniger ausgeprägter werden die oben aufgezählten, von mir als spezifisch «männlich» und gesellschaftlich bedingten und bewirkten Züge. Auch hat mich eine Liebesbeziehung in den letzten Jahren vieles gelehrt, was mich verändert und «empfindungsfähiger» gemacht hat, was in mir die Fähigkeit des Sehens und Hörens auf die andere Person hat wachsen lassen.

Vielstimmige Gedichte auf dem Weg in eine neue Polyphonie jenseits des Dualismus

Meine Gedichte haben schon sehr früh mit vielerlei Ausdrucksebenen und Stimmen gesprochen, und es war nichts Aussergewöhnliches, dass in einem Liebesgedicht beide Stimmen der Liebenden mitgeklungen, mitgesungen haben.

In den letzten Wochen habe ich nun ein paar erste Gedichte «in der Stimme einer Frau» geschrieben. Dabei war mein Augen- und Sprachmerk vor allem auf der brutalisierten Erfahrung der Frau, auf ihrer Leidensgeschichte und -erfahrung, auch auf ihren biologischen und geschlechtlichen Merkmalen. In diesem «ersten Stadium», wie ich es bei mir nennen, bin ich noch ganz «Mann», noch ganz «Aussenstehender», «Unverständiger», «Missversteher»: das äusserliche und körperliche überwiegt in meiner Darstellung, die Biologie behält noch die Oberhand.

Biologische Begriffe als Hebel zur Veränderung?

Doch schon das Biologische ist ein wichtiger Anfang, wie mir im Rahmen der Beschäftigung mit meinem neuen Zyklus «Psalmen für Saul», in dem auch israelitische Frauenstimmen (von Sara über Rahel, von Rut über Ester bis Hanna und Maria) hineindringen, die patriarchale Welt dieses Gebirgsvolkes aufbrechen und durchdringen sollen. Denn nicht nur die Lebenswelten  und -erfahrungen und die Stimmen der Frau wurden und werden in der Bibel und in vielen anderen religiösen Schriften unterdrückt, sondern mit diesen auch die ganze Körperwelt der Frau, und das «bildliche» Potenzial dieser – ja – anderen Körper.

Wenn es der Literatur und Kunst gelingen kann, diese Körperwelt und das damit verbundene Erleben und Wahrnehmen ohne patriarchalen Ventriloquismus in ihre Schaffen und Schöpfen zu übernehmen, wird sich auch die Wirklichkeit und die gesellschaftliche Wahrnehmung, Darstellung und Repräsentation nicht nur erweitern und bereichern, sondern verändern: zu einer mehrstimmigen, für Alteritäten offeneren und eindenkenden.

Biologische Begriffe und Merkmale als Metaphern

Doch was will das heissen, das Biologische, das biologisch Andere – auf das schon Simone de Beauvoir mit erschöpfter Geste gezeigt hat – einzudenken, in unser Denken und Handeln zu inkorporieren, inkarnieren?

Indem du die Sinnhaftigkeit biologischer Begriffe und Merkmale als Bereicherung und Welterweiterung in die Literatur und Kunst und somit vielleicht in die gesellschaftliche Realität hinausträgst. Das für mich beste Beispiel für eine solche Metapher, die in die Denkweisen und Handlungsweisen einer Gesellschaft einwirken kann, ist der biblische Begriff für das «Erbarmen» Gottes, «rahman», der auf die Wurzel «rächäm» – die Gebärmuter – zurückgeht.

Silvia Schroer und Thomas Staubli haben in ihrem Standardwerk «Die Körpersymbolik der Bibel» (1998) erstmals klar und eindeutig darauf hingewiesen, wie mächtig für das ursprüngliche, hebräische Gottesbild (und damit auch für das Menschenbild) diese «Mutterschössigkeit Gottes» (Schroer / Staubli) war – solange ein Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung präsent gehalten wird, werden kann, solange wird er auch das Menschen- und Weltbild mitprägen.

Dabei ist gleichzeitig nicht zu verleugnen, dass die Menstruation in der Bibel tabuisiert, der Frau in dieser Zeit mit dem Begriff der «Unreinheit» jegliche Würde abgesprochen wurde. Doch um mit Schroer und Staubli zu sprechen:

Vielleicht kann die biblische Tradition einer theologisch begründeten Würde des Mutterschosses aber in solchen ethischen Diskussionen eine herrschaftliche Funktion übernehmen und daran erinnern, dass der Schoss der Frau mehr ist als ein Objekt patriarchaler Interessen.

Schroer / Staubli (Hervorhebung von mir)

In eine ähnliche Richtung ist schon sehr lange vorher Ursula K. Le Guin vorgestossen, als die «Tragetaschentheorie des Erzählens» (The Carrier Bag of Fiction, 1989) veröffentlichte: hier wird ein äusseres Instrument (der Sack, der Beutel) im Mindesten zum Symbolträger für eine Veränderung des Erzählens, der Erzählhaltung: wie die von ihr geschriebene Science-Fiction sollte seither jede Literatur

ein Versuch (sein), das zu beschreiben, was passiert, was Leute tun und fühlen, wie Menschen sich zu allem andern im riesigen Sack Befindlichen in Beziehung setzen, zu diesem Mutterleib des Universums, zu dieser Gebärmutter der Dinge, die einst kommen, und dieser Grabstätte der Dinge, die einst waren, jener unendlichen Geschichte.

Ursula K. Le Guin

Rahel dem patriarchalen Diktat entziehen

Damit möchte ich den Bogen zurückschlagen zu den ersten Sätzen dieses Textes.

Was das erwähnte Gedicht betrifft, ging es mir in erster Linie darum, einer Frau eine Stimme zu geben, die so sehr unter patriarchaler Manipulation gelitten hat, Objekt patriarchalen Begehrens war und sich so sehr (laut der Bibel, die von Männern geschrieben ist) in das patriarchale Narrativ (eine Frau ohne Kind hat keine Würde) einpassen wollte. Das einzige, was wir von Rahel wissen: sie ist schöner als ihre Schwester (wer definiert denn bitte Schönheit?), sie bestürmt ihren Mann um Kinder, die ihr erst ganz zuletzt endlich geschenkt werden. Und wie eine andere Frau – die Frau des Samuel-Sohnes Pinheas – begreift sie im Moment der Geburt das Schicksal ihres Sohnes (und zukünftigen Stammvaters) Benjamin. Doch nicht einmal dieses Wort, in dem sie ihrem Kind einen Namen gibt (Ben-Oni, Schmerzenskind), wird ihr gelassen, denn ihr Mann Jakob «tauft» das Kind in «Glückskind» (Benjamin) um: entmächtigt sie in ihrem Willen und ihrer Würde als Frau ein letztes Mal, und das ausgerechnet im Todesmoment.

Dieser Entmächtigung und Entwürdigung will sich mein Gedicht widersetzen. Dass dabei körperliche Merkmale der Frau scheinbar typisiert werden, ist mir sehr wohl bewusst: die Verschiebung der Begrifflichkeit und Bedeutung von Zuschreibungen wird nicht auf einmal und vor allem nicht in einem einzigen Gedicht gelingen können.

Viele Fragen bleiben…

In der Anfrage der Moderatorin wurde mir also bewusst, wie wenig ich über das körperliche Empfinden und Fühlen der Frau weiss – und überhaupt über den anderen Menschen! -, obwohl ich ja selbst der Vater einer inzwischen fast erwachsenen Tochter bin.

Doch lass uns nochmals über den scheinbaren patriarchalen Ansatz dieses Gedichts reden: entmächtigt und entwürdigt es die Frau nicht ein weiteres Mal, wenn ich als Mann mir anmasse, in ihrer Stimme und «in ihrem Namen» zu sprechen? Darf ich als Mann denn nur mit der Stimme und im Namen des Mannes sprechen und denken?

Das Schreiben ist mein Lebenszweck, meine Lebensaufgabe – wenn ich nicht schreiben kann, sterbe ich, veröde ich, verliere jegliche Selbstachtung und Würde und Verfügungsgewalt über mich: ich bin jemand, der schreibt.

Wenn ich nun nur als Mann sprechen dürfte, würde das mich nicht auch ebenso entwürdigen? Würde es mich nicht in meiner menschlichen Würde in Frage stellen, wenn ich nur als Mann sprechen dürfte?

Kann ich als wenn auch ungehörter, ungelesener Schreiber-Schöpfer nicht über die Kraft meiner Texte und Worte eine «Anderwelt» schaffen; eine Welt, eine Geschichte, in der Weibliches und Männliches sich verbinden und bereichern – in der Stimme meiner Stimmen?

Das ist letztlich die Frage, auf die ich eine Antwort suche: Ob das blosse Verändern oder anders Verwenden von Zuschreibungen und Begriffsbedeutungen die Wahrnehmung deiner und meiner Welt verändern und damit die patriarchale Dualität und den kapitalistischen Sensationalismus und Konsumismus unterlaufen, unterströmen helfen können?

Und ich bin überzeugt, für diese Veränderung braucht es mich als Mann genauso wie meine Stimme als Frau.

Ein Gedicht schreiben: Das ist keine Kommunikation

Die Verwirrung, das Unverständnis sind meinen Zuhörerinnen oft ins Gesicht gestellt. Sie hören Sprache, sie können sogar Sätze ausmachen, mehr oder weniger vollständige Sinnzusammenhänge erkennen, doch können ihre Ohren keinen «Sinn», keine «Aussage» festhalten oder feststellen, die das Gedicht in die Welt des gesprochenen Wortes, der alltäglichen Sprache «herunterholen» und dort eingemeinden, verankern, es entschärfen würden.

Auch bei meiner gestrigen Lesung ist dies wieder passiert. Eine Zuhörerin stellte die Frage, wie sie das von mir Gelesene, Vorgetragene denn einordnen solle, sie komme eher von der Musik her, aber hier handele es sich doch um Sprache, oder ob sie einfach zu wenig «Übung» habe darin, Gedichte zu hören und lesen.

Meine Antwort war einerseits eine Entschuldigung, die ich heute gerne wieder zurücknähme, in der ich eingestand, dass es sich bei der Lyrik durchaus um eine Literaturgattung handele, die häufig nur «von Eingeweihten für Eingeweihte» sei, dass die Lyrik aber andererseits durchaus meine Gedichte auch als Musik hören, lesen und verstehen dürfe.

In der Pause höre ich dieselbe Zuhörerin dann mit ihren Tischpartnerinnen flüstern. Ich hätte mich, am Tisch hinter ihnen sitzend, wohl besser eingemischt, wie ich heute früh denke, heute früh, nach einem ruhelosen Schlaf ob dieser immer gleichen, meinen Lebenssinn immer noch immer gleich abwürgenden Frage. Im Wesentlichen behauptete sie im Flüsterton, aber es sei doch hier Sprache, sie verstehen den vor mir lesenden Krimi-Autoren gut, der mit einfachen, klaren Sätzen eine Szene aus dem Berner Alltag beschrieben habe, es handele sich hier doch um Wörter, da müsse man doch etwas verstehen können, das habe doch nicht mit Musik zu tun. Kurz, sie stellte die alte Theorie auf, dass Sprache immer noch und «schlussendlich» im Dienste der Kommunikation stehe oder zu stehen habe.

Es ist interessant, wie mich eine solche Argumentation in meiner gereiften lyrischen Schaffenshaltung und Schaffenswelt noch und immer wieder erschüttern, – nein, nicht erschüttern: irritieren kann.

Auf der Heimfahrt musste ich dann an eine Unterscheidung denken, die ich in einem Essay über die Ironie getroffen hatte, an dem ich seit etwa 2 Jahren arbeite. Darin hatte ich mich, an den amerikanischen Philosophen Richard Rorty angelehnt, um eine Unterscheidung zwischen einer buchstäblichen und einer ironischen bzw. uneigentlichen Haltung bemüht.

Ein buchstäblicher Mensch ist eine Person, die sich zur Ironie, zur Fantasie trainieren, manchmal auch hindurchringen muss; diese Person möchte alles buchstäblich verstehen – eine Aussage muss für sie «Hand und Fuss» haben, mit der «Welt» und dem «Hier und Jetzt» in direktem Kontakt und Bezug stehen, damit sie sie annehmen und ihren Wert wahrnehmen kann.

Für eine buchstäbliche Person steht nur in Krisenzeiten, dann jedoch radikal und lebensbedrohend, der Glauben an das «Hier und Jetzt» und an eine gemeinsame faktuelle «wirkliche Welt» auf dem Spiel. Für eine ironische Person jedoch ist es genau umgekehrt: die «wirklich wahrzunehmende Welt» und das «Hier und Jetzt» werden in Krisenmomenten zudringlich und lebensgefährlich. Eine ironische Person lebt in ihrem Alltagsleben ständig mit dem Gedanken daran, dass die Umgebung und ihre / die Sprache weder «wirklich» wahrnehm- und erfassbar, sondern mehr noch: nicht begrifflich und als auch sprachlich nicht zu erfassen und erfahren ist.

Und hier liegt der grosse Unterschied ziwschen solchen Zuhörerinnen und mir Lyriker: nicht nur glaube ich nicht an die Transport- und Übersetzungsfähigkeit der Sprache, sondern nutze sie meist gleich von Beginn an nur noch als Pinsel oder Klaviatur, um traumähnliche Bilder zu malen oder zu komponieren. Ich erzähle sehr wohl Geschichten und biete sehr wohl Sinn an in meinen Gedichten, aber sowohl Sinn als auch Geschichte liegen in der Art des Sagens, in der zufälligen Konstellation der Worte am Himmel eines Gedichtes.

Um ein Beispiel aus der Musik zu zitieren, ich bin kein Pop- oder gar Schlagersänger, dessen Herzschmerz oder Weltwut oder Weltenttäuschung du verstehen kannst, weil er die Wörter wie du benutzt, ich bin eine Opernsängerin, deren Wörter in Koloraturen und hochfrequenten Schwingungen wie der biblische Sauerteig in deinen Ohren aufgehen soll und kann.

Um mich zu hören und verstehen, musst du nur eines: deine Ohren öffnen. Jedoch nicht so, wie du deine Ohren einer Lautsprecherdurchsage öffnest oder dem Bericht eines Freundes von der Trennung von seiner Frau. Öffne deine Ohren und lasse dein Herz denken, lass deine Nieren fühlen und empfinden, zu was für einem Gesange sich alltägliche und aussergewöhnliche Wörter miteinander verbinden – sie wollen nicht kommunizieren, sondern singen, und was sie singen, ist jenes, was du nie sagen können wirst. Deshalb höre genau hin!

Überflusstung

Die Zählen eines Flusses
Die Fliessen eines Einfahrens
Die Murkeln einer Nierenscheide
Mieden und weiden und schieden
Dich vor der rechtzeitigen Marlieserei:
Die minimale Reistume eines Himmels
Voller Laugen und Mimenwürfe – ernst-
Lassen die mörderischen Baikalkurven
Die den Ablastzug konsumieren
Der in den nörderischen Betrieb eingezählt:
Mit einer enormen Muchtsonne:
Übermählung einer Minute im ersten gynäkologischen Moment.
Das nächste Tram fährt wie ein Cargo-Grimm
Ein in die Mauerfräsen
Denen ich mich einreichen soll
Als eine Art Moorhase in den Gesellenstücklein
Mittelhaltiger Marnies oder unalternder Keimunfälle voller
Urzeit: Urmass eines Gesangs voller Zählnen –
Murnende Lastzüge im gewissenhaften Mahlwerk
Und die Falbmuster schiessen ihre Fäden in die kundigen Fliesen:
Die Ansprüche an die Sprache werden abgeschraubt
Ich schaube sie ab ich schnaube sie
Hinauf in die Stirnfasern meiner Aberganzigkeit:
Die Zollen wägen den Füssentorgenau
Mittels Barkenhaken und den Ohrengestümen einer Rollenfuhr
Hochmut und ragende Bildschirme:
Marlies komm Marlies komm –
Mindestens konkrete antlitzende Bilder:
Was du verstehen kannst
Was du verstehst und hörst:
Keine lässliche Zahlflut
Keine missliche Blüte im regenrohen Musik-Flasshaar
Und die breiten Felgen-Fersen:
Urzeit: Gesang aus Mauern
Klumpen von Stimmen
Die keine Brüste noch Schösse haben
Und weder um ihre Privilegien noch um ihre Moorhasen
Sich sorgen und kümmern können.

Ein Gedicht schreiben: die Welt anders wahrnehmen und darstellen

Von Giotto di Bondone – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2941674

Auch wenn ich weiss, dass Aufzählungen sowohl die Leserin als auch mich erschöpfen, ja als ein Zeichen von Schwäche gelten können, liebe ich diese Form der Weltstreifung, der Weltdurchstreifung.

Es ist mir dies eine ganz natürliche, quasi instinktive Art und Weise zu sprechen: weit greife ich aus mit der Sprache, werfe mein Netz mit Schwung ins braune Wasser des Nildeltas. Je mehr sich in meinem Netz verfängt, umso besser, und je entlegener und verschiedener die gefangenen Arten und Formen sind, desto besser: in Differenz und Entlegenheit liegt eine reichhaltige Poesie.

In der letzten Zeit, angefangen mit den buddhistisch grundierten Gedichten der «Ginkakuji-Variationen», beschäftigt mich nicht nur Vieldeutigkeit, vieldeutiges Sprechen, sondern das Ausbrechen aus dem herrschenden dualistischen Denken und Handeln.

Die so geliebten Aufzählungen, beginne ich zu verstehen, bieten mir genau diesen Ausweg aus dem Entweder-Oder. Und die Sprache ist da durchaus ein Hindernis, denn sie kann nur linear und kausal sein, immer stellt sie grammatikalisch und syntaktisch Verbindungen her. Eines kommt nach dem andern, eines kommt von dem andern.

Immer schon habe ich Mühe gehabt, Kausalitäten zu verstehen und darzustellen. Immer schon hat sich meine Wahrnehmung gegen eine lineare Abfolge von Perspektiven und Geschehnissen gesträubt. In den Aufzählungen habe ich ein Ventile dafür gesucht und gefunden.

Das Gleichzeitig-Verbundene und das Gleichzeitig-Unverbundene: so möchte ich darstellen, was ich wahrnehme und was mich be-eindruckt. Im Buddhismus ist alles – Belebtes wie Lebloses – leer, wird aber von uns Menschen «gefüllt», sodass es Bedeutung erhält und zu behändigen ist; Gegensätze und Dualismen sind also nicht «wirklich», sondern gemacht, ebenso wie Unterschiede und Erkenntnisse.

In der Beschäftigung mit der hebräischen Sprach- und Bildwelt, was ja auch immer eine Beschäftigung mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Verstehensmustern darstellt, treffe ich nun im Rahmen meiner neuen Gedichtreihe «Psalmen für Saul» auf weitere Alteritäten des Sprechens. Dabei handelt es sich einerseits um das aspektivische Sprechen (der Aspekt einer Sache, eines Wesens oder eines Zustandes steht für das Ganze), das in Merismen seinen Ausdruck findet. Andererseits erlebe ich im «Parallelismus membrorum», dem zweifachen, aber veränderten Aussagen des Gleichen oder Ähnlichen eine neue Freiheit.

In den Sätzen der hebräischen Sprache werden selten eindeutige kausale oder temporale Beziehungen eines Sachverhaltes oder eines Ereignisses zu einem andern ausformuliert.

(Schroer / Staubli)

Was jedoch viel wichtiger für meine sich wandelnde Poetik ist, das ist das Bewusstsein einer stereometrischen Wahrnehmung der Welt: eine mehrdimensionale, eine Tiefenperspektive in der Darstellung wird möglich, ebenso wie die Gleichzeitigkeit alles Geschehens und Empfindens.

Ich denke dabei immer an Giottos «Einzug in Jerusalem» (Padua, 1304-1306), in dem drei Figuren in der rechten unteren Bildhälfte darstellen, wie jemand sein Kleid auszieht du auf der Strasse ausbreitet. Dieses Bild hat mir in meiner Jugend zum ersten Mal gezeigt, dass eine Aushebung der zeitlichen Linearität in der Kunst (oder durch die Kunst?) möglich ist. Oder um mit dem Prediger zu sprechen:

Was in Zukunft geschehen wird, ist schon da gewesen; und was in der Vergangenheit geschah, war zuvor schon einmal da. Gott lässt alles wiederkehren wie in einem Kreislauf.

Koh 3,15

So entwickelt sich das Leben eines Lyrikers, ebenso kreisförmig, und so entwickelt sich seine Sprache und sein Sprechen, ebenso zyklisch. Was aus einem anfänglichen Impuls des «möglichst viel und vollständig Einfangens» entstanden ist, wird mit der Zeit – in der spiraligen Zeit der Kunst – zu einem bewussten Handeln in der Bemühung nicht mehr nur um die bereits als unmöglich verstandenen Vollständigkeit, sondern um eine absichtliche Verschiebung von Massstäben, Sichtweisen und Sprechweisen, um eine Auflösung der Gefangenschaft im Definitiven und Faktisch-Empirischen, in der Bemühung um eine andere, weiter gefasste (aber nicht «fassbare») Weltsicht, die in der Bejahung der Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Unterscheidung auch eine neue Welt erstrebt.

Ein Gedicht schreiben: Träumen

Was heisst es zu träumen? Es ist die kreativste und konzentrierteste Form von Leben. Schon als Kind und Jugendlicher war mir die Macht der Fantasie, die Kraft aus Kompilation und Aleatorik dringlich bewusst. Auch wenn ich mich immer wieder über die Lächerlichkeit oder den kindischen Humor meiner Träume wunderte, wanderten viele ihrer Bilder in meine Gedichte.

Die Macht dieser Bilder, die mehr als Metaphern oder Sinnbilder zu sein scheinen, in Worte um zu setzen, ist jedoch möglich: Sobald sie in die Aussenwelt, in die dingliche Wirklichkeit befördert werden, wird ihre Undinglichkeit und Innerlichkeit – eben noch ihre eigentliche Wirkkraft – zu einer Schwäche. Farblos, wie angehauchtes Spiegelglas erscheinen sie dann, und selbst du hast nur noch Spott für sie übrig, wenn auch einen mit Trauer und Mitgefühl gewürzten Spott.

Doch selbst in den Träumen, die dich abwerten, ja buchstäblich entblössen – wenn du nackt vor einer Schulklasse stehst -, bist du dir dieses anderen Lebens in dir stark und motivierend, antreibend bewusst: da wirkt in dir ein Mechanismus, eine Art Maschine, die aus deinem Aussenleben, deinem «aktiven Leben» sowohl eine Traumwandelei als auch einen neuartigen Referenzrahmen schafft.

Selten nur kann es mir gelingen, diese im Traum erfahrene «Umwertung der Werte» und Bedeutungen in einem Gedicht oder in einer Geschichte zu wiederholen oder bewahren. Doch wenn es mir gelingen soll, wenn ich diesen überwältigenden surreal-surrealistischen Eindruck «kopieren» oder «nachahmen» soll, so benutze ich zwei hier bereits genutzte Verfahren aus dem Traum: die Kompilation und die Aleatorik.

Mit der Kompilation meine ich folgendes: Während einer mehr oder weniger langen Vorbereitungszeit für ein Gedicht oder einen Text sammele ich wahllos Wörter und Resonanzen, Zitate und Referenzen, Begriffe und Eindrücke, die mit dem vermuteten «Thema» oder «Inhalt» des Gedichts nur entfernt oder mittelbar in Bezug stehen. Ich verhalte mich also ein wenig wie die sprichwörtliche Elster, die alles Glänzende und Leuchtende zusammenträgt und -stiehlt.

Ein unkundiger Sammler, der noch keine Kriterien gefunden hat für sein Schauen und Erkennen, für seine Leidenschaft, wie es im ersten Moment (und auch manchmal noch im fertigen Gedicht) scheinen mag.

Im zweiten Schritt meiner Arbeit schalte ich den Zufallsmoment ein: was ich am Anfang dieses Textes die Aleatorik genannt habe. Doch handelt es sich dabei nicht um die von den Surrealisten so geliebte «écriture automatique», das automatische Schreiben. Denn selbst wenn ich die Verse nicht lenkte und die Wörter «von alleine» ihre Verbindungen und Referenzen finden lasse, so behalte ich doch einen Eindruck, eine Stimmung oder Haltung oder eine Landschaft im Auge, die darzustellen ich mir vorgenommen habe.

Würde ich ganz «automatisch», also quasi «maschinell» vom Zufall gelenkt schreiben, entstünde ein Gedicht, das von der Sprache und vielleicht von meinem Unterbewusstsein geschrieben worden ist; ein Gedicht, das mit meinem Aussenleben, meinem Lebensausdruck und -gefühl vermutlich kaum mehr etwas gemeinsam hat.

So aber, in einem halb bewussten, kontrollierenden Schreibmodus schaffe ich im besten Fall in der Kompilation und der Aleatorik, die ich meinen Träumen entlehne und/oder stehle, eine Art Traumbild – genauso uneindeutig/eindeutig, fremdländisch/befremdlich, unverständlich/verständlich, hier-und-nicht-hier wie ein Traum oder ein Träumen.

Ein Gedicht schreiben: Das Gegenteil einer Meditation ist auch eine Meditation

Das Ziel einer Meditation, sei es eine ignatianische Stille-Übung oder eine Zen-Meditation, ist das «Ausschalten», das «Gehen-lassen» der ständigen Gedankenflut. Denn dein Kopf ist in einem steten angeregten, fast geschwätzigen Zustand: hunderte von kleinen Ameisen-Gedanken beineln an den Wänden deiner inneren Vorstellung herum.

Dieses «Vorüberstreichenlassen» der eigenen Gedanken, die ja meistens Impulse aus Begierde und Interesse sind, ist eine schwierige, schwierig zu erlernende Aufgabe. Es dauert einige Zeit, bis du diese innere Stille herstellen kannst, und selbst dann noch zwitschert und flirrt es dir plötzlich auf in den stillen Höhlen deines Gehirns. Irgendein Bedürfnis, irgendeine Regung ist immer.

Die Entstehungsgeschichte eines Gedichts jedoch liegt genau in diesen sirrenden und undeutlichen Spuren der Gedanken in deinem Kopf. Assoziation um Assoziation, unwillkürlich, aber willkürlich angespornt, häuft sich in deinem Kopf, wie ein Schneebrett, das ins Rutschen gerät. Hunderte von kleinen Gedankenflocken regnen auf dich nieder. Du kannst sie kaum fassen, du musst innert weniger Sekunden deinen Kopf zu einem riesigen Rezeptakel, einer riesigen Weltraumantenne umfunktionieren.

Vielleicht bist du am Anfang gar nicht aufmerksam, machst etwas ganz anderes als an ein Gedicht denken, obwohl das ja sehr selten der Fall ist, aber vielleicht bist du am Kochen oder liegst im Bett und liest in einem Buch. Wenn dieser Neutronensturm in deinem Gehirn losgetreten ist, bist du hellwach. Du kneifst fast die Augen zusammen, so hellwach, aufgeregt und angeregt und neugierig und konzentriert / unkonzentriert bist du.

Denn Konzentration schadet jetzt nur. Wie während einer Meditation die Konzentration auf die schädlichen, von Bedürfnis und Begierde geleiteten und herbeigeführten Gedanken nicht zu einem Zustand der Meditation führt, darfst du dich jetzt keinesfalls festlegen, festhalten, etwas Bestimmtes wollen, deine Gedanken etwa lenken wollen.

Du wartest, bis der Hirnsturm abklingt. Das dauert meist nicht länger als 5 bis 10 Minuten. Aber dann hast du eine ganze Seite vollgekritzelt mit Wörtern, Begriffen, Bildern. Und du bist wie innen und aussen gewaschen, rein und wie neugeboren. Die Stille um dich ist herzerschütternd, die Stille in dir ist herzerwärmend.

Erlöst weisst du, jetzt kann ich die Gedanken fahren lassen. Doch für die 5 bis 10 Minuten des inneren Orkans warst du in einem Zustand der Meditation. Denn das Gegenteil von einer Meditation ist auch eine Meditation: der Moment, da ein Gedicht in dir entsteht und von all deinen Nervenrezeptoren willkommen geheissen wird.

Ein Gedicht schreiben: das immer gleiche Gedicht

Deine Sprache ist wie dein Charakter, wie deine Merkmale und Eigenschaften. Sie wächst und verändert sich, gewiss. Doch baut sie auf Grundlagen auf, die fast unveränderlich sind. Nur sehr selten – dann jedoch heftig – verschieben sich diese als sicher verstandenen Grundpfeiler deines Wesens und so deiner Sprache.

Dir sind gewisse Wörter und Wendungen teuer – und treu. Sie halten dir wie gute Diener oder Begleiter die Treue und sind verlässlich. Du kannst jederzeit auf sie zugreifen, sie sind leicht zu behändigen und sprechen doch viel direkter von dir als die meisten anderen Wörter.

Wenn du deine Gabe – Wörter, Wendungen und Sinnbilder für Zustände zu finden, die unsagbar sind und unverfügbar – als solche begreifst, also letztlich als einen Auftrag: wenn du dich daher professionalisierst: in Beharrlichkeit und in Täglichkeit (in Alltäglichkeit) schreibst: gerätst du irgendwann in das serielle Schreiben.

Kurz vorher erkennst du nicht nur, dass Sagen in letzter Konsequenz unmöglich, daher aber umso unerlässlicher ist, sondern dass du nichts zu sagen hast. Dies nicht nur deshalb, weil du in letzter Konsequenz immer das gleiche sagen möchtest: selbst aus den verschiedensten Zuständen und Lebensumständen heraus willst du immer das eine einzig wichtige sagen. Auch wenn du nicht genau sagen könntest, was dieses eine einzig Wichtige ist.

Ihre grossen schwarzen Augen musterten mich mit leerem Blick und mit einem Kummer, der seit Generationen in ihrem Blut verankert war, weil nie getan worden war, was schreiend danach verlangte – was immer es sein mochte, und jeder weiss, was es ist.

Kerouac, Unterwegs

Im seriellen Schreiben wirst du musikalisch. Das heisst, du strukturierst deine Gedichte weniger danach, was gesagt werden könnte oder zu sagen wäre. Du lässt «es» fliessen: Wörter, die sich fremd sind, reichen sich über die Bedeutungs- und Herkunftsgrenzen hinweg ihre Silben. Du ordnest ihnen alles unter.

Im seriellen Schreiben soll dir das gelingen, was dir im kontrollierten, vernunft-wachen Schreiben nicht gelingen kann: das eine abschliessende Gedicht zu schreiben. Vielleicht ist es dann eine Art «Leaves of Grass»: ein immer grösser und dichter werdendes und nie abzuschliessendes Konvolut von Wörtern und Wortzusammenhängen.

Du wählst dir ein Thema, ein Begriffsfeld und beginnst zu schreiben. Das Serielle an dieser Arbeit liegt darin, dass kein Gedicht je zuende ist, weil es sich wie eine Fuge, wie ein immer dauernder Kontrapunkt immer weiter fortsetzt, seine Fortschrift in dem nächsten, anschliessenden Gedicht findet.

Du variierst deine Sprache, du modulierst deine Sprache, du erweiterst deine Sprache allmählich und bewusst. Damit entfernst du dich immer mehr davon, wer du bist. Du entfremdest dich – wie der Romanautor – dir selbst: von diesen Gedichten kann niemand mehr sagen, dass sie von dir geschrieben sind oder gar von dir handeln.

Sie sind aber gerade deswegen der wahrste, echtmöglichste Ausdruck deines Wesens. Und damit genau das, wonach du seit dem Anfang deines Schreibens strebst.

Serielles Schreiben

Wenn ich auf meinen Schreib-Pfad zurückblicke – denn ein Pfad war es, kein Highway: schmal und gewunden und ein erst spät erkanntes Hyperobjekt -, werden mir seine drei wesentlichen Phasen deutlich.

Der ursprüngliche Impuls: etwas sagen, was nicht zu sagen ist

Die erste Phase ist der ursprüngliche Impuls, der mich als Schreib-Person und meine Schreib-Persönlichkeit generierte und ermöglichte: eine unerwiderte Liebe, die mich ins Ausdrücken, ins „das Unmögliche in Andeutungen erstmals Aussprechen“ trieb. Dabei zeichnete sich früh ab, dass das Andeuten, das „Aussprechen ohne es auszusprechen“ (zu „es“ siehe meinen Eintrag Ein Gedicht schreiben: Es) für mich wesentlich würde. Es wurde bald zum Bedürfnis, Metaphern zu finden, die ungenauer trafen als vom Leser erwartet. Es wurde bald zum Bedürfnis, die Bilder quer in die Erwartungslandschaft der Leserin zu stellen.

Von der metrischen Strenge in den freien Vers

Die zweite Phase durchlief zwei Stadien: nach einer Vertiefung meiner metrischen Fähigkeiten liess ich die so erworbene Disziplin fallen. Dabei gestand ich mir erst spät ein, dass ich kein Lyriker bin, der diszipliniert reimt. Ich bin ein Lyriker, der den Wildwuchs liebt. (Genauso wie ich ein Religionslehrer bin, der die verqueren, die allzu fantasievollen, die autistischen Schüler*innen mehr über alles schätzt, den menschlichen Wildwuchs, der so herrlich glänzt und schimmert, dass einem fast schwindlig darüber wird.) Wenn Reim, dann unvorhersehbar oder in Alliterationen, Binnenreim. In der Ausübung der metrischen Strenge wurde mir immer enger und verlorener zumute: ich würde mich noch selbst erwürgen.

Umso herrlicher war die Befreiung im freien Vers. Umso schwieriger gestaltete sich diese. Gewiss konnte ich auf meine metrischen Grundlagen zugreifen, doch war mit diesen der Anspruch auch gestiegen. Ich musste fast alles neu erlernen. Denn trotz oder gerade wegen der gewonnenen, errungenen Befreiung im freien Vers musste ich in dieser „Form“ oder „Gestalt“ neue Strukturen finden und erwerben. Meine Themen standen neu zur Disposition: neue Metaphern mussten gewonnen werden.

Gleichbleibend blieb ein Thema: die (auch Selbst-) Enttäuschung, die Ernüchterung, die Wut. Sie waren und blieben die Treiber meines Schreibens. In dieser zweiten Phase wurde auch klar, dass das Andeuten immer zentraler wurde, das Indirekte nicht nur über Metaphern, sondern auch über ganze Bild-Konvolute und -Typologien und Chiffren gewonnen wurde. (Auch dafür ist der Eintrag „Gedichte schreiben: Es“ sehr aussagekräftig).

Das serielle Schreiben

Inzwischen hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Ich hatte begonnen, keine Kompromisse mehr zu schliessen, was mein Schreiben betrifft. Ich hatte begonnen, nicht mehr daran zu glauben, was mir meine Umwelt weismachen wollte: dass ich einer Lebenslüge nachjagte, wenn ich daran dachte, „nur zu schreiben“. Ich gestand mir endlich zu, dass dies der eigentliche Sinn meines Lebens ist. Ich begann, mich als Lyriker zu benennen. Ich trennte mich von meiner Frau, verlor fast meine Kinder, gewann sie allmählich zurück. (Sie gewannen mich auch allmählich wieder zurück und lernten mich besser kennen als viele Kinder ihre Väter. So denke wenigstens ich.)

Ich schrieb inzwischen längst täglich, stündlich, immer. Der Schreibprozess nahm zunehmend überhand. Ich dachte und denke ununterbrochen an das Schreiben. Ich bin von Beruf Lyriker. Punkt. Mir das einzugestehen, hatte viel zu lange gebraucht.

Und damit setzte meine (bisher?) letzte Wandlung ein. Wenn du täglich schreibst, spielt die Disziplin, die Strukturierung des Geschriebenen eine grosse Rolle. Du beginnst thematisch reicher zu werden. Du beginnst wirklich den Tagebau, von dem du so gerne sprichst. Unablässig gräbst und grübelst du am gleichen Werk. Am gleichen Werk heisst auch: du schreibst unablässig das gleiche Gedicht. Du versuchst unzählige Schattierungen.

Und immer ist dir vor Augen die Musik. Du willst seit frühester Schreib-Zeit das Sibelius-Violinkonzert „versprachlichen“. Auf diesen Weg machst du dich jetzt, in dieser dritten Phase, auf.

Dann liefert dir dein Freund ein Alibi. Einen Ansporn. Das Heft, das er dir zum Geburtstag schenkt, hat 80 Seiten. Du als vehementer Vernianer (Apostel von Jules Verne) kannst nicht anders, als die Hand Gottes (oder wenigstens seinen Fingernagel) darin sehen. 80 Gedichte in 80 Tagen.

Plötzlich ist die jüngste maximale Herausforderung vor dir: nicht nur jeden Tag ein Gedicht schreiben, sondern „Variationen“. Die Ginkakuji-Variationen. Ein sprachliches Anreichern, ein Ausdeuten des Andeutens. Jeden Morgen sitzt du vor dem berühmten „leeren Blatt“. Und du erkennst, dass alles dich hierhergeführt hat: du bist parat.

Für einige Tage kämpfst du mit dieser Professionalisierung: heisst das nicht, dass du dich jetzt „verkaufst“, dass du jetzt „auf ursprüngliche Impulse“ verzichtest? Heisst das nicht, dass du nichts mehr zu sagen hast, weil du dich ja in das Konstruieren hinein wirfst wie jemand, der einen Roman schreibt?

Alles wird sich entsprechen, denkst du, ganz wie Baudelaire das in seinen „Correspondances“ gemeint hat.

Alles wird ein einziger Wirbel sein, ein wildes Treiben von Metaphern und konkreten Dingen.

Bist du glücklich?

Du bist es.

Alle Vorbehalte schmelzen dahin unter der täglichen Verve. Serielles Schreiben ist grossartig: es erlaubt dir, dein Schreiben als das Rollen des Steins zu verstehen. Und nach dieser Serie wirst du gewiss einen andern Stein finden, der auch auf der andern Seite hinabrollt und verloren geht. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Michael Ende so schön geschrieben hat.