Der Turm des ersten Rats

Large concrete cooling tower and empty industrial structures in rocky desert terrain

«Der westliche Turm im Süden hat die Hüften einer Frau, die rennt.» Im Kalkboden sind viele Schritte zu sehen. Sie sind um den Turm herumgegangen, entfernt sich in Richtung Norden. Sie haben auch eine Feuerstelle errichtet. Sie müssen kurz vor einer Bekehrung gestanden haben, denn in der Asche sind Spuren geschmolzenen Plastiks zu erkennen. Aber vielleicht hat in diesem Moment die Bekehrungskraft der Frauen im Stein nicht ausgereicht. Es gibt keine Spuren von Schuhnägeln in der Asche, und natürlich stammen all die Schritte am Fuss des Turms von festen Schuhen. Füsse hätten keine Zeichen hinterlassen, nicht solche, das weiss jede. Auch die eingeschmolzenen Helme fehlen. Vielleicht hat die Hitze nicht ausgereicht. Da sagt man «unverrichteter Dinge» dazu. Heute singen die Frauen im Stein nicht. Vielleicht halten sie Profess oder ein anderes ihrer schwer zu unterscheidenden Rituale, die noch niemand gesehen hat, wenn auch gehört. Aber ein stilles Ritual muss es sein. An Anlässen dürfte es in ihrer Eingeschlossenheit nicht fehlen. Als Turungalîlist bin ich das erste Mal so weit im Süden. Die zähe Erinnerung meiner Lehrerin hat die Form des Turms und die Umgebung gut überliefert. Sie hat ihn den Turm des ersten Rats genannt. Vielleicht auch des Ersten Rats. Sie konnte nicht schreiben. Ich bin über die weite, vernarbte Ebene hierhergelangt, durch die hitzewallenden Sümpfe zuerst und über das Geröllfeld hinterm Hügel der drei Sinne (Fehlen, Mangeln, Lösen). Doch diese platte, trockenrissige Tafel hat mich erschreckt. Die Schritte der Truppe sind tief eingegraben und im südlichen Winter ausgetrocknet. Waren es Gesandte oder Heilige? Von meiner Lehrerin weiss ich auch, dass die Sommer im Süden unserer Vorstellung von der Sintflut gleichen. Wohl eher Heilige, dass sie in diesem Regen ein Feuer unterhalten konnten. Der Turm öffnet sich oben wie die andere Öffnung einer Flöte. Es steigt kein Rauch auf. Ich sage deutlich: «Die Bekehrung hat nicht stattgefunden.» Ich artikuliere genau und gut. So hat es mich meine Lehrerin gelehrt. Besonders bei Gefahr von Umkehr. Ein wenig grauer Staub fliegt auf, als ich mich hinsetze, meine Aufzeichnungen öffne und den Turm festzuhalten beginne. Immer noch keine einzige Stimme, und auch keiner der Vögel, vor denen ich gewarnt wurde. Ich muss schnell machen.

Maidcafé

Ich frage mich
Halterungen haltend
Im Standwasser von heute
Angesteckt vom Mana eines weiteren Checkpoints
Frage ich mich
Venus und Jupiter auseinanderstrebend von den Wolken verdeckt
Wie die Erinnerungsschulden
Ob die Erinnerungsstalden
In einer Liebesstation sich der nächsten erhaltend
Obwohl und während die Glaubensdaten sich von dem Wissensatem zerstreuen lassen
Wie zu vermuten steht
Rede ich doch nicht um den heissen Stein
Leise Kreise von Mückenlarven am stockenden eisenreichen Wasser
Wie die Erinnerungsschulden
Das frage ich mich
Nicht anders als die Ahninnen mit ihrem «ts»
Und ich versichere mich der richtigen Stellung der Zeiger an den Armaturen
Es genügt ja
Ein fehlerhaftes Auslösesignal im Bereich der Leittechnik des Blockschutzes einer Turbogruppe
In ihren Halterungen pulsieren
Mehr null als eins
Mehr auf als an
Im wärmenden schweren Sprühnebel träumend von Hasenkostümen und kleinen
Mehrfach gefalteten Zetteln mit einem Liebesgeständnis
Das gar nicht anders kann als
Nicht über den Zettel hinausreichen
Ob die Unterschiede wie Wasserstände
Gar nicht anders können als
Verdeckt von angereicherten Himmelslinien und
Struppigen Würzknollen
Frage ich mich
Steil abfallend ins rechtwinklig ausgerichtete Gerät
Wie die Schwungkurve
Kaum erinnert
Doch in mir spinnt
Mit nassen Knöcheln
Die Hände an der Schürze abwischend
Im Modder mit nassen Knien
Frage ich mich ob ich erheische wer ich bin
Wenn das Rollen aufhört
Und die Rechner ausfallen
Die Zahlenreihen auf der Rückseite des Zettels aus ihren Gleichungen tanzen
Ich lebe bis hundert.

Bärenweisen

Die neuen Garden strahlen zahnweiss dem Kern entgegen
Der Versprechen aufbricht und die Fastenleinen
Reissen an ihren kleinen Fingern
An denen ihre Mütter hängen
Wie die vielfarbigen Kerzenstummel erster und zweiter Geburtstage:
Tresornoten und Gradsänger im Kalmargraben
Und die Quecksilberhalden zupfen am Ausschnitt
Ihres Ausschreitens: die Kronen und Tiaras
Bärendienen den Kühlwassertanks und den Grubenmägen –
Und mager ringen die Unterkiefer
Ausgestreckt im Finstergrund
Wie die Zeigefinger auf Pausenplätzen
Um die Ringelblumengüter:
Die Kränze niederlegen ganz im Anfang
Bevor noch die Zungen ihre Schmeissspuren gelegt haben:
Die neuen Garden fahlen an den Fellbeuteln
Reissen ihre Zähne über den Reissleinen zusammen und
Brechen zu den Versprechen auf
Die im Boden bis zum Himmel
Eingesunken sind: die Ausschreitungen beginnen.