Du aber, Felsennistender, Kain,
einmal da, einmal dort,
mit dem leuchten Mal der Treue im Bösen,
die Gehorsam vor dem Guten heissen müsste,
liesse man dich zur Sprache kommen,
Kain in den Sandländern,
in den baumlosen Schweifarenen des Südens,
abseits von den ordentlichen Hütten und den stallähnlichen Palästen,
selbst Bileam aus der Jordangrube, die niemals teilen wird, was doch zusammengehört,
selbst der Eselschläger sagte über euch,
so sicher ihr auch wohnt in euren Horsten,
so sicher ihr euch wiegt in eurer Scheidung vom Acker,
dort in Seir und in Jesreel, das Feuer wird auch euch erreichen und keinen verschonen von den Söhnen Kains,
die wie die Söhne Aschers an den Buchten hocken,
an den Buchten des Sandmeeres und nicht Netze ausbessern, aber Kamelsättel und Pläne für Raubzüge in das Ackerland mit seinen Hennenmenschen,
in das Ackerland mit seinen gottoffenen Glucken,
keine wird es verschonen mit ihren silberschwarzen Haaren,
keinen wird es verschonen mit seinem silberschwarzen Bart,
aber nur das Feuer soll euch richten, wie der Eselprügler gesagt hat,
den Kopf in den Sand geworfen wie Spucke vor dem Frevler,
du aber, im Sonnengleist Heimischer, Kain,
der du selbst im jungen Gesicht die Zeichen deines Schweifens zeigt, das dich altert,
die Sonnenfurchen, die Kältefalten des Sandlandes,
das Mal des Unsteten, das Merkmal des Hintersinnenden,
der sandgeschliffenen Abergedanken,
die zu weit gereisten Spuren des Und,
du wirst noch einmal verschont werden vor Gottes Zorn,
den wir für ihn tragen und bringen müssen vor die Menschen dieses zu engen Landes,
wirst noch einsamer in deinen Zelten kauern,
jedes Haar an deinem Kamel wird dir teuer sein, wirst du kennen,
jedes Sandkorn in deinem Schal wird dich glitzernd an die scharfe Güte des Ackergottes mahnen.
Autor: ofueglister
Der Winter kommt
Die Armut setzt aus, du füllst das auf,
Was ausgegangen war. Der Winter kommt,
Die Wohnung ist warm. Die Tasse summt,
Du schlürfst von dem gelben Tee, schaust auf:
Die Schränke nicht leer und alles bereit
Für Durststrecken, Zeiten ohne Geld:
Toilettenpapier ist aufgestellt
In Türmen, die Dinge aufgereiht:
Es gibt wieder Nudeln, Linsen, Reis
Und Mehl, Tomatensosse, Nüsse
Und Honig, für heute Schokoküsse,
Und Zahnpasta, Seife, Büchsen-Mais.
Du fühlst dich beschenkt, hast was du brauchst.
Du flüsterst zum Tee, auf den du hauchst.
Autobiografie
Es ist mein Erbe
Unterdrückte Wut,
Die blinde Scherbe,
In der ich nicht gut.
Die Vaterkerbe,
Die noch weiter geht,
Mit starken Verben
In die Ader schlägt.
Bevor ich sterbe,
Möcht ich noch die Furcht
Im Wort-Gewebe
Tilgen bis zur Frucht.
Kein Grab aus Erde:
Ein Horn voll Werden.
Dazu nein
Es gibt die Anwege, schwarzer Stein:
Und wenn Körper wie Wellblech sich krümmen,
Und wenn Mädchen die Plätze erstürmen,
Dann ist, was wird, menschlich-saurer Keim.
Es gibt die Wartezeit, Bellen kaut
Am Selbst-Lob, an dem Vergebens auch,
Und du, Abendgestalt, wie der Rauch,
Du fühlst dich wieder nicht angeschaut.
Es ist, was wird; der Duldermut
Ist schon scharf auf die Kluft gerichtet,
Die schwarz brennt in den Tagen, den schlichten,
Wo nichts verrichtet als Niemandsgut.
Es gibt die Haderer; dazu nein.
Sie schenkte sich einen Brandy ein.
Alterität verwirklichen
(Dieser Text ist eine Reflexion auf ein Lyrikertreffen, das kürzlich zum Thema „Das Gedicht als Waffe“ abgehalten wurde.)
Ich beginne mit der Frage nach der Urheberschaft: Wer setzte dieses Thema?
Vetreten wurde das Thema von den drei leitenden Männern.
Meine eigene Reaktion auf das Thema war sofort eine begeisterte. Diese Begeisterung stammte einerseits aus meiner eigenen Poetik, die eine der Wut und der Auflehnung, des Widerspruchs ist. Wenn auch meine Gedichte inzwischen explizit in «Stimmen» geschrieben sind, so sprechen diese Stimmen doch immer aus einer Verletzung, aus einer Randständigkeit und aus einer Empörung heraus. Sie wollen treffen, «zurück verletzen», eine Reaktion und/oder im besten Falle eine verändernde Bewegung, eine andere Haltung bewirken. Insofern würde ich meine Poetik durchaus als ein waffenförmiges Sprechen beurteilen, ihre Gewaltbereitschaft bejahen. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt aus und in Sprache, die ich von Rimbaud und Lautreamont gelernt habe: die Sprache zum Äussersten treiben, bis sie blossstellt oder blossgestellt ist.
Um es noch ehrlicher zu sagen: Ich hasse «brave» Poesie genauso wie ich unkonkrete Poesie hasse. Ich hasse die Poesie, die Harmonie predigt oder (ver)sucht. Ich muss mich immer sehr zusammenreissen in ihrer Gegenwart. Das heisst nicht, dass ich ihr ihre Existenz absprechen will, vergessen denn: kann. Ich finde nur, dass die Welt, in der wir leben, so nach Veränderung schreit, dass diese Veränderung nur in Radikalität, in der Sehnsucht nach Aufwurf, Ausbruch und Zerstörung gesucht werden kann. Und – das Wichtigste!: Ich weiss, dass diese meine Position ein ausgesprochen männliche, also patriarchale ist.
…
Im Exkurs, in der Einleitung, die unsere Debatte im Forum anregen wollte, erkannte ich und/oder glaubte ich zu erkennen, wie sehr sowohl dieses Thema als auch meine oben beschriebene poetische Haltung auf den in unserer westlichen geprägten Weltordnung auf den fast manichäisch zu nennenden Dualismus abstellen. Ich weiss ebenso, dieser Dualismus ist ein durch und durch patriarchaler.
Ich weiss auch, dass ich seit einigen Jahren schon auf dem Weg bin, diesem Dualismus entfliehen zu wollen, neue (Deutungs-?) Routen zu finden, um das weite Feld zwischen den beiden Polen (Frieden-Krieg, Frau-Mann, etc.) zu entdecken und eröffnen. Denn dieses weite Feld ist der eigentliche Handlungsraum, in dem wir Lebewesen uns befinden und einzig lebenswert bewohnen können.
Oh, es geht nicht um die Erweiterung dieses Raums!: Er ist gross genug für «alle/s dazwischen»!
Was es in meinen Augen mehr denn je braucht ist das Einnehmen von Positionen, die den ambivalent-grauen Bereich zwischen den beiden Polen eröffnen.
Dafür ist es vonnöten, dass die Männer in einer gemischten Runde zurücktreten, zurückhören, wahrnehmen lernen und können. Ich selbst weiss mit grosser Gewissheit von der Leichtigkeit, der Selbstverständlichkeit, mit der ich in einer Runde das Wort ergreife – häufig, ohne die andere Person, die andere Rede(nde) ausreden zu lassen, bevor diese Person in der Rede überhaupt erst so weit kommen konnte, um ihre eigene Position entweder darlegen oder aber finden und/oder erkennen zu können. (Denn wenn du «aus dem Schweigen» kommst, weil dir gesellschaftlich eine «schweigende Rolle» zugewiesen bekommen hast, dann kannst du nicht sofort sprechen, verbalisieren, was deine Position ist; du glaubst unter Umständen gar nicht, dass die Worte dir gehören, du hast ihren Gebrauch vielleicht nicht einmal erlernen können.)
«Ich habe begonnen, lerne es noch, mich zurücknehmen» heisst auch: Meine Ansicht, meine «Erkenntnis» weder für «logisch», «selbstverständlich», «selbsterklärend» oder «von gesundem Menschenverstand» (der bisher noch immer ein durch und durch männlicher ist) noch als «abschliessend» (im Sinne von «letztgültig») zu halten. Heisst auch, bereit zu sein, von dieser Position leicht und bereitwillig Abstand zu nehmen.
…
Mit einer Waffe zielst du auf etwas, auf eine Sache oder ein Lebewesen.
In Anwendung von LeGuins «Tragetaschentheorie der Erzählerin» möchte ich allen zurufen: sammelt statt zu zielen, vergesst die Gerade, die Linie, die Grenze, den Zweck!
In Anwendung des vorgängig Erläuterten möchte ich sagen: Verwendet das Gedicht nicht nur als eine Waffe zur Öffnung von Möglichkeitsräumen, sondern gebraucht das Gedicht absichtlich dazu, um in diesem Möglichkeitsraum, in diesen Möglichkeitsräumen Positionen einzunehmen, zu verdeutlichen, euch darin heimisch einzurichten – damit diese im Ambivalent-Grauen verborgenen oder vom Patriarchat bewusst vergessenen oder verschütteten Positionen auch lebenswert werden.
…
Ich wünschte mir den subsidiären Mann: Eine Person, die vom andern, von der anderen zu hören wünscht, der anderen, dem anderen eine Sprache zutraut; eine Person, die Abstand nimmt von ihrem biologischen Geschlecht und in den ambivalent-grauen Bereich eintritt; eine Person, die freiwillig den Raum des Sprechenmüssens (der ein Raum des Sprechendürfens ist) verlässt und Platz macht für die andere, den anderen.
Denn ich bin zutiefst überzeugt davon, dass dann geschehen könnte, was ich mir so sehnlich wünsche: die Ermächtigung des anderen Sprechens, des Sprechens der Frauen, der Transmenschen, der People of Color, der Lesben und Schwulen, der Queeren und natürlich all derer, die «unserem» Abziehbild des «normalen Menschen» nicht entsprechen können, weil ihre Beeinträchtigung, ihr Anderssein – das «unsere» «Normalität», die es nicht gibt, an der «wir» aber trotzdem festhalten, – in Frage zu stellen scheint – in Tat und Wahrheit ein Reichtum ist.
Dass ich diesen Wunsch so bestimmt und brüsk vortragen und vertreten kann, fast ohne mit einer Wimper zu zucken, entlarvt mich wiederum als einen aktiven Vertreter des Patriarchats, der sich des Sprechens für die anderen anmasst.
Ich will meine Worte jenen Stimmen schenken, die in mir wohnen und leben, die nicht männlich sind, die nicht schweizerisch oder mittel- und westeuropäisch sind, die nicht weiss sind, die nicht den Normen von «körperlich und geistig gesund» entsprechen.
Denn mein Problem ist: Ich kann nicht schweigen, ich muss sagen, ich muss dichten, schreiben, das ist stärker als ich. Das ist ein Auftrag, eine Verantwortung, die ich nach langem Kampf mit den herrschenden Normen und Werten dieser westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsform angenommen habe und zu verwirklichen versuche.
Jederzeit bereit, die Personen zu hören, zu achten und schätzen, die aus diesem Ambivalent-Grauen heraus sprechen, aus diesem Zwischenraum, der recht eigentlich Lebensraum ist, heraus zur Sprache, zum Wort finden, weil sie in ihm so lange schon Halt gesucht haben, den ich in der Nähe des einen Pols schon längst gefunden zu haben scheine.
Durch den Morgen
Durch den Morgen fahren
In einem Schnellzug durch den dunkeln Morgen fahren und lesen
„Ich habe für mein Gedicht diese Autorinnen
Geplündert“ und lesen „lass uns
Ein Schneemädchen machen“
Durch den dunkeln Morgen fahren
Und die Falten der Rührung um mich ziehen
Wie den ganzen Martinsmantel
…
Als ich beim Aussteigenden Hut aufsetze
Rieche ich seinen vertrauenerweckenden
Haartalggeruch –
Vor Urzeiten (die Amalekiter)
Vor Urzeiten, niemand erinnert sich gern daran,
vor Urzeiten, niemand erinnert sich gern daran ausser die aufgeplusterten Kraniche Gottes,
und Vater Moses ist darüber verstorben, und Vater Aaron hat sich nicht darum geschert mit seinem läufigen, öligen Mund,
vor Urzeiten sollte ein Volk, das nur nichts getan hatte, als an einem Ort stehenzubleiben, wo nichts war, wo nichts wuchs,
ein Volk, das wie wir nur von der Gnade einiger Regentropen im Jahr lebte,
ein Volk, das wie wir dank der Gleichgültigkeit der grossen Völker im Osten, Norden und Süden noch lebte,
vor Urzeiten hätte dieses Volk im Auftrag des Ogers ausgelöscht werden sollen müssen,
von unseren Händen, Knien, Füssen zertreten,
von unseren Harken, Schaufeln, Knebeln, Keulen, Schleudern, Speeren und Knüppeln zerschlagen.
Einmal schon sollte es vernichtet werden,
es steht in unseren Büchern als das Volk, das der Oger vor dem Gericht schon gerichtet wissen wollte,
doch ist es nicht vergessen, nicht ganz vergessen, wie der Oger es gewollt hätte.
Da steht es vor uns, da steht es uns wieder im Weg. SELA
Wir sind das Volk, das angekommen ist wie ein leichter Frühlingsschauer,
wir sind das Volk, das mit einem Grossvater gewinnen kann,
wir sind das Volk, ein paar verdorrte erstarrte Seelen, die aus der Wüste hinaustorkelten, wo sie dem Starrsinn und der Tröckne fast geopfert worden wären,
wir sind das Volk, das den hier seit Urzeiten wohnenden Menschen,
denn es sind Menschen, die vor uns stehen, nicht wahr, Samuel, es sind doch Menschen,
wir sind das Volk, das ihnen ihre grauen, grünen Weiden, ihre steinigen, trockenen Bäche und ihre feuchten Höhlen, gut für einen Nachmittag der Rast, rauben soll,
das den hier seit Urzeiten mit den Jahreszeiten im Kargen Ziehenden, vom Kargen Zehrenden das magere Lamm und das dürre Rind rauben soll,
oh ganz und gar nicht wie die Aasfresser und die Aasgeier,
das Volk, das dem ganzen weiten Land, für das niemand eine andere Verwendung hat als Hindurchziehen und Ausspucken, unser blutiges Siegel aufdrücken sollen. SELA
Vor Urzeiten hätte dieses Volk, das vor uns steht im abgerissenen Bettelkleid mit Harken, Schaufeln, Knüppeln, Speeren, Keulen, Schleudern und Knebeln,
das uns so gleicht, wie es die Hände ballt, die Knie streckt, mit den Füssen stampft,
schon von der Erde verbannt werden sollen.
Die Geschichte entgleitet mir
Ich nehme ab,
ich bin nicht mehr die Flut,
ich bin nur noch die Wut.
Ich träume mich zusammen unter deiner Schamesröte, Mond.
Du legst dein Leichentuch über das Land und über die Geschichte,
ausgefaltet ist die Geschichte und das Land unter meinen Füssen als ein Spruchband, auf dem tausendmal der Name Gottes steht.
Früher, noch nicht sehr lange her,
und doch vor ungezählten Jahren,
war ich ein Kind,
und für dieses Kind waren die Dinge und die Lebewesen Gefässe der Freude und des Aufbruchs,
silber glänzende Treppenstiegen hinauf in den Tempel seines Begreifens.
Ich schwinde sehr,
ich halte mich grade so fest an mir,
eine Schaumkrone im mitternächtlichen Sand,
eine Geschichte, die seitwärts läuft,
ein Anfang, der ein Sickergrund geworden ist.
Ich spüre, wie mir die Geschichte entgleitet,
meine Glieder sind käsig und weich und träge vom Warten auf den Neumond,
die Menschen meines Volkes sehen mich eingehen und schrumpfen,
und selbst wenn meine Stimme noch mächtig schallt,
so klingt es leer von Wänden und Balken zurück,
und der Stuhl, auf dem ich sinne, rieselt unter dem zunehmenden Gewicht meiner Gestalt wie ein Brocken Salz unter meinem Tränenfluss in eine helle, schimmernde Lache zusammen. SELA
Ich war in Höhlen, noch nie am Meer,
ich war an Bächen und Wasserfällen, noch nie am Meer,
ich war in Wäldern, noch nie am Meer,
ich war in Schluchten, noch nie am Meer,
ich war in Bergen, noch nie am Meer.
Ich war bei Menschen, noch nie ein Mensch,
ich war bei Eseln, noch nie ein Mensch,
ich war bei den Schafen, noch nie ein Mensch,
ich hielt schon Kinder im Arm, noch nie einen Menschen,
ich weiss von den Frauen, noch nie ein Mensch,
ich weiss um die Feinde, noch nie ein Mensch. SELA
Ich weiss noch nichts von der Geschichte, die man mir umgelegt hat wie einem Jungen den zu grossen Mantel des Vaters,
auf dass er stolziere und sich meine, wie es der Menschen Art ist,
und ich fühle die Kälte im Rücken, die plötzliche und andauernde Kälte im Rücken,
denn eine einzige Regung, eine einzige Bewegung hat ihn abgeworfen, den alten, rauchigen Mantel.
So stehe ich da, mit dem Körper eines Kindes und dem Geist eines Bösen.
El desdichado (Saul)
Ich bin der Abdankende,
ich bin der Unbegottete,
ich bin der Gottentrüster,
der Gedankenrüster,
der Eseltröster,
der Gottzerstörer,
der Abdenkende und der Wegdenkende,
der Abdeckende und der Wegduckende,
ich bin der Gottentlauber,
der Gottentglauber,
der Ungastliche,
der Unrastliche,
der von Kindern Gefürchtete,
der Gottentfürchter,
ich stehe auf dem Hinunterpfad,
wasserfern breitet sich unter meinem eingesunkenen Lehmkopf das Nachal aus bis nach Kidron,
mein Lied ist eine leiseres Kreischen,
mein Wort ein stockendes Anstacheln,
mein Schild trägt die schwarze Sonne des Zweifels,
meine Enkelkinder heissen Hader und Nager,
oh ich werde meiner Mutter noch danken für den Weg zurück ins Tal der Lebenden,
das eine Augenblickchen im stillen dunkeln Höhlengrund,
leise murmelnd, leise planend, leise stöhnend,
ich bin der Gottverstopfte,
der bald Entkopfte,
in der Nacht meiner Entsinnung wächst wild und wächsern die Blüte der Eigenmächtigkeit,
die sich mit der Frucht des Myrtengestrüpps paart,
oh Prophet, gib mir zurück den Kampf für Jabesch,
den Schwur auf Gilgal, gib ihn mir zurück, du Ansager, du Bloss-Sager,
ich bin ein Volk ohne König,
ich bin der König, den das Volk verdient,
ich bin der Ursprung von Furcht und Abscheu weit und breit
noch über Mizpa hinaus,
und noch in Beerscheba kennen sie meinen zischenden, hässlichen Namen,
ich bin der Gotteskropf,
der im Nebel seiner Vermutungen eingetauchte Lippenkapper,
still, still, oh still,
die züngelnde Zunft der Ohrendiener,
die zuckende Zukunftsgilde tritt schon an mich heran,
sang- und klanglos ruhen ihre Augen schon auf mir wie Blattern oder Maden,
Aasgesang der Gesichterlosigkeit,
ich werde noch suchen, wenn ihr andern alle schon im Sand von Gad ertrunken seid,
wenn ihr alle andern schon seufzend wie Dämonen und heulend wie Helden in der Gehenna bechert,
ich bin der Saumselige, der Ungewisse,
der von Hexen Gekoste.
El desdichado (Samuel)
Ich bin der Abgedankte,
ich bin die Flamme, die vom Wachs trinkt,
ich bin der Ungetröstete,
der nicht singt wie Hanna,
ich bin ein Mahl der Zeit,
die schwarze Sonne der Treue,
ich bin der Nebel im Allerheiligsten,
ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich zu beweisen vor dem Theater der blühenden Granatapfelbäume,
ich dürste nach dem Segen dieses dürstenden Landes,
ich bin der Gottergötzer,
der kaltblütige Ohrenwächter, Ohrenwackler,
ich erfreue mich an der Golddistel erst, wenn sie rollt,
ich erfreue mich an den ungeprüften Höchsten, wenn sie fallen,
ich erfreue mich an den heruntergeschüttelten Niedrigsten, wenn sie gebären,
ich bin ein Wittwer, und meine Liebe sind die Kinder der Stille,
die tanzenden Sterne der Ausbeutung,
deren Augen mir folgen durch meine Gesichter wie die rasselnden Knochen Elis,
oh in seinem Schatten, dunkel und brummend, habe ich das Sagen gelernt,
wie die Rosen von Saron sich mit dem Sennabusch verbünden,
das Höchste zum Niedrigsten wird,
das Geringste kaum je zum Mächtigsten,
ich bin der Herzverstummte,
der Ohnmächtige, der nie mehr die gelbe, zitternde Luft über dem Karmel sehen wird,
verbannt in dieses schiefe, abschüssige Land voller Feigenbäume,
die auf ein Wachsen warten, das ihnen nicht gegeben werden wird,
ein Blühen erdulden, das es in diesem zerschnittenen Land nicht geben darf,
solange darin die Disteln sich auf das Blühen versteifen,
bin ich denn Dagon oder Aschera,
bin ich denn Moses oder Aaron,
und meine Stirne glänzt noch von der langen Zunge des Gottesschreckens, der Gottesschnecke,
denn sorgfältig heisst es sich vorbereiten, heisst es sich wappnen,
wenn sie unter ihrem schweren Altar angekrochen kommt,
wenn er seine lappenden Fühler ausstreckt nach dir, schmatzend und fletschend zugleich,
und ich höre die Schreie derer, die denken, und das Seufzen derer, die hoffen,
ich danke ab, Ausschau haltend von meinem rasselnden, bröckelnden Turm, der über die Ebene von Scharon blickt,
die grün verschmilzt mit der fernen Flamme des Meeres,
aus dem Jonas stieg.
