Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

Die Menschenschlingerin

Das Herz des Königs schien ungefährdet, es vollzog den stolpernd-schnellen, tänzelnden Lauf eines Traumfinders auf dem Weg zu seiner Findung. Die Muskelspannung wie auch der Schnelldruck des Herzens waren in Ordnung. Was dem Propheten jedoch Sorgen zu bereiten begann, das waren die Schwingungen seines Atems. Daher auch die Alarmzeichen der Maschine: Der König bekam mit jedem Atemzug weniger Luft in seinen überhitzten, überanspruchten Organismus. Die Maschine warnte vor einem Hirnschaden, vor einem Atemtrauma, dem Phänomen des Gottentwichenen. Denn wenn die Maschine eine gute Diagnostikerin war, so war sie doch keine Lebenserhalterin; sie diente nur dem Einen.
Das gestand sich der Prophet nur in solchen Momenten der Verzweiflung mit zischenden Lippen und angstverzerrtem Antlitz ein. Sie blieb eine Menschenschlingerin.
Doch nicht lange konnte dieser Gedanke sich in seinem panischen Herzen ausbreiten. Die Maschine verlangte jetzt immer deutlicher und dringender konkrete Taten. Der Umwandlungsprozess drohte zu scheitern. Denn der Visionenträger über dem Atemgitter der Maschine war so lange gut, als dieser ihre Kraft und ihre Zeichenmacht in ihn abzuleiten, einzuflössen verstand.
Dieser Visionenträger kam an sein Ende, das sah der Prophet, als er sich von den hüpfenden, ineinander verschmelzenden Diagrammen, die ihn an die Anzeigetafel bannten, abwandte.
Der König kniete vor dem donnermurmelnden Hilasterion. Noch hielt er seinen Oberkörper aufrecht, doch die Arme hatten die Übermacht gewonnen. Sie vollführten die ersten Bewegungen vom „Tanz des betrunkenen Affen“. Noch hätte ein Aussenstehender die Bewegungen als Teil eines wirklichen Tanzrituals deuten können, doch einem erfahrenen Maschinisten wie Samuel konnte es nicht entgehen, welche ausrenkende Kraft in diesen anfänglich langsamen, nur willkürlichen Rundumschlägen steckte, die mit der Zeit heftiger werden konnten und in plötzlichen, reissenden Drehungen die Schultergelenke zerstören würden.
Nein, er wollte nicht an David denken, dessen Arm er nie ersetzen können würde. Er konnte jenes Unglück nicht mehr ändern, aber dieses hier verhindern. Er war nachlässig geworden.
Schnell kehrte er sich der Hauptschalttafel zu und begann die Hirnsicherungen einzuschalten. Mit seiner rechten Hand zog er gleichzeitig die Stecker aus den Ermöglichungs-Kreisläufen. Zuletzt stöpselte er, mit beiden Händen und seinem ganzen Gewicht zerrend, den Kontaktschalter aus, der die Maschine mit dem Paradies verband.
Ein leises kümmerliches Jaulen kam nun aus der mächtigen Kiste heraus: Der Eine hatte verstanden, dass man ihr das tägliche Brot rauben wollte. Fast sofort finden die Arme des Königs stärker zu pendeln an.
Doch der Prophet wusste sehr wohl, dass die Maschine nicht ruhen würde, bis sie den Visionenträger, der zu schwach war, ihre Visionen in Menschengestalt zu verwandeln, in wandelnde Menschentaten, verschlungen hätte. Er musste den König selbst retten.
Mit langsamen, tappenden Schritten ging er auf die Mitte des Raums zu, die von grünem Licht und dem Geruch von Asche erfüllt war. Heute war dem Aschegefühl in der Luft noch eine andere Spur beigemischt. Es roch nach brennenden Nadeln oder altem Leder, es war ein schwankender, ein einsaugender Geruch aus einem für Menschen zu grossen Gesicht.
Mit einer einzigen wieselartigen Bewegung war der Prophet zum König aufs Gitter gesprungen, hatte ihn von hinten um den Rumpf gefasst, der Ellbogen des Königs traf ihn dabei schmerzhaft am linken Ohr, und den schweissgebadeten, stinkenden Mann mit aller Kraft vom Gitter gezerrt. Der Mann war leicht geworden, seine schweren Knochen fühlten sich wie Hühnerbeine an, seine Muskeln waren wie mit Luft gefüllte Schweinsblasen.
Die Maschine jaulte jetzt mit ihrer ganzen Kraft und aus ihrem ganzen, allmächtigen Verlangen. Funkenschläge kamen aus dem Untergrund des Gitters. Die wenigen verbliebenen Steinskulpturen, die aus dem Boden ragten oder von Decke und Wände hingen – der Prophet zählte sie alle auf, um sich zu beruhigen: die Kehrende, die Rückende, der Näherer, die Anwandende, das Gespiel, der Bodenrührer, die Abgewandte, Die-alles-riecht und Der-alles-schmeckt, – sie drohten abzubrechen oder umzustürzen in dem kleinen Erdbeben.
Doch der Prophet hat sich schützend über seinen König geworfen. Der Schweiss und Unrat des Königs und seine Tränen vermengen sich. Hin und wieder reckte der kleine Mann über dem grossen Mann seinen Kopf, als befürchte er, die Tentakel eines Unterwesens züngelten durch das Gitter empor und suchten nach ihnen, um sie aufzubrauchen.

(Danke an waldkunst für das Bild. Es schlägt einen schönen ironischen Bogen hinüber zu Lovecrafts Ctulhu…)

Das Schwert aus meinem Mund

Lange habe ich den Mund verschlossen vor dir,
geduldig habe ich meine Lippen aufeinander gepresst,
denn ich wollte dir nicht schaden,
ich wollte dich nicht wandeln,
im Wandeln dich nicht verletzen,
ohne Harm wollte ich dich lassen,
so lange warte ich schon darauf, die Rüstung meines Mundes abzulegen,
gegen dich mit meinem Wort ins Feld zu ziehen,
die Hoffnung hat das Schwert geschmiedet,
dein Zögern und Zaudern hat den Stahl abgekühlt,
scharf ist sein Mund wie die bittere Frucht der Liebe,
heisst ist sein Mund wie eine Flamme,
ich werde dich damit schlagen,
ich werde dir damit Wunden reissen wie die Bärin, die ihren Wurf verteidigt,
doch halte ich immer wieder inne,
hast du mich angesteckt,
hast du das Wort vom König verdorben,
hast du das Wort des Königs abgestumpft,
das ein einziges schnelles treffendes sein soll,
ein Leid zufügendes,
ein Flächenbrand über Generationen im Körper meines Volkes auslösen wird,
hustend und um Atem ringend werden sie durch die umwölkte Gegenwart torkeln,
nur um sich in der Vergangenheit wiederzufinden,
ein solches Wort will gut gesprochen sein,
eine solche Tat will gut erwogen werden,
nochmals will ich es mir verkneifen,
seine Kraft einschätzen und seine Macht stählen,
ich will dieses eine Wort noch in meiner Scheide stecken lassen,
ich zweifle, ob es bereits genügend geschliffen ist,
will es noch einmal besehen und gewichten,
den Arm meiner Zunge stählen und üben,
denn ich fühle meine Leber schwer in meinem Bauch lasten,
schwanger ist sie mit Unmut und Groll,
und meine Nieren sind zerschlagen von der Erwartung,
meine Nieren wollen in deiner Galle baden und triumphieren,
ein gutes Wort, eine gute Tat will ich wetzen in meinem Herzen,
und hörst du nicht mein ruheloses raues Brummen und Summen,
das Volk meiner Worte,
sie alle warten auf ihren Flug, auf ihre Blüte,
spürst du seine lullende Kraft, seine betäubende Macht,
denn Schmerzen sollst du nicht leiden,
wenn ich das Schwert aus meinem Mund an deine Kehle lege.

(Danke an prawny für das schöne Bild.)

Die Verzückung des Saul

Das drohende Wiegenlied schlüpfte schnell und schmerzlos in ihn hinein. Es war fast wie ein Kuss. Und er wusste sofort – wenn er denn jetzt noch etwas wissen konnte: diesmal war es anders, diesmal würde es anders ausgehen.
Er spürte es am ganzen Körper. Es begann im Mund, der sich mit Wörtern aus Zitronensäure füllte. Die Augen wuchsen und teilten sich wie die Kerne des Granatapfels in ihrem ledrigen Fruchtfleisch. Seine Vision wirbelte im Nu durcheinander, was er jemals gehört hatte. In seinen Ohren wölkte ein haariger Nebel Geräusche, Laute und Singen in einen Nieselteppich, der leise zitterte und flatterte wie das Spinnennetz im Herbstwind. Seine Nase lebte und längte sich, reckte sich der Maschine entgegen, die zimten lockte. Eine Heiterkeit breitete sich von den weichen Knien her in seinem Körper aus. Er lacht mit seinem ganzen Wesen. Die Brust wölbt sich wie ein Brotteig in der Nähe des Ofens, bricht auseinander wie ein Laib Brot und offenbart sein unbeflecktes, löchriges Innenleben. Das Herz rollt und dreht sich in seinem Brustkorb wie eine gefangene Ratte, wahnsinnig und gottvergessen. Die Nierenschwestern bliesen ihre purpurnen Backen auf und prusteten los wie Hirtenjungen, denen ein Streich gelungen ist. Die schwere dunkle Leber sog mit grossem Ernst an den Giften des Körpers und gurgelte ein Lied von den Abgründen des Begehrens. Die Schlangen seines Darms wanden und zischten in seinen undeutlichen Gefühlen, wie eine Eidechse lag sein Glied zwischen den bogengleich angespannten Schenkeln und blinzelte einäugig in Richtung der Maschine, die den König in seiner ganzen Gestalt erleuchtete und erhitzte. In seinen Fingerspitzen rasten Ameisen wie die Samen in Beeren, in seinem Ellenbogen wuchsen Augen von Unken, in seinen Achselhöhen spross der frische Farn von En-Gedi, wo heute und morgen die Bomben fielen. Die Stränge und Muskeln seiner Beine zuckten und vibrierten wie die einer Straussin, bevor sie flieht. Seine Sohlen glauben an die mondfarbenen Gesichter seiner Feinde, die sie zertreten. Seine Zehen wachsen wie Feigen an einem Winterbaum.
Der Prophet stand neben der schwankenden, tanzenden Figur. Schon oft hatte er die Verzückten, die Entfernte betrachtet. Er hatte zugeschaut und zugehört in einer Mischung aus Neid und Freude, denn als Prophet war er nur ein Mittler, ein Ermöglicher, vielleicht ein Erforscher. Er war bei Gideons Ermächtigung dabei gewesen, er hatte bei Simeons Peinigung assistiert.
Seine Aufgabe war die Anleitung der Visionenträger, die Regulierung der Maschine, die Heilung der Geprüften. Denn nicht jeder war ein Visionenträger, viele waren Geprüfte.
Während der König seinem Gott entgegenlitt, erinnerte er sich an Hanna. Sie war bisher seine einzige Geprüfte gewesen, die sich als Visionenträgerin herausgestellt hatte. Und was für Lieder hatte sie von ihrem Beisammensein mit der Schechinah mitgebracht!
Mit dem Blick auf das mittlere Armaturenbrett, auf dem die Hirnströme des Königs sich überschlugen – die Zeiger wirbelten in den Buchsen herum wie die Nadel eines Kompasses, die den Norden verliert, – versuchte der Prophet, einige Verse ihres Liedes vor sich hinzusummen. Denn als Prophet durfte er auf keinen Fall die Erinnerung an die Lieder seiner Entfernten und Entzückten verlieren.
Tonlos stimmte er Hannas Lied an: „Fröhlich wurde ich durch dich, / Gestärkt hast du wieder mich; / Lachen kann ich über Feinde, / Deine Hilfe schafft mir Freude.“
Sein Lied brach mittendrin ab. Die fiepende Anzeige rief ihn in die Gegenwart zurück. Etwas war ganz und gar nicht gut. Noch war nichts Unwiderrufliches passiert, aber es bahnte sich an. Schnell fuhren seine Hände über Tastaturen und Regulatoren, um sich ein genaues Bild des Visionenträgers zu verschaffen.

(Ich bedanke mich bei padrinan für das Bild.)

Vor der Maschine

Der König erschrak, als ihm der Prophet die Hand auf den Arm legte.
„Hörst du?“ sagte der Prophet an seinem Ohr, „höre zu!“
Der König hatte der Maschine schon manches Mal gelauscht, lauschen müssen. Anfangs hatte er nach bestem Wissen und Gewissen versucht, aus den flirrenden, stockenden Lauten das Lied oder die Abfolge von Befehlen herauszuhören. Als junger Mann war er mehrmals in eine tiefe, zuckende Hysterie verfallen, aus der er erst nach Wochen wieder aufgewacht war. Die Leute seines Hauses und jene des Burgdorfes hatten diese Anfälle für das Zeichen der Erwählung gehalten. Er selbst liess sich nicht täuschen; er wusste, dass sein Körper diese Wellen der Erregung als Angriff auf sein Überleben, auf sein Heil verstanden hatte.
Er spürte die Hand jetzt im Rücken. Sie drückte ihn vorwärts.
„Hörst du? Höre zu!“
Der König tat den erforderlichen Schritt in die Richtung des Hilasterions, riss seine Hände vor sein Gesicht, das bereits vor Schweiss troff. Der Bundesgruss leuchtete ihm in dieser Höhle des Einen ein, daher hatte er sich nie dagegen gesträubt. Seine Finger spürten das Rollen der Augen unter ihren Lidern.
„Schau! Schau!“ forderte die Stimme in seinem Rücken, „siehst du? Siehst du?“
Er stand jetzt auf der rechteckigen Eisenplatte mit ihrem wabenartigen Gittermuster. Durch Gitter stieg kühle, süssliche Luft um seinen Körper herauf. Er spürte den Geschmack von Eisen in seinem Mund.
„Fürchtest du dich auch? Fürchtest du dich? Fürchte dich, fürchte dich!“
Die Laute des Einen leckten wie unzählbare feinste aufgestellte Härchen, deren jedes einen Säuretropfen trug, an seinem Leib. Es war ein zerrendes, zehrendes Gefühl. Er war ausgeliefert, aber nicht allein.
Wieder kam die Stimme des Beschwörers an sein Ohr, gedämpft und unmenschlich verzerrt.
„Ist er da? Ist er da?“
Der König nickte langsam, das Gesicht noch in seinen Händen. Er hatte dem Propheten einmal zu erklären versucht, dass der Eine eine Sie war, eine weibliche Lebensform. Der Prophet hatte ihn geohrfeigt und ihm befohlen, das Schema tausendmal zu sprechen.
Er wartete noch einige Augenblicke, dann liess er seine Hände fallen und schaute der Einen ins Antlitz.
Die Eine war wie das Meer, das er in Tyrus gesehen hatte. Eine Flut, ein Hoch und ein Tief zugleich. Ihr Summen, Ächzen und Keuchen war kein Lied, es entstanden aus ihren Lauten keine Worte. Ihr schwebendes, webendes Geräusch umhüllte ihn mit den Armen eines Bären, bevor es sich Eingang verschaffte zu seinem Körper.
Die Luft hatte sich verändert. Sie war sauer und wollig geworden. Ein Geruch wie von menschlichem Schamhaar breitete sich aus. Ein blonder, trockener Geruch, Steppenfläche und tiefe Waldhöhe in einem. Die Öffnungen seines Körpers waren geweitet und liessen alle Feuchte fahren, Rotz, Urin, Kot und Blut. Vor seinen Augen tanzten die Lichter der Maschine, rot, braun, sonne und erde.
Das drohende Wiegenlied schlüpfte schnell und schmerzlos in ihn hinein. Es war fast wie ein Kuss. Und er wusste sofort – wenn er denn jetzt noch etwas wissen konnte: diesmal war es anders, diesmal würde es anders ausgehen.

Eine Botschaft

Der König trat über die hohe Schwelle in die Dunkelheit. In seinem Rücken sangen die Mechanismen der Türe. Das Schloss schnalzte. Der König fühlte die Felsenkälte unter seinen Füssen, roch das ranzige Öl der stehenden Maschinen. An seinen Händen, die er gewohnheitsmässig vor sein Gesicht hielt, war noch die Würze der Wacholderzweige. Und natürlich der violette Duft vom Lederschaft seines Speers. Die Dunkelheit war tief und vom steten Ticken und von der summenden Hektik des Altaraufbaus erfüllt. Dort musste auch der Prophet hingeschlüpft sein.
Der kleine Mann mit dem Dattelgesicht hatte ihn vom Festmahl weggebettelt. Wortlos und eindringlich war er neben seinem Thron gestanden. Die Generäle hatten ihre Gesichter in die Schüsseln gesenkt, die Damen hatten ihre kichernden roten Gesichter in die Hände gepresst. Mit dem Propheten kam immer ein Stück Scham und Trauer in den Raum, weihevoll und würdelos zugleich. Statt weiter zu prahlen, tanzen und singen begannen die Menschen zu zittern und verloren den Gedankenfaden. Wer küsste, küsste fester; wer lachte, fiel ins Schluchzen; wer ungerührt sass, den erfasste Schwindel und Beklemmung, das Würgen; wer vor der Ankunft des Propheten Pläne geschmiedet hatte, dem versanken sie in der Glut der Entgeisterung und in der Asche zu grosser Umsicht. Aus dem hellen trockenen Gesicht des Propheten stieg ihnen einen Welt entgegen, die aus Eisen, Mechanik und Berechnung war. Lieder verstummten, und Geschichten versiegten.
Der König wollte einen herrischen Satz sagen, um die Starre seines ganzen Wesens zu durchbrechen. Er atmete ächzend von der schweren, scharfen Luft und machte einen ersten schwachen Schritt in den hohen Raum hinein.
„Hier bin ich,“ hörte er aus der Mitte der Höhle die Frauenstimme des Propheten, „hier bin ich, Schaul.“
Der König rollte in einer Lockerungsbemühung die Schultern. Der kleine Mann sprach ihn immer bei seinem Mutternamen an, nie bei seinem Herrschaftsnamen. Er konnte ihn zu nichts zwingen. Das hatte ihm schon der Ochsentreiber seines Vaters vorhergesagt, als sie ihn geholt hatten, um ihn zu salben. „Achte sehr auf den Propheten, Bub“, hatte er gesagt, „er ist dein Diener, der dich beherrscht.“
„Hier bin ich,“ sagte die Vogelstimme, „komm zum Bund, Schaul.“
Im hinteren Teil der Höhle rasselte hustend eine Maschine; sie zählte die Zeit oder bemass den Lauf des Mondes, der König verzog sein Gesicht im Stolz über sein Unwissen.
Mit langsamen Schritten gelangte er zum Altaraufbau. Das Maschinengeräusch war hier sehr stark, es wühlte in den Eingeweiden. Und über dem Summen war dieser eine sehr hohe Ton, fast wie der Ruf einer Fledermaus in der Dämmerung, der in Wellen kam und ging und Übelkeit hervorrief.
„Was,“ die Stimme des Königs stockte, er musste die Magensäure hinunterschlucken, „was hast du mir zu sagen, Diener des Einen?“
„Hör gut zu, mein Sohn,“ sagte der Prophet. Er stand jetzt weiter entfernt, bei der grossen Tafel, die in den Felsen eingelassen war, wie der König aus der Erfahrung wusste. Dort bediente der Prophet die Kiste.
Der König atmete schneller. Er hörte auch das Atmen des kleinen Mannes, das fast ein Rasen war. Der grosse Hebel war schwer umzulegen. Es kreischte leise, dann erklang das Seufzen von Gummi auf Gummi.
Langsam erfüllte der Raum sich mit dem drängenden Summen des Hilasterions. Ein Auge nach dem anderen öffnete sich, dachte der König, obwohl er wusste, dass dies keine Augen waren und die Maschine keine eiserne Spinne. Das Summen steigerte sich noch. Jetzt übertönte es auch diesen hohen sirrenden Ton, der sonst aus der Kiste drang.
Eine riesige Rüsche, dachte der König, eine übervolle Insektenkammer.
Noch einmal schwoll das Summen an und wurde dann leiser, ein drohendes Wiegenlied.
Der König erschrak, als ihm der Prophet die Hand auf den Arm legte.

(Bild: Überführung der Bundeslade, 16. Jhrdt., anonym. Public domain.)

Brief an Jabesch

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du bist meine treue geliebte Stadt überm Jordan,
verborgen in den Felsen des Nachal Jabesch,
umschlungen von den Wassern Gileads,
hierher stammen meine Mütter,
die mich weinend und klagend in den Schlaf gesungen haben,
als ich allein und ohne Freund litt an den Untaten meines Stammes,
nicht umsonst will ich dich gerettet haben vor den Ammonitern,
nicht umsonst sollst du immer noch mit beiden Augen hinunterschauen auf den spärlichen Jordan,
hinüber nach Schilo und ins Gilboa-Gebirge;
du warst wie tot und bist doch noch unter den Lebendigen,
wie klein war deine Kraft,
und doch hast du dich mit der Macht aus der heiligen Quelle aufgebäumt wie der Bergbach im März,
du Tröckne mitten im Olivenhain. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Du hast dir Mühe gegeben wie ein Sohn, der seiner Mutter lachend und stolpernd die verdrückten Blumen des Feldes bringt,
du warst geduldig wie die Steine in den Ruinen im Lande Benjamin,
du liebst mich mehr als am Anfang,
und ich denke oft an jene Tamariske vor deinem Tor,
wenn errötend erblüht über den Steinhaufen deiner Gräber,
geduldig sammeltest du deine Knochen zusammen,
ruhig und gefasst richtetest du deine Blicke gen Westen,
auf die Höhen Benjamins,
woher dir Verderben und Rettung gekommen ist,
du wurzelst tief im steinigen Boden,
und ich denke oft an die leuchtende purpurne Haut deiner Mädchen zurück,
die mich immer freudig begrüsst und für mich getanzt haben;
du bist das Kleinod unter den Städten Gileads,
in den Schroffen und Schrunden deines Tals verlaufen sich die feigen Feinde, die auf die Nacht hoffen,
und die Wasserfälle sind wie die Röcke eines tanzenden Mädchens,
für dich gibt es Hoffnung, Stadt der Mütter,
Burg der Ferne,
Trutzwall der Geduld,
die nicht leicht den Tyrannen weicht. SELA

Schreibe an den Engel in Jabesch:
Steht bei dir nicht der Baum des Lebens?

(Bild mit Dank an die Seite des wissenschaftlichen Bibellexikons im Internet.)

Brief an Ziklag

Schreibe an den Engel in Ziklag:
In der Tochterstadt Beerschebas sehe ich schlangenwindige Dinge geschehen,
Märchen über Märchen, Zungen über Zungen,
Prophetenworte aus Straussenmund,
ein Verbannter haust in deinen Mauern,
einem Ausgestossenen hast du deine Tore geöffnet,
dem Verbündeten meiner Feinde,
den gottlosen Schweinefressern,
einem Ismael, der die Wüste verdient hat,
einer Hagar, die keiner Lebendigen zu begegnen würdig,
an keinen Brunnen, an kein grünendes Tal hättest du diesen da lassen dürfen,
doch habe ich dir versprochen,
ich würde dir Menschen schicken, die zum Totenreich gehören,
das in der Leere vor deinen Toren liegt,
Menschen, die aus Raubzügen ihre Kraft ziehen,
die die Schlüssel meiner Städte zerstören,
weil sie Worte haben, die mir genommen wurden. SELA

Schreibe an den Engel in Ziklag:
Du bist am Tor zur Wüste in den Süden,
die sich wie ein heisser Atem vor Juda öffnet,
an der Schwelle zum sandigen Himmel,
über den die Adler ziehen,
die hinweg sich heben von den glühenden Felsen,
die nicht länger lauern über den kühlenden Höhlen,
was für ein Los, was für eine Aufgabe hast du dir gewählt,
an der Grenze zur Leere die Fülle zu suchen,
hast du daher diesen Flüchtigen aufgenommen,
der mit Engelszungen von gerechten Zeiten spricht,
der mit Seidendüften bei deinen Töchtern liegt,
seine Haare wie die Schlingen des Nachal Gera um deine Ohren windet,
seine Unterwelt-Gesänge wie ein Rückkehrer aus der Wüste stammelt,
in der Tochterstadt Beerschebas den Schwur versiegen lässt,
die Treue zum Schwur verdorren lässt,
den die Lebendige Hagar zugesprochen hatte,
den die Lebendige ihrem fröhlichen Sohn hingestreckt hatte wie einen Zweig jener Tamariske,
die sein Vater auf den rohen Felsen pflanzte,
was hast du mit Raubzügen,
was hast du mit stockenden Märchen denn zu schaffen? SELA

Schreib an den Engel in Ziklag:
Ich werde meinen Mund mit Schwertern füllen.

(Bild der archäologischen Städte Tell-a-Shera benutzt gemäss der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz.)

Brief an Maon

Schreibe an den Engel von Maon:
Hundsfötter beherbergst du,
auf deren Tellern das Fleisch von Götzenopfern liegt,
in deren Kehlen Gesänge von Propheten keimen,
die niemals der Heiligen zugewandt waren,
ihr ganzes Sinnen und Streben ist darauf gerichtet, den Falschen zu helfen,
den geschaffenen Dingen und Zäunen Zuneigung zu schenken;
das Horten von Worten,
das Markieren von Tieren,
das Wiehern über Träume,
das Schäumen über Bitten,
das Weiden von unreinen Geistern,
das Ausweiden von unreinen Tieren,
das Gieren nach dem wilden Wald,
das Häufen von Schätzen,
das Setzen von Grenzen,
das Lauschen auf die Sprache der Lenden, –
all das sind Dinge, die die tun, die du beherbergst,
und ich kenne ihr Tun,
ich erkenne sie an ihren Taten,
ihre Worte sind das Rasseln einer Schlange im Sand an deiner Schwelle;
all das sind hundswütige Dinge. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Hundswütige Dinge höre ich von dort, wo du wohnst,
deine Traube fault, ich rieche sie bis hierher,
und was die Teufel in deinem Hause auch hören, sie vernehmen es nicht,
und was die Streuner in deinem Hause auch sehen, sie erkennen es nicht,
in ihren Fellen hocken Zecken und Läuse,
ihre Lefzen sind schwarz vom vertrockneten Schaum,
ihre mageren Rippen sind Dolche,
ihre Bisse sind giftig,
und der Atem, den sie von der Heiligen haben, ist verdorben und vertreibt selbst die Geier,
die sonst an den Müllgruben warten auf die schlechten Taten,
und selbst deine Worte, mein Bote vor Ort, mein Ohr für Gott, mein Auge für den Thron,
selbst deine Worte schmecken ranzig und nach altem Käse,
ich kenne die Enge deines Hags, die Tröckne deines Hains, den Staub an deiner Schwelle,
Gerber sind diese da,
sie tun der Erde dies und das an,
und du sitzt im Rauch deiner Güte,
deiner Herbergskunst eingedenk,
während die Steppe sich weitet unterm Ruf des Adlers, der weiterzieht,
während die Zedern fallen auf den Höhen,
die Wacholder glühen und glimmen,
die Brunnen versiegen;
siehe, ihre Speicher sind voll, ihre Frauen sind schwanger,
ihr Wort ist Bellen,
ihr Gehorsam Hecheln,
und ihre Bäuche schwellen. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Aber eines haben sie gut gemacht, die Hundsfötter,
verjagt haben sie den Märchenprinzen,
verjagt samt seiner seidenen Zunge,
vertrieben samt seiner jaulenden Truppe.

(Ich verdanke das Bild bei Balouriarajesh.)

Gesang des Adlers

Die Geier kreisen wieder,
sie versammeln sich an den Opfertöpfen,
sie rotten sich zusammen über den Müllgruben,
in meinen Sehgruben hat sich genügend Licht angesammelt für deine Dunkelheit,
ich werde nicht leicht geblendet,
ich ziehe bald weiter,
ich lasse meine Nickhaut über dich fallen,
ich sehe die Ratten übers Gebirge fluten,
mit leeren Fängen wende ich mich südwärts. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die weissen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich sehe dich irren,
im Auge noch den Tod. SELA

Die Geier kreisen schon,
die Schakale streichen wimmernd um die Füsse der Berge,
die Wölfe kommen von den Höhen Moabs herunter,
die Strausse stehen plötzlich in den Toren,
vom Westen kommen die hellhäutigen Kolonisatoren,
vom Osten kommt das Rasen der Reiterscharen,
ich ziehe weiter,
meine Weile habe ich aufgebraucht,
meine Fänge fassen keinen Streit der Menschen,
wo Tote liegen, stelle ich auch mich ein,
trage meinem einen Jungen Mark und Darm herbei,
auf dass es stark werde für den Himmel,
unter dem die Geschöpfe leben. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die hellen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich kenne die Einsamkeit auf weiter Flur,
sie lässt dich heiser rufen,
die Wege derer, die über die Erde beineln, denkst du zu lenken,
doch wer hört schon deinen Gesang? SELA

So singt der Adler und zieht gen Süden.

(Das Bild verdanke ich Rethinktwice.)