Neinjahr

Nichts ist neu: kann dein Herz einen Entschluss ausführen
Den es gestern nicht ausführen konnte?
Schnell verstummt die Rakete.

Nichts ist neu: kann sich etwas ändern in deinem Leben
Weil ein anderer Tag angefangen hat?
Schnell verlöscht das Feuerwerk.

Nichts ist neu: wo sind sich Menschen in die Arme gefallen
Denen Hass in die Wiege gelegt wurde?
Lange liegt der Rauch über dem Köpfen.

Nichts ist neu: wo sind Männer aufgestanden
Um Frauen vor Gewalt durch Männer zu schützen?
Schnell verklingt der Jubel.

Nichts ist neu: wo sind die Kinder
Die die engen Stirnen ihrer Eltern spalten?
Lange geht‘s nicht mehr.

(Image by Karuvadgraphy from Pixabay.)

Schwarze Mauer / Vierter Tag

Das ist der Hinterbau von etwas
Das so stark wie nichts ist
Das ist die Abwesenheit von etwas
Das mit keiner Übung bezwungen wird
Es ist das zusammengezogene Schweigen einer Armee
Die dem Frieden entgegen geht

Ich kaue auf der Haselrute
Die ich zur Angel bestimmte
Ich maule mit dem ganzen Kiefer auf der starken Luft
Um ihrem braunen dicken Blut die letzte Würze zu nehmen
Die noch nach Heimat zu klingen vorgibt
Ich schaue auf den Hinterbauch von etwas

Ich hauche meinen Sinnen Verse ein
Hart wie Hufe und weit wie Linnen
Ich brauche schon kein Hinnen mehr
Das mich mit gefügiger widerstandsfreier Zeit nährt
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
Wo das Lauschen aussen liegt und das Geschehende hinten

Im gläsernen Murmeln der Schwarzen Mauer
Klingt das erdige Gurgeln der Schlafenden
Und das würgende Schnalzen der Schlaflosen
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
In der das Licht meiner spröden Mutter rauscht
In der die Schatten meines fluchlosen Vaters gebauscht

Ich baue hinter der Schwarzen Mauer eine erste Zeile
Eine erste Strassenzeile
Aufquellend aus dem ersten Stein
Den ich ins Safranwasser des frühen Morgens geschleudert
Lampione Ochsen und rauchende Pfeifen
Kinderpatschen Röckerauschen und Speckschwarten

Ich schaue in die Sintflut
Ich baue auf ihre Ringellocken und Würgewirbel
Eine weitere Zeile
Die auf eigenen Beinen steht
Das heiter leichte Gerüst eines Turms
In dem ein Summen haust

Ich kaue mit jedem Zeichen die Sintflut in Gerüche und Gestecke
Und entringe ihr das lange Eingeweckte
Und verschlinge ihre kantenlose Gestalt
Die vom Qionglai Shan gezehrt hat
Woher die bunten Breitgesicht-Horden einfallen
Mit jeder Letter haue ich aus der Sintflut einen Zaun

Ich schlaue mich in die Sintflut
Jeder meiner Seufzer gilt dieser gelben und blauen Stätte
Die eine Stadt zu werden verdient hätte
Aus der ich meine Verse wie Kinderköpfe ziehe
Aus der mich meine ungebetenen Präsenzen speisen
Aus der meine unerhörten Absenzen reissen

Ich kaue auf den Sprossen der Luft
Ich baue aus den Stämmen der Luft
Verheerende zuerst verlorene Zeichen
Die vorsichtig schwingen und singen
Nachgiebig nisten in meinem Gewissen
Wo fernschwindlig ein Ort auf mich wartet

Ich pfaue die Marktstände entlang der Strasse
Mit fast wütender Vorsicht
Die Fleischverkäufer ermutigen meine schüchternen Schritte
Einige werfen Innereien nach mir wie Matrosen Taue werfen
Die Fischweiber reissen ihre verkniffen berechnenden Augen weit auf
Und gurren mir entgegen und hinterher wie einem Palastschranzen

Ich schaue hinter die Sintflut
Wohin weit die Schwarze Mauer ihren Schatten hinschlägt
Die Hand eines zornigen Gottes an der herbstlichen Wange
Einen hauslosen Menschen
Und in diesem schorfigen Schatten glänzt
Zinnoberrot diese erste Arterie einer Stadt.

——–

(Image by Gerd Altmann from Pixabay.)

Das Innenfutter

Das Innenfutter der Generäle ist das Kichern eines gekitzelten Kindes
Nach wenigen Sekunden hat es keine Kraft zur Gegenwehr mehr
Ist eine zuckende Fliege oder ein zuckendes Würmchen
Das überm Schatten der Fische dahinfliegt
Und die Fische trauen sich aus dem Schatten

Das Innenfutter des Bauern ist der nächste Tag
Der sich im Osten kräuselt mit Graupel und frühem Frost
Der immer ein unversprochener ist
Aber immer ein ausgleichender
Wenn auch nicht im Sinne von Erwartungen

Das Innenfutter der Mütter ist die Völlerei ihrer Kinder
Ach diese ersten Klammerer
Gelb und runzlig werden Gesicht und Brust
Der unstillbare Durst und der unstillbare Hunger
Auf einen Menschen geworfen

Das Innenfutter der Landstreicher sind die ersten warmen Tage und die letzten warmen Tage
Wenn der Frost nicht mehr und noch nicht droht in den härenen Nächten
Wenn die Mücken noch nicht steigen und geigen
Wenn die Bauern erschöpft vom Winzer Zuversicht und getröstet von Ernte Vertrauen fassen
Wenn die Wege sich ins Fett von Blüte und Frucht zu schneiden beginnen

Das Innenfutter der Poeten ist die erträumte Einsiedelei
Unweit der Ockerhöhlen von Gongyi
Im klebrigen schweifenden Nebel eines luftigen Hügels
In einem gut gedeckten aber wandlosen Hüttchen
In durchtränkten Kleidern über das leicht reissende Papier gebeugt

Das Innenfutter der Söhne ist der erstickende väterliche Verrat
Wenn die Taten nicht den Talenten folgen
Wenn die Bärte niemals spriessen werden
Wenn das Haus verlassen liegt
Denn ein Vater fürchtet seinen Sohn

Das Innenfutter der Nebenfrauen ist das Flüstern der Mägde überm neuen Bauch beim Ankleiden
Die Übelkeit und die Schwere einer Fröhlichkeit vor Honoratioren
Das Verbeugen vor den Gästen eines Banketts
Das flüsternde Klammern des Fürsten erlöst nicht
Und im knisternden Schatten lauern die Ermahnungen der Mütter und die Vorwürfe der Väter

Das Innenfutter der Töchter sind die lachenden Geschichtenschritte der Väter
Denn auf Erzählmirdochwas kommt immer was
Und die Lücken des Schweigens sind Lichtungen des Beginnens
In denen Verhärmtes und Entferntes aufquillt
Schatten für das Licht ihres Lebens

Das Innenfutter der Flüchtenden ist der Schnee auf Pässen und der Ruf der stolpernden Gendarmen
Das seelenlose wärmende Holz der Abwege
Das hungernde Warten in Schneewehen und hinter Holzstöcken
Der rosa Schein einer fernen Stadt
Der letzte Schritt deines Freundes an deiner Seite

Das Innenfutter des Königs ist die welke Brust seiner Schwiegermutter
Die mit leisem Singen ihm den Schlaf bereitet
Der ihm angesichts ihrer Tochter fehlt
Das Reich ein vom Ärmel dieser Tochter fast blankgefegtes Spielbrett
Auf dem am Rand die pergamentenen Einflüsterer huschen

Das Innenfutter von Frieden-Immerdar ist das weit entfernte Donnern von Hufen
Das Kreischen verlassener Frauen und Kinder
Das Rumoren des Windes in den Ruinen der Dörfer und in den Worten der Ältesten
Das Röcheln der Verwundeten und das Wimmern von Versen
In den letzten Tagen vor dem Anfang einer neuen Neuen Ära.

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(Image by JayMantri from Pixabay.)

Die Auswege sind aufgebraucht

Es kommt niemand
Die Auswege sind aufgebraucht
Die Ausreden ausgelaufen
Erschöpft ist der Vorrat an Lügen
Die aus Verletzung und Scham den Hochmut stärkten

Von blankem Gelb fliesst der Miluo
Unerschütterlich schüttet es in die grünen Dulder
Büsche Bambus Eschen und Martinsvögel
Mein Bauch ist eine Mühlen-Mulde
Vom rollenden Hunger ausgeschabt

Wo sind die Hütchenträger hin und wo die Doktoren?
Will ich mir wirklich entkräftet und verlassen
Nochmals Malepartus zusammenlügen
Einen Schatz in den Dornen
Der mich den Klammerern entreisst?

Ich hülle mich in Seegras
Ich schlürfe aus den Pfützen
Ich kaue auf dem Süssklee
Ich schmecke an Stämmen die Spur des Fuchses
Der vom andern Ufer aus meine Nächte durchlacht

Ich finde mich in den Armen des letzten Klammerers wieder
Kauend auf einem bitterfrischen Haselstöckchen
Er ist ein lieber Geist
Er gleicht meinem Sohn und meinem Vater
Die beide keine solchen Arme hatten

Hätten sie solche Arme gehabt
Kein überbordender Strom hätte sie aus dem Leben gerissen
Kein überbordendes Leben hätte sie aus der Erinnerung gerissen
Doch die einfältigen Menschen zittern und maulen
Auch wenn dem letzten Klammerer die Ohren gänzlich fehlen.

(Image by Наталья Коллегова from Pixabay).

Morgen danach

Den Bergen übergestülpt eine braune Haube aus geronnener warmer Milch
Die Ziehväter-Kiefern schwanken ausgiebig im Freundschaftswind
Die Augenbrauen des Nebels zittern überm Safransand
Das Knäckebrot des Kahns in feuchte Krümel gebrochen

Erstmals befeuchtet Regen meine ausgerungenen Lippen
Ich brauche keinen Spiegel für meine einsamen Gebärden
Steinknäuel in meinen Knien und altbackene Fransen dort
Wo einmal Chao Fen yen über die Dornen hinweg mir die Hand reichte

Über die Dornen der Sintfluten und Einfälle hinweg
Täubchen im Flug: im peitschenden Regen erhebt es sich
Über den trüben Spiegel des Flusses und leuchtet wie ein Brot
Wie ein Wort aus dem Mund einer über die Reissprösslinge gebückten Bäuerin

Verquollene Gelenke und Reissen im Rücken und faulende Zunge
Auskunft für eine weitere Li und Aussicht auf feuchtes Strohlager
Ein Blinken im Auge wie die spritzenden Schuppen eines Karpfens
Und aufgebrochene Hände die aus dem Kiesrascheln kommen

Wo einmal die Musse wie eine Schule Delfine in Ufernähe spielte
Und meine ausgesungenen Freuden sich hoben wie Röcke im Tanz
Und erstmals die Knöchel zu sehen waren hell aufblitzend
Wie das warme dampfende Innere einer Wurzel

Ich kaue auf den Namen meiner Freunde herum
Ich wälze meine Zunge wie einen schmelzenden Käse
Ich breche in Lachen aus in den kitzelnden Sonnenstrahlen
Ich rufe über den überbordenden Fluss hinweg

Einzelne Silben und einzelne Stunden und einzelne Atemzüge
Ich bemüssige mich des Sitzens und ich schaue nicht aus
Nach einem rettenden Boot oder einer treibenden Insel
Die Berge erheben sich wie die Glatzenstirnen der Doktoren am Hof

Ich habe nicht rinnenden Sand in den Händen
Schwer und rötlich klumpend wie das Blut ausserhalb des Körpers
Der Fluss hat seine Aufgabe des Spiegels aufgegeben
Die Berge warten wie Eierköpfe mit ihren Nebeldeckeln auf Beschlüsse

Der Strom ist eine altersgelbe rollende Schriftrolle
Von einem unzuverlässigen ausdauernden Pinsel beschriftet
Und ich sehe den Reiher fliegen und den Raben
Denen das Warten nicht geschenkt wurde

Hier gibt es weder Kaiser noch Hunnen oder die schönen Bewegungen
Von schmalen Handgelenken in weiten Ärmeln sind hier nicht
Die einzigen Zeichen für Beziehung stehen in meinen Gesichtsfalten
Die wenigen geäusserten Worte sind stampfende Kinderfüsschen

Meine Lippen springen auf wie aufmerksame Ammen beim ersten Schrei
Mein Magen ist der zerknüllte Gesetzesentwurf
Meine Zunge der zerrissene Ehevertrag
Und im schnell wachsenden Bambuswäldchen der Geduld verirrt sich selbst die kundige Angst

Denn nichts meine Lieben ist ungewiss auf den Pfaden ins Hinterland
Die voller zerbrechlicher Entscheide und wilder Gleichmut sind
Denn nichts meine Lieben ist als Hunger zu ertragen
Wenn du an die vollen Gassen von Friede-Immerdar denkst

Wo die plötzlich aufschiessenden Hühnerdiebe an die Kurtisanensänften
Und Gemüsekarren stossen und an den herben Duft der Suppenküchen
Und Poetenstübchen an die in die zischende Stille schneidende Stimmes eines Herolds
An die stumpfe Stille der schriftlosen Gärten

Ich kaue auf es gibt
Das es gibt in der Wasserwüste
Dass es gibt in der Wasserwüste
Mitten im Nicht-Geben kaue ich genüsslich darauf

Auf den zerstobenen Freunden
Auf den zerbrechlichen Barken
Auf den zerstörten Brücken
Auf den zerwühlten Saaten.

—-

(Bild von Du Fu aus Wikipedia, Von http://202.121.7.7/person/dzzgx/030124dufu2.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=111730).

Im Darién / Dunkelster Tag

und ein Kiesen beginnt, beginnt nicht ein Kiesen, mitten im Aufschwung der jungen Wolfsblüten, auch wir nur Bushmeat, Verbrauchsgut, gut genug für Toilettenspülung und Treppenglanz, für die Erhaltung und Weitung des Massstabs nicht von Transparenz, von lecksicherer Glanzunmittelbarkeit, naive Wirte der Erregung, und die Entscheidungsblindheit hier in der Mitte des Tags, die losgelösten Zungen, unter den Hasenschartenrufen der Geschichte, das Korn einer Sandhuhr weiss nicht um Zeit und Ort, keuchendes Getriebe und Gestosse und Geschiebe, als Korn sind wir gut, als Keim verachtet, mitten im Tag ist es am dunkelsten, und bevor wir noch durch den Rachen der Sanduhr sickern, austreten aus der Mühle des Urwalds in eine unbestimmte gekringelte Stelle, aus der Mangel des moosigen Wurmlochs, vor die Körner der Grenzwächter, die den Boom hüten oder horten, unter die Sonne einer massstabgetreuen kalten Versprechung, in den Hojotoha des Eingottglaubens, in das Heiaha der Anhäufung auf Sand, zwischen die Storchenbeine der Gier, unter die goldene Geissel Frickas, wo selbst der Kot mit Kosten verbunden ist, unter die wollene graubraune Decke, die alles verhüllt, lasst uns die Beere des Mundes suchen am Himmel, die vielleicht schon aufgegangen ist über dem Durcheinandertal, es lässt sich gut einsehen von hier aus, von hier oben, das ist leicht einzusehen, denn noch haben sie uns nicht allen Verstand vertrieben, denn noch lässt sich die Wahrheit vom Spiegel der Lüge pflücken wie die Haare vom Kopf eines Hibakusha, eines von uns, der die Wege zur Midnite Mine kennt und oft gelaufen ist, die grünen Spuren in seinem Gesicht zeugen davon, es wurde dir gesagt, ihr müsst nur so hart trainieren, bis euch die Scheisshaare ausfallen, und hier im Darién, in der Welt dazwischen, lässt sich eine Alternative zur Realität ebenso schwer herstellenwie das Nichts, das uns in den Schreien der Affen begegnet, also schaut es euch an, das Durcheinandertal, Das Begehr hat es gestaltet, / der Verzehr ist stets gewaltig, / nur bewehrt wird es erhalten, / der Verkehr ist eingestaltig, / in den Abgrund, / in den Abschlund, / ins peristaltische Nichts, // und die Ordnung hat nicht Ordnung, / und die Ordnung dient der Schröpfung, / und die Ordnung ist nur Quittung, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // und die Beute ist zu klein, / und die Meute wächst noch an, / denn die Frucht sagt niemals nein, / und der Körper spannt sich an, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // das Gelände ist verbaut, / und die Aussicht ist beschränkt, / und das Blau ist längst geraubt, / und die Sonne eingegrenzt, / in den Abgrund, / in den Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und aus Plastik ist der Sand, / und aus Strahlung ist das Licht, / und aus Minen gafft das Land, / ausser Seuchen gibt es nichts, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // denn die Zwecke sind zu nutzen, / und den Zielen ist nicht zu trutzen, / weil die Vielen sind zu stutzen, / stets zu schielen auf en Nutzen, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // wie im Stiefel stinkt es dort, / und im Beutel haust ein Wort, / das gefrässig schlingt am Hort, / der im Menschen ausgeharrt, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und wenn sie es sehen kann, / alsdann ist es schon heran, / mit der Pfefferluft am Kamm, / mit Gewinn aus jedem Lamm, / aus dem Abgrund, / aus dem Abschlund, / aus dem peristaltischen Nichts, // der Besitz ist nicht geteilt, / und die Guten aufgegeilt / gegen alles, was sie hielt, / und die Schrecken aufgereiht, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // es hat bald sich ausgegrenzt, / viele Poole sind verfemt, / und die Wüsten ausgedehnt, / in den Senken gärt der Lehm, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und die Zeit ist kaum vorhanden, / und der Raum nicht mehr zuhanden, / die Geschöpfe sind Produkte, / und hier weiden nur Konstrukte, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // in dem Tale gibt’s kein Sammeln, / in dem Tale gibt’s kein Sagen, / in dem Tale gibt’s nur Rammeln, / in dem Tale gibt’s nur Klagen, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und wer sammelt wird gejagt, / und wer jagt, der wird gesammelt, / niemand braucht, was gejagt, / niemand will, was er gesammelt, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // dieses Tal ist wie ein Mund, / der verschlingt, was noch hat Wahl, / dieses Tal ist wie ein Spund, / der verschloss die Büchse, den Wal, / überm Abgrund, / überm Abschlund, / überm peristaltischen Nichts, // forget ist sein Name, schaut es euch an, verseuchte Psychopompoi mit verdecktem Kopf, Arthur schläft im atemlosen metallic-blue-Beutel der Geschichte, die versessen vergessen die Gedankenwünsche, die aus den Früchten aufsteigen, aus den Wurzeln ausdünsten, aus den schrecksamen Tieren schwitzen, keine wie die Flammen der Flagge, wie die Geschäfte, die uns verbrannten, verbannten, er wärmt sich die Hände darüber, im Staub des Vergess, / wir sind versammelt / mit Handschellen-Händen, / wir sind versammelt / im Staub des Vergess, / suchen die Ader, / die nicht wird brechen, / sehnen uns nach dem gütigen Blau von Geschichten, die im Erzählen hängen bleiben, jedes Scheisshaar einzeln ausgefallen und abgezählt, angetreten und mitgezählt, wenn du richtig trainierst


(Image by Greg Montani from Pixabay.)

Zweite Nacht / Erster Traum

Die Wächter zirkeln auf ihren Köpfen
Von Blut überbordende Blicke folgen jedem meiner Flutschritte
Sie durchdringen die Seide ihrer Röcke
Das Rasseln ihrer Stimmen wie das Kratzen von Mäusen im Schober

Die Beamten treten erstmals von unten nach oben
Ihre manikürten Füsschen schlagen das Hochwasser schaumsteif
In ihren Näschen wohnen die Glasaale
Ihre Schöpfchen sind wirr und sind mit Pinseln gut verankert

Die Gärtner haben sich in ihr Schicksal ergeben
Vor dem Nabel formen ihre Schaufelhände ein grosses O
Ihre rosa Wimpern gleichen den Fühlern von munteren Flussgarnelen
Ihre wettergegerbten Stirnen leuchten wie eine aufgeschlagene Muschel im trüben Wasser

Aus den Schössen von Konkubinen steigen Blasen auf
Mit roten runden Gesichtern streben sie dem Himmelsspiegel zu
Mit geschliffenen Zähnen grasen sie die Füsse der Träumenden ab
Die Konkubinen in ihren weiten Röcken entfalten ihr scheues Krebsfleisch in Wolken

Der Herrscher selbst trägt ein Hufeisen im Gesicht
Seien Arme tanzen befehlend wie Seegras um ihn herum
In seinen Augen wohnen glitzernd die ufernahen Pfrillen
In seiner immer schon offenen Brust lauert wie immer schon der Hecht.

(Image by Brigitte Werner from Pixabay).

Erster Tag (Schiffbruch)

Die Nussschal zerschlagen
Über den Stirnen der Steine
Ein weiches Weiss
Nachgiebig wie Schenkelfleisch
Vollgesogene zerrissene Wecken
Ich betrachte das Bötchen
Aufgeschlagener Kamelkopf
Fruchtig leuchtet das leichte Holz
Und will nicht brennen
Die Steine schütteln ihre grünen Bärte
Langsam rollender Tanz aus Zeit und Moos
Nicken mir umflossen zu
Ernst und gelassen
Schiffbruch ist nichts Aussergewöhnliches
Das geschieht aller Tage
Hier am überbordenden Fluss
Starre nur auf uns weises langsames Ungestüm
Die stumpfen Zähne des Ufers
Die deine Bootsfahrt
Staunend zerrissen
Mit offener Kinnlade kommen sahen
Mit dem Greisenlächeln einer Insel aufschlugen
Was noch im Innern lag
Und nun schau über das Dotterwasser
Und nun äuge durch den sahnigen Nebel
Leise klappern die zerschlagenen Ruder
Um die Uferglatzen
Und das Rauschen des Flusses
An deinem Ohr
Wie das Flüstern von Federn in Kissen
In Streifen hängt die Seele an dir
Mein Körper weiss wie Papier
Aus den Achseln wachsen mir
Tintenschwarz Barteln hervor
Als kitzelten mich Grashalme
Rinnt der Regen über mein Gesicht
Ich lasse mir den Mund füllen
Von der Himmelsfülle
Es gibt kein Halten mehr
Das Wasser will ins Meer
Wie der Mensch in seinen Tod
Und in seinem Hunnenhirn rasen die Gestalten
Zehntausendfach
Gestecken gleich
Stuhlbeine und Wagenräder
Pinselbüschel und Raupenhaare
Durch die Kloake von Frieden-Immerdar
In deren Schaum zu baden
Auszeichnung und Reinigung ist
In den Morgenstunden nach einem Gelage
Ergraut und zitternd
Über dem Rollen
Die überrollend rollen
Winken die Beamtenbärte
Von manchem Unwetter und Ungeschick gezaust und gelängt
Im reifen Koriandergeruch
Versteift auf die Satzungen
Vertieft in die Regeln
Kauen sie auf Menschenpfriemen
Den Saft von ausgelutschter Lust und
Den Schleim von nächtlichen Gedichten
Das Mus von Konkubinenkichern
Sammelt sich in ihren hängenden Backen
Tropft in die Vorzimmer der Zukunft
Wo die Aspiranten ihre Knöchel baden
Ihre Pinsel auswaschen
Mit denen sie kopieren
Was die Gestalten verschmieren
Die in den Hunnenhirnen hausen
Die zehntausend Gestalten
Aus zehntausend Gefässen
Für zehntausend Gefährten
In zehntausend Gärten
Wo die alte Leier erklingt
Vom gestohlenen Leben
Vom verlorenen Leben
Vom verflossenen Leben
Wo die zehntausend Gestalten
Sich im Königslob ergehen
Wo die zehntausend Gefährten
Sich im Rügen der Konkubinen üben
Wo die zehntausend Gärten
Ihre Äpfel immer höher hängen
Damit die Füchse ohne Heimstatt
Durchdrungen von Schläue
Getränkt von Umwegen
Demütig in Unterzahl
Ihre Zungen stählen
Ihre Verse zählen
Ihre Stimme wählen
Denn im Abluchsen und im Beschwören
Ist ihre Bestimmung
Sie entheben sich den Notwendigkeiten
Den verbindlichen Botschaften
Den verhärmten Liebesschwüren
Füchse aus Henan
Füchse aus Tokmak und Shu
Füchse aus Shanxi
Die unablässig und zäh
Wie der überbordende Fluss
Dahin streben
Mit unermüdlicher Musse
Denn die Notwendigkeiten
Die bemühen sie nicht
Wie unreine Milch fliesst der Fluss
Und darüber das verklebte Grün der Kiefern
Und der körnige Schmelz des Nebels
Immer lächelnd in seinem Spiel
Verdecken ist entblössen
Enthüllen ist vorsehen
Und angekommen auf diesem Elend
Und angekommen auf diesem Eiland
Betrachte ich das Splitterweiss meines Kahns
Faserig wie Hühnerfleisch
Knirsche mit den Zähnen auf dem Sand
Der leise zirpt und schmeckt
Nach vergangenen Tagen
Nach Exilsgestaden
Nach Kirschensteinen
Betrachte das aufgebrochene Gefäss meiner Reise
Diesen roten Lack
Diese madenfarbenen Bruchstellen
Und die rieselnden Erbsen des Ufers
Verflossene Pflichten
Entrissene Söhnchen
Verspielte Versprechen
Und wende mich dem Himmel zu
Mit seinen Falten
Die nachwachsen und nachwachsen
Wie die Arme eines Seesterns.

(Image by Sven Lachmann from Pixabay.)

Marianne

In der weiten Stadt du
Mit Fragen für mich
Hast du schon einmal geliebt?
Unter verwindeten Haaren
Denn der Wind in der weissen Stadt will dir wohl
Das jüngste Gesicht einer Frau
Die Nasenspitze resolut in den Himmel gedreht
Die grauen Augen wie rollende Katzen im Meer

Unsere Zettel flattern durch die Marmorgalerien der Stadt
Über die Marmorbrücken hallen die Rufe unserer Augen
Durch die weiteste Stadt springt der Ring deines Rocks

In der weissen Stadt du
Mit Fragen für mich
Ich finde Hände halten gut für den Anfang und du?
Und ich lese
Du möchtest noch nicht geküsst werden
Höchstens unter Brücken im Geraspel der Zeit
Und ich schreibe
Ich möchte deinen Körper leuchten sehen zwischen all den Kuttenschatten wie eine gute Narbe
Und für Jahre erhalte ich keine Blicke mehr
Verschwindest du zwischen den Vätern
Die Marke deines Lächelns stempelt den zu blauen Himmel mit dem Anschein einer Wolke

Du findest mich in der weiten Stadt
Als langtest du nur kurz in deine Handtasche
Grau umfängt mich der Rock deines Blickes
Kühl und ingwern
Ich finde dich auf der Treppe die nicht endet
Und ich schreibe
Mein Zettel zerknittert und nass von meiner Wange
Ich liebe deine Knöchel und die lockende Wade
Weiss wie die Stadt
Du sagst
Du wirst noch zum Italiener
Und du sagst
Komm zu mir
Breitest deinen Rock über meinem Kopf
Die Wärme deines Geschlechts auf meinem Scheitel

In der weissen Stadt du
Ich zähle die Perlen deines Lachens
Und lege sie in mein Gedicht
Und Fragen werden Antworten
Antworten werden Fragen
Deine Wangen verfärben sich abendlich
Und wo nichts mehr lebt in Steinen
Reichst du mir einen Orangenschnitz

(Das Bild „Das Rätsel der Uhr“ von Giorgio di Chirico ist gemeinfrei.)

Moskau-Scheremetjewo

Gedeckte Rolltreppen
Gehen
Sicherheitskontrollen in Grün-beige-braun
Gehen und warten
Asphalt-Hitze nass
Warten und Gehen
Niemand weiss Bescheid lauter Nicken
Passkontrolle: sie drehen und wenden den Ausweis wie ein rotes Stück Fleisch in ihren Händenund reichen ihn durch ihre Reihen weiter bis nur noch das betende Ringen der Hände zu sehen ist
M. steht vorne und redet redet
Redet mit heller werdender Stimme
Als raschelten darin Mammutknochen und nicht Dreckswäsche beugt sich der Dragoner über die drei Koffer
Nicht stehen bleiben weitergehen
Weitergehen
Wieder turmhoch alles von Grün-beige-braun verstellt
Sicherheitsschranken
Die Koffer ängstlich zuckende Tiere
An der Schulter die Tochter
Eine aufgeschreckte nasse braune Möwe
Tapsend an der Seite
Leer ist die Rollbahn
Nur Zelte bis an ihr Ende
Menschen keine
Nur wir ohne Pass
Noch ein Checkpoint unter der glasigen Sonne
Im lichten Nieseln eine letzte Schranke
Ein letzter Check vor dem Flugzeug
M. parlamentiert mit einer anderen Matrone
Sehen alle aus wie mit Gerstenbrei gefüllte Uniformen
Laue Borschtsch-Augen und heisse Kirschkernwörter
Ein nickendes Njet säuberlich nickend an das nächste Njet gereiht
Klickende Klarheit Njet
Grün-beige-braun neben der Tochter an meiner Schulter
Passwendehände suchen an ihrem Gesäss und ihren Brüsten nach weiteren Herkunftsmerkmalen
Stösse vor die Brust
Augen auf Abzeichenhöhe
Angespannte Schritte vor der Brust
Angespannte Schritte im Kreis um 3 Menschen
M. macht die Matrone auf Speisereste zwischen den Vorderzähnen aufmerksam
Und ein Kompliment zum Kuchen auf dem Kopf
Warten und gehen
Wind zerrt an den Zelten auf der Rollbahn
Die Matrone reisst an M.
Die plötzlich ihren Pass in der Hand schützend vor sich hält wie ein blutiges Feigenblatt
Reisst ihr sämtliche Merkmale vom Leib
Identifikation unmöglich
Auf der Rollbahn atmen die Zelte verhalten
Wohlgenährte Gesichter vor dem prustenden Lachanfall
Stehendes Warten und gehendes Stehen im Kreis von Grün-beige-braun
Drüben die gedeckten Fluggasttreppen
Die drei Meter in den Himmel führen
Erfüllt von den auffliegenden Möwen
Unter dem Kopfschütteln des Drachens auffliegenden Möwen
Die sich auf den ausgeweideten Koffern niederlassen
Gehen und M. suchen
Warten und auf M. hoffen
Im Heulen der fernen Motoren
Die es gibt immer noch gibt
Abzeichen auf Augenhöhe
Griffe im Rücken
Schnelles Gehen zu schnellerem Warten
Gedeckte Fluggasttreppe mit einem Loch Himmel darin
Dahin geht es also
Zurück
In das ungestempelte Visa des Himmels.  

(Dank an Gianna für das Bild.)