Sagt Noah

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Noah wusste es. Ein einzelner Stein
So gut gesetzt er auch sein mag
Ist nicht Gegenwehr genug. Strahlfest
Das lässt sich nicht erklären
Sagt Noah. Ein einzelner Stein
Das geht unter. Nicht vergessen:
Sorgfalt rollt ihn zu der Fischschnauze.
Ihre Bäuche sind im Gestein.
Im Gestein ist ein einzelner Stein
Ein Bogen zum Fliessen. Noah sagt
Der Stein geht in Falten auf
Wenn er dich trifft: rosa
Baucht er sich in die Bläue
Deren Zunge schwarz ist. Reue
Nach Noah ist geschoben vor das Licht.
Bärentatzen an Höhlenwänden.
Noah knöpft sich Streifen vor.
Wenn das Licht eintrifft behauptet er
Wenn es gut trifft ist grün blau.
Dem Gesang fehlt nicht die Schwärze
Die nicht vergessen geht. Wenn niemand
Recht ist ein einzelner Stein alles
Was gibt’s. Die Bäuche der Regenbogenforellen
Über ihm und die Bärentatzenübung in ihm
Sind ihm nicht nah noch fern.
Giraffen haben blaue Zungen
Sagt Noah wegen der Sonne.
Das Weiss deiner Augen sickert
40 Tage und Nächte durch den einzelnen Himmel
Der eindringt (einzeldringt)
Im Blauall: da oben was da unten
Da unten was da oben krümmen sich
Steinschwellen um Steinschwellen
Denn sie werden Geist
Noch bevor du sie vergisst.

Klassentreffen

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Das ganze Leben liegt dazwischen
Die Jugend ist vorbei
Die Kinder bald ausgeflogen

Lügen hilft: Keine Zeit scheint vergangen
Anekdoten halten sie fest
Fast unverloren

Die Welt hat sich weiterbewegt
Niemand ist noch so
(Hinter seiner Jugend-Larve)

Ich verabschiede mich dann mal
Ich hätte viel früher schon
In mein Leben zurückgewollt.

Grosses im Kleinen (Hugo)

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Der Tag erstarb; am Ufer war’s, am Meer, das schäumt.
Ich hielt die Tochter an der Hand – ein Kind, das träumt,
Ein Geist, der schwieg im Lauf!
Die Erde neigte sich, dem lecken Schiffe gleich,
Sie drehte sich im All, taucht ein ins Schattenreich.
Die Nacht stieg fahl herauf.

Die bleiche Nacht hob aus den Wolken ihre Stirne;
Die Dinge schwanden schon, ergrauten, wurden minder,
Ein formlos-blasses Weben.
Wenn Schatten steigen, liegt bald Asche über allem;
In gleichem Masse fühlte man die Trauer fallen,
Die Schmerzen sich erheben.

Die da mit Denker-Aug Natur betrachten, sahen
Von hoch die Urne, vage dunkle Öffnung, nahen,
Sich überm Himmel neigen,
Und giessen auf die Berge, auf die hellen Felder,
Die wirren Fluten, die erfüllt von tiefen Reden,

Den Abend aus, das Schweigen.
Es krochen Wolkenbänder übers Vorgebirge;
Die Seele, wo sich Schatten mit dem Scheinen mischte,
Sie fühlte unbestimmt,
Entsteigen diesem Meer und auch der ganzen Erde
Und unter Gottes Aug ich-weiss-nicht-was, was Strenges,
Erhabnes, was sanft stimmt.  

An meiner Seite ging die Tochter, die ich liebe,
Die weite Nacht, wie Rauch kam sie heraufgestiegen.
Ich träumte, wie ich bet
Zu dir, mein Herr, ich sah und schlug die Wimpern nieder,
Den Schatten, der entsteht in unserm Denken wieder,
Wenn deine Sonne geht.

Da sagte dieses Kind, gesegnet ist’s, ich fühle es,
Ich hielt es an der Hand, und meine Seele hielt es,
Ein Engel, der fast Frau,
Und zeigte auf das Wasser, die Küste braun und herbe,
Und dort zwei Lichterpunkte, auf der Düne bebend,
Sie sagte, Vater, schau,

Schau doch, da drüben, wo die Schatten hangwärts robben,
Die Zwillingslichter leuchten wie ein Lampen-Doppel,
Bewegt im starken Wind!
Was sind die beiden Heime, dort im Nebel fern?
– Eins ist ein Hirtenfeuer, andres ist ein Stern;
Zwei Welten sind’s, mein Kind!

Nagelprobe

Straff liegt die Hand im Zaun.
Weshalb verschränklicht sich,
Was neulich ungenau
Spitz fiel ins endlich Nichts?
Rund wölbt es sich dem Tau gleich,
Öhrt durch die graslich Licht
Gebende Scheibe. Tauglich
Tastet Bericht Bericht
Rasenvergleichend ab,
Riecht noch nach hartem Trab.

Dastehen

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Ich will nicht mit einem Ständer
Dastehen, im Ernst und weiss,
Noch viel mehr muss sich verändern,
Will gar nicht, was ich schon weiss,

Entsprechen. Ich möcht verheissen
Ungestützt, was niemand kennt,
Geschützt von Geschirr aus Meissen,
Langsam wie die Scham mich brennt,

Gerötet und gestellt an Ränder,
Die immer Konkretes heischen,
Als sei ich ein Samenspender,
Ungeprüft und ohne Feilschen.

Ich will nicht mit einem Ständer
Dastehen, mit vollen Händen. 

Nichts

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Links die Erde
Rechts der Himmel –
Dazwischen ist die Kacke am Dampfen.
Ideen entstehen aus Armut.
Aus Niedergesunkenem wird hilflos
Liebe: schmeckt nach nichts
Denn gaumenlos gebiert die Erde
Strauch – Strauch – Strauch.
Darüber ist die Angst mit einer Stimme
Ausgekratzt: Morgenbrot für nichts
Dem nur Liebende Worte geben –
Worte wie Zweck und Ziel und Weg.
Wenn die kommen
Stehl ich mich draus.
Lege mich vor die Notaufnahme.
Aber links muss die Erde sein und
Rechts muss der Himmel sein.
Das ist zwingend. Lebend
Komm ich ja zu nichts. Nichts
Ist ein Feuer unterm Hintern.
Verstohlen äug ich an den Jupiter.
Hände Arme und hohle Wangen –
Immer nimmst du meine Ideen und machst sie zu deinen
Sagt der Geruch der Erde liebreizend.
Nicht im Mindesten lässt sich nichts
Ausdrücken: Liebenden erscheint es
Blind. Ein in der Ekliptik versenktes Auge
Von rechts nach links ziehend:
Unterm notdürftigen Pflaster
Kehrt sich die Zeit um.
Decke auf und kratze. Lebend
Hat die Liebe keinen Stand. Liebend
Komm ich hier nicht raus.
Mein Körper riecht schon steinig.
Ich habe keine Mittel mehr
Die ich ausdrücken könnte
Wie Pfeffer oder Pusteln.
Wenn ich um das Schwingen der Erde weiss
Sehe ich auch den Himmel schwingen.
Meine Zwänge sind keine Mittel mehr
Mit denen die Ideen hilfloser werden.
Das Unten kann mir gestohlen bleiben
Für das Oben sorge ich schon selbst.
Wenn die Kacke am Dampfen ist
Gehe ich eine rauchen. Das hilft
Beim Werfen von Strauch in Magenbrot.

Eine rauchen

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1

Du nimmst meine Ideen
Und machst deine daraus.
Du willst immer nur gehen,
Allein bleib ich im Haus.

Du kannst schon ganz gut wickeln
Und mit Kindern Radau.
Du wirst immer nur nicken,
als wär’s eine Art Stau:

Geduld, nur zu, und weiter…
Dann kommst du angerannt
Und willst alles nur heiter,
nicht das, was schon bekannt.

Sind wir denn noch zusammen?
Musst du jetzt eine rauchen?

2

Du kannst es nicht verstehen,
dein Ich, Ich ist ein Graus.
Ich kenn deine Ideen
Doch, sie sparen mich aus.

Spiel ich mit, wird es heissen
Ich sei viel zu entspannt,
Soll am Riemen mich reissen –
Der Scheiss, der ist mir bekannt.

Auch ich schlaf nur in Bitzen.
Du sagst, ich mache blau.
Du willst ja gar nicht wissen,
wie sehr es sich hier staut.

Ich kann fast nur noch stammeln.
Ich geh jetzt eine rauchen.

Im Grunde von Hass

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Nicht ganz braun und nicht ganz schwarz
Aber sonst gibt es keine Töne
Noch nicht ganz eingetrocknet und noch nicht ganz verdunstet
Vor dem Zerbrechen gibt es keinen Klang
Weder Zähneknirschen noch Lobgesang
Und doch dreht im Kreis ein gestrichenes Zeichen wie ein gebrochener Laut
Ein entwurzelter Buchstabe
Im Grunde von Hass
Ein fundiertes Gefühl aufgetragen mit einem Pinselstrich
Seine körnige Spur im Gesicht und im Ruf
Der unterm Lack noch vollzieht
Nach sich zieht
Was in der Freude sich auflöste
Ein Satz von ungespielter Drohung
Da unten und da drüben
weder roh noch verarbeitet
ein Jordan eine Saane ein Rhein
nasses Kartonschild und krustige Grenze
ausgeleckte Stimmung und salzige Zukunft
Im Grunde von Hass
Mit einem Räuspern daran kratzen
Mit einem ungeschönten Kinderzeichnungswillen anstehen
An der harten Grenze und einfahren
In den Tunnelblick
Den Kreis eckiger machen
Das Alphabet wieder zu Geissen und Hirtenstäben
Stummfilm-Kufiyya
Im Grunde von Hass
Dort unten und dort drinnen
Ungetönt und mit gespickter Zunge
Noch nicht ganz hohler Zahn der Zeit noch nicht ganz abgewetzt und auch nicht
Scherbengericht und artengerecht angestimmte Reinigung
Nicht ganz schwarz und nicht ganz weiss
Weder gezeichnet noch belassen
Nicht unbedroht noch sicher
Der Wolf und das Schaf
Der Löwe und das Rind
Aber noch undeutlich zu erkennen
Im Grunde von Hass.

Guddo bai

Die Bahnen über dir schlagen um
Haben um dich genommen eine Bahre
Die Ware in dem ungeklungenen Lauf
Weit weg im Wort
Ganz nah im Dort
Und was ragen kann
Wird tragen in Sütterlin zum Bord
Das verwaist verwest
Mite einem ungelaufenen Laut am Tamagawajosui
Einem bahnentbrochenen Laut
Vermutlich Englisch
Aus der Stirn genommen von den Fluten
Mit kalten Füssen tragen
Was umgeschlagen die Truhen bewahren
Und fernstes Ziehen zerrt am nächsten Zahnen
Als risse der Himmel an seinen Spuren
Über dir fuhren die Bahnen
Kaum leer noch näher
Weder Vater noch Bruder
Schwünge jenseits der Ursprünge
Halb Zacken halb Strömungskurven
Unverwandt betrachtet
Unverwandt in ihrem Fahren fort
Abzutragen die Distanzen ausgesprochen vom Kreisen um dich
Die Ware mit Schande
Zirkel geschlagen ungetroffen hier oben
Vermutlich die spitze Kurve eines Sterns.

(Bild von Dazai: Von Shigeru Tamura – https://images.wook.pt/getresourcesservlet/GetResource?9MWVLntzzwpNXgzKXB6M9/kjHmoOXOr6DOACXrGglOQ=八雲書店『太宰治全集 第1巻 (晩年)』(1948年刊), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63251385).