Diagnose

Auf Geld warten
Keine Ausreden: das ist
Was du kannst: nichts anderes
Kannst du besser
Es ist dir sehr angemessen
Eingewachsen ist dir das Schreiben
Wie das Miom in Mutters Gebärmutter
Das darin über Jahre wuchs
Gross wie eine geballte Faust
Und bei einer Kontrolle plötzlich fehlte
Abgebaut vom Wohlergehen

Keine Ausreden: irreversibel ist das
Ein Makel der Haltung
Falsche Prioritäten und gute Vorsätze
Dazu stehen ist nicht so leicht wie sagen
Ich schreibe
Heisst zugeben
Nicht dazugehören zu können
Nicht dazugehören zu wissen

Denn in meinem Heide-Herz wohnt
Pharao nicht
Keine Schlangen-Stele thront über der Weide
Und die Klumpen der Scham stehen nicht im Weg
Den Währungs-Strömen
Die meine Vorstellungskraft im Tulpen-Gelände meiner Nieren verlaufen lässt
Und die Thrombosenfäuste
Die auf die Stille meiner Schläfe eintrommeln
Lassen mich nicht zu Rhythmen tanzen
Die den Rubel rollen machen

Keine Fluchten mehr: ich kann nicht mit Geld umgehen
Warte immer auf Geld
Lasse mich einladen
Schamröte ist meine Kriegsbemalung
Die ich für euch trage
Die ihr Sicherheit findet im Geld haben
Die ihr Zukunft baut auf Vorsorge
Häuser für die eigene Ewigkeit
«Innendekoration allein hat 30’000 gekostet
Weil wir die Kacheln aus Portugal kommen liessen»

Ich höre das pfefferminzfrische Trippeln der Mäuse…
Ich höre die Kosten der Seitensprünge…
Ich höre die kreischenden Bremsen des Lastwagens
Der euren Sohn erfasst und in die Kuhweide hinausschleudert…
Ich höre die Versprechen eures Gebetes…

Den Rand um-armen

Damals wurde ich Vater. Es war eine Zeit der immer wieder drohenden und dann auch eintretenden materiellen Not, was ich gleichzeitig als befreiend erinnere.

Ich kam aus der Sicherheit, in der du für die Sorgen lebst. Die Sicherheit ist das Wichtigste; nicht nur ein Auskommen haben, auf ein Auskommen zählen, mit ihm rechnen können. Wer rechnet, vertraut nicht. Wer rechnet, sorgt sich. So lebten meine Eltern, in der Sicherheit in Sorge; aus Sicherheit in Sorge. Genug haben heisst zu wenig haben. Eine Haltung von Armen, die aufstiegen, aufgestiegen waren. Wer aufsteigt, kann jederzeit ins Rutschen und Fallen kommen.

Ich hatte kein Gefühl dafür – weder für die Sicherheit noch für das Sorgen. (Habe es auch heute nicht.) Ich war noch nicht dreissig. Die schwangere Frau an meiner Seite sorgte sich und suchte Sicherheit, würde Sicherheit und Sorgen einfordern. Im Ausland war mir die Enge und Beschränktheit meines Landes deutlich geworden. Das geht alle Schweizern so. Kurz, ich wusste mich befreit davon, in meiner Jugend von einem Gefühl der Ungefährdetheit getragen. Ich war unzuverlässig in hohem Grade. Bald würde ich mich verpflichten müssen, würde ich verpflichtet sein. Nicht daraus kam meine Unzuverlässigkeit – sie kam aus der Behütetheit, sie kam aus der Geschütztheit meiner Kindheit. Und aus meiner Jugend: weder konnte ich mir ein Ende meines Lebens (meiner Zeit) noch ein Scheitern desselben vorstellen.

In dieser Situation (fünfter oder sechster Monat) lernte ich Oe Kenzaburos „Eine persönliche Erfahrung“ kennen. Ich werde diese Lektüre-Erfahrung niemals vergessen. Sie hat meine Welt noch weiter aufgerissen, mein Wissen um die Breite menschlicher Schicksale durchlässiger und mich selbst auf das Scheitern, auf das Eingeständnis meiner Schwächen vorbereitet. Und sie hat mein Mannsein auf Schwäche und Feigheit geöffnet, auf den anderen, schwachen, gar zutiefst bodenlosen Mann hin eröffnet, der ich im Begriff war, sein zu wollen und zu werden.

Auf dem Weg zum Vatersein, das immer unerwartet kommt, verband ich mich empathisch und mit Abscheu mit diesem Bird, dessen Kind mit einer Gehirnhernie geboren wird, der sich einen Roman lang abmüht, dieses „pflanzliche Geschöpf“ loszuwerden, der sich aus der Verantwortung zu stehlen versucht, an einem unrealistischen Traum von einer grossen Afrika-Reise festhält. Ein Mann auf der Flucht, auch wenn ich nicht einen Moment an Flucht dachte. Ein Mann, der sich von seine menschlichen Verantwortung zu drücken versuchte, verstärkte mein Verantwortungsgefühl. (Denn Unzuverlässigkeit oder Verträumtheit hat nichts mit Verantwortungslosigkeit oder Verantwortungsvergessenheit zu tun, sondern mit Sorglosigkeit in Sicherheit: ständige (Selbst-) Vergewisserung ist nicht nötig.)

Ich war bereit, ein Vater nicht wie mein Vater zu sein, der nur für Sicherheit sorgte, versorgte – ein Mensch für einen Menschen: keine Rolle oder Haltung, ich selber in allen meinen Ausfaltungen. Hier sein, unverstellt, ausgestellt, ein ganz und gar persönliches Angebot.

Es gibt nicht viele solche Momente, in dem dir etwas geschenkt wird, das dir zugehören wird, dir schon zugehört: ein Geschenk, das das Geschenkte in dir eröffnet. Oe Kenzaburo verdanke ich einen solchen Moment. In mancher Hinsicht kam er zu früh, ich wusste noch nicht, wer ich sein kann und würde, unfertige Persönlichkeit. In mancher Hinsicht kam er gerade rechtzeitig, ich begriff meine Aufgabe und würde meine Gabe – von der Bird nicht einmal einen Begriff hatte – in meinem Leben nicht loslassen, in das Leben meiner Kinder hineintragen. Meine Kinder würden mich als jene Person kennenlernen, die ich sein würde.

Ich habe in meinem Leben zweimal eine Wette auf mein Schreiben abgeschlossen. In diesen Monaten vor der Geburt meines ersten Kindes setzte ich mich in jeder freien Minute hin und begann einen ersten Roman zu schreiben, „Die Heizung“. Ich wollte wissen, ob ich das könne: einfach sitzen und eine Welt schreibend erkunden, erstehen lassen. Sehr schnell merkte ich, ich konnte es, ich konnte es so sehr, dass ich nur noch das tun sollte. Aber weil das Kind bald geboren werden würde, brach ich das Projekt ab, liess die Geschichte aber nie aus der Faust meiner Vorstellungskraft fallen. Ich musste versorgen, Sicherheit erarbeiten; ich nahm die Aufgabe an. Es war zu spät zum Träumen. (Auch Bird findet sich am Ende mit der Realität ab.)

(Die andere Wette war einige Jahre später, ich arbeitete an meinem ersten Gedichtzyklus, in einem Rustico im Valle Maggia: ich wollte wissen, ob ich die Kraft besässe, Gedichte ohne äusseren Anlass, aber aus innerem Trieb und Willen „aus dem Nichts“ zu schöpfen. Auch hier eine Art Weltenbau. Auch damals hielt ich meine Träume für Träume – und nicht für die inneren Notwendigkeiten, als die ich sie doch erkannt hatte. Sicherheit und Sorge sind Traumkiller.)

Wenn ich also an Oe Kenzaburo denke, dann denke ich liebevoll an das Leben, das danach begann. Und heute noch andauert. Ich las andere Romane und Geschichten von Oe, las seine Nobelpreisrede. Darin erklärt er sein literarisches Selbstverständnis als das eines von der geografischen und kulturellen Peripherie herkommenden Autors, war er doch auf Shikoku aufgewachsen. Auch diese Rede leuchtete mir sofort ein: Ich war der erste Studierte in meiner Familie, im Gymnasium von Anwalts-, Unternehmens- und Arztkindern umgeben, die in ihren Häusern auf der Sonnenseite des kapitalistischen Wahnbildes residierten, wir waren in einer Mietwohnung zuhause, mein Vater stieg später sogar zum Prokuristen auf, und in der Universität Freiburg i. Ue. lernte ich, dass ich als „katholischer Junge vom Land“ genau die Universität gewählt hatte, die meinesgleichen besucht.

Erst viel später erfuhr ich selbst, was Oe vielleicht eher gemeint hatte: den Blick vom Rand aus auf die Gesellschaft, die Sicherheit und Vorsorge zu heften – und in dieser Abgelegenheit von den Träumen und Sehnsüchten der herrschenden Systeme ein Geschenk, vielleicht sogar eine bewusste Wahl zu sehen, mehr als ein Glück.

All das hängt für mich mit Oe Kenzaburo zusammen: verdanke ich ihm fast persönlich. In diesem Februar und März habe ich „Eine persönliche Erfahrung“ also wieder gelesen, habe all das erkannt – und herausgefunden, dass einer meiner geistigen Väter und Wegbegleiter, Wegbereiter im letzten Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Immer in Gedanken daran, dass Oe für seinen Sohn Hikari geschrieben hat, nicht für sich. Mich hat diese verspätete Nachricht erschüttert, weil ich keine Berichte davon gehört oder gelesen hatte.

„Life comes full circle“, könnte man diese Gedanken zusammenfassen. Je öfter ich über solche Momente in meinem Leben nachdenke, umso mehr wird mir deutlich, wie sehr das Leben ein Zusammenfliessen, ein Zusammenkommen ist: Nicht nur ist in der Kindheit und Jugend alles schon in dir „angelegt“, verwurzelt, keimbereit, im Rückblick leicht zu identifizieren, mehr noch ist diese Anlage, dieser Wurzelstock deine Aufgabe, dein Auftrag im Leben – und Gottseidank gibt es diese Momente – und die Momente der Retrospektive -, in denen du dies realisierst. Die Komplexität dieser Realisation kann jedoch kaum ausgedrückt werden, denn sie ist im Fluss, bewegt sich noch, dauert noch an.

Aber genug davon. Ich möchte hier einfach einen Gruss in die Nachwelt schicken: Danke, Oe-san, von ganzem Herzen danke ich Ihnen. Ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Dankbarkeit. Sie leben weiter.


(Fotografie von Thesupermat – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19577900.)

Von keinerlei Bedeutung

Es gab keine Auswege. Das war das Gute. Es gab dieses Drehen im Kreis. Von der Stube, die zur Strassenseite lag, nach hinten in das Schlafzimmer, die zum Wald lag. Das Drehen war eine Schlaufe, die mit der Zeit Ecken bekommen hatte. Es war angenehm, den Richtungswechsel als 90 Grad-Winkel zu vollziehen. Die Kontrolle in dieser Bewegung fühlte sich an, als beherrschte er noch etwas. Zur Strassenseite waren die Rollläden heruntergelassen, dort war das Gehen wie Waten durch salziges Dämmerlicht. Der Kopf war oben im Dunkeln, die nackten Füsse unten im brackigen Schimmer. Zur Waldseite war es heller, mit der Zeit war der Raum von einem verschmierten Grün eingenommen worden. Die Strasse war leer und still, der Wald war näher gerückt. Aus dem Wald kamen Geräusche, die nicht genauer zu bestimmen waren. Die Geräusche hatten ihn lange an etwas erinnert, aber sie hatten sich nicht verändert. Er hatte aufgehört, sich für sie zu interessieren. Inzwischen war es wahrscheinlicher, dass die Geräusche in den Blättern entstanden. Die Blätter des Waldes waren zudringlich geworden. Wenn er vorne in der Stube war, drängten sie herbei und klopften an die geschlossenen Fenster. Wenn er im Schlafzimmer war, konnte er ihren Abstand zum Fenster überprüfen. Er schätzte den Abstand auf etwa 60 Zentimeter. Das war weniger als am Anfang. Aber die Fenster hatten Schmieren oder Schmisse von den Ästen. Die Pause in der Mitte seines Rundgangs war fast ein Ausweg, aber notwendig. Sie gestatte ihm, sich für kurze Zeit an den Stahlrahmen der Küchentür zu lehnen. Sein Kopf im Nacken, seine Schultern und seine Pobacken an den Rahmen gepresst. Der Rahmen war ein wenig kühler als die Luft in der Wohnung. Am Anfang hatte er mit dem Gesicht am Rahmen gestanden, die Stirn klopfend an den Rahmen gepresst. Doch das war ein Ausweg gewesen, das hatte er schnell begriffen. Das war gegen das Vergessen. Aus der Küche kamen die Gerüche. Sie beruhigten durch ihre zunehmende Stärke, bewiesen das Vergehen der Zeit. Sie waren lebendig. Neben der Küche lag die Toilette. Dort lief in dünnem Strahl das Wasser. Es kam lauwarm aus der Leitung. Hin und wieder war es nur ein Tröpfeln, laut wie das Pochen an einer Türe. Das Trinken daraus war notwendig in dieser Hitze. Wenn er dachte, war er erstaunt, dass das Wasser immer noch herauskam. Wenn er dachte, war manches erstaunlich. Nur schon das Denken war erstaunlich. Doch sein Gang setzte sich bald fort. Als er begonnen hatte, war das Urinieren ein Ausweg gewesen. Mit der Zeit aber hatte er sich daran gewöhnt, fast im Vorübergehen in die offene Schüssel zu spritzen. Er trug nur noch Socken. Er blieb nur noch an drei Stellen stehen. Die erste war die Küchentüre, den rechten Fuss im Flur und den linken Fuss jenseits der Schwelle im harschen Geruch der Küche. Die zweite Stelle war das Fenster zum Wald. Er hatte darauf zu achten begonnen, dass er nicht im gleichen Gang an beiden Stellen stehen blieb. Vom Fenster zum Wald musste er sich losreissen, am Fenster zum Wald war es gefährlich. Es war dort so einsam und belebt, das verbrauchte Grün schmeichelte das Auge so sehr. Die Bewegungen der Büsche und Bäume waren hinter den geschlossenen Fenstern unerklärlich und erschreckend. Wenn er am Fenster zum Wald stand, konnte er sich selbst für Augenblicke abschütteln. Er bekam wieder eine Ahnung dafür, was noch da war ausser seiner selbst: die Vögel, die Blätter, die Eichhörnchen, der seltene Wind. Am Fenster war ihm der eigene Tod am nächsten. Hätte er das Fenster je geöffnet, so wäre er ausgestiegen. Darum riss er sich los vom Fenster, auch wenn es schmerzte. Und er hatte das Näherkommen des Waldes bemerkt, dieses gesichtslose Heranrücken. Bald würde der Wald seinen vollen Bauch an die Scheiben drücken und sie aufsprengen. Er drehte sich mit dem Rücken zum Wald, atmete ein und atmete aus, setzte sich in Bewegung. An der Wohnungstür verlangsamte er seinen Gang. Seine Schritte streichelten den porösen Korkboden vor der Türe, seine Fussballen fühlten die nachgiebigen Unebenheiten. Er verhielt seinen Atem. Sein Gehen wurde zum Aufhorchen. Sein linkes Knie konnte unerwartet nachgeben. Seine Hände stützten sich auf den weichen lauen Boden. Doch hinter der Wohnungstüre waren keine Geräusche, kein Huschen, Husten oder Rascheln. Er wusste, dass niemand da war. Er wusste nicht, ob „ausgezogen“ das richtige Wort dafür war. Doch gab es in seiner Lage keine Möglichkeit, das Verschwinden zu beweisen. Das Verschwinden, das irgendwann eingesetzt hatte. Irgendwann in diesem schrecklichen Sommer. Es konnte sein, dass er mit seiner Schlaufe in der Wohnung die Zeit anhielt. Das konnte sein, dass er die Zeit anzuhalten begonnen hatte. Und das Verschwinden war eine mögliche Folge davon. Ein- oder zweimal am Tag nahm er seinen verbliebenen Mut zusammen, um die Wohnungstür zu öffnen. Nicht zum Lauschen, denn die Türen der Sozialwohnungen waren längst alle aus verzogenem Sperrholz. Zu oft hatte die Miliz in den Wochen vor dem schrecklichen Sommer die Türen eingeschlagen oder aufgestemmt, die Bewohner in den frühen Morgenstunden auf dem Vorplatz zusammengetrieben. Die Verwaltung war sich sehr bald zu schade gewesen, nach solchen Razzien wieder solide Wohnungstüren einzubauen. Nein, die Türen waren kein Schallschutz. Er öffnete die Türe, um zu riechen. Mit einem leichten Säuseln kamen die Gerüche zu ihm hinauf in den dritten Stock. Vielleicht stand unten die Haustüre offen, daher das leise Pfeifen im Treppenhaus. Die Luft stieg kühl und frisch aus den Kellern hinauf. Sie roch nach feuchtem Kies und nach Fussschweiss. Er stellte sich die Schuhe vor den Türen vor. Früher konnte man in den Morgenstunden oder in der Nacht darüber stolpern, wenn das Licht wieder einmal ausgefallen war. Er hatte die Schuhe immer als etwas Lebendiges erklärt, schlafende Verkörperungen. Die Luft roch nach ausgekühlten Suppen, auf denen sich ein flauschiger Schimmelteppich gebildet hatte. Die Luft trug den Duft von Tierurin zu ihm herauf, Revierspuren eines Fuchses, den er nachts schon durch die Eingangshalle und über den ersten Treppenabsatz streichen gehört hatte. Und bei offener Türe konnte er auch das singende Flattern der Tauben deutlich hören, die sich im Treppenhaus eingenistet hatten. Ihr Gurren begleitete bei geschlossener Türe seinen Gang durch die Wohnung. Der Fliesenboden des Treppenhauses war empfindlich kalt. Das war ein angenehmes Gefühl. Er war wie ein Tier, das kurz aus seinem Bau schaut. Dann schloss er die Türe wieder, setzte seinen Gang fort. In der Stube fiel ihn das Gefühl von Verlassenheit an. Der Raum war der grösste der Wohnung, der leerste. Rechts drückte sich das kleine Büchergestell mit den zwei vollen Regalen an die Wand. Auf dem Büchergestell war das Foto einer jungen Frau in einem Rahmen. Sie hatte rotes, lockiges Haar. Ihr Lachen auf der Fotografie war schüchtern. Es war ein abwartendes Lachen. Doch die junge Frau war der Kamera ganz offen zugewandt. Die Fotografie war leicht verrückt, die junge Frau lachte die Ecke an. In der Mitte der Stube lag ein verblichener runder Teppich mit konzentrischen Farbkreisen. Wie seine Socken war auch der Teppich von einem Flaum von Katzenhaar überzogen. Die Katze war zuerst weg gewesen. Jedes vierte oder fünfte Mal auf seinem Rundgang blieb er beim Fenster in der Stube stehen. Hier war es am Lautesten. Im Kasten des Rollladens wohnten die Spatzen. Weder kümmerte sie die Leere des Platzes unter ihrem Nest noch die dröhnende Stille des Mittags. Er stand reglos in der linken Ecke und lauschte auf die Geräusche der Vögel. Das Einfliegen führte zu einem Keifen und Wettern, das die Rollladen erzittern liess. Das Ausfliegen hatte einen sirrenden Ton, richtete die Härchen auf seinen Armen auf. Für Sekunden war das Rascheln nur noch das von kleinen, aufgeregten Leibern. In diesen Momenten in der linken Ecke beim Fenster konnte er plötzlich wegnicken. Sein Kopf sank auf seine nasse Brust, die Lider flatterten. Er spürte, wie seine Augäpfel in ihrer Schale verzweifelt nach dem Schlaf suchten. Sie drehten sich rastlos hin und her, spatzenhaft. Für einen oder zwei Augenblicke sank er in ein staubiges, raues Gefieder hinunter. Lange Arme zogen ihn immer tiefer in die Federwelt hinunter. Dann flog wieder ein Spatz ein, oder zwei zugleich. Er öffnete die kaum geschlossenen Augen und wandte sich dem Raum zu. Er bemerkte wieder die flaumigen Federn auf dem Rand des runden Teppichs. Es wäre ein Ausweg gewesen, sich nach ihnen zu bücken. Es war ihm nicht erklärbar, wie sie auf dem Teppich gelandet waren. Die Fenster waren seit dem Anfang geschlossen gewesen. Ein heftiges Räuspern liess ihn ganz zu sich finden. Schnell wandte er seine Augen von den konzentrischen Kreisen des Teppichs ab. Dort drin hatten sie sich schon manches Mal verloren, zwei Steine mit ihren Ringen. Wie der Schatten eines Wasserbüffels wuchs das Sofa aus der Wand, ein schwarzes Hindernis. Im Mittag stieg ein gieriger, heisser Stallgeruch von ihm auf. Sein Leder aber war geschmeidig und seidig wie das Fell eines kleinen Nagers. Sonnenstaub tanzte in den vier Streifen Licht über dem breiten Rücken. Die Sofahaut zuckte gelegentlich, wenn die Gedanken in der Tagesruhe Mut gefasst hatten und zudringlich wurden. Dann waren die mächtigen Muskeln unter dem Leder eine grosse Warnung. Darum brauchte er alle seine Aufmerksamkeit, wenn er an dem Möbel vorbeikam. Er durfte ihm nicht unterliegen. Auf den Fussballen tappte er an dem Körper vorbei. Wenn er an der Küchentür angekommen war, gelang ihm hin und wieder ein Blick zurück. Eine Art bittendes Lächeln verzog seine Züge. Er dachte vielleicht an ein aufgeschobenes Geständnis, an eine uneingestandene Ausrede. Unmöglich war es, von Gedanken zu sprechen. Unwahrscheinlich war es, an ein Leben zu denken. Es gab weder einen Ausgang noch einen Ausweg. Vorsichtig und angespannt wandte er sich dem Wald zu. Später, später würde er sich vom übermächtigen Schatten überwältigen lassen.


(Bild von Валентин Киселев auf Pixabay.)

Anfangen

Während mein Kind auf dem Pfad vor mir hergeht, sich unter Zweigen hindurchduckt oder sie beiseite schiebt, dass sie mir ins Gesicht peitschen, – wenn es sich umdreht, weil ich rufe, sehe ich den kindlichen Eifer und Ernst in seinem Gesicht und lächle ihm zu, bemüht, meinen Zügen Stolz und Ehrfurcht zu nehmen, – im Boden die saugenden Geräusche unserer Schuhe, kein Vogel, der Nieselregen langt nicht bis hinunter ins Dickicht, denke ich ans Anfangen, ans Weiterführen. Immer wieder setzt man neu an, spitzt die Lippen, schärft die Feder, und läuft ins Leere, als wäre man blind, wie in einem Märchen vom eigenen Weg abkommend, findet man im Unterholz unzählige fremdländische, weil unbekannte Blüten, die einem den Weg nehmen, wie jetzt meine Tochter vorne sich über eine Weinbergschnecke beugt, die auf einem Stein mitten im Schlamm sitzt, ich will weiter, doch sie will „noch ein wenig schauen“, hingekauert, in ihrer roten Regenjacke, obwohl die Schnecke sich nicht bewegt, ich erzähle ihr vom aus dem Meer geretteten Marienkäfer mit den neun Punkten, wie ich ihn im schon kühlen Abend auf meiner Hand getragen, er breitete mehrfach die verklebten Flügel aus, um plötzlich, ich stiess einen Schrei des Erstaunens aus, aufzufliegen, in einem taumelnden Flug, doch kam er nicht weit, eine tief fliegende Schwalbe schnappte nach ihm, keine zwei Meter über dem Asphalt des Weges, mein Kind und ich lieben solche Geschichten fast mehr als alle Prinzessinnenbefreiungen, endlich sind ihm die Windungen des Schneckenhauses verleidet, wir beginnen wieder mit dem Aufstieg, so scheint mir, vom Kauern schmerzen mir die Knie, das Anfangen, führe ich meinen Gedankengang fort, diesmal geht das Mädchen direkt vor mir, ich helfe ihr, da der Weg noch rutschiger wird, ist immer von einer erschreckenden Leichtigkeit, den ersten Schritten ins Feld hinaus, in einen herbstlichen Wald hinein zu vergleichen, bald erfasst einen die Sprache und führt einen sicher (wie man glaubt) auf schwierigem Pfade (ebenfalls ein vermutlich irriger Glaube) durch das Geröll und Geschiebe des eigenen unformulierbaren Wesens und Denkens, Sofia freut sich schon auf die Schokolade in der Hochmatt, doch unverhofft stellt man fest, dass der Weg sich verengt oder sich verliert, nur noch dichtestes Dickicht, man wendet sich um und kommt auf seinen eigenen Schritten zurück, und ich gestehe mir die Schönheit dieses Umkehrens, dieses Zurückkommens ein, wir gehen jetzt auf einem gelbkiesigen, breiten Weg, hoch oben breiten die Buchen ihre ausgedünnten Arme aus, ich liebe diesen weiten Wald, der mich immer an eine Halle in einem Tempel denken lässt, und hier ist das Licht unverhofft fast grell, trotz des trüben Tages jenseits des Walds, entspricht dem gelblichen Ton des Wegs, Sofia erzählt von der Entstehung des Regenbogens, wo er anfängt, wo er endet, was sehr wichtig zu wissen sei, wie sie mir erklärt. Wenn man einmal anfangen könnte, denke ich mir, diesen Anfang fortzuführen und zu lenken fähig wäre! Selbst unsere eigenen Gedanken entfliehen uns, mehr noch als die Wörter, die sich in Metaphern verderben, und schon sind wir bei den Eseln, die Sofia mit ihren heftigen Bewegungen und ihrem Rufen erschreckt, sie trotten wieder weg, enttäuscht in ihrer Neugierde. Einmal stehen wie diese Tiere hier, im Regen, auf drei Beinen, das linke Hinterhuf nur mit der Spitze im Schlamm, die Ohren, den Schwanz bewegen nur wenn nötig, sage ich zu meinem Mädchen, in der Menschenleere, denke ich mir dazu, das jetzt aber den Weg erkannt hat und losstürmt, ich folge ihr mit pendelnden Armen, gerne wäre ich noch ein wenig bei den Eseln gestanden. Die österreichische Serviertochter schäkert bereits mit Sofia, ich hänge unsere nassen Jacken an die Heizung… Einmal anfangen und dort enden, wo das Ende liegt…

(Biel, 28.09.2007)


(Bild von Ralph auf Pixabay.)

Im Schatten des Turms

Dem entgegenzukommen, was einer am nächsten war. Das war gerade hier im Gebiet wichtig. Die Wirklichkeit nicht so anzunehmen, wie sie sich darstellte. Das Wirkliche dem Bedürfnis anzugleichen. Sie wusste es schon. Doch schien es nur in den Pausen möglich, wenn sie sich von der Aufsicht entfernen durfte. Wie jetzt, auf ihrem Weg den Stalden hinunter, wenn sie den Fluss fast schon riechen konnte. Sie wusste, dass auch die Menschen ausserhalb des Gebiets mit diesem Aber lebten, leben mussten. Doch immer war ihr das eigene Aber wichtiger gewesen. Fliessender Fluss, freier Himmel, zerstörte Grundfesten. So hatte es Regine gestern formuliert, als sie nach dem Abendessen auf der Schaukel gewippt hatten. Die Schaukel war das einzige, was vom Spielplatz noch brauchbar war, der zwischen den von der Explosion ausgeblasenen, skelettierten Wohntürmen lag. Dornen und Farne, Birken und Hasel. Regine und sie, Anna, hielten sich abends oft dort auf, fern der Männer. Manchmal gab es etwas zu bereden, manchmal nicht. Gestern hatte es etwas zu reden gegeben. Anna blieb einen Augenblick stehen, bevor sie die Gleise überquerte. Es war so schwer, sich etwas wie Züge vorzustellen, die auf Schienensträngen weite Strecken zurücklegten. Eine weite Strecke, das war jetzt dieser Weg, den sie ging. An den Fluss. Sie konnte sich an Züge erinnern, so alt war sie schon. An diesen Luftstoss, den sie vor sich hertrieben, wenn sie in die Station einfuhren, wie eine Herde verkohlter Schafe. Die Luft hatte dann immer ein wenig fremder, ein wenig herrlicher gerochen, nach Wiese vielleicht oder nach dem Regen vor einer Stunde, durch die der Zug gefahren war. Und der Geruch der Bremsen, diese verbrannte scharfe Luft. Das Seufzen der Türen, das Knattern der Ansagen, das Trappeln der Schritte, die Rufe der Begrüssung. Darum konnte sie nicht anders als Stehenbleiben. Vielleicht dachte sie auch an ihren Vater, auch wenn sie das verlernt zu haben glaubte. Sie war jetzt schon darüber hinaus, schritt durch den Wald aus Weiden und Eschen, der im Unterdorf gewachsen war. Sogar in den abgedeckten Häusern, zwischen den verbogenen, geschmolzenen Gestängen, die aus dem gewürfelten Beton ragten, wuchsen die Pflanzen, krallten sich in die leblose Materie. Jedes Mal, wenn sie durch das Unterdorf ging, fragte sie sich, warum hier noch nicht gehäutet worden war. Regine meinte, es sei zu nah an den Reaktoren dran, aber Anna wusste, dass die Reaktoren inzwischen nur noch ein leises Glühen ihrer Selbst waren. Darüber stritten sie sich regelmässig, rechneten an Halbwertszeiten herum, bedachten die Windrichtung, erörterten genetische Zerfallsprozesse und natürlich den Sinn und Unsinn des Häutens selbst. Regine wusste mehr, hatte aber keine Vorstellungskraft. Die hatte Anna, bis zur Selbstauflösung. Gestern hatten sie über die Kinder gesprochen. Zuerst hatten sie über das Sterben der Kinder gesprochen. Regine hatte Anna vorgeworfen, dass sie ihre Beförderung genutzt habe, um nicht mehr mit dem Leben der Kinder in Berührung zu kommen. Denn das Leben der Kinder sei ein Sterben der Kinder, und Anna wolle das nicht sehen. Und sehen wollen hiesse doch verhindern wollen. Wo denn ihre berühmte Vorstellungskraft bliebe. Dieser Angriff war für sie unerwartet gekommen. Regine hatte von einem Mädchen erzählt, das am Morgen gestorben war. Sie hatte ihren Blick nicht abgewandt, nicht wie die andern Kinder, nicht wie die Wächter. Es müsse etwas zu tun sein. Es müsse, es müsse doch. Anna kannte diese Klage, diese Anklage. Gestern hatte sie zugegeben, zum ersten Mal, dass sie darum an die Schifflände hatte versetzt werden wollen. Sie hatte zugegeben, dass sie die Beförderung angenommen hatte, um nicht mehr hinsehen zu müssen. „Du wolltest einfach wegsehen,“ hatte Regine gesagt, „du wolltest nicht mehr zusehen müssen.“ Da war die Anklage persönlich geworden, unerwartet stand sie als Vorwurf in der Stille zwischen den Trümmern. Im Gehen schüttelte Anna den Kopf. Es nutzte nichts, auch sie würden bald sterben. Sie hatte gestern weder Kraft noch Worte gehabt, um das zu sagen. Das Eingeständnis war für sie zum Eingeständnis vor sich selbst geworden. Das hatte sie müde gemacht, sie war mitten im Gespräch erschlafft. Regine hatte dann nichts mehr gesagt. Hatte gemerkt, dass sie nicht an Anna, sondern an sich selbst gedacht hatte. Regine hatte ihr die Hand gereicht, und zusammen waren sie in den Bunker zurückgegangen. Anna tränenüberströmt, Regine mit dünnen, gepressten Lippen. Jetzt ging sie an der römischen Mauer entlang. Die römische Mauer war das Schönste im ganzen Dorf. Auch wenn sie nicht mehr hoch aufragte, bewunderte Anna jedes Mal die Sorgfalt und Genauigkeit, mit der die Steine aufeinander geschichtet worden waren. Sie liess ihren Blick einige Zeit auf den Steinen ruhen. Das beruhigte sie wieder. Sie betrachtete die Stelle, wo eine junge Esche am Fuss der Mauer Halt gefunden hatte. Auch die Esche trieb feine Knospen aus. Doch die Knospen rochen nicht, als sich Anna über sie beugte. Sie waren fast geruchlos, vielleicht gab es da eine Spur von Honig oder Zuckerwasser. Sie nickte im Weitergehen. Es brachte nichts, an die Menschen zu denken. Davon war sie überzeugt, die Menschen waren nicht wichtig. Die Menschen waren nicht mehr wichtig. Es war etwas im Kommen. Es war etwas am Kommen. Das würde die Menschen an den Rand schieben, kippen lassen über den Rand. Sie brauchte eine Weile, bis sie am Fluss zu jener Stelle fand, wo sie vor den Blicken der Schiffer geschützt war und bequem sitzen oder liegen konnte. Der Fluss war jetzt frei, er arbeitete unermüdlich am Ufer, unterhöhlte an einer Stelle und schwemmte an der anderen Stelle an. Sie stellte sich den Fluss als eine raspelnde Schnecke vor, die ihren Weg durch das verdorbene Land frass. Überall brach das Ufer ein, lehnten sich mächtige Weiden zu weit vor, kippten hinein. Der Weg am Ufer war schwierig. Auch heute holte sie sich nasse Füsse. Aber sie hatte Glück, der Fluss hatte den ausgehöhlten Stamm noch nicht untergraben und fortgetragen, den sie letzte Woche entdeckt hatte. Er lag jetzt jedoch sehr nah am Wasser. Ein Haselbusch mit seinen grauen, rötlichen Kätzchen bedeckte ihn fast ganz. Sie legte sich hinein und wurde als Begrüssung vom Hasel eingestäubt. Sie konnte die Hand ausstrecken und das Wasser berühren, das neben ihr floss. Die Mulde im Baum war tief genug, um sie ganz aufzunehmen. Darin zu liegen war köstlich. Lange schloss sie die Augen. Das Holz war glatt und weich, roch leise nach feuchten Lebewesen aus der Erde, salzig und faul. Das Wasser machte dieses flüsternde, schmatzende Geräusch. Ihre linke Hand liebkoste den haarig rauen Rand des Baums, den ein Blitz so verletzt haben mochte. Sie liess ihrer Hand die Zeit, um den Pilz zu finden. Es waren zwei grosse Lappen, die eine Handbreit neben dem Höhlung im Baum wuchsen. Sie bemerkte, dass sie heute den Arm ein wenig abwinkeln musste, um den Pilz zu berühren. Sie war das erste Mal ein wenig erschrocken, als ihre Hand plötzlich den Pilz gefühlt hatte. Die beiden Lappen lebten in einem Zustand zwischen hart und weich, zwischen fliessend und gelähmt. Sie wusste nicht einmal ihre Farbe, weil sie dem Fluss immer mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihrer näheren Umgebung. Sie schätzte, dass er einen grünen Hut hatte, dessen Wachstumsringe gegen den Stamm hin gräulich wurden. Den oberen Lappen konnte sie mit ihrer Hand ganz erfassen, mit den Fingerspitzen in die leicht schmierigen Rillen hineinlangen. Sie konnte spüren, wie der Pilz an den Fingerspitzen saugen wollte. Wie in einem Spiel mit dem lebenden Stoff hob sie ihre Fingerspitzen wieder heraus, um sie dann wieder in die kühlen Rinnen zu senken, die sich langsam an ihre trockene, raue Haut schmiegte. Die Kruste des Pilzes fühlte sich hart, aber nachgiebig an, wie Schwielen. Ihr Blick folgte den tiefen Nebelschwaden des Morgens. Weiter stromabwärts hörte sie das Prusten einer Maschine. Bald würde das Schiff an der Anlegestelle sein, Rufe erklingen und Befehle. So konnte es sein. Eine Handbreit Freiheit im Gehirn, eine Hand an einem lebenden Stoff, das konnte so lange dauern wie es mochte, nie war es genug. Die würden sie wieder suchen, und Stäger… Sie schloss krampfhaft die Augen, aber das Bild vom Mann war schon in sie eingedrungen, umschlang wie eine Schleimspur ihre Angst, presste sie in Erregung. Die Punkte auf ihrer Netzhaut tanzten verwirrt und richtungslos wie Mücken. Die Angst sang sirrend. „Du bist die einzige hier unten, Schweighöfer, die lesen kann. Wenn du fehlst, hältst du den Betrieb auf,“ hatte er das letzte Mal gesagt. Seine Stimme löste in ihr eine flirrende Übelkeit aus, selbst wenn sie nicht in die Höhe stieg vor Eifer. Wenn er aufgebracht war, ging die Stimme in ein unsicher schwankendes Piepsen über, ihr brach darüber fast der kalte Schweiss aus. „Du bist die einzige hier unten,“ sagte sie laut in die feuchte, leise webende Luft. Dem Wirklichen nicht entgegenkommen, dachte sie. Sie hob ihre Hände vor das Gesicht, spürte das Gewellte und Gerissene an ihrem Rücken. Die Finger ihrer linken Hand waren feucht und bläulich, die Finger der rechten Hand waren leicht gerötet vom Krallen ins Holz. Was einer am nächsten war, führte sie den Gedanken fort, das kam ihr auch zuvor. Regine verstand das nicht, nicht einmal Regine. Darum war sie doch hier, in diesem Baum: das Nächste, das waren diese fast leblosen Gesellen, diese wachsenden Zellen. Ein Zischen und Räuspern in dem, was nicht leben konnte, aber leben hatte. Es machte ihr Angst, es machte ihr Freude, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung. Ein Ziehen und Wollen in dem, was ihr entgegenkam. War immer schon da, ungebraucht und unwirklich. Nicht einmal Regine verstand es. Drüben hatte das Rufen und Stampfen begonnen. Sie hatte den Kahn nicht an sich vorbeifahren gehört. Sie schlug sich alles andere aus dem Kopf, Knöchel an der Stirne. Bevor sie ging, klopfte sie auch auf die beiden Pilzhüte. Sie waren wirklich grün und grau. Der Klang war gar nicht anders als jener von ihrer Stirn. Langsam schneller werdend, verschwand sie in den Uferbüschen.


(Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.)

Die Bucht in der Mauer

Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.


(Bild von Aurimas Kaminskas auf Pixabay.)

Zufall (All die Milchmädchen)


In einer so schwierigen Zeit
Gewohnheit ist ein Fremdwort und Sicherheit
Mitten in der Kutschenfahrt durch das märzgetriebene Erdland
Am Anfang von einer manischen Aufgabe an Teichen und Stubenfenstern
Unmöglich den Nadelstichen auszuweichen
Die teuer bezahlten abgeworfenen Stachel zu zählen
Das vom Sitzen seidige Leder nach dem langen Sitzen noch auf der Zunge wie ein Wort der Begrüssung
Abwechslung ist ein Stein mit seinen Ringen
Zerstreuung ist ein Pestwurz im Schatten der Holzstösse
Auf langen leicht abschüssigen an Nebelbänken liegenden Pfaden
Längst unerreichbar die Kraft für einen Field Holler
Unvorstellbar die Entfaltung einer Zuneigung zu einem Wesen
Das nachdenken kann und fühlen
Die zirpende Kunst des Findens verloren im ratternden Rasen eines Unterwegs
Das einer anderen Generation gewohnt war und ihr Sicherheit versprach
In diesem stossenden und stockenden Vorwärts
Vorsicht übend mit allen Gelenken auf einmal
Im kurzen Aufsetzen kaum Anstellen gar nicht Abrollen
Vorsicht übend mit einem Ziel
Das wie der Schwanz einer Katze zuckend schweift
Auf diesem so schwierigen Weg mit der Schmiere von vorgelebten Gefühlen und von vorgehaltenen Verfassungen in
den Augen
Mit der Erinnerung von Metallporen an den Wangen
Von Nieten im Rücken
Derart weit vorgerückt
Dass andere Sicherheiten zugunsten von Gewohnheiten aufgegeben werden mussten
Derart aufgeklärt
Dass in ihrem Licht Teufel zu Maschinen wurden
Ungeliebte Konfektionsspiegel
In denen zusammenfallen die gewölbten und die eingefallenen Busenfreundinnen
Die sich die Hände reichen über die taumelnden Tatsachen ihrer eigenen Person hinweg
Ein Aufschreien aus Sperrgebieten
Rufe von Tentakelbewehrten
Tief aus dem rumpelnden Prärie-Abgrund des Meeres
Erstmals ausgesprochene Fiktionen
Grün und kupferklingend von der Zunge eines Liebenden
Und im nicht mehr vom Spätlicht zu unterscheidenden Frühlicht
Ein wenig von dem ungelebten Leben belebt von dem Abschein auf den Wangen eines Milchmädchens
Ein wenig von den ungelebten Gefühlen erregt von den Schlangen der drei Bäume am Horizont
Drei sicher verankerte Zeichen für im Bauch der Kutschengesellschaft schlafende Vorstellungen
Zwei Fremdwörter
Dem aufklarenden Tag
Der aufhebenden Nacht hingehalten ohne Gedanken
Und ohne Erwartungen
Konvektionskörper für das Erstaunen
Karamellfarbene Blaupausen
In die Vektoren getrieben sind vom rasenden Rattern
Verlorene Aufgaben und nicht wiedergewonnene Eigenschaften
Künftige Vorsichten und vergangene Einsichten
Grün und kupferklingend von der Zunge eines Liebenden
Und im nicht mehr vom Spätlicht zu unterscheidenden Frühlicht
Ein wenig von dem ungelebten Leben belebt von dem Abschein auf den Wangen eines Milchmädchens
Ein wenig von den ungelebten Gefühlen erregt von den Schlangen der drei Bäume am Horizont
Drei sicher verankerte Zeichen für im Bauch der Kutschengesellschaft schlafende Vorstellungen
Zwei Fremdwörter
Dem aufklarenden Tag
Der aufhebenden Nacht hingehalten ohne Gedanken
Und ohne Erwartungen
Konvektionskörper für das Erstaunen
Karamellfarbene Blaupausen in einer so schwierigen Zeit
In die Vektoren getrieben sind vom rasenden Rattern
Verlorene Aufgaben und nicht wiedergewonnene Eigenschaften
Künftige Vorsichten und vergangene Einsichten

Ich fragte mich
Ob diese Spazierfahrt nicht eine Fiktion war
Die zu lesen ich mich bequemte
In der fliessenden Zeit
Und höre doch
Das fliehende Kinn in den Fahrtwind gedrückt
Die unter den Füssen zertretenen zuckenden Geschöpfe
Die im Bitumen eingeschlossen maunzen
Um Auslass jammern in den Augen der Markise
In dem Klopfen der Grand-mère
Und die 3 zurückweihenden Eichen mit ihrem Gehörn
Verschwimmen auf der schmierigen Scheibe meines Gedächtnisses
Mit den matten Platten der Milchmädchen

Ein kurzes Aufatmen kaum Luft holen gar nicht Einhalten
Für die Zuneigung gestapelte Ablaufdaten in einer so schwierigen Zeit
Sich selbst rächende Ziele
Langgezogene knirschende Schritte in den Wolken und in Nebel
Astaugen und Bergspitzen erreichend
Gitterstäbe von Toreinfahrten
Zu lange gekautes Spanischmoos
Der Weg wie dünner flüssiger Schleim im Hals
Der Austergeschmack der Enttäuschung
Der silberne Vorhang des Meers
Unter der Garantie der Sonne.


(Bild von Jürgen auf Pixabay.)

Notwendigkeit

Schmerz wellt die Zeit
Bricht Distanzen in Minenkörper
Weckt unselige Lüste
Ermutigt von den Sprenggradienten
(puh die Winkelzüge der Scherenschleifer)
Von den Tatsachenberichten bestickt
In denen nicht das Leid von wenigen aufkommt
Wandernde Walstätten verbaler Wehrlosigkeit
Rollt die Zeit mit Nervenenden wie Windentaue nicht in die Nähe
(wäre es nur Nähe)
Nicht in die Nähe und nicht in die
Von den unseligen Lüsten schiefen
Von minderen Wünschen beeinträchtigten
Behinderten Horizonte
Gespiegelt im Auge des Klippschliefers
Nein: in die peinlichen Punkte der Unaufmerksamkeit
Wo sich unverhofft die Nervenbahnen treffen
Von Mägden
Unerledigt wie Versprechen
Von Knechten
Bar jeder Wolligkeit
Aufkommend in den aufbrechenden Entfernungen
(oh andere Formen von Wissen)
Aus Meinung und Haltung
Mit steifem Glied und anschwellendem Ypsilon
Deren Körper tief in die zuckenden Massen von Zustand und Zudringen wollen
Willige Handreichungen für ungeschorene Grenzbeamte
Wach wachend hinter fischdurchzogenen Sprossenwänden
Hinter Harmoniumsklängen hustend
(puh das Seufzen der Fender Rhodes)
Wollene Kurbelkräfte im Morgengrauen
Unter die Nase gerieben von unseligen Monisten
Wache Wächter an welken leicht abfallenden Gerüsten
Trapper der felinen Fälle hinter Kurvenkräften
Vor den Toren Ninives
(oh andere Formen von Wissen)Aus Meinung und Haltung
Mit steifem Glied und anschwellendem Ypsilon
Deren Körper tief in die zuckenden Massen von Zustand und Zudringen wollen
Willige Handreichungen für ungeschorene Grenzbeamte
Wach wachend hinter fischdurchzogenen Sprossenwänden
Hinter Harmoniumsklängen hustend
(puh das Seufzen der Fender Rhodes)
Wollene Kurbelkräfte im Morgengrauen
Unter die Nase gerieben von unseligen Monisten
Wache Wächter an welken leicht abfallenden Gerüsten
Trapper der felinen Fälle hinter Kurvenkräften
Vor den Toren Ninives

Scham schwellt die Zeit
Spinnebeiniges Gieren
Spinnefeind den Tretmühlen
Den Halterungen zweiter Güte
Ursache für Hernien und Häresien
(puh die Meinungen der Asylbeamten)
Das leise Ticken der Unterwerfungen und Säumnisse
Das pressende Quellen der Hintergedanken in den Winkeln aus Verfügung und Verfugung
Glitzernder Stein an glitzerndem Stein und die Wände hinauf
Ein vorschnelles Vorhaben am vorschnellen Vorhaken
Eine Karawane von Kavernen und Caveat
(wie lebe ich nur wie lebe)
Und dazwischen die Nummerngirls in den Kurvengehöften
Assistentinnen der moribunden Moria
Aus Kabinen geschlüpft da hinten beim Fenster
Sehnenkräftige Vögel mit singendem Auge
An die Ferne gedrückt
(rote Algenblust bei Mwanza)
Geruchlose Pauker
Die sich über die Lachszüge beugen
(wo – bin – ich)
Die Rufe der Ibisse in den Gärten der Umkehr
Abgekehrte und abgeklärte Neigungen in einer Ordnung
Die von Tischen regiert wird
Von reglosen Rahmenbedingungen
Von Prozeduren des Protzes
In schleppendes Schlafen kurz vor der Vollinvasion durch
Nächste
In Nächten geboren ohne Geheul von Pennälern und Hyänen
In Wächten gewickelt voll lauterster Unternehmung
Und dazwischen die Brutkörbe in den Hebelkräften
(ich – in so einer schwierigen Zeit – wo – bin)
Und die Geierhorste der Rundfunkanstalten
Gefüllt mit Knochen und Macheten
Um Mandate ringend
Um ein Handgeld sich erklärend
Vom umsonst umkämpften Schemel heruntersteigend
Abstürze in Unschlüssigkeit vernachlässigend
Verbrennungen riskierend
Fein ziselierste Marmor-Prognosen ignorierend
Genfer Konventionen
Das Zimtwasser des Zögerns aufwühlend
Die berstenden Abendmahle und Pusteln des Widerstands beträufelnd und betäubend
Irgendwo an der demilitarisierten Grenze zur Willfährigkeit
(von Serrekunda von Sousse von Bobo-Dioulassa von Mopti von Durban von Dar es-Salam von Constantine von Lubumbashi von Gaborone von Bengazi von Nairobi von Lagos von Karabane von Kairo von Brazzaville von N’Djamena von Goma)

Pistille an den Bäumen erfüllt vom geheimnisvollen Geschmack der Erwartung
Borken schuppig vom Duft aus Ibiskot und vom Ruf des Wiedehopfs gefährdet
Ein Aufbrechen von Hernien und Horoskopen
(oh andere Formen des Wissens)
Steppengräser sich aufrichtend unterm Schritt der Besatzer
Im Stampfen der Tänzer sich regende Erdkrusten
In den Armkuhlen von Pedellen wachsende Plausibilitäten
Untersätze von Untersätzen von Untersitzern
Sehnenlange Spuren von Wunsch und Verdruss
Geknickte in lauterster Grammatik stehende Stuhlbeine an Tischen
An mitessenden Tischen
An nächsten Tischen
Auf denen die Professoren mit spitzen Hüten
Aufgeschnitten und ausgenommen werden
Tasten um Tasten
Ungewohnte Handreichungen für Abgesänge und Endzeiten
Sauerstoffarme Worte aus dem Rio Grande
Gierendes Gären über den Schrunden von Erdzeiten
In Kabinen kauernde Fussballmannschaften
Containerladungen mit zerfasernden Botschaften von Glück
Aufgepratzte präternatale Prämissen aus Diplomatie und Frühling
(mystérieuse réplique des pollens tout préparés pour les pistils)
Magenkunst und Menschenlust
Brutkörbe voller Bienenwaben
Schädel voller Löwenzähne
Heranschreitende Sicherheiten
Schwellkörper voller Wut und Scham
Im verschleppten Schlaf der Nervenenden
Ein nächstes Leben unter Bürzeln
Ausgelassene Adern der Befriedigung
Ungekämmte Haarsträhnen in Leang Timpuseng
(es verlangt dich gar nicht danach, mit deiner Frau und deinen Kindern ein rechtschaffenes, sicheres Leben zu führen, Bird.)
Steppengräser sich aufrichtend unterm Schritt der BesatzerIm Stampfen der Tänzer sich regende Erdkrusten
In den Armkuhlen von Pedellen wachsende Plausibilitäten
Untersätze von Untersätzen von Untersitzern
Sehnenlange Spuren von Wunsch und Verdruss
Geknickte in lauterster Grammatik stehende Stuhlbeine an Tischen
An mitessenden Tischen
An nächsten Tischen
Auf denen die Professoren mit spitzen Hüten
Aufgeschnitten und ausgenommen werden
Tasten um Tasten
Ungewohnte Handreichungen für Abgesänge und Endzeiten
Sauerstoffarme Worte aus dem Rio Grande
Gierendes Gären über den Schrunden von Erdzeiten
In Kabinen kauernde Fussballmannschaften
Containerladungen mit zerfasernden Botschaften von Glück
Aufgepratzte präternatale Prämissen aus Diplomatie und Frühling
(mystérieuse réplique des pollens tout préparés pour les pistils)
Magenkunst und Menschenlust
Brutkörbe voller Bienenwaben
Schädel voller Löwenzähne
Heranschreitende Sicherheiten
Schwellkörper voller Wut und Scham
Im verschleppten Schlaf der Nervenenden
Ein nächstes Leben unter Bürzeln
Ausgelassene Adern der Befriedigung
Ungekämmte Haarsträhnen in Leang Timpuseng
(es verlangt dich gar nicht danach, mit deiner Frau und deinen Kindern ein rechtschaffenes, sicheres Leben zu führen, Bird.)


(Das Bild verwende ich unter gemeinfreier Lizenz, siehe Wikipedia.)

Magd und Macht


Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Klein und wenig warst du am Rand des Kreises
Wie eine Mutter lief ich zu dir hin
Wie ein Kind kam ich bei dir an…
Überm tannigen Geruch strecktest du die Hand aus
Bevor ich noch bei dir angekommen war…
Unterm Puder-Gesicht ein Lächeln
Wie das eine gute Wort
Und über den dunkel wogenden Falten von Wange und Kinn
Diese Fruchtwasser-Augen…
Und haltend hielt ich deine blütenleichte Hand
Und haltend küsste ich deine blütenweisse Hand…
Sollen die Besitzer rufend und weisend durch den Kreis gehen
Soll der Aufseher am Gerüst schraubend und rüttelnd seine Zitronenblicke auf uns zielen…
Ich habe auf dich gewartet
Wo warst du denn fragst du…
Wo warst du denn so lange…
Deine Hand an meinen heissen aufgerissenen Lippen
Ich schmecke das Magnesium
Ich küsse die Wurzel deiner Hand und den Schlag deines Blutes
Ich koste den Schweiss von Metall und den Fischduft der Güte
Deine Brust wogt noch…
Aus meinem ganzen Körper dringen Tränen hervor
Auf den Knien lege ich meine Stirn auf deine rechte Hand
Hell und warm wie Asche…
Warum bist du denn so bleich
Du bist ja ganz grün im Gesicht…
Fragst du und bewegst dich im Stuhl wie eine Gefesselte
Und kniend sah ich den Aufseher kommen
Unter den Zurufen der Besitzer sah ich ihn kommen…
Näher kamen die gelben Augen
Muskeln glänzten… schnell
Lass uns gehen sagtest du und haltend meine Hand
Führtest fort aus dem Kreis
Der nach Harz duftete
Nach Hufschlag und Krallen und Lachen
Und nach stiebendem Staub…
Wenig und klein sassest du auf meinem Schoss
Deinen Kopf auf meiner Schulter
Dein glühendes Haar rauschte
Kitzelnde Worte in mein Ohr…
Auf dem Felsen war es still…
Auch kein Wind ging…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Unter uns erstreckte sich die Weide der Welt
Weich wie das Fleisch der Leber
Über ihr kreiste eine grauer Falke
Unermüdlich in der Flaute…
Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Und du legtest deine rechte Hand
Wie der Atem einer Katze
Auf meine nasse Wange…

(Das Bild von Mariae Verkündigung stammt von Simone Martini (1284-1344) und wurde gemeinfrei von Wikipedia heruntergeladen.)

Orangen im Aeschengraben

Über mir tanzt das lichte Laub,
Kühl ist es im gefleckten Schatten.
Langsam dreh ich die grosse Frucht
In meinen Händen: schön zu halten
Ist sie, die Haut ist rosig wächsern,
Riecht wie die Haut von kleinen Kindern.

Lange schon halt ich sie und wiege
Ab ihr Gewicht für mein eignes Leben:
Umbrüllt vom Lärm des Stadt-Verkehrs
(Kaschdi sam pa sibia): Von was werd’ ich
Morgen denn leben? Heute muss sie
Genügen. Gleiche dem Gras, das morgens

Wächst, und am Morgen blüht es auf,
Wächst schnell empor, am Abend schon ist’s
Dürr und verwelkt. Ich stech hinein
In den orangen Globus, Saft schiesst raus,
Fast bis ins Aug, in meinen Händen
Klebriges Blut der Frucht, Tränen

Tropfen herunter, heiss und brennend,
Mitten im Lärm und umhüpft von Spatzen,
Säure süsst meine Lippen, schmatzend
Schlinge ich schnell, ich schlucke gierig,
Denk an die Kinder, die ich verlassen,
Mildigkeit über uns, und unsrer

Hände Tun richt’ auf über uns.


(Image by Ilo from Pixabay.)