Holbeinplatz 2

Bin wieder hier und erfahre
Wie es für die Spatzen ist
Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst
Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt
So wie dir am Gedicht: für sie
Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist
Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als
Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen –
Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden
Und die Bäume sind gut gegen den Regen
Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel
Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn
Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz
Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen
Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter
Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten
Und immer wird es plötzlich still
Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt
Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads
Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress
Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf
Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf
Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach
Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte
Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz
Seine Lippen kauen an Gedanken
Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt
Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen
Hier ist so selten – denn niemand ist
Da ausser der Held und ich
Kann wirklich nicht sagen
Wie schwer es ist
Diese Leidenschaft auszuhalten
Die niemand teilt.

Eine Leidenschaft, mit der ich allein lebe

Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»

Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.

Das sind schon zwei

Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.

Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.

Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.

Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.

Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.

Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.

Eine bittere Bilanz also?

Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!

Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!

Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.

Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.

Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.                                                                                                        

Hinter mir

Hinter mir die Körper meiner Gedichte
Und wenn mich auch manchmal das Gefühl einer morgendlichen Morgue beschleicht
Kühl und von Lachgas erfüllt
Erstaunen sie mich und ich sehe ihre mangelhaft schönen Gestalten
Die sich zu zeigen nicht gelernt haben:
Rieche den Zimtgeruch ihres Schweisses
Ertaste die Ausstülpungen und Auswüchse und Wolfe’schen Wülste an jenen Stellen
Wo kein vernünftiger und auf Gesundheit bedachter Mensch sie erwartete
Höre ihre spitzen Schreie und die seltsamen Inflexionen ihrer Dialekte
Und sehe ihre offenen verkrusteten Hosen und das graue Mammuthaar ihrer Brüste
Das aus den schweissgelben Hemden herausquillt – 
Hinter mir schlurfen diese Unterweltsgeschöpfe
Diese Anderweltgeburten
Durch den Bahnhof eines Samstagmorgens im Sommer

Ein Mangel an Aussicht

Die Grachten krachten aufeinander
Die Fohlen verfielen: keine schnelle Andacht
Weder mithilfe von Vrenelis
Noch zuungunsten von Zargenschichten
Keine armierte Lastnote konnte
Die Minutien auslöschen
Die sich über den Solls brachen:
Verfielen die langen Quantitäten
Ausgedrückt unterm 25. Wahrmut
Längten längten längten sich
Die vergoldeten Zähne an den müden Nähten
Il neige sur Liège und so sehr
Fohlen die Grachten unter den Korbstühlen
Angerusst von den aviden Rufen aus den Brotkrumen
Und unter den Eiskrähenfüssen und Windgrübchen:
Es krachten die Grachten so sehr
Du wusstest nicht mehr
Wurden die Laute Lastkähne
Oder die Hinterlande Laute
Und Outremeuse: Outremeuse
Flow my tears in die Springmahd
Im dreh-drehenden Schnee
Aus dem langt mit spitzen
Zugespitzten Kehlen ein Goldcroissant
Anker oder Haken eines Unberührten
Und im bank- und tischlosen Exil
Verliefen die Identitäten in raschen
Mostfeuchten Augen: Nährkose unterm Nordlicht
Und du wusstest nicht mehr
In welche Richtung dich retten
Mit diesen Fohlenblicken
Die zurückwichen in schlichten
Maraboutischen fast schon quengelnden
Protestwellen von den Holzbänken und Aktenschränken
Den Passiven aus massvoller Erwartung und
Nie gewogener Kakaobohne: und es ist erst
April: noch lässt der Winter seine Unterlippe schleifen:
Knackend verlaufen die Laute
Unausgeklingelt in deinen Taschen
Und die logarhythmischen Bühnen jammern von
Windhäubchen und Kuchenfrauen und die Dachwinden
Schaukelten ihre Haken aus dem Krachen
In die ungeleimten schwarzen Massen
Und du wusstest il neige sur Liège nicht mehr
Ob Kriechboden oder Akkordeon

Ein Gedicht schreiben: „Es“

Ich starre unverwandt und blank und ununterbrochen «darauf», was das Gedicht beschreibt oder sagt, jedoch ohne genau zu sehen, was dieses «Darauf» ist, denn sähe ich es genau (an), so verflüchtigte sich jedes Wort.

Denn die meisten empfindenden und denkenden (will heissen: hinterfragenden, lauschenden) Menschen haben «es» schon einmal empfunden oder gedacht – und dafür ein nützliches, nutzbar gemachtes Wort gebraucht – und «es» damit gesagt.

Doch Sagen ist nicht gleich Sagen: was ich da fast mit tränendem inneren Auge und mit zunehmender Verzweiflung fixiere wie die vermeintliche Fliege oder der angebliche Ölfleck auf dem weissen Hemd eines Mathematiklehrers, bis er «daran» glaubt, ­- was ich da festhalte, festzuhalten versuche – das ist ganz allein mein «Es»: und wenn mir gelingen sollte, «es» mit meinen Worten lange genug und immer näher zu umkreisen, bis es sich fast schon in meine Zwecke einspannen lässt, das Gedicht vielleicht sogar selbst voranzutreiben beginnt, also meine Rolle usurpiert, buchstäblich gleichzeitig Motor und Energie des Gedichts wird – wenn das gelingt: ist «es» auch zu dem «Es» eines denkenden und empfindenden Menschen geworden, die erkennen kann, dass es mit dem nutzbar gemachten Wort keineswegs oder ausschliesslich gemeint sein kann, der erkennen kann, wie verschieden und vielfältig in einem es doch zugleich sein kann und ist.

„Also der Typ mit dem Altsaxophon, Mann, gestern Abend – der hatte ES, und er hat es festgehalten; ich habe noch nie erlebt, dass einer es so lange halten konnte.“ Ich wollte wissen, was „ES“ bedeute. „Ah“, lachte Dean, „jetzt fragst du mich Imponderabilien, hmm! Hier steht zum Beispiel ein Typ, und da ist das Publikum, verstehst du? Seine Aufgabe ist es, auszudrücken, was die anderen fühlen. Er fängt mit dem ersten Chorus an, reiht dann seine Ideen aneinander, die Leute schreien „yeah, yeah, weiter so“, und dann stellt er sich zu seinem Schicksal auf, und muss etwas entsprechendes blasen. Und plötzlich, irgendwo mitten im Chorus, hat er es – alle blicken auf und wissen es; sie lauschen; er greift es auf und führt es weiter. Die Zeit bleibt stehen. Er füllt den leeren Raum mit der Substanz unseres Lebens, mit Geständnissen dessen, was ihm Bauchschmerzen macht, mit Erinnerungen an Iden, an Themen früherer Sessions. Er muss über die Brücke hinweg und wieder zurück, mit einem so tiefen, die Seele auslotenden Gefühl für die Melodie des Augenblicks, dass alle wissen, nicht auf die Melodie kommt es an, sondern auf ES -“ Dean konnte nicht weiter, er brach in Schweiss aus, während er darüber sprach.

Jack Kerouac, Unterwegs

Mit dem Land

We are with the land.

Joy Harjo

Die felsigen Füsse marschlanden im luftdurchwurzelten
Ausgeschlürften Panoptikum
Einer insektoiden Verschleppungsstrategie –
Manchmal braucht es länger
Bis die Wirkung eintritt –
Und die Äonenschweife der Blattschneiden
Wippen wie der Ruf des Rotflügelstärlings:
Die umbuschten Knie streifen mein madiges Gesicht
Und der spätrohe Atem der Kavalleriegäule
Hustet in die Kniekehlen der Süssgräser –
Gelb und körnig läuft die Sonne hinterher
Mit ihren rasenden Perspektiven
Während der Hase seine Flanke springt
Und die Ahnenschwänze an den Hüften der Siedlung hängen:
Wir beginnen mit dem Land:
Kein ausgewogenes Schriftbild
Öffnet sich hüpfend auf dem Steg:
Im Nabel all die Schuppen wie Augen
Der ausgenüchterten Vorzeige-Väter
Und Pocporn bis an die Brust: die chemischen Zutaten und
Die Traileranstalten und die Rippen wie von Korallenbleiche
Denn mein Torso ist Wellblech unterm Staccato von Buschkrähen
Erhitzt und an den buschigen Brustwarzen umschlungen von Louisianamoos
Kühlt einzig der pink züngelnde Biss der Mokassinotter –
Manchmal braucht es länger
Bis die Wirkung eintritt –
Und die rollenden Kieselaugen voller Starlicide
Mit amerikanischer Hast verschluckt und in Yankton SD
Fielen die Vögel wie Beeren in den Schnee.

Ich möchte… I

(Mit Dank für das Foto an JamesDeMers)

(für Joy Harjo)

Ich habe keine Heimat –
Ich erbe keinen Gesang –
Von meinen Leuten höre ich nur
Einsilbige mehrfach abgeleckte Briefmarken
Die du an den Wind haften könntest
An den nicht besonders behaftbaren Wind
Der durch die vom Land abgetrennten Kleinstädte
Und durch die Gehirne voller Entspiegelung
Kriecht und selbst die Föhnwelten
Niemals erreicht
Antiseptisch und redlos schlurft
Und mochte auch der Fluss im Frühjahr
Die Keller schwemmen war das eine Sache
Für einen Satz
Dem man alles abgespart hatte
Und einige Allzweckflüchte
Denen die Bodenhaftung längst abhandengekommen war
Wurden in den Wind geworfen
Wie leicht entflammbares Reisig
Dem das Licht von den Kronästen entzogen worden war
Flüche und Sätze wie die Vorderbeine eines Raubsauriers
Rückentwickelt und grad noch gut zu Gabel und Messer
(Jetzt nimm doch nicht ständig den Finger dafür!)
Lebende und gebräuchliche Fossilien
Ich verstand nicht warum niemand
Sich selbst aufheben wollte
Aufleben wollte in dem Begradigten und Erschlossenen
In dem Sänger von Massenware gekauft
Einen koffeinsüssen und hungerschaffenden Sirup
In unsere Kehlen legten und mit den Hüften zuckend
Von einem Begehren sprachen
Das wie ein zusätzliches Organ in uns wuchs
Wie eine Kettenreihe an uns zerrte und unsere Kehlen
Waren belegt vom Teer namens
Was sagen die andern –
Denn meine Leute sind kein Volk
Kein Stamm und ankern ohne Botenstoffe
Ungefährdet und unvertrieben
In der berechneten Welt
Die noch nie gesungen hat ­-
Ein sesshaftes Horssolvolk…
Und ich erbe keinen Tanz
Mit dem was im Kosmos zirkelt
In deine Hüften und Lenden fährt:
Als wären Wurzeln Flügel aufhebt
Was dich festhält in ein besser gewusstes Geheimnis
Keine Kraft aus dem Torfboden
Die die Scham überzähliger Träume verwandelt
Kein Stampfen-Signal
Keine jederzeit mögliche Stampede
Über dich hinausreichend: das die Wirklichkeit
Erschüttert auf dass ihr Mark austritt
Und auf dich tropft wie gute neue Wörter:
Ein Ich wäre jetzt… und du…
Das weiter wirkte als nur in die eigene Kindheit und
In den Bauch deiner Mutter: wie gute neue Wörter
Denn höre ich nur
Einige wenige davon
In ein Gedicht gestreut
Gleich den Überschwemmungsmarken in den Häusern am Fluss
Gleich den skelettierten Wäldern auf dem Peloponnes
Gleich den Jugendlichen
Die um Freiheit und Gemeinschaft
Vor keiner Autorität mehr zurückschrecken
Gleich den neurofibrillären Tangles im Stirnlappen meines Vaters
Gleich den Salzkrusten auf meinen Hemden
Spüre ich den Klimawandel
Und ich weine heisse Glückstränen
Mit denen ich den Grund aufweiche
Für ein nächstes Gedicht und ich weiss
Ich bin vom Weg abgekommen und ich denke an meinen Sohn
Der sagt: Mann Papa das sind aber viele Flaschen
Und ich erbe dieses Nomadengefühl
Das mich in die Sprache wandern lässt
In die ariden Zustände kurz vor der Verblödung
Die genauso wenig Heimat ist
Wie die überteuerte Zweizimmerwohnung für die äthiopische alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Söhnen:
Ich habe keine Heimat und ich erbe kein
Gospel und keine Leidenswege
Die ein ganzes Volk traumatisieren
Meine Vertreibung findet noch statt
Und wenn ich zu viel getrunken habe
Sehe ich das Gedicht aus meinen schwankenden individualisierten Gliedern aufsteigen
Mit einem Hammel einem Hahn und einer Ente
Und es gibt nichts Schöneres
Als ein Gedicht zu schreiben
Das aus den Gleisen fällt
Denn daraus wird kein Schuss mehr fallen
Und hallen über die Steppe:
Die Herden werden zurückkehren
Schlingpflanzen und Pilze werden die Städte bewohnen
Kartäusernelken werden die Asphalte spalten
Und der Haufen zusammengepapptes Papier
Über das die Insekten huschen mit ihren haarigen Finger
Als könnten die Buchstaben damit besser entziffert
Besser verstanden werden wird bald fast schon Humus sein:
Ich erbe keine wirklichere Wirklichkeit
Keinen Herzensknäuel und kein
Geraubtes Land: das alles
Hat nichts mit mir zu tun
Und ich denke ich bin ein eigenes Volk
Das in Geschichten und meinen Kindern
Mehr schlecht als recht überlebt:
Aus diesem ungetanzten Wirbel
Den ich anrühre mit guten alten Worten
Und der nichts zu tun hat mit dem faden Säuseln
Das durch deine Städte streicht
Aufsteigen in die Kronen der Sumpfzedern
Auf dass du stolperst über die Luftwurzeln:
Ich habe keine Heimat und die Boten
Die mein Blut durchströmen
Waren der kargen Kost ausgeliefert
Die Geschichtenlosigkeit heisst:
Ich ersöffe gäbe es nicht
Die guten neuen Worte
Die mir die Tränen treiben
Im Schlick einer Mangrovenwelt
Aus dem Insekten sich erheben
Wie die vergessenen Reiche von Horten und Bewahren:
Jedes Gedicht ist Abrahams Zelt
An dessen Eingang Sara lacht.

Wie ich Gedichte lese

Um die Lektüre von Gedichten ranken sich unabwendbare Klischees und unausweichliche Missverständnisse – ebenso wie um die Interpretation oder Deutung von Gedichten. In diesem kurzen Blogeintrag will ich damit Schluss machen. Hier handelt es sich also um ganz und gar parteiische und subjektive Vorschläge.

1.    Lies das Gedicht immer laut

Bitte lies das Gedicht immer laut. Ein Gedicht, das du nicht laut lesen kannst, ist kein Gedicht. (Das gilt nicht nur für konkrete Poesie, sondern auch für die verkopfte Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum.) Du kannst es natürlich auch nur flüstern, aber am Besten ist es, wenn du ihm deine ganze Stimmkraft verleihst. Das kannst du im stillen Kämmerchen tun oder aber im Kreis deiner Liebsten, die du damit herrlich terrorisieren kannst. (Bald kannst du das Vortragen oder Vorlesen eines Gedichts als Droh- und Druckmittel einsetzen!)

Achte darauf, dass du jedes Wort deutlich aussprichst. Achte auf jeden Vokal, sprich auch die Vokale deutlich aus. Gib ihnen Farbe, indem du sie längst oder kürzt. Gerade die Vokale sind das Herz jedes Gedichts. In Kombination mit den Konsonanten (in Fällen von Alliteration) beginnt jedes gut geschriebene Gedicht zu singen.

Ach ja, und versuche zu singen. Versuche zu erkennen, ob das Gedicht verschiedene Stimmen oder Stimmungen beinhaltet oder wiedergibt. Passe deine Stimmlage diesen Impulsen an.

Du wirst bald merken, dass damit auch deine eigene Ausdruckskraft wächst.

(Nebenbemerkung: versuche, Autor*innenlesungen ohne Schauspieler*innen zu meiden. Die Autor*innen sind meist nicht in der Lage, ihren Gedichten Stimme zu verleihen. Nur im englischsprachigen Raum gibt es – auch Spätfolgen der Beat-Revolution – wirklich Leser unter den Autor*innen. Und wenn du doch auf eine Autor*inlesung gehst, brich deine Zelte sofort ab, wenn es sich um eine «Wasserglas-Lesung» handelt; die Autor*in also hinter einem Tisch versteckt ist, ein Glas auf dem Tisch steht und alles im sicheren Bereich läuft.)

2.    Lies keine Gedichte aus der Zeit vor 1900

Und versuche dich nicht zuerst an klassischen deutschen Gedichten wie «Erlkönig» – die vermitteln dir nur einen ganz und gar falschen Eindruck von Gedichten. In solchen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert begibst du dich in eine Art «Brockenhaus», in ein mittelgut gepflegtes Antiquariat. Lass Göthe, Schiller und die Biedermeier-Konsorten hinter dir. Steige gleich mit den Expressionisten ein: von Hoddis, Trakl und vor allem (immer wieder) Gottfried Benn.

Denn du bist ja nicht ein Bewohner des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren entstand die moderne Lyrik, die mit Brentano und Novalis gewiss schon ihre ersten Zuckungen erlitten hatte.

3.    Lerne lauschen und lies das Gedicht immer wieder

Und lies ohne Hemmungen, querbeet. Lerne auf Töne, Stimmen / Stimmungen und Metaphern lauschen. Lasse sie auf dich wirken, indem du das Gedicht probeweise immer wieder liest. Schmecke das Gedicht ab, verkoste es.

Lass es dir von anderen vorlesen, lass es von anderen probeweise für sich entdecken, und du lauschst auf ihre Intonation und ihren Ausdruck, ihre stimmliche Reaktion darauf.

Grabt gemeinsam (oder allein) nach den Wörtern, die euch oder dich berühren (lautlich und auf der Ebene der Sprache, in Metaphern).

4.    Höre nicht auf, wenn du nichts verstehst

Beim Gedicht bist du nicht verpflichtet, etwas zu verstehen. Lege deine Vernunft oder Vernünftelei ab. Stelle dir vor, du bist bei einem guten Freund*in eingeladen und kostest einen guten Wein oder ein speziell für dich gekochtes Gericht. Denn in die Gedichte, die du liest, sind viel Energie und Lust geflossen.

Versuche nur sprachlich zu ergründen, zu erfühlen, was im Gedicht geschieht. Denn in Gedichten geschieht viel nur auf der Ebene der Sprache, nicht auf der Ebene der Logik.

Mir geschieht es oft, dass ich ein Gedicht sehr mysteriös finde, keinen Anhalt finde, aber wenn ich es zu «geniessen», abzuschmecken beginne, erwecke ich sehr viel in mir (und in ihm).

Und natürlich passiert bei einigen Gedichten nichts. Dann legst du das Gedicht (und häufig auch den Lyriker*in) weg, um nicht mehr (oder sehr viel später) wiederzukommen. Denn ich garantiere dir, dass dir der Lyriker*in nichts sagen wird – oder eben, erst viele Jahre später.

5.    Lies in fremden Sprachen

Und scheue nicht vor französischen, englischen, amerikanischen, brasilianischen, herzegovinobosnischen Gedichten zurück. Insbesondere der englische Sprachraum bietet einen guten Einstieg für Gedicht-Neulinge, weil die anglosächsische Poesiewelt mehr vom Erzählen als vom Ziselieren hat als die deutschsprachige hat. Auch hier: suche dir moderne Autor*innen!

Ein Ich erzählt

(Mit Dank für das Bild an Josep Monter.)

Bei der Ich-Erzählsituation ist der (fiktive) Erzähler selbst Teil der dargestellten Welt, erlebt das Geschehen mit oder erfährt es unmittelbar von den beteiligten Figuren. Dadurch ist die Perspektive des Ich-Erzählers im Unterschied zum Er-Erzähler auf Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken einer einzelnen, d.h. seiner eigenen Person beschränkt.

Brockhaus Literatur, Kursivstellung von mir

Die Entscheidung, wer eine Geschichte oder (in meinem Fall) einen Roman erzählt, fällt früh im Erzählprozess. Sie kann instinktiv gefällt werden (wie bei mir) oder ihren Grund in der erzählerischen Absicht finden. Immer jedoch hat die Erzählsituation einen grossen Einfluss darauf, was die Leser*in wie erfährt. Entscheidet also letztlich, welche Rolle die Leser*in im Roman- oder Geschichten-Geschehen einnimmt: Hat sie den Überblick oder sieht sie nur Ausschnitte und Stücke davon, was – im Hintergrund oder nebenan – passiert?

Im Fall der «Ich-Erzählung» – und im Fall, dass diese Erzählhaltung kompromisslos durchgehalten wird – stellt sich also sofort und dringlich die Frage, wer der «Erzählende» ist. Denn seine ganze «Persönlichkeit» wird die Geschichte oder den Roman durchdringen müssen.

In meinem Fall handelt es sich um einen Vater, der seine Tochter sucht. Das erzählende Ich wurzelt also in grossen Teilen in mir, dem Vater einer Tochter. Doch das erzählende Ich ist nicht mit mir identisch.

Sprachhaltung und Sprachkraft

In den ersten Atemzügen hatte ich also zu entscheiden, wer dieses Ich ist. Dabei bin ich ein intuitiver Erzähler: Ich stürze mich kopfüber in eine Geschichte, die ich dann nach und nach ausspinne und weiterentwickle.

Die ersten Sätze schon bestimmen über die Sprachhaltung des Erzählenden, aber auch über seine Sprachkraft.

Würde ich selbst erzählen, also der eigentliche Autor, handelte es sich um ein flirrendes, ungewisses, metaphernreiches Erzählen in langen, verschachtelten Sätzen. Doch nicht ich bin es, der erzählt.

Die erfundene Person in meinem Roman ist kein Lyriker wie ich. Er hat einen leicht überdurchschnittlichen Wortschatz. Und er erzählt wirklich zum ersten Mal. Als Erzähler kann ich mir also nicht erlauben, meiner eigenen Neigung nachzugeben, genauso wenig, wie ich die Person von meiner grösseren, aber immer noch begrenzten Erzählerfahrung profitieren lassen kann.

Gewiss kann ich dem Erzählenden einige Höhenflüge erlauben, in denen er in besonderen Situationen, die er zu beschreiben hat, sprachlich und idiomatisch über sich hinauswachsen kann. Doch seine «Grundkonfiguration» wird sich während der Erzählung kaum ändern (dürfen).

Welthaltung und Weltwissen

Das gleiche gilt mit wenigen Abstrichen auch für die erzählte fiktive Welt. Sie stellt sich der Leser*in nur durch die Augen des Erzählenden dar.

Was er von der erzählten Welt weiss, bestimmt somit auch den Informationsgrad der Erzählung. Bestimmt also auch das Wissen der Leser*in.

Wie er zu der erzählten Welt steht, bestimmt somit auch die Art und Weise, wie von dieser fiktiven Welt erzählt wird. Hier kann sich eine grosse Lücke öffnen zwischen der Welthaltung einer Leser*in und derjenigen des Erzählenden, sowohl allgemein-menschlich als auch politisch und sozial. Die Mentalität des Erzählenden kann als stossend oder als anregend empfunden werden.

Dass der Erzähler selbst, also der Autor*in, ungleich mehr über die erzählte Welt wissen muss, steht gleichzeitig ausser Frage. Denn er oder sie bestimmt ja die Perspektive auf diese erzählte Welt. Will heissen, während der Erzählende erzählt, muss immer deutlich durchscheinen, dass es sich dabei um eine partielle Perspektive handelt, von der Persönlichkeit und der Lebenserfahrung des Erzählenden eingefärbt. (Hier können Dialoge, Briefe oder Erzählungen anderer Personen helfen, die mehr oder minder eingeschränkte Sichtweise zu erweitern.)

Die literarische Ebene

Als letztes Problem des Schreibprozesses stellt sich mir die Frage nach der literarischen Tragweite und Glaubwürdigkeit des Erzählten dar. Denn als Autor und Lyriker kann ich nicht einfach nur eine Welt «erfinden» oder «herbeirufen» (was ich in jedem Gedicht mit Leichtigkeit ohne erzählen zu müssen vollbringe) – ich muss ihr auch einen literarischen Gehalt einflössen können.

Um nochmals mit dem Gedicht zu vergleichen: In einem Gedicht kann ich skizzenhaft und metaphernstark andeuten, wie die Welt, in der das Gedicht «spielt», aussehen und beschaffen sein könnte. Ich kann mich darauf verlassen – wenn auch wie ich aus Erfahrung weiss ohne jegliche Garantie -, dass die Leser*in ihren Weg in die «Welt» des Gedichts finden wird, genügend Kraft mitbringt, um die Lücken des Gedichts zu füllen. Denn in und von diesen Lücken, Auslassungen, Andeutungen, in und von diesen «Ausschnitten und Stücken» lebt das Gedicht, die Lyrik recht eigentlich. Der literarische Gehalt eines Gedichts hat also viel mit der «Erzählweise» eines Gedichts zu tun.

Der literarische Gehalt einer Geschichte oder eines Romans steht und fällt mit dem Erzählenden. Am einfachsten ist dieser Gehalt in der «auktorialen Pose» (wie ich es nenne) zu erlangen: hier kann der Autor*in leicht in seiner «eigenen» Sprachhaltung verbleiben, kann der Autor*in aus seiner ganzen, nur ihm «eigenen» Sprachmacht schöpfen. Thomas Mann ist so ein Beispiel, aber auch ein Musil.

Wenn ich jedoch einen Otto-Normalbürger als Erzählenden habe, stellt sich die Frage danach unmittelbar, wie ich diesen literarischen Gehalt, den «poetischen Mehrwert» einer Geschichte oder eines Romans schaffe. Natürlich kann das über die spezielle, von der Persönlichkeit des Erzählenden stammende Perspektive hergestellt werden, auch über die erzählte Welt.

Doch mein derzeitiges Sorgenkind ist die Sprachhaltung und die Sprachmacht meines Ich-Erzählers: wie gelingt es mir, seine Sprach-Beschränkung und seine Erzähl-Unerfahrenheit von einem Nachteil in einen Vorteil zu wenden?

Entwicklungsroman: aufsteigend oder zyklisch?

Lieber eine Treppe ins Nirgendwo als eine Treppe zum Aufstieg. Lieber eine Runde mehr drehen als seine Träume verwirklichen. (Danke an Skitterphoto für die Fotografie.)

Ich musste durch eines dieser schwierigen Zusammentreffen von Umständen hindurch, wie man sich ihnen im Allgemeinen häufiger im Leben gegenübersieht und die man, auch wenn man sich in seinem Charakter und seiner Natur – unserer Natur, die unsere Lieben selbst erschafft, und beinahe auch die Frauen, die wir lieben, und sogar ihre Fehler – nicht verändert hat, niemals, das heisst, in den verschiedenen Lebensaltern, in der gleichen Weise angehen kann.

Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte

Mitten im Roman stellt sich mir immer wieder die Frage, inwiefern sich der Protagonist meines Romans entwickelt oder entwickeln kann. Denn implizit schreibt da sowohl die Literaturgeschichte als auch die Lesererwartung mit.

Die Literaturgeschichte mit der Gattung oder dem Romantyp Entwickungsroman: Eine Figur wird mit der «erzählten Welt» konfrontiert und muss sich daran «abarbeiten» und «entwickelt» sich im besten Fall – zu einem mündigen Bürger oder einem aufgeklärten Menschen.

Die Erwartung der Leser*innen (auch meine eigenen, die ich beim Lesen an eine erzählte Figur stelle): Die Frage, ob ein Buch gelten kann, dessen Figuren am Ende unverändert «entlassen» werden. Es ist die Erwartungshaltung, die die moderne Welt, der moderne Mensch an sich und andere legt. Denn der moderne Mensch in der modernen Welt ist ja gerade dazu aufgerufen, fast schon im Selbstverpflichtungsmodus, «sich selbst zu verbessern» (elektronisch, virtuell, über Datenkontrolle und -verwaltung), weil in der modernen Welt ein konstanter Anpassungs-, Leistungs- und Evolutionsdruck herrscht. Eine Figur, die sich diesen Zwängen verweigert, die sich weder von Zielen leiten noch von Machbarkeiten drängen lässt, steht in meinen Augen fast archaisch in diesen Zeiten und Literaturen.

Ein bisschen Etymologie

Begibt man sich auf die Spurensuche nach der Wortherkunft von «entwickeln», stellt man folgendes fest:

  • Das Verb «wickeln» selbst hat ein weites «Netz» über die Sprache geworfen, so finden sich in «Docht» wie in «Wachs» oder «Wacholder» Spuren davon.
  • Ursprünglich in der Bedeutung von «Faserbündel, Docht», hat die Wortwurzel *ueg- mit «weben, knüpfen, Gespinst» zu tun.
  • Das Duden-Herkunftswörterbuch bestimmt die Bedeutung wie folgt: «Das abgeleitete Verb «wickeln» bedeutet eigentlich «ein Faserbündel um einen Rocken winden», aber schon in den ersten Belegen tritt es in der allgemeinen Bedeutung «um etwas winden» auf.»
  • «Entwickeln» ist dann so viel wie «auf-, auseinanderwickeln» (17. Jahrhundert), und im 18. Jahrhundert tritt es auch im übertragenen Sinne auf, also «(sich) entfalten, (sich) stufenweise herausbilden».

Befragt man den Duden nach der aktuellen Wortbedeutung, werden 7 Bedeutungsvarianten genannt. Meine Kritik am «Entwicklungswesen» gründet sich dabei vor allem an dem «stufenweise herausbilden» der ersten Variante (das ja bereits im ursprünglichen Begriff angelegt ist). Immer aber geht es um eine «Fort-Entwicklung», eine Verwandlung (die Entwicklung der Raupe zum Schmetterling) oder um ein prozesshaftes «Höher-Steigen» auf einer Art «Verbesserungs»-Leiter.

Wenn ich also darüber nachdenke, weshalb ich mich gegen das «Entwickeln» sperre oder dagegen ankämpfe, so hat das mit dieser mehr alltäglichen Verwendung von «Weiterkommen» und auch «erfolgreich sein» zu tun.

Das Beispiel Proust: Perspektivenwechsel und Reifungsprozess

Das zu Beginn stehende Zitat aus Prousts «Ewigkeitsschlaufe», der «Recherche», hat mich diese Woche – ohne nach Zitaten zu dem Thema auf der Suche zu sein – sehr und unmittelbar angesprochen.

Es verdeutlicht in meinen Augen sehr schön, dass es (wenn überhaupt) eine menschliche – charakterliche, auf die Persönlichkeit und ihre Verhaltensmuster bezogene – Veränderung oder Entwicklung gibt, diese sich mehr auf Anpassung, auf Reaktion als auf eine wirkliche evolutionär zu verstehende Weiterentwicklung konzentriert. «In veränderlichen Lebenslagen» sucht der handelnde Mensch andere (Aus-) Wege und Pfade, um den sich im Leben, in der Welt stellenden Problemen und Anfragen zu begegnen.

Proust gelingt es in seinem Meisterwerk vortrefflich zu zeigen, dass wir sehr früh einer gewissen «Natur» unterworfen sind und ihr gehorchen – in allem, was uns betrifft und berührt. Allein der in der Zeit und durch die Zeit – durch das Vergehen der Zeit, durch das Hindurchschreiten durch die Zeit – kann es dem Individuum gelingen, einen Perspektivenwechsel zu erreichen.

In Prousts Falle wird dieser Perspektivenwechsel nicht nur durch sein aufmerksames Beobachten sozialer Mechanismen herbeigeführt, auch durch das «Wiedervergegenwärtigen», das buchstäbliche «Aggiornamento» vergangener Momente und Gefühls- und Lebenslagen.

Vor dem Hintergrund dieser «Rück- und Einblicke» gelingt es der erzählenden Hauptfigur, die anderen Protagonisten (etwa den Baron de Charlus) erneut zu beurteilen. Dabei erkennt die erzählende Hauptfigur – soweit ich das verstehe – keine eigentliche Entwicklung, sondern ihm (vorher und bisher) verborgene Merkmale und Eigenschaften, die die Persönlichkeit der betrachteten, analysierten Figur verständlicher machen oder schlicht plastischer hervorheben.

Letztlich steht die erzählende Ich-Figur am Ende des Romanzyklus bei Proust erst am Anfang seiner Arbeit: Er hat begriffen, worum es in seinem Werk gehen soll oder wird, er hat die Mechanismen der Erinnerungen erkannt, er ist bereit dazu, dieses ständige Verschieben der Perspektive durch das eigene Erleben darzustellen.

Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um eine «Entwicklung»: seine Person, seine Persönlichkeit ist durch die Jahre nicht verändert worden. Sie hat sich – ganz im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung – erst recht entfaltet. Die Persönlichkeit ist insofern gereift, als sie ihre Aufgabe im Leben ernst zu nehmen und zu verwirklichen begonnen hat. Ihre Natur, ihr «Wesen», wie man auch sagen könnte, bleibt jedoch weitgehend unverändert. (So ist seine Vorliebe für (allzu) junge Mädchen auch im (hohen?) Alter noch so stark, dass er sich von seiner «ersten Liebe» deren Tochter quasi vorführen lässt. Gilberte gibt dabei eine merkwürdige Figur ab, wird fast zur «entremetteuse» für ihre eigene Tochter…)

Und im wirklichen Leben?

Auch ich selbst könnte von einer solchen «Reifung», die keine «Entwicklung» im Sinne einer chronologischen Linie ist, auf der ich mich immer weiter von meinem Ursprung entfernt habe, quasi «per aspera ad astra», auch ich könnte von einer solchen Bewusstwerdung meines Lebenssinns sprechen. Eine solche finale Bewusstwerdung führt immer (wie bei Prousts Helden) direkt in die Anwendung, ins Handeln.

So habe ich lange Jahre mich mit der Tatsache herumgeschlagen und mich daran abgekämpft, dass ich kaum Zeit habe zum Schreiben. Ich war die meiste Zeit unglücklich darüber und in einem ständigen Zustand von Unrast, Unruhe und Unzufriedenheit. Ich hatte immer das Gefühl, meiner eigenen Aufgabe im Leben nicht gerecht werden zu können – und, wie einige böse Geister in und um mich vermutet haben, wollen.

Erst jetzt aber, an der Schwelle zum halben Jahrhundert, habe ich mich wirklich darangesetzt, den Romanzyklus in Angriff zu nehmen, von dem ich seit mindestens 20 Jahren träume.

Das, weil ich begriffen habe, dass ich diese meine Berufung endgültig verraten würde, wenn ich mich nicht endlich beim Schopf aus dem Sumpf der alltäglichen Ablenkungen und Sorgen reisse.

Auch hier würde ich nicht von einer Entwicklung sprechen, sondern vom Schliessen eines Kreises. Einer «Entfaltung» im Sinne eines zyklischen Lebens- und Welt-Verständnisses. Ich würde für mich die englische Redewendung «he has come full circle» in Anspruch nehmen: ich bin jetzt endlich da, wo ich hinwill, genauer: wo meine ganze Natur, mein ganzes Wese hinstrebt, und bin damit sozusagen wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt. Auf keinen Fall würde ich mich also mit einem Schmetterling vergleichen, der sich verpuppt hat und dann in neuer (besserer) Form aus seinem «gewickelten» Kokon schlüpft.

Ebenso wenig würde ich für mich in Anspruch nehmen, jetzt irgendwie charakterlich oder in der Persönlichkeit gereift zu sein. Nein, ganz im Gegenteil: ich mache immer noch die gleichen Fehler im Alltag und in Beziehungen, falle auf die gleichen Anreize «hinein»…

«Retour à la nature», Back to the Roots

Wenn ich mir nun also überlege, wie sich mein Romanheld Fritz Remund «entwickeln» soll, so wird mir vor dem Hintergrund der oben angeführten Überlegungen klar, dass auch er so eine kreisförmige oder zyklusförmige Entwicklung durchmachen wird. Er geht ohne Tochter auf die Suche nach der Tochter, findet Leidens- oder Schicksalsgenoss*innen und lernt sich «besser» kennen – im besten Fall erkennt er sich für das, was er ist – und lernt auf dieser «aventiure» auch, wer er ist. Und was ihm die Tochter bedeutet, wer sie für ihn ist.

Wenn ich also einen Entwicklungsroman schreibe, möchte ich ihn fast «Entfaltungsroman» nennen. Denn in ihm geht es nicht darum, dass der Held «etwas wird». Es geht vielmehr darum, dass er wird, wer er ist (immer schon war). Er ist am Ende nicht weiter oder besser als vorher. Er wird sich immer noch in die gleichen «falschen» Frauen verlieben und immer noch die gleichen «falschen» Verhaltensmuster ad infinitum durchziehen – aber er weiss jetzt besser, wer er ist.

Er hat also seine Wurzeln, seine Natur (im Sinne auch von Prousts Zitat) erkannt. Wie sein Autor.