Mit schmalen Schultern

Mit schmalen Schultern rollen sie heran: als verfügten sie über die
Härte von Stahl die denen gegeben ist
Die nach Ruhm streben und sich versteifen
Sich verrenken und immer mehr versteifen wenn die scharfen Hinterköpfe
Gesichtszüge annehmen und die Landschaft aus ihrem Nicken und Wippen
Aus ihrem Ululieren und ihren unerwarteten Hornklängen
In eine quäkende und krabbenhafte Aussicht
Ausbricht wie der Winter im Sommer: du siehst das Lächeln des Kindes gegen seine eigene
Mutter in diesen schmallippigen greinenden Wellen heranrollen
Wie Gegenstände die jemand für verzichtbar gehalten hat: du siehst das gelegentliche Azur
Dessen Schönheit du niemals einzugestehen bereit sein wirst: mit tief im Schädel versunkenen Augen – cerclés
de bagues vertes – rollen sie ohnmächtig wie der geringste deiner Freunde heran und ächzen zu deinen Füssen aus mit diesem Ausdruck auf der Stirn
den du von den Gesichtern kennst: die Härte von Stahl und die Charakterkraft von Priestern
in einem tollkühnen Lauf entgegen der Güte und dem Guten:
die nach Ruhm streben mit knirschenden Zähnen
mit in Voraussicht schon mahlenden Zähnen: denn die Kiesel am Strand werden sie auflaufen lassen und zerstreuen wie eine Herde von Schweinen vor dem Abgrund: und doch werden sie
stürzen auf das Land wie jedes Mal: den Ruhm vor Augen wie ein unsichtbares Geschirr und du siehst
ihre schmalen Schultern wie in Unterleibsschmerzen gerafft und auf nachfolgende Schmerzen gefasst: oh wenn die Ohnmacht sich wandelte in
Allmacht: selbst dann könnte ich nicht glauben an ihre Freundlichkeit: ihre heissen verklärten Gesichter
Ihre verzogenen angeschmolzenen Gesichter starren wie Metall voraus
Auf den Schlammpfad des Grossen Regens gerichtet: du siehst
Die aufgestülpten Schreiner ihrer Lust und letzten Hoffnung weit in der See draussen
In der heimtückisch menschlichen See heraussen
Die ihre Faltenwürfe beispielhaft ans Ufer schickt: Emissäre deines stählernen Starrens und Harrens: auch deine Schultern sind schmal geworden mit der Zeit
Nachbarn deiner Ohren: auch deine Augen glühen noch von einer sengenden und hasserfüllten Reue
Am abgelegenen Ufer deines Exils im Alter.

Mit dem Regen kommt

Mit dem Regen kommt das steife Starren: die langsamen
Fliessenden Partien im gekämmten Sand und die strebenden
Striemen von Glast auf dem tränenden Auge: das fleischigste
Wollen und das zäh heischende Verlangen des Morgens fesseln die Gedanken: den Vögeln haben sie die Kehlen
Umgedreht und nur die Amphibien haben noch die Kraft ihre blökenden Rufe und ihre kalten Leiber über die unerschütterliche Erde zu schleppen wie die ersten
Zeichen eines stotternden Gedichts: bei der Betrachtung der Sicheltanne denke ich an die gelblichen Augen und die wie verwunderten hohen Brauen meiner letzten
Frau und ihre wippenden Mundwinkel beim Sprechen: wie lange ist das her und fast keine Zähne gab es dabei
Und ich streiche durch das raue nasse Fell der Streunerin
Die um Milch bettelt oder Wärme
Und stemme meine Masse durch die Räume und werfe Tassen und Vasen von den Möbeln und stehe am klemmenden
Hoftor und reisse es auf mit einiger Mühe und höre das tippelnde Bitten der Äste in den Büschen des Abhangs: nur die
Schlieren des Nebels wandern vorüber wie die Nachzügler eines Saubannerzugs fast noch in den Windeln
Und rufe die Amme mit ihrem bekümmerten kümmerlichen Gesicht auf dem sie mir eines ihrer Schuppenlieder singe die wie
Ausufernde Erstickungsanfälle ertönen und streiche mit dem Finger meiner linken Hand über die rillenreichen und unebenen Bohlen der Engewa: meine Fussspitzen scharren im Kies und mit dem Regen kommt
Das Stelzen durch die Stille: die fliessenden beknöpften Arme der Sicheltanne deuten
Einen Flug an: Zentimeter nur über dem Kies und doch
Meilenweit entfernt von jedem menschlichen Anspruch an Freiheit oder Zuneigung: die Alte
Kämmt mein Haar nochmals und spricht ihre alten Trostworte wie ein Naturphänomen während ich den Holzstecken in der Hand balanciere mit dem ich mir im Hof mit schlurfenden weiten Schritten den Kampf gelernt habe: immer mit beiden Füssen ganz auf dem Boden und das Gewicht im Knie
Und ich denke an das harte pockennarbige Gesicht des Sensei: wie lange habe ich geübt
Mich vom Schwert führen zu lassen.

Ginkaku-ji Variation 3

Schenk ein schenk nach
Wie sehr das Wasser auch die Ufer tritt und unsere Füsse
Umspült: es gibt eine Zeit zum Küssen und eine Zeit
Zum Versinken in freundlichem Abscheu und im herben gefrässigen Vergessen
Und der Reiswein ist warm und überschwemmt das Hirn mit den seltsamen Blüten die wie Hände von Mägden
Sich weiter und weiter röten und unter meinen Augen ist es blass
Aufgeplustert wie ein Vogel im Herbst: so schenk jetzt
Noch und wieder: die Wellen kommen auch nicht wieder und laufen aus
Verlieren ihre flüsternden Geschichten in Kies und Sand und ihr kurzer Kristallglanz
Trügt wie Speichel am Kinn: oh wie er trügt
Sind nicht auch die Berge da hinüben betrogen mit ihren fernen schweren Körpern heben sie
Ihre Nackenbänder in die Nebelbrandung verdammt verdammt dazu
In die Eingeweide der Erde zu starren in die abgesunkene erstarrte
Vergangenheit: überspielt von Eiswasser ihre Füsse wie hier auch: schenk ein
Noch mehr bis es überfliesst
Damit der Ruf des Regenpfeifers wieder wie die Stimme einer Frau im Liebesspiel klingt und nicht wie
Die mattgelben Blätter in ihrem Fall auf den klammen matten verbrauchten Boden und in der Kehle
Wie schnell kommt die Kühle wieder und lässt nicht nach wie die Hand
Von meinem Herz auf der Suche nach hellem Licht aber eimfach nur
Ein wenig vom schnurrenden Azur den zu schlürfen
Nie genug: Senk ein
Senk nicht den Kopf ist auch alles bemessen und kannst du das Mass des Biwa nicht
Ermessen und liegst auf dem Grund hingestreckt und wartest wie der Wels mit seinen Barteln auf den rollenden Kieseln: schnelle dein Kinn vor
Bis auf den Nabel den unausgeleckten
Nabel auch er ein Masch in das unablässig dein Schweiss fliesst und fliesst und noch mitten in der Kälte fliesst: so umspült und gekrümmt
Kaum grösser als zwei Eisvögel in der lehmigen Schteilwand: noch mehr
Mehr noch – Freund: die gesuchten Küsse vergessen rollten schie doch
An dem Kinn hinunter wie warme Nudeln schlürfen
Schlürfen schlürfen wollte sie sie
Sie nicht und die Nebel sinken im Hirn auf das Verständnis herunter und die Stirn glättet sich mit frühem Schnee
Der nass in die Niederungen herunterzüngelt.

Octopus (Volker Kriegel Mainz Sessions)

Es beginnt entanfangt: die Stöcke
Schlagen Wirbel in die grummende
Grimmige coiffeurumtoste Nacht des Basses
Der Gitarre verirren sich im Wald
Warummuteten wippenden Tonästen
Bis die Stöcke die Hihats erreicht haben
Aus den unwirtlichen Ebenen der Snare Drum
Und doch ist Anfang anders ja doch und im Ende
Eines von Busreifen abgepressten Kreisverkehrs
Aus dem die Gleise ausscheren
In die rotierenden Stöcke dieser
Beginnenden Übernarme: Stecken frisst
Das Feuer auch und Reifen und Luft
Und die Kissen und Vorhänge: und die
Hamster und die angefangenen Ozonbetten
Entspringen den Saiten wie sirrender Gummi:
Es gibt Waldbrände wo Oma wohnt und im Resopalwald
Schmelzen die Sonnenkremküsse des Vibraphons
Tropfenringend hinter den Gorgonzolafarben der Haarscheiden zwischen
Resonanzanfängen und im Hauch der Luft aus dem Bass
Fauchen die Synkopen endlich in die Espresso-Synapsen
Die wie immer in Tassen kommen und die Stöcke
Schürfen aus der Haut einen endlichen Anfang stockend und
Verhockt und bockend und das Zupfen am Zipfel des Waldes hebt die Moorkissen ab
Vom Schnabel: Blaulicht schummert
Und der Bass hat ein Motorkissen aus tränenden
Saugnäpfen in meinem Schoss:
Die Stöcke winden sich um zerstückelte Feuer
Mit ihrem braunen Abend in meinem Allzweckheimer:
Mein Bogen springt auf mitten im Halbton und
Prekärt mich in diese Neonwirbelendlichkeit:
Zischende elektrische Pudding-Fahrten im glukosereichen
Flaschenboden des Lieds: ich bin glücklich
Dass ich genug Patronen habe
Für den Rest der Blätter: und die Stöcke umschlingen
Zerwerfen wieder den Anfang wie am Ende und zurücktaumeln
in die zitternden Becken.

Ich spiele Geige vs. Ja, ich bin Geigenspieler*in

Es ist eine Sache, einer Leidenschaft nachzugeben und nachzugehen. Eine ganz andere ist es dagegen, sich offen und öffentlich zu dieser Leidenschaft zu bekennen.

Bewegst du dich in der ersten Haltung in deiner Komfortzone und kannst dich vor (vermeintlichen?) Übergriffen, Angriffen oder Anfechtungen schützen, begibst du dich mit dem öffentlichen Bekenntnis in eine völlig neue Situation. In dieser Situation lernst du sehr viel über dich als kreative Person und Mensch.

Üben bildet

Doch zuerst zurück zur eigentlichen Ausübung deiner Leidenschaft. Die Kompetenz, die Fähigkeit, die deine Leidenschaft antreibt, muss Zeit und Raum zur Entfaltung haben. Also Übungszeit, Übungsraum. Je mehr Zeit und Raum du dieser Kompetenz einräumst, umso mehr wird sie sich entfalten; umso mehr wächst auch die Leidenschaft mit ihr.

Gleichzeitig ist der Fortschritt nicht garantiert oder vorprogrammiert. Du kannst sehr lange auf demselben «Niveau» verharren und scheinbar keine Schritte hin zu einem «Besser» oder auch nur «Gut» feststellen. Bis diese Schritte alle gleichzeitig und auf einmal eintreten. Oder nach und nach, schleichend.

Wichtig dabei ist aber, dass du weder den Mut noch das Beharren verlierst. Das hat nicht einmal mit dem Glauben an dich oder an deine Kompetenz zu tun. Es geht nur darum, «dranzubleiben». Denn bleibst du nicht dran, verödet deine Fähigkeit, deine Begabung. Nur, wenn du trotz stotternden Fortschritten «dranbleibst», wirst du weiter voranschreiten können. Sogar gegen körperliche oder somatische Hindernisse wirst du dich behaupten.

Üben führt zur Selbsterkenntnis: Lass den Bogen nur hüpfen!

Gleichzeitig wird dir in diesem Lernprozess bewusst, welche echten und nicht eingebildeten Schwächen du hast. Je länger du «dranbleibst», umso deutlicher treten diese vor deine (inneren und äusseren) Augen.

Natürlich kannst du diese davon abwenden, das ist ganz dir anheimgestellt. Doch wirst du so keine Fortschritte machen können. Du bist dann auf Gleichstand, auf Wassertreten eingestellt und musst mit dieser frustrierenden Lage leben lernen.

Selbsterkenntnis heisst in diesem Prozess folgendes: Du lernst diese Schwächen nicht nur kennen und schmerzlich empfinden, sondern entwickelst in der Übung gleichzeitig auch Methoden zu ihrer Überwindung oder wenigstens Einschränkung oder Begrenzung.

So kämpfe ich als Geigenspieler seit meinen Anfängen vor etwa anderthalb Jahren mit dem «hüpfenden Bogen»-Syndrom: mein Bogen hüpft beim Abstrich (meist im zweiten Drittel) unkontrollierbar, was den damit produzierten Tönen ein unsicheres Kichern verleiht. Je mehr ich mich jedoch darauf versteife, dieses Hüpfen zu unterbinden (durch zusätzlichen Druck oder durch weniger Druck auf den Bogen), desto auffälliger wird diese Schwäche. Lasse ich sie jedoch einfach geschehen, verschwindet sie früher oder später aus meinem Aufmerksamkeitsfeld, und tritt vielleicht sogar weniger oft auf. Anders gesagt, die Schwäche hindert mich nicht mehr, sondern vergeht mit der Zeit, weil ich mich auf den ganzen Ablauf (Bewegung und Emotion) des Geigenspiels konzentriere – und somit viel ganzheitlicher unterwegs bin. Erst in diesem ganzheitlichen Ansatz bildet sich durch Übung ein erstes Selbstbewusstsein heraus. Will heissen: Selbsterkenntnis führt zu Selbstbewusstsein.

Auch beim Schreiben: Einsehen und damit umgehen lernen

Ähnlich ist es mit dem Schreiben. In meiner inzwischen 10-monatigen Romanzeit habe ich einiges über meine Begabung gelernt. So stehe ich inzwischen dazu, dass ich zwar einen grossen Wortschatz habe (grösser als die meisten), aber in vielen sehr guten Romanen lese, wie klein er doch letztlich ist, weil ich

  • Wörter noch nie gehört habe (letztes Wort, das ich bei China Miéville («Perdido Street Station») gelernt habe: «Menkenke» für Durcheinander, Chaos, Tohuwabohu) oder
  • Zu wenig beharrlich nach genauen Wörtern suche (letztes Wort, das mir in seiner Genauigkeit gefallen hat, ebenfalls bei Miéville gelesen: «Ufertaschen»).

Diese Erkenntnis treibt meinen Eifer an, noch besser schreiben zu können. Das Lesen von guten Büchern befeuert also die Fähigkeit, ganz wie das andere Autor*innen wie Stephen King zum Beispiel predigen oder raten.

Ich entwickle aus dieser Erkenntnis wie beim Geigenspiel Strategien des «coping», des Umgangs mit den Fehlern und Schwächen. Erarbeite mir Auswege und Umwege, Anderswege und Abwege, die mich dahin führen, wo sich meine limitierte Begabung zu neuen Höhen aufschwingen kann. Und ich entwickle die nötige Bescheidenheit, ohne die du nie Fortschritte machen können wirst.

Das «Outing»: Ein Geiger*in sein, ein Autor*in sein

Aus diesem Prozess heraus erst entsteht der Mut und der Willen, offen zu dieser Fähigkeit, dieser Begabung zu stehen. Im Falle meines Schreibens handelt es sich um letzteres, im Falle meines Geigenspiels sicherlich eher um ersteres.

Dennoch ist dieser Schritt hinaus, vor die Augen und Ohren einer (hoffentlich geneigten) Öffentlichkeit, die auch nur aus Familie und/oder Freunden und Bekannten bestehen kann, fast eine Befreiung.

Eine Art «Outing»: du lernst zu dem stehen, was du in der Übung im stillen Kämmerchen geworden bist. Und zwar, nicht trotz der Fehler, sondern mit ihnen. Und lächelst sie ironisch und liebevoll weg. Dass du sie machst, spornt dich nicht nur an, sondern zeigt auf, dass die Beherrschung einer Fähigkeit, die Entfaltung einer Begabung immer temporär und prekär bleiben wird und muss.

Drama des Aufwachens

I
Deine Füsse ragen noch heute in den Flur hinaus
Was Zeit gewesen war
Verstellt von diesem Zellhaufen
Der im Neonlicht die Schönheit bewies
Aber sie hatten dich genommen
Hatten dich der kalten Luft gegeben
Die dich anfiel und war keine Hülle
Es war keine Hülle und kein ausgeglichenes Taumeln mehr
Der Zellhaufen zuckte verlassen
Arzt und Zeit waren zurückgetreten und du
Nicht nur die Füsse du nahmst
Wahr den Raum in den dein Rabenwort aufflog
Und mit den entgrenzten Fäusten an den Ohren
Kamst du zu mir und dein Rabenwort
Wurde silbern wie dein Speichel und Rotz.

II
Kein Zurück mehr: du dehnst dich aus
Deinen Füssen hinterdrein. Die Zeit hat die Form einer Brust.
Alles ist Licht und Lied. Dein Kopf ist ein Auge:
Grün wie eben noch deine Füsse und die Flure knarren
Unter den Schritten jener
Die dich verlassen und wieder aufgehen
Wie Trabanten über dir:
Dur redest dein Rabenwort über sie
Und dehnst es lang und angelst mit ihm
Dort in ihnen wo nur dein Rabenwort hinlangt
Immer hinlangen wird: tief im Schlaf der Zellen
Ruht dort dein Bild und schliesst
Nackt und grün und verlassen und fast erstickt
Die Zehen draussen im Flur
Um die Bewegungssensoren.

III
Tief im Schlaf und die Fäuste am Ohr:
Die Welt wagt zu atmen.
Versucht erste Laute ohne dich.
Wird nicht mehr aufatmen können für eine ganze Weile.
Du verlässt deine leuchtenden Zellen
Die wie eine Flut in dir rasen und dich wölben:
Daher dein Rabenwort. Du bist
Mitten in der Zeit
Mitten im Raum abgetaucht.
Die Kreisbahn der Räder unter dir gleicht dem vergangenen
Kreislauf des Wassers um dich. Ein Wippen wie
Auf Ästen. Italiener
Laufen mit Zeppelinstimmen
Mit ihrem Fuss am Ball durch deinen Schlaf.
Dann kommt der eine Stein
Das eine Schlagloch und du liegst
Verlassen und heiss in einem Kasten
Ohne Trabant und nur mit deinem Rabenwort
Und alle Zellen verflüssigen sich und dein
Rabenwort ist ein Oxidator. Du stehst im Kaste
Hell wie der Schweif einer Rakete.

Lyrik hassen?

Eine poetologische Stellungnahme zu einem Essay von Ben Lerner

In einem Essay namens «Warum hassen wir die Lyrik?» versucht der amerikanische Literaturwissenschaftler und Autor / Lyriker Ben Lerner Antworten darauf zu finden, warum Lyrik bei «Otto Normalbürger» und sogar bei «Literaturliebhaber*innen» einen schlechten Stellenwert hat. Dabei stösst er auf die Abneigung, den Hass gegen Lyrik.

Als Lyriker bin ich sicher nicht die richtige Person, um objektiv und argumentativ vielfältig auf Lerners Aussage zu reagieren. Dennoch will ich es hier kurz versuchen – und dabei sicherlich auch eine kleine Gegen-Poetik formulieren.

Selbst 11-jährigen Schüler*innen gelingt es, das Erlebte oder Erfahrene „irgendwie“ in Worte zu fassen. Selbst mit ihrem kleinen Wortschatz und ihrer Unkenntnis darüber, was Lyrik ist, gelingt ihnen ein Haiku. Darum geht es ja letztlich immer wieder: um einen Anfang, der deine Fähigkeiten akzeptiert und dich ermutigt, einen Weg zu finden.

Das Gedicht als nie zu erfüllendes Versprechen

Lerners Grundthese stammt vermutlich von seinem «Meister» Grossmann. Dabei handelt es sich um die Theorie vom Gegensatz des «virtuellen» und des «verwirklichten» Gedichts. Das «virtuelle» Gedicht ist die Idealform des Gedichts, nach der alle Lyriker*innen streben. Es entstammt einer Unterwelt, einer Traumwelt, zu der wir als wache, vernunftgesteuerte Menschen keinen Zugriff mehr haben. Das «verwirklichte» Gedicht (Lerner nennt es das «konkrete» Gedicht) dagegen ist das, was die Lyriker*in effektiv zu Papier bringt (oder vorträgt).

Ich glaube sagen zu können, dass dieser Gegensatz jeder Lyriker*in bewusst und nachvollziehbar ist. Dieser Gegensatz zwischen dem «Wunschobjekt Gedicht» und dem «Endprodukt Gedicht» ist vermutlich auch der Grund, weshalb ein Lyriker niemals aufhören kann zu schreiben: seine Gedichte sind immer nur Versprechen, die nicht einzulösen sind, zumindest nicht auf dem Papier oder im Vortrag.

Soweit würde ich Lerner also zustimmen. Die Lyrik, könnte man zusammenfassen, lebt just in diesem Spannungsfeld von Sagbarem und Unsagbarem. Und sie lebt von diesem Spannungsfeld. Anders gesagt: dieses Spannungsfeld ist eine Triebfeder, ein Motor, ein Grund.

Aber hassen…?

Die Aussage, dass «wir» Lyrik hassen, erstaunt mich auch nach der Lektüre des Essays immer noch. Von einem deutschen Literaturkritiker*in kommend, würde sie mich keineswegs erstaunen. Aber von einem amerikanischen?

Für mich ist die anglo-sächsische Lyrik eine Form von Lyrik, die durch Zugänglichkeit, individuellen Ton und Erzählkunst fasziniert und anspornt. Die deutschsprachige Lyrik dagegen ist eine verkopfte, übermetasprachlisierte Angelegenheit, und da würde ich Lerner durchaus zustimmen: wie auch die amerikanische Lyrik handelt es sich dabei um die Ausgeburt von Akademiker*innen. Um die Frucht also von Fachleuten. Daher das Meta in der Lyrik: Selbstreferentialität und Sprachschwurbel.

Immer wieder habe ich das Gefühl, wenn ich «anerkannte» Lyriker*innen lese (oder noch schlimmer: höre), dass hier jemand masturbiert. Und zwar auf hohem sprachlichen Niveau, das niemand ausser Fachleuten und Nerds mehr zugänglich ist. Ich habe diese Form von Lyrik in meinem Blog über den Tag der Poesie 2021 die Sprache von Lyrik-Bürokraten genannt. Diese Aussage finde ich weiterhin zutreffend.

Doch würde ich keinesfalls sagen, deswegen hasse ich die Lyrik. Ich könnte ohne Lyrik gar nicht leben. Wenn ich nicht ständig mit Worten im Kopf herumlaufen kann, die sich auf ein Gedicht vorbereiten, die ich für ein Gedicht aufhebe…, dann verliert mein Leben an Sinn. Und selbst wenn ich vieles nicht liebe, was heute unter Lyrik läuft, so würde ich es doch niemals verachten oder verabscheuen – nur, weil es ein nicht eingelöstes Versprechen ist.

Hassen kann die Lyrik nur jemand, der wirklich zutiefst von ihrer Sinn- und Nutzlosigkeit überzeugt ist, ein durch und durch vernünftiger und quasi algebraischer Verstand – doch zweifle ich daran, dass es so eine Person gibt.

Jeder Ausdruck deiner selbst ist kostbar

Auch Lerner weist darauf hin, dass die meisten Menschen irgendwie davon überzeugt sind, jede*r könnte ein Lyriker*in sein. Das ist etwas, was ich in meiner Arbeit als Religionslehrperson immer wieder erlebe: Wenn ein Kind zu eigenen Worten findet, wenn ein Kind etwas Gehörtes, Erlebtes in Sprache umzusetzen versteht, dann ist das ein grosser Moment.

Es ist deshalb ein grosser Moment, weil unsere Gesellschaft inzwischen weitgehend über Bilder und Filme funktioniert und kommuniziert – und die Sprache vernachlässigt wird. Es ist deshalb ein grosser Moment, weil du als Person erst weisst, wer du bist, wenn du dies ausdrücken kannst.

Und dabei kann es sich dabei um einen durchaus ganz einfachen Satz handeln, ganz ohne Reim und Metrum. Denn Sprache – selbst gefundene Sprache – hilft dir beim Verstehen und letztlich beim Handeln.

Einer der Gründe für die aktuelle Hitzigkeit in öffentlichen Diskussionen ist gerade dieses Reden in Worthülsen: die Benutzung von vorgefertigten Bruchstücken einer Rede.

Wer jedoch selbst sagen und reden gelernt hat, ist über diese Redewendungen, Floskeln und Sprachfetzen hinweg emanzipiert.

Ich glaube auch, dass jede schreibende Person zuerst durch das Dickicht der überkommenen Floskeln und Redewendungen hindurchmuss, um sich zu emanzipieren: um eine eigene Stimme zu gewinnen, den flüchtigen und doch bleibenden Ausdruck seiner selbst.

Die anerkannte Nutz- und Sinnlosigkeit

Lerner erwähnt in seinem Essay auch die stereotypen Diskussionen mit «Nicht-Lyriker*innen». Darin dreht sich vieles darum, warum jemand Lyriker*in ist und ob diese Person veröffentlicht ist. Das erlebe ich auch so. Doch erlebe ich niemand, der Lyrik hasst; Gleichgültigkeit, ja, aber keinen Hass.

Und ich muss Lerner in einem nicht unwichtigen Punkt widersprechen. Denn in den meisten Diskussionen, die ich mit «Nicht-Lyriker*innen» führe, findet selten eine Lächerlichmachung oder Verächtlichmachung meiner Tätigkeit statt. Viel öfter erlebe ich Ermunterung und manchmal sogar Bewunderung dafür. Diesen Zuspruch könnte man in folgendem Satz zusammenfassen: «Es ist gut, dass du dies tust. Denn das fehlt in dieser heutigen Gesellschaft.»

Der Lyrik wird also durchaus auch durch die im «business as usual» versinkenen «Nicht-Lyriker*innen» eine Relevanz und eine Bedeutung zugemessen, auch wenn sich diese nicht unbedingt bis in ihr eigenes Erleben und Empfinden hinein erstreckt.

2 Typen von schlechter Lyrik

Doch lassen wir das müssige Geplänkel hinter uns. Befassen wir uns damit, was der Lyrik einen schlechten Ruf beschert.

Die anerkannten deutschsprachigen Lyriker*innen

Da sind zum einen die anerkannten (ich nenne sie die «institutionalisierten») Lyriker*innen. Ich meine damit die herrschende Elite der Lyriker*innen. Ich habe vor kurzem einen Dokumentarfilm über die Mayröcker gesehen und war zutiefst geschockt, mit was für einer weihräucherigen Achtung diese Person behandelt worden ist. Als wäre sie eine Art Verkörperung der Lyrik, von etwas fast schon Vergeistigtem.

Diese Lyriker*innen sind für das Bild, das in Medien und in den Köpfen der «Otto-Normalverbraucher*innen» herrscht, verantwortlich. Ihre Gedichte sind verkopfte, verkleisterte und germanistisch durchdachte Missgeburten. Hier handelt es sich um die ad absurdum getriebene Sprachonanie. Hier wird nur selten noch etwas so gesagt wie es zu sagen wäre. Persönliches, vergessen denn Privates wird derart «durch die Blume» gesagt, dass das Gedicht einen fast vereisen lässt vor Langeweile.

Gedichte von solchen «Grössen» sind meist abstrakt. So «durchwortet», dass sie weder berühren können noch berührt sind. Es sind Sprachkunstwerke auf dem Weg in das «virtuelle Gedicht», um Lerner zu zitieren: ein Versuch, eine ideale Sprachwelt zu entwerfen jenseits der gebräuchlichen Sprache.

Gewiss hat dieses Vorgehen und Anliegen eine Berechtigung. Doch liebe ich weitaus mehr die direkten, erzählenden, fast schon in Prosa geschriebenen Gedichte aus dem anglo-sächsischen Raum. Dort wird Erlebtes in einer zugänglichen, unverfänglichen Sprache ohne Überbau ausgesprochen.

(Ich nehme mir hier vor, in naher Zukunft zwei Gedichte zu gleichen Themen aus den beiden Sprachräumen zu vergleichen, um dies deutlich zu machen.)

Die beginnenden Lyriker*innen

Dann sind da die Nachwuchs-Lyriker*innen: Menschen, die aus innerer Zerworfenheit, Lebensqualen oder Sinnfragen zu schreiben beginnen. Ihre Gedichte – und das ist bezeichnend für den Zustand der Lyrik – orientieren sich an romantischen, klassizistischen Vorstellungen davon, wie man Gedichte schreibt oder was Poesie ist. Da werden Blumengefässe gefüllt und Hülsenwörter aufgehäuft (von «Liebe» über «Sehnsucht» bis zu «Wunder»).

Sie sind meist noch in der Phase, die ich oben beschrieben habe: durch das Dickicht der Klischees und Floskeln hin zu einer eigenen Stimme. Dass dieser Weg ein mühsamer ist und meistens ein Holzweg, der irgendwann in der Tristesse einer Beliebigkeit endet, steht auf einem anderen Blatt.

Während den einen eine «eigene Stimme» nicht abzusprechen ist, sind die andern noch ohne solche. Beide aber verballhornen die Lyrik auf ihre Art und Weise: die einen durch Überfrachtung, die anderen durch Anachronismus.

Dass vor diesem Hintergrund das in unserem Sprachraum herrschende Bild der Lyrik bestenfalls von Gleichgültigkeit geprägt ist, kann daher kaum erstaunen.

Natürlich hat in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Vulgarisierung der Lyrik durch die vermeintlichen Poeten des Poetry Slams eingesetzt, auch durch deren Arbeit für junge und jugendliche Schreibarbeit in den Schulen ist vieles in der Aussen- und Fremdwahrnehmung verändert worden.

Was sich nicht verändert hat, ist das Jammern über die Lyrik und über den Zustand der Lyrik. In das ich hier ja auch einzustimmen scheine. Doch möchte ich hier gleich wieder abwinken: ich möchte nur für mehr Leidenschaft plädieren! Mehr gute Lesungen, die nur so von Spucke und Verve glänzen, Autor*innen, die ihre Gedichte mit Energie und Freude vortragen. Denn das ist ja das Schlimme im deutschen Sprachraum: die Autor*innen sitzen bei ihren Wassergläsern und murmeln wie die Pfarrer in den Kirchen etwas in ihre Mikrofone, als schämten sie sich ihrer Worte. Da wünschte ich mir mehr Lyriker*innen, die sich inszenieren können – und wollen. Dafür aber haben die meisten zu grosse Hemmungen, weil sie die Gleichgültigkeit kennen, die ihnen entgegenzuschlagen droht; zu grosse Hemmungen, weil sie nicht wirklich an ihren Auftrag und an ihre Verantwortung glauben. (Ausgenommen die «Institutionalisierten»: die tingeln weiterhin von Wasserglas zu Wasserglas mit ihren Pfarrerstimmen und schöpfen aus den Stiftungs-Töpfen.)

Wir brauchen mehr Lyriker*innen wie Jörg Fauser oder Henry Bukowski, könnte man mein Argument zusammenfassen. Keine Besitzstandsverwalter, sondern energische, leidenschaftliche Pioniere und Abenteurer. Denn nur wer nicht «institutionalisiert» ist, kann wirklich «aus dem Leben» sprechen. Um mit Lerner zu sprechen:

Für die Avantgarde ist das Gedicht eine imaginäre Bombe mit echtem Schrapnell: Es sprengt die Kategorie der Dichtkunst und dringt in die Geschichte ein.

Lerner, 47

Das Individuum spricht das Universelle am besten aus

Doch zum Abschluss zu was anderem. Lerner referiert, so ich ihn recht verstehe, klassische und fast schon klischierte Vorwürfe der «Gedicht-Hasser*innen», die dem «subjektiven, zutiefst persönlichen Gedicht» die Fähigkeit absprechen, «authentisch jeden einschliessen zu können», weil damit «Besonderheit als Universalität» ausgegeben würde (Lerner 71 f.). Diese Aussage tätigt er vor dem Hintergrund der sozialen Ungleichheiten, die in Amerika auch mit dem Begriff «race» verbunden sind.

Verkürzt gesagt, stellt er im Zuge der Auseinandersetzung mit dieser Kritik am Universalitätsanspruch eines lyrischen Werks die Frage, ob die Dichtung eines schwarzen Mannes oder einer lesbischen Latina Anspruch auf Universalität hat.

Seine Argumente erscheinen mir ziemlich schwammig, aber ich glaube, letztlich behauptet er, eine Universalität lyrischer Aussage sei nicht realisierbar:

… aber die Hasserinnen sollten aufhören, so zu tun, als hätte irgendein Gedicht jemals erfolgreich für alle gesprochen.

Lerner 74 f.

Wie ist das nun mit der Universalität?

Nach dieser Aussage stellt sich für mich die Frage, ob meine bisherige Haltung gegenüber der potentiellen Universalität lyrischen Sagens noch gerechtfertigt ist. Ich will daher meinen Gedankengang nochmals nachvollziehen:

  • Am Anfang eines Gedichts steht ein Gedanke oder ein Gefühl.
  • Um diesem Gedanken Ausdruck zu verleihen, musst du durch das Dickicht des gewohnten Sprachmaterials hindurchwaten und hindurchfinden. Dich davon befreien.
  • Dabei behältst du das, was du sagen willst, was du dir zu sagen vorgenommen hast, fest im Auge. (Siehe dazu: «Gedichte schreiben: Es»)
  • Du verschränkst dich mit deiner eigenen Sprachwelt, tauchst ab in deine äusserste Sprachfähigkeit. Dabei bemühst du dich um Wahrheit und Aufrichtigkeit, um dem Gefühl oder dem Gedanken gerecht werden zu können.
  • Aus der Sprachwelt auftauchend, schreibst du dein Gedicht: mit den dir eigenen Metaphern und Manierismen, den dir eigenen Wortvorlieben und grammatischen Verdrehungen.

Und an diesem Punkt wird es heikel, weil der Schöpfungsprozess sich nur bedingt kontrollieren lässt. Ich würde behaupten, dass bei äusserster Bemühung um Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ein Gedicht entsteht, das «anschlussfähig» ist. (Entschuldigung für dieses «akademische», «germanistische» Unwort, doch erfüllt es hier überraschend seinen Zweck.) Will heissen, und zwar selbst wenn du das Gefühl oder den Gedanken gar nicht aussprichst, wird die Leser*in die Energie, die Dringlichkeit des Gesagten spüren und – in gewisser Weise – das gleiche fühlen können wie du.

Der russische Autorenfilmer Tarkovski hat einmal sinngemäss gesagt, seine Filme kämen trotz seiner Komplexität und Metaphernüberfrachtetheit beim Publikum an, weil er selbst von ihren Bildern getroffen werde. Und wenn er von diesen Filmen gerührt werde, gehe er davon aus, dass dies auch anderen Menschen passiere. Er hat in dieser Aussage – ich glaube, es war im Rahmen eines Interviews – das Gefühl als das Universelle behauptet, und das Gefühl kannst du – so du noch fühlst oder zu fühlen bereit bist – jederzeit erkennen, wo immer du es antriffst. Und selbst wenn deine Liebe eine andere ist als jene von Romeo und Julia wirst du das gleiche Herzreissen spüren wie dein Nachbar.

Doch mit dem Gedicht passiert dies in meiner Erfahrung nur, wenn du dein Schreiben in aller Ehrlichkeit und Radikalität und mit der nötigen Hemmungslosigkeit betreibst. Und wenn du dein Schreiben nicht verzierst, nicht verbrämst, nicht versteckst hinter Worthülsen oder Wortdrechselei. (Auch mir passiert dieses Drechseln immer wieder; das kommt von der intensiven Beschäftigung mit der Sprache und ist vermutlich nur allzu-menschlich.)

Deshalb sind oft die einfachen und lexikalisch schlichten Texte am treffendsten und verletzen und erreichen uns am direktesten.

Victor Hugo in Helsinki-Vantaa

Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Poesie hat sich vor vielen Jahren im Flughafen Helsinki-Vantaa ereignet. Ich hatte damals gerade meine Victor-Hugo-Phase und las dauernd in seinen «Contemplations». Ich war von Zürich herkommend nach Tallin in Estland unterwegs und sass wartend im Transit des Flughafens.

Eine finnische Familie mit einem offensichtlich maghrebinischen Vater und einer offensichtlich finnischen Mutter tummelte sich nicht weit weg von meinem Sitz. Die Kinder streunten neugierig herum und spielten Fangen. Auf einmal erblickte der Mann den Titel meines Buches und kam auf mich zu. Er sprach mich auf Französisch an – eine Sprache, die ich hier im Norden am wenigsten erwartet hätte. Was ich denn von Hugo läse. Ich zeigte ihm das Titelblatt meines Buchs. Ah, die Contemplations! Und er rezitiere fast flüsternd einen Vers, den ich heute nicht mehr wiedergeben kann.

Darauf entspann sich zwischen uns ein fast freundschaftliches Gespräch, bis ihn seine Frau zu sich rief, weil ihr Abflug ausgerufen worden war. Er erzählte mir von seinem Leben im Norden, der Nüchternheit der finnischen Menschen, von ihren kontrollierten Gefühlen, von ihren Vorurteilen auch. Er war glücklich, jemand aus «seinem» Kulturkreis gefunden zu haben – und mit ihm für kurz die Leidenschaft für einen Lyriker teilen zu können, der quasi zur französischen Sprache gehört wie der Accent aigu.

Wenn ich also bei Lerner lese:

Wenn mich mein Sitznachbar in einer Warteschleife über Denver zum Singen auffordert, ein Gedicht von mir verlangt, das Touristenklasse und erste Klasse zu einer Gemeinschaft vereinigt, dann kann ich das nicht.

Lerner, 17

Wenn ich das lese, kann ich nur widersprechen. Denn selbst wenn Menschen wissen, dass ein Gedicht immer an seiner Potenzialität, an seiner «virtuellen» Kraft ersticken muss, so vereinigt sie doch das Wort, das gesprochene oder gesungene Wort: selbst wenn ich nur aus der Perspektive der Holzklasse spreche, so «singe» ich doch von allen – denn alle fühlen das gleiche. Und wenn ich dein Gefühl auszudrücken vermag, auch nur annähernd sagen kann, was du vielleicht fühlst, dann habe ich dich erkannt, anerkannt und ausgesprochen. Das hat nichts von einer «Peinlichkeit und ein(em) Vorwurf»: Lyrik spricht zu allen.

Und wer noch Probleme hat, lieber Herr Lerner, mit seinem Verständnis als Lyriker*in, wer noch schwankt zwischen Peinlichkeit und Hemmung, der ist vermutlich noch kein Lyriker*in. Denn nur wer sich eingerichtet hat in dieser Erdspalte zwischen den Orten «Nutzlos» und «Sinngebend», wer eingesehen hat, dass das Singenkönnen eine Aufgabe ist, die herkömmliche Erwartungen und weltliche Ansprüche auf Erfolg und Ruhm oder Verdienst übersteigt, nur dieser kann sich wirklich «Lyriker*in» nennen.

Denn wenn du bereit bist, an einem nie zu erfüllenden Versprechen zu arbeiten, dann bist du bereits an einem Ort, wo das «Echte» ist oder sein könnte.

Nicht meine Mutter

Du bist nicht meine Mutter
Dein Name wird anders unter den Glocken
Deine ganze Gestalt verjüngt und zugespitzt
Und die Spritzer des Weihwassers schmecken
Halb und halb nach Öl und Kolostrum
Und die Rüstungen gleissen im Morgenlicht
Und die nah gerückten Partkettriemen riechen nach Sirup und Streit
Wie ein vorgestreckter Kopf ohne Haar

Du bist nicht meine Mutter
Das wird klar: von der Kirchturmspitze
Bis in die Güllengrube ändert sich vieles
Und dein Name wird blauer mit jedem Wort
Deine Augen gleichen nicht mehr James Stewart
Deine Hände sind keine Zelte in der Wüste mehr
Und selbst dein Vater mit seinem Musterkoffer
Zerfliesst unter den Rufen auf dem Pflaster wie Butter

Herbstanfang

Du führst mich in unsre windige Standt zurück
Die Berge wölben sich wie Brauen über den Himmel
In der Fromagerie blähen die Ziegenkäse ihre Backen
Die hängende Unterlippe der Schwimmhalle fällt auf die Trödelstände
Und als meine Mutter stehst du über einem Bohnentopf und fürchtest
Die langen Kabel des Bügeleisens und im verkehrsreichen Mittag
Setzt du mich an den Ausgang des Parks
Um in den engen Gassen
Die es in unserer Stadt nicht gibt
Nach einer letzten Spur von unserer Wohnung zu suchen
Und unser Sohn
Geschrumpft oder verkümmert
Hat das Lesen verlernt und hängt mit seinem Schinkengesicht
Über dem Wort «boshaft» und kann es nicht lesen
Kann es nicht lesen oder sagen und du
Kommst zu mir und zeigst mir deinen mondblauen
Unterleib mit seiner grinsenden Narbe
Und machst dich unten herum frei
Mitten in der windigen Dämmerung in unserer Stadt
Und ich denke noch einmal werde ich wissen
Wie du schmeckst ein letztes Mal
Nach langer Zeit das letzte Mal.

Gedichte schreiben: Aus einem Gedicht ausbrechen wollen

Quelle des Bildes Von wpopp – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16431

Das Anspruchsvollste im Gedichteschreiben ist sicherlich das Beenden eines angefangenen Gedichts, das du für einen, für zwei Tage liegen gelassen hast.

Genau wie das Redigieren und Korrigieren, der Feinschliff eines Textes eine der schwierigsten Arbeiten darstellt, die ein Schreibende*r unternehmen kann: Klarheit gewinnen und Abrundung, Abschluss («closure») kann ganz schön unter die Haut gehen. Soweit, dass ein Text dabei manchmal einfach sterben muss.

Du hast mit dem Gedicht angefangen, du hast klare Vorstellungen gehabt, vielleicht sogar – so wie es mir passiert ist – eine Gedichtform, die metrische Präzision verlangt. Und metrische Vorgaben sind immer Grenzen, die du innerhalb der Grenzen zu sprengen versuchen musst. Sonst klingt dein Text steif und abgestanden, nicht gegenwärtig. Sonst ist das, was du sagen willst (oder sagen könntest), verschüttet in Kunstfertigkeit.

So habe ich mich am Freitag an ein Gedicht namens «Die ungeteilte Leidenschaft» gesetzt, das ich am vergangenen Dienstag begonnen habe. Es ist in der Form einer Sestine abgefasst. Ich habe am Dienstag und am Mittwoch erfolgreich daran fortgeschrieben. Wenn ich auch am Mittwoch in ein grösseres Schreibformat (von A5 zu A4) wechseln musste, um die Gesamtkomposition im Auge zu behalten. Donnerstag fand ich keine Zeit, daran weiterzuschreiben.

Am Freitag nun habe ich mich am Rand des Tennisplatzes im Margrethen hingesetzt und versucht, den Faden dort aufzunehmen, wo ich ihn fallen gelassen habe. Doch trotz einstündiger Bemühungen bin ich keinen einzigen Vers weitergekommen. Das Thema der Leidenschaft für die Poesie schien mir im Gedicht plötzlich eingeengt, metrisch und durch die Gedichtform, aber auch durch die sprachliche Einstimmung des Gedichts. Als habe der Geigenbogen zu wenig Kollophonium, oder als habe die Hand, die ihn führte, jegliche Feinmorotik für diese so schwer zu erlernende «anklebende», aber nicht anpressende Leichtigkeit-Bestimmtheit der Bogenführung verlernt.

Darauf habe ich versucht, aus dem Gedicht auszubrechen. Meistens sind die ersten paar Wörter oder Sätze gut und richtig, wichtig und prägnant. Doch auch dieser versuchte Ausbruch aus dem Gedicht – auch das Weglassen der Form – halfen nicht. Der Gesang, den ich gehört hatte, der mich ins Gedicht getragen hatte, war verstummt. Das ganze Gedicht starb unter meinen Händen, so könnte man es sagen. Entmutigt liess ich es bleiben.

Doch die Stimmung, die Ansicht, die mich ins Gedicht getrieben hat, diese Haltung ist nicht weg. Sie sitzt in meinen Schulterblättern und wartet darauf, dass eine gewisse Zeit vergangen ist, köchelt ihre Suppe in meinem Unterbewusstsein und wartet auf ihren Moment. Ich lasse also einige Zeit verstreichen und setze neu an. Diesmal war das Ausbrechen keine Lösung. Vielleicht braucht das Ausbrechen noch einige weitere Vorbereitungszeit, einige Tipps von andern Insassen, einen helfenden Abbé Faria.