Gubaidulina

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Brummen kaum
Anwerdendes Nachmittagskauen
In die halbe Wachheit des Zorns
Ein Rachen harschen Schnees
Und das Bisschen nichtswürdiger Saiten
Unbegründete Sanftmut
Meineidige Vergangenheit
Stabilisiert in den Toren von Salamanderkehlen
Pfotenweiche Sättel
Auf den aufgeschobenen Käfigen
Von Drohungen und Beschleunigungen
Inmitten von nirgendsfüssigen Koriandergebeten
Am grundlos absteigenden Wall der Gleichmut
Und erwarteten Unterdrückung
Ratten von Ketten kaum
Über den ausgeborenen Nachmittagskefen
Sirrende Gegenwart aus nussigem Unterwurf
Das anfängliche Mähen von Bergkerben
Unter den angewandten Zapfen aus Zahl und Verständnis
Pfeifende Selbstverwendung im Angesicht des fallenden Reihers
Söldner-Geplänkel im Abschatten der Würde
Die soliden Fähigkeiten der Menschen ohne Kindreste
Ein Fisteln kaum
Inmitten der verhärteten Wurzeln
Ein aufprallender Aufklang der Freude.

Holy Diver

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Sie brachte ihm die Krawatte. Sie hatte die Krawatte schon gebunden. Sie wusste, er mochte Krawatten nicht.
Er dachte nicht „gebunden“, er dachte „geschnürt“. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit dem Schnüren einer Krawatte um den Hals eines Mannes.
Sie würde nicht mitkommen. Sie kam nie mit. Sie hatte gesagt, sie schäme sich. Sie schäme sich nicht für ihn, sie schäme sich für seine Familie vor ihm. Ihr sei die Heiterkeit zuwider, in der sie sich wälzten wie Schweine im Schlamm.
Sie benutzte oft solche Vergleiche. Sie sagte, sie meine nicht ihn, nicht ihn meine sie damit. Er konnte es an ihren Augen sehen, die schmaler wurden, wenn ihr widersprochen wurde. Sie meinte ihn auch. Natürlich meinte sie ihn auch. Ihre Augen waren brauner, wenn sie solche Dinge sagte.
Ihre Hände waren angenehm kühl, als sie seinen Kopf zu einem trockenen Kuss heranzog. Sie lagen leicht und kräftig und klamm an seiner Halsschlagader. Ein warmes Zucken ging durch seinen Körper.
So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem widerstrebenden Zucken vor einer Frau.
Sie begleitete ihn an die Türe. Er griff nach seinem Schlüsselbund. Sie legte ihre Hand auf seine Greifhand.
Nein, sagte sie. Du kannst doch nicht mit dieser Klapperkiste dorthin.
Es ist mir egal, was sie denken, sagte er.
Ich weiss, was sie denken, sagte sie, ich will nicht, dass sie das denken.
Sie hatte seine Hand losgelassen. Mit der anderen Hand hielt sie ihm ihren Schlüssel hin. Der mit der Hasenpfote.
Du trinkst einfach nichts, sagt sie und tritt nahe an ihn heran, trinken tun wir dann, wenn du zurück bist.
Sie gab ihm einen Kuss, der ein Versprechen von Feuchtigkeit enthielt, fast ein Stück Zunge. Dann drehte sie ihn mit einem leichten Lachen um, zupfte seine Weste in seinem Rücken zurück. Er drehte sich nochmals um.
Nun geh schon, das wird schon klappen, sagte sie.
Er trat hinaus auf den leuchtenden Vorplatz. Es war ein kühler Morgen im Spätsommer. Die beiden Wagen standen wie feuchte Käfer hintereinander auf ihren Plätzen. Heute würde er den roten fahren. Sie wollte das so. Nicht den beigen Ascona, den roten Porsche.
Jetzt war er erregt. Er hatte jetzt einen Panzer, ein Schild für diesen Tag. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem Schutzschild, mit einer blendenden Larve.
Der Motor röhrt. Der Motor erschüttert seinen ganzen Körper. Es ist ein Gefühl von Freiheit und fast von Macht. Das Leben ist ganz einfach.
Ganz einfach und gut zu überblicken, wie diese herrlich unebene Landschaft. Die langen Kurven wie eine Einladung. Die Steigungen wie eine Hand auf der Schulter, die sagt, du gehst zu schnell. Die Ausblicke wie das Versprechen von Hüften.
Er fährt, und es ist einfach, nichts zu denken. Nichts zu denken, denkt er, den Ellbogen im offenen Fenster, das können nicht alle.
Er sieht das Gesicht seiner Mutter vor sich. Ein gütiges Gesicht. Mit trauriger Güte, in jeder Runzel rinnt die Güte und Wärme, aber auch die Sorge und Angst. Es war immer einfach für ihn, das zu sehen. Die von der gütigen Sorge in Schach gehaltene befürchtende, voraussehende Angst. Auf dem Gesicht seiner alten Mutter, einem Gesicht, das einmal wie diese Landschaft im Frühling war, mit den violetten Dolden der Kartoffeln im Tal und dem schmerzvollen Glanz von Raps am Sonnenhang.
Er fährt und liest die Namen der Dörfer auf den Schildern. Das Ende der Fahrt kommt schneller näher, als er wünscht. Er biegt ab, nochmals hinauf und nochmals hinunter. Einen Moment kann er sich glauben machen, er tue das nur wegen der Namen. Um Boswil zu lesen, dann Bünzen, dann Besenbüren, dann in der Ebene, vor dem Fluss, Werd.
Er steigt aus und wirft die Türe hinter sich zu. Er geht auf die Gartenwirtschaft zu. Er versucht einen Gang, der dem Rot und den Pferdestärken des Wagens entspricht. Es gelingt ihm fast. Er hat fast gelächelt.
Er setzt sich in die pralle Sonne, auch wenn er seine Sonnenbrille vergessen hat. Die Kellnerin fragt ihn, ob sie einen Schirm aufspannen solle, weil er zu ihr hinaufblinzelt. Einen Moment denkt er, weshalb blinzele ich nur immer zu Frauen hinauf. Er bestellt ein Dreierli Roten.
Die Kellnerin bringt die kleine Karaffe und schenkt ein. Da sie stehen bleibt und nicht weggeht, schau er (blinzelnd) zu ihr auf. Ja?
Sie sind mit dem Porsche gekommen, gell? fragte die Kellnerin. Sie sagte, „Porsch“.
Er grinste mehr wegen der Sonne als wegen der Frage und sagte, Ja.
Weil ich glaube, sie haben die Musik abzustellen vergessen.
Oh, das tut mir leid, sagte er und stand bereits.
Weil sie ist ein bisschen laut, sagte die Kellnerin in seinem Rücken.
Er trat auf den Parkplatz und hörte die Musik. Am liebsten würde er sie eingestellt lassen. „I can go away, I can leave here“, sang er mit. Er drehte den Knopf, das Rumpeln und Donnern verstummte sofort.
In der Sonne hatte sich der Wein im Glas erwärmt. Er nahm einen grossen Schluck und staunte über die warme Bitterkeit, den Geschmack von Heidelbeeren.
Warum habe ich gesagt, es tue mir leid, fragte er sich. Es tut mir gar nicht leid. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einer Entschuldigung, die du schon vor deiner Ankunft schuldest.
Jetzt hatte er es plötzlich eilig. Er goss sich ein, nahm noch einen Schluck, goss den Rest ans Tischbein. Er erhob sich und merkte den Alkohol, der den leeren Magen aushebelte. Langsam zog er sein Portemonnaie und stellte fest, dass sie ihm einen Fünfziger und einen Zwanziger eingesteckt hat. Er legte den Zwanziger unter das Glas und ging.
Er wendete im Kies, das spritzte. Er war wütend. Im Rückspiegel sah er die Kellnerin aus der dunklen Gaststube herauskommen, in der erhobenen Hand hatte sie sein Wechselgeld. Er gab Gas. Er wird viel zu schnell in Bremgarten sein, viel zu früh. Noch vor dem ersten Bruder.
Er parkierte zuerst vor der Migros. Er stieg wieder ein und fuhr die Gartenstrasse hinunter. Vor dem Haus stellte er den Wagen aus Trottoir. Die Läden im zweiten Stock waren schon gegen die Sonne geschlossen. Er ging die Treppe schnell hinauf. Er hoffte, er sieht zuerst seine Mutter.
Sein Vater sass auf dem Hocker im Eingang und liess sich die Schuhe binden. Er begrüsste ihn, sein Vater grunzte als Antwort und sagte: Ah, du kommst auch!
Seine Mutter hob sich schwerfällig hoch und packte seinen rettenden Hals und gab ihm feuchte, fast klatschende Küsse auf seinen heissen Wangen.
Schön, so schön, dass du kommst, mein Schatz, sagte sie ausser Atem und blickte prüfend an ihm hinauf und hinunter. Doch bei ihr tat das gar nicht weh.
Du bist der erste, sagte sein Vater im Rücken der Mutter mit dem immer noch gleichen Ärger in seiner Stimme.
Er kannte diesen Ärger. Er muss sich jedes Mal sagen, dass der Ärger nicht ihm gilt, sondern auf den Vater zurückschlägt. Der Ärger meinte den Vater, das wusste er.
Ich kann euch hinfahren, sagte er, bevor nachgedacht hatte.
Gut, wir sind sowieso zu spät, weil die Marie sich schön machen musste, sagte der Vater. Er langte ihm unerwartet an die Krawatte und richtete sie. Er machte ihm auch den obersten Knopf zu, den er nach den ersten Minuten Fahrt geöffnet hatte.
So, jetzt siehst du nach was aus, sagte der Vater.
Ja, du siehst gut aus, Heinz, sagte die Mutter.
Zusammen stiegen sie die Treppe hinunter. Der Wagen stand am Trottoir wie eine Bisswunde im Fleisch des Tages.
Der Vater stiess sein Keckern aus.
Da passen wir ja gar nicht hinein, sagte der Vater.
Gut, dann fahre ich mit Mama allein, sagte er, und es war kein Vorschlag mehr.
Ich kann auch hinten sitzen, sagte seine Mutter.
Du sitzt vorne, sagte er, wenn Fritz mitkommen will, kann er hinten sitzen.
Er nennt ihn Fritz. Das war Teil der Abwehr, das violette Rückenschild seines Panzers.
So fahren sie die hundert Meter zum Stadtkeller. Der Vater ging zu Fuss.
Er parkierte den Wagen im Schatten, ein wenig weiter hinten in der Gasse. So würde das Rot nicht so auffallen.
Eine Kellnerin kam ihnen entgegen und nahm seiner Mutter ihr oranges Jäckeln ab. Sie begleitete sie in den Saal, wo die Weingläser auf den weissen Tischtüchern im Gegenlicht glitzerten. Die Decke tanzte ein wenig vom Licht, das vom Fluss heraufkam.
Sie waren nicht die ersten. Doch das war schlimmer. Die Brüder waren schon da und redeten bereits laut durcheinander. Er hatte das Gefühl, der Mut vom Wein sei schon verdunstet. ER spürte seine Beine, die ihn zuverlässig trugen.
Er absolvierte die Begrüssung wie ein Mann, der er nicht war. Das Schulterklopfen, das Einatmen der Aftershaves, die aufmunternden, vermeintlich gut gemeinten Worte, die sie einander sagten. Er fand sich schneller zurecht, als er gedacht hatte. Er war zu lange schon in dieser Lüge eingekleidet gewesen, um jetzt ganz herausschlüpfen zu können.
Jemand reichte ihm ein Sektglas, das er schnell austrank. Er hatte seine Mutter verloren, denn jetzt kamen immer mehr Menschen. Er fühlte Benommenheit und Scham, ein dummes Lächeln zur Begrüssung, zur Abwehr. So beginnen Familienfeste, dachte. Mit der Scham, die dich in die Lüge treibt.
Er setzte sich schnell neben seinen jüngsten Bruder. Das war der sicherste Platz für ihn. Denn der Goldjunge der Familie hatte selten die Geduld, auf Fragen nach seinem Erfolg zu warten. So war das auch heute. Danke, Erich, dachte er.
Er winkte einer anderen Serviertochter, die mit einem Tablett voller Sektgläser durch die lachenden, lärmenden Gruppen ging. Auch dieses Glas war schnell ausgetrunken.
Der Vater kam zu den Brüdern und begrüsste sie mit seinem klein machenden Holzfällerwitz. Sie lachten alle schallend wie ferngesteuert. Der kleine Vater tätschelte ihm den Kopf, wie er das bei den Brüdern getan hatte. Doch er blickte ihn nicht an und sagte nichts.
Bisher lief es ganz gut. Er hatte noch nicht Auskunft geben müssen. Er hoffte, die Mutter fände keine Zeit mehr, um ihn auszufragen. Denn ihr könnte er nichts erzählen.
Nicht, dass er seinen Sohn schon mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Nicht, dass er schon wieder keine Anstellung hatte. Nicht, dass es ihm sehr gut ging und er verliebt war in eine Frau, die nichts anderes von ihm wollte als ihn.
Er hörte seinem Bruder nur mit einem Ohr zu. Das Lächeln, das auf seinem Gesicht war, passte gut zu einer Geschichte über behördliche Hindernisse beim Bau eines Swimmingpools im eigenen Garten. Er hatte die Villa an der Zugerstrasse bei der Einfahrt ins Dorf gesehen. Ihr zuckriger Mittelmeerstil passte gar nicht in dieses ernste Dorf. Sie sprach von sozialem Aufstieg. Ganz anders als das Gebäude, in dem er nun wohnte. Vielleicht sollte er davon erzählen.
Sein Lächeln wurde breiter. Er hatte den Stoff gefunden, den sie brauchten. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Lügen, die man zu glauben vorgibt. Er würde ihnen wenn nötig den Stoff geben, den sie brauchten. Doch vorerst wollte er so tun, als hörte er zu.
Sie sassen jetzt an der langen Tafel. Der jüngste Bruder hatte seiner Mutter in einer guten, rührenden Rede gratuliert. Der Schwager hatte ein selbst gemachtes Knittelgedicht vorgetragen. Alle löffelten Suppe. Es war stiller geworden. Es machte „chlup, chlupp“.
Er liess sich gerne nachschenken. Der Wein war kühl und rann leicht die Kehle hinunter. Fast könnte man vergessen, dass es sich um Gift handelte, dachte er. Er merkte plötzlich, dass er in der Mitte sass. Rechts und links wurde geredet, aber nicht mit ihm. Er lächelte einem Gegenüber zu, das seine Schwester ist. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Tischen, die gerade breit genug sind, damit ich mein Gegenüber anschreien muss, um verstanden zu werden.
Er stand auf. Fast hätte er den Stuhl umgeworfen. Er schaute prüfend in die Runde. Seine Blicke trafen sich mit jenen eines Jungen am Ende des Tisches, wo alle Kinder sitzen. Der Junge hatte das Alter seines Sohnes. Der Junge blickte ihn durch seine riesigen Brillengläser an.
Er wandte sich ab und suchte die Toilette. Einen Moment für sich sein, dachte er. Im Spiegel an den Augen erkennen, dass sie die eigenen geblieben sind.
Der Junge mit der Brille hat an der Türe gewartet. Der Junge mit der Brille hatte ihn abgepasst.
Er schaute zu ihm hinunter und hätte fast etwas gesagt wie: „Hast du dich verlaufen, Kleiner?“ Aber der Junge mit der Brille hatte ein Anliegen.
Wo ist Robert? fragte er.
Robert? Er konnte nur zurückfragen vor lauter Überraschung.
Robert ist doch dein Sohn, oder? fragte der Junge, als schnappte er nach Luft.
Ja, Robert ist mein Sohn, antwortete er. Er dachte, so unsicher habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Und er fühlte sich ja dauernd unsicher. Aber vor einem Kind, aber von einem Kind?
Wo ist er also? Ist er nicht mitgekommen?
Nein, er ist nicht mitgekommen.
Bist du ganz allein da?
Er antwortete nicht, konnte sich nicht bewegen.
Ich bin auch ganz allein hier, fuhrt der Junge mit der Brille fort, ich habe gedacht, ich könnte mit Robert reden und spielen. Er ist ein Freund von mir.
Es war zu spät für eine Flucht.
Robert hat sich heute nicht so gut gefühlt. Ich glaube, er ist ein wenig krank, hörte er sich sagen und spürte die Röte in seine Wangen schiessen.
Krank? fragte der Junge, ist er krank? Wieso ist er krank? Was hat er für eine Krankheit?
Es ist nichts Schlimmes, eine Grippe oder so, sagte er schnell und fügte hinzu, aber du kannst doch mit deinen Cousins reden und spielen, nicht wahr?
Die sind langweilig, sagte der Junge und wandte sich ab, um zu gehen.
Die beiden gingen hintereinander zurück in den Speisesaal. Die Ähnlichkeit war für Augenblicke nicht zu übersehen, aber bemerkte es. Der Vater rief einem seiner Söhne eine gut gemeinte Beleidigung zu, und der ganze Tisch brach in Lachen aus.
Die Krawatte sass gut. Die Krawatte sass richtig. Das konnte er an den freundlichen Augen seiner Schwester sehen. Die Augen waren auch ein wenig erstaunt. Bei seiner Schwester hatte er nie gewusst, ob sie beleidigt war oder erstaunt. Er hätte es gerne gehabt, wenn sie nicht beleidigt gewesen wäre. Er versuchte, ihr zuzulächeln. Sie blickte woanders hin.
Er fragte sich, warum alle Frauen dieser Familie sich so gerade hielten am Tisch. Immer kurz vor dem Aufspringen, vorm Davonlaufen. Oder ein letztes Bisschen Würde, das nichts kostete.
Er bemerkte den Teller mit der Hauptspeise. Ein Fisch, ein Häufchen Reis und zerhacktes Beigemüse. Alles schon kalt, vermutete er, kalt und geschmacklos. Er hatte ein wenig Abscheu und stocherte den Fisch auseinander, als seien die zarten Gräten darin die herausgelösten Sprossen einer Leiter, die ihn wer weiss wohin geführt hätte.
Es wird immer so schnell kalt, nicht wahr? sagte die Stimme seiner anderen Nachbarin, der Österreicherin.
Er nickte ohne Blick und ohne ein Wort. Er lächelte. Die zwei schwächsten Glieder der Familie hatten sie nebeneinander gesetzt, die Ausländerin und den verlorenen Sohn. Das rührte ihn derart, dass er sich ihr brüsk zuwandte. Er hatte beschlossen, sich zu üben.
Der Fisch ist pampig, der Reis ohne Geschmack und das Gemüse ist zerkocht, sagte er mit einem Frageton.
Sie war ein wenig erschrocken darüber, dass er wirklich mit ihr sprach. In ihren braunen Augen blitzte eine kleine Angst auf.
Ja-a, sagte sie gedehnt. Sie musste neu ansetzen, weil etwas in ihren Hals geraten war: Man hat dich schon lange nicht mehr gesehen, sagte sie, und auch sie klang, als fragte sie.
Ja-a, sagte er da auch. Ob sie merkte, dass er sich lustig über sie machte? Sie blinzelte erschreckt und sagte: Man weiss ja gar nicht, was du treibst.
Diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Feststellung. Aus der Tiefe der Familie. Jetzt musste er auch etwas sagen. Sie war errötet darüber, was sie da gesagt hatte. Doch die Röte verging schnell zwischen all den Sommersprossen in ihrem Gesicht. Die Sommersprossen machten es einfach, ihr zu vergeben, merkte er.
Was ich treibe, wiederholte er ihren Satz. Er schaufelte ein Stück vom Fisch auf seine Gabel, um Zeit zu gewinnen. Er zerkaute es wie Salatblätter. Sein Blick begegnete ihrem erstaunten Kinn. Es war scharf wie das Fischmesser, mit dem er geschaufelt hatte. Der Fisch schmeckte wie Löschpapier. Er musste sich konzentrieren. Er hatte wieder ein bisschen Abscheu auf der Zunge.
Was meinst du denn mit „treiben“? fragte er und kratzte ein abtrünniges Reiskorn vom Tellerrand. Er achtete darauf, dass das Messer nicht kreischte auf dem Porzellan. Er wollte nicht Vaters Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das war seine ganze Kindheit gewesen, die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich ziehen.
Naja, sagte sie leise, was du so machst. Was du arbeitest, wie es dem Robert geht, der Judith… Sie verstummte.
Jetzt quietschte er doch mit dem Messer auf dem Teller. Aber niemand bemerkte es, nicht einmal seine Nachbarin. Ihre braunen Augen waren auf ihn mit einer fast schwesterlichen Wärme gerichtet.
Gut, sagte er lauter als gewollt. Ein Blick seiner Schwester auf der anderen Seite des Tischs traf ihn, wässerig und kühl.
Ja, gut, wiederholte er, ich meine, du weisst schon, dass wir geschieden sind.
Sie nickte, als habe sie sich verschluckt.
Ja, und da muss ich Alimente zahlen, sagte er und erschrak, ist ja klar. Aber ziemlich hart. Ich habe mich ja selbstständig gemacht.
Er hatte sein Besteck weggelegt. Ihr „Oh“ sah er auf dem schimmernden Besteck und im leeren Weinglas. Er hatte nicht einmal eine schwere Zunge.
Es läuft gut, sagte er zum Besteck, es ist nicht viel Arbeit.
Und den Robert siehst du am Wochenende? fragte sie.
Was ihr nur mit dem Robert habt, ihr alle, sagte er, ja, hin und wieder. Judith sieht es nicht so gerne. Ich glaube, sie hätte lieber, es gäbe mich nicht. Sie hält mich für einen schlechten Vater. Der Junge aber ist sehr anhänglich.
Er versuchte nicht an seinen Sohn zu denken. Das zog ihm das Herz zusammen. Vor lauter Anstrengung zog es ihm das Herz zusammen.
Er vermisst sich seinen Papa sehr, sagte sie schnell und heftig, das kann ich gut verstehen als Mutter.
Er schaute mit ihr zum Ende des Tisches hinunter, wo die Kinder sassen. Er konnte sie nicht auseinanderhalten.
Ich mag keine Kinder, hörte er sich sagen. Seine Stimme dabei war barsch und hart.
Sie schwiegen einen Moment. Sie blieb ihm weiterhin zugewandt. Er hob sein Glas in die Höhe, eine Serviertochter eilte herbei. Am Kopf des Tisches hatte der Vater einen Witz gemacht und stiess sein lautes Lachen aus, das wie Peitschenhiebe war. Er trank den Wein sofort und in schnellen Schlucken und winkte der Serviertochter, die schon davoneilte zum Drittältesten, dem Rolf, dem Mann der Österreicherin, der auch die fleischige Hand hob. Auch dieser Bruder sah ängstlich in die Runde, aber gefasster als er.
Und mit was hast du dich selbstständig gemacht, wechselte sie das Thema.
Du bist aber beharrlich, sagte er leise.
Doch sie hörte es und sagte mit einem Glucksen: Das sagt der Rolf auch immer. Wie ich nur so eine beharrliche Frau verdient, sagt er immer.
Nach der Pause fragte sie: Oder ist es ein Geheimnis?
Nein, sagte er, nicht gerade ein Geheimnis.
Nun?
Das ist es gerade nicht, ein Geheimnis, sagte er und blickte sie zum ersten Mal wieder an. Ihm fiel auf, dass sie die einzige Frau der Familie war, die kurze Haare trug. Aber auch sie hielt sich so gerade. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit erzwungenen Antworten, die zu erzwungenen Lügen werden, die dann nie mehr sterben. Er korrigierte sich, mit der Höflichkeit von Fragenden, die zu erzwungenen Antworten führt.
Ich habe die Pacht für einen… Campingplatz übernommen, überraschte er sich. Er glaubte, dass sie das Zögern nicht bemerkt hatte.
Oh, das ist spannend, sagte sie ohne ein Zögern, und er wartete auf die Frage, wo dieser Campingplatz denn sei, mit plötzlich bösartiger Ungeduld. Er konnte es fast nicht erwarten.
Es ist in Triengen, sagte er, bevor sie fragte, aber auf der anderen Seite von der Suhre als der Flugplatz, am Hang ein wenig ausserhalb vom Dorf.
Ah, im Suhrental. Schön. Und kommen da viele Gäste, ich meine, ist es ein grosser Campingplatz?
Eigentlich sehr rustikal, sagte er, der langsam heiss bekam, Wanderer oder Pilger oder Segelflieger vom Flugplatz. Letzte Woche hatten wir eine Baumannschaft, die irgendwo im Dorf einen Kaninchenstall montiert.
Einen Kaninchenstall?
Ja, er lacht mühelos, so nenne ich diese Einfamilienhäuser, die im ganzen Land aus dem Boden schiessen für die Zürcher Bankangestellten, sehen alle aus wie Skischuhe.
Er redete zu schnell. Sein Glas war leer, immer noch leer. Bevor er es heben konnte, streifte ihn der Arm der Serviertochter. Er hatte seine Finger nicht vom Glas genommen.
Aha-ha, sagte sie, dann wohnen wir auch in einem Skischuh, der es ist ganz geräumig.
Jetzt sagte er „Aha“. Sie hatte ihm ihre Hand auf seine gelegt, halb Trost und halb Aufmunterung.
Die Stimme des Vaters drang über den Tisch hinweg zu ihnen.
Was redest du dort mit der Österreicherin, Heinz?
Die beiden sagten gleichzeitig, Nichts, aber sie fügte hinzu, aber es sehr angenehm heute an diesem Fest.
Jaja, lass dich nur nicht um den Finger wickeln, er ist ja jetzt geschieden, brüllte der Vater den Tisch hinunter, sonst landest du noch in seinem Bett. Die Tischgesellschaft lachte laut auf. Rolf war zusammengezuckt. Einige lachen, weil sie es lustig finden, dachte er, andere aus Scham. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit dem heuchlerischen Lachen, das einen Tyrannen bestätigen soll.
Ich bin es gewohnt, wehrte er den Händedruck seiner Nachbarin ab.
Für Augenblicke hatte er den Kopf wirklich senken müssen, um die Wut zu unterdrücken. Als er den Kopf wieder hob, war der Teller weg.
Die Nachbarin kicherte: Die machen aber schnell.
Er schwieg und spürte, wie die Röte sich von seinem Gesicht auf den Hals zurückzog. Er befreite seine Hand und sah aus dem Augenwinkel, wie die Nachbarin sich aufrichtete und ihre Serviette zusammenfaltete. Jemand begann ein Geburtstagslied, und alle stimmten ein. Er sang auch mit, wie er hörte. Alle Gesichter am Tisch waren rot und angeschwollen wie Hahnenkämme. Er begann sich wieder zu fürchten und hätte sich gerne unter den Tisch geworfen, zwischen die Beine der Familie. Es war kindisch, aber es war eine Wahrheit. Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Jetzt servierten die Kellnerinnen irgendein schnell zerlaufendes Dessert. Langsam schob er seinen Stuhl zurück. Er hatte genug und hoffte, es würde ihn niemand am Gehen hindern. Halb im Stehen ergriff er das grosse Cognac-Glas auf dem Tisch und leerte es vorsichtig. Er stellte es ab und achte, alle konnten es sehen, wie er in einem Schluck alles getrunken hatte.
Wieder spürte er ihre Hand.
Du willst schon gehen?
Ich habe es satt, sagte er, als er sich von ihr befreite, immer diese erzwungene Heiterkeit, diese erzwungene Familiarität.
Ihre Hand schwebte noch in der Luft, wo sie nach ihm gegriffen hatte. Wieder blickte er zu seiner Schwester hinüber, die gerade mit ihren Meerfrauenblicken ihre beiden Buben umschloss und einfing. Seine Serviette glitt verspätet von seinem Schoss. Er liess sie liegen. Sollte sie liegen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit auf dem Boden verstreuten Servietten und der Übelkeit nach dem Cognac.
Er wandte sich ab und ging in Richtung der Toilette. Dort wusch er sich ganz langsam die Hände mit sehr heissem Wasser und nässte sein Gesicht. Seine Augen fühlten sich wie ausgestochen an.
Er schloss die Toilettentüre hinter sich und hatten schon die Hand an der Krawatte, deren Druck er vergessen hatte. Er hatte ihren Druck über dem anderen Gefühl vergessen, das auch eine Art Druck war.
Seine Mutter stand sekundenlang verloren im Gang und erkannte ihn dann. Mit ihren schweren Beinen tappte sie auf ihn zu und umfasste seine Schultern, als wolle sie ihn wachrütteln. Sie schaute hinauf in sein Gesicht.
Aber du kannst doch nicht einfach so gehen, mein Lieber, sagte sie mit ihrer Mutterstimme.
Du siehst, dass ich es kann, flüsterte er, als hätte er die Stimme verloren. Und fügte hinzu: Ich gratuliere dir zum Geburtstag, Mami, ich gratuliere dir zum Geburtstag. Es war, als könnte er sie damit küssen.
Oh, sagte sie und nickte abwehrend, hör doch auf. Schau, ich habe hier etwas für dich. In ihren runden Händen mit den vielen Falten, der er schon immer geliebt hatte, sah er ein Knötchen. Sie steckte es ihm in die Brusttasche hinter das grüne Taschentuch, auf dem Katharina bestanden hatte.
Nein, sagte er wehrlos. Er spürte, wie hinter den ausgehöhlten Augen Tränen pressten.
Du siehst immer so allein aus, mein Schatz. Ich hoffe einfach, dass du jemand hast, mein Junge, jemand, der dich gern hat.
Er lächelte scheu und sagte: Ich habe jemand, ich habe jemand.
Er kam sich vor wie in einer Zaubervorstellung. Gleich würde etwas verschwinden oder erscheinen. Er konnte sich gerade noch erinnern, wo er war und wer er war, denn fast hätte er sich ihr an die Brust geworfen. Er berührte sie vorsichtig an ihrer rechten Schulter und schob sie zur Seite.
Auf dem Parkplatz standen ein paar Neffen um das Auto herum. Als er näher kam, zerstreute sie sich schnell. Die frische Luft tat gut.
Langsam fuhr er die Stadt hinab, über die Holzbrücke. Bei der Waage fuhr er nicht rechts, sondern links, die Luzernerstrasse hinauf. Er hatte die Kassette wieder hineingeschoben und begann mitzusingen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit einem Lied, das aufheult und alles vergessen lässt. Er fuhr zu schnell. Aber das Auto konnte das.
Oh don’t you see what I mean, sang er, gotta get away, Holy Diver.
Er fuhr sehr lange. Es war schon am Einnachten, als er den Wagen an einem Strassenbord in der Nähe eines Walds zum Stehen brachte. Er schälte sich aus dem Sitz und aus dem Anzug und legte sich ins bereits feuchte Gras. Es kam kein Auto auf dieser Strasse.
Er ist schon fast eingeschlafen, als er ein Knurren hört. Er reckt seinen Kopf aus dem Gras am Bordstein. Sein Auto rollte langsam davon.
Er springt auf und holt es ein. Er macht die Handbremse fest und geht zurück dorthin, wo sein Anzug lag. Ein leerer Mensch. Etwas war aus dem Anzug herausgefallen.
Das grüne Taschentuch und Mutters Knötchen: 200 Franken. Er zerknüllte es und stand eine Weile am Strassenrand. Dann glättete er die Banknote und rollte sie zu einem säuberlichen rötlichen Stäbchen zusammen. Er kniete in den Strassengraben und machte ein kleines Loch in der harten Erde. Über das Loch gebeugt wie ein Käfer liess er die Banknote hineingleiten.
Beware the velvet lies, murmelte er und spürte eine Zufriedenheit, hart wie Panzerstahl.
Dann legte er sich ins Gras. Es war weich und feucht.
Something is coming for you, sagte er zu dem Himmel über sich.

Das Lied zum Text ist Dio’s „Holy Diver

Rothermunds Sagen

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Es war kein tiefer Wald, ganz gewiss nicht. Zwei, drei Eichen, einige kleinwüchsige, breit wachsende Olivenbäume, unsichere Birken und ausgreifende Haselbäume, und am Ende, zur Stadt hin, vier übermächtige Götterbäume, die fast in einem Quadrat standen. Dennoch war das Nachtigallenwäldchen im rasselnden Regen ein düsterer Ort geworden, ein entfernterer Ort. Der Mann namens Rothermund hatte ihn untergefasst und führte ihn an einen andern Ort, weg von seiner Eiche. Wieder hatte er ihr keinen Namen geschenkt, fiel Ueli ein, jedes Mal versprach er ihr das. Und jedes Mal, wenn er aus ihrem Schoss stieg, übersät mit alten Traumfetzen oder befleckt mit neuer Angströte, vergass er diesen Dank. Der Mann an seiner Seite spürte das Zögern in seinem Schritt und verstärkte seinen Druck und Zug am Arm. „Halt kommt bald,“ sagte er melodisch. Wäre ich etwa vorher gerade fast gestorben, dachte Ueli, und der hier hätte mich gerettet? Aber das war unmöglich, in der Grube der Eichenwurzel konnte niemand sterben, daraus kam nur Lebendiges. Die Eichenwurzel war ein Ort des entstehenden Bestehens, eine Vertiefung in der Welt, die in den Himmel reichte. Hiess das aber, dachte er weiter, denn im Gehen kamen die Gedanken, dieser da hatte ihn aus dem Bestehenden geholt und führte ihn fort in das blosse Entstehen? Die Füsse von Rothermund an seiner Seite tanzten voraus. Der Mann setzte die Füsse mit den Fussballen voraus auf. Darum zog er Ueli mit jedem Schrittpaar einmal nach vorne und einmal leichter nach hinten. Wieder versuchte Ueli stehen zu bleiben, um diesen Gang von hinten betrachten zu können, aber der Fremde liess ihn nicht, rückte genügend fest an ihm, um die Bewegung nach vorne aufrecht zu erhalten. Gabriela kam ihm dabei in den Sinn. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Gewiss war das gut gewesen, nicht an sie zu denken. Doch erinnerte er sich an den Gang das Kirchenschiff hinunter, an den leeren Bänken vorbei, Arm in Arm, vorne in der rechten Bankreihe ihr unförmiger Vater, der seinen Hut drehte und drehte, in der linken Bankreihe war seine Schwester wutrot gesessen, unterm Atem etwas wie Flüche ausstossend. Gabriela hatte an seiner Seite ausgreifende, raumfangende Schritte gemacht, mit jedem Schritt hatte sie ihn, fest eingehakt, ins Wanken gebracht. Ein Ruck vor, ein Viertel zurück. Doch Rothermund ging geschmeidiger, er zog ohne Zwang, und im Gehen musste Ueli das Nachtigallenwäldchen neu sehen. Nicht nur durch den Regen, der sanft wie Schuppen von den Augen fiel, auch durch einen seitlichen Wind hatte sich das Tal verändert. Der seitliche Wind sollte nicht möglich sein in einer kaum 50 Meter breiten Vertiefung, die der Dorenbach lautlos zerschnitt, ein Band von braun rasender Gleichgültigkeit. Die Steine in seinem Bett, über die Rothermund gehüpft war, sahen aus wie Warzen, glänzend und augenhaft, immer wieder überspült und von neuem aufleuchtend. Ein solcher Wind war nicht möglich, und doch war er sogar zu riechen, ein Geruch von süssem Aas wie aus dem Atem einer Katze. Das Nachtigallenwäldchen war ein unbekannter Ort geworden. Nicht gerade zum Fürchten, aber zum Urteilen gar nicht mehr geeignet. Ueli hielt sein Denken gerade für einen verrenkten Mann, Knochen gebrochen, Glieder puppenhaft verdreht. Doch im Gehen schaffte er doch einen Anfang, schnaufend, sammelte er die Splitter der Lupe auf, mit der die Dinge sich ins Gebiet der Wahrheit rücken liessen. Es gelang ihm, zögernd und zurückschreckend, im schwankenden Hin und Her von Rothermunds Gang in Sicherheit gewiegt, vor die Erinnerungen dieses Tages seine kleine, kaum kniehohe Mauer zu bauen, um ihre Nähe zu bannen. Und kaum hatte er damit begonnen, Urteil neben Urteil zu stellen, Zeit und Zeitläufte voneinander zu trennen, erkannte er die Stadt wieder. Sie standen auf dem Holbeinplatz: die beiden jugendlichen Linden, die beiden Bänke, die beiden Hecken, einige regenbraune zugeschlagene Felsen, die beiden Spatzenbäder, jetzt rötliche Augen. Rothermund hatte ihn losgelassen und sich auf die linke nasse Bank gesetzt. Er patschte mit seiner Hand auf den Platz neben sich. Ueli setzte sich schwer. Und schon lag die Hand Rothermunds auf seinem rechten Knie. Ueli schaute zu ihm auf. Das Gesicht des Fremden war unter einem breitkrempigen Hut verschattet, doch konnte er die runden, fast geblähten Wangen erkennen, die breiten Lippen. „Ich bin gekommen, um dir zu erzählen,“ sagte Rothermund. Sein Gesicht legte sich beim Lächeln in tausend Grübchen, eine Lache unter Wind. „Ich bin einer, der sagt,“ fuhr er fort, den Blick jetzt auf die Füsse gesenkt, „was ich sage, das vertraue ich denen an, deren Ohren sich für das Sagen eignen. Deine sind solche Ohren.“ Ueli hatte sich umgeblickt, um sich zu vergewissern. Er erkannte die kleinen Holzhäuser der Vorstadt, die Ruine eines Verwaltungsgebäudes aus Zeiten, als es noch etwas zu verwalten gab. Bevor er dem Impuls nachgeben konnte, denn er wollte aufstehen, um zu seiner Bucht zurückzukehren, hob Rothermund die Hand vom Knie auf seine Schulter, jetzt mit Kraft. „Und das Verkriechen,“ sagte Rothermund, „das kannst du noch lange genug üben, wenn alles vorbei ist… Was ich dir erzählen will, ist merkwürdig genug…“ Ueli spürte die Kälte der Bank, die Kälte des Windes. War denn wieder Winter geworden? Die Linden trugen ihre kleinen Sternenbündel… „Wie vieles beginnt das, was passiert, vor langer Zeit. Ein Bündel von Informationen, verstreut über verschiedene Körper. Der Mechanismus lässt sich erkennen, wenn auch nicht sein Urheber. Und doch ist dieser nicht von der Hand zu weisen… Vielleicht ist doch eher von einer Urheberin zu reden, wer weiss… Merkst du, wie schwer es mir fällt, das erste Mal zu sagen?“ Ueli blickte Rothermund an, doch dieser schaute zu Boden. „Es sind Vorbereitungen zu treffen, bevor man vorbereitet ist. Ich habe, merke ich, keine getroffen. Vielleicht soll es so sein, vielleicht. Das Sagen ist keine Wissenschaft, so denke ich wenigstens, aber das Sagen ist von Bedeutung.“ Wieder schwieg Rothermund, nahm die Hand von Uelis Schulter und strich damit über seine breiten Lippen, liess den Zeigefinger darauf ruhen. „Einen Auftrag zu haben, ist das eine. Den Auftrag dem Auftrag gerecht auszuführen, das andere… Und den Auftrag mit Gleichmut ausführen, wieder etwas anderes… Niemand kann dem Erzählten zuvorkommen. Niemand kann das Geschehene anders empfangen als wehrlos. Niemand kann das Sagen anders sagen als erstmals, so lange dieses Sagen auch schon warten oder dauern mag. Nun, so höre hin.“ Rothermund schüttelte sich in den Schultern und richtete sich auf. „Alles war gut. Das Fruchtwasser bedeckte die Erde. Im Fruchtwasser tummelte sich an der Grenze zur Sichtbarkeit das Leben. Ein schlürfendes Wiegen in Gewissheit, zukunftslos. Ein keimendes Gespinst, Daseins-Gewebe. Ungeformt-haltlos, darin aber beharrlich, fast unabänderlich. Doch immerhin, erste Strömungsabfälle, kleinste Zyklen, fast eigensinnige Gegenläufe. Im vom meeraufwerfenden Mondzyklus um- und umgedrehten Meer entstehen Blasen. Zuerst kaum grösser als die Zitzen eines Maulwurfs, doch Blasen blähen sich, das ist ihr einziges Tun. Sie schwellen an, verschlingen vom Gespinst, was verschlungen gehört. So würden es die Blasen sehen. Lange Zeit sind die Blasen eine Art Augen, die im Ungesehenen aufgegangen sind. Und in ihnen geschieht das Ungeschehene, mehr als Mehrung. Was Äonen gelebt und gewebt hat, in einem losen Schlingen und Umschlingen, in einem leicht zuckerhaltigen Taumel, wächst an, bläht sich wie die Blasen, und während die Blasen wie Tränen miteinander verwachsen, verwächst dieses Kringeln und Flimmern. Während der Mond mit seinem silbernen Arm die Erde wiegt, beginnt die Zeit. Sie beginnt mit dem Versteifen, die Zeit. Anders ist es nicht zu sagen, das Zusammenwachsen des ersten Taumels ist das Ausstrecken eines ersten Fingers, dann einer ersten Hand. Eine strebende, noch nicht zeigende Bewegung der Versteifung im Flirren und Kirren, gleich neben den Blasen. Ein stechendes Längen und Drängen stellt die Spannkraft der Blasen in Frage. Die Blasen reissen. Was aus ihnen quillt, dieser heiss-innere Saft, das Unabänderlich-Beharrliche, schmiegt sich an die beharrlichen Säulen, die da stechen und fechten. Ist die Zeit nicht Fechten und Stechen, ein wegloses Abkommen mit der Auflösung?“ Rothermund schwieg unerwartet nach seiner unerwarteten Frage. Er selbst fühlte sich plötzlich schwer, hörte ein Knarren in der Bank, auf der sie sassen. Die beiden Linden streckten ihre Äste nach allen Seiten nach den Vögeln aus, den verlorenen Stimmen. Sie waren mehr denn je ohne Halt, die feuchte Mauer des Himmels zu weit, zu hart für ihr ausgestrecktes, haarsträubendes Bitten, für ihr niederes, windloses Kratzen. Ueli dachte an einen Spruch, „Wessen Weisheit grösser ist als seine Werke, wem der wohl gleicht? Einem Baum, der viele Äste hat und wenig Wurzeln. Es kommt der Sturm, er reisst ihn aus und wirft ihn um.“ Ueli hatte nicht gedacht, dass ihm je wieder so eine Geschichte begegnen würde, und am wenigsten in dieser Lage. Ueli hatte nicht gedacht, dass es noch solche Geschichten gab, und am wenigsten für diese Lage. Ueli hatte nicht gedacht, wie gerne er miterzählen würde, und am wenigsten aus seiner Lage. Er sehnte sich nach Papier, nach Karton, er wollte einen Stift. Wie lange hatte er keinen Stift mehr gehalten, weder Kohle noch Kreide noch Tusche. Seine Hände zuckten. Die Bank knarrte wieder, Ueli konnte die Freude wie Schweissperlen über Rothermunds Gesicht laufen sehen. „Und was weich und fliessend gewesen war, verschmolz mit dem ersten belebten Harten. Was weich gelebt hatte, begann sich zu verhärten. Und was in der Weichheit geschlummert hatte, wachte in der Härte auf. Metallisch glänzten die Wirbelsäulen auf, die Schuppen, die Flossen, die Finger darin, die Beine und Arme. Was vorher an Dingen klebte, webte, an Felsen, Schloten, Steinesblüten, kaum weste, fast dingte, unbeirrbar zwecklos, unhaftbar anhaftend, begann zu zwicken, zwecken. Denn in den Dingen liegt kein Streben. Ein Streben liegt in den Lebewesen. Doch keines der Lebewesen konnte über sich hinaus. Das Wesende in ihnen, das den Dingen anhaftete, teilte sich unaufhaltsam. Erfasst von der Zeit, teilte und wandelte es sich, dingte sich zum Wesen. Nach oben war alles offen, das Land zuerst, der Himmel danach. Ein Wälzen nach Zielen, ein Drehen um Zwecke. Geschah das Teilen aus sich selbst heraus, damit etwas würde? Geschah das Wandeln aus sich selbst heraus, damit etwas geschehe? Eine Lenkerin ist schwer vorstellbar. Die gestaltende Hand bleibt unsichtbar. Eine Vielzahl von Gestalten wurde wahrscheinlich, möglich, wirklich. Aus dem Gestade des Wirklichen stiegen die Lebewesen herauf. So könnte man erzählen, stiegen herauf, stiegen herauf, stiegen herauf.“ Plötzlich brach Rothermund in Singen aus: „Da west es an Steinen, hier blüht’s in den Rainen, da heckt es die Seinen, da zappelt’s mit Beinen. So will es hinauf, so will es den Lauf, so will es der Lauf, so will es der Hauf. Denn viele sind Werden, und viele sind Scherben, von denen wir erben, voran sie uns herden.“ Das Schweigen war nicht angenehm. Ueli versuchte sich an das erzählte Nichts zu klammern, doch gab das Klammern nichts her. Lauter Schlingpflanzen, die im Regen wuchsen, sie schnitten in die Hände, und die Hände rutschten daran ab. Sein ganzer Körper, Kleider und Haare, waren nass. In seinem Nacken rieselte das Wasser von den Haaren den Rücken hinunter. Sein Atem füllte die trockenen Innenräume seines Körpers, hinterliess leichte Kondensspuren zurück auf dem Herz, der Leber. Auf dem Holbeinplatz war es immer angenehm zu sitzen. Doch, wie er begriff, nicht in diesem Schweigen. Es war ein Schweigen, das zu viel zu sagen hatte, das noch zu viel zu sagen hatte. Rothermund an seiner Seite hatte seinen Mund nicht geschlossen, und über dem Mund die Augen waren hell erleuchtet und fixierten etwas Monströses. Ueli dachte daran, was seine Mutter am Ende von Geschichten gesagt hatte. Er hatte es als Kind immer für eine Art Gegenspruch gehalten. Später als Erwachsener glaubte er zu verstehen, dass sie den Spruch mehr als Erinnerung an die Beharrlichkeit der Wirklichkeit gebraucht hatte, um die Veränderungskraft einer Geschichte zu mindern. „Und die Frösche blieben Frösche, die Monster Monster,“ sagte Ueli in die Stille, denn der Spruch musste jetzt heraus. Rothermund dreht ihm sein scharfes Gesicht zu, in den Augen ein glasiges Erschrecken, der Mund hechelt. Dann zerbricht er die zurückgekehrte Stille mit einem glasklaren Lachen. „Ja, ja,“ sagte Rothermund, seine Stimme in ein feuchtes Kichern herunterwürgend, „so ist es immer. Die meisten wissen bereits darum. Ich musste noch nie die ganze Geschichte erzählen. Das tröstet mich immer wieder. Und jeder einzelne hat noch dieses natürliche Widerstreben dagegen. Es ist einfach herrlich.“ Er fuhr sich mit den flachen Händen über das durchlachte Gesicht, das müde und erwartungsvoll aussah. „Du hast nichts erzählt,“ sagte Ueli, „das kann ich beurteilen. Menschen haben mir jeden Tag Geschichten erzählt, sogar die Schweigenden. Ich erkenne inzwischen jede Geschichte daran, ob sie das Gleiche sagt wie die andern. Diese Geschichte sagt nicht das Gleiche, diese Geschichte sagt nichts.“ Rothermund neigte sich zu ihm hinüber, berührte ihn am Ellbogen. „Es ist ja auch keine Geschichte, Ulrich,“ sagte er, „es ist ja auch keine Geschichte. Denn sie kommt von der Quelle. Sie hat es mir selbst erzählt. Immer wieder hat sie es mir erzählt. So höre denn zu, denn das war ja nur der Anfang.“ Der Regen über dem Platz hatte wieder eingesetzt, ein graues Gleissen lag über den Linden, die sich in Winderinnerungen wiegten.

Die Bucht in der Mauer

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Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum in Blüte. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.

Aufstieg

Die schweren Schuhe machen zuerst grosse Schritte
Dann kleinere. Der Atem beginnt zu fliegen
Zu flattern. Du spürst dein Herz im Hals
An dem der Rucksack zieht
Denn im Aufstieg neigst du dich nach vorne.
Krähen fliegen über den Weinberg
Vom See herauf bellen die Möwen.
In deinem Rücken das karierte Tuch des Sees.
Du verschwindest im braunen angehaltenen Wogen des Weinbergs
Man sieht dich nicht mehr.
Du beginnst deine Sprache zu behandeln wie ein Handwerker:
Genau sein in jedem Schritt
In jedem Laut: in kleinen Schritten trägst du deine Geschichte den Hang hinauf
Mit kurzem Atem lässt sich nur das Notwendige sagen
Den Blick nur auf den Boden des Wegs gerichtet
Sind die Ausflüchte verflogen
Denn so drängt sich der Weg auf
Zwingt es dich zum Weg
Hinauf in die Geschichte.
Die andern Worte
Die schöneren Worte und die Synonyme
Die man dir in der Schule und in Büchern beigebracht hat
Schnell hast du sie im Aufstieg behändigt und für zu leicht befunden
Da kugeln sie wie Kastanien den Berg hinunter
Ein wenig wie schwarze Katzen im Garten
Hinunter zur farblosen Fläche des Sees
Und du steigst weiter hinauf
Erleichtert um ein Wissen
Das dir nicht gehört hat
Die schweren Schuhe machen ihre kleinen Schritte
Zwischen den trockenen Flügeln deiner Geschichte.
Dein Atem hat sich beruhigt
Fuss in der Geschichte gefasst
Dein Herz schlägt mit guten Schlägen
Auf das heisse Eisen deiner Erinnerung.
Der Berg ist noch lang und es schmerzt
Den Kopf in den Nacken zu legen
Der Schweiss kühlt deinen Rücken.

Offenbarung 1: Woher kommt mir Rat?

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Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft eines Regenwurms:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Loch
Denke nicht einmal an die Überquerung der grossen harten Strasse
Werfe getreu mein Häufchen auf
Wenn es heller wird und ziehe
Die herbstbeschriebenen Blätter unter die Erde
Wenn es dunkler wird: ich singe nicht
Wie der Schnabel der mich erntet.
Aber die Härte der Strasse schafft mir Mühe.
Wo ist nur Mutter Erde?

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft einer ranzigen Frucht:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Grab
Hier auf der harten grossen Strasse
Über die ohne Umkehr die Nacktschnecke
Kriecht und oft ihre Spur nochmals kreuzt:
Ihr silberner Faden trocknet glitzernd ein
Wie ein Zeichen aus einem anderen Land
Das niemand lesen kann. Selbst sie
Scheut meine Säure. Kein Feld
Nimmt mich auf. Ich singe nicht:
Die Füsse auf der grossen harten Strasse
Die Regenwurm Schnecke und mich zertreten
Auf der wir weich und verletzlich liegen
Können das ja auch nicht.

Ich bin schwach: einem verknoteten Traum gleich
Zu einem Viertel zertreten und der Rest der sich immer noch windet
Einem Baumstamm gleich der das Eisengitter umarmt
Das ihn begrenzen will grabe ich meine Füsse in den wegrollenden Sand
In das nachgiebige Fruchtfleisch der Erde
Unbelehrt und unbelehrbar schwach:
(«du wirst noch ein verbitterter Mensch»)
Und von allen Seiten kommen sie
Mit ihren gutbesohlten Worten
Und von allen Seiten wissen sie wie zu leben
Mühen sie sich zu leben wie zu leben sei
Erklären mir das Warum der Kinder
(«Kinder wollen nicht die Ursache der Wirkung wissen
Sie wollen Bedeutung und Grund kennen»)
Beschwören meine Vernunft
(«nur als arbeitender Mann
Hast du einen Wert für andere»)
Beharren auf einmal eingeschlagenen Wegen
(«du beendest dein Studium
Denn man führt Angefangenes zu einem Ende»)
Während rechts und links die Fäulnis
Im dunklen Schlupfloch des Erbguts
An ihrem faulenden Geist keuchen und fleuchend sich stärkt
(«die Frauen steigen hinauf bis zu mir
Und wollen mir an den Kragen»)
Oder
(«ich lasse die Schulden
Aus Spielsucht und Hurerei
Hinter mir: kümmert ihr euch darum»)
Oder
(«wir schätzen andere
Indem wir sie schlecht machen»)
Oder
(«ich sterbe obdachlos und frei
Weil meine Geschwister keine Geschwister sind»)
Oder
(«ich fresse mein Leben in mich hinein»)
Oder
(«ich nage an jeder Entscheidung
Weil Skelette sich nicht regen»)
Oder
(«ich kann mit Geld nicht umgehen»)
Oder
(«das einzige was zählt ist Geld»)
Oder
(«ich habe es ausgerechnet
Ich werde 100 Jahre alt»)
Oder
(«meine Mutter legte ihr Haar über ihr Gesicht
Und ich musste sie darunter suchen»)
Oder
(«da ist jemand mit einer Pistole vor der Türe»)
Oder
(«er ist wieder in Königsfelden»)
Oder
(«Verkehrspolizist – das würde noch passen für sie»)
Oder
(«Schau mal: die Frau da
Die würde ich sofort ficken»)
Oder
(«Kaschdi sam sa sibie»)
Oder
(«wenn ich eine Pistole hätte
Würde ich mir das Gehirn wegschiessen
Und das Blut würde auf diesem roten Bild aufschlagen
Und niemand würde eine Veränderung merken»)
Oder
(«sie ist eine Hexe»)
Oder
(«ich habe mein Leben vergeudet»)
Oder
(«du lebst von der Sozialhilfe
Da bin ich mir sicher»)
Oder
(«ich wünsche euch
Dass dieses Kind in der Gosse landet»)
Oder
(«lass den Bagger dort liegen
Sonst komme ich raus und verhaue dich»)
Oder
(«ich schlage ihn hier und jetzt
Damit er nicht mehr das Bett nässt»)
Oder
(«wie geht’s dem Schwartenfigger?»)
Und im Neonlicht hier unten
Ist die Weichheit der Erde
Fluch und Segen: begrenzte feuchte Sicht
Und in jeder Kehre
(nimmt denn ein Wurm wie ich
Sein Winden wahr?)
Und in jeder Windung des Weges
(weiss denn eine Frucht wie ich
Um ihre Lage?)
Von einer unbegrenzten Durchlässigkeit
Voller organischer Spuren und Vorgängen:
Meiner Schwachheit allmählich mächtig
In aller Mühe allmählich mächtig –

Doch da
In der unklaren Sicherheit
Eingerichtet wie in einem Strumpf
Der Windungen zu viele
Der Räte zu wenige
Mitten in der raschelnden Stummheit des Lebens
Vom Wind umgeben statt von meinen treibenden Schwestern
Auf der herbstlich glatten Oberfläche der Strasse
Neben meinen stinkenden Schwestern
Zwischen Gingkoblatt und Zigarettenkippe
(ah meine neun Gingkobäume am Ende der Freiburgstrasse)
Auf dem Rücken ausgestreckt wie Gregor Samsa:
Der schreiende Wurm meines Kindes ringelte sich im Schock
Und ich verlor die Richtung
Das Gleichgewicht und Vertrauen
Die ich vorher schon verloren:
Aufgegeben hatte: noch einmal: ich bin schwach
Aber das Wühlen und Werken wie zuvor
Kann mich nicht mehr vorantreiben
Noch weniger Schaf als je zuvor
Über meine allzu herbstliche Müdigkeit gekrümmt
Als hätt ich eben meine Kleider zusammengetragen und noch nicht sortiert
In meine saure Nichtigkeit gehüllt
Als hätt ich das einzig Richtige erkannt
Und gelernt: von der Strasse aufgelesen
Aus dem Erdreich gepult
Lausche ich einem knarrenden Deutsch
Aus dem Land der weiten flachen endlosen Traurigkeit:
Der Ernte zwar viel
Die Arbeiter wenige –
Bittet nun den Herrn der Ernte
Auf dass er Arbeiter ausschicke
In seine Ernte. Geht fort –
Ich schicke euch wie Lämmer
Inmitten von Wölfen.
Und ich hörte auch:
Ich schickte euch zu ernten
Worum ihr euch nicht gemüht habt –
Andere haben sich gemüht
Und ihr seid in ihre Mühe eingetreten.

Meister Ramuz

Vor einigen Wochen habe ich für mich das Haus „La Muette“ in Pully entdeckt, in dem der welsche Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz zuletzt gewohnt hat. Ich war in Lausanne aus dem Zug gestiegen, hatte als erstes ein Werbeplakat von diesem neu eröffneten (?) Museum gesehen – und einen Ausruf der Freude getan: das Haus meines geliebten Ramuz! Da musste ich sofort hin.

Das Haus liegt oben am Hand im alten Dorfkern Pullys, es ist schmal und rosa zwischen andere Häuser gedrückt. Es dient immer noch als Wohnhaus, aber Erdgeschoss und ein Teil des ersten Stocks sind zu einem Erinnerungshaus umgebaut. Das Museum ist sehr schlicht mit hellem Fichtenholz gestaltet, eine ausführliche Audioführung führt über verschiedene Stationen in Ramuz’ Schreibprozess und -welten ein, eine ganze Vitrine ist seiner Grossvaterliebe zu „Monsieur Paul“, seinem Enkel, gewidmet. In seinem Schreibzimmer steht ein riesiger Schreibtisch, der einen Blick auf die beiden niedrigen, vergitterten Fenster bietet, die auf einen terrassierten Garten hinausgehen, der wiederum hoch über dem See schwebt. Im Rücken des Schreibtischs eine ausgelegene Couch und an der Wand ein kleiner Ofen (gerade richtig zum Verbrennen von beschriebenem Papier).

Mir hat es sehr gefallen, dass hier keine Konservierung stattgefunden hat: es wird nicht versucht, diesen Raum so zu bewahren, „als würde der Hausherr jeden Moment eintreten und weiter schreiben“. Doch siehst du auf Fotografien im Raum, wie er ausgesehen hat, als Ramuz noch lebte: der Tisch mit wirklich meterhohen Blättertürmen beladen, aufgeschlagene Bücher überall, der Bücherschrank rechterhand neben dem massiven Pult überquellend, die Couch mit einer aufgeschlagenen Decke. Alle 3 gezeigten Räume in diesem kleinen Museum sind von einer schlichten, modernen Inszenierung, die in meinen Augen sehr dem Geiste seines ehemaligen Bewohners entspricht.

Ich habe meine Zeit in diesem Haus sehr genossen, mit Freudenlauten und Gänsehaut, kleinen glucksenden Ausrufen… Ich war der einzige Besucher, habe mich wieder und neu verbunden gefühlt mit diesem Freund unter allen meinen Lieblingen. Und wie immer bei solchen Wiederbegegnungen nach langer Trennung (oder Verleugnung?) habe ich mich gefragt: Wie konnte ich nur vergessen, dass du mir so nahe bist, lieber Freund und Meister Ramuz? Wie konnte ich nur vergessen oder aus dem Blick verlieren, wie sehr du mein Schreiben geprägt hast?

Rekonstruktion eines Vergessens (eines Vergessenen?)

Ich konnte es vergessen, weil das, was uns prägt, immer ein Unmerkliches, Allmähliches ist. Dieses Allmähliche verläuft im Untergrund deiner Persönlichkeit, deines Denkens und Handelns, ist ihr Grundwasser. Dieses Unmerkliche findet dauernd und unablässig in dir statt, ist etwas Unwirkliches, das in dir flüstert, weiter flüstert. Und es flüstert mit deiner Stimme, mit deiner Sprache.

Ich kann mir vorstellen, dass du es niemals brauchst, weil es für dich dein Eigenes scheint, natürlich und gewohnt.

Als Schreibender aber hast du doch ganz natürlich ein Auge darauf, als Schreibender aber bist du doch gewohnt, auf Töne, Stimmen und Unterschiede zu achten, die in deinen Text Eingang finden, vielleicht gar unbewusst gewaltsam eindringen in ihn, – sie genau zu beäugen und abzuwiegen, als schriebe ein anderer in oder mit dir, inwiefern und in welchem Masse sie „der Wahrheit entsprechen“: Sind die Stimmen und Töne durch dich gegangen, aus der zwanglos „herausgekommen“; sind die Unterschiede angelernte oder angelebte Unterschiede, die deinem neidisch-raffgierigen Verstand entschlüpft sind, der sich nur zu gerne mit fremden Federn schmückt, als seien es die eigenen, oder Unterschiede, die wohl in der Literatur gründen, aber mit dem eigenen Leben (Erleben) geprüft und für wahr befunden, derart verbunden und verwoben wurden, dass sie inzwischen kostbare Ketten des Könnens sind, die dich im Schreiben vor Falschheit und Effekthascherei bewahren?

(Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass ich mir bewusst wurde, wie sehr besonders meine Gedichte „in Stimmen“ geschrieben sind; und wie sehr dieses „Schreiben in Stimmen“ schon seit dem Anfang meines Schreibens ein prägendes Element meiner Poetik war und ist.)

Die „Wiedergeburt“ und „Auferstehung“ Ramuz’ in meinen Schreib-Leben findet nun auf zwei Ebenen statt. Zuerst erwecken die bekannten Fotos von Ramuz meine Erinnerung an ihn, und darauf ist das Wieder-Lesen von „Derborence“ (das im kleinen Museum prominent vorgestellt wird) wie eine Heimkunft, ein Ankommen nach langer, mühsamer und vergeblicher Reise. Ich bin zu Tränen gerührt, als diese Sätze und Bilder wieder in mir aufklingen, Resonanz finden.

Die Erinnerung an „une main“ und vor allem „anti-poétique“ überschwemmt mich, viele Wort-Bilder steigen aus dem trüben Brunnen der literarischen Vergangenheit herauf. Selbst jetzt, mehr als einen Monat danach, kann ich mich dieser emotionalen Heimkehr kaum erwehren, fühle mich überfordert davon…

Und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich verstanden habe, warum mich seine Texte so gefesselt und geprägt haben – und es ja immer noch und wieder tun… Vielleicht werde ich es nie in Erfahrung bringen, wer weiss…

Und eines wird mir auch klar: Damals, als Jugendlicher, konnte ich gar nicht in der Lage sein, diese Einflüsse bereits in mein Schreiben einfliessen zu lassen. Ich verfügte über eine sehr geringe, begrenzte, enge Lebenserfahrung. Ich verstand zwar die Impulse, die mir Ramuz’ Poetik und Erzählweise verschafft hatte, sah ihre Wahrheit ein, aber ich war als Jugendlicher noch zu sehr davon abhängig, den Text als Pfauenrad gebrauchen zu wollen.

Erste Annäherung

Zuerst muss ich sagen, dass ich keine Lebenserfahrung habe in den Welten, wie sie Ramuz beschreibt und evoziert. Ich bin zwar in einer kleinen landschaftlichen Stadt in der Provinz aufgewachsen, habe vielleicht in meinen Eltern Spuren und in meinen Grosseltern Reste bäuerlich-bescheidener Lebenshaltung und Weltsichten und Einstellungen auf den eigenen Lebensweg „mitbekommen“ – aber für mich stand und auch heute steht der Ausbruch aus dieser dörflichen, provinziellen Enge im Zentrum. Paradoxerweise – und für mich damals ansprechenderweise – zeigt Ramuz in seinen eng ausgezirkelten Dorfwelten gerade auf, wie weit und universell in ihnen der Mensch gelesen werden kann.

Es kann also gut sein, dass mich Ramuz mit seinen Texten darüber hinweggetröstet hat, dass Enge nicht notwendigerweise Weite verhindert, sondern sie sogar ermöglicht.

(So träume ich seit einiger Zeit – noch vor meiner Wiederbegegnung mit Ramuz – , einen Dorfroman zu schreiben: Wie Ramuz die Figuren eines Dorfes miteinander in Verbindung zu bringen, eine Art kleines Biotop zum Leben zu erwecken und ihm beim Lesen zuzuschreiben. Nicht umsonst ist Stephen Kings „Under the Dome“ einer meiner Lieblingsromane!)

Zwei prägende Kunstmittel

Auf der anderen Seite hat mich seine Sprachkraft sehr geprägt. Ich will hier gar nicht auf das berühmte „on“ eingehen oder auf die grammatikalischen Eigenheiten (statt mieux le faire steht einmal le mieux faire in der Bedeutung von ersterem), die sich auch auf seinen Gebrauch der Zeitformen ausdehnen – dafür bin ich zu wenig Muttersprachler (und kein Literaturwissenschaftler).

Doch die langsame, allmähliche Verfertigung seiner Sätze, dieses Stocken, Wiederholen, Innehalten, Abschmecken, nochmals Aufnehmen (als kaue man Wörter und Sätze, um sie zu verkosten), das einem ständigen Abwägen gleichkommt, einem Abwägen im Text selbst, der damit seine eigene Schaffung thematisiert, in den Blick rückt, die Entstehung des Textes sozusagen vor den Augen der Leserin geschehen lässt, ein Miterleben des Schöpfungsprozesses durch das Wort, – diese innere Bewegung, die Ramuz in seinen Texten zu einer äusseren, weil sprachlichen macht, sie ist über die Jahre in der Prosa auch zu Meier geworden. Ich liebe es, in meinen Geschichten Figuren und Umgebung(en) schreibend und unmerklich im Akt des Schreibens selbst zu erkunden und erforschen, erspüren und entdecken, auf ihr langsames Sichtbarwerden hinzuarbeiten…

Und „langsames Sichtbarwerden“ ist für mich auch eines der Stilmerkmale von Ramuz: In allen seinen Texten, so scheint es mir, findet in jedem Moment eine Neuschöpfung der Welt im Text statt. So erinnere ich mich an jene Kurzgeschichte über einen Taupner… (Unerwartet und genau kommt dieses Wort aus meinem „tiefen“ Wortschatz herausgeschossen, ich finde es nicht in meinen Wörterbüchern, aber eine Grasfarbe: taupe, für rötlich schimmerndes Gras, und bin doch sicher, dass es dieses Wort gibt.) Ein Maulwurfjäger oder -fänger, vielleicht auch eine Art landwirschaftlicher Kammerjäger, kommt in ein Dorf (so viele Geschichten beginnen bei Ramuz, wenn ich mich erinnere, mit jemand, der in ein Dorf kommt, von ausserhalb, fremd und doch bekannt). Er kommt ganz allmählich „aus einem Hügel heraus“, steigt ein wenig wie die Sonne über einem Hügel auf, fast aus der Erde heraus wie Adam, so erinnere ich mich an diese Geschichte, tritt heraus in die Geschichte, bis auch die Füsse zu lesen sind, entsteht unter den Blicken des Lesers.

Genauso wie der Korbmacher in „Passage du Poète“, meinem Lieblingsroman von Ramuz, der in ein Dorf überm See kommt und sich mit den Spatzen unter den noch kahlen Frühlingsplatanen auf den kleinen Dorfplatz setzt und dort seine Arbeit tut, damit dem Dorf und seinen Einwohnerinnen den Frühling bringt.

In dieser Erzählhaltung, mittels dieser beiden Kunstgriffe (?) lässt Ramuz, ich kann es nicht genug sagen, die Leserin momentan teilhaben an der Genese seiner Sprache einerseits und an der Entstehung seiner Welt(en) anderseits…

Auswirkung auf das eigene Schreiben

In meinen Texten kommt ein weiteres Element dazu, das vielleicht sogar bei Ramuz angelegt ist: eine pessimistische, mythische und niedergeschlagene, halb begeisterte halb entgeisterte Lebenseinstellung. (Darum liebe ich Autoren wie Dazai so sehr!) Aus diesem Blickwinkel, so scheint es mir, aus der Sicht einer quasi gelähmten, unerwünschten, ungeschickt-glücklosen, ohnmächtigen, fast handlungsunfähigen Person (darum liebe ich König Saul so sehr!), einer in sich selbst verwirrten und mit sich selbst verstrickten Person („ich hatte meinem Gegenüber nichts anderes zu bieten als meine eigene Verwirrung“, zitierte ich Kerouac frei), aus dieser Perspektive heraus sind die beiden oben genannten Stilmittel fast unabdingbar notwendig.

Wenn ich jetzt auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, in denen ich sogar so weit gegangen bin, bei meinem letzten Umzug alle meine Ramuz-Bücher ins Brockenhaus zu bringen, in der Überzeugung, mein Meister habe mir nichts mehr zu sagen; ich hielt seine Romane für langweilig und unzeitgemäss!, und vor diesem Hintergrund muss ich nun zugeben: ich habe mich in Ramuz getäuscht, damit auch in mir selbst, ich habe die Sünde der Verleugnung begegnen, der Hahn hat zum dritten Mal gekräht, und ich lauf hinaus dem eigenen Haus, hin zu meinem Meister Ramuz, um im Chemin Ravel 2 in Pully wieder zu mir zu kommen und zu dir, mein geliebter Meister!

Der Hund

Eine Geschichte von Dazai Osamu

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Was Hunde betrifft, bin ich mir eines sicher: sicher, dass ich mich eines Tages beissen lassen werde. Das erwartet mich, davon bin ich überzeugt. Ich bin selbst darüber erstaunt, dass ich diesem Schicksal bis heute entkommen konnte. Wisse es genau, lieber Leser: Der Hund ist ein wildes Tier. Wenn ich erzählen höre, dass gewisse Hunde es vermocht haben, Pferde umzuwerfen, oder sich sogar siegreich mit Löwen gemessen haben, antworte ich mit Schulterzucken, das erstaune mich nicht. Es genügt, ihre scharfen Zähne zu betrachten: das ist nicht nichts! Schaut sie doch an: Sie spielen die Unschuldigen, geben sich bescheiden, wühlen hier und da in den Mülleimern; aber in Tat und Wahrheit handelt es sich dabei um wilde Tiere, die ein Pferd zu Fall bringen können. Ein Hund kann jederzeit von einer plötzlichen Wut ergriffen werden und seine wahre Natur zeigen; aber man wird nie wissen, wann dies passieren wird. Man muss den Hund daher sicher angekettet halten und keinen Moment – und sei es auch nur für eine Sekunde – in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.

Normalerweise schenkt ihm sein Herrchen – schlicht darum, weil er dieses fürchterliche Tier ernährt, indem er ihm jeden Tag das Almosen von ein wenig Nahrung macht – ein blindes und spontanes Vertrauen: Komm, Bello, komm! Er ruft seinen Hund mit einer unbekümmerten Freude, macht aus diesem Hund ein vollwertiges Familienmitglied und lacht aus vollem Hals, wenn der kleine Dreijährige ihn an den Ohren zieht – ein Anblick, der einen zitternd die Augen schliessen lassen möchte! Was würde passieren, wenn der Hund unerwartet und bellend das Kind bisse? Man kann nicht genug wachsam sein. Übrigens ist es nicht gesagt, dass ein Hund nicht seinen Meister beissen könne. (Die Idee, ein Hund könne niemals jemand angreifen, der ihn ernährt, ist nur gefährlicher und lächerlicher Aberglaube. Mit den scharfen Zähnen, die er besitzt, ist der Hund dafür gemacht, zuzubeissen. Es ist wissenschaftlich unmöglich zu behaupten, dass ein Hund nicht beissen würde.) Wie kann man nur solch ein Monster in den Strassen herumlaufen lassen?

Ich habe nebenbei einen Freund, der letztes Jahr im Herbst das Opfer einer dieser Bestien geworden ist. Der Arme! Er spazierte unschuldig daher, die Hände in den Taschen, als ihm ein Hund auffiel, der quer auf seinem Weg sass. Mein Freund ist an ihm vorbeigegangen, als wäre nichts. Das Tier hat ihm einen bösen Blick zugeworfen; er hat seinen Weg fortgesetzt und ist an ihm vorbeigegangen. Und genau in diesem Moment hat ihn der Hund plötzlich und bellend in das rechte Bein gebissen. Bedauernswerter Unfall! Und all das hat nur eine Sekunde gedauert…

Mein Freund war zuerst verblüfft und hat Zornestränen vergossen. Als er mir diese Geschichte erzählt hat, war ich nicht überrascht; ich habe nur bedeutungsvoll genickt. Wenn ein solches Ungeschick passiert, was kann man da tun? Nichts.

Mein Freund hat sich mit seinem verletzten Bein zum Spital geschleppt, wo man ihn verarztet hat. Er musste sich dort in der Folge während drei Wochen behandeln lassen: Ja! Einundzwanzig Tage! Sogar, als die Wunde vernarbt war, fürchtete man, er trage einen schrecklichen Virus in sich – jenen der Tollwut: Er musste daher täglich vorbeugende Spritzen ertragen. Es wäre zu viel verlangt gewesen für jemand so Zaghaften wie ihn, hätte er auch noch mit dem Meister des Hundes Verhandlungen führen müssen oder etwas ähnliches in dem Stil. Er hat sich damit begnügt, Seufzer der Resignation auszustossen und sein Unglück zu bedauern. Zudem war die Behandlung nicht kostenlos, fern davon, und mein Freund – ich bedaure ihn dafür, dies sagen zu müssen – hatte kein Geld, um es auf diese Weise zum Fenster hinauszuwerfen; mit grosser Mühe konnte er aus seinen Schubladen den nötigen Betrag zusammenkratzen. Wenn man von Katastrophen spricht, dann war das eine Katastrophe.

Und hätte er das Unglück gehabt, und sei es auch nur einmal, seine tägliche Spritze zu vergessen? Dann hätte er unter Hydrophobie, Fieber, Halluzinationen gelitten; er hätte den Ausdruck eines Hundes angenommen und begonnen, auf allen Vieren bellend herumzulaufen! Eine schreckliche Krankheit! Als er noch in Behandlung war, kann man sich den Zustand aus Angst und Furcht vorstellen, in dem er leben musste? Doch ausdauernd, wie er ist, hat er den Schlag ertragen; ohne Schwäche ist er während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! für seine Spritzen ins Spital gegangen. Und jetzt hat er energisch seine Tätigkeiten wieder aufgenommen. Aber wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich alles unternommen, um diesen Hund nicht mehr am Leben zu lassen. Ich bin drei- bis viermal so nachtragend wie der durchschnittliche Mensch, und wenn ich mich räche, fünf- bis sechsmal so gewalttätig; ich hätte nicht lange gewartet, um diesem Hund den Schädel in Stücke zu schlagen und ihm die Augen auszureissen – die ich wie toll gekaut hätte, um sie anschliessend auszuspucken! Und wenn das nicht genug gewesen wäre, hätte ich alle Hunde in der Nachbarschaft vergiftet.

Sie tun gar nichts, wirklich gar nichts, und plötzlich und bellend beisst man Ihnen ins Bein! Das ist eine Handlungsweise, die jeglicher Gewohnheit widerspricht: ein willkürlicher Gewaltakt. Oh, natürlich, man kann immer die Dummheit des Tiers vorschützen; dieses Verhalten bleibt dennoch unentschuldbar. Man bemitleidet die «armen Tiere» und lässt ihnen alles durchgehen: unverzeihliche Schwäche! Man muss sie bestrafen, sie ohne Mitleid bestrafen!

So hat im vergangenen Herbst meine Abscheu vor den Hunden, als ich davon hörte, was meinem Freund passiert war, einen Höhepunkt erreicht: sie wurde ein verzehrender Hass, wie eine blau glänzende Flamme.

Anfangs dieses Jahrs hatte ich in der Präfektur Yamanashi, unweit von Kôfu, eine «Einsiedelei» gemietet (drei Zimmer von der Grösse von respektive acht, drei und einer Tatami). Und in diesem Refugium habe ich mit Mühe die Arbeit an meinen unglücklichen Schriften wieder aufgenommen.

Wohin man geht, begegnet man in Kôfu Hunden. Enorm vielen Hunden. Sie sind da, in den Strassen: die einen liegen in voller Länge ausgestreckt herum, die andern laufen wie wild herum; einige, ohne mit dem Bellen aufzuhören, zeigen ihre Reisszähne, die in der Sonne glänzen. Noch die kleinste Freifläche dient ihnen als Schlupfwinkel: dort versammeln sie sich, üben sich im Kampf, und in der Nacht gehen sie in Gruppen durch die verwaisten Strassen, einer hinter dem andern – und man hört sie vorübergehen wie den Wind oder die Räuber. In Kôfu gibt es mindestens zwei Hunde pro Haushalt – wenigstens stelle ich mir das so vor, so zahlreich sind sie dort!

Die Yamanashi-Region ist bekannt für ihre Hunde – für die Kai Ken. Aber die Hunde, die man auf der Strasse sieht, sind keine reinen Exemplare dieser Rasse. Sie haben zumeist ein rötliches Fell: Promenadenmischungen, mehr nicht.

Von Anfang weg war ich nicht sehr positiv eingestellt gegenüber den Hunden; und seit dem Unfall meines Freundes war meine Abneigung für sie nur noch angewachsen. Ich war daher auf der Hut; aber es war nicht angenehm mit diesen Hunden, die von überallher kamen und in den Strassenecken wimmelten – ausser, sie dösten, waren unerschütterlich zusammengerollt. Was für eine mühselige Prüfung! Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich gerne mit Beinschutz, Handschuhen und Helm aus dem Haus gegangen. Doch so eine Aufmachung hätte erstaunt, und die öffentliche Moral wäre davon gestört worden. Daher musste ich eine andere Methode vorziehen. Ich habe mich sehr ernsthaft mit der möglichen Strategie befasst. Ich habe mich zuerst mit der Hundepsychologie beschäftigt. Von der menschlichen Psychologie habe ich einige Ahnung – so habe ich gelegentlich mit einigem Scharfsinn gewisse menschliche Verhaltensweise vorherzusehen vermocht -; aber die hündische Psychologie, das ist was ganz anderes! In welchem Mass kann die menschliche Sprache bei der Kommunikation zwischen Mensch und Hund helfen? Das ist die erste Frage. Doch nehmen wir an, die Wörter helfen dabei nicht: dann ist das einzige Kommunikationsmittel jenes, die Bewegungen und Haltungen zu lesen. Einige Dinge sind sehr wichtig – die Schwanzbewegungen zum Beispiel. Doch sobald man sich eingehender mit diesen Bewegungen beschäftigt, stellt man fest, dass sie kompliziert sind und ihre Deutung gar nicht einfach. Ich war daher kurz vor der Aufgabe. Als letzter Ausweg habe ich Zuflucht in einer ziemlich ungeschickten und wirklich dummen Methode gesucht, in etwas wirklich Erbärmlichen, einer Notlösung. Ich habe mich entschlossen, dass ich jedes Mal, wenn ich einem Hund begegnete, ein grosses Lächeln aufsetzen würde, um ihm deutlich zu zeigen, ich wolle ihm nicht übel. Und nachts, da man mein Lächeln nicht sehen würde, summte ich unschuldig Wiegenlieder, um damit anzuzeigen, dass ich ein wirklich wohlwollender Mensch sei. Ich habe den Eindruck, dass diese Strategie mehr oder weniger erfolgreich war. Aber ich darf mich nicht in Sicherheit wiegen. Wenn man an einem Hund vorübergeht, welchen Schrecken man auch immer empfinden mag, muss man vor allem darauf achten, nicht zu rennen. So gehe ich langsam, sehr langsam mit einem honigsüssen Heuchlerlächeln durch die Strassen, schaue mit einer scheinbaren Unbekümmertheit nach rechts und links – und in mir drin ersticke ich fast, erzittere; als kletterten zehn Raupen meine Wirbelsäule hinauf und hinunter! Meine eigene Feigheit ekelt mich an. Ich schäme mich derart vor mir, dass die Tränen mir in die Augen schiessen. Aber ich sage mir, ich habe keine Wahl: entweder das oder eine Bisswunde. So grüsse ich jedes Mal, wenn ich Hunde sehe, freundlich – so erbärmlich dieses Verfahren auch sei.

Wenn ich zu lange Haare trage, riskiere ich, ihnen verdächtig zu erscheinen und sie zum Bellen zu bringen. So habe ich beschlossen, dass ich regelmässig zum Friseur gehe, obwohl ich das hasse. Und aus Angst vor den Hunden, die mich mit einem Gehstock daherkommen sehen und dieses Objekt als eine bedrohende Waffe wahrnehmen und zu feindlichen Reaktionen übergehen könnten, habe ich mich dazu entschlossen, ohne Gehstock auf die Strasse zu gehen.

Unfähig, die hündische Psychologie zu verstehen, und bemüht darum, mir die gute Gesinnung aller Hunde, deren Weg ich kreuze, zu erwerben – und ohne an die Folgen meiner Handlungen zu denken –, erreichte ich etwas, was mich überrascht hat: sie haben mich ins Herz geschlossen! Man hat sie gesehen, wie sie mir in einer langen Reihe schwanzwedelnd folgen – was mich vor gerechtem Zorn beben liess. Das Schicksal liebt die Ironie! Dass mich die Hunde liebten, die ich nie besonders geschätzt hatte – und die ich seit kurzem sogar verabscheute! Lieber hätte ich mir die Liebe der Kamele zugezogen!

Man sagt gelegentlich, es sei nie unangenehm, geliebt zu werden – sogar von einer unschönen Frau: was für eine oberflächliche Idee! Aus persönlichem Stolz oder Instinkt ist es durchaus möglich, dass es unerträglich ist, geliebt zu werden – was zu unmöglichen Situationen führt.

Ich hasse die Hunde. Ich wusste von Anfang an, dass ich nie genug misstrauisch gegenüber ihrer durch und durch wilden Natur sein könnte. Gebt einem Hund ein- oder zweimal das Almosen von Essensresten: er wird mit seinen Freunden zurückkommen und seine Gefährtin und Familie dafür verlassen. Man wird ihn sich unterm Vordach hinlegen sehen, wie ein treuer Diener. Er wird seine Kameraden von gestern anbellen, seine Brüder, Vater und Mutter vergessen, und sich nur auf eine Sache konzentrieren: auf dem Gesicht seines Herrn auch nur das geringste Zeichen von Wohlwollen zu erspähen. Was für ein schamloser Heuchler! Man schlage ihn: er wird sich beschämt und enttäuscht zeigen – und der Spott der ganzen Familie sein. Darum bezeichnet man feige und hinterlistige Menschen als Hunde.

Ohne zu zögern, obwohl er widerstandsfähige Pfoten hat, mit denen er 10 Meilen in einem Tag ohne Müdigkeit zurücklegen kann, obwohl er scharfe Reisszähne von einer blendenden Weisse hat, die ihm ermöglichten, siegreich einem Löwen zu widerstehen, lässt der Hund natürliche Feigheit, Faulheit und Verdorbenheit die Oberhand gewinnen; entgegen jeglicher Selbstliebe unterwirft er sich den Menschen, ohne Widerstand zu leisten, betrachtet seine Artgenossen mit einem feindlichen Auge und, findet er sich ihnen gegenüber, bellt sie an und beisst sie, vervielfacht seine Bemühungen, um sich das Wohlwollen der Menschen zu erwerben. Schaut doch die Spatzen: das sind zerbrechliche und wehrlose Lebewesen, die es trotzdem verstanden haben, frei zu leben und eine von den Menschen vollkommen unabhängige Gesellschaft zu bilden. Diese Vögel sind sich in einer wirklichen Solidarität verbunden; auf ihrer Stufe, so niedrig sie auch sein mag, kennen sie eine gewisse Form des Glücks und verbringen ihre Tage mit Singen.

Je mehr man darüber nachdenkt, desto abstossender findet man die Hunde. Ich hasse die Hunde. In einer gewissen Weise habe ich sogar das Gefühl, dass sie mir gleichen – und mein Hass auf sie wird dadurch nur noch grösser. Ich kann sie nicht leiden. Wenn sie voller Zuneigung für meine Person schwanzwedelnd auf mich zukommen, um mir ihre Sympathie zu bekunden, gibt es kein Wort, das den Zustand meiner Seele beschreiben könnte: Verwirrung? Kränkung?

Ich habe ihnen unüberlegt mein Lächeln geschenkt, weil ich von ihrer Wildheit abgeschreckt worden bin. Und die Hunde haben schliesslich gedacht, sie hätten in mir einen Freund gewonnen und könnten mit mir tun und lassen, was sie wollten: Was für ein trauriges Ergebnis! Man soll in jeglicher Sache Mass walten lassen. Aber ich, ich habe immer noch nicht gelernt, Mass zu walten.

Es war am Anfang des Frühlings. Ich hatte vor dem Abendessen einen kleinen Spaziergang auf dem Übungsgelände des 49. Regiments unternommen, das nicht weit von meinem Haus entfernt ist. Zwei oder drei Hunde folgten mir. Ich starb vor Angst: Ich war überzeugt, dass sie mich jeden Moment in die Waden beissen würden. Doch war ich jedes Mal, wenn ich mein Haus verliess, für diese Möglichkeit gewappnet. Ich spielte die Ruhe und Gleichgültigkeit und unterdrückte meine Lust loszurennen; ich achtete darauf, mich nicht umzudrehen und schritt mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit auf meinem Weg dahin. Innerlich aber war ich am Ende. Hätte ich eine Pistole gehabt, ich hätte sie kaltblütig erschossen. Doch sie folgten mir weiterhin, ohne meine Absichten zu erraten – ohne dass ihnen die dämonischen Gefühle unter der vorgetäuschten Heiterkeit eines Buddhas schwanten. Ich machte einmal den Gang um das Übungsgelände, dann kehrte ich zurück – immer noch die Hunde im Schlepptau.

Gewöhnlich verstreuten sich die Hunde vor meiner Heimkehr irgendwann von selbst. Aber an jenem Tag gab es einen, der mich nicht verliess: er glaubte wohl, ihm sei alles erlaubt! Ein ganz schwarzer Hund, so klein, dass man ihn fast übersehen konnte: er war wirklich winzig. Sein Rumpf konnte kaum fünfzehn Zentimeter lang sein. Doch war das kein Grund, meine Wachsamkeit aufzugeben. Ohne Zweifel hatte auch dieser Hund bereits Zähne. Würde er mich beissen, müsste ich während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! ins Spital. Denn diesen jungen Hunden fehlt jeglicher gesunde Menschenverstand. Ihre Laune ist seltsam: man muss noch wachsamer sein.

Er begleitete mich also, folgte mir oder ging mir voran, hob seinen Kopf zu mir hoch, lief auf seinen noch unsicheren Pfoten; und schliesslich gelangten wir zu meinem Haus.

«Schau mal,» rief ich meiner Frau zu, «da folgt mir ein merkwürdiges Ding!»

«Oh, wie ist er süss!»

«Süss! Blödsinn! Jag ihn davon! Aber vorsichtig, nicht zu brutal: sonst beisst er dich noch. Gib ihm einen Keks, eine Süssigkeit…»

Das heisst, aus einer Position der Schwäche heraus handeln – wie immer! Dieser kleine Hund hatte sehr wohl begriffen, dass ich mich fürchtete, und er nutzte das aus, um bei mir einzuziehen. März, April, Mai, Juni, Juli, August… Die Herbstwinde begannen zu blasen, und er ist immer noch da. Er hat mich unzählige Male gefoltert. Ich weiss wirklich nicht, was mit diesem Hund anstellen. Ich habe seine Gegenwart akzeptiert, ich habe ihm einen Namen gegeben: Pochi (auf Schweizerdeutsch etwa: Hüfeli, Bizzeli); doch obwohl wir seit sechs Monaten im gleichen Haushalt wohnen, kann ich ihn immer noch nicht als ein Mitglied der Familie annehmen. Für mich ist er immer noch ein Fremder. Wir vertragen uns nicht: unsere Gemüter sind verschieden! Wenn wir gegenseitig in unseren Herzen zu lesen versuchen, schlägt das Funken und führt zu Streit. Und was auch immer wir tun, wir können uns weder wohlgesonnen noch ohne Hintergedanken anblicken.

Bei seiner Ankunft war er nur ein Welpe: er betrachtete die Ameisen auf dem Boden mit grossem Interesse oder stiess Schreckensschreie aus, wenn er eine Kröte sah – was mich ganz gegen meinen Willen sehr erheiterte. Ich sagte mir, selbst wenn ich dieses Tier nicht liebte, sei seine Ankunft bei uns vielleicht vom Himmel gewünscht. Ich machte mich also daran, ihm unter der Veranda eine Bettstatt einzurichten, ihm die Nahrung wie einem Baby vorzukochen und ihm Puder gegen Flöhe einzureiben. Doch nach einem Monat hatte ich meine Illusionen verloren. Allmählich kam seine wahre Natur, die einer Promenadenmischung, zum Vorschein. Er war ein vulgäres, niederträchtiges Wesen: ein ausgesetzter Hund, da war ich mir sicher.

Als er sich mir an die Füsse geheftet hatte an jenem ersten Tag, war er noch ganz mager – fast unsichtbar –, und sein Fell war in einem solchen Zustand, dass sein Hinterteil fast nackt war. Weil ich so bin, habe ich diesem Ding Süssigkeiten zugesteckt und ihm Reisbrei zubereitet, ohne je wütend zu werden: kurz, ich war ganz Freundlichkeit und Vorsicht gewesen. Ein anderer als ich hätte sich dieses Hunds sicherlich mit einem einzigen Fusstritt entledigt. Gewiss, ich hatte mich freundlich gezeigt nicht aus Hundeliebe, sondern wegen dieses Gefühls von Abneigung und Furcht, das sie mir einflössten – nicht mehr und nicht weniger. Aber trotzdem… dank mir bekam Pochi ein schönes Fell, und er konnte aufwachsen wie alle Hunde seiner Gattung. Ich erhoffte mir keinerlei Anerkennung; aber meine Frau und ich dachten doch, er hätte uns ein wenig mehr Freude bereiten können. Aber das hiess zu viel von einem ausgesetzten Hund erwarten. Er schlang seine Nahrung hinunter und zerriss anschliessend, als wolle er trainieren, unerbittlich ein unglückliches Sandalenpaar oder – Liebesdienst, den man von ihm nicht gefordert hatte – riss die im Garten trocknende Wäsche herunter, um sie im Dreck herumzuzerren.

«Hör auf mit diesen Dummheiten! Du nervst! Wer hat dich geheissen, so was zu machen?» schalt ich ihn. Ich redete ihm mit der ganzen Freundlichkeit zu, zu der ich fähig war, doch mit einigen spitzen Bemerkungen; ich wollte ihn verstehen machen, dass ich nicht zufrieden war. Er warf mir einen Blick zu und strich um meine Beine, ohne meine Ironie zu verstehen. Ein Schmeichler, das war er!

Die Frechheit dieses Hundes ekelte mich innerlich an und flösste mir Verachtung ein. Je länger die Situation andauerte, um so klarer wurde dieser Charakterzug: er war für nichts zu gebrauchen.

Da war auch seine Hässlichkeit. Als er klein war, stimmten seine Proportionen besser: man hätte sogar glauben können, er sei teilweise ein Rassenhund – was für ein Trugschluss! Jetzt hatte sich sein Rumpf in die Länge gezogen, aber seine Pfoten waren immer noch kurz. Man musste unwillkürlich an eine Schildkröte denken. Was für ein unangenehmer Anblick.

Und doch folgte er mir jedes Mal, wenn ich das Haus verliess, als sei er mein Schatten. «Was für ein komischer Hund!» riefen sogar die Kinder, lachten und zeigten mit den Fingern auf ihn. Da ich ein wenig eitel bin, posierte ich während meines Spaziergangs; aber das war verlorene Liebesmühe! Ich konnte schneller gehen und so tun, als gehörte der Hund nicht zu mir: er verliess mich nicht. Er blickte zu mir auf, lief einmal vor und einmal hinter mir, klebte richtiggehend an meiner Person – sodass niemand uns für Fremde gehalten hätte: ganz klar das Herrchen und sein treuer Gefährte! Ich war dank ihm jedes Mal, wenn ich ausging, trübselig und melancholisch: was für eine gute geistige Übung! Doch solange er mir nur folgte, war das nicht schlimm…

Aber nach und nach zeigte er seine versteckte Wildheit. Er begann, den Streit zu lieben. Wenn er mich auf meinen Spaziergängen begleitete, zögerte er nicht, jedes Mal, wenn uns ein anderer Hund begegnete, diesen auf seine Art und Weise zu begrüssen – indem er ihn angriff. Er verfügte für seine Grösse und sein Alter über eine beachtliche Kraft. Eines Tages, als er sich auf eine Freifläche gestürzt hatte, wo Hunde Zuflucht suchten, griff er fünf gleichzeitig an. Man hätte nicht auf seine Haut gewettet, aber er wich den Schlägen geschickt aus und konnte die Flucht ergreifen.

Er war sich seiner sehr sicher und warf sich auf jeden beliebigen Hund. Es konnte geschehen, dass er sich in einer unsicheren Position fühlte, dann zog er sich bellend zurück. Auf das Bellen folgte erbärmliches Winseln, und sein normalerweise schwarzes Gesicht wurde ganz bläulich. Ich erbleichte, als er eines Tages einen Deutschen Schäferhund ansprang, der so gross war wie ein Kalb. Natürlich war Pochi gegenüber so einem Gegner im Nachteil. Der Schäferhund begnügte sich damit, ihn mit seine Vorderläufen wie ein Spielzeug zu behandeln, ohne die ernsthafte Absicht, sich provozieren zu lassen, und das war Pochis Rettung. Doch wenn ein Hund so eine fürchterliche Erfahrung macht, verliert er anscheinend seinen Mut. Seit diesem Tag scheute Pochi offensichtlich jegliche weitere Konfrontation.

Ich liebe die Schlägereien nicht. Um es deutlich zu sagen, bin ich der Meinung, dass es für entwickelte Länder eine Schande ist, Hundekämpfe in der Strasse zu dulden; und wenn ich die ohrenbetäubenden Schreie von kämpfenden Hunden auf der Strasse höre, empfinde ich ihnen gegenüber einen solchen Zorn und eine solche Abscheu, dass ich mir sage: selbst der Tod wäre für sie eine zu milde Strafe.

Ich liebe Pochi nicht. Alles, was ich für ihn fühle, ist Angst und Hass – aber Zuneigung? Niemals! Ich möchte ihn sterben sehen. Er begleitet mich in stillem Einverständnis, wenn ich ausgehe, und verfehlt es nie – zweifellos davon überzeugt, dass dies der Dienst ist, den er jenen schuldet, die ihn füttern –, wenn er einen anderen Hund trifft, ihm ein schreckliches Gebell entgegenzuschleudern. Aber sieht er denn nicht, wie sein Herrchen vor Angst zittert? Es ergreift mich die Lust, ein Taxi heranzurufen, mich hineinzuwerfen, die Türe zuzuschlagen und mich aus dem Staub zu machen. Es mag ja noch angehen, dass die Hunde sich mit dem Streiten zufriedengeben. Aber stellen wir uns vor, dass der andere Hund den Kopf verliert und sich auf das Herrchen stürzt, das heisst, auf mich… Sagen Sie mir nicht, das kommt nicht vor. Die Hunde sind blutrünstige Tiere. Man weiss nie, was sie tun werden. Wäre ich das Opfer einer ihrer schrecklichen Bisswunden, müsste ich mich dreimal sieben: einundzwanzig Tage in Folge! im Spital kurieren lassen.

Die Hundekämpfe sind etwas Teuflisches! Ich verpasse keine Gelegenheit, um Pochi zu belehren: «Du darfst dich nicht schlagen. Oder wenn du unbedingt musst, tu das fern von mir. Übrigens will ich es dir sagen: ich liebe dich nicht.»

Es hatte den Anschein, als verstünde er ein wenig davon, was ich ihm sagte. Wenn ich so mit ihm sprach, gab er sich niedergeschlagen – was mich in meiner Überzeugung bestärkte: die Hunde sind wirklich geheimnisvolle Kreaturen.

War dies das Resultat meiner wiederholten Ermahnungen? Oder jenes der demütigenden Niederlage, die er durch den Deutschen Schäferhund erlitten hatte? Er war jetzt derart kleinmütig, dass sein Verhalten an Feigheit grenzte. Wenn er an meiner Seite ging und andere Hunde ihn anbellten, gab er vor, diese bestialischen Äusserungen zu verachten, und stellte sich hochmütig – darin glaubte er sicher, mir zu gefallen; eine Art von Beben durchlief seinen Körper, und er blickte mit einem herablassenden Auge auf diese traurigen Hunde wie auf ebenso viele verzweifelte Fälle; dann untersuchte er mein Gesicht mit der feigen Beschaulichkeit eines Höflings. Was für ein für mich unerträglicher und abscheulicher Anblick!

«Es gibt wirklich nichts, was mir an diesem hier gefällt!» sagte ich eines Tages zu meiner Frau. «Er hört nicht damit auf, die Gesichter der Leute genau zu betrachten!»

«Das ist dein Fehler! Du kümmerst dich zu stark um ihn.»

Meine Frau hatte ihm von Anfang an nur Gleichgültigkeit gezeigt. Wenn er die Wäsche in den Dreck riss, hatte sie sich beklagt; aber danach rief sie ihn zu sich, wie wenn nichts gewesen wäre: «Pochi! Pochi!» und gab ihm zu essen.

«Vielleicht ist seine Persönlichkeit gerade dabei, sich aufzulösen», fügte sie lachend hinzu.

«Willst du damit sagen, er ist wie sein Meister?» erwiderte ich ganz und gar angewidert.

Es war Juli geworden. Es gab ein unerwartetes Ereignis. Wir hatten in Mitaka, in der Agglomeration von Tokyo, ein kleines Häuschen finden können, das sich noch im Bau befand. Wir hatten mit dem Bauherr einen Vertrag abschliessen können, der uns ermöglichte, das Haus für vierundzwanzig Yen pro Monat zu mieten, sobald die Bauarbeiten abgeschlossen wären. Wir begannen nach und nach mit den Vorbereitungen für den Umzug. Sobald das Haus fertig gebaut wäre, würde uns der Bauherr per Eilbrief davon informieren. Wir müssten dafür natürlich Pochi zurücklassen.

«Wir könnten ihn schon mitnehmen», sagte meine Frau, für die Pochi kein Problem darstellte. (Ihn zurücklassen, ihn mitnehmen, das kam für sie aufs Gleiche heraus.)

«Nein, auf keinen Fall. Ich habe ihn nicht aufgenommen, weil ich ihn «süss» gefunden habe; ich wollte nur nicht, dass er sich an mir räche: und da mir nichts anderes einfiel, habe ich ihn sich hier einrichten lassen, das ist alles. Das ist doch nicht schwierig zu verstehen!»

«Aber sobald du ihn nicht siehst, fragst du dich mit lautem Geschrei: Pochi? Wo ist nur Pochi

«Er macht mir halt nur noch mehr Angst, wenn er nicht da ist: ich stelle mir ihn dann vor, wie er sich mit seinen Artgenossen gegen mich verschwört. Er weiss, dass ich ihn verachte. Und ein Hund ist rachsüchtig.»

Es handelte sich hier wirklich, so dachte ich, um die ideale Gelegenheit. Wir würden uns so stellen, als hätten wir ihn vergessen. Wir würden ihn aussetzen, in einen Zug nach Tokyo springen, und damit hätte es sich. Er würde doch nicht den Sasago-Pass überqueren können, um uns bis nach Tokyo zu folgen! Wir hätten ihn nicht ausgesetzt, aber einfach vergessen. Wir würden uns keiner Übeltat schuldig fühlen, und es schien unvorstellbar, dass Pochi uns böse wäre und sich daher an uns rächen würde:

«Das ginge doch, oder? Selbst wenn er hierbliebe, liefe er nicht Gefahr, vor Hunger umzukommen oder irgendwas in dieser Richtung…» (Es ist schon vorgekommen, dass eine Seele aus dem Jenseits die Lebenden mit ihrem Fluch verfolgt!)

«Und schliesslich war er nur ein ausgesetzter Hund», pflichtete mir meine Frau ein wenig unsicher bei.

«Genau so ist es. Er wird schon nicht hungers sterben. Er wird sich auf die eine oder andere Weise zu helfen wissen. Würde ich diesen Hund mit nach Tokyo nehmen, ich würde mich vor meinen Freunden schämen: er ist so grotesk, mit seinem Rumpf, der nicht aufhört!»

Es war beschlossen: wir würden Pochi aussetzen.

In diesem Augenblick geschah wieder etwas Unerwartetes: Pochi litt an einem Hautausschlag. Etwas sehr Ernstes. Eine Krankheit, die zu beschreiben man zögert, so abscheulich ist ihr Anblick. Und unter der Hitze gab er einen komischen Geruch von sich. Dieses Mal konnte meine Frau nicht mehr:

«Das stört die Nachbarn! Man muss ihn töten!»

In solchen Fällen ist eine Frau weitaus gefühlloser, radikaler als ein Mann.

«Ihn töten?» (Ich war schockiert.) «Kannst du dich nicht ein wenig gedulden?»

Wir erwarteten fieberhaft Neuigkeiten von dem Haus in Mitaka. Ende Juli werde alles bereit sein, hatte man uns gesagt. Das Ende des Julis kam näher. Wir müssten dann von einem Moment auf den andern abreisen. Wir hatten also unsere Sachen bereits gepackt. Wir waren zum Warten verdammt, aber keine Nachricht kam.

Ich hatte mich entschieden, dem Bauherrn zu schreiben – und die Krankheit von Pochi hatte im selben Augenblick begonnen. Je mehr man den Hund betrachtete, desto erbärmlicher fand man ihn. Pochi selbst schämte sich seiner Hässlichkeit: er entwickelte eine wahre Vorliebe für dunkle Orte. Gelegentlich sah ich ihn auf den Platten der Eingangssteine liegen, in der brennenden Sonne, vollkommen erschöpft.

«Oh, was für ein Schrecken!» warf ich ihm dann zu, um ihn extra zu beleidigen.

Sogleich erhob er sich und versteckte sich, den Kopf gesenkt und niedergeschlagen, unter der Veranda.

Dennoch kam er, ging ich aus, auf leisen Sohlen mit mir mit; er wollte mir folgen. Ich hätte es nicht ausgehalten, von einem solchen Monster begleitet zu werden. Ich blickte ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Mit einem Lächeln auf den Backenzähnen bannte ich ihn an Ort und Stelle.

Dieses Vorgehen war sehr effizient. Pochi schien sofort sich seiner Hässlichkeit bewusst zu werden und versteckte sich, gesenkten Kopfes und verlegen.

Meine Frau konnte nicht anders, als die Frage immer wieder aufs Tapet zu bringen.

«Nein,» sagte sie, «ich kann einfach nicht mehr! Ich bekomme ja selbst schon Juckreiz! Ich tue alles mögliche, um diesen Hund nicht anzuschauen; aber es braucht nur einen Augenzwinkern, und schon passiert es: überall juckt es mich! Ich träume sogar davon!»

«Nun, nun, noch ein wenig Geduld!» antwortete ich ihr.

Ich glaubte, das wäre das einzige, was wir tun könnten. Krank oder nicht, Pochi war ein wildes Tier: beim geringsten Anlass würde er uns noch beissen!  

«Die Antwort von Mitaka kommt vielleicht schon morgen!» fügte ich hinzu. «Und sobald wir verreisen können, wird all das Schnee von gestern sein!»

Schliesslich kam der so heftig erwartete Brief an, aber sie enttäuschte uns. Wegen des anhaltenden Regens waren die Mauern noch nicht trocken, und es fehlte an Arbeitskräften; es würde etwa noch zehn, zwölf Tage dauern, bis alles fertig war.

Ich hatte wirklich genug davon. Ich wollte so schnell wie möglich abreisen, wenigstens um diesem Hund zu entgehen.

Vor lauter Ungeduld hatte ich aufgehört zu arbeiten: ich verbrachte meine Tage damit, in Zeitschriften zu blättern und zu trinken. Von Tag zu Tag wurde die Krankheit von Pochi schlimmer. Selbst ich hatte schon Juckreiz bekommen. Mitten in der Nacht hörte ich von draussen, wie der Hund sich kratzte und wand, was mich, ich weiss nicht wie viele Male, erzittern liess. Es war unerträglich. Von Zeit zu Zeit verspürte ich eine ungeheure Lust, ihn abzuschlachten.

Ein zweiter Brief kam. Man bat uns, wir möchten nochmals zwanzig Tage Geduld haben. In diesem Augenblick richtete sich meine ganze Wut, meine ganze Frustration auf Pochi, der gerade in der Nähe war. Er war der Grund, weshalb alles so schlecht lief. Er war an all unserem Ärger schuld! Merkwürdigerweise begann ich ihn zu verfluchen. Und eines Abends fand ich Flöhe in meinem Nachthemd. Mein Zorn, den ich bis hierher hatte bezähmen können, explodierte, und ich traf eine Entscheidung.

Ich würde Pochi töten. Er war ein Unglückstier. In normalen Zeiten hätte ich nie eine solch radikale Entscheidung treffen können. Aber unter der erdrückenden Hitze dieser Region war ich selbst nicht mehr ganz mich selbst. Jeden Tag erwartete ich untätig und bedrückt den rettenden Brief. Ich langweilte mich zu Tode. Ich war schlechter Laune, gereizt, und zu allem andern schlief ich auch schlecht. Kurz, ich war wie verrückt.

Am Abend, an dem ich Flöhe in meinem Nachthemd gefunden hatte, schickte ich meine Frau, schnell ein grosses Stück Rindfleisch einkaufen; und ich begab mich zur Apotheke, um Gift zu besorgen.

Nun war alles bereit. Meine Frau war schrecklich nervös. An diesem Abend besprach das kriminelle Paar, das wir bildeten, mit leisen Stimmen, was es tun würde.

Am nächsten Morgen erhob ich mich um vier Uhr. Ich hatte mir den Wecker gestellt, aber noch bevor er klingelte, war ich aufgestanden. Das Morgengrauen begann den Himmel zu weissen. Es war fast frisch. Ich wickelte das Fleisch in Bambusborke und ging hinaus.

«Es lohnt sich nicht, bis zum Schluss zu bleiben. Du gibst ihm das Gift und kommst sofort zurück.» (Sie war jetzt ganz ruhig.)

«Klar», erwiderte ich. «Pochi! Komm!»

Er kam schwanzwedelnd unter der Veranda hervorgeschossen.

«Komm! Komm!»

In aller Eile verliess ich das Haus. Da mein Blick keinerlei Strenge zeigte, vergass Pochi seine Hässlichkeit und folgte mir voller Unternehmungslust.

Ein starker Nebel lag über allem. Die Stadt schlief, alles war still. Ich schlug ohne zu zögern den Weg zum Übungsgelände ein. Auf dem Weg dorthin begegneten wir einem rotfelligen Hund, der riesig und angsteinflössend war; er warf Pochi ein wildes Gebell entgegen. Pochi aber, mit diesem überheblichen Ausdruck, den er immer in solchen Fällen annahm, strafte ihn mit Verachtung («Was hat denn der da, so einen Lärm zu machen?») und beeilte sich, an ihm vorüberzugehen.

Aber dieser Hund war ein Feigling. Verräterisch stürzte er sich von hinten auf Pochi, so schnell wie der Wind, und zielte auf seine lächerlichen Hoden. Pochi drehte sich instinktiv um, aber er zögerte einen Moment und blickte mich fragend an.

«Mach nur!» befahl ich ihm mit lauter Stimme. «Das ist eine Memme! Schlag nur zu, so viel du willst!»

Pochi sammelte ermutigt von meiner Erlaubnis alle seine Energie und sprang seinem Gegner so schnell wie eine Pistolenkugel an die Gurgel. Es entwickelte sich ein furchtbarer Kampf. In diesem Nahkampf bildeten die beiden Hunde nur noch ein einziges Fellknäuel. Obwohl er es mit einem zwei- bis dreimal grösseren Gegner zu tun hatte, war es Pochi, der die Oberhand gewann. Der rote Hund ergriff schliesslich mit erbärmlichem Gewinsel die Flucht. Blödes Tier! Wer weiss, vielleicht hatte Pochi ihm auch noch seine Hautkrankheit übertragen!

Als der Kampf vorüber war, empfand ich Erleichterung. Ich hatte der Vorstellung mit feuchten Händen zugeschaut, wie man so sagt. Ich hatte sogar für Momente geglaubt, ich würde in die Schlägerei hineingezogen und mit Pochi zusammen sterben. «Mein Gott,» dachte ich, «wäre ich nur so gestorben!» Mit was für einer Beharrlichkeit hatte ich Pochi dazu ermuntert, sich mit all seinen Kräften zu schlagen!

Pochi vergnügte sich einen Moment noch damit, seinen Gegner zu verfolgen. Dann hielt er an. Aus dem Augenwinkel beäugte er mich. Er kam, ganz plötzlich verlegen, zu mir zurück, niedergeschlagen und gesenkten Kopfes.

«Bravo!» sagte ich zu ihm, «das hast du gut gemacht, geschieht ihm recht!»

Ich gratulierte ihm, und wir setzten unseren Spaziergang fort. Wir überquerten eine Brücke mit wackelnden Brettern. Und fanden uns bald auf dem Übungsgelände wieder.

Dort hatte man Pochi damals ausgesetzt. Wir kehrten dahin zurück, wo ich ihn gefunden hatte. Es war wohl besser, wenn er dort starb, wo er zuhause war.

«Hier, Pochi! Friss!»

Ich wollte das nicht sehen. Ich wiederholte, unbeweglich und den Blick in die Ferne gerichtet: «Friss, Pochi

Und ich vernahm das Geräusch seiner Kiefer ganz nah zu meinen Füssen. In einer Minute wäre er tot.

Mit gebeugtem Rücken kehrte ich zurück. Der Nebel war dick. Selbst die nächsten Berge waren nur vage schwarze Silhouetten. Man konnte weder die Kette der Südalpen noch den Fuji sehen.

Der Tau netzte meine Sandalen. Je weiter ich ging, immer noch sehr langsam, umso mehr schrumpfte ich zusammen. Ich überquerte die Brücke und kam vor das Gymnasium. Ich drehte mich endlich um: da war Pochi. Ja, er war es wirklich! Mit einem beschämten Ausdruck und mit gesenktem Kopf vermied er meinen Blick.

Ich bin ein Erwachsener. Jede billige Sentimentalität ist mir fremd. Ich begriff mit einem Schlag, was passiert war. Das Gift hatte keine Wirkung gehabt.

Ich musste meine Haltung überdenken. Ich schrie meiner Frau zu:

«Ein Misserfolg! Das Gift hat nichts gebracht!»

Und ich fügte hinzu:

«Lassen wir den Hund in Ruhe, er hat niemand etwas getan. Seit jeher sagt man, die Künstler seien die Verbündeten der Schwachen.»

Dieser Gedanke hatte mich auf dem Rückweg beschäftigt. Ich fuhr fort:

«Der Künstler ist der Freund der Schwachen. Dieser Freundschaft, das ist das A und das O seines Lebens. Eine so grundsätzliche und einfache Wahrheit! Dass ich sie nur vergessen konnte… Übrigens habe nicht nur ich sie vergessen, alle haben sie vergessen! Ich möchte Pochi ganz gern mit uns nach Tokyo nehmen. Und wenn unsere Freund sich über ihn lustig machen, bekommen sie es mit mir zu tun! Hast du ein Ei?»

«Ja, ja,» antwortete meine Frau. Sie schien sich nicht zu freuen.

«Gib Pochi eines. Oder sogar zwei, wenn du zwei davon hast. Nun, nun, Geduld! Er wird bald gesund!»

«Ja, ja», erwiderte sie mit unverändertem Gesichtsausdruck.


Übersetzt aus dem Französischen.

Die französische Übersetzung stammt von Dider Chiche, „Cent vues du mont Fuji“, Picquier poche 2003.

Rothermunds Sagen

Es war kein tiefer Wald, ganz gewiss nicht. Zwei, drei Eichen, einige kleinwüchsige, breit wachsende Olivenbäume, unsichere Birken und ausgreifende Haselbäume, und am Ende, zur Stadt hin, vier übermächtige Götterbäume, die fast in einem Quadrat standen. Dennoch war das Nachtigallenwäldchen im rasselnden Regen ein düsterer Ort geworden, ein entfernterer Ort. Der Mann namens Rothermund hatte ihn untergefasst und führte ihn an einen andern Ort, weg von seiner Eiche. Wieder hatte er ihr keinen Namen geschenkt, fiel Ueli ein, jedes Mal versprach er ihr das. Und jedes Mal, wenn er aus ihrem Schoss stieg, übersät mit alten Traumfetzen oder befleckt mit neuer Angströte, vergass er diesen Dank. Der Mann an seiner Seite spürte das Zögern in seinem Schritt und verstärkte seinen Druck und Zug am Arm. „Halt kommt bald,“ sagte er melodisch. Wäre ich etwa vorher gerade fast gestorben, dachte Ueli, und der hier hätte mich gerettet? Aber das war unmöglich, in der Grube der Eichenwurzel konnte niemand sterben, daraus kam nur Lebendiges. Die Eichenwurzel war ein Ort des entstehenden Bestehens, eine Vertiefung in der Welt, die in den Himmel reichte. Hiess das aber, dachte er weiter, denn im Gehen kamen die Gedanken, dieser da hatte ihn aus dem Bestehenden geholt und führte ihn fort in das blosse Entstehen? Die Füsse von Rothermund an seiner Seite tanzten voraus. Der Mann setzte die Füsse mit den Fussballen voraus auf. Darum zog er Ueli mit jedem Schrittpaar einmal nach vorne und einmal leichter nach hinten. Wieder versuchte Ueli stehen zu bleiben, um diesen Gang von hinten betrachten zu können, aber der Fremde liess ihn nicht, rückte genügend fest an ihm, um die Bewegung nach vorne aufrecht zu erhalten. Gabriela kam ihm dabei in den Sinn. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Gewiss war das gut gewesen, nicht an sie zu denken. Doch erinnerte er sich an den Gang das Kirchenschiff hinunter, an den leeren Bänken vorbei, Arm in Arm, vorne in der rechten Bankreihe ihr unförmiger Vater, der seinen Hut drehte und drehte, in der linken Bankreihe war seine Schwester wutrot gesessen, unterm Atem etwas wie Flüche ausstossend. Gabriela hatte an seiner Seite ausgreifende, raumfangende Schritte gemacht, mit jedem Schritt hatte sie ihn, fest eingehakt, ins Wanken gebracht. Ein Ruck vor, ein Viertel zurück. Doch Rothermund ging geschmeidiger, er zog ohne Zwang, und im Gehen musste Ueli das Nachtigallenwäldchen neu sehen. Nicht nur durch den Regen, der sanft wie Schuppen von den Augen fiel, auch durch einen seitlichen Wind hatte sich das Tal verändert. Der seitliche Wind sollte nicht möglich sein in einer kaum 50 Meter breiten Vertiefung, die der Dorenbach lautlos zerschnitt, ein Band von braun rasender Gleichgültigkeit. Die Steine in seinem Bett, über die Rothermund gehüpft war, sahen aus wie Warzen, glänzend und augenhaft, immer wieder überspült und von neuem aufleuchtend. Ein solcher Wind war nicht möglich, und doch war er sogar zu riechen, ein Geruch von süssem Aas wie aus dem Atem einer Katze. Das Nachtigallenwäldchen war ein unbekannter Ort geworden. Nicht gerade zum Fürchten, aber zum Urteilen gar nicht mehr geeignet. Ueli hielt sein Denken gerade für einen verrenkten Mann, Knochen gebrochen, Glieder puppenhaft verdreht. Doch im Gehen schaffte er doch einen Anfang, schnaufend, sammelte er die Splitter der Lupe auf, mit der die Dinge sich ins Gebiet der Wahrheit rücken liessen. Es gelang ihm, zögernd und zurückschreckend, im schwankenden Hin und Her von Rothermunds Gang in Sicherheit gewiegt, vor die Erinnerungen dieses Tages seine kleine, kaum kniehohe Mauer zu bauen, um ihre Nähe zu bannen. Und kaum hatte er damit begonnen, Urteil neben Urteil zu stellen, Zeit und Zeitläufte voneinander zu trennen, erkannte er die Stadt wieder. Sie standen auf dem Holbeinplatz: die beiden jugendlichen Linden, die beiden Bänke, die beiden Hecken, einige regenbraune zugeschlagene Felsen, die beiden Spatzenbäder, jetzt rötliche Augen. Rothermund hatte ihn losgelassen und sich auf die linke nasse Bank gesetzt. Er patschte mit seiner Hand auf den Platz neben sich. Ueli setzte sich schwer. Und schon lag die Hand Rothermunds auf seinem rechten Knie. Ueli schaute zu ihm auf. Das Gesicht des Fremden war unter einem breitkrempigen Hut verschattet, doch konnte er die runden, fast geblähten Wangen erkennen, die breiten Lippen. „Ich bin gekommen, um dir zu erzählen,“ sagte Rothermund. Sein Gesicht legte sich beim Lächeln in tausend Grübchen, eine Lache unter Wind. „Ich bin einer, der sagt,“ fuhr er fort, den Blick jetzt auf die Füsse gesenkt, „was ich sage, das vertraue ich denen an, deren Ohren sich für das Sagen eignen. Deine sind solche Ohren.“ Ueli hatte sich umgeblickt, um sich zu vergewissern. Er erkannte die kleinen Holzhäuser der Vorstadt, die Ruine eines Verwaltungsgebäudes aus Zeiten, als es noch etwas zu verwalten gab. Bevor er dem Impuls nachgeben konnte, denn er wollte aufstehen, um zu seiner Bucht zurückzukehren, hob Rothermund die Hand vom Knie auf seine Schulter, jetzt mit Kraft. „Und das Verkriechen,“ sagte Rothermund, „das kannst du noch lange genug üben, wenn alles vorbei ist… Was ich dir erzählen will, ist merkwürdig genug…“ Ueli spürte die Kälte der Bank, die Kälte des Windes. War denn wieder Winter geworden? Die Linden trugen ihre kleinen Sternenbündel… „Wie vieles beginnt das, was passiert, vor langer Zeit. Ein Bündel von Informationen, verstreut über verschiedene Körper. Der Mechanismus lässt sich erkennen, wenn auch nicht sein Urheber. Und doch ist dieser nicht von der Hand zu weisen… Vielleicht ist doch eher von einer Urheberin zu reden, wer weiss… Merkst du, wie schwer es mir fällt, das erste Mal zu sagen?“ Ueli blickte Rothermund an, doch dieser schaute zu Boden. „Es sind Vorbereitungen zu treffen, bevor man vorbereitet ist. Ich habe, merke ich, keine getroffen. Vielleicht soll es so sein, vielleicht. Das Sagen ist keine Wissenschaft, so denke ich wenigstens, aber das Sagen ist von Bedeutung.“ Wieder schwieg Rothermund, nahm die Hand von Uelis Schulter und strich damit über seine breiten Lippen, liess den Zeigefinger darauf ruhen. „Einen Auftrag zu haben, ist das eine. Den Auftrag dem Auftrag gerecht auszuführen, das andere… Und den Auftrag mit Gleichmut ausführen, wieder etwas anderes… Niemand kann dem Erzählten zuvorkommen. Niemand kann das Geschehene anders empfangen als wehrlos. Niemand kann das Sagen anders sagen als erstmals, so lange dieses Sagen auch schon warten oder dauern mag. Nun, so höre hin.“ Rothermund schüttelte sich in den Schultern und richtete sich auf. „Alles war gut. Das Fruchtwasser bedeckte die Erde. Im Fruchtwasser tummelte sich an der Grenze zur Sichtbarkeit das Leben. Ein schlürfendes Wiegen in Gewissheit, zukunftslos. Ein keimendes Gespinst, Daseins-Gewebe. Ungeformt-haltlos, darin aber beharrlich, fast unabänderlich. Doch immerhin, erste Strömungsabfälle, kleinste Zyklen, fast eigensinnige Gegenläufe. Im vom meeraufwerfenden Mondzyklus um- und umgedrehten Meer entstehen Blasen. Zuerst kaum grösser als die Zitzen eines Maulwurfs, doch Blasen blähen sich, das ist ihr einziges Tun. Sie schwellen an, verschlingen vom Gespinst, was verschlungen gehört. So würden es die Blasen sehen. Lange Zeit sind die Blasen eine Art Augen, die im Ungesehenen aufgegangen sind. Und in ihnen geschieht das Ungeschehene, mehr als Mehrung. Was Äonen gelebt und gewebt hat, in einem losen Schlingen und Umschlingen, in einem leicht zuckerhaltigen Taumel, wächst an, bläht sich wie die Blasen, und während die Blasen wie Tränen miteinander verwachsen, verwächst dieses Kringeln und Flimmern. Während der Mond mit seinem silbernen Arm die Erde wiegt, beginnt die Zeit. Sie beginnt mit dem Versteifen, die Zeit. Anders ist es nicht zu sagen, das Zusammenwachsen des ersten Taumels ist das Ausstrecken eines ersten Fingers, dann einer ersten Hand. Eine strebende, noch nicht zeigende Bewegung der Versteifung im Flirren und Kirren, gleich neben den Blasen. Ein stechendes Längen und Drängen stellt die Spannkraft der Blasen in Frage. Die Blasen reissen. Was aus ihnen quillt, dieser heiss-innere Saft, das Unabänderlich-Beharrliche, schmiegt sich an die beharrlichen Säulen, die da stechen und fechten. Ist die Zeit nicht Fechten und Stechen, ein wegloses Abkommen mit der Auflösung?“ Rothermund schwieg unerwartet nach seiner unerwarteten Frage. Er selbst fühlte sich plötzlich schwer, hörte ein Knarren in der Bank, auf der sie sassen. Die beiden Linden streckten ihre Äste nach allen Seiten nach den Vögeln aus, den verlorenen Stimmen. Sie waren mehr denn je ohne Halt, die feuchte Mauer des Himmels zu weit, zu hart für ihr ausgestrecktes, haarsträubendes Bitten, für ihr niederes, windloses Kratzen. Ueli dachte an einen Spruch, „Wessen Weisheit grösser ist als seine Werke, wem der wohl gleicht? Einem Baum, der viele Äste hat und wenig Wurzeln. Es kommt der Sturm, er reisst ihn aus und wirft ihn um.“ Ueli hatte nicht gedacht, dass ihm je wieder so eine Geschichte begegnen würde, und am wenigsten in dieser Lage. Ueli hatte nicht gedacht, dass es noch solche Geschichten gab, und am wenigsten für diese Lage. Ueli hatte nicht gedacht, wie gerne er miterzählen würde, und am wenigsten aus seiner Lage. Er sehnte sich nach Papier, nach Karton, er wollte einen Stift. Wie lange hatte er keinen Stift mehr gehalten, weder Kohle noch Kreide noch Tusche. Seine Hände zuckten. Die Bank knarrte wieder, Ueli konnte die Freude wie Schweissperlen über Rothermunds Gesicht laufen sehen. „Und was weich und fliessend gewesen war, verschmolz mit dem ersten belebten Harten. Was weich gelebt hatte, begann sich zu verhärten. Und was in der Weichheit geschlummert hatte, wachte in der Härte auf. Metallisch glänzten die Wirbelsäulen auf, die Schuppen, die Flossen, die Finger darin, die Beine und Arme. Was vorher an Dingen klebte, webte, an Felsen, Schloten, Steinesblüten, kaum weste, fast dingte, unbeirrbar zwecklos, unhaftbar anhaftend, begann zu zwicken, zwecken. Denn in den Dingen liegt kein Streben. Ein Streben liegt in den Lebewesen. Doch keines der Lebewesen konnte über sich hinaus. Das Wesende in ihnen, das den Dingen anhaftete, teilte sich unaufhaltsam. Erfasst von der Zeit, teilte und wandelte es sich, dingte sich zum Wesen. Nach oben war alles offen, das Land zuerst, der Himmel danach. Ein Wälzen nach Zielen, ein Drehen um Zwecke. Geschah das Teilen aus sich selbst heraus, damit etwas würde? Geschah das Wandeln aus sich selbst heraus, damit etwas geschehe? Eine Lenkerin ist schwer vorstellbar. Die gestaltende Hand bleibt unsichtbar. Eine Vielzahl von Gestalten wurde wahrscheinlich, möglich, wirklich. Aus dem Gestade des Wirklichen stiegen die Lebewesen herauf. So könnte man erzählen, stiegen herauf, stiegen herauf, stiegen herauf.“ Plötzlich brach Rothermund in Singen aus: „Da west es an Steinen, hier blüht’s in den Rainen, da heckt es die Seinen, da zappelt’s mit Beinen. So will es hinauf, so will es den Lauf, so will es der Lauf, so will es der Hauf. Denn viele sind Werden, und viele sind Scherben, von denen wir erben, voran sie uns herden.“ Das Schweigen war nicht angenehm. Ueli versuchte sich an das erzählte Nichts zu klammern, doch gab das Klammern nichts her. Lauter Schlingpflanzen, die im Regen wuchsen, sie schnitten in die Hände, und die Hände rutschten daran ab. Sein ganzer Körper, Kleider und Haare, waren nass. In seinem Nacken rieselte das Wasser von den Haaren den Rücken hinunter. Sein Atem füllte die trockenen Innenräume seines Körpers, hinterliess leichte Kondensspuren zurück auf dem Herz, der Leber. Auf dem Holbeinplatz war es immer angenehm zu sitzen. Doch, wie er begriff, nicht in diesem Schweigen. Es war ein Schweigen, das zu viel zu sagen hatte, das noch zu viel zu sagen hatte. Rothermund an seiner Seite hatte seinen Mund nicht geschlossen, und über dem Mund die Augen waren hell erleuchtet und fixierten etwas Monströses. Ueli dachte daran, was seine Mutter am Ende von Geschichten gesagt hatte. Er hatte es als Kind immer für eine Art Gegenspruch gehalten. Später als Erwachsener glaubte er zu verstehen, dass sie den Spruch mehr als Erinnerung an die Beharrlichkeit der Wirklichkeit gebraucht hatte, um die Veränderungskraft einer Geschichte zu mindern. „Und die Frösche blieben Frösche, die Monster Monster,“ sagte Ueli in die Stille, denn der Spruch musste jetzt heraus. Rothermund dreht ihm sein scharfes Gesicht zu, in den Augen ein glasiges Erschrecken, der Mund hechelt. Dann zerbricht er die zurückgekehrte Stille mit einem glasklaren Lachen. „Ja, ja,“ sagte Rothermund, seine Stimme in ein feuchtes Kichern herunterwürgend, „so ist es immer. Die meisten wissen bereits darum. Ich musste noch nie die ganze Geschichte erzählen. Das tröstet mich immer wieder. Und jeder einzelne hat noch dieses natürliche Widerstreben dagegen. Es ist einfach herrlich.“ Er fuhr sich mit den flachen Händen über das durchlachte Gesicht, das müde und erwartungsvoll aussah. „Du hast nichts erzählt,“ sagte Ueli, „das kann ich beurteilen. Menschen haben mir jeden Tag Geschichten erzählt, sogar die Schweigenden. Ich erkenne inzwischen jede Geschichte daran, ob sie das Gleiche sagt wie die andern. Diese Geschichte sagt nicht das Gleiche, diese Geschichte sagt nichts.“ Rothermund neigte sich zu ihm hinüber, berührte ihn am Ellbogen. „Es ist ja auch keine Geschichte, Ulrich,“ sagte er, „es ist ja auch keine Geschichte. Denn sie kommt von der Quelle. Sie hat es mir selbst erzählt. Immer wieder hat sie es mir erzählt. So höre denn zu, denn das war ja nur der Anfang.“ Der Regen über dem Platz hatte aufgehört, ein graues Gleissen lag über den Linden, die sich in Winderinnerungen wiegten. Rothermund erzählte weiter.

(Bild unverändert übernommen von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holbeinplatz,_Basel._Hans_Holbein_der_J%C3%BCngere_%281497%E2%80%931543%29_Maler,_Zeichner_%281%29.jpg?uselang=de, Urheber des Bilds ist EinDao, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:EinDao?uselang=de.)

Einen Roman schreiben: Die Realität kann mir gestohlen bleiben

Ein bekannter Bündner Autor beantwortet in einer Engadin-Literatur-Broschüre die Frage nach seiner Recherche-Methode wie folgt:

Vor dem Schreiben versuche ich, die ganz grundlegenden Schauplätze kennenzulernen, oft entscheiden ganz kleine Details über den Verlauf einer Handlung: steht da und da eine Strassenlaterne, wann geht sie an, wann geht sie aus?

Sicher gibt es verschiedene Genres, die unterschiedliche Bezüge und Haltungen zur Realität haben – der zitierte Autor schreibt Lokal-Krimis, für die Realitätsnähe ein nicht unwichtiges Kriterium ist -, dennoch möchte ich aus meiner Perspektive vehement widersprechen.

Meine Haltung zur Realität ist eine gänzlich andere. Die Realität steht in meinen Augen immer schon zur Disposition; sie ist ein Angebot, das du nützen oder lassen kannst. Das für mich wichtige Momentum beim Schreiben war für mich immer schon der Möglichkeitssinn; ich empfinde diesen Sinn immer wieder als befreiend, weil er Auswege und vor allem Umwege und Anderspfade findet und schafft. Als Autor habe ich nicht das Bedürfnis, das, was ist, zu schildern, sondern das, was sein könnte (sollte?).

Gewiss ist das in vielerlei Hinsicht auch die Absicht und die Haltung des oben erwähnten Autors. Doch in letzter Konsequenz sollen seine Romane und Erzählungen eine «glaubwürdige Realität» beschreiben, die einen Wiedererkennungswert hat; die Leserin soll das Gefühl haben, «genauso ist es, genauso sieht es aus».

Eine ähnliche Haltung kann der Autor auch mit Bezug auf die Sprache einnehmen. So redet Pedro Lenz einmal von einer «Realitätsillusion»; er meint damit, dass seine Sprache erkennbar die Sprache der Menschen einer Sprachregion sein soll, – die Leser dieser Sprachregion seine Sprache somit als glaubwürdig empfinden sollen.

Für mich als Lyriker ist Sprache ein zuerst unwillkürliches, dann willkürliches und letztlich unzuverlässiges Instrument. Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, wie wichtig es für ihren «Beherrscher» ist, in den wichtigen, den ausschlaggebenden Momenten eines Gedichts «das Heft aus der Hand zu geben»: selbst zum Instrument der Sprache zu werden, sich bedienen, behändigen zu lassen. Ich subsumiere diese Haltung jeweils unter Rimbauds «Je est un autre». Damit meine ich: Wenn du mit Sprache schaffst, bist du ihr immer auch ausgeliefert.

Das sage ich als Lyriker, der sich weder der Realität noch der Glaubwürdigkeit in besonderem Masse verpflichtet fühlt.

Diese Haltung bringe ich in meine Rolle als Prosaiker ein: Ich glaube daran, dass eine Realität, im besten Fall sogar eine «Welt», erschaffen werden kann. Als leidenschaftlicher Sci-Fi- und Fantasy-Leser glaube ich auch daran, dass ich mich nicht notwendigerweise an die Gesetze menschlicher Psychologie oder an die Regeln der Physik halten muss, dass selbst der Determinismus der Evolutionswissenschaft mit Methoden und Mechanismen an die Hand gibt, neue Lebensformen zu schaffen. (Darin ist für mich China Miéville ein grosses Vorbild. Man denke nur an die «Geier-Menschen» namens Garuda in seiner Trilogie (Perdido Street Station, The Scar, The Iron Council) oder an die «glucliche», fledermausähnliche Hyänen der Lüfte…)

Und was die Realität einer solchen «Un-Realität» betrifft, berufe ich mich gerne auf einen Ausspruch von C.F. Ramuz, der wiederum mit der Macht der Sprache zu tun hat: «Der Baum ist erst da, wenn du ihn gesagt hast.» (Auf das Eingangszitat angewendet: «Die Laterne ist da, wenn du sie sagst.»)

Ich wünschte mir also für Schreibende mehr Glauben in die Kraft der Sprache, des Worts. Um mit Lao Tse in der Übersetzung von Balts Nill zu sprechen:

«Wortlos de aafang vo himel u ärde / ds wort weckt zähtuusig wäse.»