Notwendigkeit

Schmerz wellt die Zeit
Bricht Distanzen in Minenkörper
Weckt unselige Lüste
Ermutigt von den Sprenggradienten
(puh die Winkelzüge der Scherenschleifer)
Von den Tatsachenberichten bestickt
In denen nicht das Leid von wenigen aufkommt
Wandernde Walstätten verbaler Wehrlosigkeit
Rollt die Zeit mit Nervenenden wie Windentaue nicht in die Nähe
(wäre es nur Nähe)
Nicht in die Nähe und nicht in die
Von den unseligen Lüsten schiefen
Von minderen Wünschen beeinträchtigten
Behinderten Horizonte
Gespiegelt im Auge des Klippschliefers
Nein: in die peinlichen Punkte der Unaufmerksamkeit
Wo sich unverhofft die Nervenbahnen treffen
Von Mägden
Unerledigt wie Versprechen
Von Knechten
Bar jeder Wolligkeit
Aufkommend in den aufbrechenden Entfernungen
(oh andere Formen von Wissen)
Aus Meinung und Haltung
Mit steifem Glied und anschwellendem Ypsilon
Deren Körper tief in die zuckenden Massen von Zustand und Zudringen wollen
Willige Handreichungen für ungeschorene Grenzbeamte
Wach wachend hinter fischdurchzogenen Sprossenwänden
Hinter Harmoniumsklängen hustend
(puh das Seufzen der Fender Rhodes)
Wollene Kurbelkräfte im Morgengrauen
Unter die Nase gerieben von unseligen Monisten
Wache Wächter an welken leicht abfallenden Gerüsten
Trapper der felinen Fälle hinter Kurvenkräften
Vor den Toren Ninives
(oh andere Formen von Wissen)Aus Meinung und Haltung
Mit steifem Glied und anschwellendem Ypsilon
Deren Körper tief in die zuckenden Massen von Zustand und Zudringen wollen
Willige Handreichungen für ungeschorene Grenzbeamte
Wach wachend hinter fischdurchzogenen Sprossenwänden
Hinter Harmoniumsklängen hustend
(puh das Seufzen der Fender Rhodes)
Wollene Kurbelkräfte im Morgengrauen
Unter die Nase gerieben von unseligen Monisten
Wache Wächter an welken leicht abfallenden Gerüsten
Trapper der felinen Fälle hinter Kurvenkräften
Vor den Toren Ninives

Scham schwellt die Zeit
Spinnebeiniges Gieren
Spinnefeind den Tretmühlen
Den Halterungen zweiter Güte
Ursache für Hernien und Häresien
(puh die Meinungen der Asylbeamten)
Das leise Ticken der Unterwerfungen und Säumnisse
Das pressende Quellen der Hintergedanken in den Winkeln aus Verfügung und Verfugung
Glitzernder Stein an glitzerndem Stein und die Wände hinauf
Ein vorschnelles Vorhaben am vorschnellen Vorhaken
Eine Karawane von Kavernen und Caveat
(wie lebe ich nur wie lebe)
Und dazwischen die Nummerngirls in den Kurvengehöften
Assistentinnen der moribunden Moria
Aus Kabinen geschlüpft da hinten beim Fenster
Sehnenkräftige Vögel mit singendem Auge
An die Ferne gedrückt
(rote Algenblust bei Mwanza)
Geruchlose Pauker
Die sich über die Lachszüge beugen
(wo – bin – ich)
Die Rufe der Ibisse in den Gärten der Umkehr
Abgekehrte und abgeklärte Neigungen in einer Ordnung
Die von Tischen regiert wird
Von reglosen Rahmenbedingungen
Von Prozeduren des Protzes
In schleppendes Schlafen kurz vor der Vollinvasion durch
Nächste
In Nächten geboren ohne Geheul von Pennälern und Hyänen
In Wächten gewickelt voll lauterster Unternehmung
Und dazwischen die Brutkörbe in den Hebelkräften
(ich – in so einer schwierigen Zeit – wo – bin)
Und die Geierhorste der Rundfunkanstalten
Gefüllt mit Knochen und Macheten
Um Mandate ringend
Um ein Handgeld sich erklärend
Vom umsonst umkämpften Schemel heruntersteigend
Abstürze in Unschlüssigkeit vernachlässigend
Verbrennungen riskierend
Fein ziselierste Marmor-Prognosen ignorierend
Genfer Konventionen
Das Zimtwasser des Zögerns aufwühlend
Die berstenden Abendmahle und Pusteln des Widerstands beträufelnd und betäubend
Irgendwo an der demilitarisierten Grenze zur Willfährigkeit
(von Serrekunda von Sousse von Bobo-Dioulassa von Mopti von Durban von Dar es-Salam von Constantine von Lubumbashi von Gaborone von Bengazi von Nairobi von Lagos von Karabane von Kairo von Brazzaville von N’Djamena von Goma)

Pistille an den Bäumen erfüllt vom geheimnisvollen Geschmack der Erwartung
Borken schuppig vom Duft aus Ibiskot und vom Ruf des Wiedehopfs gefährdet
Ein Aufbrechen von Hernien und Horoskopen
(oh andere Formen des Wissens)
Steppengräser sich aufrichtend unterm Schritt der Besatzer
Im Stampfen der Tänzer sich regende Erdkrusten
In den Armkuhlen von Pedellen wachsende Plausibilitäten
Untersätze von Untersätzen von Untersitzern
Sehnenlange Spuren von Wunsch und Verdruss
Geknickte in lauterster Grammatik stehende Stuhlbeine an Tischen
An mitessenden Tischen
An nächsten Tischen
Auf denen die Professoren mit spitzen Hüten
Aufgeschnitten und ausgenommen werden
Tasten um Tasten
Ungewohnte Handreichungen für Abgesänge und Endzeiten
Sauerstoffarme Worte aus dem Rio Grande
Gierendes Gären über den Schrunden von Erdzeiten
In Kabinen kauernde Fussballmannschaften
Containerladungen mit zerfasernden Botschaften von Glück
Aufgepratzte präternatale Prämissen aus Diplomatie und Frühling
(mystérieuse réplique des pollens tout préparés pour les pistils)
Magenkunst und Menschenlust
Brutkörbe voller Bienenwaben
Schädel voller Löwenzähne
Heranschreitende Sicherheiten
Schwellkörper voller Wut und Scham
Im verschleppten Schlaf der Nervenenden
Ein nächstes Leben unter Bürzeln
Ausgelassene Adern der Befriedigung
Ungekämmte Haarsträhnen in Leang Timpuseng
(es verlangt dich gar nicht danach, mit deiner Frau und deinen Kindern ein rechtschaffenes, sicheres Leben zu führen, Bird.)
Steppengräser sich aufrichtend unterm Schritt der BesatzerIm Stampfen der Tänzer sich regende Erdkrusten
In den Armkuhlen von Pedellen wachsende Plausibilitäten
Untersätze von Untersätzen von Untersitzern
Sehnenlange Spuren von Wunsch und Verdruss
Geknickte in lauterster Grammatik stehende Stuhlbeine an Tischen
An mitessenden Tischen
An nächsten Tischen
Auf denen die Professoren mit spitzen Hüten
Aufgeschnitten und ausgenommen werden
Tasten um Tasten
Ungewohnte Handreichungen für Abgesänge und Endzeiten
Sauerstoffarme Worte aus dem Rio Grande
Gierendes Gären über den Schrunden von Erdzeiten
In Kabinen kauernde Fussballmannschaften
Containerladungen mit zerfasernden Botschaften von Glück
Aufgepratzte präternatale Prämissen aus Diplomatie und Frühling
(mystérieuse réplique des pollens tout préparés pour les pistils)
Magenkunst und Menschenlust
Brutkörbe voller Bienenwaben
Schädel voller Löwenzähne
Heranschreitende Sicherheiten
Schwellkörper voller Wut und Scham
Im verschleppten Schlaf der Nervenenden
Ein nächstes Leben unter Bürzeln
Ausgelassene Adern der Befriedigung
Ungekämmte Haarsträhnen in Leang Timpuseng
(es verlangt dich gar nicht danach, mit deiner Frau und deinen Kindern ein rechtschaffenes, sicheres Leben zu führen, Bird.)


(Das Bild verwende ich unter gemeinfreier Lizenz, siehe Wikipedia.)

Magd und Macht


Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Klein und wenig warst du am Rand des Kreises
Wie eine Mutter lief ich zu dir hin
Wie ein Kind kam ich bei dir an…
Überm tannigen Geruch strecktest du die Hand aus
Bevor ich noch bei dir angekommen war…
Unterm Puder-Gesicht ein Lächeln
Wie das eine gute Wort
Und über den dunkel wogenden Falten von Wange und Kinn
Diese Fruchtwasser-Augen…
Und haltend hielt ich deine blütenleichte Hand
Und haltend küsste ich deine blütenweisse Hand…
Sollen die Besitzer rufend und weisend durch den Kreis gehen
Soll der Aufseher am Gerüst schraubend und rüttelnd seine Zitronenblicke auf uns zielen…
Ich habe auf dich gewartet
Wo warst du denn fragst du…
Wo warst du denn so lange…
Deine Hand an meinen heissen aufgerissenen Lippen
Ich schmecke das Magnesium
Ich küsse die Wurzel deiner Hand und den Schlag deines Blutes
Ich koste den Schweiss von Metall und den Fischduft der Güte
Deine Brust wogt noch…
Aus meinem ganzen Körper dringen Tränen hervor
Auf den Knien lege ich meine Stirn auf deine rechte Hand
Hell und warm wie Asche…
Warum bist du denn so bleich
Du bist ja ganz grün im Gesicht…
Fragst du und bewegst dich im Stuhl wie eine Gefesselte
Und kniend sah ich den Aufseher kommen
Unter den Zurufen der Besitzer sah ich ihn kommen…
Näher kamen die gelben Augen
Muskeln glänzten… schnell
Lass uns gehen sagtest du und haltend meine Hand
Führtest fort aus dem Kreis
Der nach Harz duftete
Nach Hufschlag und Krallen und Lachen
Und nach stiebendem Staub…
Wenig und klein sassest du auf meinem Schoss
Deinen Kopf auf meiner Schulter
Dein glühendes Haar rauschte
Kitzelnde Worte in mein Ohr…
Auf dem Felsen war es still…
Auch kein Wind ging…
Ich habe dich fast nicht gefunden…
Unter uns erstreckte sich die Weide der Welt
Weich wie das Fleisch der Leber
Über ihr kreiste eine grauer Falke
Unermüdlich in der Flaute…
Ich habe dich zuerst nicht gefunden…
Und du legtest deine rechte Hand
Wie der Atem einer Katze
Auf meine nasse Wange…

(Das Bild von Mariae Verkündigung stammt von Simone Martini (1284-1344) und wurde gemeinfrei von Wikipedia heruntergeladen.)

Orangen im Aeschengraben

Über mir tanzt das lichte Laub,
Kühl ist es im gefleckten Schatten.
Langsam dreh ich die grosse Frucht
In meinen Händen: schön zu halten
Ist sie, die Haut ist rosig wächsern,
Riecht wie die Haut von kleinen Kindern.

Lange schon halt ich sie und wiege
Ab ihr Gewicht für mein eignes Leben:
Umbrüllt vom Lärm des Stadt-Verkehrs
(Kaschdi sam pa sibia): Von was werd’ ich
Morgen denn leben? Heute muss sie
Genügen. Gleiche dem Gras, das morgens

Wächst, und am Morgen blüht es auf,
Wächst schnell empor, am Abend schon ist’s
Dürr und verwelkt. Ich stech hinein
In den orangen Globus, Saft schiesst raus,
Fast bis ins Aug, in meinen Händen
Klebriges Blut der Frucht, Tränen

Tropfen herunter, heiss und brennend,
Mitten im Lärm und umhüpft von Spatzen,
Säure süsst meine Lippen, schmatzend
Schlinge ich schnell, ich schlucke gierig,
Denk an die Kinder, die ich verlassen,
Mildigkeit über uns, und unsrer

Hände Tun richt’ auf über uns.


(Image by Ilo from Pixabay.)

Leichte Last

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft

Hingewandt will ich lauschen
Vorgeneigt will ich erkunden
Mit jungfräulichen Fingerbeeren will ich befinden
Worauf wir uns beziehen
Was uns zweie stützt und hält

Schnuppern am Schweiss der Einsamkeit
Der über unseren Ort gegossen ist wie das Fruchtfleisch der Passionsfrucht
Was den einen quält und die andere stählt
Vorgebeugt die Maschen prüfen
Zählen und prüfen
Prüfen und preisen
Die federleichten Reepe
Preisen und halten
Vorgebeugt wie ein Ringer
Schmecken am Lachen
Was die eine grämt und den andern wärmt

Grade Worte fallen schwer
Kein Leichtes sind präzise Blicke
Im Lebenslärm die Ohren verloren
Schon lange haben diese Hände nicht mehr liebkost
Zunge ist ein dumpfer Hebel der würzigen Wörter
Riechzellen meiner Nase begingen gemeinsam Apoptose

Zuverlässig will ich zeugen von deinem Leben
Zuversichtlich will ich bauen
Woran wir beide glauben
Was uns zweie eint und teilt
Errichten und lichten den Weg vom einen zur andern und zurück
Mit der Nase wühlen im erdigen Schlund der Löwengrube
In dem das Heulen und Zittern süss brennt wie Nelken

Mit den Fingerspitzen die Waage berühren
Die schwankende Mutter der Freundschaft
In deren Schalen aufbewahrt ist
Was die eine freut und den andern reut
Berühren und erhören
Den Hebeldrehpunkt wo sich trifft
Was den einen grämt und die andere wärmt
Erhören und beschwören
Über die ganze Distanz zwischen den Schalen
Ausgestreckt wie ein Kranich im Flug

Sorgende Worte sind mein Auftrag
Bergende Blicke sind meine Mühe
Angleichende Ohren sind mein Wohlsein
Ausgestreckte Hände sind mein Abzeichen
Nach Muskat riecht mein Heil
Auf der Zunge vergeht das letzte Salz meiner Zukunft


(Image by Gennaro Leonardi from Pixabay.)

Grosser Fluss-Lied (11. Tag)

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Das Netz des Himmels ist gross und seine Maschen sind lasch
Und doch entkommt ihm nichts:
Weit gespannt ist sein Netz über Erde und Wasser über Nord und Süd
Und darunter begibt sich was sich nicht ergibt
Und darunter windet sich was sich nicht ergibt
Und der Strom ist wie ein Bruder-Arm des Tao
Er scheidet die sich wehren von denen
Die vom Wehren Abstand genommen haben:
Er scheidet die noch klammern von denen
Die ihre Hände öffnen:
Er scheidet die schöpfen um zu besitzen von denen
Die nichts bemeistern wollen:
Er spült jene ins Meer
Die nicht an sich halten können
Er wäscht jene ans Ufer
Denen die Gegensätze nicht haltbar sind:
Der Strom hat ein anderes Gesicht
Und bricht mit den Herkünften
Und schlichtet den Willen:
Der Strom kann stillen
Was überläuft und ich
Von Armut gejagt
Mit Kindestod betrübt
Kaum ein Meister des eigenen Worts
Weniger noch ein Lenker anderer Leben
So wenig Mann und niemals doch Frau
Ein Haar in der Suppe
Eine Wimper im Aug
Ein Stein im Schuh
Lief über vor Unruh und Schmerz
Lief über vor Kummer und Sorge
Lief über vor Heimweh und Reiselust
Schwappte und strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Schwer im warmen Regen am Ufer dieses Stroms
Liess mich nicht mehr bemeistern vom Tao
Wollte den Pinsel selbst nun führen:
Heimkehren wozu
Mitten im Strom erkannte ich nicht
Heimkehren geht nicht
Kehrt denn der Strom jemals heim
Ist er nicht aus 10’000 Tropfen
Ist er nicht in 10’000 Tropfen –
Keinen Willen hat der Strom
Kein Begehr kennt der Strom
Seine Herrin ist die harte Erde
Wo sie sich senkt und neigt
Da ist er daheim –
Und ich strandete mit meinem ganzen Lebendgewicht
Das mich im Boot schon fast erdrückt hätte
Am Ufer und erstickte fast am eigenen Körper
Der das ihm Fremde so sehr braucht
Während ich meine Freunde nicht so sehr brauche
Wie einen Traum

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Schöpfen ohne zu besitzen
Nähren ohne zu meistern
Das ist das Tao
Sitzen um zu sitzen
Das ist das Ch’an –
Die Zeichen lesen ohne zu denken
Den Fluss lesen heisst lassen
Auch der Himmel hat keinen Willen –
In der Einsamkeit brach ich die Fluten
In dem Mangel sprach ich das Bord
In der Hilflosigkeit mach ich voll
Was an Ja in mir übrig geblieben war
Und über mir der Himmelsstrom:
Kleinst- und Feinst-Lettern
An denen zu klettern ich nicht müde wurde
Erst mit dem Auge und schliesslich mit Händen und Füssen:
Hoch hinaus gehoben
Über den überbordenden Fluss
Wurde ich vom sich weitenden Ja
Das keine Bedingungen mehr kannte:
Das kein verkehrtes Nein mehr war und wurde:
Ja und Nein – wo ist der Unterschied?
Gut und Schlecht – wo ist der Unterschied?
Ich selbst entblösst und entsorgt
Ein Säugling der noch nicht lächelt:
Um zu erhalten
Musst du zugestehen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Ich fand in Hüsterloh einen Ort
Ich fand am Krebelborn eine Stelle
Eine neue Quelle
Ein neues Wort
Das in allen alten nicht mehr klingen kann
Die in allen Wellen mitschwellen und mitschnellen will:
Ein Nein zum Ja gewandelt
Fand dort Vorfahren
Deren Nischen verkümmert waren
Deren Knochen schon zu Staub zerfielen
Und die doch noch mit ihren breiten Köpfen
Von ihren Dolmen herunter
Unter dem gleichen Sternenwirbel
Der unablässig und ohne Anlass dort oben seine Fluten umarmend um unsere erbsengrosse Erde streckt
Unter dem gleichen überbordenden Licht
Wie Pferde in Frieden zu grasen gelernt hatte
Denn die Stadt Hüsterloh ist keine Stadt
Denn der Krebelborn ist kein Brunnen:
Haben und fehlen
Geboren aus dem Vergleich
Denn wie ein grosser Strom ist das Tao

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auf seinem Hünengrab lauschte ich auf seine kleinen kurzen Worte
Sie klangen wie das Kichern eines Vogels
Wie das Schlagen von Kranichflügeln
Und waren doch zuerst vorhanden
Nachfolgerinnen des Nichts
Witwen des Chaos:
Auf ihrem Gang durch die Gestirne und die Stirnen
Sammelten sie die Schwäche
Bargen sie die Stärke
Hegten sie das Fliessende
Erbrachen das Verschlossene
Liebkosten sie das Harte:
Denn nichts ist ihnen fremd in ihrem raschelnden Fluss
Der sich vor unseren Augen jede Nacht aufbäumt wie ein Galgen oder eine Brust:
Die Lieder die ich singen werde
Werden niemand beschweren
Werden niemand erleichtern
Die Lieder werden bejahen
Mit breiter Brust und weitem Kiefer
Werden die Lieder das Nein und das Ja
Verschränken verschmelzen und vereinen…

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin –
Ich nähere mich den Wassertropfen und den Steinen
Den Beeren und Gräsern verwandte ich mich an
Und Paranthropus erhebt sein gütiges breites Gesicht
Es verdunkelt für ein Nun das Schmerzenslicht des Krieges
Von Invasion und Besetzung
Von Imperium und Machterhalt
Und in diesem Nun sehe ich die ganze Stadt aufblühen wie die Namen Gottes aus einem fortdauernden Gebet
Und ich höre die unzähligen Radnaben kreischen
Wenn die Bauern ihre Ernte in die Stadt fahren
Und ich höre zum ersten Mal die eine Sprache von den Lippen der grobschlächtigen Frauen
Und aus dem weiten Rachen der Söhne stammt dieses befreite Lachen
Das ich selbst zu lachen beginne
Trotz der Erde in meinem Magen
Die schwer liegt und sich hebt wie Teig und leise in Krümeln sich verteilt in meinem Denken
Mit rauem Schleifen an den Wänden meiner Zellen arbeitet
Denn ich löse mich auf
Wo die Erde in mir aufquillt
Begossen vom fruchtigen Wein
Und ich höre noch die Lieder der Männer von Hüsterloh
Die nicht unserer Vernunft gehören:
Diese Menschen dort
Sie sind nicht gierig zu leben
Denn das bringt Unglück
Sie wissen es wie ich es weiss und immer schon wusste
Der seine Heimat geflohen ist
Weil er nicht mit ihr verheert werden wollte
Weil er seine Familie nicht verheert sehen wollte
Wie die Heimat
Die dort oben weit im Norden
Seiner dauert:
Man muss handeln
Bevor die Dinge deutlich werden
In Ordnung bringen
Bevor das Durcheinander um sich greift:
Sind das nicht Maximen
Die beherrschen wollen?
So singe ich aufgelöst vom düsteren herrischen Wein
Und doch gelingt es meiner Zunge nicht
Die Süsse zu vergessen
Die mir dort in jenem Nun
In Glieder und Geist geflossen ist

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn das Nichts ist des Menschen
Des Menschen ist das Nichts
Und im innersten Innigsten dieses Gegenmenschen
Der die Wut nicht kennt
Die Schwester der Scham
Denn seinen Gliedern fliesst ein Fluss
Denn in seinem Geist rollt ein Strom
Überbordend schwellen die beiden Ahnen dahin
Und schwemmen dahin
Die Schwächen die Herrschaft brauchen
Die Stärken die Unterwerfung brauchen
Wie Borsten eines wilden Tiers hinweg
Aufgelöst ist der Mensch in diesen Waldschraten
In sich umarmt sie innigst die verschiedene Vielfalt
In sich umarmt er innigst die vielfältige Verschiedenheit
Denn in den Gassen dieser Stadt flutet der Nicht-Geist
Der Atemkraft und Stoff umarmt und einhält
Eine schwangere Leere ist in den Brüsten der Frauen
Eine erfüllende Erwartung in den Mägen der Männer
Doch wo ist da noch Mann
Wo ist da noch Frau und auch ich
Bin jetzt kein Mensch mehr

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Bemeistert also nicht mehr eure Herzen und eure Körper
Denn ich habe die Zeichen in den Fluten gelesen
Aufgelesen habe ich die Lettern in den Himmelswirbeln
Die wie Freunde mich aus dem Bug ihres Medians winkend grüssten
Von oben herab aber nicht von oben herab
Von unten herauf aber nicht von unten herauf
Denn die Lebens-Habgier hatte mich gelassen
Ich war ich bin ich werde
Mich angleichen der aushöhlenden Atemkraft
Mich halten an die zuschöpfende Stoffeskraft
Ausgehöhlt und aufgeschöpft bin ich euch gegenübergetreten
Kriechend und fliegend im Weg
Ich bin getaucht
Habe tauchen lassen
Ich bin gedacht
Habe denken lassen
Und keines der Zeichen
Und keine der Lettern
Werde ich mehr deuten
Denn deuten heisst ausbeuten
Und der Fluss ist kein Bild

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Auch der Himmel hat keinen Willen
Und sein Herz kennt keine Mittellinie
Aus der seine Nützlichkeit zu gewinnen wäre
Sein überbordender Fluss dort oben und hier unten
Seine überschiessende Nabe dort unten und hier oben
Weder Kreis noch Quadrat und doch beides
Weder Zentrum noch Rad und doch beides
Ist eine Weberin
Ist eine Heberin
Eine Aufheberin
Eine Anweberin
Und über uns Freunden
Fremdelt die Himmelsbank vor jedem Blick den du auf sie wirfst
Endet die wankende Himmelskurve in sich selbst
Und ich habe Ch’i gesehen und erblindete dem Nützlichen
Aber nicht dem Körpernutzen
Denn im Drehen und Weben erhalten
Weiss ich im Nun mich walten

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Wer den Geist der Gierigkeit hat
Er lebt nur in Sorgen
Niemand sättiget ihn:
So einer ist nicht bereit
Für den Hunger und für die Verlassenheit
So eine erfährt kein Aufgeben
So eine erfährt kein Aufheben
Und auf meinem Eiland wird ihr nicht offenbart
Und in meinen Gedichten wird ihm nichts verkündet:
So will ich singen vom Einklang
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre strenge Bescheidenheit ausspannen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unwägbare Gleichgültigkeit üben
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre vertrauensvolle Mittellosigkeit entfalten
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre zuversichtliche Schadensbereitschaft entblössen
Wenn jene dort in meinem neuen Nun
Ihre unzerstörbare Würde aushalten
Die machen keine Ausflüchte
Die haben keine Ausrede
Für Verrenkungen sind ihre Gelenke zu schwer
Für Kapriolen sind sie zu schlicht und zu streng
Denn dieser einzige Stoff
Der gleichzeitig denkt und gleichtzeitig will
Denn diese einzige Durchformung
Verformt niemals
Und sein Wille ist Ein
Und sein Gedanken ist Aus
Und ich gleiche mich an
Und ich gleiche mich aus
Und ich halte mich ran
Denn dieser Strom ist kein Bild
Dieser Strom ist kein Bild mehr
Dieser Strom ist längst kein Bild mehr
Schaut her
In meinen grauen müden Augen
Glänzen da nicht die zögerlichen Regungen des Sternenstroms
Ein riesiges drachenschwänziges Kreisen um keine Mitte
Und darin die Mitte
Und darin die Mühle?

Entkam ich nicht dem Todesort und bin ich nicht endlich im flachen Flussbett angelangt?
Hat nicht der Fluss selbst uns eingeschenkt?
Hat nicht der Fluss selbst uns versammelt?
Jetzt kann ich wieder sterben –
So will ich singen
Schlagt mit den Tassen den Takt

Denn dieser Strom ist kein Bild mehr –
Ich habe meine ganze Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet
Auf seinen unerfasslich konkreten Körper
Auf seine dehnbare ausfüllende Atemform
Wie sie sich weitet in der Enge
Wie sie sich nähert in der Weite
Wie er sich schwängert im Kern
Wie er sich entleibt im Wendekreis
So richte ich mich aus
Wie ein Toter
Wie ein Übergänger
Wie ein Rückkehrer
Wie ein Dagebliebener
Wie ein Gehender
Mein Körper löst sich auf
Mein Geist geht dahin
Das Ch’i ist in mich gefahren
Ein vom Sturm gebrochener Ast
Eine wasserlose Wurzel
Eine Blüte ohne Insekt
Treibe ich an euch vorbei
In meinem überbordenden Himmelsreich
An eurer Scham und Wut
An eurem Kummer und eurer Sorge
Und eure ausgestreckten Ärmchen sind wie Gras auf den Schlachtfeldern
Schwankend zwischen Zertreten und Erhoben
Schwankend zwischen Krieg und Frieden
Schwankend zwischen Chaos und Ordnung
Gekämmt vom überbordenden Wind
Der die Richtung gerne wechselt.


(Image by Evgeni Tcherkasski from Pixabay.)

Die Lücke

(Ein Gedicht für Hirokazu Kore-eda)

Wenn ich aufwache
Bin ich unvollständig
Muss ich eine Lücke füllen
Die in mein Leben hineinatmet
Eine selbstöffnende Pforte
Durch die das Weltall singt
Und die Fragen nach meinem Tun
Und ich setze mich an mein Tischchen
Brenne die vier Kerzen an
Wische mir den Schlaf aus den Augen
Locke die Katze neben mich auf ihren Schemel
Und blicke auf die weisse sich weitende Lücke
Auf dieses atmende Fenster in den Tod
Auf dieses äugende Fenster des Vergessens und des Vergessenen
Und beginne mit grosser Ehrfurcht wie vor einem Altar
Als opferte ich mein Glück
Um es in die Bresche zu werfen
Dieses Glück das nicht das Glück aller ist
Das wie der erste Hauch in eine Posaune ist
Das schüchterne Anreissen einer Saite
Deren Klänge noch unbestimmt und unsicher sind
Als wäre ich ein Kind
Das seine Sexualität und sein Begehren entdeckt
Vor seine einmalige Öffnung tritt
Von der aus das Leben zu beobachten und gestalten ist
Hoch über der Stadt mit ihrem Meer
Auf dem Dach der Schule und die Arme ausbreitend
Beginne ich mit dem in 40 Jahren gewonnenen Vertrauen
Als würde ich um eine Sonnwendfeuer tanzen
Dieser Kluft meine kleinen engen Zeilen entgegenzuhalten
Voll von den süssen unvollständigen ungenauen unverständigen Wörtern
Um das Glück auf mein Glück einzugrenzen
Denn die Lücke lässt sich nicht füllen mit Alkohol oder Völlerei oder Freundschaften
Lässt sich nicht füllen mit Masturbation oder Träumen finanzieller Freiheit
Als jonglierte ich mit Flammenwerfern
Und das Hauchen und Rascheln aus der Spalte nimmt ab
Verstummt nie ganz
Aber nach ein oder zwei Stunden ist die Lücke auszuhalten
Wie eine Tür in der Oper
Ein Fenster wie es sich gehört
Bis ich sie im Schlaf wieder aufreisse
Und das ist mein Glück.


(Image by Riette Salzmann from Pixabay.)

Hunger essen Seele auf (99. Tag um 9 Uhr 99)

Ich habe auszuschauen aufgehört
Begriffen die Unüberwindlichkeit der Zeit
In der ein Fluss zu sich kommt
Erkannt im eigenen Würgen
Den Horizont einer Seele
Bekannt mit den kurbelnden Zwängen
Die noch keinen anderen Namen verdient haben
Als gestilltes Leben

Ich bin geknetet von der kümmerlichen Stille
Und im Becken von Ohngesprächen
Zu einem brüchigen Wecken
Auf den Mehl wie Kalk ausgestreut wurde
Um das Aufgehen der Erinnerung zu verhindern

Ich habe aufzugeben aufgehört
Von der Flut geschnürtes Knochenbündel
In Ruinen jaulende Gestalt
Wurde Teil der Welt
Im Yang den Grenzen geschenkt
Im Ying aus Gebärmüttern gekratzt
Um sie zu verfluchen

Doch selbst hier auf dem Eiland
Steckt immer noch ein Lachen in meinem Rachen
Wie der üble Husten an Nebeltagen
Und noch habe ich an mich gezogen
Die Kälte der abendlichen Welt
Und fest habe ich über mich gezogen
Das brummende Segel der überbordenden Sinne
Aus den hypertrophen Stophenstoffen meiner Ausschau gewoben

Die Aussicht eines Dolmen
In der angeschleppten Stille
Über einer Knochensenke
Auf das letzte Ennet
Von dem Seelenbalm ausströmt
Der dich vom Üben reinigt
Und vom Hüben entblösst

Eingerieben in deine Augen
Eingestrichen in deine Brust
Die schweren Tropfen eingeträufelt
In den vielfach gesprungenen Teller meiner Zunge
Einmassiert in meinen blutenden After

Ich habe aufzublicken aufgehört vom Thron meines Wartens
Meine Lippen im Nebel netzend
Hingeduckt wie eine Echse
Auf meinem umtosten Inselchen

Was ich denke
Ist nicht zu henken
Was ich fühle
Ist voller Erinnerungsscharten
Was ich spüre
Ein feuchtes schweres Meer aus Moos
Was ich sehne
Ist wie der Schmelz der Zähne

Die Sicht eines gereckten Abdomens
Das sich selbst bestäubt
Mitten im Winter
Da alles Aas Eis wird
Ein Fötus aus lötheissen Versen
Ein hartes hartes Lügenbrot
Gestützt auf jenen Stock
An dem entlang du aufblickst in den Himmel

Und die zerkauten Brosamen
Aus weltlichem Eifer
Und umsichtiger Musse
Aufgequollen im Nebelstreif
Zu Gesichtern von Drachenkriegern
Zum Dämonenlehren

Hier mein letztes angebissenes Wort
Das ennet sagt ennet


(Image by Frédéric Mahé from Pixabay.)

Hüsterloh (10. Morgen)

Abgeschieden und zentral
Mitten im Getriebe und weit davon
Erhebt sich die Stadt:
Eine ausgefaltete Mandarinenschale
Mit einem Atem wie Gestein
Das langsam sich regt

Menschenvoll und menschenleer
Mündig und Mündel
Ersteht die Stadt:
Urkunden berichten von ihr
Wie schwierig sie zu erreichen
Wie leicht sie zu finden

An Schätzen arm und an Staunen reich
Moosbehangen und herausgeputzt
Besteht die Stadt:
Lichterloh brennt in ihr dein Verlangen
Nach erschöpfendem Frieden

Überflutet und auf dem Berg
Ort des Ausgangs und Ort der Heimkehr
Nähert sich die Stadt:
Den Blicken weicht sie aus
Und sieht mehr von dir

Menschen werden Tiere und Tiere Menschen
Kleinmut huscht hindurch und Largesse pflügt sie um
Die Stadt am Rande des Möglichen:
Ich rieche ihr frisches Brot und
Höre die Fische auf ihren Holzladen zappeln.

(Bild von zola aka. Zhou Shuguang (周曙光) – http://zola.fotolog.com.cn/1671942.html, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1857944.)

Zweiter Traum (9. Nacht)

Aus dem Krebelborn kommt das Öl der Barmherzigkeit
Und fliesst in einem weiten Bogen um die Stadt

An den Ufern blühen die Blumen der Unbeugsamkeit
Ein Meer aus winkenden Versprechen

Die alle davon erzählen
Wie das Nicht vernichtet wird

Das Nicht wird nicht vernichtet rüscheln sie
Es wird veretwast

Die kalten Samthandschuhe des Nebels
Streichen über die Türme der Stadt

Die Segel im Fluss leuchten gelb wie die Haut von Zitronen
Aus den Schluchten kommt der Serpentruf der Verschollenen

Die Trompeten der Vertriebenen beschallen die Strassen der Stadt
Und in der Stille ihres Schalls kichern die Kinder ungeduckt

Sie werfen sich huschende Bälle zu
Die mit Bonzen-Innereien gestopft sind

Zwischen den glühenden Wangen der Mädchen
Steigt ein Lied auf von geschmolzenen Trümmern

In der Hitze des Lieds schmilzt auch die letzte Saite
Die noch an den Wirbeln des Fortschritts aufgedreht war

In den kunstvoll gezwirbelten Schnecken der Herren
War doch ihre Herkunft nicht verborgen gewesen

In den Marktständen füllt sich die Leere auf
Mit den summenden Wörtern des Etwas

Das die Kinder als ihres erkennen
Das die Mütter als ihres erkennen

Es war einmal Nichts
Jetzt ist es vieles wie die Blumen der Unbeugsamkeit

Und im Zenit des Tages
Wenn die Sonne fast den Nebel durchdringt

Erheben sich die Purpurschlünde
Die im feuchten Grund des Krebelborns geruht haben

Um in sich weitenden Kreisen die Wüste dahinter
In der die Menschen wohnten

Abzusuchen nach Erbarmenswürdigen und aufzufressen die
Die das Nicht noch auf den Lippen tragen

Und du hörst ihr gütiges Gebrüll weit draussen
Verklingen in den Abendstunden.


(Image by Manfred Antranias Zimmer from Pixabay.)

Eingeboren

Ich bin eingeboren
In die Tiefe des Sessels
Im leisen Räuspern des Leders die Hand an der Stirne
An den pickelfreien Stirne pickend
An den Pickelgedanken pflückend
Die ich zugleich säe
Mit feuchten Augen und fallendem Mund
In die Vormittage hinein
In die kinderlosen Vormittage hinein
Auf dem Eishang der Stirn

Ich bin eingeboren
In das anschwellende Lachen der Plänkler
In die scharfen Witze des Fussvolks
In die rasselnde Heiterkeit eines Aufziehspielzeugs
Das über den Festtisch saust und im Erbarmensschoss von Oma landet
Es riecht nach Kerzenwachs und Zichorie dort
Und ihre kleine Hand auf dem Kopf des Kindes
Schliesst für Augenblicke allen Schall und allen Rauch aus

Ich bin eingeboren
In das Theater des Zorns
In die Ungehaltenheit der eigenen Gefühlswelt
In den Klamauk der gereimten Worte
In das Getrippel der Adjektive
In das plötzliche Lot der Ironie
Das meinen Grund streift und aufwühlt

Ich bin eingeboren
Im verschlungenen Darm
Der in mir seinen Weg findet
Mich mit seinen Fingern ausfüllt ohne zu zeigen
In dem meine Wünsche verwachsen mit ihren Polypenarmen
In dem meine Träume versinken mit den zu kurzen Beinchen
Der um die abgerissenen Senkbleie wuchert
Um mich zu verschlingen und umzubringen

Ich bin eingeboren
Nach Königsfelden
Wo ich isoliert werde
Wo ich gehalten werde wie ein ergrauter Paradiesvogel mit stumpfem Schnabel
Wo ich im Schlaf im Sessel die Zeiten des Zweifels überdauere
Wo ich befragt werde und Auskunft erteilen soll über jemand wie mich
Mit Blick auf die Herbsthänge des Juras
Die zum schweifenden Wandern einladen
Wo ich an unseren Verkümmerungen arbeite
Sie falte und entfalte
Aufblase und zersteche
Diese Schweinsblasen von einem Ich
Diesen Schrumpfwachs
Dieses Klingeln in den Ohren
Diese Widerstände im Denken
Um die ich schlaufe wie der Fluss um die Stadt
Wo mein Selbstmord in den geschlossenen Fenstern im dritten Stock auf mich äugt

Ich bin eingeboren
In die Bahnhofshalle
Ein Engel im Anorak
Dem die Züge nichts bedeuten
Mit allem Besitz im Einkaufswagen
Winters im Pfuusbus
Sommers im Platzspitz und Höngger Wald
Das Reden liegt weit zurück

Ich bin eingeboren
Über die flirrende und unendlich wiederholte Terz in dieses
Sucht mich nicht
Ich bin schon fern
Ich komm nicht mehr zurück
Das sich selbst nicht loslassen kann
Und zitternd überm Schwarzeis des Lebens steht

Ich bin eingeboren
In den Verlust der Erinnerungen
In das Höhlensystem hinter der Stirn
In die verkalkten Verhaltensmuster
Die aufrecht halten bis in den Tod
In die Zitterbeinchen unterm Schwellbauch
In das Gesicht
Dem die Person zu fehlen beginnt

Ich bin eingeboren
In das Saufen und Fressen
In das überbordende Gemüt
In den überbordenden Körper
In das dröhnende Lachen
In das Zuviel an Ich

Ich bin eingeboren
In die in die Luft geschriebenen Verbindungen zwischen den Menhiren
Die moosbedeckt warten auf die Gletscher
Im feuchten Wald
Im Moorland.


(Image by Max from Pixabay.)