Handwerk und Ausdauer

Talent und Genie gibt es nicht. Künstlerisches Schaffen ist eine Mischung aus Ausdauer und Handwerk. Diese gründen sicher in einer natürlichen Begabung, die aber mehr eine Vorliebe, eine Hinneigung ist, die in Hingabe münden kann.

In meiner Jugend habe ich zehn Jahre lang Geige gespielt. Ich habe mir keine Mühe dabei gegeben. Ich habe keine Fortschritte gemacht. Am Ende der zehn Jahre konnte ich weder ein vernünftiges Vibrato hervorbringen noch das Spiel in den Lagen. Fast vier Jahrzehnte später habe ich während drei Jahren jeden Tag mindestens eine Stunde Geige geübt. Ich bin in diesen drei Jahren über mich hinausgewachsen. Ich habe drei Lagen erlernt und das Vibrato. Im Selbststudium. Das hatte mit Ausdauer und mit Hingabe zu tun. Und daraus erwächst dir ein Vertrauen in deine Fähigkeit(en).

Genau gleich ist es beim Schreiben. Die Angst vor dem leeren Blatt haben nur jene, die keine Übung im Schreiben haben. Nur jene auch brauchen den Mut. Wer täglich eine bis zwei Stunden schreibt, ob an Gedichten oder Prosatexten, der wird mit jedem Mal besser.

So schreibe ich seit rund vier Jahren ausdauernd an Prosa, Kurzgeschichten und Romane. Am Anfang war ich mir meiner Unfähigkeit schmerzlich bewusst. Ich hatte Mühe mit allem: von der Figurenzeichnung über die Erzählperspektive bis hin zur Wahl eines Stils. Ich hatte keine Erfahrungswerte, was Prosa betraf; wenn ich ein Gedicht schrieb, war das wie eine Heimkehr: ich wusste, was ich tat.

Aber in diesen vier Jahren habe ich das Handwerk gelernt. Ich habe nie aufgegeben, ich bin immer drangeblieben. Ich traue mir inzwischen viel mehr zu, denn ich kann diesem erlernten Handwerk jetzt vertrauen. Ich habe aus einer anfänglichen Abneigung zu einer Zweckheirat gefunden und schliesslich zu wahrer Liebe. Dieses Gefühl basiert auf Vertrauen und Erfahrung.

Mit dieser handwerklichen Erfahrung, dem Vertrauen auf ein erworbenes, antrainiertes Können werde ich, das weiss ich mit Gewissheit, mit genügend Ausdauer und Verpflichtung irgendwann «etwas Grosses» schreiben. Ich muss nur Geduld haben, dranbleiben, nicht ausruhen. Weiterhin jeden Tag mindestens eine Stunde schreiben.

Denn Ausdauer und Selbstverpflichtung, das sind die Antriebsfedern einer Liebe zum Erzählen, die meine ursprüngliche «natürliche Begabung» ist.

Diese «Begabung» erwuchs aus meiner Erfahrung des Erzählens: Als Kind und Jugendlicher erkannte ich die Macht der Geschichten, die ich erzählte. Ich war kein Sportler und nicht besonders intelligent, aber ich konnte meine Zuhörerinnen mit einer guten Geschichte fesseln.

Diese «Begabung» ist also weniger ein Talent oder eine Fähigkeit als eine Gabe, ein Geschenk, das verpflichtet. Mit diesem Geschenk hast du eine Verantwortung, eine Aufgabe. Und das Vertrauen aus der Erfahrung hat seinen Widerpart in der Treue zum Text: auch hier hast du eine Verantwortung, du musst ihm gerecht werden, ihn in seiner Selbstwerdung unterstützen. Du musst so genau hinhorchen wie ein Komponist auf seine Tonfolgen und Akkorde.

Und jederzeit mit dem Scheitern einverstanden sein, das kommt noch dazu. Wie ein Bildhauer mit einem Schlag seine Skulptur gefährden kann, so auch du. Doch das gehört zum Schaffen, das Scheitern ist Teil davon und muss angenommen werden. Denn ohne Demut findet kein Fortschritt statt.

Eine Freundin meinte in einem Gespräch über meine Prosa: «Ich finde, deine Prosatexte sind niemals so gut wie deine Gedichte. Ich glaube, du solltest bei der Poesie bleiben.» Ich antwortete ihr: «Ich habe 30 Jahre in die Poesie investiert. In diesen 30 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht geschrieben habe oder an einen Text gedacht habe, den ich schreiben möchte. Da ist es nur natürlich, dass ich gute Gedichte schreibe. Und das hat nichts mit Arroganz oder Hochmut zu tun, ich drücke damit nur eine Tatsache aus. Dass ich erst am Anfang meines Prosa-Wegs bin, das weiss ich selbst. Ich sehe täglich meine Fehler und Schwächen. Aber wenn ich dranbleibe, dann werde ich in zehn oder zwanzig Jahren ebenso gute Prosa schreiben wie heute Poesie. Davon bin ich überzeugt. Also gib mir noch einige Jahre, bitte.»

Zwei Stätten

Herr Heinz kommt nicht mehr aus dem Fürchten hinaus.
Er steht im Hof und friert zum Fürchten.
Da steht sein Haus.
Es besteht seit 30 Jahren.
An vielen Ecken die Schmauchspuren seiner Versuche
Seiner Selbstversuche. In vielen Winkeln
Muttermale vom Aufschrecken
Aus den vielen Winkeln. Die Nomadenvölker seiner Kerzenverbündeten.
Die heimische Unwirtlichkeit auf der einen Seite und drüben
Dieses Unglück eines Turms
Aufgerichtet in 3 Jahren
Gegen jede Vernunft.
Wohnen ist das nicht. Auch dort wie Granatapfelkerne
Die Wachstropfen. Oben das offene Feuer unter den Sternen.
Das Sturmgewehr und die Schiessscharte gegen die Wildcamper.
In abortgrossen Kammern die silbrig getrockneten Speichelfäden
Und der Geruch von Wiedergekäutem
Das wiedergekaut wurde. Herr Heinz steht und wartet.
Es schneit noch nicht. Alles ist wie Herr Heinz weiss.
Er hat noch eine Schaufel in der Hand.
Im Stehen stolpert er über eine Spitzhacke.
Seine Gedanken sind Wollpullover
Die im Rücken über der Schulter festhängen.
Eine Krähe setzt sich auf einen der Erdhügel im Hof
Ein Komma. Die Furcht ist zum Unterscheiden da
Die Kälte für die Schlafenden. Herr Heinz ist noch nicht
So weit. Die beiden Gebäude
Sind schon verlassen. Keine Stätte für einen Menschen
Wie ihn. Aus der Brusttasche seines schweren Mantels steigt
Von seiner Körperwärme der Terpentingeruch des Briefs herauf.
Herr Heinz kann sich nicht entscheiden
Was er mehr liebt: frieren oder fürchten.
Vom Hof aus kann er die Stümpfe der Allee zählen.
Auch eine Reihe von Entscheidungen
Für die Vergebung fehlt. Herr Heinz kommt nicht mehr
Zu seinen Stätten. Bevor er einschläft sieht er
Rundumkennleuchten unten im Tal.

Image by Alan Frijns from Pixabay.

Liebes-Szene

Dann streiften wir uns die Fetzenreste unserer Kleider ab und stiegen in den Moorsee hinein. Schnell wird es tief, wir müssen schwimmen. Vom Wasser aus ist die Richtung schwer zu bestimmen. Wenn wir Wasser treten, um uns zu orientieren, fahren unsere Beine in die kalten Wasserschichten des Sees, während unsere Brüste im wärmlichen Wasser der Oberfläche baden. Wenn man das Wasser schluckte, schmeckte es sehr leise nach öliger Baumrinde. Endlich haben wir wieder schlammig-wegsinkenden Grund. Auch unsere Leiber sind schwarz und klebrig vom See. Einige Zeit stehen wir keuchend und schmunzelnd auf dem Ufer. In dieser Zeitspanne hebt sich die Sonne hinter den letzten Bäumen des Waldes hervor, saugte mächtig am Sumpf und am Nebel. Mit der Sonne steigen hinter uns Geräusche auf wie Libellen. Doch ist in unserem Rücken nichts zu sehen ausser den Espen des Mooses, ausser dem feuchten leeren Horizont. Es sind fröhliche Kinderschreie, die von dort herüberklingen; manchmal auch ein Platschen oder der klatschende Lauf von nackten Füssen, die Stimme einer wachsamen Mutter. Ich glaube fast, auch meinen Namen zu hören: «Fritz! Frie-drich!» Doch musste ich mich getäuscht haben, denn auf Nelies schwarzem Gesicht zeichnete sich Freude ab. Sie wandte sich mir mit einem weissen Lachen in der schwarzen unteren Gesichtshälfte zu und sagte: «Hörst du? Sie ruofen uns schon!» Alle meine Haare standen zu Berg, als mich Nelie am Unterarm erfasst und zu sich heranzieht. Um mich her heben viele Espen ihre vielfachen Hände im plötzlichen lauen Wind, die Äste klappern wie abgenagte Nagerknochen, eine Begeisterung wie Mondschein, und die Sonne schleift ihren überhitzten Körper durch das vielarmig knisternde Moos. An meinen Haaren zupft das Stimmchen des Windes, kalt wie Draht. Das Lied der Espen sirrt durch meine Muskeln und schiesst in meine Nerven. Kurz streift mich Übelkeit. Die Mutter ihres Liedes kommt noch näher, kommt mir entgegen aus nächster Nähe wie von weit her. Sie berührte mich mit ihren Brüsten, stiess mich mit ihren Hüften leicht zurück. Umhüllt von ihrem stechenden Geruch schloss ich die Augen, stolperte einen oder zwei Schritte zurück, meine Füsse im elektrischen Drahtgewirr, das kleine Stösse in meine Schenkel schickt. Ihre Hand hält leicht und bestimmt meine Hoden wie trockene Pflaumen. Birnenhart drücken mich ihre Brüste. Aus dem Dorngestrüpp meines Bauches steigt mein Glied herauf mit seinem kirschenroten Auge. Meine Hände halten ihre anderen Wangen. Sie sind so kühl und schwer. Sie passen genau in die Schalen meiner Hände. Sie gurrt, ihre Augen haben ein Herbstgrau. Die Schreie unserer künftigen Kinder branden um uns auf wie Spatzen aus einer Hecke. Dann sagt sie etwas zu meiner Halsschlagader. Während ich mein Glied an den afrikafarbenen Erdhügel ihres Bauches presse, fallen wir ins Moos, das von Leben himmelt. Ihre Wärme auf meinem Bauch. Die Schwärze des Sees rinnt in Streifen an uns herunter. Der Moosboden züngelt an meinem Rücken, ich rieche die Nadeln, die mich stechen. Die Luft glüht und riecht nach Honig. Über den See strecken die Bäume Tentakel aus, die im Wind nach mir suchen und meine Stirn verschatten. Die Luft klebt in jeder Falte der Haut, begräbt uns unter sich. Die Amphore ihrer Hüfte schaukelt auf meinem Bauch. Vorsichtig hebe ich sie an meine Lippen, an meine schartigen Lippen. Ihre Vulva schmeckt wie Weintrester, meine Zunge erkundet Runzeln und Lappen, ihre Schenkel an meinen Wangen ein Schraubstock, dessen Macht mit jedem Lecken und Saugen stärker wird. Gleichzeitig schreien wir auf, in Not. Während ihre Schenkel wieder erschlaffen, knabbere ich daran wie an einem milchdurchtränkten Wecken. Das Geplänkel der Kinderschreie dringt wieder an meine Ohren. Vor meinen Augen glänzt und leuchtet die Orangenschale ihrer Vulva, der Geschmack der Passionsfrucht auf meiner Zunge, zornig starrt mich der Wachsknopf ihres Kitzlers an, ich halte seinem Blick nicht stand. Ich fühle mich wie eine Schnecke, als ich unter ihr hervorkrieche, bis sie auf meinen Schenkeln reitet. Die Sommersprossigkeit ihres Körpers blendet mich. Laut lacht sie auf, als meine Fingerbeeren an ihren traubenden Brüsten Bewegungen des Pflückens und meine Handschalen Bewegungen des Wiegens üben. Sie schlägt meine Arme von sich weg und hält sie im sonnenharten Moos fest. Sie küsst mich in den Graben hinter den Ohren, taucht ihre Nase in den Fingerhut meiner Drosselgrube, knuspert an meinem Kinn, meinem Schlüsselbein, meiner linken Brustwarze. Ihre Finger scheuchen die Nervenfedern in meiner Lende auf, ich bin ein zuckendes rotes halbgares Stück Fleisch unter ihrer Göttinnenkraft. Mein Glied windet sich in ihren aufschiebenden Händen, halb Buttersack halb Echsenzunge. Ich hebe meinen Blick in ihr Gesicht und sehe dort einen Ausdruck spielender Konzentration. Haben wir anfangs in unserem Hecheln noch Spuren von Lachen vernommen, ist es uns jetzt ernst. Meine Hände streichen und umfassen wie Gläubiger die Sanduhr ihres Körpers, und niemand kann sagen, wer sich hier wem aufpfropft, in seufzendem Hüpfen und keuchendem Ausweichen. In jedem Atemzug über mir erklingt ihr Vertrauen. Zupfend erfasst sie mein Glied, das Zögern ist verschwunden, gewissenhaft und vorsichtig bereitet sie es für sich zu, ich gebe es auf und überlasse es ihr. Für Sekunden, die sich hinziehen, fühle ich mich wie ein Stofftier, aus dem die weissen flauschigen Innereien herausgepult werden, als handele es sich um seine Seele. Dann verschwindet dieses Gefühl in ihr, nass ist es in ihr, heiss ist es in ihr, ich wollte Schnee sein, mitten im August, und langsam mich selbst vergessen. Und wieder ist es eine Schaukel, sie wiegt sich auf meinen Lenden, die Poren des Mooses unter meinem Körper öffnen wispernd ihre Ohren, ich ergreife ihre wippenden Brüste, sie erschauert, ihre krallenden und knetenden Hände bearbeiten meine Brust wie die eines gerade Verstorbenen, der noch ins Leben zurückgeholt werden kann. In freudigem Schmerz zerre ich an den Beeren ihrer Brustwarzen, für den Moment eines Lidschlags fällt sie über mich, bedeckt mich zaudernd mit ihrem Leib, ich entdecke an ihrem Hals die krautige Würze eines Tomatenstrauchs in der Hitze eines Sommernachmittags. Sie richtet sich jetzt auf und ist jetzt ganz genau, führt Buch mit ihren Hüften. Im Rhythmus lernen wir zählen. In unserer schmelzenden, schnalzenden Mitte häufen sich die Zahlen wie Sternbilder. Sie greift nach meinen Händen, um ihr beim rollenden addierenden Stossen zu helfen. Wie zwei Kerzen teilen wir unser Wachs. Die Welt umgibt uns wie silberschleimige Flügel, die wir bis an die Enden unserer Geschichten ausgespannt haben; sie streifen aus der Hitze heraus die äusserste Kälte, die letzte Härte. Unsere summierende Bewegung ist ein grosses Schaufelrad, das die Welt umdreht und umkehrt. Ich pulsiere wie eine aufgeschnittene Fingerbeere, ich höre Musik. Es ist dunkel geworden mitten im Tag, die Leiber machen den hellsten schwärzesten Nebel, die Mulde im Moos gibt immer mehr nach, Wasser verstopft mein Ohr, die dumpfe Musik schlägt immer wieder in helles Fiepen um, pocht an die letzten Widerstände, an die letzten Begründungen, die von meiner Geschichte abfallen, abspringen wie Sporen. Über mir ist ihr Seufzen wie der Name des Drachen. «Pfetan! Pfetan!» Ich bin ganz Echse, rasend in der Sonnenschwärze, Steinzeit, hämmerndes Glimmergestein, das Zeiten und Bilder durchscheint. Dann wird unsere Bewegung fast schon ein Um-sich-schlagen, sie rüttelt über mir wie der Milan dort oben in der Sonne, ich höre Musik und Lied, «wie der morgen minne-diebe kunde büezen clagen». Mein Glied ist eine aufspringende Knospe, die sich des Taus entledigt; ihre Scheide ein bebend-umdrängender Fischschwarm, der kreisend an die Oberfläche steigt. Wir sind eines Fleisches, du und ich. Wir sind eines Blutes, du und ich. Da fällt sie über mir zusammen, umgestossenes Zelt. In ihr schwingt es und brandet, und mein gebogenes Glied spannt sich an und öffnet sich wie eine Schote. Entzweigebrochen, liegt sie auf mir; entzweigespalten, lieg ich da. Weiss fällt das Licht in meine Augen, ich stosse, ich lege meine Nase in ihre pumpernde Achselhöhle, ihre Hände rascheln jenseits meines Kopfs im trockenen Moos. Die Bebung hält uns noch fest, das Zucken und Zittern kündet das Zagen und Zaudern an, «da mac verswinen wol ein triuten», höre ich weit entfernt , fast ein Schrei, «sinnen wîl er wünne selten borgen», die Achselhaare kitzeln meine Nase, ich rieche in ihren Achseln die salzigen Ursprünge der Welt. – Lange lagen wir noch so da, schnaufend und wie Saiten nachklingend. Unsere Körper lagen zwiebelglatt aneinander. Die Rosetten des Mooses hatten sich endlich auch vollgesogen. Der Kinderlärm war in sein Freudenhorn zurückgekrochen. Langsam verändert sich das Klopfen unseres Herzens, lassen sich die beiden Herzen unterscheiden. Aus unserem Schoss steigt ein herrlicher, herber, fauliger Geruch auf. Das erschlaffte Fleisch fühlt sich an, als hielte man frisch gefallene Magnolienblüten in der Hand. Leise leckte das Wasser des Sees am Pflanzengrund. Nebeneinander lagen wir wie frischgepellte Lebewesen, dem Tod entsprungen. Die Tränen wiegten uns, denn Leben heisst Abschied nehmen. Nein, wir waren nicht von gleichem Blut, von gleichem Fleisch waren wir nicht. Die Ehrlichkeit würde uns zur Lüge zwingen, die Lüge zum Leben. Sie schälte sich von mir, ich schälte mich von ihr. «Du saelden spil,» blies ich meinen Atem in ihr Haar. Sie schüttelte ihren Kopf, den sie von meiner Brust hob: «herzeliebe ist ein schûr, dem lîbe ein herter nâchgebûr; in süeze wirt vil oft sûr.» – «Ich minne dich sehr.» – «Ich minne dich mehre.» – «Ich liebe dich mehr, als ich dich minnen kann.» – So spielten die Worte miteinander, während unser Atem sich beruhigte. Beide wussten wir, es gab keine Auswege, nur Ausreden. Ich war frei, in meiner Freiheit gefangen. Sie war gefangen, selbst ohne den wachenden Drachen, in ihrer Gefangenschaft frei. Es war ihr nicht möglich, mir war es nicht möglich. Der Erzähler musste seine Ohnmacht einmal mehr unter Beweis stellen.

Text aus der Novelle „Ne me quitte pas“ (im Entstehen)

Ein Freundschaftsgedicht (Nikki Giovanni)

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Wir sind nicht Liebende
Weil wir Liebe
machen
Sondern weil wir Liebe
Haben

Wir sind keine Freunde
Weil wir Lachen
Verschwenden
Sondern weil wir Tränen
Sparen

Ich will dir nicht nahe sein
Wegen der geteilten Gedanken
Sondern wegen der Worte die wir nie
aussprechen müssen

Ich werde dich nie vermissen
Wegen dem was wir tun
Sondern wegen dem was wir
Zusammen sind

(Übersetzung O. Füglister)

Gubaidulina

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Brummen kaum
Anwerdendes Nachmittagskauen
In die halbe Wachheit des Zorns
Ein Rachen harschen Schnees
Und das Bisschen nichtswürdiger Saiten
Unbegründete Sanftmut
Meineidige Vergangenheit
Stabilisiert in den Toren von Salamanderkehlen
Pfotenweiche Sättel
Auf den aufgeschobenen Käfigen
Von Drohungen und Beschleunigungen
Inmitten von nirgendsfüssigen Koriandergebeten
Am grundlos absteigenden Wall der Gleichmut
Und erwarteten Unterdrückung
Ratten von Ketten kaum
Über den ausgeborenen Nachmittagskefen
Sirrende Gegenwart aus nussigem Unterwurf
Das anfängliche Mähen von Bergkerben
Unter den angewandten Zapfen aus Zahl und Verständnis
Pfeifende Selbstverwendung im Angesicht des fallenden Reihers
Söldner-Geplänkel im Abschatten der Würde
Die soliden Fähigkeiten der Menschen ohne Kindreste
Ein Fisteln kaum
Inmitten der verhärteten Wurzeln
Ein aufprallender Aufklang der Freude.

Holy Diver

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Sie brachte ihm die Krawatte. Sie hatte die Krawatte schon gebunden. Sie wusste, er mochte Krawatten nicht.
Er dachte nicht „gebunden“, er dachte „geschnürt“. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit dem Schnüren einer Krawatte um den Hals eines Mannes.
Sie würde nicht mitkommen. Sie kam nie mit. Sie hatte gesagt, sie schäme sich. Sie schäme sich nicht für ihn, sie schäme sich für seine Familie vor ihm. Ihr sei die Heiterkeit zuwider, in der sie sich wälzten wie Schweine im Schlamm.
Sie benutzte oft solche Vergleiche. Sie sagte, sie meine nicht ihn, nicht ihn meine sie damit. Er konnte es an ihren Augen sehen, die schmaler wurden, wenn ihr widersprochen wurde. Sie meinte ihn auch. Natürlich meinte sie ihn auch. Ihre Augen waren brauner, wenn sie solche Dinge sagte.
Ihre Hände waren angenehm kühl, als sie seinen Kopf zu einem trockenen Kuss heranzog. Sie lagen leicht und kräftig und klamm an seiner Halsschlagader. Ein warmes Zucken ging durch seinen Körper.
So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem widerstrebenden Zucken vor einer Frau.
Sie begleitete ihn an die Türe. Er griff nach seinem Schlüsselbund. Sie legte ihre Hand auf seine Greifhand.
Nein, sagte sie. Du kannst doch nicht mit dieser Klapperkiste dorthin.
Es ist mir egal, was sie denken, sagte er.
Ich weiss, was sie denken, sagte sie, ich will nicht, dass sie das denken.
Sie hatte seine Hand losgelassen. Mit der anderen Hand hielt sie ihm ihren Schlüssel hin. Der mit der Hasenpfote.
Du trinkst einfach nichts, sagt sie und tritt nahe an ihn heran, trinken tun wir dann, wenn du zurück bist.
Sie gab ihm einen Kuss, der ein Versprechen von Feuchtigkeit enthielt, fast ein Stück Zunge. Dann drehte sie ihn mit einem leichten Lachen um, zupfte seine Weste in seinem Rücken zurück. Er drehte sich nochmals um.
Nun geh schon, das wird schon klappen, sagte sie.
Er trat hinaus auf den leuchtenden Vorplatz. Es war ein kühler Morgen im Spätsommer. Die beiden Wagen standen wie feuchte Käfer hintereinander auf ihren Plätzen. Heute würde er den roten fahren. Sie wollte das so. Nicht den beigen Ascona, den roten Porsche.
Jetzt war er erregt. Er hatte jetzt einen Panzer, ein Schild für diesen Tag. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einem Schutzschild, mit einer blendenden Larve.
Der Motor röhrt. Der Motor erschüttert seinen ganzen Körper. Es ist ein Gefühl von Freiheit und fast von Macht. Das Leben ist ganz einfach.
Ganz einfach und gut zu überblicken, wie diese herrlich unebene Landschaft. Die langen Kurven wie eine Einladung. Die Steigungen wie eine Hand auf der Schulter, die sagt, du gehst zu schnell. Die Ausblicke wie das Versprechen von Hüften.
Er fährt, und es ist einfach, nichts zu denken. Nichts zu denken, denkt er, den Ellbogen im offenen Fenster, das können nicht alle.
Er sieht das Gesicht seiner Mutter vor sich. Ein gütiges Gesicht. Mit trauriger Güte, in jeder Runzel rinnt die Güte und Wärme, aber auch die Sorge und Angst. Es war immer einfach für ihn, das zu sehen. Die von der gütigen Sorge in Schach gehaltene befürchtende, voraussehende Angst. Auf dem Gesicht seiner alten Mutter, einem Gesicht, das einmal wie diese Landschaft im Frühling war, mit den violetten Dolden der Kartoffeln im Tal und dem schmerzvollen Glanz von Raps am Sonnenhang.
Er fährt und liest die Namen der Dörfer auf den Schildern. Das Ende der Fahrt kommt schneller näher, als er wünscht. Er biegt ab, nochmals hinauf und nochmals hinunter. Einen Moment kann er sich glauben machen, er tue das nur wegen der Namen. Um Boswil zu lesen, dann Bünzen, dann Besenbüren, dann in der Ebene, vor dem Fluss, Werd.
Er steigt aus und wirft die Türe hinter sich zu. Er geht auf die Gartenwirtschaft zu. Er versucht einen Gang, der dem Rot und den Pferdestärken des Wagens entspricht. Es gelingt ihm fast. Er hat fast gelächelt.
Er setzt sich in die pralle Sonne, auch wenn er seine Sonnenbrille vergessen hat. Die Kellnerin fragt ihn, ob sie einen Schirm aufspannen solle, weil er zu ihr hinaufblinzelt. Einen Moment denkt er, weshalb blinzele ich nur immer zu Frauen hinauf. Er bestellt ein Dreierli Roten.
Die Kellnerin bringt die kleine Karaffe und schenkt ein. Da sie stehen bleibt und nicht weggeht, schau er (blinzelnd) zu ihr auf. Ja?
Sie sind mit dem Porsche gekommen, gell? fragte die Kellnerin. Sie sagte, „Porsch“.
Er grinste mehr wegen der Sonne als wegen der Frage und sagte, Ja.
Weil ich glaube, sie haben die Musik abzustellen vergessen.
Oh, das tut mir leid, sagte er und stand bereits.
Weil sie ist ein bisschen laut, sagte die Kellnerin in seinem Rücken.
Er trat auf den Parkplatz und hörte die Musik. Am liebsten würde er sie eingestellt lassen. „I can go away, I can leave here“, sang er mit. Er drehte den Knopf, das Rumpeln und Donnern verstummte sofort.
In der Sonne hatte sich der Wein im Glas erwärmt. Er nahm einen grossen Schluck und staunte über die warme Bitterkeit, den Geschmack von Heidelbeeren.
Warum habe ich gesagt, es tue mir leid, fragte er sich. Es tut mir gar nicht leid. So beginnen Familienfeste, dachte er. Mit einer Entschuldigung, die du schon vor deiner Ankunft schuldest.
Jetzt hatte er es plötzlich eilig. Er goss sich ein, nahm noch einen Schluck, goss den Rest ans Tischbein. Er erhob sich und merkte den Alkohol, der den leeren Magen aushebelte. Langsam zog er sein Portemonnaie und stellte fest, dass sie ihm einen Fünfziger und einen Zwanziger eingesteckt hat. Er legte den Zwanziger unter das Glas und ging.
Er wendete im Kies, das spritzte. Er war wütend. Im Rückspiegel sah er die Kellnerin aus der dunklen Gaststube herauskommen, in der erhobenen Hand hatte sie sein Wechselgeld. Er gab Gas. Er wird viel zu schnell in Bremgarten sein, viel zu früh. Noch vor dem ersten Bruder.
Er parkierte zuerst vor der Migros. Er stieg wieder ein und fuhr die Gartenstrasse hinunter. Vor dem Haus stellte er den Wagen aus Trottoir. Die Läden im zweiten Stock waren schon gegen die Sonne geschlossen. Er ging die Treppe schnell hinauf. Er hoffte, er sieht zuerst seine Mutter.
Sein Vater sass auf dem Hocker im Eingang und liess sich die Schuhe binden. Er begrüsste ihn, sein Vater grunzte als Antwort und sagte: Ah, du kommst auch!
Seine Mutter hob sich schwerfällig hoch und packte seinen rettenden Hals und gab ihm feuchte, fast klatschende Küsse auf seinen heissen Wangen.
Schön, so schön, dass du kommst, mein Schatz, sagte sie ausser Atem und blickte prüfend an ihm hinauf und hinunter. Doch bei ihr tat das gar nicht weh.
Du bist der erste, sagte sein Vater im Rücken der Mutter mit dem immer noch gleichen Ärger in seiner Stimme.
Er kannte diesen Ärger. Er muss sich jedes Mal sagen, dass der Ärger nicht ihm gilt, sondern auf den Vater zurückschlägt. Der Ärger meinte den Vater, das wusste er.
Ich kann euch hinfahren, sagte er, bevor nachgedacht hatte.
Gut, wir sind sowieso zu spät, weil die Marie sich schön machen musste, sagte der Vater. Er langte ihm unerwartet an die Krawatte und richtete sie. Er machte ihm auch den obersten Knopf zu, den er nach den ersten Minuten Fahrt geöffnet hatte.
So, jetzt siehst du nach was aus, sagte der Vater.
Ja, du siehst gut aus, Heinz, sagte die Mutter.
Zusammen stiegen sie die Treppe hinunter. Der Wagen stand am Trottoir wie eine Bisswunde im Fleisch des Tages.
Der Vater stiess sein Keckern aus.
Da passen wir ja gar nicht hinein, sagte der Vater.
Gut, dann fahre ich mit Mama allein, sagte er, und es war kein Vorschlag mehr.
Ich kann auch hinten sitzen, sagte seine Mutter.
Du sitzt vorne, sagte er, wenn Fritz mitkommen will, kann er hinten sitzen.
Er nennt ihn Fritz. Das war Teil der Abwehr, das violette Rückenschild seines Panzers.
So fahren sie die hundert Meter zum Stadtkeller. Der Vater ging zu Fuss.
Er parkierte den Wagen im Schatten, ein wenig weiter hinten in der Gasse. So würde das Rot nicht so auffallen.
Eine Kellnerin kam ihnen entgegen und nahm seiner Mutter ihr oranges Jäckeln ab. Sie begleitete sie in den Saal, wo die Weingläser auf den weissen Tischtüchern im Gegenlicht glitzerten. Die Decke tanzte ein wenig vom Licht, das vom Fluss heraufkam.
Sie waren nicht die ersten. Doch das war schlimmer. Die Brüder waren schon da und redeten bereits laut durcheinander. Er hatte das Gefühl, der Mut vom Wein sei schon verdunstet. ER spürte seine Beine, die ihn zuverlässig trugen.
Er absolvierte die Begrüssung wie ein Mann, der er nicht war. Das Schulterklopfen, das Einatmen der Aftershaves, die aufmunternden, vermeintlich gut gemeinten Worte, die sie einander sagten. Er fand sich schneller zurecht, als er gedacht hatte. Er war zu lange schon in dieser Lüge eingekleidet gewesen, um jetzt ganz herausschlüpfen zu können.
Jemand reichte ihm ein Sektglas, das er schnell austrank. Er hatte seine Mutter verloren, denn jetzt kamen immer mehr Menschen. Er fühlte Benommenheit und Scham, ein dummes Lächeln zur Begrüssung, zur Abwehr. So beginnen Familienfeste, dachte. Mit der Scham, die dich in die Lüge treibt.
Er setzte sich schnell neben seinen jüngsten Bruder. Das war der sicherste Platz für ihn. Denn der Goldjunge der Familie hatte selten die Geduld, auf Fragen nach seinem Erfolg zu warten. So war das auch heute. Danke, Erich, dachte er.
Er winkte einer anderen Serviertochter, die mit einem Tablett voller Sektgläser durch die lachenden, lärmenden Gruppen ging. Auch dieses Glas war schnell ausgetrunken.
Der Vater kam zu den Brüdern und begrüsste sie mit seinem klein machenden Holzfällerwitz. Sie lachten alle schallend wie ferngesteuert. Der kleine Vater tätschelte ihm den Kopf, wie er das bei den Brüdern getan hatte. Doch er blickte ihn nicht an und sagte nichts.
Bisher lief es ganz gut. Er hatte noch nicht Auskunft geben müssen. Er hoffte, die Mutter fände keine Zeit mehr, um ihn auszufragen. Denn ihr könnte er nichts erzählen.
Nicht, dass er seinen Sohn schon mehr als ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Nicht, dass er schon wieder keine Anstellung hatte. Nicht, dass es ihm sehr gut ging und er verliebt war in eine Frau, die nichts anderes von ihm wollte als ihn.
Er hörte seinem Bruder nur mit einem Ohr zu. Das Lächeln, das auf seinem Gesicht war, passte gut zu einer Geschichte über behördliche Hindernisse beim Bau eines Swimmingpools im eigenen Garten. Er hatte die Villa an der Zugerstrasse bei der Einfahrt ins Dorf gesehen. Ihr zuckriger Mittelmeerstil passte gar nicht in dieses ernste Dorf. Sie sprach von sozialem Aufstieg. Ganz anders als das Gebäude, in dem er nun wohnte. Vielleicht sollte er davon erzählen.
Sein Lächeln wurde breiter. Er hatte den Stoff gefunden, den sie brauchten. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Lügen, die man zu glauben vorgibt. Er würde ihnen wenn nötig den Stoff geben, den sie brauchten. Doch vorerst wollte er so tun, als hörte er zu.
Sie sassen jetzt an der langen Tafel. Der jüngste Bruder hatte seiner Mutter in einer guten, rührenden Rede gratuliert. Der Schwager hatte ein selbst gemachtes Knittelgedicht vorgetragen. Alle löffelten Suppe. Es war stiller geworden. Es machte „chlup, chlupp“.
Er liess sich gerne nachschenken. Der Wein war kühl und rann leicht die Kehle hinunter. Fast könnte man vergessen, dass es sich um Gift handelte, dachte er. Er merkte plötzlich, dass er in der Mitte sass. Rechts und links wurde geredet, aber nicht mit ihm. Er lächelte einem Gegenüber zu, das seine Schwester ist. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit Tischen, die gerade breit genug sind, damit ich mein Gegenüber anschreien muss, um verstanden zu werden.
Er stand auf. Fast hätte er den Stuhl umgeworfen. Er schaute prüfend in die Runde. Seine Blicke trafen sich mit jenen eines Jungen am Ende des Tisches, wo alle Kinder sitzen. Der Junge hatte das Alter seines Sohnes. Der Junge blickte ihn durch seine riesigen Brillengläser an.
Er wandte sich ab und suchte die Toilette. Einen Moment für sich sein, dachte er. Im Spiegel an den Augen erkennen, dass sie die eigenen geblieben sind.
Der Junge mit der Brille hat an der Türe gewartet. Der Junge mit der Brille hatte ihn abgepasst.
Er schaute zu ihm hinunter und hätte fast etwas gesagt wie: „Hast du dich verlaufen, Kleiner?“ Aber der Junge mit der Brille hatte ein Anliegen.
Wo ist Robert? fragte er.
Robert? Er konnte nur zurückfragen vor lauter Überraschung.
Robert ist doch dein Sohn, oder? fragte der Junge, als schnappte er nach Luft.
Ja, Robert ist mein Sohn, antwortete er. Er dachte, so unsicher habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Und er fühlte sich ja dauernd unsicher. Aber vor einem Kind, aber von einem Kind?
Wo ist er also? Ist er nicht mitgekommen?
Nein, er ist nicht mitgekommen.
Bist du ganz allein da?
Er antwortete nicht, konnte sich nicht bewegen.
Ich bin auch ganz allein hier, fuhrt der Junge mit der Brille fort, ich habe gedacht, ich könnte mit Robert reden und spielen. Er ist ein Freund von mir.
Es war zu spät für eine Flucht.
Robert hat sich heute nicht so gut gefühlt. Ich glaube, er ist ein wenig krank, hörte er sich sagen und spürte die Röte in seine Wangen schiessen.
Krank? fragte der Junge, ist er krank? Wieso ist er krank? Was hat er für eine Krankheit?
Es ist nichts Schlimmes, eine Grippe oder so, sagte er schnell und fügte hinzu, aber du kannst doch mit deinen Cousins reden und spielen, nicht wahr?
Die sind langweilig, sagte der Junge und wandte sich ab, um zu gehen.
Die beiden gingen hintereinander zurück in den Speisesaal. Die Ähnlichkeit war für Augenblicke nicht zu übersehen, aber bemerkte es. Der Vater rief einem seiner Söhne eine gut gemeinte Beleidigung zu, und der ganze Tisch brach in Lachen aus.
Die Krawatte sass gut. Die Krawatte sass richtig. Das konnte er an den freundlichen Augen seiner Schwester sehen. Die Augen waren auch ein wenig erstaunt. Bei seiner Schwester hatte er nie gewusst, ob sie beleidigt war oder erstaunt. Er hätte es gerne gehabt, wenn sie nicht beleidigt gewesen wäre. Er versuchte, ihr zuzulächeln. Sie blickte woanders hin.
Er fragte sich, warum alle Frauen dieser Familie sich so gerade hielten am Tisch. Immer kurz vor dem Aufspringen, vorm Davonlaufen. Oder ein letztes Bisschen Würde, das nichts kostete.
Er bemerkte den Teller mit der Hauptspeise. Ein Fisch, ein Häufchen Reis und zerhacktes Beigemüse. Alles schon kalt, vermutete er, kalt und geschmacklos. Er hatte ein wenig Abscheu und stocherte den Fisch auseinander, als seien die zarten Gräten darin die herausgelösten Sprossen einer Leiter, die ihn wer weiss wohin geführt hätte.
Es wird immer so schnell kalt, nicht wahr? sagte die Stimme seiner anderen Nachbarin, der Österreicherin.
Er nickte ohne Blick und ohne ein Wort. Er lächelte. Die zwei schwächsten Glieder der Familie hatten sie nebeneinander gesetzt, die Ausländerin und den verlorenen Sohn. Das rührte ihn derart, dass er sich ihr brüsk zuwandte. Er hatte beschlossen, sich zu üben.
Der Fisch ist pampig, der Reis ohne Geschmack und das Gemüse ist zerkocht, sagte er mit einem Frageton.
Sie war ein wenig erschrocken darüber, dass er wirklich mit ihr sprach. In ihren braunen Augen blitzte eine kleine Angst auf.
Ja-a, sagte sie gedehnt. Sie musste neu ansetzen, weil etwas in ihren Hals geraten war: Man hat dich schon lange nicht mehr gesehen, sagte sie, und auch sie klang, als fragte sie.
Ja-a, sagte er da auch. Ob sie merkte, dass er sich lustig über sie machte? Sie blinzelte erschreckt und sagte: Man weiss ja gar nicht, was du treibst.
Diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Feststellung. Aus der Tiefe der Familie. Jetzt musste er auch etwas sagen. Sie war errötet darüber, was sie da gesagt hatte. Doch die Röte verging schnell zwischen all den Sommersprossen in ihrem Gesicht. Die Sommersprossen machten es einfach, ihr zu vergeben, merkte er.
Was ich treibe, wiederholte er ihren Satz. Er schaufelte ein Stück vom Fisch auf seine Gabel, um Zeit zu gewinnen. Er zerkaute es wie Salatblätter. Sein Blick begegnete ihrem erstaunten Kinn. Es war scharf wie das Fischmesser, mit dem er geschaufelt hatte. Der Fisch schmeckte wie Löschpapier. Er musste sich konzentrieren. Er hatte wieder ein bisschen Abscheu auf der Zunge.
Was meinst du denn mit „treiben“? fragte er und kratzte ein abtrünniges Reiskorn vom Tellerrand. Er achtete darauf, dass das Messer nicht kreischte auf dem Porzellan. Er wollte nicht Vaters Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das war seine ganze Kindheit gewesen, die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich ziehen.
Naja, sagte sie leise, was du so machst. Was du arbeitest, wie es dem Robert geht, der Judith… Sie verstummte.
Jetzt quietschte er doch mit dem Messer auf dem Teller. Aber niemand bemerkte es, nicht einmal seine Nachbarin. Ihre braunen Augen waren auf ihn mit einer fast schwesterlichen Wärme gerichtet.
Gut, sagte er lauter als gewollt. Ein Blick seiner Schwester auf der anderen Seite des Tischs traf ihn, wässerig und kühl.
Ja, gut, wiederholte er, ich meine, du weisst schon, dass wir geschieden sind.
Sie nickte, als habe sie sich verschluckt.
Ja, und da muss ich Alimente zahlen, sagte er und erschrak, ist ja klar. Aber ziemlich hart. Ich habe mich ja selbstständig gemacht.
Er hatte sein Besteck weggelegt. Ihr „Oh“ sah er auf dem schimmernden Besteck und im leeren Weinglas. Er hatte nicht einmal eine schwere Zunge.
Es läuft gut, sagte er zum Besteck, es ist nicht viel Arbeit.
Und den Robert siehst du am Wochenende? fragte sie.
Was ihr nur mit dem Robert habt, ihr alle, sagte er, ja, hin und wieder. Judith sieht es nicht so gerne. Ich glaube, sie hätte lieber, es gäbe mich nicht. Sie hält mich für einen schlechten Vater. Der Junge aber ist sehr anhänglich.
Er versuchte nicht an seinen Sohn zu denken. Das zog ihm das Herz zusammen. Vor lauter Anstrengung zog es ihm das Herz zusammen.
Er vermisst sich seinen Papa sehr, sagte sie schnell und heftig, das kann ich gut verstehen als Mutter.
Er schaute mit ihr zum Ende des Tisches hinunter, wo die Kinder sassen. Er konnte sie nicht auseinanderhalten.
Ich mag keine Kinder, hörte er sich sagen. Seine Stimme dabei war barsch und hart.
Sie schwiegen einen Moment. Sie blieb ihm weiterhin zugewandt. Er hob sein Glas in die Höhe, eine Serviertochter eilte herbei. Am Kopf des Tisches hatte der Vater einen Witz gemacht und stiess sein lautes Lachen aus, das wie Peitschenhiebe war. Er trank den Wein sofort und in schnellen Schlucken und winkte der Serviertochter, die schon davoneilte zum Drittältesten, dem Rolf, dem Mann der Österreicherin, der auch die fleischige Hand hob. Auch dieser Bruder sah ängstlich in die Runde, aber gefasster als er.
Und mit was hast du dich selbstständig gemacht, wechselte sie das Thema.
Du bist aber beharrlich, sagte er leise.
Doch sie hörte es und sagte mit einem Glucksen: Das sagt der Rolf auch immer. Wie ich nur so eine beharrliche Frau verdient, sagt er immer.
Nach der Pause fragte sie: Oder ist es ein Geheimnis?
Nein, sagte er, nicht gerade ein Geheimnis.
Nun?
Das ist es gerade nicht, ein Geheimnis, sagte er und blickte sie zum ersten Mal wieder an. Ihm fiel auf, dass sie die einzige Frau der Familie war, die kurze Haare trug. Aber auch sie hielt sich so gerade. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit erzwungenen Antworten, die zu erzwungenen Lügen werden, die dann nie mehr sterben. Er korrigierte sich, mit der Höflichkeit von Fragenden, die zu erzwungenen Antworten führt.
Ich habe die Pacht für einen… Campingplatz übernommen, überraschte er sich. Er glaubte, dass sie das Zögern nicht bemerkt hatte.
Oh, das ist spannend, sagte sie ohne ein Zögern, und er wartete auf die Frage, wo dieser Campingplatz denn sei, mit plötzlich bösartiger Ungeduld. Er konnte es fast nicht erwarten.
Es ist in Triengen, sagte er, bevor sie fragte, aber auf der anderen Seite von der Suhre als der Flugplatz, am Hang ein wenig ausserhalb vom Dorf.
Ah, im Suhrental. Schön. Und kommen da viele Gäste, ich meine, ist es ein grosser Campingplatz?
Eigentlich sehr rustikal, sagte er, der langsam heiss bekam, Wanderer oder Pilger oder Segelflieger vom Flugplatz. Letzte Woche hatten wir eine Baumannschaft, die irgendwo im Dorf einen Kaninchenstall montiert.
Einen Kaninchenstall?
Ja, er lacht mühelos, so nenne ich diese Einfamilienhäuser, die im ganzen Land aus dem Boden schiessen für die Zürcher Bankangestellten, sehen alle aus wie Skischuhe.
Er redete zu schnell. Sein Glas war leer, immer noch leer. Bevor er es heben konnte, streifte ihn der Arm der Serviertochter. Er hatte seine Finger nicht vom Glas genommen.
Aha-ha, sagte sie, dann wohnen wir auch in einem Skischuh, der es ist ganz geräumig.
Jetzt sagte er „Aha“. Sie hatte ihm ihre Hand auf seine gelegt, halb Trost und halb Aufmunterung.
Die Stimme des Vaters drang über den Tisch hinweg zu ihnen.
Was redest du dort mit der Österreicherin, Heinz?
Die beiden sagten gleichzeitig, Nichts, aber sie fügte hinzu, aber es sehr angenehm heute an diesem Fest.
Jaja, lass dich nur nicht um den Finger wickeln, er ist ja jetzt geschieden, brüllte der Vater den Tisch hinunter, sonst landest du noch in seinem Bett. Die Tischgesellschaft lachte laut auf. Rolf war zusammengezuckt. Einige lachen, weil sie es lustig finden, dachte er, andere aus Scham. So funktionieren Familienfeste, dachte er. Mit dem heuchlerischen Lachen, das einen Tyrannen bestätigen soll.
Ich bin es gewohnt, wehrte er den Händedruck seiner Nachbarin ab.
Für Augenblicke hatte er den Kopf wirklich senken müssen, um die Wut zu unterdrücken. Als er den Kopf wieder hob, war der Teller weg.
Die Nachbarin kicherte: Die machen aber schnell.
Er schwieg und spürte, wie die Röte sich von seinem Gesicht auf den Hals zurückzog. Er befreite seine Hand und sah aus dem Augenwinkel, wie die Nachbarin sich aufrichtete und ihre Serviette zusammenfaltete. Jemand begann ein Geburtstagslied, und alle stimmten ein. Er sang auch mit, wie er hörte. Alle Gesichter am Tisch waren rot und angeschwollen wie Hahnenkämme. Er begann sich wieder zu fürchten und hätte sich gerne unter den Tisch geworfen, zwischen die Beine der Familie. Es war kindisch, aber es war eine Wahrheit. Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Jetzt servierten die Kellnerinnen irgendein schnell zerlaufendes Dessert. Langsam schob er seinen Stuhl zurück. Er hatte genug und hoffte, es würde ihn niemand am Gehen hindern. Halb im Stehen ergriff er das grosse Cognac-Glas auf dem Tisch und leerte es vorsichtig. Er stellte es ab und achte, alle konnten es sehen, wie er in einem Schluck alles getrunken hatte.
Wieder spürte er ihre Hand.
Du willst schon gehen?
Ich habe es satt, sagte er, als er sich von ihr befreite, immer diese erzwungene Heiterkeit, diese erzwungene Familiarität.
Ihre Hand schwebte noch in der Luft, wo sie nach ihm gegriffen hatte. Wieder blickte er zu seiner Schwester hinüber, die gerade mit ihren Meerfrauenblicken ihre beiden Buben umschloss und einfing. Seine Serviette glitt verspätet von seinem Schoss. Er liess sie liegen. Sollte sie liegen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit auf dem Boden verstreuten Servietten und der Übelkeit nach dem Cognac.
Er wandte sich ab und ging in Richtung der Toilette. Dort wusch er sich ganz langsam die Hände mit sehr heissem Wasser und nässte sein Gesicht. Seine Augen fühlten sich wie ausgestochen an.
Er schloss die Toilettentüre hinter sich und hatten schon die Hand an der Krawatte, deren Druck er vergessen hatte. Er hatte ihren Druck über dem anderen Gefühl vergessen, das auch eine Art Druck war.
Seine Mutter stand sekundenlang verloren im Gang und erkannte ihn dann. Mit ihren schweren Beinen tappte sie auf ihn zu und umfasste seine Schultern, als wolle sie ihn wachrütteln. Sie schaute hinauf in sein Gesicht.
Aber du kannst doch nicht einfach so gehen, mein Lieber, sagte sie mit ihrer Mutterstimme.
Du siehst, dass ich es kann, flüsterte er, als hätte er die Stimme verloren. Und fügte hinzu: Ich gratuliere dir zum Geburtstag, Mami, ich gratuliere dir zum Geburtstag. Es war, als könnte er sie damit küssen.
Oh, sagte sie und nickte abwehrend, hör doch auf. Schau, ich habe hier etwas für dich. In ihren runden Händen mit den vielen Falten, der er schon immer geliebt hatte, sah er ein Knötchen. Sie steckte es ihm in die Brusttasche hinter das grüne Taschentuch, auf dem Katharina bestanden hatte.
Nein, sagte er wehrlos. Er spürte, wie hinter den ausgehöhlten Augen Tränen pressten.
Du siehst immer so allein aus, mein Schatz. Ich hoffe einfach, dass du jemand hast, mein Junge, jemand, der dich gern hat.
Er lächelte scheu und sagte: Ich habe jemand, ich habe jemand.
Er kam sich vor wie in einer Zaubervorstellung. Gleich würde etwas verschwinden oder erscheinen. Er konnte sich gerade noch erinnern, wo er war und wer er war, denn fast hätte er sich ihr an die Brust geworfen. Er berührte sie vorsichtig an ihrer rechten Schulter und schob sie zur Seite.
Auf dem Parkplatz standen ein paar Neffen um das Auto herum. Als er näher kam, zerstreute sie sich schnell. Die frische Luft tat gut.
Langsam fuhr er die Stadt hinab, über die Holzbrücke. Bei der Waage fuhr er nicht rechts, sondern links, die Luzernerstrasse hinauf. Er hatte die Kassette wieder hineingeschoben und begann mitzusingen. So enden Familienfeste, dachte er. Mit einem Lied, das aufheult und alles vergessen lässt. Er fuhr zu schnell. Aber das Auto konnte das.
Oh don’t you see what I mean, sang er, gotta get away, Holy Diver.
Er fuhr sehr lange. Es war schon am Einnachten, als er den Wagen an einem Strassenbord in der Nähe eines Walds zum Stehen brachte. Er schälte sich aus dem Sitz und aus dem Anzug und legte sich ins bereits feuchte Gras. Es kam kein Auto auf dieser Strasse.
Er ist schon fast eingeschlafen, als er ein Knurren hört. Er reckt seinen Kopf aus dem Gras am Bordstein. Sein Auto rollte langsam davon.
Er springt auf und holt es ein. Er macht die Handbremse fest und geht zurück dorthin, wo sein Anzug lag. Ein leerer Mensch. Etwas war aus dem Anzug herausgefallen.
Das grüne Taschentuch und Mutters Knötchen: 200 Franken. Er zerknüllte es und stand eine Weile am Strassenrand. Dann glättete er die Banknote und rollte sie zu einem säuberlichen rötlichen Stäbchen zusammen. Er kniete in den Strassengraben und machte ein kleines Loch in der harten Erde. Über das Loch gebeugt wie ein Käfer liess er die Banknote hineingleiten.
Beware the velvet lies, murmelte er und spürte eine Zufriedenheit, hart wie Panzerstahl.
Dann legte er sich ins Gras. Es war weich und feucht.
Something is coming for you, sagte er zu dem Himmel über sich.

Das Lied zum Text ist Dio’s „Holy Diver

Rothermunds Sagen

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Es war kein tiefer Wald, ganz gewiss nicht. Zwei, drei Eichen, einige kleinwüchsige, breit wachsende Olivenbäume, unsichere Birken und ausgreifende Haselbäume, und am Ende, zur Stadt hin, vier übermächtige Götterbäume, die fast in einem Quadrat standen. Dennoch war das Nachtigallenwäldchen im rasselnden Regen ein düsterer Ort geworden, ein entfernterer Ort. Der Mann namens Rothermund hatte ihn untergefasst und führte ihn an einen andern Ort, weg von seiner Eiche. Wieder hatte er ihr keinen Namen geschenkt, fiel Ueli ein, jedes Mal versprach er ihr das. Und jedes Mal, wenn er aus ihrem Schoss stieg, übersät mit alten Traumfetzen oder befleckt mit neuer Angströte, vergass er diesen Dank. Der Mann an seiner Seite spürte das Zögern in seinem Schritt und verstärkte seinen Druck und Zug am Arm. „Halt kommt bald,“ sagte er melodisch. Wäre ich etwa vorher gerade fast gestorben, dachte Ueli, und der hier hätte mich gerettet? Aber das war unmöglich, in der Grube der Eichenwurzel konnte niemand sterben, daraus kam nur Lebendiges. Die Eichenwurzel war ein Ort des entstehenden Bestehens, eine Vertiefung in der Welt, die in den Himmel reichte. Hiess das aber, dachte er weiter, denn im Gehen kamen die Gedanken, dieser da hatte ihn aus dem Bestehenden geholt und führte ihn fort in das blosse Entstehen? Die Füsse von Rothermund an seiner Seite tanzten voraus. Der Mann setzte die Füsse mit den Fussballen voraus auf. Darum zog er Ueli mit jedem Schrittpaar einmal nach vorne und einmal leichter nach hinten. Wieder versuchte Ueli stehen zu bleiben, um diesen Gang von hinten betrachten zu können, aber der Fremde liess ihn nicht, rückte genügend fest an ihm, um die Bewegung nach vorne aufrecht zu erhalten. Gabriela kam ihm dabei in den Sinn. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Gewiss war das gut gewesen, nicht an sie zu denken. Doch erinnerte er sich an den Gang das Kirchenschiff hinunter, an den leeren Bänken vorbei, Arm in Arm, vorne in der rechten Bankreihe ihr unförmiger Vater, der seinen Hut drehte und drehte, in der linken Bankreihe war seine Schwester wutrot gesessen, unterm Atem etwas wie Flüche ausstossend. Gabriela hatte an seiner Seite ausgreifende, raumfangende Schritte gemacht, mit jedem Schritt hatte sie ihn, fest eingehakt, ins Wanken gebracht. Ein Ruck vor, ein Viertel zurück. Doch Rothermund ging geschmeidiger, er zog ohne Zwang, und im Gehen musste Ueli das Nachtigallenwäldchen neu sehen. Nicht nur durch den Regen, der sanft wie Schuppen von den Augen fiel, auch durch einen seitlichen Wind hatte sich das Tal verändert. Der seitliche Wind sollte nicht möglich sein in einer kaum 50 Meter breiten Vertiefung, die der Dorenbach lautlos zerschnitt, ein Band von braun rasender Gleichgültigkeit. Die Steine in seinem Bett, über die Rothermund gehüpft war, sahen aus wie Warzen, glänzend und augenhaft, immer wieder überspült und von neuem aufleuchtend. Ein solcher Wind war nicht möglich, und doch war er sogar zu riechen, ein Geruch von süssem Aas wie aus dem Atem einer Katze. Das Nachtigallenwäldchen war ein unbekannter Ort geworden. Nicht gerade zum Fürchten, aber zum Urteilen gar nicht mehr geeignet. Ueli hielt sein Denken gerade für einen verrenkten Mann, Knochen gebrochen, Glieder puppenhaft verdreht. Doch im Gehen schaffte er doch einen Anfang, schnaufend, sammelte er die Splitter der Lupe auf, mit der die Dinge sich ins Gebiet der Wahrheit rücken liessen. Es gelang ihm, zögernd und zurückschreckend, im schwankenden Hin und Her von Rothermunds Gang in Sicherheit gewiegt, vor die Erinnerungen dieses Tages seine kleine, kaum kniehohe Mauer zu bauen, um ihre Nähe zu bannen. Und kaum hatte er damit begonnen, Urteil neben Urteil zu stellen, Zeit und Zeitläufte voneinander zu trennen, erkannte er die Stadt wieder. Sie standen auf dem Holbeinplatz: die beiden jugendlichen Linden, die beiden Bänke, die beiden Hecken, einige regenbraune zugeschlagene Felsen, die beiden Spatzenbäder, jetzt rötliche Augen. Rothermund hatte ihn losgelassen und sich auf die linke nasse Bank gesetzt. Er patschte mit seiner Hand auf den Platz neben sich. Ueli setzte sich schwer. Und schon lag die Hand Rothermunds auf seinem rechten Knie. Ueli schaute zu ihm auf. Das Gesicht des Fremden war unter einem breitkrempigen Hut verschattet, doch konnte er die runden, fast geblähten Wangen erkennen, die breiten Lippen. „Ich bin gekommen, um dir zu erzählen,“ sagte Rothermund. Sein Gesicht legte sich beim Lächeln in tausend Grübchen, eine Lache unter Wind. „Ich bin einer, der sagt,“ fuhr er fort, den Blick jetzt auf die Füsse gesenkt, „was ich sage, das vertraue ich denen an, deren Ohren sich für das Sagen eignen. Deine sind solche Ohren.“ Ueli hatte sich umgeblickt, um sich zu vergewissern. Er erkannte die kleinen Holzhäuser der Vorstadt, die Ruine eines Verwaltungsgebäudes aus Zeiten, als es noch etwas zu verwalten gab. Bevor er dem Impuls nachgeben konnte, denn er wollte aufstehen, um zu seiner Bucht zurückzukehren, hob Rothermund die Hand vom Knie auf seine Schulter, jetzt mit Kraft. „Und das Verkriechen,“ sagte Rothermund, „das kannst du noch lange genug üben, wenn alles vorbei ist… Was ich dir erzählen will, ist merkwürdig genug…“ Ueli spürte die Kälte der Bank, die Kälte des Windes. War denn wieder Winter geworden? Die Linden trugen ihre kleinen Sternenbündel… „Wie vieles beginnt das, was passiert, vor langer Zeit. Ein Bündel von Informationen, verstreut über verschiedene Körper. Der Mechanismus lässt sich erkennen, wenn auch nicht sein Urheber. Und doch ist dieser nicht von der Hand zu weisen… Vielleicht ist doch eher von einer Urheberin zu reden, wer weiss… Merkst du, wie schwer es mir fällt, das erste Mal zu sagen?“ Ueli blickte Rothermund an, doch dieser schaute zu Boden. „Es sind Vorbereitungen zu treffen, bevor man vorbereitet ist. Ich habe, merke ich, keine getroffen. Vielleicht soll es so sein, vielleicht. Das Sagen ist keine Wissenschaft, so denke ich wenigstens, aber das Sagen ist von Bedeutung.“ Wieder schwieg Rothermund, nahm die Hand von Uelis Schulter und strich damit über seine breiten Lippen, liess den Zeigefinger darauf ruhen. „Einen Auftrag zu haben, ist das eine. Den Auftrag dem Auftrag gerecht auszuführen, das andere… Und den Auftrag mit Gleichmut ausführen, wieder etwas anderes… Niemand kann dem Erzählten zuvorkommen. Niemand kann das Geschehene anders empfangen als wehrlos. Niemand kann das Sagen anders sagen als erstmals, so lange dieses Sagen auch schon warten oder dauern mag. Nun, so höre hin.“ Rothermund schüttelte sich in den Schultern und richtete sich auf. „Alles war gut. Das Fruchtwasser bedeckte die Erde. Im Fruchtwasser tummelte sich an der Grenze zur Sichtbarkeit das Leben. Ein schlürfendes Wiegen in Gewissheit, zukunftslos. Ein keimendes Gespinst, Daseins-Gewebe. Ungeformt-haltlos, darin aber beharrlich, fast unabänderlich. Doch immerhin, erste Strömungsabfälle, kleinste Zyklen, fast eigensinnige Gegenläufe. Im vom meeraufwerfenden Mondzyklus um- und umgedrehten Meer entstehen Blasen. Zuerst kaum grösser als die Zitzen eines Maulwurfs, doch Blasen blähen sich, das ist ihr einziges Tun. Sie schwellen an, verschlingen vom Gespinst, was verschlungen gehört. So würden es die Blasen sehen. Lange Zeit sind die Blasen eine Art Augen, die im Ungesehenen aufgegangen sind. Und in ihnen geschieht das Ungeschehene, mehr als Mehrung. Was Äonen gelebt und gewebt hat, in einem losen Schlingen und Umschlingen, in einem leicht zuckerhaltigen Taumel, wächst an, bläht sich wie die Blasen, und während die Blasen wie Tränen miteinander verwachsen, verwächst dieses Kringeln und Flimmern. Während der Mond mit seinem silbernen Arm die Erde wiegt, beginnt die Zeit. Sie beginnt mit dem Versteifen, die Zeit. Anders ist es nicht zu sagen, das Zusammenwachsen des ersten Taumels ist das Ausstrecken eines ersten Fingers, dann einer ersten Hand. Eine strebende, noch nicht zeigende Bewegung der Versteifung im Flirren und Kirren, gleich neben den Blasen. Ein stechendes Längen und Drängen stellt die Spannkraft der Blasen in Frage. Die Blasen reissen. Was aus ihnen quillt, dieser heiss-innere Saft, das Unabänderlich-Beharrliche, schmiegt sich an die beharrlichen Säulen, die da stechen und fechten. Ist die Zeit nicht Fechten und Stechen, ein wegloses Abkommen mit der Auflösung?“ Rothermund schwieg unerwartet nach seiner unerwarteten Frage. Er selbst fühlte sich plötzlich schwer, hörte ein Knarren in der Bank, auf der sie sassen. Die beiden Linden streckten ihre Äste nach allen Seiten nach den Vögeln aus, den verlorenen Stimmen. Sie waren mehr denn je ohne Halt, die feuchte Mauer des Himmels zu weit, zu hart für ihr ausgestrecktes, haarsträubendes Bitten, für ihr niederes, windloses Kratzen. Ueli dachte an einen Spruch, „Wessen Weisheit grösser ist als seine Werke, wem der wohl gleicht? Einem Baum, der viele Äste hat und wenig Wurzeln. Es kommt der Sturm, er reisst ihn aus und wirft ihn um.“ Ueli hatte nicht gedacht, dass ihm je wieder so eine Geschichte begegnen würde, und am wenigsten in dieser Lage. Ueli hatte nicht gedacht, dass es noch solche Geschichten gab, und am wenigsten für diese Lage. Ueli hatte nicht gedacht, wie gerne er miterzählen würde, und am wenigsten aus seiner Lage. Er sehnte sich nach Papier, nach Karton, er wollte einen Stift. Wie lange hatte er keinen Stift mehr gehalten, weder Kohle noch Kreide noch Tusche. Seine Hände zuckten. Die Bank knarrte wieder, Ueli konnte die Freude wie Schweissperlen über Rothermunds Gesicht laufen sehen. „Und was weich und fliessend gewesen war, verschmolz mit dem ersten belebten Harten. Was weich gelebt hatte, begann sich zu verhärten. Und was in der Weichheit geschlummert hatte, wachte in der Härte auf. Metallisch glänzten die Wirbelsäulen auf, die Schuppen, die Flossen, die Finger darin, die Beine und Arme. Was vorher an Dingen klebte, webte, an Felsen, Schloten, Steinesblüten, kaum weste, fast dingte, unbeirrbar zwecklos, unhaftbar anhaftend, begann zu zwicken, zwecken. Denn in den Dingen liegt kein Streben. Ein Streben liegt in den Lebewesen. Doch keines der Lebewesen konnte über sich hinaus. Das Wesende in ihnen, das den Dingen anhaftete, teilte sich unaufhaltsam. Erfasst von der Zeit, teilte und wandelte es sich, dingte sich zum Wesen. Nach oben war alles offen, das Land zuerst, der Himmel danach. Ein Wälzen nach Zielen, ein Drehen um Zwecke. Geschah das Teilen aus sich selbst heraus, damit etwas würde? Geschah das Wandeln aus sich selbst heraus, damit etwas geschehe? Eine Lenkerin ist schwer vorstellbar. Die gestaltende Hand bleibt unsichtbar. Eine Vielzahl von Gestalten wurde wahrscheinlich, möglich, wirklich. Aus dem Gestade des Wirklichen stiegen die Lebewesen herauf. So könnte man erzählen, stiegen herauf, stiegen herauf, stiegen herauf.“ Plötzlich brach Rothermund in Singen aus: „Da west es an Steinen, hier blüht’s in den Rainen, da heckt es die Seinen, da zappelt’s mit Beinen. So will es hinauf, so will es den Lauf, so will es der Lauf, so will es der Hauf. Denn viele sind Werden, und viele sind Scherben, von denen wir erben, voran sie uns herden.“ Das Schweigen war nicht angenehm. Ueli versuchte sich an das erzählte Nichts zu klammern, doch gab das Klammern nichts her. Lauter Schlingpflanzen, die im Regen wuchsen, sie schnitten in die Hände, und die Hände rutschten daran ab. Sein ganzer Körper, Kleider und Haare, waren nass. In seinem Nacken rieselte das Wasser von den Haaren den Rücken hinunter. Sein Atem füllte die trockenen Innenräume seines Körpers, hinterliess leichte Kondensspuren zurück auf dem Herz, der Leber. Auf dem Holbeinplatz war es immer angenehm zu sitzen. Doch, wie er begriff, nicht in diesem Schweigen. Es war ein Schweigen, das zu viel zu sagen hatte, das noch zu viel zu sagen hatte. Rothermund an seiner Seite hatte seinen Mund nicht geschlossen, und über dem Mund die Augen waren hell erleuchtet und fixierten etwas Monströses. Ueli dachte daran, was seine Mutter am Ende von Geschichten gesagt hatte. Er hatte es als Kind immer für eine Art Gegenspruch gehalten. Später als Erwachsener glaubte er zu verstehen, dass sie den Spruch mehr als Erinnerung an die Beharrlichkeit der Wirklichkeit gebraucht hatte, um die Veränderungskraft einer Geschichte zu mindern. „Und die Frösche blieben Frösche, die Monster Monster,“ sagte Ueli in die Stille, denn der Spruch musste jetzt heraus. Rothermund dreht ihm sein scharfes Gesicht zu, in den Augen ein glasiges Erschrecken, der Mund hechelt. Dann zerbricht er die zurückgekehrte Stille mit einem glasklaren Lachen. „Ja, ja,“ sagte Rothermund, seine Stimme in ein feuchtes Kichern herunterwürgend, „so ist es immer. Die meisten wissen bereits darum. Ich musste noch nie die ganze Geschichte erzählen. Das tröstet mich immer wieder. Und jeder einzelne hat noch dieses natürliche Widerstreben dagegen. Es ist einfach herrlich.“ Er fuhr sich mit den flachen Händen über das durchlachte Gesicht, das müde und erwartungsvoll aussah. „Du hast nichts erzählt,“ sagte Ueli, „das kann ich beurteilen. Menschen haben mir jeden Tag Geschichten erzählt, sogar die Schweigenden. Ich erkenne inzwischen jede Geschichte daran, ob sie das Gleiche sagt wie die andern. Diese Geschichte sagt nicht das Gleiche, diese Geschichte sagt nichts.“ Rothermund neigte sich zu ihm hinüber, berührte ihn am Ellbogen. „Es ist ja auch keine Geschichte, Ulrich,“ sagte er, „es ist ja auch keine Geschichte. Denn sie kommt von der Quelle. Sie hat es mir selbst erzählt. Immer wieder hat sie es mir erzählt. So höre denn zu, denn das war ja nur der Anfang.“ Der Regen über dem Platz hatte wieder eingesetzt, ein graues Gleissen lag über den Linden, die sich in Winderinnerungen wiegten.

Die Bucht in der Mauer

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Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum in Blüte. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.

Aufstieg

Die schweren Schuhe machen zuerst grosse Schritte
Dann kleinere. Der Atem beginnt zu fliegen
Zu flattern. Du spürst dein Herz im Hals
An dem der Rucksack zieht
Denn im Aufstieg neigst du dich nach vorne.
Krähen fliegen über den Weinberg
Vom See herauf bellen die Möwen.
In deinem Rücken das karierte Tuch des Sees.
Du verschwindest im braunen angehaltenen Wogen des Weinbergs
Man sieht dich nicht mehr.
Du beginnst deine Sprache zu behandeln wie ein Handwerker:
Genau sein in jedem Schritt
In jedem Laut: in kleinen Schritten trägst du deine Geschichte den Hang hinauf
Mit kurzem Atem lässt sich nur das Notwendige sagen
Den Blick nur auf den Boden des Wegs gerichtet
Sind die Ausflüchte verflogen
Denn so drängt sich der Weg auf
Zwingt es dich zum Weg
Hinauf in die Geschichte.
Die andern Worte
Die schöneren Worte und die Synonyme
Die man dir in der Schule und in Büchern beigebracht hat
Schnell hast du sie im Aufstieg behändigt und für zu leicht befunden
Da kugeln sie wie Kastanien den Berg hinunter
Ein wenig wie schwarze Katzen im Garten
Hinunter zur farblosen Fläche des Sees
Und du steigst weiter hinauf
Erleichtert um ein Wissen
Das dir nicht gehört hat
Die schweren Schuhe machen ihre kleinen Schritte
Zwischen den trockenen Flügeln deiner Geschichte.
Dein Atem hat sich beruhigt
Fuss in der Geschichte gefasst
Dein Herz schlägt mit guten Schlägen
Auf das heisse Eisen deiner Erinnerung.
Der Berg ist noch lang und es schmerzt
Den Kopf in den Nacken zu legen
Der Schweiss kühlt deinen Rücken.

Offenbarung 1: Woher kommt mir Rat?

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Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft eines Regenwurms:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Loch
Denke nicht einmal an die Überquerung der grossen harten Strasse
Werfe getreu mein Häufchen auf
Wenn es heller wird und ziehe
Die herbstbeschriebenen Blätter unter die Erde
Wenn es dunkler wird: ich singe nicht
Wie der Schnabel der mich erntet.
Aber die Härte der Strasse schafft mir Mühe.
Wo ist nur Mutter Erde?

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft einer ranzigen Frucht:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Grab
Hier auf der harten grossen Strasse
Über die ohne Umkehr die Nacktschnecke
Kriecht und oft ihre Spur nochmals kreuzt:
Ihr silberner Faden trocknet glitzernd ein
Wie ein Zeichen aus einem anderen Land
Das niemand lesen kann. Selbst sie
Scheut meine Säure. Kein Feld
Nimmt mich auf. Ich singe nicht:
Die Füsse auf der grossen harten Strasse
Die Regenwurm Schnecke und mich zertreten
Auf der wir weich und verletzlich liegen
Können das ja auch nicht.

Ich bin schwach: einem verknoteten Traum gleich
Zu einem Viertel zertreten und der Rest der sich immer noch windet
Einem Baumstamm gleich der das Eisengitter umarmt
Das ihn begrenzen will grabe ich meine Füsse in den wegrollenden Sand
In das nachgiebige Fruchtfleisch der Erde
Unbelehrt und unbelehrbar schwach:
(«du wirst noch ein verbitterter Mensch»)
Und von allen Seiten kommen sie
Mit ihren gutbesohlten Worten
Und von allen Seiten wissen sie wie zu leben
Mühen sie sich zu leben wie zu leben sei
Erklären mir das Warum der Kinder
(«Kinder wollen nicht die Ursache der Wirkung wissen
Sie wollen Bedeutung und Grund kennen»)
Beschwören meine Vernunft
(«nur als arbeitender Mann
Hast du einen Wert für andere»)
Beharren auf einmal eingeschlagenen Wegen
(«du beendest dein Studium
Denn man führt Angefangenes zu einem Ende»)
Während rechts und links die Fäulnis
Im dunklen Schlupfloch des Erbguts
An ihrem faulenden Geist keuchen und fleuchend sich stärkt
(«die Frauen steigen hinauf bis zu mir
Und wollen mir an den Kragen»)
Oder
(«ich lasse die Schulden
Aus Spielsucht und Hurerei
Hinter mir: kümmert ihr euch darum»)
Oder
(«wir schätzen andere
Indem wir sie schlecht machen»)
Oder
(«ich sterbe obdachlos und frei
Weil meine Geschwister keine Geschwister sind»)
Oder
(«ich fresse mein Leben in mich hinein»)
Oder
(«ich nage an jeder Entscheidung
Weil Skelette sich nicht regen»)
Oder
(«ich kann mit Geld nicht umgehen»)
Oder
(«das einzige was zählt ist Geld»)
Oder
(«ich habe es ausgerechnet
Ich werde 100 Jahre alt»)
Oder
(«meine Mutter legte ihr Haar über ihr Gesicht
Und ich musste sie darunter suchen»)
Oder
(«da ist jemand mit einer Pistole vor der Türe»)
Oder
(«er ist wieder in Königsfelden»)
Oder
(«Verkehrspolizist – das würde noch passen für sie»)
Oder
(«Schau mal: die Frau da
Die würde ich sofort ficken»)
Oder
(«Kaschdi sam sa sibie»)
Oder
(«wenn ich eine Pistole hätte
Würde ich mir das Gehirn wegschiessen
Und das Blut würde auf diesem roten Bild aufschlagen
Und niemand würde eine Veränderung merken»)
Oder
(«sie ist eine Hexe»)
Oder
(«ich habe mein Leben vergeudet»)
Oder
(«du lebst von der Sozialhilfe
Da bin ich mir sicher»)
Oder
(«ich wünsche euch
Dass dieses Kind in der Gosse landet»)
Oder
(«lass den Bagger dort liegen
Sonst komme ich raus und verhaue dich»)
Oder
(«ich schlage ihn hier und jetzt
Damit er nicht mehr das Bett nässt»)
Oder
(«wie geht’s dem Schwartenfigger?»)
Und im Neonlicht hier unten
Ist die Weichheit der Erde
Fluch und Segen: begrenzte feuchte Sicht
Und in jeder Kehre
(nimmt denn ein Wurm wie ich
Sein Winden wahr?)
Und in jeder Windung des Weges
(weiss denn eine Frucht wie ich
Um ihre Lage?)
Von einer unbegrenzten Durchlässigkeit
Voller organischer Spuren und Vorgängen:
Meiner Schwachheit allmählich mächtig
In aller Mühe allmählich mächtig –

Doch da
In der unklaren Sicherheit
Eingerichtet wie in einem Strumpf
Der Windungen zu viele
Der Räte zu wenige
Mitten in der raschelnden Stummheit des Lebens
Vom Wind umgeben statt von meinen treibenden Schwestern
Auf der herbstlich glatten Oberfläche der Strasse
Neben meinen stinkenden Schwestern
Zwischen Gingkoblatt und Zigarettenkippe
(ah meine neun Gingkobäume am Ende der Freiburgstrasse)
Auf dem Rücken ausgestreckt wie Gregor Samsa:
Der schreiende Wurm meines Kindes ringelte sich im Schock
Und ich verlor die Richtung
Das Gleichgewicht und Vertrauen
Die ich vorher schon verloren:
Aufgegeben hatte: noch einmal: ich bin schwach
Aber das Wühlen und Werken wie zuvor
Kann mich nicht mehr vorantreiben
Noch weniger Schaf als je zuvor
Über meine allzu herbstliche Müdigkeit gekrümmt
Als hätt ich eben meine Kleider zusammengetragen und noch nicht sortiert
In meine saure Nichtigkeit gehüllt
Als hätt ich das einzig Richtige erkannt
Und gelernt: von der Strasse aufgelesen
Aus dem Erdreich gepult
Lausche ich einem knarrenden Deutsch
Aus dem Land der weiten flachen endlosen Traurigkeit:
Der Ernte zwar viel
Die Arbeiter wenige –
Bittet nun den Herrn der Ernte
Auf dass er Arbeiter ausschicke
In seine Ernte. Geht fort –
Ich schicke euch wie Lämmer
Inmitten von Wölfen.
Und ich hörte auch:
Ich schickte euch zu ernten
Worum ihr euch nicht gemüht habt –
Andere haben sich gemüht
Und ihr seid in ihre Mühe eingetreten.