Ein Gedicht schreiben: die Welt anders wahrnehmen und darstellen

Von Giotto di Bondone – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2941674

Auch wenn ich weiss, dass Aufzählungen sowohl die Leserin als auch mich erschöpfen, ja als ein Zeichen von Schwäche gelten können, liebe ich diese Form der Weltstreifung, der Weltdurchstreifung.

Es ist mir dies eine ganz natürliche, quasi instinktive Art und Weise zu sprechen: weit greife ich aus mit der Sprache, werfe mein Netz mit Schwung ins braune Wasser des Nildeltas. Je mehr sich in meinem Netz verfängt, umso besser, und je entlegener und verschiedener die gefangenen Arten und Formen sind, desto besser: in Differenz und Entlegenheit liegt eine reichhaltige Poesie.

In der letzten Zeit, angefangen mit den buddhistisch grundierten Gedichten der «Ginkakuji-Variationen», beschäftigt mich nicht nur Vieldeutigkeit, vieldeutiges Sprechen, sondern das Ausbrechen aus dem herrschenden dualistischen Denken und Handeln.

Die so geliebten Aufzählungen, beginne ich zu verstehen, bieten mir genau diesen Ausweg aus dem Entweder-Oder. Und die Sprache ist da durchaus ein Hindernis, denn sie kann nur linear und kausal sein, immer stellt sie grammatikalisch und syntaktisch Verbindungen her. Eines kommt nach dem andern, eines kommt von dem andern.

Immer schon habe ich Mühe gehabt, Kausalitäten zu verstehen und darzustellen. Immer schon hat sich meine Wahrnehmung gegen eine lineare Abfolge von Perspektiven und Geschehnissen gesträubt. In den Aufzählungen habe ich ein Ventile dafür gesucht und gefunden.

Das Gleichzeitig-Verbundene und das Gleichzeitig-Unverbundene: so möchte ich darstellen, was ich wahrnehme und was mich be-eindruckt. Im Buddhismus ist alles – Belebtes wie Lebloses – leer, wird aber von uns Menschen «gefüllt», sodass es Bedeutung erhält und zu behändigen ist; Gegensätze und Dualismen sind also nicht «wirklich», sondern gemacht, ebenso wie Unterschiede und Erkenntnisse.

In der Beschäftigung mit der hebräischen Sprach- und Bildwelt, was ja auch immer eine Beschäftigung mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Verstehensmustern darstellt, treffe ich nun im Rahmen meiner neuen Gedichtreihe «Psalmen für Saul» auf weitere Alteritäten des Sprechens. Dabei handelt es sich einerseits um das aspektivische Sprechen (der Aspekt einer Sache, eines Wesens oder eines Zustandes steht für das Ganze), das in Merismen seinen Ausdruck findet. Andererseits erlebe ich im «Parallelismus membrorum», dem zweifachen, aber veränderten Aussagen des Gleichen oder Ähnlichen eine neue Freiheit.

In den Sätzen der hebräischen Sprache werden selten eindeutige kausale oder temporale Beziehungen eines Sachverhaltes oder eines Ereignisses zu einem andern ausformuliert.

(Schroer / Staubli)

Was jedoch viel wichtiger für meine sich wandelnde Poetik ist, das ist das Bewusstsein einer stereometrischen Wahrnehmung der Welt: eine mehrdimensionale, eine Tiefenperspektive in der Darstellung wird möglich, ebenso wie die Gleichzeitigkeit alles Geschehens und Empfindens.

Ich denke dabei immer an Giottos «Einzug in Jerusalem» (Padua, 1304-1306), in dem drei Figuren in der rechten unteren Bildhälfte darstellen, wie jemand sein Kleid auszieht du auf der Strasse ausbreitet. Dieses Bild hat mir in meiner Jugend zum ersten Mal gezeigt, dass eine Aushebung der zeitlichen Linearität in der Kunst (oder durch die Kunst?) möglich ist. Oder um mit dem Prediger zu sprechen:

Was in Zukunft geschehen wird, ist schon da gewesen; und was in der Vergangenheit geschah, war zuvor schon einmal da. Gott lässt alles wiederkehren wie in einem Kreislauf.

Koh 3,15

So entwickelt sich das Leben eines Lyrikers, ebenso kreisförmig, und so entwickelt sich seine Sprache und sein Sprechen, ebenso zyklisch. Was aus einem anfänglichen Impuls des «möglichst viel und vollständig Einfangens» entstanden ist, wird mit der Zeit – in der spiraligen Zeit der Kunst – zu einem bewussten Handeln in der Bemühung nicht mehr nur um die bereits als unmöglich verstandenen Vollständigkeit, sondern um eine absichtliche Verschiebung von Massstäben, Sichtweisen und Sprechweisen, um eine Auflösung der Gefangenschaft im Definitiven und Faktisch-Empirischen, in der Bemühung um eine andere, weiter gefasste (aber nicht «fassbare») Weltsicht, die in der Bejahung der Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Unterscheidung auch eine neue Welt erstrebt.

Anrufung Dagons

Durch den schmierigen Regen höre ich das Kreischen der Frauen,
            die Frauen heben ihre Hände und raufen ihre Haare,
und unterm Brüllen der Kühe starren die Männer auf der Schwelle auf dich,
            gesichtsloser Herrgott mit dem Gesicht zur Erde vor der Kiste aus dem Lande der Eiferer.

Von Aschdod bis Gat und Ekron reicht deine gewundene Hand,
            schwielig und schwer schlingt sie sich um die Kehlen der Menschen,
um die Knöchel der Völker windet sie sich mit silbernem Glanz.
            Unter deinen schleifenden Schritten,
unterm gelben harten Schweiss aus deinen Achseln spielen die Kinder in den satten Büschen,
            unter deiner weit geschwenkten Zunge schlafen die werdenden Mütter.
Mit schwerem Seufzen heben die Ältesten ihre Glieder,
            mit Vorsicht befreien sie ihre Knie von der Starre,
kein Rat ist ihnen geworden im Schatten deiner Netze,
            mit Umsicht strecken sie die Arme, rollen sie die Schultern,
denn nichts ist mehr dauerhaft befestigt und nichts ist mehr dauerhaft verankert,
            und die Mäuse huschen um ihre Knöchel wie Sonnenflecken,
und ich sehe im Hafenbecken die Bäuche der Fische,
            den milchfarbenen Mantel des Meeres,
das Lid eines nimmerwachen Auges,
            mit dem Gesicht zur Erde liegen die Mütter vor deinem Altar,
bitten um ihre Töchter und Söhne,
            deren gebuckelte Haut wie Knospen im Frühling aufbricht,
du bist ein Gott ohne Gesicht, mein Herr, du kannst nicht sehen noch hören,
            und fallen dir Glieder ab, so wachsen sie dir nach,
doch uns Menschen, oh Seestern-Füssiger,
            uns Menschen blüht nur,
unterm schmierigen Regen und unterm Brüllen der Kühe,
            Verfall und Tod, oh Glattgesicht auf der Schwelle.  

Mit Schmerzen in den eitrigen Achseln, mit Brand in den Kniehöhlen sehe ich die Menschen vor dir sich niederwerfen,
            die Mäuse haben das Korn gefressen,
die Mäuse wimmeln um unsere Knöchel und beissen hinein,
            wie wütende Augen voller Ausfluss wischen sie um uns herum,
die wir uns verneigen vor der Kiste aus dem Land der Eiferer.

Das ist Isebel

Die Männer sind wie Fliegen,
            und keiner ist wie der Geier.
Umschwirren meine Scham,
            bedecken meine Brüste.
Die Männer senken ihre Köpfe,
            wenn ihnen etwas verweigert ist.
Ich sage dir, du allzu Besonnener,
            das sage ich dir, du allzu Ungekrümmter, wo ist deine Hoheit,
und bist du nicht ein Fürst?
            Iss nun etwas, stärke dich, denke nicht an Gott,
mit Gott hat das Menschenleben nichts zu tun,
            das Volk ist kein Weinberg,
die Menschen sind keine Trauben,
            diese Augen der Süsse unterm Sonnenschlag,
iss nun etwas, hebe deine Glieder!
            Die Herzen der Männer sind wie Kahle Berge überm Schaum des Sturms,
die Glieder zerschlagen sie sich und das Kinn an den Lehmmäuerchen,
            die sie mitten ins offene Land von Jesreel gestellt haben,
diese Unkrummen, diese Ungewundenen!
            Gott ist für sie ein Strich durch die Landschaft, eine Grenze durch die Zeit,
ein Strich durch die Rechnung ist Gott für sie,
            und ich erscheine im Fenster mit meinen Aschera-Augen,
und die Männer senken ihre Köpfe,
            pressen ihr Kinn auf die staubige Brust,
und ich höre sie sagen,
            das ist Gevîrah, Königsmutter,
das ist Isebel.

Anrufung des Baal

Von Autor unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=931147

Muss auch ich lauter rufen?
            Muss auch ich auf dich warten?
Du schreitest dahin und treibst die Wolken wie Kälber voran,
            du hast deine rechte Hand erhoben wie zum Gruss,
deine rechte Hand am Ohr wie zum Hören;
            du bist gleichzeitig mit Berg,
du bist gleichlaufend mit den Wellen, die bei En-Gedi ausgleiten,
            du bist zugleich eine Frau, die gebären will.

Die Menschen schimpfen dich Baal-Sebub,
            Herr der Fliegen: vom Kahlen Berg stürzt du herunter auf das Opferfleisch,
deine Füsse färben den Bach Kischon rot wie die Lippen unserer Töchter,
            du bist Baal-Zebûl, erhöht unter allen Göttern,
in deiner rechten Hand schwingst du die Donnerkeule,
            in deiner rechten Hand leuchtet die Sonne,
schimmert die Mondsichel:
            wie lange muss ich noch rufen nach dir,
wie lange soll ich noch bitten um Kraft und Geduld,
            wie oft höre ich nur das Rascheln im Geröllfeld,
das Wispern des Korns im Tal der Rafaiter?

Deine Taten haben geweckt Freude und Jubel
            überall, wo Menschen wohnen,
dein Brüllen lässt die Wellen anschwellen und die Berge steigen,
            dein Schrei stillt den Aufruhr der Völker:
bist du denn kein Gott für den Menschen,
            bist du denn auf Reisen, streifst du über den Baschan,
bist du denn eingeschlafen,
            bist du mitten im Tumult meines Heischens,
im Radau meines Heissens bist du etwa eingenickt
            wie ein Onkel, der zu viel vom Opferwein getrunken hat,
musst du etwa nachdenken und worüber,
            ist deine rechte Hand an dein Kinn gesunken?

Mit deinen Hörnern hast du doch das Chaos von seinem erhobenen Thron gestossen,
            mit Keule und Axt hast du die Wasser gespalten,
ihre Gestalt zerbrach, ihre Wirbel zerflossen.
            Ich rufe bis an die äussersten Enden der Erde,
ich flehe bis nach En-Dor, wo heiss das Urmeer ausfliesst wie Jammus Eiter,
            über den du schreitest mit Kraft und Ausdauer.

Deine Stimme, Heiliger

Deine Stimme, Heiliger, klingt immer noch wie die Urflut,
            vermischt mit dem Lehm Ägyptens,
dem kehligen Laut der Disteln, dem Knirschen von vereistem Sand,
            deine Stimme, Heiliger, hat immer noch die hohen hellen Rufe der Lenker von Streitwagen im Ohr,
das raschelnde Zischen ihrer Räder im Schilf,
            den Brustton des Entsetzens in den aufgeworfenen Hälsen der Gäule;
deine Stimme klingt immer noch wie die Hand am Hals einer Frau.

Noch rufst du mich zur Besinnung,
            noch fällst du mir in die Gedanken, in die Träume und in die Hand,
doch dein von meinem Hirn verzierter Bart zeigt unter den Kaubewegungen keinen Gesichtsregung.

Oh, deine Füsse, Heiliger, sind aufgequollen wie die Züge eines Säufers,
            aufgequollen im Honigblutbecken deines himmlischen Herdes;
deine Augen leuchten knisternd wie die Golddisteln an den Abhängen des Kidrontals,
            die tiefen Schalen deiner Hände schöpfen immer noch vom Wasser des Teichs Siloach. SELA

Deine Stimme, Heiliger, trägt immer noch das zurückgehaltene Lachen in sich,
            das du zurückhieltest angesichts meiner Scham,
das du aufspartest für meinen letzten Tag,
            wenn ich mit verdrehten Armen und verkehrtem Auge vor dir stehen werde wie ein      Esel vor dem Berg,
dein Lachen wird dann sein wie das Einstürzen eines zermahlenen Bergs,
            deine heisere lockende Stimme wird dann sein wie eine Sturzflut zu Füssen meiner Altare,
und ich werde wissen, Heiliger, ich werde es wissen, Heiliger,
            wie gross dein Zorn ist und das Erdreich deines Herzens aufsprengt wie Dürre den Boden,
wie gross dein Grimm ist und die Kuppen deiner Nieren aufbrechen lässt wie unterm Stab Mose die Felsen bei Refidim,
die Lenden des Bergs Horeb,
und über mich wird wie Nardenöl fluten das Wort deiner Vergebung.

Mitten im Leben II (5 Sinnbilder)

Ein Leben anheben
Das fast schon fertig ist
Und sich längt und streckt
Wie ein Nildelta: zögert immer noch
Anzunehmen was ihm gegeben
Auszuschütten was aufgespart

Ein träges Land aufstellen
Das fast schon zermahlen ist
Und knirscht und widerstrebt
Wie eine Schefela: eine Kalkgestalt
Abweiden spröde Büschel
Das Gebein freinippen

Eine Ausrede anritzen
Die fast schon Stein ist
Und nicht reift und schmeckt
Wie die Maulbeerfeige: ins Gebirge schaut
Äugt verankert am Stamm auf die Gipfel
Verhärtet gegen die rötlich-weichen Pässe

Einen Palast ausfüllen
Der von seiner Meisterin träumt
Und sich bläht und reckt
Wie ein Arsenalhügel: das zitternde Erbsen-Volk
Verteilen in den leeren Hallen
Keimen heissen im kalten Marmor

Eine Einbildung anführen
Die fast schon steigt
Und kreischt und bockt
Wie ein Packesel: über diese Brücken musst du gehen
Vor diesen Boten musst du stehen
Zerstreuen deine Hinterbeine und deine Güter im Wegeskies

Ein Gedicht schreiben: Träumen

Was heisst es zu träumen? Es ist die kreativste und konzentrierteste Form von Leben. Schon als Kind und Jugendlicher war mir die Macht der Fantasie, die Kraft aus Kompilation und Aleatorik dringlich bewusst. Auch wenn ich mich immer wieder über die Lächerlichkeit oder den kindischen Humor meiner Träume wunderte, wanderten viele ihrer Bilder in meine Gedichte.

Die Macht dieser Bilder, die mehr als Metaphern oder Sinnbilder zu sein scheinen, in Worte um zu setzen, ist jedoch möglich: Sobald sie in die Aussenwelt, in die dingliche Wirklichkeit befördert werden, wird ihre Undinglichkeit und Innerlichkeit – eben noch ihre eigentliche Wirkkraft – zu einer Schwäche. Farblos, wie angehauchtes Spiegelglas erscheinen sie dann, und selbst du hast nur noch Spott für sie übrig, wenn auch einen mit Trauer und Mitgefühl gewürzten Spott.

Doch selbst in den Träumen, die dich abwerten, ja buchstäblich entblössen – wenn du nackt vor einer Schulklasse stehst -, bist du dir dieses anderen Lebens in dir stark und motivierend, antreibend bewusst: da wirkt in dir ein Mechanismus, eine Art Maschine, die aus deinem Aussenleben, deinem «aktiven Leben» sowohl eine Traumwandelei als auch einen neuartigen Referenzrahmen schafft.

Selten nur kann es mir gelingen, diese im Traum erfahrene «Umwertung der Werte» und Bedeutungen in einem Gedicht oder in einer Geschichte zu wiederholen oder bewahren. Doch wenn es mir gelingen soll, wenn ich diesen überwältigenden surreal-surrealistischen Eindruck «kopieren» oder «nachahmen» soll, so benutze ich zwei hier bereits genutzte Verfahren aus dem Traum: die Kompilation und die Aleatorik.

Mit der Kompilation meine ich folgendes: Während einer mehr oder weniger langen Vorbereitungszeit für ein Gedicht oder einen Text sammele ich wahllos Wörter und Resonanzen, Zitate und Referenzen, Begriffe und Eindrücke, die mit dem vermuteten «Thema» oder «Inhalt» des Gedichts nur entfernt oder mittelbar in Bezug stehen. Ich verhalte mich also ein wenig wie die sprichwörtliche Elster, die alles Glänzende und Leuchtende zusammenträgt und -stiehlt.

Ein unkundiger Sammler, der noch keine Kriterien gefunden hat für sein Schauen und Erkennen, für seine Leidenschaft, wie es im ersten Moment (und auch manchmal noch im fertigen Gedicht) scheinen mag.

Im zweiten Schritt meiner Arbeit schalte ich den Zufallsmoment ein: was ich am Anfang dieses Textes die Aleatorik genannt habe. Doch handelt es sich dabei nicht um die von den Surrealisten so geliebte «écriture automatique», das automatische Schreiben. Denn selbst wenn ich die Verse nicht lenkte und die Wörter «von alleine» ihre Verbindungen und Referenzen finden lasse, so behalte ich doch einen Eindruck, eine Stimmung oder Haltung oder eine Landschaft im Auge, die darzustellen ich mir vorgenommen habe.

Würde ich ganz «automatisch», also quasi «maschinell» vom Zufall gelenkt schreiben, entstünde ein Gedicht, das von der Sprache und vielleicht von meinem Unterbewusstsein geschrieben worden ist; ein Gedicht, das mit meinem Aussenleben, meinem Lebensausdruck und -gefühl vermutlich kaum mehr etwas gemeinsam hat.

So aber, in einem halb bewussten, kontrollierenden Schreibmodus schaffe ich im besten Fall in der Kompilation und der Aleatorik, die ich meinen Träumen entlehne und/oder stehle, eine Art Traumbild – genauso uneindeutig/eindeutig, fremdländisch/befremdlich, unverständlich/verständlich, hier-und-nicht-hier wie ein Traum oder ein Träumen.

Chaconne

Nichts ist wichtig: Chaos notwendig
Ist wie eine Pfeilspitze aus Vorzeiten
Und im Bogenschenkel ihres Flugs das gespaltene

Das geteilte Ohr im Wind und am Herzdotter
In den langsam und widersinnig die Zeit lauscht
Evakuiert in die steinige Stirnpfanne wo

Die Savanne ihre Knöchel glänzen lässt:
Nichts ist wichtig: nur notwendig
Die nicht angesteckten nicht angeleckten Federn

Die in Vorkehrung die Zukehrung verweigern und abwenden
Mit spitzen Fingern zu pflücken: aufhalten
Das Chaos wie eine Handfläche: aushalten die geflüsterte Schwerkraft

Eines minimen Blickes: einer gerade noch geretteten
Einer längst geretteten Gelenkpfanne
Im windigen Sud der verschenkten Augen:

Das geteilte Oder einer Frau
Die offene Gewürzader eines Mannes:
Nichts ist wichtig: zu leben vom Chaos

Abgekehrt die leichte List des Gedenkens
In dessen verstummten Nieren das Chaos aufflammt und gesträubt den Bogen senkt
Wie Gottes Finger übers feuchte Moos der Gedanken fährt am Berghang:

Und das Wasser des Athi wird zum Wasser des Galana
Und das Wasser der Bünz wird zum Wasser der Aare
Und der Eibenbogen erinnert sich an das Wanken der Krone:

Wo hat es geschimmert –
Wie hat es gekrächzt –
Wer hat es erinnert –

Aus Vorzeiten notwendig ist es
Den Kambu aus den Akazien auffliegen
Und den Skorpion in der Bougainvillea-Brust

Der so gut denken gelernt hat
Herauslesen zu lassen: über den Dollarwiesen
Kreisen schon die Rotmilane. Nichts ist

Wichtig: notwendig Chaos ist:
Die ausgestreckte Hand anlegen
Und sich in die Winde neigen: zuneigen sich

Dem gegenläufigen Ei der aufgegebenen Absicht
Dem namendurchrasselten Staub der Fernsicht
Dem leuchtenden Rapsfeld des Fremdwillens

Und im Beckenboden unterm Stirnbrand von Jua verkochen das Nichts.

Einige Träume solltest du einfach gehen lassen

Ich will gar nicht erst anfangen mit den Milchaugengäulen vor der Hochzeitskutsche auf dem Sanktmichaelshügel
Und unten in der Milchsuppe die Schärpen aus Krähen
Ein Beginn wie unwirtliches Gebet am Anfang eines Wintertages
Noch verklebt vom Schweiss der Träume
Ausgespannt über mein Atlantis-Leben zwischen zwei Kontinenten: doch einfach gehen lassen
Wie der Ausblick von der Rigi auf mein Heimatland
Da drüben der Lindenberg mit seinen Pappeln und seinen Rapspupillen wie die Streifen eines Luchses
Dort die verschlungenen Reussgründe und weit hinten die Säule des Atomkraftwerks
Wie dieser Ausblick durch die Augen geht und einen Moment oder zwei eine Art Erkenntnis aber keinen Halt findet
Weder Dauer noch Erwiderung kennt
Kann ich diese Träume nicht gehen lassen
Denn diese Milchaugengründe
Zeigen mich als Kern
Als Samen: die tiefsten noch nicht ausgeschabten Wundhöhlen
Die ausgehöhltesten noch nicht ausgeleuchteten Rücken gefüllt mit dir
Diesem Abschatz der Träume
Diesem Spiegelgrund von Furcht und Abscheu
Scheu und Fürsorge: eine bronzene Frau zierlich wie eine Pappel mit diesem starkgelben Auge eines Ziegenbocks
Einer geschmeidigen Stimme und ich im Palace auf einem Balkon mit Sicht auf die Savoyer Alpen
Das bittere Prickeln von Champagner auf der Zunge und eine Kälte auf der Stirn wie eine Eisenkrone
In meinen Ohren ein ständiges Tapiola wie eine Zentrifuge
Und die Kinder mit ihren gestreiften Krawatten hinter dem Hotelkasten
In seinem Moosschatten und du leitest ihr Spiel an
Lachend tragen sie sich über die abschüssige feuchte Erde
Die leise nach russischem Tee fünfmal aufgebrühtem russischem Tee schmeckt wenn auch du prustend hinfällst
Und alle Kinder auf dich stürzen wie ein Spatzenregen: und wieder ihre Lagerfeueraugen und ich mit gesitteten Huckleberry-Schössen in der Bar am Fenster mit Aussicht auf ein Bourbakipanorama über einem Gedicht wie eine Gletschermühle und da heulen die Sirenen auf und auch du
Hechtest mit aufgestelltem Kragen in die Kellergewölbe des Molochs: die Träume einfach weggeben
Weggehen lassen: das ist doch nicht möglich
Als seien sie vollgeschissene Windeln die so schnell wie möglich vor die Türe gestellt und der Abfuhr übergeben werden sollten: mit aufgestelltem Kragen und voller Wut über diesen unnötigen Krieg
Der über unsere Köpfe hinweg geführt wird und schätze die Stärke des Kaffees immer noch ab in deinem Mund und rufe ihren Namen
Der sich wie Zahnschmelz anfühlt
Wie die Ohren eines Esels in deinem Gesicht
Und deine Stimme gleicht den Kartoffelessern
Und ich zähle mit meinen Kollegen die Kinder durch
Ihre weichen Visagen wie Äpfel unterm Baum und da sehe ich sie
Ihren schlanken schimmernden Körper in eine Isidora-Duncan-Toga gehüllt
Ach diese besaiteten Glieder
Und du fühlst in dir jesseninen
Was noch nie gejessenint haben kann du weisst es
Wie ein Gletschersee überflutet es das Tal deiner Vernunft
Deines ganzen bisherigen Lebens: und wiehernd wie ein Gaul auf der Nebelkoppel unterm Zeigefinger einer Tanne
Deine Stirne wie ein Storch beringt
Überfliegst du die Deponie deines allzu südlichen Lebens und kannst wieder Spanisch mit grosser Zuverlässigkeit und deine Worte und ihre Worte sind wie das zarte helle Krächzen einer Krähenkolonie in den Bäumen eines Morgens im Emaus
Und ich sehe den Kellner herbeieilen mit einer Rechnungsfahne in der Hand wedeln
Und wieder beginnen die Sirenen ihren liebevollen seufzenden Gesang
Über die Lautsprecher wird uns befohlen die Gamellen sorgfältig und gewissenhaft zu säubern
Und ich denke was heisst hier Gamellen
Wir haben doch immer im Speisesaal diniert
Die Gamellen sind doch sauber geblieben mit einigen verkrusteten Speisespuren vom letzten Sommer vielleicht
Und der Kellner beginnt zu erklären und ein Wort fliesst durch die Menschen hier unten
In ihrer Lebensnacktheit
Zechpreller
Zechpreller
Und die Augen entkleiden mich bis auf die Fasern meiner eigenen Geschichte und sie
Diese Stimme die meine Nieren mit Honig und mit Flüsterfingerliedern getränkt hat
Dieser Körper der meinem Körper angelegen und wie Südamerika zu Afrika gepasst hat über die Abgründe von Sprache Spucke und Spiel hinweg: wendet sich ab
Zechpreller und du stehst auf der Treppe im Kellerschacht und hörst die Engelsstimmen der Kinder lachen
Lachen und es ist wie feiner Regen der hart wie Reiskörner dir ins Gesicht prasselt
Schlägt und ich fühle den Anstieg in den Beinen
Als zweigte ich gerade von der Mohrentalstrasse in die Kantonsstrasse ab hinauf nach Besenbüren
Also 30 Jahre jünger
Aber ausser Atem wie ein alter Mann und wache auf im Schweisse deines Angesichts
Sehe die Krähe in der Birkenkrone sitzen
Die sich von ihrem Anflug noch leise wiegt
Wie jeden Morgen um die gleiche Zeit
Und ich schmunzle einen Moment und einen zweiten Moment und weiss
Diesen Traum gilt es fertig zu träumen um dich zu retten
Denn du weisst so gut wie ich
Dass auch die Hochzeitskutsche dir damals vor 30 Jahren mehr oder minder plötzlich
Zu einer Begräbniskutsche wurde oder wenigstens werden konnte
Und ich wende mich zur Wand
Die kalt und weiss ist mit einem Kaffeefleck darauf und suche erneut Rettung im Traum:
In einem sauren Schöpfungsgebet
Das mich dauert: das mir die Wahrheit über dich zu sagen immer wieder verspricht
Selbst wenn ich es wegschöbe wie eine Liebe
Die ich nicht erwidern kann: wie die rieselnden Hautschuppen meiner Nächte: auch dieser Traum gehört nun zu meiner Person
Wie die Sterne und Igel auf dem Meeresboden hinterm Hotelkasten.

Mächtig und überhandnehmend

Mächtig und überhandnehmend ist die Hebung eines Herzens, mein Sohn;

            der Mensch mag sich sträuben,

der Mensch mag sich abwenden von dem, was sein Herz aufhebt und weit in die Öde hinausträgt,

            wo es in der Nacht unter dem Ziehen und Kreisen der Sterne erkühlt,

wo es bei Tage unterm Sonnenglast verkohlt;

            nichts wird die Worte seines Herzens mehr ändern: es hat begriffen,

es hat durchklommen die Klippen und Schluchten,

            die Geröllhänge und die Tells hat es erforscht,

weder Abkehr noch Abwehr kann dem Menschen nun helfen:

            mächtig und um sich greifend ist der Gesang eines Herzens, mein Sohn. SELA

Nichts, mein Sohn, nichts kann den mit rasender Luft erfüllten Worten des Herzens Einhalt gebieten,

            und selbst wenn deine schwarzen Augen zu glühen beginnen

selbst wenn deine Zunge im Morgengrauen von einem eisigen Häutchen überzogen sein wird,

            sollst du mit gepressten Zähnen stehen

sollst du die würgenden Worte einbehalten.