Am steinernen Tisch

Am steinernen Tisch habe ich geopfert, Heilige,
die Frucht des Sieges,
das Blut der Lämmer,
das Heulen der Frauen und Mädchen über die Erschlagenen,
wie Harz rann es in mein Herz,
ich bitte noch, Heilige,
neige meinen Kopf, wie mir gesagt wurde,
es sei recht, doch ist es recht,
für Wohlgefallen gehorsam zu sein,
liebt die Mutter ihre Kinder nicht mit starkem,
mit starrem Beharren, und seien es Frevler,
da ist der Stein, da ist der Rauch,
auf dem grauen Fels der schwarze Atem der Bitte,
der fette Geruch des Zögerns,
und ich bin willig, deinen Ratspruch zu befolgen,
den Anweisungen eines Gottes,
der sich nicht zeigt und ohne Gesicht bleibt hier vor dem steinernen Tisch,
ich kann dich nicht beim Namen nennen,
wie damals am Jabbok der Jakob es nicht konnte,
doch brachst du ihm die Hüfte,
wie du mir den Willen brichst,
bist du nun bei uns, du Gott des Zauderns,
du Gott des Haderns,
du abgewandter Gott,
mit meinem Auge suche ich nach deinem antlitzenden Auge,
ich sehe mit meinem Auge nur den Augenweisshimmel dieses Tages,
der noch nicht ein Tag des Sieges ist,
so gewiss, als er kein Tag der Niederlage ist,
ich habe heute mit deinem Volk an meiner Seite gekämpft gegen die Schweinefresser,
die vom Meer heraufgestiegen sind,
als wären seine grünen Gründe nicht reich genug für sie,
als könnten sie nicht woanders süssere Weiden finden als hier,
mit ihren hellen Bärten kamen sie zu uns über die Pässe,
und ich frage dich, Heilige, ich frage dich,
mit eingeatmeter Wut frage ich dich,
durften sie uns einfach so pressen,
in die Höhlen hetzen,
und ich bitte dich um Anweisung,
ich leiste deinem Hunger nach Ehre und Treue Gehorsam,
der Rauch lässt meine Augen tränen und macht sie blind.

Hier kommt der Honigschlecker

Hier kommt der Honigschlecker,
der Unbeleckte,
der Taubenetzte,
der Traumgeliebte,
der erste sanfte Widerstand im vorgelagerten Gelände einer Flucht und eines Siegers,
ein Mann wie ein Kind,
ein Kind wie ein Mann,
dem nicht mehr alles Spiel und noch nicht vieles Ernst ist,
ein lachender Schrecken,
taucht seinen Stock in die Waben,
rosa vom Sommer und von den Myrtenblüten,
umschwärmt von Bienen im Myrtendickicht,
gebeugt über die Wabe,
mit einem Gesicht wie am Meer,
wenn die Sonne von unten herauf kommt,
mit einem Lächeln wie eine törichte Kröte,
und wirft seinen Kopf auf die Schulterblätter,
als ich ihm sage,
«Saul hat einen Fluch auf alle Fresser gelegt,
wer isst ist verflucht,»
aus dem Ernst seinen Lachens streckt er mir seine klebrigen Worte entgegen,
«siehst du nicht die frische Kraft in meinen Augen und in meinem Schritt,
die kräftigende Frische des Rosenhonigs auf meinen Backen und in meinen Schenkeln,
was mein Vater sagt, ist Unglück,
was mein Vater sagt, ist blaue Zorneszunge,
die am rechten Verstand lappt,»
und er, der Honigschlecker,
mit den dunkel schimmernden Haaren,
wirft sich in Position und beginnt mit dem tropfenden Stock zu fechten,
trifft meine Brust und schlägt meinen Scheitel,
ich weiche zurück,
Honigschlecker oder Gottesschrecken,
Gottesschmecker oder Waldschrat,
sein Haar im Myrten-Dickicht wie die Hitze des Sommers,
der Schatten eines Mädchenauges,
mit dem Ernst des Toren ruft er mir nach,
«und hätten wir die Schweine gefressen,
die die Philister brieten,
als wir sie packten und zerrissen,
wie wäre der Sieg ein grosser und endgültiger,
ein abschliessender Wurf und ein grausiges Zeichen gewesen,»
und er lachte und schrie und tanzte wie ein Besessener,
Honig troff um seine Lefzen,
und ich eilte zu dir, Abner,
was ist zu tun,
und da kommt er selbst mit dem breiten Gesicht einer Echse,
die wohnt in Hütten und Palästen.

Leviathan

Die Stimmen kommen
Kommen wie eine feuchte Kehle zu mir
Wie eine leuchtende Meerbucht
Die in Sternennächten mit dem Heringsilber lockt
Und mich mit der grossen Oberlippen des Dorschs in den Kniekehlen kitzelt
Kommen die Stimmen
Kommen und heben mich hoch und heraus
Leicht und beharrlich wie Leim
Komme ich aus den Stimmen heraus
Ich schwimme
Schwimme in dieser Binnensee
Getragen von Stimmen
Die niemals meine sein werden
Die niemals meine sein können
Aber jetzt
Aber heute ausgeliehen um mir blühen wie ein Husten oder die Arme eines Polypen in meinem Bauch:
Ich schwimme
Seelenruhig über die tiefen Abgründe
Die andern sich aufgetan
Und starre in dein Auge Leviathan
Das beseelt vor Gottesfurcht ist
Als forschte ich darin nach einem Zug von Trug darin
Und finde nur das Augenweiss in deinen Wachtelaugen
Ich schwimme über die vielgesprenkelte See hinweg wie ein Lachs
Und mein rosaroter Bauch wölbt sich einer Liebe entgegen
Die den Stimmen bekannt ist und nicht mir
Ich schwimme und könnte mein Zelt aufschlagen mitten im Busen dieser Stimmen
Mit der verzweifelten Hoffnung eines Kindes
Das Mama heiraten möchte.

Was gut ist

Gut ist es
Einmal nicht von sich sprechen zu müssen
Untertauchen im fremden Mäntelchen
Das leicht anwächst ohne ein Zwicken oder ein Nachgeschmack
Die eigene Torheit ausleben in Gestalt einer anderen
Einem anderen die Verse beibringen wie ein Hund das Stecklein dem Herrchen
Wie eine Katze um Streicheleinheit pressen und buckeln
An der eigenen Hand gut ist es
Einmal nicht sich beherbergen zu müssen unterm geschädigten Laubdach und den abgeschlagenen Hörnern
In die unablässig zu blasen berufen
Ein Angereizter eine Angetriebene
Eine Abgeschiedene ein Abgefrusteter scheint:
Ein zähes Ringen um Preisen und Preisgeben beiseite werfen
Für ein paar Brosamen einer anderen Lebensart
Eines anderen Tisches einer anderen Stimmung und
Stimme gut ist das
Als gingest du auf Reisen in einer Grossstadt wie Delhi oder Nairobi
Mit einem erfundenen Geschlecht und einer erfundenen
Einer gestohlenen und
Geborgten
Geborgenen Geschichte
Ein Pirat an dir selbst:
Einmal ist es gut
Sich hineinzuwinden in die an deiner Geschichte Unbeteiligten
Längst Verstorbenen.

Unter meinem Schmalz und Schmauch

Warten auf etwas
Das ich verberge
Mit Mitteln
Die mir unbekannt und gewohnt sind mit unabsehbaren Folgen für dich
Und der Befreiung von all diesen Clowns
Warten auf etwas
Das nichts mehr bringt
Ein Stuhl im Gras vor den Schleusen der Bewährung
Ein Seufzer im Glas der Erhörung
Eine Wolkenbrut
Die diesseits der Belohnung ruht
Eine Umarmung voller Varizellen und Hautfetzen
Eine Schminke voller Zink
Und der weiche warme Gesang eines Instruments aus vergangenen Zeiten
Dumpf wie eine Zunge tief im Hals
Eine Art Maunzen an dem bitteren Ende
Warten auf etwas
Das noch nicht gekommen ist
Auf etwas warten
Wie das Tunnel meiner Genitive
Die undeutliche Zuneigung zu einem Bauchfell
Butzenscheiben von Abwendung aus Zuneigung
Das ich verberge
Erwartet von einer kraftlosen Anzahl von Krankheitserwerbern
Von den Clowns am Eingang vom Tunnel
Mit ihrem zungenlosen Schuhwerk und den baumelnden Vorderzähnen
Eine kichernde Begleitung und eine umwölkte
Du wartest auf etwas
Das ich verberge und unter meinem schwerer werdenden Leib so lange schon
Erzähle
Als würgte ich unter den Speckfalten meiner Gestalt und im Schwefelgeruch meiner ausgewachsenen Haare an Kettengliedern
Wie an einem Kirschenstein oder Adamsapfel
Du wirst noch warten müssen
Warten auf die Befreiung von all diesen Clowns
Warten müssen auf die Verkettung von anderen Umständen als diesen
Die mir erbaulich genug scheinen für ein weiteres Jahrhundert
Auf das ich mein Schmalz und Schmauch lege wie einen ausgesprochenen Kuss.

Unter den Brettern

Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden,
Das Brust-an-Brust-Gedrücke, die Hände auf dem Rücken,
Das leicht verschenkte Kosewort, sauer wie ein Gulden,
Den viele Hände hin- und hergedreht; aus freien Stücken

Hervorgetreten aus der Scham möchtest du die Lüge entblössen
Wie freigelegte Gletscherbahn, fein geschliffne Steine,
Ein Rieseln halb aus Schande, gespiesen von Verstössen,
Die niemand meinten als wieder nur dich selbst, ja, weine

Und schneuze dich im Morgen, gestiegen aus dem Schragen,
Der ungeteilten Schweissstatt, dem Gleisbett fremder Träume,
Erschöpftes Nieseln unter den Brettern, die kaum tragen
Den ausgelassnen Tanz und das Stampfen, dort in Räumen,

Wo Hände unumwunden den kalten Sand erkunden;
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Nach Luzern kommen

Nach Luzern kommen heisst
Das Herz wie damals in den Kniekehlen tragen
Dich im Augenwinkel erwarten
Am Ausgang des Perrons
Zierlich und grau zur Seite gerückt
Deinem schmalen Lächeln entgegen
Das fragt und noch nichts wagt
Die Arme vorbereiten auf einen leichten Mädchenleib
Daunengleich
Der einsam und still reifte
Weis und schüchtern
Nüchtern und weise
In meiner Kehle die Bereitschaft des Lauschens auf dich
In meinem Ohr die Waage des Achtens auf dich
In meinem Auge den Schatten meiner Taten ohne dich
Das Fühlen vorbereiten auf den Unterschied
Der mir Nähe ist und noch jetzt
Bebend widerhallt
Wie ein Schrei aus Klüften
Mit Namen „endlich ankommen“
Zitternd wiederholt

Nach Luzern kommen heisst
Ein vergangenes Land in der Gegenwart betreten
Dessen Erbe ich niemals antreten werde ein Land
Das aus Schwellen bestand:
Aus offener Sicht und entschlossener Ferne
Aus einem Abschied ohne Ankunft
Aus den Heubeeren auf dem Weg in die Fräkmüntegg
Aus den Schimmelwänden meines Zimmers
Und der süssen Feuchte meiner Kleider
Aus dem Tanz auf dem Schiff unterm Sternenhimmel
Aus meiner verstohlenen Feder
Die stetig und heimlich mitschrieb
Die dich nicht zu erreichen versuchen durfte
Um nichts zu ritzen: deine Verse oder Verhemmung
Die unter deiner Haut blühte
Die aus deiner Einsamkeit brachen
Das nötige Unkraut und Lorbeerblatt

Nach Luzern kommen heisst
Die Dinge sind keine Dinge
Sondern Instrumente
Aus denen immer noch
Der warme Speichel des Erlebens tropft
Als dauerte der Kuss
Den ich dir zu geben versucht habe
Zu dem du mich nie ansetzen liessest
In ihnen immer noch an
Als hielte meine Hand noch die deine
Als versteiften sich immer noch unsere Schultern
Ob der ungleichen Länge unserer Schritte oder
Ob meines Storchengangs –
Die Dinge kurz vor dem Wort: Augenblicke
Als kämen sie aus dir
Als kämen sie aus mir
Nervenenden und Blutgerinnsel
Für immer mir und für immer
Dir entrissen kalt zitternd
Warm bebend lebend und
Geboren: unsere Kinder –

Nach Luzern kommen heisst
Larve und Flügel zu sein
An der Küste des Erbarmens zu wandeln
Wo das Nachspüren ein Wagnis
Wo das Achten Achten schlägt
Und ich strecke meine bescheidenen
Meine wehrlosen Waffen der Rührung
Entgegen und ich sage nimm nimm und
Vollführe mich.

Der Schwindel

Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind,
Wie rasend sie im Auge verlieren ihre Wut, das Kreissen
Nach mehr und mehr vom Gleichen, von Leere voller Spind,
In dem die feinen Beine mit kühlem Streichen kreisen,

Die Nähe dehnt sich aus, Universum tollen Sinns,
Die Zungen lappen schal, Allianzen finden Zwecke,
Die Reibung stillt die Töne; der Einfluss dieses Dschinns
Mit Namen «Bin gleich da», wie erklingt er aus den Hecken,

Als könntest du hineinragen lang und bis zum Steiss
In diese Kehren-Welt, in das dichte dünne Toben,
Wo rasend um dich dreht die Bedingung ihre weiss
Geglühte Kost, mit spitzem Gefinger schält ein Oben

Aus all dem Schwindel, kauerst du in schweissgetränkten Mulden.
Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden!

Leere Schränke

Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden,
Du denkst, es fielen Reiskörner, die aus Stille stechen
Den ersten Ton, der dir aus den steifen lauen Lenden,
Den unberührten, steigt, ein Gesumm von roten Rechen,

Die deine letzten Vorräte schnell zusammenkehren,
Als seien sie die Infektion, die Genesung endlich brächte;
Du würdest gerne umkehren, würdest gern vermehren
Die Leere deiner Schränke, die eigne Stimme schächten,

Die scheuen Pferde satteln, von hoch hinab erzählen,
Warum das deine Welt ist, das Reissen heisser Saiten
Im dunkeln Schaft des Herzens erklingen lassen, wählen
Den schmalsten Ton, der spitzen Gewalt verkühlt entgleiten.

Ich seh dich singen, stilles Stechen, du – vom Hunger blind –,
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.

Nachtisch-Lampe

Das Sucht-Staken im Zufluss –
Die Rampe verlassen
Frisch im Gras
Gut aufgebahrt
Die Pontoniere suchen wie Dochte
Und im Huckleberryschoss
Das Schloss am Tisch zur Türe:
Ampeltuchnacht bringt mir eine Nachtisch-
Zumutung mit Butternuss –
Dolchwürfe mit Fischen
Und Knorpeln aus dem Gesicht.