Jardin d’Abel

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Ich gehöre nicht zu denen, die von der Liebe zu reden verstehen, und selbst im Fall einer bestürzenden, nahezu novemberlichen Schicksalswendung, die ich begrüssen würde, misstraue ich dem schon schaden Element der Ergriffenheit, bleibe der Spiesser der Tundra-Seele, von dem meine Mutter unterm Dauerwellheizer träumt, eine Art vigilante in Form überkandidelter Nüchternheit, kaum noch wahr, aber ausgesprochen realistisch, meine Tartine ist schon trocken, nur die Butter darauf ist stetig weicher geworden, in meinem Rücken informieren sich zwei Marokkaner über die nächsten Pferderennen, ich stellte mich draussen in den Wind für meine Zigarette, rauch noch eine zweite und dritte, die beiden Männer neben mir reden von Einbahnstrassen, anscheinend handelt es sich dabei um einen Fluch, weniger um eine Massnahme des gesunden Menschenverstandes, sie spucken und husten, aber ohne Ärger, ohne Eifer, so gelassen, dass das Wetter plötzlich eine Rolle zu spielen beginnt, ich denke an die Stelle hinter den Ohren, immer wenn ich küsse, bin ich erstaunt , dass es dort diesen harten Knochenbogen gibt, weil ich angenommen habe, dort wäre eine Grube, wenigstens ein Grübchen, aber nein, dort ist alles hart und trocken, weder Falltür noch Feuertreppe, nur unterm Ohrläppchen gibt es diesen Schlupfwinkel für die Zunge, niemand weiss ja um Gesänge, die überhitzt entstehen in einem Augenblick der Unterkühlung wie diesem, ich möchte ein Gesuch stellen, denke ich, in dem ich darlegen würde, warum ich nicht zu denen gehöre, die was von der Liebe verstehen, vielleicht meinen die beiden Männer nicht die Einbahnstrassen, die ich meine,  sondern andere Verkehrshindernisse, sie reden nur von Einbahnstrassen mit einer gewissen Verbissenheit, ausspuckend und hustend, werfen mir einen fragenden Blick zu, öffnen die Türe zur Brasserie, wieder klemmt sich der braune schwere Vorhang ein, ich befreie ihn, indem ich die Türe nochmals öffne, das Seufzen der Kaffeemaschine höre, das Lachen einer Frau, ein Gedicht ist immer so, das Schicksal zieht seinen Karmakorb an einer in den Winter geöffneten Türe vorbei, dabei trägt es den Hut eines Schupo, der um 5 Uhr morgens dich wieder in der Rue Nicolas Roret unter der Platane aufliest, jedes Mal erstaunt über deine Nüchternheit, abends findet er dich im Jardin d’Abel wieder, aber jetzt gehst du, zahlst nicht, aber Ramazan weiss ja, wo er dich finden kann, und alles andre ist mir gleich, wie in Liebe kann man sich im Alltag auch gut einrichten, das gilt für jene mit Trockeneis in der Seele genauso wie für die andern, im Alltag einfinden, meinetwegen, ich gehe auch heute durch die Akadeemia, in Gegenrichtung, in der Rüütli, nachdem ich meinen Stützwagen zusammengeklappt habe, denn schon einmal ist er mir vor der Türe gestohlen worden, von der Türe weg, in der Rüütli trinke ich einen Kaffee, der wie Seifenwasser schmeckt, einen Augenblick bleibt Õnn bei mir stehen und wartet auf meine Tirade, aber ich habe heute auf andere Pferde gesetzt, niemand weiss ja um Gesänge, die das Menetekel der Mediokrität, das fein säuberlich geschorene Gras des Alltags, das Spucken und Fluchen, an die schwitzende Wand im Pissoir auf der Esplanaadi pressen, bis es wie ein obszönes Wort dort prangt, Bild von einem Aas aus Zeiten der frischen, der heiseren Adjektive, und von dort hört man im Winter das Meer, es ruft mit seinem warmen Ruf fast so wie die warme, würzig-feuchte Luft über dem Abluftgitter vor Italie Deux, Rub Bobillot, und wenn ich ehrlich bin, was selten genug vorkommt, habe ich mich schon so weit von der quälenden Sicherheit entfernt, vom beängstigenden Aneinanderliegen, ob Schenkel oder Haar, dass mein Wissen über Pferde jenes über die Liebe übersteigt, und ich gebe mich zufrieden mit den grauen Locken auf der Brust, die Õnn manchmal in den Morgenstunden krault, dass ich aufstehen muss, um so ein Gedicht zu schreiben über die Liebe, von der ich nichts verstehe.

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