Jahresrückblick 2025

Wenn du schreibst, ist jedes Jahr ein Scharnier-Jahr. Manchmal geschieht vieles in kleinen Schritten; in Tritten und Stufen, die du scheinbar mühelos überwindest. Hin und wieder aber gibt es diese Momente in deinem schöpferischen Prozess, die dich unverhofft viel weitertragen.

Das vergangene Jahr ist reich an solchen Momenten. Sie geben mir Zuversicht, „dranzubleiben“, „weiterzumachen“.

Das Jahr 2025 beginnt eigentlich schon im Dezember 2024. Im Schreiben eines (erfolglosen) Antrags an die Literaturkommission beider Basel habe ich mehrere Dinge erlebt oder festgestellt. Davon will ich nur zwei erwähnen: Ich kann geduldig und ausdauernd an der Verbesserung eines Texts arbeiten, der eine vielköpfige Jury anzusprechen hat; ich erkenne, wie reich meine literarische Erfahrung schon ist, indem ich einen literarischen Lebenslauf erstelle. Mit diesem Bewusstsein starte ich ins Jahr: Ich bin ein Autor, mein Talent ist die Sprache, das Erzählen. – Ich werde im Lauf des Jahrs weitere Anträge stellen; den letzten wiederum diesen Dezember 2025 – für den aktuellen Roman „Nagelprobe“.

Ausdauer und Geduld auch mit meiner ersten Novelle. „Ne me quitte pas“ heisst sie nach einem von Brels berühmtesten Liedern. Es handelt sich dabei im buchstäblichen Sinne um Autofiktion: ich schildere (nicht zum ersten Mal) meine erste, unerwiderte Liebe. In dieser Geschichte, die ich gerne im Frühjahr 2026 publizieren möchte, verwebe ich drei verschiedene Ebenen miteinander – und verneige mich vor meinen grossen Vorbildern Dazai und Ramuz: Dazais Geschichte «Hundert Ansichten des Fuji-sama» spiegle ich in einer Rahmenhandlung, in der das «erzählende Ich» zusammen mit einem Freund just im Restaurant / Gasthaus «Tenka Chaya» auf dem Misaka-Pass wohnt; Ramuz’ Ehrlichkeit spiegle ich in der Liebeserzählung: einfache Sätze, nachdenklicher Ton; meiner derzeitige Liebe zu Isekai-Mangas und -Animes gebe ich nach, indem ich die Liebeserzählung mit drei Geschichten aus «Anderwelten» verflechte, die sich alle um gelungene oder misslungene Liebesbeziehungen drehen.

Ein weiterer Meilenstein ist mein ONO-Auftritt im Februar 2025. Im Rahmen des dortigen Lese-Sessels trage ich meinen ersten Prosatext überhaupt vor Publikum vor, bei dem es sich zudem noch um eine Sex-Szene handelt.

Aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Yijing und dem Taoismus entsteht im Laufe des Frühjahrs 2025 ein neuer Zyklus. Wie er heissen wird, ist derzeit noch nicht klar. Ich stelle den Zyklus im Mai 2025 fertig. Es handelt sich dabei um 64 Sechszeiler, 14 Vierzeiler und 2 Langgedichte, die in einer komplexen Struktur miteinander verflochten sind. Das Herz des Zyklus sind die 64 Sechszeiler, die von den 64 Orakel-Tetragrammen inspiriert sind, sie spiegeln und erweitern.

Dieser Gedichtzyklus ist für mich ein riesiger Fort-Schritt. Ich gebe darin meinem Bedürfnis nach, die Sprache hinter mir zu lassen. Dabei missachte ich sowohl die Semantik als auch die Grammatik. Wörter ersetzen Sätze, Wörter werden Dinge. In einer extremen Dichte komprimiere ich Weltsicht und Weltgefühl. So sehr, dass es sich dabei fast um eine Geheimschrift handelt. Ich bin sehr neugierig, wie ich diese Gedichte vortragen werde!

Aus einem Traum geboren, entsteht seit Juni ein neuer Roman. Er trug zuerst nur den Titel «Engadiner Roman», heisst inzwischen offiziell «Nagelprobe». Seine Entstehung, sein «zu-mir-kommen» hat mich überrascht. Die Dringlichkeit, diesen Anfangsimpuls umzusetzen, war sehr hoch. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Romanen wie «Von keinerlei Bedeutung» finde ich von Beginn weg eine belletristische, einfache Stimme – und ironisiere das eigene Leben, in dem ich dem Ich-Erzähler meinen Namen gebe. Überhaupt: dass ich nach «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen» (2023/24), in dem ich just am Ich-Erzähler gescheitert bin, «aus heiteren Himmel» einen neuen Versuch starte, der diesmal gelingt, beglückt mich sehr. Dieser Roman nimmt meine Schreibzeit den Rest des Jahrs fast ganz in Anspruch. Derzeit befinde ich mich im 24. Kapitel, ungefähr auf Seite 170.

Parallel zur täglichen Schreibarbeit am Roman überarbeite ich lange schon lektorierte Gedichte, die aus den Jahren 2016 und 2017 stammen. Ich hatte sie vergessen oder verdrängt, entdecke sie im Herbst 2025 neu. Daraus entsteht mein Gedichtband im Eigenverlag namens «Es ist soweit», den ich im Oktober anlässlich von «Züri liest» präsentiere. – Die Gedichte erweisen sich als wirksam, als stark. Erstmals trage ich sie auswendig und frei vor. Ich fühle mich ermächtigt und stark. Die Rückmeldungen überzeugen mich nachträglich davon, dass die Publikation eine gute Entscheidung war. – Eine zweite Lesung im ONO-Lesesessel im Dezember bestätigt meinen Eindruck. Die Gedichte sind gute Gedichte.

Von diesem Erfolg angespornt, nehme ich einen alten Gedichtzyklus wieder hervor. «Meine russischen Verse» ist in meinen Augen eine Sammlung von 134 «Jugendgedichten». Ich nennen sie hier «Jugendgedichte», weil sie eine Vorstufe zu meiner «erwachsenen» Phase darstellen, die mit «Jahr dazwischen» (2017) beginnt. Diese «Jugendgedichte» stammen aus den Jahren 2004-2011. – In einer radikalen «Relecture» lese ich einen Satz pro Gedicht heraus; Sätze, die mir auch heute noch gut und wichtig scheinen. In einem weiteren Schritt wähle ich je 10 Sätze für ein komprimiertes Langgedicht aus; so entstehen 13 Langgedichte. Ich gebe ihnen den vorläufigen Titel «Wiederaufbereitungsanlage». Ich befinde mich derzeit in der Überarbeitungsphase dieses Gedichtzyklus.

Angestossen vom Austausch mit meinem Mentor (wie ich ihn bei mir nenne) Thomas Kunst beginne ich in der persönlich schwierigsten Zeit meines Jahres, im Dezember, im Kriseninterventionszentrum der UPK mit einem ersten Sonettenkranz. Diese 14 resp. 15 Sonette drücken meine Gedanken aus, die ich im Austausch mit Thomas gewonnen habe. Es ist eine Art Beschwörung der Demut und Einfachheit. Der Titel dieses Gedichts ist «Lass es sein». – Und wie häufig in solchen Fällen, löst dieser erste Versuch weitere aus: diese Woche beginne ich mit einem weiteren Sonettenkranz, den ich vorerst «Weihnachtssonette» nenne. Der Impuls stammt aus Geschichten von Silja Walter, die mich in ihrer biblischen, bildhaft-konkreten Sprache unglaublich gepackt haben – eine unbedingte Lese-Empfehlung, eine Wieder-Entdeckung für mich.

Und jetzt bin ich wieder am Warten: am 15. Dezember habe ich fristgerecht meinen dritten Antrag in Folge bei der Literaturkommission beider Basel eingereicht. Ich habe einen Werkbeitrag von 12’000 Franken beantragt, was mir eine dreimonatige Schreib-Auszeit ermöglichen würde. Mal schauen, ob die Jury diesmal erkennt, dass hier jemand schreibt, der gefördert werden sollte. Daumen drücken ist angesagt!

Was bringt das nächste Jahr?

Wenn nicht den Werkbeitrag, so sicher das Ende des Romans „Nagelprobe“ (April 2026). Danach steht Überarbeitung an. Und natürlich weitere Geschichten: einige warten schon länger auf ihre Entstehung! So eine Geschichte über die Rückkehr eines Schweizer Söldners in sein Heimatdorf. Die Geschichte ist nur in Dialogform gehalten, fast ein Theaterstück; sie spielt im späten 17. Jahrhundert.

Was lyrisch passieren wird, ist derzeit noch nicht klar. Ein Zyklus ist nicht in Planung, meine Prosa-Arbeit braucht aktuell alle meine Schreibzeit auf.

Sicher aber sind einige Publikationen und hoffentlich damit verbundene Auftritte: der „Yijing-Zyklus“ und die „Wiederaufbereitungsanlage“ sollten im Frühjahr bzw. Herbst wiederum im Eigenverlag publiziert werden; ich hoffe auch, die Novelle „Ne me quitte pas“ im Frühjahr zu publizieren.

Ehrlichkeit und Erzählperspektive

Die Frage nach der Erzählperspektive stellt sich mir bei jedem Text, den ich schreibe, und bei jedem Text, den ich lese. Dabei geht es mir um die Glaubwürdigkeit des Erzählten.

Ich verstehe unter der Erzählperspektive verschiedene Aspekte des Erzählers. Einerseits interessiert mich das Problem der Erzählhaltung, der Fokalisierung, wie sie Genette geprägt hat: in welchem Verhältnis steht das Wissen des Erzählers zu dem seiner Figur(en)? Ebenso wichtig scheint mir aber auch die sprachliche Haltung der Erzählerin zu sein: wie sehr ist diese in der Weltsicht und Weltwissen, mit Bildung und Vorwissen der erzählten Figur(en) begründet?

Mein erster grösserer Versuch einer Ich-Erzählung scheiterte auf die Dauer daran, dass ich in der „internen Fokalisierung“ schrieb. Die „Ich“-Figur sollte nicht mehr wissen, als sie in der erzählten Gegenwart wissen konnte. Um jedoch in dieser Erzählhaltung den komplexen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln, war sie immer wieder gezwungen, aus dieser „internen Fokalisierung“ herauszutreten. Gleichzeitig erzählte diese Figur mit einer Stimme, die im Wesentlichen auf meinen eigenen, persönlichen Wortschatz zurückgreifen konnte. Das war vor dem Hintergrund ihrer Bildung, ihrer Weltsicht und ihrem Vorwissen unbegründet, daher unglaubwürdig.

So stiess ich auf den Begriff der Ehrlichkeit. Kurz darauf entdeckte ich meinen „Meister“ Ramuz wieder. Er hat in meinen Augen einen regelrechten Kult um die Ehrlichkeit errichtet. Ihm ging nichts über die Kohärenz von Stimme und Haltung.

Nun kannte ich schon zahlreiche Beispiele von „inkohärenten“ Erzählperspektiven.

Da könnte man meinen geliebten Proust nennen, der zwar in vielen Momenten aus der Ich-Perspektive erzählt, dabei auch Stimme und Art und Weise in Einklang bringt, aber immer wieder in eine Erzählung mit auktorialen, allwissenden Zügen ausbricht (mit Genette zu sprechen: von der internen zur Nullfokalisierung wechselte). (Am besten in „Swanns Liebe“ zu erkennen.) Dabei verändert sich nicht die Stimme, wohl aber Vor- und Weltwissen des Erzählers; zudem war ihm nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft offen. Nicht nur das: die erzählende „Ich“-Figur gewinnt Innensicht der erzählten Personen, kann ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben.

Ein anderes, geradezu herausragendes Beispiel dafür finde ich in Ishiguros „Ungetrösteten“. Dem erzählenden Pianist (das Ich der Geschichte), der in eine veränderte, entfremdete Heimatstadt zurückkehrt, fehlt einerseits jedes Vorwissen, jede Erinnerung an die Personen und Ereignisse, die sein Leben dort geprägt (und ihn vielleicht sogar fortgetrieben) haben. Die ihm begegnenden Personen verfügen alle über ein reichhaltiges Wissen über ihn, aber aufgrund seiner Verwirrung oder Verlorenheit, seiner möglichen Amnesie, erfährt er immer nur bruchstückhaft, wer er in ihren Augen ist oder sein sollte. Andererseits sind dieser erzählenden Figur immer wieder Sprünge in eine andere Erzählhaltung möglich: Obwohl er gerade vor dem Haus im Auto sitzt, schildert er, was seine Tochter in einem geschlossenen Raum in einem Haus erlebt; es gelingt ihm sogar die Innenperspektive in mehrere handelnde Figuren in diesem Raum gleichzeitig.

Ich will es nicht verhehlen, bei Ramuz herrscht grundsätzlich eine Erzählhaltung der Nullfokalisierung vor. Der Erzähler ist auktorial, dringt immer wieder in das Weltwissen und die Innensicht der erzählten Personen ein. Da er aber sprachlich sehr konsequent ist (alle Personen haben einen ähnlichen Wortschatz, eine ähnliche Sprache oder Stimme), schadet das der Erzählung nicht. Alles, was der auktoriale Erzähler sagt, könnte ebenso eine der Figuren sagen. Der auktoriale Erzähler weiss also alles, aber er drückt es in und mit der Stimme der Figuren aus. Der Erzähler „dirigiert“ einen Chor.

Noch ein Beispiel. In Cixin Lius „Drei Sonnen“ werden Dokumente nacherzählt, die aus der Perspektive der Ausserirdischen (Trisolarier) gesprochen sind. In diesen Dokumenten sollten Begriffe wie „Liebe“, „Kultur“ und andere nicht vorkommen dürfen, denn es handelt sich ja just um Ausserirdische, die ganz anders, unvorstellbar anders sind als wir Menschen (so kommunizieren sie per Licht miteinander, gibt es für sie keinen Unterschied zwischen Denken und Sprechen). Somit müsste die Erzählung eine andere Sprache, eine Code wiedergeben. Da sie das nicht tut, sondern die Trisolarier mit menschlichen Begriffen argumentieren lässt, und dabei immer wieder darauf hinweist, dass ihnen diese Konzepte unbekannt sind, verliert die Erzählung in meinen Augen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ich fühle mich als Leser buchstäblich belogen, betrogen.

Ich bin erstaunt, dass mich die Ehrlichkeit so spät prägen will. Ich habe sie als Lyriker nie gebraucht, weil ich der Sprache diente, ihren Stimmen und Melodien nachgab. Nun, da ich selbst zum Erzähler geworden bin, merke ich die Prägungen. Da ist die Schweizer Kultur der Ehrlichkeit, der Geradheit in mir. Da ist der ernsthafte Umgang mit dem Wort in mir, den ich von Ramuz gelernt habe. Da beanspruche ich eine Ehrlichkeit, obwohl und weil ich erfinde, weil und obwohl ich aus der Vorstellung schöpfe. Plötzlich will ich ehrlich sein, wo ich doch darum weiss, dass ich nur selten ganz bei mir bin, in den Gedichten am bestimmtesten.

Ich bin ehrlich erstaunt darüber. Und gefasst auf diese lange Reise: der Auseinandersetzung mit der Erzählstimme. Und vielleicht finde ich früher oder später die „eigene“ Stimme, um ehrlich zu erzählen.

Nachbemerkung: Mein Ziel werde ich erreicht haben, wenn ich die Figur aus Tarrs und Krasnahorkais „Satantango“ in meinen Erzählkosmos eingebaut haben werde, den schnapstrinkenden Arzt des Dorfes, der sich schnapstrinkend verbarrikadiert und alles erfindet und erzählt, was dem Dorf und den Dörflern tatsächlich passiert.


Das Bild oben zeigt den Doktor beim Schreiben. Sehr lesenswerter Artikel von Dávid Dercsényi: „Seven hours without a wasted moment„.

Handwerk und Ausdauer

Talent und Genie gibt es nicht. Künstlerisches Schaffen ist eine Mischung aus Ausdauer und Handwerk. Diese gründen sicher in einer natürlichen Begabung, die aber mehr eine Vorliebe, eine Hinneigung ist, die in Hingabe münden kann.

In meiner Jugend habe ich zehn Jahre lang Geige gespielt. Ich habe mir keine Mühe dabei gegeben. Ich habe keine Fortschritte gemacht. Am Ende der zehn Jahre konnte ich weder ein vernünftiges Vibrato hervorbringen noch das Spiel in den Lagen. Fast vier Jahrzehnte später habe ich während drei Jahren jeden Tag mindestens eine Stunde Geige geübt. Ich bin in diesen drei Jahren über mich hinausgewachsen. Ich habe drei Lagen erlernt und das Vibrato. Im Selbststudium. Das hatte mit Ausdauer und mit Hingabe zu tun. Und daraus erwächst dir ein Vertrauen in deine Fähigkeit(en).

Genau gleich ist es beim Schreiben. Die Angst vor dem leeren Blatt haben nur jene, die keine Übung im Schreiben haben. Nur jene auch brauchen den Mut. Wer täglich eine bis zwei Stunden schreibt, ob an Gedichten oder Prosatexten, der wird mit jedem Mal besser.

So schreibe ich seit rund vier Jahren ausdauernd an Prosa, Kurzgeschichten und Romane. Am Anfang war ich mir meiner Unfähigkeit schmerzlich bewusst. Ich hatte Mühe mit allem: von der Figurenzeichnung über die Erzählperspektive bis hin zur Wahl eines Stils. Ich hatte keine Erfahrungswerte, was Prosa betraf; wenn ich ein Gedicht schrieb, war das wie eine Heimkehr: ich wusste, was ich tat.

Aber in diesen vier Jahren habe ich das Handwerk gelernt. Ich habe nie aufgegeben, ich bin immer drangeblieben. Ich traue mir inzwischen viel mehr zu, denn ich kann diesem erlernten Handwerk jetzt vertrauen. Ich habe aus einer anfänglichen Abneigung zu einer Zweckheirat gefunden und schliesslich zu wahrer Liebe. Dieses Gefühl basiert auf Vertrauen und Erfahrung.

Mit dieser handwerklichen Erfahrung, dem Vertrauen auf ein erworbenes, antrainiertes Können werde ich, das weiss ich mit Gewissheit, mit genügend Ausdauer und Verpflichtung irgendwann «etwas Grosses» schreiben. Ich muss nur Geduld haben, dranbleiben, nicht ausruhen. Weiterhin jeden Tag mindestens eine Stunde schreiben.

Denn Ausdauer und Selbstverpflichtung, das sind die Antriebsfedern einer Liebe zum Erzählen, die meine ursprüngliche «natürliche Begabung» ist.

Diese «Begabung» erwuchs aus meiner Erfahrung des Erzählens: Als Kind und Jugendlicher erkannte ich die Macht der Geschichten, die ich erzählte. Ich war kein Sportler und nicht besonders intelligent, aber ich konnte meine Zuhörerinnen mit einer guten Geschichte fesseln.

Diese «Begabung» ist also weniger ein Talent oder eine Fähigkeit als eine Gabe, ein Geschenk, das verpflichtet. Mit diesem Geschenk hast du eine Verantwortung, eine Aufgabe. Und das Vertrauen aus der Erfahrung hat seinen Widerpart in der Treue zum Text: auch hier hast du eine Verantwortung, du musst ihm gerecht werden, ihn in seiner Selbstwerdung unterstützen. Du musst so genau hinhorchen wie ein Komponist auf seine Tonfolgen und Akkorde.

Und jederzeit mit dem Scheitern einverstanden sein, das kommt noch dazu. Wie ein Bildhauer mit einem Schlag seine Skulptur gefährden kann, so auch du. Doch das gehört zum Schaffen, das Scheitern ist Teil davon und muss angenommen werden. Denn ohne Demut findet kein Fortschritt statt.

Eine Freundin meinte in einem Gespräch über meine Prosa: «Ich finde, deine Prosatexte sind niemals so gut wie deine Gedichte. Ich glaube, du solltest bei der Poesie bleiben.» Ich antwortete ihr: «Ich habe 30 Jahre in die Poesie investiert. In diesen 30 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht geschrieben habe oder an einen Text gedacht habe, den ich schreiben möchte. Da ist es nur natürlich, dass ich gute Gedichte schreibe. Und das hat nichts mit Arroganz oder Hochmut zu tun, ich drücke damit nur eine Tatsache aus. Dass ich erst am Anfang meines Prosa-Wegs bin, das weiss ich selbst. Ich sehe täglich meine Fehler und Schwächen. Aber wenn ich dranbleibe, dann werde ich in zehn oder zwanzig Jahren ebenso gute Prosa schreiben wie heute Poesie. Davon bin ich überzeugt. Also gib mir noch einige Jahre, bitte.»

Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

Ein Gedicht schreiben: Ostinato

Musik lässt sich als eine Form oder Entsprechung von Zeit lesen.
Ein deutlicher Anfang; wenn auch manchmal fast zögernd, flüsternd, sehr leise (Sibelius‘ Violinkonzert). Eine ausführliche, von Durchführung(en) und Fortführung(en) geprägte „Mitte“, die mit den Anfang zusammenhängt, aus ihm entspringt – und in das Ende zeigt, führt, das eine Bilanz, eine nochmalige Ver- und Aufarbeitung der musikalischen Ideen und Motive erfordert?, verlangt?, bedingt?
Ein Widerspruch zu diesem Verständnis von Musik oder diesen Erwartungen an Musik (oder Zeit) ist das musikalische Motiv des Ostinato: eine musikalische Figur wird immer wieder, wenn auch moduliert, minim verändert oder verschoben, wiederholt; ad libitum, da capo, ad infinitum.
Man sagt, Sibelius habe deswegen seine 8. Symphonie nicht fertigschreiben können, weil ihm sich genau diese Form immer wieder aufgedrängt habe. (Denke an Tapiola, das aus einem fast unendlichen Ostinato besteht, an Finlandia.)
Vor diesem Hintergrund scheint sich Sibelius eine andere Form von Musik (oder Zeit) angeboten zu haben: eine diskontinuierliche, eine stockende, eine nichtlineare. Diese Zeit (oder Musik) würde es ermöglichen, aus der Geraden, dem Endlichen, dem Gerichteten in einen Kreislauf auszubrechen, der keinen Zwecken und Erwartungen mehr zu gehorchen verpflichtet ist.
Je länger ich schreibe, umso klarer wird mir diese Notwendigkeit, „in einen Kreislauf auszubrechen“. Denn nicht nur ist das zeitliche Leben selbst unzähligen Repetitionen unterworfen (Schlafen, Essen, Zähneputzen, Duschen, Lachen, Weinen…), auch die Welt, die Natur verläuft in einem Kreislauf (Jahreszeiten als schönstes Beispiel). Mein Bemühen wird es also zunehmend sein, diesen Kreislauf mit Ostinato-Formen zu spiegeln und „einzufangen“.
Wie das die Musik schon kann, die Lyrik schon geübt, aber noch nicht genügend zugespitzt hat.

Ein Gedicht schreiben: Moderne Kunst?

(Mit Dank an otrags für das Bild.)

Anlässlich der Vernissage meines jüngsten Gedichtbandes machte mir mein Freund, dem ich den Band gewidmet habe, ein starkes Kompliment. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es im Augenblick richtig gehört und richtig verstanden habe, denn in  jenem Moment war ich noch ganz im Rausch aus Angst, Nervosität und stolzer Begeisterung über das Vollbrachte, so will ich das, was ich hauptsächlich davon verstanden und mitgenommen habe, so formulieren: Nach langer Beschäftigung mit moderner Kunst habe er oft noch seine liebe Mühe damit; das Verstehen, Einordnen, Einschätzen falle ihm schwer wie den meisten; für ihn seien meine Gedichte gerade vor diesem Hintergrund interessant, weil sie ähnlich kompromisslos auf ihrem Daseinsrecht beständen wie viele moderne Kunstwerke, ähnlich kompromisslos unverständlich – in einer Form von Widerstand oder bewusster Verweigerung gewohnter Sichtweisen und überkommener Lesarten und -gewohnheiten; dass ich in dieser trotzigen, auf das Eigene, den eigenen Weg beharrenden Art lebe und schaffe, sei für ihn immer wieder ein Ansporn, sich der modernen Kunst und auch meinen Gedichten und Texten offen und bereit zu nähern. (Ich will es nochmals sagen: Es kann durchaus sein, dass ich das Kompliment meines Freundes ganz falsch verstanden und aufgenommen habe – und ich es hier also verzerrt und verfälscht präsentiere; wie das so oft mit an mich gerichteten Botschaften passiert.)

Dieses Kompliment kreuzt nun mit meinem poetologischen Nachdenken, das von einer nicht gesuchten Kritik angestossen wurde, die Klingen. Diese Kritik hat mir als Lyriker nahezulegen versucht, wenn ich auf mehr Anerkennung stossen möchte, bekannter und gelesener werden möchte, sollte ich meine Art zu schreiben ändern. Genauer: ich solle zugänglicher, verständlicher, dem Alltag und Empfinden der Lesenden näher schreiben; eine Sprache und eine Form finden, die gehört, verstanden, eingeordnet und geschätzt werden könne. Es ist dies ein Ratschlag, den ich schon zu oft gehört habe, um ihn noch wahrnehmen (vergessen denn annehmen) zu können.

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In diesen Texten lerne ich verarbeiten und annehmen, wer ich als Lyriker bin. Nichts im Leben scheint mir dabei schlimmer als fehlende Selbstreflektion. Seit meinen ersten ernsthaften Anfängen vor 30 Jahren habe ich immer wieder versucht, meine Poetik zu verstehen und in kurzen Texten darzustellen und zu erfassen. Dabei haben mich drei Gefühle immer begleitet: Trotz, Wut und Scham.

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Beschämung und Bescheidenheit

Fast jede meiner Lesungen vor nicht-lyrik-affinenem Publikum endet in einem Gefühl der Scham.

Scham darüber, dass meine Gedichte ein weiteres Mal auf anscheinend taube Ohren und von stereotypen Erwartungen verstockte Herzen gestossen sind.

Ich fühle mich über die immer gleichen Bemerkungen – «das ist doch kein Gedicht», «ich habe nichts verstanden» – und wohlgemeinten Anregungen – «vielleicht solltest du einfacher schreiben», «in deinen Gedichten sind einfach zu viele Bilder» – entwürdigt  und erneut in eine Ecke gewiesen, aus der ich doch gerade, allen meinen Mut zusammennehmend, herausgetreten bin.

Nach der erste Erschütterung jedoch erkenne ich, dass ich kein Recht habe, meinen Gedichten solch einen Verrat anzutun. Wie andere, zugänglichere Gedichte haben sie eine Lebensberechtigung. Denn aufgrund ihres inneren Reichtums sehe ich meine Gedichte durchaus als Lebewesen an; jedes Mal, wenn ich frisch an eines herantrete, erweist es sich als verändert, weist eine neue Gestalt und Tragweite auf, zeigt seine mächtige Sprach- und Spannkraft.

So trete ich aus meiner Scham zurück in meine Bescheidenheit, in meine Demut. Ich wechsle vielleicht die Ecke, in der ich zuvor gekauert und gedichtet habe, aber nicht meinen Eifer und meine Versessenheit: Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.

In dieser Bescheidenheit kann ich gut leben, genährt von der Scham: Nichts kommt zwischen mich und meine Sprachkunst, nur der strenge innere Richter kanzelt mich ab, wenn ich mich gehen lasse oder zu wenig konsequent bin.

Geduld und Wut

Zurück in meiner engen Kammer, die ich mit meinen Kugelschreibern weite, hat sich mein Gefühl verändert. Unbändig bäumt sich in mir die Kreativität, die Schaffenskraft und Schaffensfreude auf. Mit Beharrlichkeit horche ich auf diese Wut, die eine Wut aus Ohnmacht ist – die schönste Art von Wut.

Ein Zorn auch auf diesen Drang zum Schreiben. Er ist der Brunnen der Gedichte, der mich flutet. Murmelnd und schnaufend überquillt er noch stärker als zuvor.

Doch grundlegend ist die Wut über die Enge und Genormtheit dieser Welt, in die hineinzuschreiben ich mich bemühe – wohl wissend, dass ich sie niemals werde überschreiben können, vielleicht aber manchmal betäuben.

Als ich vor Jahrzehnten zu schreiben begann, war es mein erklärter Wunsch, mit einer ganz und gar eigenen Stimme die menschliche Erfahrung auszudrücken. Denn keine der Stimmen, die ich sonst vernahm in der literarischen Welt, sprach es so aus, wie ich es sagen würde. Das war mein allererster Antrieb.

Heute habe ich diese Stimme gefunden, geschaffen, ausgearbeitet – eine deutliche, eine unverwechselbare Stimme; sie ist die Frucht meines geduldigen, gehüteten Zorns, der immer wieder auf Anlässe stösst wie ein Irrender in einem Spiegelkabinett, – der immer wieder Gründe und Atemwege suchen muss, wie mit den Leiden und Lasten menschlichen Empfindens und Erlebens umzugehen, mit den eigenen Schwächen und Stärken hauszuhalten ist.

Trotz und Widerstand

Mit diesen beiden Bewegungen verbindet sich der tief in mir sitzende Trotz, Scheu und Abscheu in einem, gleichzeitig Verneinung und Entgegnung, aus dem heraus meine unverwechselbare Stimme stöhnt und schreit.

Wie ich mein Leben nicht nach den herkömmlichen Erwartungen und Vorstellungen leben, nicht dem Mammon Erfolg und dem Moloch Konsumismus opfern, keinen Besitz anhäufen und das Gute im Überfluss und in der weltschädigenden narzisstischen Machbarkeit suchen möchte, – so will ich auch mein Schreiben in Klarheit und Freiheit, in Kargheit und Armut, in Authentizität und Treue gegen diese Welt richten: ihr eine Sprache, ihr eine Kreativität entgegenhalten, die nicht nur ihre Abgründe, sondern auch ihre Möglichkeitsräume offenbart – und letztere sind keinesfalls mit den Machbarkeitsräumen von Wissenschaft und freiem Markt kompatibel…

***

Das Kompliment meines Freundes, mit de mich diesen Text begonnen habe, ist vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Deklarationen mehr als ein Ansporn: es wird zu einem Auftrag.

Wie die moderne Kunst für viele Menschen eine unverständliche, verschlossene und verunsichernd-herausfordernde Kommunikationsform ist, die aber laut und deutlich «anti» sprechen und meinen kann, so will ich nun auch meine Texte mit einem neuen Selbstbewusstsein schreiben: eine eigene, von mir selbst geschaffene und verfochtene Kunstform, die sich immer radikaler auf neue Sprachwelten einlässt, um sie wie ein Antidot als Bereicherung und Befremdung in die verstandene, genormte und machbare Welt einzuspeisen – dieser Welt aus meiner Kreativität jene Möglichkeitsräume einzuschreiben, die mir in ihr immer fehlen werden.

Ein Gedicht schreiben: Alles gleichzeitig

(Dank an Portraitor für das Bild.)

Von meinem Lateinunterricht in der Jugend ist mir eines in Erinnerung geblieben: die unglaubliche Mobilität der Wörter innerhalb eines Satzes (besonders der Adjektive und Adverbien). Dies vor allem bei den Dichtern: Suche das Adjektiv nicht wie im Deutschen bei seinem Nomen, sondern auch ein oder zwei Verse vorher oder nachher. In besonders schwierigen Texten schien mir das wie die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich hatte kein Verständnis für solche Extravaganzen, die mir von nichts eingefordert oder bedingt schienen – ausser vielleicht dem überkünstelten Zwang oder Bedürfnis, den Regeln eines Versmasses zu folgen.

Bedürfnis nach Entwurzelung

Heute jedoch verspüre ich genau dieses Bedürfnis der syntaktischen, oft auch der lexikalischen Entwurzelung. In jedem Gedicht kämpfe ich heimlich einen Abnützungskampf gegen den inneren Willen, die Bande und Regeln der Sprache abzuschütteln. Mit zunehmendem Alter und mit bald 40-jähriger Schreiberfahrung ist es mir mehr denn je bewusst, dass weder eine chronologische, lineare Gedicht- oder Erzählstruktur noch eine logische und kohärente Sprachgestalt das wiederzugeben, vergessen denn zu spiegeln, vermag, was wir Welt und Wirklichkeit nennen.

Dieses Gefühl ist ein wenig wie die Diskussion um Zufall oder Schicksal. Wie vehement und engagiert habe ich mich in der Jugend in unseren Streitgesprächen für das eine oder andere eingesetzt (obwohl ich eher ein Romantiker war, also das Schicksal, die Vorbestimmung favorisierte). Heute sehe ich klar, es geht nicht darum, diese beiden Wörter gleichermassen für eine logisch erklärbare, wenn auch in letzter Konsequenz der menschlichen Behändigung entzogene Deutung der Wirklichkeit stehen. Wer über Schicksal und Zufall diskutiert, ist in meinen Augen gänzlich auf dem Holzweg.

Schon damals als Jugendlicher begann ich zu verstehen, dass alles zersplittert ist, alles auseinanderfällt – in einem Interview für ein Lokalblatt sagte ich, ich nehme die Welt als von Augenaufschlägen zerschnitten wahr, es gebe nur diese unbeständigen Fragmente, – diese immer wieder auseinanderspickenden Steinchen eines Mosaiks, das wir zusammenzusetzen uns vergeblich bemühen und an dessen Einsicht und Deutbarkeit wir glauben, würde ich heute hinzufügen; doch das Mosaik ist genau in seiner losen, aufgelösten, immer sich selbst zerstörenden und sich stets wandelnden Form ganz und vollständig vollkommen.

Wenn ich an Erzählungen, Romanen oder Texten wie diesem hier schreibe, erfasst mich meist relativ schnell ein leichter Frust. Denn diesen Texten ist eine gewisse Form, eine vorgegebene Lexik, Semantik und Grammatik eigen. Sie zwingen mich zur logischen Folge, zur Chronologie, zur Linearität.

Fallende Verse

Ich weiss nicht mehr, wann in meinen Zwanzigern ich auf «Blanco/Weiss» von Octavio Paz gestossen bin. Es hat mich tief erschüttert. Dieses Gedicht, das in sich mehrere oder ein Gedicht enthält, ist in Farben markiert. Es verfügt über herausfaltbare Seiten. Dieses Gedicht hat mir die Möglichkeit aufgezeigt, die Räume und Irrealitäten, in die ich noch vorstossen könnte.

Ich hatte dieses Gefühl bereits einmal gehabt, bei Majakowskis fallenden Versen; auch hier wurden Regeln (des Lesens, der Lesegewohnheit) durchbrochen, das Gedicht war manchmal ein buchstäbliches revolutionäres Gemetzel, alles drunter und drüber, die Wörter und Bedeutungen fielen pêle-mêle übereinander (her). Diese Zeilenfälle hoben Wörter hervor, liessen sie vor- oder nachklingen, verliehen ihnen die Macht, den Sinn zu wenden.

All die Prozesse, all das Zucken

Egal, wie ich auf die Welt blicke, ob ich auf das Kleine und Innere, das Unmerkliche, oder auf das Grosse, Ganze, das Hyperobjekt schaue, – immer scheinen zwei Reaktionen möglich: die erstaunte Verzweiflung darüber, diese Vorgänge und Geschehnisse weder einordnen noch fassen zu können einerseits, und das verzweifelte Erstaunen darüber andererseits, wie tief und eingehend diese Geschehnisse und Vorgänge vernetzt und verkettet sind, sodass eine Schilderung und Abbildung in herkömmlicher Form nur eine Lüge sein kann.

Um dem, was geschieht und wahrgenommen wird, was für innere Abläufe auf die äusseren Vorkommnisse antworten (und umgekehrt!), gerecht werden zu können, scheint sich mir mit zunehmender Schreiberfahrung nur noch eine ähnliche Auflösung der Textstruktur, ihrer Kohärenz und Folgerichtigkeit als Lösung anzubieten.

Dabei bedingt der Eindruck von der Gleichzeitigkeit aller Prozesse die Gleichzeitigkeit der Wörter. So stelle ich mir das Gedicht manchmal als eine Art riesige, unendliche Liste oder Aufzählung vor; eine Liste jedoch, die nicht nach- oder untereinander reiht, sondern parallel, auf gleicher Höhe, gleichberechtigt und gleichzeitig aufführt und ausspricht.

Gleichzeitig empfinde ich dieses schöpferische Zucken, sobald ich auf etwas Inneres oder Äusseres stosse, als eine Aufforderung dazu, dieses Zucken und Reizen in einem Mal, ohne Zeitverlust und ohne Raumverlust zu rapportieren, protokollieren, in Sprache zu bannen. (Dass dies ein unmögliches Unterfangen ist, macht es nur desto notwendiger und dringlicher.)

Kreise schliessen

Und in diesem fortgeschrittenen Schreibalter, in dem ich mich befinde, sehe ich nicht nur um mich lauter konzentrische Zuckungen und Reize auf dem Spiegel meiner Wahrnehmung und in dem Brunnen meiner Gedichte, sondern erkenne, wie sich Kreise schliessen: zuerst jener, der die Vielfalt innerer Stimmen in das Gedicht hineinholt; jetzt also jener, in dem ich versuche, mindestens zwei Ereignisse (Träume und/oder Wirklichkeit) in einem Gedicht gleichzeitig auszusprechen, auszudrücken, zu beheimaten.

Anders gesagt: ich beginne das Gedicht immer mehr wie ein Gemälde zu bauen – etwa jenes von Giotto, das den Einzug Jesu in Jerusalem zeigt, wo ein Mann zwei- oder dreimal dargestellt wird, während er seinen Mantel erst auszieht, dann ausschüttelt, um ihn schliesslich vor den Füssen des Eselfohlens auszubreiten.

Ich beginne das Gedicht immer stärker wie eine Partitur zu begreifen, in dem die verschiedensten Klangfarben, Tonhöhen, Tonarten und Akkorde gleichzeitig und ungehindert aufeinandertreffen.

Und komme so, wie ich hoffe, der Abbildung, der Spiegelung menschlicher Zustände und der vielbelebten Welt einen weiteren Schritt näher.

Ein Gedicht schreiben: Das Ich ist eine Illusion

(Dank an 21539618 für das Bild.)

Ein Gedicht entsteht, indem du die Sprache wirken lässt. In meinen Augen ist das Gedicht ein Ort, an dem die Sprache herrscht. Viel stärker als in einer Geschichte oder in einem Roman, wo die Sprache in den Dienst genommen und eine Zweck, einem Ziel, einem Ende – der Logik und Kohärenz, der Wirklichkeit oder der Glaubwürdigkeit – verknechtet wird, – viel stärker als in jenen Texten soll die Sprache in einem Gedicht ledig und frei spielen können.

Das Gedicht ist ein Ort, wo Träume herrschen und/oder das Unsagbare. Es gedeiht dort, wo du zurücktrittst.

Wenn du die Sprache, die Laute, Assonanzen und Assoziationen herrschen und dich führen lässt, erkennst du in Kürze, dass dein eigener Wille, dein eigenes Wissen, dein intellektuelles Können von keinerlei Bedeutung sind.

Auf dem Weg zum Gedicht ist das Ich ein Hindernis. Ich erinnere mich sehr gut an jene Gedichte, mit denen ich unglaublich viel «vorhatte», von denen ich mir – angesichts ihrer Prämisse und der mit ihr verknüpften Ideen und den in sie verfrachteten Botschaften – sehr viel erwartete. Sie sind alle gescheitert, vertrockneten, versandeten, versiegten.

Einzig in jenen Gedichten, in denen ich mich selbst in allen Dingen hintangestellt habe, ist etwas passiert. Was genau da sich ereignet hat, ist im Nachhinein immer schwierig zu sagen.

Das Ich, von dem die meisten Lesenden annehmen, es sei das konkrete und handelnde Ich, das deinen Namen trägt – und das tun sogar jene, die um die literarische Figur des «lyrischen Ichs» wissen! –, dieses Ich ist nur die letzte Hülle von Ursache und Wirkung, Schicksal und Fügung, Zufall und Auflösung, die es abzuwerfen, abzustreifen, aus der es sich herauszuschälen heisst.

Denn hinter diesem bewussten, wissenden und wollenden Ich liegt der stille Mondspiegel, aus dem die Bilder und Figuren der Stimmen steigen.

Lässt du der Sprache ihren Willen, lässt du ihren Intellekt wirken, kannst du dich verlieren, vergessen: du bist ganz und gar unwichtig, unerheblich, du bist eine Illusion.

Immer wieder habe ich feststellen können, wie hinter der eigentlichen Absicht, mit der ich ins Gedicht gestartet bin, plötzlich andere Motive und Gesichte aus der Tiefe von Erfahrung und Erinnerung auftauchten.

Diesen Prozess des Hinter-sich-Lassens möchte ich auch gar nicht psychologisieren. Es würde ihn weder besser erklären noch besser beherrschbar machen. Denn das Beherrschen ist ja letztlich das allzumenschlichste, zerstörendste Streben.

In gewissen Momenten des Nachdenkens und Planens meiner Gedichte denke ich dann manchmal, wie schön es wäre, den (scheinbar) leblosen oder winzig kleinen Dingen und Wesen eine Stimme zu geben; in der Sprache des Menschen, gewiss, aber diese Sprache gänzlich in den Dienst einer anderen Lebensgrammatik, Erfahrungssyntax und Willenssemantik gebracht… Vielleicht würde es mir dann gelingen, ganz an die Grenzen, an den Rand der Sprache vorzustossen und ihren Herrschaftsbereich für eine kurze Weile zu verlassen, indem ich mich selbst aufgebe. Den Herrschaftsbereich just dann zu verlassen, wenn ich ihrer Herrschaft am stärksten gefügig geworden bin.

Ein Gedicht schreiben: „Metapherngestöber“

(Mit Dank an Hans für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, die entweder behauptet, meine Gedichte seien zu künstlich und/oder zu überladen mit Bildern, habe ich einige Antworten gefunden, warum das so ist.

Diese Antworten sind mir aus meiner Beschäftigung mit der Mystik erwachsen. Mystische Autor*innen überfluten häufig ihre Texte mit Bildern. Dabei setzen sie die Bilder in Gegensatz oder Widerspruch zueinander. In dieser Metaphernflut erfasst die Leserin ein Schwindelgefühl, ein Gefühl der Verunsicherung auch. In diesem Dammbruch aus Bildern entzieht die Mystiker*in der Lesenden jegliche Anhaltspunkte, auch jegliche Bezugnahme zur eigenen Wahrnehmung und zum eigenen Erleben. Der Bilderteppich zieht der Lesenden buchstäblich den Teppich der Wirklichkeit unter den Füssen weg. Plötzlich gilt nichts mehr, herkömmliche physikalische, sinnliche und sprachliche Gesetze sind für die Dauer dieser Texterfahrung ausser Kraft gesetzt.

Vor dem Hintergrund solcher Texte (etwa von Hildegard von Magdeburg) glaube ich folgendes über meine eigene Schreibweise sagen zu können:

  • Die Reizüberflutung ist seit jeher eine prägende Erfahrung. Seit frühester Kindheit neige ich dazu, mich «in mein Kämmerchen» zurückzuziehen. Dort kann ich mich ganz auf etwas konzentrieren, was mir wirklcih wichtig ist: sei es das Lesen oder das Schreiben. So gerate ich nach einer gewissen Weile in einen schwebenden Zustand. In diesem schwebenden, von mir als gnadenvoll empfundenen Zustand erweitert sich meine innere Welt um ein Vielfaches. In diesem Hallraum, den ich oft als eine Art Spiegelkabinett wahrnehme, eröffnet sich mir ein Schallraum, in dem meine Gedichte erst möglich werden. Sie kommen aus dieser inneren Stille, dieser inneren Erwartungshaltung, die auf Geduldbereitschaft fusst.
  • Die aufbrausenden Tiden-Laute des werdenden Gedichts bilden in ihrer zufälligen Intensität die «draussen vor der Tür» empfundene Reizüberflutung ab. In der wilden Anhäufung von Worten und Bildern, die in Assoziationen heranfluten und sich in Lauten verzückend verbinden, geschieht etwas süchtig Machendes, Magisches:
  • Was ich bin und werde, findet einen erstaunlich genauen, wenn auch sehr reichhaltigen (übervollen) Ausdruck. Aus der inneren Stille schiesst hervor, was in mich hineingeschossen war. Doch in dieser Explosion, die ich selbst als Implosion empfinde, findet es eine Struktur, findet einen Lauf. Die gesammelte Innenwahrnehmung, die von der Aussenwahrnehmung gespiesen wurde, entpuppt sich als eine zutreffende Spiegelung sowohl des Innen als auch des Aussen.
  • In letzter Konsequenz geschieht darin (im Text) ein Abgleich zwischen den äusseren Ressourcen und den inneren Kräften: das, was in der Stille in mir ist (das bin nicht ich), verbindet sich mit den Reizen aus meiner Persönlichkeit und dringt als Mitklang oder Widerklang in das Aussen, das mich beteiligt oder zur Beteiligung drängt / zwingt.
  • In dieser so entstehenden Lautflut habe ich Gestaltungsmacht: habe sie jedoch nur solange, wie ich dem Zufall der Assonanzen und Assoziationen, der von den Lauten selbst angetrieben und befeuert wird, nicht Gewalt antue.
  • Das Gedicht ist eine Moment-Geburt, ein Augenzwinkern lang. Es passiert schnell, in ein bis zwei Stunden muss es ganz raus. Jede Nachbesserung oder Veränderung wäre eine Schändung. (Natürlich kann es im Nachgang nochmals «abgeklopft» werden auf Unreinheiten; das sind meist Adjektive.)
  • Die aufeinander zu und ineinander stürzenden Bilder jedoch sind ein prägendes Merkmal dieser Art, Gedichte zu verfassen. Es ist genau dieses «Getriebe» (Buber) und diese Sintflut, di e in den Augen von Lesenden auf der Suche nach Sinn und Aussage die Reizüberflutung, die Reisüberschüsse der äusseren Welt wiedergeben sollen.  

Und damit möchte ich hier den Kreis schliessen zu den im Anfang erwähnten Mystiker*innen: auch in ihrem «Metapherngestöber», wie Dorothee Sölle diese gegensatzreiche Überfülle genannt hat, findet sich diese Form von Auflösung des Äusseren in einem inneren Wirbel, der reichhaltig (überreichlich) und erstaunlich genau den Lockungen und Wirrungen des Aussen antwortet. Und in dieser wilden, überbordenden Art des Sagens jedem Konformismus und jeder Erwartungshaltung an einen literarischen Text, vor allem aber jeder Verzweckung und jeder hiesigen Sinnhaftigkeit eine Absage erteilt.

Ein Gedicht schreiben: Nicht(s) riechen, nicht(s) schmecken

(Danke an Pezibear für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, sie sei zu wenig «sinnlich», habe ich einige Gründe gefunden, warum das so ist.

Sinne bilden sich unterschiedlich aus. Das hängt von ihrer Beanspruchung ab, aber auch von ihrer Förderung, von ihrer Stimulation. Mein Geruchssinn und mein Geschmackssinn sind gute Beispiele für eine mangelnde Stimulation und Ausbildung. Was ich schmecke und was ich rieche, ist für mich nur ein dumpfer Reiz. Ich empfange eine Art «umami»-Signal: «Dieser Geruch, dieser Geschmack kann nicht ein- und zugeordnet werden.»

Bei einem Lyriker hat dies in meinem Fall zur Folge, dass ein Teil meines lexikalischen und semantischen Wissens, meines reichen Wortschatzes, nicht zur Anwendung kommt. Viele Wörter und Begriffe sind in meinem Gehirn sensorisch nicht erschlossen, könntest du sagen. Und weil sie in meinem Erleben und Erfahren keine Entsprechung finden oder gefunden haben, kommen sie selten oder zögerlich zum Einsatz.

Denn als Lyriker schreibe ich in der Hauptsache aus dem, was ich empfunden und erlebt habe, was ich aus eigenem Erleben und aus eigener Wahrnehmung begreifen und daher (sprachlich) behändigen kann. Nur so können die Stimmen, die ich bin, eine wahre Aussage tätigen.

Benutze ich nun einmal einen Begriff aus dem Geschmacks- oder Geruchsfeld, so muss ich diesen selbst replizierend erfahren. Häufig stelle ich dann fest, dass er gar nicht das aussagen kann, was ich ihm anzuvertrauen bereit bin. Die aufrichtige Haltung, mit der ich zu schreiben bemüht bin, lässt Aussagen, die im Ungefähren wurzeln, nicht zu.

So mag es also dazu kommen, dass meine Lyrik sich viel stärker auf den Gesichts- und den Hörsinn verlässt als andere. Solltest du jedoch einem Geschmack oder einem Geruch begegnen, kannst du sicher sein, dass er mit Notwendigkeit dort im Gedicht stehen muss.