Ein Gedicht schreiben: Alles gleichzeitig

(Dank an Portraitor für das Bild.)

Von meinem Lateinunterricht in der Jugend ist mir eines in Erinnerung geblieben: die unglaubliche Mobilität der Wörter innerhalb eines Satzes (besonders der Adjektive und Adverbien). Dies vor allem bei den Dichtern: Suche das Adjektiv nicht wie im Deutschen bei seinem Nomen, sondern auch ein oder zwei Verse vorher oder nachher. In besonders schwierigen Texten schien mir das wie die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich hatte kein Verständnis für solche Extravaganzen, die mir von nichts eingefordert oder bedingt schienen – ausser vielleicht dem überkünstelten Zwang oder Bedürfnis, den Regeln eines Versmasses zu folgen.

Bedürfnis nach Entwurzelung

Heute jedoch verspüre ich genau dieses Bedürfnis der syntaktischen, oft auch der lexikalischen Entwurzelung. In jedem Gedicht kämpfe ich heimlich einen Abnützungskampf gegen den inneren Willen, die Bande und Regeln der Sprache abzuschütteln. Mit zunehmendem Alter und mit bald 40-jähriger Schreiberfahrung ist es mir mehr denn je bewusst, dass weder eine chronologische, lineare Gedicht- oder Erzählstruktur noch eine logische und kohärente Sprachgestalt das wiederzugeben, vergessen denn zu spiegeln, vermag, was wir Welt und Wirklichkeit nennen.

Dieses Gefühl ist ein wenig wie die Diskussion um Zufall oder Schicksal. Wie vehement und engagiert habe ich mich in der Jugend in unseren Streitgesprächen für das eine oder andere eingesetzt (obwohl ich eher ein Romantiker war, also das Schicksal, die Vorbestimmung favorisierte). Heute sehe ich klar, es geht nicht darum, diese beiden Wörter gleichermassen für eine logisch erklärbare, wenn auch in letzter Konsequenz der menschlichen Behändigung entzogene Deutung der Wirklichkeit stehen. Wer über Schicksal und Zufall diskutiert, ist in meinen Augen gänzlich auf dem Holzweg.

Schon damals als Jugendlicher begann ich zu verstehen, dass alles zersplittert ist, alles auseinanderfällt – in einem Interview für ein Lokalblatt sagte ich, ich nehme die Welt als von Augenaufschlägen zerschnitten wahr, es gebe nur diese unbeständigen Fragmente, – diese immer wieder auseinanderspickenden Steinchen eines Mosaiks, das wir zusammenzusetzen uns vergeblich bemühen und an dessen Einsicht und Deutbarkeit wir glauben, würde ich heute hinzufügen; doch das Mosaik ist genau in seiner losen, aufgelösten, immer sich selbst zerstörenden und sich stets wandelnden Form ganz und vollständig vollkommen.

Wenn ich an Erzählungen, Romanen oder Texten wie diesem hier schreibe, erfasst mich meist relativ schnell ein leichter Frust. Denn diesen Texten ist eine gewisse Form, eine vorgegebene Lexik, Semantik und Grammatik eigen. Sie zwingen mich zur logischen Folge, zur Chronologie, zur Linearität.

Fallende Verse

Ich weiss nicht mehr, wann in meinen Zwanzigern ich auf «Blanco/Weiss» von Octavio Paz gestossen bin. Es hat mich tief erschüttert. Dieses Gedicht, das in sich mehrere oder ein Gedicht enthält, ist in Farben markiert. Es verfügt über herausfaltbare Seiten. Dieses Gedicht hat mir die Möglichkeit aufgezeigt, die Räume und Irrealitäten, in die ich noch vorstossen könnte.

Ich hatte dieses Gefühl bereits einmal gehabt, bei Majakowskis fallenden Versen; auch hier wurden Regeln (des Lesens, der Lesegewohnheit) durchbrochen, das Gedicht war manchmal ein buchstäbliches revolutionäres Gemetzel, alles drunter und drüber, die Wörter und Bedeutungen fielen pêle-mêle übereinander (her). Diese Zeilenfälle hoben Wörter hervor, liessen sie vor- oder nachklingen, verliehen ihnen die Macht, den Sinn zu wenden.

All die Prozesse, all das Zucken

Egal, wie ich auf die Welt blicke, ob ich auf das Kleine und Innere, das Unmerkliche, oder auf das Grosse, Ganze, das Hyperobjekt schaue, – immer scheinen zwei Reaktionen möglich: die erstaunte Verzweiflung darüber, diese Vorgänge und Geschehnisse weder einordnen noch fassen zu können einerseits, und das verzweifelte Erstaunen darüber andererseits, wie tief und eingehend diese Geschehnisse und Vorgänge vernetzt und verkettet sind, sodass eine Schilderung und Abbildung in herkömmlicher Form nur eine Lüge sein kann.

Um dem, was geschieht und wahrgenommen wird, was für innere Abläufe auf die äusseren Vorkommnisse antworten (und umgekehrt!), gerecht werden zu können, scheint sich mir mit zunehmender Schreiberfahrung nur noch eine ähnliche Auflösung der Textstruktur, ihrer Kohärenz und Folgerichtigkeit als Lösung anzubieten.

Dabei bedingt der Eindruck von der Gleichzeitigkeit aller Prozesse die Gleichzeitigkeit der Wörter. So stelle ich mir das Gedicht manchmal als eine Art riesige, unendliche Liste oder Aufzählung vor; eine Liste jedoch, die nicht nach- oder untereinander reiht, sondern parallel, auf gleicher Höhe, gleichberechtigt und gleichzeitig aufführt und ausspricht.

Gleichzeitig empfinde ich dieses schöpferische Zucken, sobald ich auf etwas Inneres oder Äusseres stosse, als eine Aufforderung dazu, dieses Zucken und Reizen in einem Mal, ohne Zeitverlust und ohne Raumverlust zu rapportieren, protokollieren, in Sprache zu bannen. (Dass dies ein unmögliches Unterfangen ist, macht es nur desto notwendiger und dringlicher.)

Kreise schliessen

Und in diesem fortgeschrittenen Schreibalter, in dem ich mich befinde, sehe ich nicht nur um mich lauter konzentrische Zuckungen und Reize auf dem Spiegel meiner Wahrnehmung und in dem Brunnen meiner Gedichte, sondern erkenne, wie sich Kreise schliessen: zuerst jener, der die Vielfalt innerer Stimmen in das Gedicht hineinholt; jetzt also jener, in dem ich versuche, mindestens zwei Ereignisse (Träume und/oder Wirklichkeit) in einem Gedicht gleichzeitig auszusprechen, auszudrücken, zu beheimaten.

Anders gesagt: ich beginne das Gedicht immer mehr wie ein Gemälde zu bauen – etwa jenes von Giotto, das den Einzug Jesu in Jerusalem zeigt, wo ein Mann zwei- oder dreimal dargestellt wird, während er seinen Mantel erst auszieht, dann ausschüttelt, um ihn schliesslich vor den Füssen des Eselfohlens auszubreiten.

Ich beginne das Gedicht immer stärker wie eine Partitur zu begreifen, in dem die verschiedensten Klangfarben, Tonhöhen, Tonarten und Akkorde gleichzeitig und ungehindert aufeinandertreffen.

Und komme so, wie ich hoffe, der Abbildung, der Spiegelung menschlicher Zustände und der vielbelebten Welt einen weiteren Schritt näher.

Ein Gedicht schreiben: Das Ich ist eine Illusion

(Dank an 21539618 für das Bild.)

Ein Gedicht entsteht, indem du die Sprache wirken lässt. In meinen Augen ist das Gedicht ein Ort, an dem die Sprache herrscht. Viel stärker als in einer Geschichte oder in einem Roman, wo die Sprache in den Dienst genommen und eine Zweck, einem Ziel, einem Ende – der Logik und Kohärenz, der Wirklichkeit oder der Glaubwürdigkeit – verknechtet wird, – viel stärker als in jenen Texten soll die Sprache in einem Gedicht ledig und frei spielen können.

Das Gedicht ist ein Ort, wo Träume herrschen und/oder das Unsagbare. Es gedeiht dort, wo du zurücktrittst.

Wenn du die Sprache, die Laute, Assonanzen und Assoziationen herrschen und dich führen lässt, erkennst du in Kürze, dass dein eigener Wille, dein eigenes Wissen, dein intellektuelles Können von keinerlei Bedeutung sind.

Auf dem Weg zum Gedicht ist das Ich ein Hindernis. Ich erinnere mich sehr gut an jene Gedichte, mit denen ich unglaublich viel «vorhatte», von denen ich mir – angesichts ihrer Prämisse und der mit ihr verknüpften Ideen und den in sie verfrachteten Botschaften – sehr viel erwartete. Sie sind alle gescheitert, vertrockneten, versandeten, versiegten.

Einzig in jenen Gedichten, in denen ich mich selbst in allen Dingen hintangestellt habe, ist etwas passiert. Was genau da sich ereignet hat, ist im Nachhinein immer schwierig zu sagen.

Das Ich, von dem die meisten Lesenden annehmen, es sei das konkrete und handelnde Ich, das deinen Namen trägt – und das tun sogar jene, die um die literarische Figur des «lyrischen Ichs» wissen! –, dieses Ich ist nur die letzte Hülle von Ursache und Wirkung, Schicksal und Fügung, Zufall und Auflösung, die es abzuwerfen, abzustreifen, aus der es sich herauszuschälen heisst.

Denn hinter diesem bewussten, wissenden und wollenden Ich liegt der stille Mondspiegel, aus dem die Bilder und Figuren der Stimmen steigen.

Lässt du der Sprache ihren Willen, lässt du ihren Intellekt wirken, kannst du dich verlieren, vergessen: du bist ganz und gar unwichtig, unerheblich, du bist eine Illusion.

Immer wieder habe ich feststellen können, wie hinter der eigentlichen Absicht, mit der ich ins Gedicht gestartet bin, plötzlich andere Motive und Gesichte aus der Tiefe von Erfahrung und Erinnerung auftauchten.

Diesen Prozess des Hinter-sich-Lassens möchte ich auch gar nicht psychologisieren. Es würde ihn weder besser erklären noch besser beherrschbar machen. Denn das Beherrschen ist ja letztlich das allzumenschlichste, zerstörendste Streben.

In gewissen Momenten des Nachdenkens und Planens meiner Gedichte denke ich dann manchmal, wie schön es wäre, den (scheinbar) leblosen oder winzig kleinen Dingen und Wesen eine Stimme zu geben; in der Sprache des Menschen, gewiss, aber diese Sprache gänzlich in den Dienst einer anderen Lebensgrammatik, Erfahrungssyntax und Willenssemantik gebracht… Vielleicht würde es mir dann gelingen, ganz an die Grenzen, an den Rand der Sprache vorzustossen und ihren Herrschaftsbereich für eine kurze Weile zu verlassen, indem ich mich selbst aufgebe. Den Herrschaftsbereich just dann zu verlassen, wenn ich ihrer Herrschaft am stärksten gefügig geworden bin.

Ein Gedicht schreiben: „Metapherngestöber“

(Mit Dank an Hans für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, die entweder behauptet, meine Gedichte seien zu künstlich und/oder zu überladen mit Bildern, habe ich einige Antworten gefunden, warum das so ist.

Diese Antworten sind mir aus meiner Beschäftigung mit der Mystik erwachsen. Mystische Autor*innen überfluten häufig ihre Texte mit Bildern. Dabei setzen sie die Bilder in Gegensatz oder Widerspruch zueinander. In dieser Metaphernflut erfasst die Leserin ein Schwindelgefühl, ein Gefühl der Verunsicherung auch. In diesem Dammbruch aus Bildern entzieht die Mystiker*in der Lesenden jegliche Anhaltspunkte, auch jegliche Bezugnahme zur eigenen Wahrnehmung und zum eigenen Erleben. Der Bilderteppich zieht der Lesenden buchstäblich den Teppich der Wirklichkeit unter den Füssen weg. Plötzlich gilt nichts mehr, herkömmliche physikalische, sinnliche und sprachliche Gesetze sind für die Dauer dieser Texterfahrung ausser Kraft gesetzt.

Vor dem Hintergrund solcher Texte (etwa von Hildegard von Magdeburg) glaube ich folgendes über meine eigene Schreibweise sagen zu können:

  • Die Reizüberflutung ist seit jeher eine prägende Erfahrung. Seit frühester Kindheit neige ich dazu, mich «in mein Kämmerchen» zurückzuziehen. Dort kann ich mich ganz auf etwas konzentrieren, was mir wirklcih wichtig ist: sei es das Lesen oder das Schreiben. So gerate ich nach einer gewissen Weile in einen schwebenden Zustand. In diesem schwebenden, von mir als gnadenvoll empfundenen Zustand erweitert sich meine innere Welt um ein Vielfaches. In diesem Hallraum, den ich oft als eine Art Spiegelkabinett wahrnehme, eröffnet sich mir ein Schallraum, in dem meine Gedichte erst möglich werden. Sie kommen aus dieser inneren Stille, dieser inneren Erwartungshaltung, die auf Geduldbereitschaft fusst.
  • Die aufbrausenden Tiden-Laute des werdenden Gedichts bilden in ihrer zufälligen Intensität die «draussen vor der Tür» empfundene Reizüberflutung ab. In der wilden Anhäufung von Worten und Bildern, die in Assoziationen heranfluten und sich in Lauten verzückend verbinden, geschieht etwas süchtig Machendes, Magisches:
  • Was ich bin und werde, findet einen erstaunlich genauen, wenn auch sehr reichhaltigen (übervollen) Ausdruck. Aus der inneren Stille schiesst hervor, was in mich hineingeschossen war. Doch in dieser Explosion, die ich selbst als Implosion empfinde, findet es eine Struktur, findet einen Lauf. Die gesammelte Innenwahrnehmung, die von der Aussenwahrnehmung gespiesen wurde, entpuppt sich als eine zutreffende Spiegelung sowohl des Innen als auch des Aussen.
  • In letzter Konsequenz geschieht darin (im Text) ein Abgleich zwischen den äusseren Ressourcen und den inneren Kräften: das, was in der Stille in mir ist (das bin nicht ich), verbindet sich mit den Reizen aus meiner Persönlichkeit und dringt als Mitklang oder Widerklang in das Aussen, das mich beteiligt oder zur Beteiligung drängt / zwingt.
  • In dieser so entstehenden Lautflut habe ich Gestaltungsmacht: habe sie jedoch nur solange, wie ich dem Zufall der Assonanzen und Assoziationen, der von den Lauten selbst angetrieben und befeuert wird, nicht Gewalt antue.
  • Das Gedicht ist eine Moment-Geburt, ein Augenzwinkern lang. Es passiert schnell, in ein bis zwei Stunden muss es ganz raus. Jede Nachbesserung oder Veränderung wäre eine Schändung. (Natürlich kann es im Nachgang nochmals «abgeklopft» werden auf Unreinheiten; das sind meist Adjektive.)
  • Die aufeinander zu und ineinander stürzenden Bilder jedoch sind ein prägendes Merkmal dieser Art, Gedichte zu verfassen. Es ist genau dieses «Getriebe» (Buber) und diese Sintflut, di e in den Augen von Lesenden auf der Suche nach Sinn und Aussage die Reizüberflutung, die Reisüberschüsse der äusseren Welt wiedergeben sollen.  

Und damit möchte ich hier den Kreis schliessen zu den im Anfang erwähnten Mystiker*innen: auch in ihrem «Metapherngestöber», wie Dorothee Sölle diese gegensatzreiche Überfülle genannt hat, findet sich diese Form von Auflösung des Äusseren in einem inneren Wirbel, der reichhaltig (überreichlich) und erstaunlich genau den Lockungen und Wirrungen des Aussen antwortet. Und in dieser wilden, überbordenden Art des Sagens jedem Konformismus und jeder Erwartungshaltung an einen literarischen Text, vor allem aber jeder Verzweckung und jeder hiesigen Sinnhaftigkeit eine Absage erteilt.

Ein Gedicht schreiben: Nicht(s) riechen, nicht(s) schmecken

(Danke an Pezibear für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, sie sei zu wenig «sinnlich», habe ich einige Gründe gefunden, warum das so ist.

Sinne bilden sich unterschiedlich aus. Das hängt von ihrer Beanspruchung ab, aber auch von ihrer Förderung, von ihrer Stimulation. Mein Geruchssinn und mein Geschmackssinn sind gute Beispiele für eine mangelnde Stimulation und Ausbildung. Was ich schmecke und was ich rieche, ist für mich nur ein dumpfer Reiz. Ich empfange eine Art «umami»-Signal: «Dieser Geruch, dieser Geschmack kann nicht ein- und zugeordnet werden.»

Bei einem Lyriker hat dies in meinem Fall zur Folge, dass ein Teil meines lexikalischen und semantischen Wissens, meines reichen Wortschatzes, nicht zur Anwendung kommt. Viele Wörter und Begriffe sind in meinem Gehirn sensorisch nicht erschlossen, könntest du sagen. Und weil sie in meinem Erleben und Erfahren keine Entsprechung finden oder gefunden haben, kommen sie selten oder zögerlich zum Einsatz.

Denn als Lyriker schreibe ich in der Hauptsache aus dem, was ich empfunden und erlebt habe, was ich aus eigenem Erleben und aus eigener Wahrnehmung begreifen und daher (sprachlich) behändigen kann. Nur so können die Stimmen, die ich bin, eine wahre Aussage tätigen.

Benutze ich nun einmal einen Begriff aus dem Geschmacks- oder Geruchsfeld, so muss ich diesen selbst replizierend erfahren. Häufig stelle ich dann fest, dass er gar nicht das aussagen kann, was ich ihm anzuvertrauen bereit bin. Die aufrichtige Haltung, mit der ich zu schreiben bemüht bin, lässt Aussagen, die im Ungefähren wurzeln, nicht zu.

So mag es also dazu kommen, dass meine Lyrik sich viel stärker auf den Gesichts- und den Hörsinn verlässt als andere. Solltest du jedoch einem Geschmack oder einem Geruch begegnen, kannst du sicher sein, dass er mit Notwendigkeit dort im Gedicht stehen muss.

Höre, Israel

Höre Israel, das Lied erklingt,
das Lied erhebt seine Kehle wie die Gazelle überm flirrenden Staub ihren Hals streckt,
eine Stimme singt,
eine Stimme erbringt ihr Leben für dich,
höre Israel, dein Gott ist ein Lied,
das sich aufschwingt in die Himmelsglocke,
von der rechten Hand der Heiligen gehalten und ausgeblasen von ihrem ständigen Geist,
und das Lied entringt dir deinen ganzen Willen,
erringt dir neue Kraft und Zeichen,
aufleuchtende Zeichen im stiebenden Staub,
dein Antlitz, Israel, dein Antlitz wird blau von dem Gesang,
denn es wird dir den Atem rauben,
und deine Augen, Jakob, werden grün mit weissen Wolken darin,
werden wie die Weiden von Bet-Awen,
und bald werden deine Ohren, Benjamin, verständig hören auf das Lied,
bald werden deine Ohren beständig hören auf das Lied,
als riefe ein Eselsfohlen nach seiner Mutter,
als schlüge eine Grossmutter die Milch,
aufmerken wirst du, mein Volk,
aus dem schweissverklumpten Dreck wirst du dein Antlitz erheben,
dein gezeichnetes Antlitz, dein erschöpftes Antlitz, dein ungläubiges Antlitz wirst du aufrichten und straffen wie eine Faust aus dem Sickersand,
höre, Israel, dein ganzer Wille und deine ganze Kraft sei auf die Taten der Heiligen gerichtet,
denn ein Lied erklingt mit einer Kraft und einem Willen,
stärker als die Ochsen vor dem Pflug,
länger als des Geiers Flug,
und das Lied wird heilen die Wunden des Wartens,
und das Lied wird schliessen die Scharten des Trotzes,
und das Lied wird brechen den Willen der Widerstreber,
und das Lied wird öffnen die Lippen der Mütter,
die verschlossen waren über den staubblinden Kelchen der Kinderherzen,
und aus der Stimme des Lieds tritt ein roter Mensch hervor,
und du hörst die silberne Zunge.

Alterität verwirklichen

(Dieser Text ist eine Reflexion auf ein Lyrikertreffen, das kürzlich zum Thema „Das Gedicht als Waffe“ abgehalten wurde.)

Ich beginne mit der Frage nach der Urheberschaft: Wer setzte dieses Thema?

Vetreten wurde das Thema von den drei leitenden Männern.

Meine eigene Reaktion auf das Thema war sofort eine begeisterte. Diese Begeisterung stammte einerseits aus meiner eigenen Poetik, die eine der Wut und der Auflehnung, des Widerspruchs ist. Wenn auch meine Gedichte inzwischen explizit in «Stimmen» geschrieben sind, so sprechen diese Stimmen doch immer aus einer Verletzung, aus einer Randständigkeit und aus einer Empörung heraus. Sie wollen treffen, «zurück verletzen», eine Reaktion und/oder im besten Falle eine verändernde Bewegung, eine andere Haltung bewirken. Insofern würde ich meine Poetik durchaus als ein waffenförmiges Sprechen beurteilen, ihre Gewaltbereitschaft bejahen. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt aus und in Sprache, die ich von Rimbaud und Lautreamont gelernt habe: die Sprache zum Äussersten treiben, bis sie blossstellt oder blossgestellt ist.

Um es noch ehrlicher zu sagen: Ich hasse «brave» Poesie genauso wie ich unkonkrete Poesie hasse. Ich hasse die Poesie, die Harmonie predigt oder (ver)sucht. Ich muss mich immer sehr zusammenreissen in ihrer Gegenwart. Das heisst nicht, dass ich ihr ihre Existenz absprechen will, vergessen denn: kann. Ich finde nur, dass die Welt, in der wir leben, so nach Veränderung schreit, dass diese Veränderung nur in Radikalität, in der Sehnsucht nach Aufwurf, Ausbruch und Zerstörung gesucht werden kann. Und – das Wichtigste!: Ich weiss, dass diese meine Position ein ausgesprochen männliche, also patriarchale ist.


Im Exkurs, in der Einleitung, die unsere Debatte im Forum anregen wollte, erkannte ich und/oder glaubte ich zu erkennen, wie sehr sowohl dieses Thema als auch meine oben beschriebene poetische Haltung auf den in unserer westlichen geprägten Weltordnung auf den fast manichäisch zu nennenden Dualismus abstellen. Ich weiss ebenso, dieser Dualismus ist ein durch und durch patriarchaler.

Ich weiss auch, dass ich seit einigen Jahren schon auf dem Weg bin, diesem Dualismus entfliehen zu wollen, neue (Deutungs-?) Routen zu finden, um das weite Feld zwischen den beiden Polen (Frieden-Krieg, Frau-Mann, etc.) zu entdecken und eröffnen. Denn dieses weite Feld ist der eigentliche Handlungsraum, in dem wir Lebewesen uns befinden und einzig lebenswert bewohnen können.

Oh, es geht nicht um die Erweiterung dieses Raums!: Er ist gross genug für «alle/s dazwischen»!

Was es in meinen Augen mehr denn je braucht ist das Einnehmen von Positionen, die den ambivalent-grauen Bereich zwischen den beiden Polen eröffnen.

Dafür ist es vonnöten, dass die Männer in einer gemischten Runde zurücktreten, zurückhören, wahrnehmen lernen und können. Ich selbst weiss mit grosser Gewissheit von der Leichtigkeit, der Selbstverständlichkeit, mit der ich in einer Runde das Wort ergreife – häufig, ohne die andere Person, die andere Rede(nde) ausreden zu lassen, bevor diese Person in der Rede überhaupt erst so weit kommen konnte, um ihre eigene Position entweder darlegen oder aber finden und/oder erkennen zu können. (Denn wenn du «aus dem Schweigen» kommst, weil dir gesellschaftlich eine «schweigende Rolle» zugewiesen bekommen hast, dann kannst du nicht sofort sprechen, verbalisieren, was deine Position ist; du glaubst unter Umständen gar nicht, dass die Worte dir gehören, du hast ihren Gebrauch vielleicht nicht einmal erlernen können.)

«Ich habe begonnen, lerne es noch, mich zurücknehmen» heisst auch: Meine Ansicht, meine «Erkenntnis» weder für «logisch», «selbstverständlich», «selbsterklärend» oder «von gesundem Menschenverstand» (der bisher noch immer ein durch und durch männlicher ist) noch als «abschliessend» (im Sinne von «letztgültig») zu halten. Heisst auch, bereit zu sein, von dieser Position leicht und bereitwillig Abstand zu nehmen.


Mit einer Waffe zielst du auf etwas, auf eine Sache oder ein Lebewesen.

In Anwendung von LeGuins «Tragetaschentheorie der Erzählerin» möchte ich allen zurufen: sammelt statt zu zielen, vergesst die Gerade, die Linie, die Grenze, den Zweck!

In Anwendung des vorgängig Erläuterten möchte ich sagen: Verwendet das Gedicht nicht nur als eine Waffe zur Öffnung von Möglichkeitsräumen, sondern gebraucht das Gedicht absichtlich dazu, um in diesem Möglichkeitsraum, in diesen Möglichkeitsräumen Positionen einzunehmen, zu verdeutlichen, euch darin heimisch einzurichten – damit diese im Ambivalent-Grauen verborgenen oder vom Patriarchat bewusst vergessenen oder verschütteten Positionen auch lebenswert werden.


Ich wünschte mir den subsidiären Mann: Eine Person, die vom andern, von der anderen zu hören wünscht, der anderen, dem anderen eine Sprache zutraut; eine Person, die Abstand nimmt von ihrem biologischen Geschlecht und in den ambivalent-grauen Bereich eintritt; eine Person, die freiwillig den Raum des Sprechenmüssens (der ein Raum des Sprechendürfens ist) verlässt und Platz macht für die andere, den anderen.

Denn ich bin zutiefst überzeugt davon, dass dann geschehen könnte, was ich mir so sehnlich wünsche: die Ermächtigung des anderen Sprechens, des Sprechens der Frauen, der Transmenschen, der People of Color, der Lesben und Schwulen, der Queeren und natürlich all derer, die «unserem» Abziehbild des «normalen Menschen» nicht entsprechen können, weil ihre Beeinträchtigung, ihr Anderssein – das «unsere» «Normalität», die es nicht gibt, an der «wir» aber trotzdem festhalten, – in Frage zu stellen scheint – in Tat und Wahrheit ein Reichtum ist.

Dass ich diesen Wunsch so bestimmt und brüsk vortragen und vertreten kann, fast ohne mit einer Wimper zu zucken, entlarvt mich wiederum als einen aktiven Vertreter des Patriarchats, der sich des Sprechens für die anderen anmasst.

Ich will meine Worte jenen Stimmen schenken, die in mir wohnen und leben, die nicht männlich sind, die nicht schweizerisch oder mittel- und westeuropäisch sind, die nicht weiss sind, die nicht den Normen von «körperlich und geistig gesund» entsprechen.

Denn mein Problem ist: Ich kann nicht schweigen, ich muss sagen, ich muss dichten, schreiben, das ist stärker als ich. Das ist ein Auftrag, eine Verantwortung, die ich nach langem Kampf mit den herrschenden Normen und Werten dieser westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsform angenommen habe und zu verwirklichen versuche.

Jederzeit bereit, die Personen zu hören, zu achten und schätzen, die aus diesem Ambivalent-Grauen heraus sprechen, aus diesem Zwischenraum, der recht eigentlich Lebensraum ist, heraus zur Sprache, zum Wort finden, weil sie in ihm so lange schon Halt gesucht haben, den ich in der Nähe des einen Pols schon längst gefunden zu haben scheine.

Ein Gedicht schreiben: Anfangen, Innehalten

Es vergehen Tage, die deine Leere aushöhlen und vertiefen. Die Überzeugung, du hast nicht nur nichts zu sagen, das Sagen sollte dir endgültig und schon immer verwehrt, seit jeher genommen worden sein, weil es immer schon Maniküre, meinetwegen (noch schlimmer) Pediküre war, ein selbstermächtigendes Tändeln und Herumschwänzeln, diese Einsicht bestärkt deine Wehrlosigkeit. Fremde Wörter munden dir mehr als sonst, die gelesenen Seiten sind voller Unterstreichungen.

Doch da tut sich was in dir. Denn im Lesen, im Spazieren, im Schlafen arbeitest du. Nicht genau du, eine Stimme in dir kaut Vergangenes und Zukünftiges wieder, gutmütig und geduldig, schwerfällig und leichtfüssig, barfuss.

Es kommt herauf, so sagst du diesem Prozess, es steigt auf. Du kannst schon seine Lichthaare sehen im grünen Wasser, die sich konzentrisch zu dir hin ausbreiten.

Du möchtest aufspringen, ein Heft nehmen und deinen Stift. Doch du weisst, der Zeitpunkt ist noch nicht gekommen, auch wenn du schon fast verhungert bist, fast ganz ausgehöhlt, fast ganz vertieft.

Es verträgt weder Hast noch Gewalt. Es verträgt nur Fürsorge und Aufrichtigkeit.

Daher springst du nicht auf. Wenn du schon aufgesprungen bist, notierst du dir im Stehen die zwei, drei Wörter, die es vorerst auszumachen scheinen. Im Stehen, bitte, und gehst weiter, liest weiter, kochst weiter.

Es kommt nie im Reden, selten im Zuhören. Es kommt immer im Schweigen, durch das dein Denken und Fühlen wie eine Achäne treibt.

Es ist auch nicht das, was zu schreiben du dir vorgenommen hast. Es sind dessen Wurzeln oder dessen Triebe. Oder seine zerstörten Schiffsplanken am entfernteren Ufer.

Aber du möchtest anfangen, du möchtest es schreiben. Ein Prozess des Anhäufens hat begonnen, zuerst langsam und dann immer schneller. Assoziationen, Laute, Bilder überfluten dich. Sie kommen barfuss über den Strand auf dich zugelaufen, mit ausgestreckten Armen wie ein Kind.

Es ist zuviel, es wird zuviel. Du bist doch kein Kiosk, keine Samenbank!

Jetzt solltest du schreiben, jetzt musst du schreiben, denkst du. Nichts da, warte noch ein wenig.

Denn erst wenn dieses Zuviel sich wie Sand oder Schlamm unter deinen Schritten wieder gelegt hat, darfst du den Stift ansetzen.

Deine Aufgabe ist es zu erkennen, wenn unter der Vielfalt der Stimmen und Vergleiche, wenn unter der Vielheit der Alliterationen und Zitate diese eine, was in dir vor Stunden, vielleicht Tagen in dir Auftrieb gefunden hatte, nochmals und von Neuem, fast wie zum ersten Mal, seine lieblich verschwollene Gestalt zeigt.

Jetzt setzt du dich hin, und immer noch gilt es nicht zu überstürzen. Ein Wort ums andere zu schreiben, den langsamen Aufstieg und Fall der Sedimente ebenso langsam und fallend nachzuschreiben, als würdest du ein Fossil freilegen, das in einer zerborstenen Amphore geborgen lag.

Feld von Tatsachen

Ich bin ein Feld von Tatsachen,
ich häufe an, was geschieht,
ich sammle auf, was brach ungeschehen liegt,
ich bin ein Wurzelgrund für «genügt nicht»,
die Spuren meiner Schritte sind ein leichtes Tappen über die gesprungene Scheibe der Zeit,
die Eindrücke von dem, was geschieht, sinken unter meine Zunge,
wo sie Schatten finden und Feuchte,
wo ich sie rolle wie den Kern einer Olive,
mein Geläuf hinterlässt Schwangerschaftsstreifen auf den Wirklichkeiten,
die in ihren Banden um unsere Kehlen wachsen wie die Weinrebe,
ich bin ein Hügel von Sachverhalten, die kein Sachwalter mehr einzuordnen vermag,
ich bin ein Tell von Fakten,
die kein Archäologe mit Glaubensinhalten in Übereinstimmung zu bringen vermag,
ich bin ein Ausdruck, der so sehr Eindruck ist,
dass Geschehenes noch geschieht,
ich bin ein Eindruck, der so sehr Ausdruck ist,
dass in dem kleinen Raum meiner einzelnen Kehle möglich wurde, was passieren wird,
als schnurrte eine Katze in deinem wartenden Schoss,
ich bin so sehr Mann, dass meine Brüste anschwellen von Kolostrum,
ich bin so sehr Frau, dass meine schwielige Hand das Antlitz der Besitzenden eindrückt mit einem Schlag,
wenn sie denn je eines hatten, die da haben,
ich bin ein Feld von Tatsachen,
das deinen Atem einlädt zur Paarung,
ich bin eine Spur von Mensch, dessen ganzer Kopf Gesicht ist,
ich bin ein Wort, das immer wieder ausgesprochen wird wie ein fliegender Samen,
ich bin ein Wort, das selbst als Strich in der Landschaft mehr als nur verbindet,
in meiner Erdschale liegend, sehe ich die Finger der Blätter über mir,
die aus meinen Untaten wachsen,
die ich in die Zukunft geworfen habe,
und ich höre sie flüstern wie das Wasser des Kidron, und?

Wedernoch, Nichtnurnicht

Es gibt kein Ja von mir
Du kriegst ein Nein: beschreite ich doch
Schon Auswege bevor du noch
Nachfragst: aber mein Nein ist auch
Kein Nein: weder ein Nein noch ein Ja
Nicht nur nicht kenne ich
Was war oder was kommt: auch
Was jetzt ist gibt es für mich nicht:
Sondern ich weiss um meinen immer
Tragenden Schoss mit seinem Entwederbeutel –
Sondern ich schwelle um meinen immer
Zeigenden Finger mit seinem Odersack an –
Es gibt kein Nein: du kriegst nur
Ein Ja: beschreite ich doch schon
Einen Abweg bevor du noch
Nachfolgst: ich habe mein Joch
An den Mond gehängt und mein Weberschifflein in die Ebbe:
Ich gebe dir meinen Zahn und keine Fingerspitze: sauge du doch
Am eigenen Daumen: ich schultere meinen Korb
Hoch oben zwischen den Platanen und im Seeglast des Nachmittags:
Ich bin Weide: ich bin Traube:
Ich bin Stift: ich bin Pfahl:
Ich bin Hanfseil: ich bin Schamlippe:
Ich bin Vorhaut: ich bin ein Weder
Das nochmals und nochmals besteht
Auf dem Nochnicht und Nichtschon
Auf dem Nichtschonwieder und auf dem
Machtvollen Tropfen: auf dem kräftigen Bizzen
Der dich noch würgen: der dich noch aufschlagen:
Der dich noch fortspülen wird: ich bin der Abstand
Zwischen Ja und Nein: und dieser wächst mit jedem Wort
Das hier fällt wie das erste Blatt aus der Krone:
Wie der erste Stein aus der Krone der Schöpfung:
Und im Abstand innen rinnen: rinnen innen
Meine Wesenzüge nicht nur nicht aus
Sondern führen in die Poren
Die sich wie Ohren weiten in den unbeschrittenen Breiten
Wo du noch nie warst und wirst zu mir:
Mit einer letzten entscheidungsfreien:
Entscheidungslosen Geste gebe ich dich dir.