
Von meinem Lateinunterricht in der Jugend ist mir eines in Erinnerung geblieben: die unglaubliche Mobilität der Wörter innerhalb eines Satzes (besonders der Adjektive und Adverbien). Dies vor allem bei den Dichtern: Suche das Adjektiv nicht wie im Deutschen bei seinem Nomen, sondern auch ein oder zwei Verse vorher oder nachher. In besonders schwierigen Texten schien mir das wie die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich hatte kein Verständnis für solche Extravaganzen, die mir von nichts eingefordert oder bedingt schienen – ausser vielleicht dem überkünstelten Zwang oder Bedürfnis, den Regeln eines Versmasses zu folgen.
Bedürfnis nach Entwurzelung
Heute jedoch verspüre ich genau dieses Bedürfnis der syntaktischen, oft auch der lexikalischen Entwurzelung. In jedem Gedicht kämpfe ich heimlich einen Abnützungskampf gegen den inneren Willen, die Bande und Regeln der Sprache abzuschütteln. Mit zunehmendem Alter und mit bald 40-jähriger Schreiberfahrung ist es mir mehr denn je bewusst, dass weder eine chronologische, lineare Gedicht- oder Erzählstruktur noch eine logische und kohärente Sprachgestalt das wiederzugeben, vergessen denn zu spiegeln, vermag, was wir Welt und Wirklichkeit nennen.
Dieses Gefühl ist ein wenig wie die Diskussion um Zufall oder Schicksal. Wie vehement und engagiert habe ich mich in der Jugend in unseren Streitgesprächen für das eine oder andere eingesetzt (obwohl ich eher ein Romantiker war, also das Schicksal, die Vorbestimmung favorisierte). Heute sehe ich klar, es geht nicht darum, diese beiden Wörter gleichermassen für eine logisch erklärbare, wenn auch in letzter Konsequenz der menschlichen Behändigung entzogene Deutung der Wirklichkeit stehen. Wer über Schicksal und Zufall diskutiert, ist in meinen Augen gänzlich auf dem Holzweg.
Schon damals als Jugendlicher begann ich zu verstehen, dass alles zersplittert ist, alles auseinanderfällt – in einem Interview für ein Lokalblatt sagte ich, ich nehme die Welt als von Augenaufschlägen zerschnitten wahr, es gebe nur diese unbeständigen Fragmente, – diese immer wieder auseinanderspickenden Steinchen eines Mosaiks, das wir zusammenzusetzen uns vergeblich bemühen und an dessen Einsicht und Deutbarkeit wir glauben, würde ich heute hinzufügen; doch das Mosaik ist genau in seiner losen, aufgelösten, immer sich selbst zerstörenden und sich stets wandelnden Form ganz und vollständig vollkommen.
Wenn ich an Erzählungen, Romanen oder Texten wie diesem hier schreibe, erfasst mich meist relativ schnell ein leichter Frust. Denn diesen Texten ist eine gewisse Form, eine vorgegebene Lexik, Semantik und Grammatik eigen. Sie zwingen mich zur logischen Folge, zur Chronologie, zur Linearität.
Fallende Verse
Ich weiss nicht mehr, wann in meinen Zwanzigern ich auf «Blanco/Weiss» von Octavio Paz gestossen bin. Es hat mich tief erschüttert. Dieses Gedicht, das in sich mehrere oder ein Gedicht enthält, ist in Farben markiert. Es verfügt über herausfaltbare Seiten. Dieses Gedicht hat mir die Möglichkeit aufgezeigt, die Räume und Irrealitäten, in die ich noch vorstossen könnte.
Ich hatte dieses Gefühl bereits einmal gehabt, bei Majakowskis fallenden Versen; auch hier wurden Regeln (des Lesens, der Lesegewohnheit) durchbrochen, das Gedicht war manchmal ein buchstäbliches revolutionäres Gemetzel, alles drunter und drüber, die Wörter und Bedeutungen fielen pêle-mêle übereinander (her). Diese Zeilenfälle hoben Wörter hervor, liessen sie vor- oder nachklingen, verliehen ihnen die Macht, den Sinn zu wenden.
All die Prozesse, all das Zucken
Egal, wie ich auf die Welt blicke, ob ich auf das Kleine und Innere, das Unmerkliche, oder auf das Grosse, Ganze, das Hyperobjekt schaue, – immer scheinen zwei Reaktionen möglich: die erstaunte Verzweiflung darüber, diese Vorgänge und Geschehnisse weder einordnen noch fassen zu können einerseits, und das verzweifelte Erstaunen darüber andererseits, wie tief und eingehend diese Geschehnisse und Vorgänge vernetzt und verkettet sind, sodass eine Schilderung und Abbildung in herkömmlicher Form nur eine Lüge sein kann.
Um dem, was geschieht und wahrgenommen wird, was für innere Abläufe auf die äusseren Vorkommnisse antworten (und umgekehrt!), gerecht werden zu können, scheint sich mir mit zunehmender Schreiberfahrung nur noch eine ähnliche Auflösung der Textstruktur, ihrer Kohärenz und Folgerichtigkeit als Lösung anzubieten.
Dabei bedingt der Eindruck von der Gleichzeitigkeit aller Prozesse die Gleichzeitigkeit der Wörter. So stelle ich mir das Gedicht manchmal als eine Art riesige, unendliche Liste oder Aufzählung vor; eine Liste jedoch, die nicht nach- oder untereinander reiht, sondern parallel, auf gleicher Höhe, gleichberechtigt und gleichzeitig aufführt und ausspricht.
Gleichzeitig empfinde ich dieses schöpferische Zucken, sobald ich auf etwas Inneres oder Äusseres stosse, als eine Aufforderung dazu, dieses Zucken und Reizen in einem Mal, ohne Zeitverlust und ohne Raumverlust zu rapportieren, protokollieren, in Sprache zu bannen. (Dass dies ein unmögliches Unterfangen ist, macht es nur desto notwendiger und dringlicher.)
Kreise schliessen
Und in diesem fortgeschrittenen Schreibalter, in dem ich mich befinde, sehe ich nicht nur um mich lauter konzentrische Zuckungen und Reize auf dem Spiegel meiner Wahrnehmung und in dem Brunnen meiner Gedichte, sondern erkenne, wie sich Kreise schliessen: zuerst jener, der die Vielfalt innerer Stimmen in das Gedicht hineinholt; jetzt also jener, in dem ich versuche, mindestens zwei Ereignisse (Träume und/oder Wirklichkeit) in einem Gedicht gleichzeitig auszusprechen, auszudrücken, zu beheimaten.
Anders gesagt: ich beginne das Gedicht immer mehr wie ein Gemälde zu bauen – etwa jenes von Giotto, das den Einzug Jesu in Jerusalem zeigt, wo ein Mann zwei- oder dreimal dargestellt wird, während er seinen Mantel erst auszieht, dann ausschüttelt, um ihn schliesslich vor den Füssen des Eselfohlens auszubreiten.
Ich beginne das Gedicht immer stärker wie eine Partitur zu begreifen, in dem die verschiedensten Klangfarben, Tonhöhen, Tonarten und Akkorde gleichzeitig und ungehindert aufeinandertreffen.
Und komme so, wie ich hoffe, der Abbildung, der Spiegelung menschlicher Zustände und der vielbelebten Welt einen weiteren Schritt näher.



