Ein Freundschaftsgedicht (Nikki Giovanni)

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Wir sind nicht Liebende
Weil wir Liebe
machen
Sondern weil wir Liebe
Haben

Wir sind keine Freunde
Weil wir Lachen
Verschwenden
Sondern weil wir Tränen
Sparen

Ich will dir nicht nahe sein
Wegen der geteilten Gedanken
Sondern wegen der Worte die wir nie
aussprechen müssen

Ich werde dich nie vermissen
Wegen dem was wir tun
Sondern wegen dem was wir
Zusammen sind

(Übersetzung O. Füglister)

Gubaidulina

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Brummen kaum
Anwerdendes Nachmittagskauen
In die halbe Wachheit des Zorns
Ein Rachen harschen Schnees
Und das Bisschen nichtswürdiger Saiten
Unbegründete Sanftmut
Meineidige Vergangenheit
Stabilisiert in den Toren von Salamanderkehlen
Pfotenweiche Sättel
Auf den aufgeschobenen Käfigen
Von Drohungen und Beschleunigungen
Inmitten von nirgendsfüssigen Koriandergebeten
Am grundlos absteigenden Wall der Gleichmut
Und erwarteten Unterdrückung
Ratten von Ketten kaum
Über den ausgeborenen Nachmittagskefen
Sirrende Gegenwart aus nussigem Unterwurf
Das anfängliche Mähen von Bergkerben
Unter den angewandten Zapfen aus Zahl und Verständnis
Pfeifende Selbstverwendung im Angesicht des fallenden Reihers
Söldner-Geplänkel im Abschatten der Würde
Die soliden Fähigkeiten der Menschen ohne Kindreste
Ein Fisteln kaum
Inmitten der verhärteten Wurzeln
Ein aufprallender Aufklang der Freude.

Anfangen

Während mein Kind auf dem Pfad vor mir hergeht, sich unter Zweigen hindurchduckt oder sie beiseite schiebt, dass sie mir ins Gesicht peitschen, – wenn es sich umdreht, weil ich rufe, sehe ich den kindlichen Eifer und Ernst in seinem Gesicht und lächle ihm zu, bemüht, meinen Zügen Stolz und Ehrfurcht zu nehmen, – im Boden die saugenden Geräusche unserer Schuhe, kein Vogel, der Nieselregen langt nicht bis hinunter ins Dickicht, denke ich ans Anfangen, ans Weiterführen. Immer wieder setzt man neu an, spitzt die Lippen, schärft die Feder, und läuft ins Leere, als wäre man blind, wie in einem Märchen vom eigenen Weg abkommend, findet man im Unterholz unzählige fremdländische, weil unbekannte Blüten, die einem den Weg nehmen, wie jetzt meine Tochter vorne sich über eine Weinbergschnecke beugt, die auf einem Stein mitten im Schlamm sitzt, ich will weiter, doch sie will „noch ein wenig schauen“, hingekauert, in ihrer roten Regenjacke, obwohl die Schnecke sich nicht bewegt, ich erzähle ihr vom aus dem Meer geretteten Marienkäfer mit den neun Punkten, wie ich ihn im schon kühlen Abend auf meiner Hand getragen, er breitete mehrfach die verklebten Flügel aus, um plötzlich, ich stiess einen Schrei des Erstaunens aus, aufzufliegen, in einem taumelnden Flug, doch kam er nicht weit, eine tief fliegende Schwalbe schnappte nach ihm, keine zwei Meter über dem Asphalt des Weges, mein Kind und ich lieben solche Geschichten fast mehr als alle Prinzessinnenbefreiungen, endlich sind ihm die Windungen des Schneckenhauses verleidet, wir beginnen wieder mit dem Aufstieg, so scheint mir, vom Kauern schmerzen mir die Knie, das Anfangen, führe ich meinen Gedankengang fort, diesmal geht das Mädchen direkt vor mir, ich helfe ihr, da der Weg noch rutschiger wird, ist immer von einer erschreckenden Leichtigkeit, den ersten Schritten ins Feld hinaus, in einen herbstlichen Wald hinein zu vergleichen, bald erfasst einen die Sprache und führt einen sicher (wie man glaubt) auf schwierigem Pfade (ebenfalls ein vermutlich irriger Glaube) durch das Geröll und Geschiebe des eigenen unformulierbaren Wesens und Denkens, Sofia freut sich schon auf die Schokolade in der Hochmatt, doch unverhofft stellt man fest, dass der Weg sich verengt oder sich verliert, nur noch dichtestes Dickicht, man wendet sich um und kommt auf seinen eigenen Schritten zurück, und ich gestehe mir die Schönheit dieses Umkehrens, dieses Zurückkommens ein, wir gehen jetzt auf einem gelbkiesigen, breiten Weg, hoch oben breiten die Buchen ihre ausgedünnten Arme aus, ich liebe diesen weiten Wald, der mich immer an eine Halle in einem Tempel denken lässt, und hier ist das Licht unverhofft fast grell, trotz des trüben Tages jenseits des Walds, entspricht dem gelblichen Ton des Wegs, Sofia erzählt von der Entstehung des Regenbogens, wo er anfängt, wo er endet, was sehr wichtig zu wissen sei, wie sie mir erklärt. Wenn man einmal anfangen könnte, denke ich mir, diesen Anfang fortzuführen und zu lenken fähig wäre! Selbst unsere eigenen Gedanken entfliehen uns, mehr noch als die Wörter, die sich in Metaphern verderben, und schon sind wir bei den Eseln, die Sofia mit ihren heftigen Bewegungen und ihrem Rufen erschreckt, sie trotten wieder weg, enttäuscht in ihrer Neugierde. Einmal stehen wie diese Tiere hier, im Regen, auf drei Beinen, das linke Hinterhuf nur mit der Spitze im Schlamm, die Ohren, den Schwanz bewegen nur wenn nötig, sage ich zu meinem Mädchen, in der Menschenleere, denke ich mir dazu, das jetzt aber den Weg erkannt hat und losstürmt, ich folge ihr mit pendelnden Armen, gerne wäre ich noch ein wenig bei den Eseln gestanden. Die österreichische Serviertochter schäkert bereits mit Sofia, ich hänge unsere nassen Jacken an die Heizung… Einmal anfangen und dort enden, wo das Ende liegt…

(Biel, 28.09.2007)


(Bild von Ralph auf Pixabay.)

Ein Gedicht schreiben: Träumen

Was heisst es zu träumen? Es ist die kreativste und konzentrierteste Form von Leben. Schon als Kind und Jugendlicher war mir die Macht der Fantasie, die Kraft aus Kompilation und Aleatorik dringlich bewusst. Auch wenn ich mich immer wieder über die Lächerlichkeit oder den kindischen Humor meiner Träume wunderte, wanderten viele ihrer Bilder in meine Gedichte.

Die Macht dieser Bilder, die mehr als Metaphern oder Sinnbilder zu sein scheinen, in Worte um zu setzen, ist jedoch möglich: Sobald sie in die Aussenwelt, in die dingliche Wirklichkeit befördert werden, wird ihre Undinglichkeit und Innerlichkeit – eben noch ihre eigentliche Wirkkraft – zu einer Schwäche. Farblos, wie angehauchtes Spiegelglas erscheinen sie dann, und selbst du hast nur noch Spott für sie übrig, wenn auch einen mit Trauer und Mitgefühl gewürzten Spott.

Doch selbst in den Träumen, die dich abwerten, ja buchstäblich entblössen – wenn du nackt vor einer Schulklasse stehst -, bist du dir dieses anderen Lebens in dir stark und motivierend, antreibend bewusst: da wirkt in dir ein Mechanismus, eine Art Maschine, die aus deinem Aussenleben, deinem «aktiven Leben» sowohl eine Traumwandelei als auch einen neuartigen Referenzrahmen schafft.

Selten nur kann es mir gelingen, diese im Traum erfahrene «Umwertung der Werte» und Bedeutungen in einem Gedicht oder in einer Geschichte zu wiederholen oder bewahren. Doch wenn es mir gelingen soll, wenn ich diesen überwältigenden surreal-surrealistischen Eindruck «kopieren» oder «nachahmen» soll, so benutze ich zwei hier bereits genutzte Verfahren aus dem Traum: die Kompilation und die Aleatorik.

Mit der Kompilation meine ich folgendes: Während einer mehr oder weniger langen Vorbereitungszeit für ein Gedicht oder einen Text sammele ich wahllos Wörter und Resonanzen, Zitate und Referenzen, Begriffe und Eindrücke, die mit dem vermuteten «Thema» oder «Inhalt» des Gedichts nur entfernt oder mittelbar in Bezug stehen. Ich verhalte mich also ein wenig wie die sprichwörtliche Elster, die alles Glänzende und Leuchtende zusammenträgt und -stiehlt.

Ein unkundiger Sammler, der noch keine Kriterien gefunden hat für sein Schauen und Erkennen, für seine Leidenschaft, wie es im ersten Moment (und auch manchmal noch im fertigen Gedicht) scheinen mag.

Im zweiten Schritt meiner Arbeit schalte ich den Zufallsmoment ein: was ich am Anfang dieses Textes die Aleatorik genannt habe. Doch handelt es sich dabei nicht um die von den Surrealisten so geliebte «écriture automatique», das automatische Schreiben. Denn selbst wenn ich die Verse nicht lenkte und die Wörter «von alleine» ihre Verbindungen und Referenzen finden lasse, so behalte ich doch einen Eindruck, eine Stimmung oder Haltung oder eine Landschaft im Auge, die darzustellen ich mir vorgenommen habe.

Würde ich ganz «automatisch», also quasi «maschinell» vom Zufall gelenkt schreiben, entstünde ein Gedicht, das von der Sprache und vielleicht von meinem Unterbewusstsein geschrieben worden ist; ein Gedicht, das mit meinem Aussenleben, meinem Lebensausdruck und -gefühl vermutlich kaum mehr etwas gemeinsam hat.

So aber, in einem halb bewussten, kontrollierenden Schreibmodus schaffe ich im besten Fall in der Kompilation und der Aleatorik, die ich meinen Träumen entlehne und/oder stehle, eine Art Traumbild – genauso uneindeutig/eindeutig, fremdländisch/befremdlich, unverständlich/verständlich, hier-und-nicht-hier wie ein Traum oder ein Träumen.

Wie ich Gedichte lese

Um die Lektüre von Gedichten ranken sich unabwendbare Klischees und unausweichliche Missverständnisse – ebenso wie um die Interpretation oder Deutung von Gedichten. In diesem kurzen Blogeintrag will ich damit Schluss machen. Hier handelt es sich also um ganz und gar parteiische und subjektive Vorschläge.

1.    Lies das Gedicht immer laut

Bitte lies das Gedicht immer laut. Ein Gedicht, das du nicht laut lesen kannst, ist kein Gedicht. (Das gilt nicht nur für konkrete Poesie, sondern auch für die verkopfte Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum.) Du kannst es natürlich auch nur flüstern, aber am Besten ist es, wenn du ihm deine ganze Stimmkraft verleihst. Das kannst du im stillen Kämmerchen tun oder aber im Kreis deiner Liebsten, die du damit herrlich terrorisieren kannst. (Bald kannst du das Vortragen oder Vorlesen eines Gedichts als Droh- und Druckmittel einsetzen!)

Achte darauf, dass du jedes Wort deutlich aussprichst. Achte auf jeden Vokal, sprich auch die Vokale deutlich aus. Gib ihnen Farbe, indem du sie längst oder kürzt. Gerade die Vokale sind das Herz jedes Gedichts. In Kombination mit den Konsonanten (in Fällen von Alliteration) beginnt jedes gut geschriebene Gedicht zu singen.

Ach ja, und versuche zu singen. Versuche zu erkennen, ob das Gedicht verschiedene Stimmen oder Stimmungen beinhaltet oder wiedergibt. Passe deine Stimmlage diesen Impulsen an.

Du wirst bald merken, dass damit auch deine eigene Ausdruckskraft wächst.

(Nebenbemerkung: versuche, Autor*innenlesungen ohne Schauspieler*innen zu meiden. Die Autor*innen sind meist nicht in der Lage, ihren Gedichten Stimme zu verleihen. Nur im englischsprachigen Raum gibt es – auch Spätfolgen der Beat-Revolution – wirklich Leser unter den Autor*innen. Und wenn du doch auf eine Autor*inlesung gehst, brich deine Zelte sofort ab, wenn es sich um eine «Wasserglas-Lesung» handelt; die Autor*in also hinter einem Tisch versteckt ist, ein Glas auf dem Tisch steht und alles im sicheren Bereich läuft.)

2.    Lies keine Gedichte aus der Zeit vor 1900

Und versuche dich nicht zuerst an klassischen deutschen Gedichten wie «Erlkönig» – die vermitteln dir nur einen ganz und gar falschen Eindruck von Gedichten. In solchen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert begibst du dich in eine Art «Brockenhaus», in ein mittelgut gepflegtes Antiquariat. Lass Göthe, Schiller und die Biedermeier-Konsorten hinter dir. Steige gleich mit den Expressionisten ein: von Hoddis, Trakl und vor allem (immer wieder) Gottfried Benn.

Denn du bist ja nicht ein Bewohner des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren entstand die moderne Lyrik, die mit Brentano und Novalis gewiss schon ihre ersten Zuckungen erlitten hatte.

3.    Lerne lauschen und lies das Gedicht immer wieder

Und lies ohne Hemmungen, querbeet. Lerne auf Töne, Stimmen / Stimmungen und Metaphern lauschen. Lasse sie auf dich wirken, indem du das Gedicht probeweise immer wieder liest. Schmecke das Gedicht ab, verkoste es.

Lass es dir von anderen vorlesen, lass es von anderen probeweise für sich entdecken, und du lauschst auf ihre Intonation und ihren Ausdruck, ihre stimmliche Reaktion darauf.

Grabt gemeinsam (oder allein) nach den Wörtern, die euch oder dich berühren (lautlich und auf der Ebene der Sprache, in Metaphern).

4.    Höre nicht auf, wenn du nichts verstehst

Beim Gedicht bist du nicht verpflichtet, etwas zu verstehen. Lege deine Vernunft oder Vernünftelei ab. Stelle dir vor, du bist bei einem guten Freund*in eingeladen und kostest einen guten Wein oder ein speziell für dich gekochtes Gericht. Denn in die Gedichte, die du liest, sind viel Energie und Lust geflossen.

Versuche nur sprachlich zu ergründen, zu erfühlen, was im Gedicht geschieht. Denn in Gedichten geschieht viel nur auf der Ebene der Sprache, nicht auf der Ebene der Logik.

Mir geschieht es oft, dass ich ein Gedicht sehr mysteriös finde, keinen Anhalt finde, aber wenn ich es zu «geniessen», abzuschmecken beginne, erwecke ich sehr viel in mir (und in ihm).

Und natürlich passiert bei einigen Gedichten nichts. Dann legst du das Gedicht (und häufig auch den Lyriker*in) weg, um nicht mehr (oder sehr viel später) wiederzukommen. Denn ich garantiere dir, dass dir der Lyriker*in nichts sagen wird – oder eben, erst viele Jahre später.

5.    Lies in fremden Sprachen

Und scheue nicht vor französischen, englischen, amerikanischen, brasilianischen, herzegovinobosnischen Gedichten zurück. Insbesondere der englische Sprachraum bietet einen guten Einstieg für Gedicht-Neulinge, weil die anglosächsische Poesiewelt mehr vom Erzählen als vom Ziselieren hat als die deutschsprachige hat. Auch hier: suche dir moderne Autor*innen!