Jahresrückblick 2025

Wenn du schreibst, ist jedes Jahr ein Scharnier-Jahr. Manchmal geschieht vieles in kleinen Schritten; in Tritten und Stufen, die du scheinbar mühelos überwindest. Hin und wieder aber gibt es diese Momente in deinem schöpferischen Prozess, die dich unverhofft viel weitertragen.

Das vergangene Jahr ist reich an solchen Momenten. Sie geben mir Zuversicht, „dranzubleiben“, „weiterzumachen“.

Das Jahr 2025 beginnt eigentlich schon im Dezember 2024. Im Schreiben eines (erfolglosen) Antrags an die Literaturkommission beider Basel habe ich mehrere Dinge erlebt oder festgestellt. Davon will ich nur zwei erwähnen: Ich kann geduldig und ausdauernd an der Verbesserung eines Texts arbeiten, der eine vielköpfige Jury anzusprechen hat; ich erkenne, wie reich meine literarische Erfahrung schon ist, indem ich einen literarischen Lebenslauf erstelle. Mit diesem Bewusstsein starte ich ins Jahr: Ich bin ein Autor, mein Talent ist die Sprache, das Erzählen. – Ich werde im Lauf des Jahrs weitere Anträge stellen; den letzten wiederum diesen Dezember 2025 – für den aktuellen Roman „Nagelprobe“.

Ausdauer und Geduld auch mit meiner ersten Novelle. „Ne me quitte pas“ heisst sie nach einem von Brels berühmtesten Liedern. Es handelt sich dabei im buchstäblichen Sinne um Autofiktion: ich schildere (nicht zum ersten Mal) meine erste, unerwiderte Liebe. In dieser Geschichte, die ich gerne im Frühjahr 2026 publizieren möchte, verwebe ich drei verschiedene Ebenen miteinander – und verneige mich vor meinen grossen Vorbildern Dazai und Ramuz: Dazais Geschichte «Hundert Ansichten des Fuji-sama» spiegle ich in einer Rahmenhandlung, in der das «erzählende Ich» zusammen mit einem Freund just im Restaurant / Gasthaus «Tenka Chaya» auf dem Misaka-Pass wohnt; Ramuz’ Ehrlichkeit spiegle ich in der Liebeserzählung: einfache Sätze, nachdenklicher Ton; meiner derzeitige Liebe zu Isekai-Mangas und -Animes gebe ich nach, indem ich die Liebeserzählung mit drei Geschichten aus «Anderwelten» verflechte, die sich alle um gelungene oder misslungene Liebesbeziehungen drehen.

Ein weiterer Meilenstein ist mein ONO-Auftritt im Februar 2025. Im Rahmen des dortigen Lese-Sessels trage ich meinen ersten Prosatext überhaupt vor Publikum vor, bei dem es sich zudem noch um eine Sex-Szene handelt.

Aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Yijing und dem Taoismus entsteht im Laufe des Frühjahrs 2025 ein neuer Zyklus. Wie er heissen wird, ist derzeit noch nicht klar. Ich stelle den Zyklus im Mai 2025 fertig. Es handelt sich dabei um 64 Sechszeiler, 14 Vierzeiler und 2 Langgedichte, die in einer komplexen Struktur miteinander verflochten sind. Das Herz des Zyklus sind die 64 Sechszeiler, die von den 64 Orakel-Tetragrammen inspiriert sind, sie spiegeln und erweitern.

Dieser Gedichtzyklus ist für mich ein riesiger Fort-Schritt. Ich gebe darin meinem Bedürfnis nach, die Sprache hinter mir zu lassen. Dabei missachte ich sowohl die Semantik als auch die Grammatik. Wörter ersetzen Sätze, Wörter werden Dinge. In einer extremen Dichte komprimiere ich Weltsicht und Weltgefühl. So sehr, dass es sich dabei fast um eine Geheimschrift handelt. Ich bin sehr neugierig, wie ich diese Gedichte vortragen werde!

Aus einem Traum geboren, entsteht seit Juni ein neuer Roman. Er trug zuerst nur den Titel «Engadiner Roman», heisst inzwischen offiziell «Nagelprobe». Seine Entstehung, sein «zu-mir-kommen» hat mich überrascht. Die Dringlichkeit, diesen Anfangsimpuls umzusetzen, war sehr hoch. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Romanen wie «Von keinerlei Bedeutung» finde ich von Beginn weg eine belletristische, einfache Stimme – und ironisiere das eigene Leben, in dem ich dem Ich-Erzähler meinen Namen gebe. Überhaupt: dass ich nach «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen» (2023/24), in dem ich just am Ich-Erzähler gescheitert bin, «aus heiteren Himmel» einen neuen Versuch starte, der diesmal gelingt, beglückt mich sehr. Dieser Roman nimmt meine Schreibzeit den Rest des Jahrs fast ganz in Anspruch. Derzeit befinde ich mich im 24. Kapitel, ungefähr auf Seite 170.

Parallel zur täglichen Schreibarbeit am Roman überarbeite ich lange schon lektorierte Gedichte, die aus den Jahren 2016 und 2017 stammen. Ich hatte sie vergessen oder verdrängt, entdecke sie im Herbst 2025 neu. Daraus entsteht mein Gedichtband im Eigenverlag namens «Es ist soweit», den ich im Oktober anlässlich von «Züri liest» präsentiere. – Die Gedichte erweisen sich als wirksam, als stark. Erstmals trage ich sie auswendig und frei vor. Ich fühle mich ermächtigt und stark. Die Rückmeldungen überzeugen mich nachträglich davon, dass die Publikation eine gute Entscheidung war. – Eine zweite Lesung im ONO-Lesesessel im Dezember bestätigt meinen Eindruck. Die Gedichte sind gute Gedichte.

Von diesem Erfolg angespornt, nehme ich einen alten Gedichtzyklus wieder hervor. «Meine russischen Verse» ist in meinen Augen eine Sammlung von 134 «Jugendgedichten». Ich nennen sie hier «Jugendgedichte», weil sie eine Vorstufe zu meiner «erwachsenen» Phase darstellen, die mit «Jahr dazwischen» (2017) beginnt. Diese «Jugendgedichte» stammen aus den Jahren 2004-2011. – In einer radikalen «Relecture» lese ich einen Satz pro Gedicht heraus; Sätze, die mir auch heute noch gut und wichtig scheinen. In einem weiteren Schritt wähle ich je 10 Sätze für ein komprimiertes Langgedicht aus; so entstehen 13 Langgedichte. Ich gebe ihnen den vorläufigen Titel «Wiederaufbereitungsanlage». Ich befinde mich derzeit in der Überarbeitungsphase dieses Gedichtzyklus.

Angestossen vom Austausch mit meinem Mentor (wie ich ihn bei mir nenne) Thomas Kunst beginne ich in der persönlich schwierigsten Zeit meines Jahres, im Dezember, im Kriseninterventionszentrum der UPK mit einem ersten Sonettenkranz. Diese 14 resp. 15 Sonette drücken meine Gedanken aus, die ich im Austausch mit Thomas gewonnen habe. Es ist eine Art Beschwörung der Demut und Einfachheit. Der Titel dieses Gedichts ist «Lass es sein». – Und wie häufig in solchen Fällen, löst dieser erste Versuch weitere aus: diese Woche beginne ich mit einem weiteren Sonettenkranz, den ich vorerst «Weihnachtssonette» nenne. Der Impuls stammt aus Geschichten von Silja Walter, die mich in ihrer biblischen, bildhaft-konkreten Sprache unglaublich gepackt haben – eine unbedingte Lese-Empfehlung, eine Wieder-Entdeckung für mich.

Und jetzt bin ich wieder am Warten: am 15. Dezember habe ich fristgerecht meinen dritten Antrag in Folge bei der Literaturkommission beider Basel eingereicht. Ich habe einen Werkbeitrag von 12’000 Franken beantragt, was mir eine dreimonatige Schreib-Auszeit ermöglichen würde. Mal schauen, ob die Jury diesmal erkennt, dass hier jemand schreibt, der gefördert werden sollte. Daumen drücken ist angesagt!

Was bringt das nächste Jahr?

Wenn nicht den Werkbeitrag, so sicher das Ende des Romans „Nagelprobe“ (April 2026). Danach steht Überarbeitung an. Und natürlich weitere Geschichten: einige warten schon länger auf ihre Entstehung! So eine Geschichte über die Rückkehr eines Schweizer Söldners in sein Heimatdorf. Die Geschichte ist nur in Dialogform gehalten, fast ein Theaterstück; sie spielt im späten 17. Jahrhundert.

Was lyrisch passieren wird, ist derzeit noch nicht klar. Ein Zyklus ist nicht in Planung, meine Prosa-Arbeit braucht aktuell alle meine Schreibzeit auf.

Sicher aber sind einige Publikationen und hoffentlich damit verbundene Auftritte: der „Yijing-Zyklus“ und die „Wiederaufbereitungsanlage“ sollten im Frühjahr bzw. Herbst wiederum im Eigenverlag publiziert werden; ich hoffe auch, die Novelle „Ne me quitte pas“ im Frühjahr zu publizieren.

Todesangst

Mein Sohn fürchtet den Tod.
Ohne Vorwarnung
Bricht der Schrei aus ihm heraus:
Nicht wie Sirenen in Friedenszeiten.

Mein Sohn ist in meinen Armen.
Sein Körper zittert und windet sich
Wie eine Muschel unter dem Zitronentropfen.
Ich musste hell auflachen über seine Angst:
Abwehr und Sorge in einem. Ironie
Schäumt in meiner Kehle wie heller Schmerz.

Hier helfen keine Worte.
Und doch braucht mein Sohn
Jetzt Worte. Meine Hände auch
Die über seinen Rücken streichen.

Mein Sohn fürchtet sich nicht wirklich
Vor einem Meteoriten
Der die Erde treffen könnte und alles Leben darauf
Auslöschen. Er fürchtet vielleicht nicht einmal
Seinen eigenen persönlichen Tod.
Niemand Lebendes kann sich den Tod vorstellen.

Ich sage: «Wir Menschen sind Lebewesen
Die um ihren Tod wissen können.
Eine Ameise: eine Forelle: ein Rotkehlchen
Glaube ich leben wie Kinder:

Für sie ist das Leben unendlich
Fast ewig. Ich stelle mir vor
Sie sind wie Kinder ihr ganzes Leben
Und plötzlich sterben sie. Dann sind sie tot.
Vielleicht geht es sogar den grossen Tieren so:
Löwen: Bären: Walfischen.

Und ich sage: «Ich finde es gut
Dass du an den Tod denkst.
Das gehört dazu
Um ein Mensch zu werden.»

Aber mein Sohn hat Angst vor dem Tod.
Jetzt hat er Angst davor. Ich muss ihm sagen
Dass ich keine Angst davor habe.
Ich versuche ihm mit Zahlen zu helfen.
Er ist 12 und ich 47. Wenn er nur so alt wird wie ich
Wieviele Jahre wird er dann noch mindestens zu leben haben?

Mein Sohn findet heraus: 35.
Das ist fast dreimal seine jetzige Lebensspanne.
Langsam beruhigt er sich und schmiegt sich an.
Ich denke an meine nächste Operation.

Ich denke mit meinem Sohn im Arm
An meinen Grossvater
Der im Dementenheim endlich mit 97
Ausgelöscht ist: Er kann gar nicht sterben
Denn in all den Erinnerungen ist er jung und
Krakeelt und hat uns Enkel in seiner rauen Art gern:

«Der Rabe sitzt ab. Der Rabe fliegt auf.»
Ich hänge die Todesanzeige für ihn gut sichtbar in der Küche auf.
«Ich weiss auch nicht wie es sein wird aber ich finde es gut
Dass unser Leben ein Ende hat» sage ich nach langem engen Schweigen.

Ein Gedicht schreiben: Das Werk eines Augenblicks

Sehr ungern und äusserst selten arbeite ich ein zweites Mal an ein und demselben Gedicht. Ich schreibe das Gedicht in dem Moment, da ich es schreibe. Stimmt es dann, ist es gut. Stimmt es dann, wird es später auch stimmen.

Ich beginne meist langsam, zögernd, tappend. Vorsichtig, vorsichtig. Denn noch gibt es viel zu zerstören, da es noch nichts gibt. Und allmählich entwickelt sich aus diesem ersten Klecks, diesem ersten Punkt A eine geschwungene, gerungene Linie, die vielleicht zu einem Punkt B führt. Aber in Tat und Wahrheit geht es nicht um den Punkt B. Es geht um die Wellenform der Linie, das Auf und Ab der Haltungen, Tonalitäten, Schwingungen, Assoziationen. Genauso wenig, wenn auch regelmässig von Leser*innen erwartet, geht es um eine Aussage, eine Botschaft. Die liegt in der vibrierenden, bebenden Linie. In dem augenblicklichen Geschehen: Hier sitze ich und schreibe, und alles andere kann mir gestohlen bleiben und ist vollkommen belanglos und unnütz.

Dann schliesse ich das Heft. Selten nehme ich es nochmals zur Hand, um eine Geste darin zu verstärken oder zu nuancieren. (Nie jedoch, um sie abzuschwächen.)

Damit sind alle meine Gedichte Momentaufnahmen, Daguerreotypien: verrutscht und verwischt manchmal, immer aber so echt wie möglich in der Lebenshaltung, die mich gerade bestimmt und auf die ich mich einstimme, während ich schreibe.

Es ist also ein kurzes, heftiges Handwerk, ein Wirken am schnell erkaltenden Stoff des Lebens. Ich bin kein Tüftler, der ein Gedicht in einem Monat schreibt und sich lange wiegend und abwägend mit Metren und Reimen und anderen Künstlichkeiten befasst. Ich schreibe als Ausdruck meines Lebens. Ich habe kein Bedürfnis, etwas anderes auszudrücken oder zu sagen als mich. Es interessiert mich ganz und gar nicht, irgendwelche Sachgedichte zu schreiben, die symbolisch politisch wirken. Es interessiert mich nicht, irgendwelche heiteren Gedicht-Klabautermänner zu fabrizieren, die mit Sprachspielen entzücken sollen.

Ein Gedicht ist wie eine Seite aus einem Tagebuch, das ich nicht schreibe. Heute anders als morgen und gestern anders als je.

Holbeinplatz 2

Bin wieder hier und erfahre
Wie es für die Spatzen ist
Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst
Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt
So wie dir am Gedicht: für sie
Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist
Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als
Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen –
Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden
Und die Bäume sind gut gegen den Regen
Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel
Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn
Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz
Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen
Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter
Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten
Und immer wird es plötzlich still
Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt
Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads
Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress
Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf
Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf
Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach
Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte
Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz
Seine Lippen kauen an Gedanken
Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt
Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen
Hier ist so selten – denn niemand ist
Da ausser der Held und ich
Kann wirklich nicht sagen
Wie schwer es ist
Diese Leidenschaft auszuhalten
Die niemand teilt.

Eine Leidenschaft, mit der ich allein lebe

Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»

Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.

Das sind schon zwei

Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.

Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.

Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.

Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.

Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.

Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.

Eine bittere Bilanz also?

Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!

Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!

Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.

Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.

Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.                                                                                                        

Stand-Alone-Complex

„Der Wald in meinem Rücken“ – mit Dank an CisseAndebo für die Fotografie

«Wir gingen mit der Oma immer tiefer in den Wald…»
(Venedikt Erofeev, Moskau-Petuschki)

Dickicht ist eines meiner poetischen Lieblingswörter. Es wäre das erste, was ich in meinem immer für später geplanten «Wörterbuch der Poet*in» erarbeiten würde. Es ist gleichzeitig auch ein sehr einfaches, eines, das sich jedem und jeder sogleich erschliesst: Bedeutet es doch ein Durcheinander, ein Nicht-durchkommen, ein Versperrtsein, eine Unübersichtlichkeit, aber auch die Kraft und Fantasie der Vegetation, die für den menschlichen Verstand planlos erscheint, jedoch «ihre eigenen Wege» hat. Andere Wege als die menschlichen, die scheinbar planvollen.

Und dass ich dabei das Wort «Vegetation» schreibe, schliesst sich an die Macht von «Dickicht» an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein «eigenes» Wort, das «mir gehört». Es ist dem Meister Gerhard Meier entlehnt. Ich weiss nicht mehr, in welchem Kontext er es verwendet, nehme aber an, in dem Interviewband mit Werner Morlang («Das dunkle Fest des Lebens»). Dabei wertet er das «Vegetative» zugunsten des (menschlich) «Aktiven» auf; wiegt also das «Werden» auf gegen das «Machen».

Mit diesem Grundsatz wurde mir klar, wie sehr ich selbst «vegetativ» agiere (so paradox vor obigem Hintergrund diese Aussage scheint): Sehr viel von dem, was ich zu Papier bringe, entsteht unter der Humusschicht meines aktiven Denkens und Handelns, steigt in einem allmählichem Reifeprozess durch die dünner werdenden Schichten der fruchtbaren Schwarzerde auf und beginnt am Sonnenlicht des Erkennens (aber meist noch nicht oder niemals Begreifens) zu spriessen und wachsen, zu «bersten» (wie Meier das von den Knospen gesagt hat).

Der Prozess poetischen Wachstums hat viel mit dem Spruch von Dr. Cottard in «In Swanns Welt» zu tun: «Laisser venir» – nicht drängen und dringen, sondern werden lassen, sozusagen «machen lassen».

Stand – Stehen

Fast sieben Monate schreibe ich nun bereits an dem Roman namens «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen». Seit dem Anfang beunruhigt und verunsichert mich der Umstand, dass ich diesen Roman in der Ich-Perspektive verfasse. (Demnächst muss ich wirklich einen Post darüber schreiben, ich vergesse immer, dass ich noch keinen dazu geschrieben habe. Das zeigt auch an, wie sehr ich mich mit dem Thema der «Ich-Perspektive» schwer tue und mich sogar davor scheue, darüber zu schreiben.) Dass ich den Roman von der handelnden Person erzählen lasse, hat seine Gründe: Immerhin begibt sich der Protagonist auf die Suche nach seiner Tochter, und das kann ich sehr gut nachvollziehen, fühle mich also geradezu berufen, ihm meine Stimme zu leihen. (Auch wenn es nicht meine Stimme ist, sondern seine. Sagen wir einfach mal: Ich kann mich schon mal ganz gut mit der Person des Protagonisten «identifizieren».)

Doch weichen wir nicht ab vom Thema: dem Stehen im Text.

Ein Text hat immer eine grundlegende Funktion, von denen die meisten Autor*innen, soweit ich das sehe, selten sprechen, wenn sie von ihrer Arbeit reden: Der Text muss dem Autor*in selbst Halt bieten können. Will heissen, er muss der Autor*in nicht nur glaubwürdig erscheinen, denn vorerst wird es nur ihr / sein Blick sein, der auf den Text fällt. Der Text muss der Autor*in eine Art «Anlehnfaktor» bieten, vielmehr: einen «Dreinlehnfaktor».

Ein Beispiel?

Wie oft schon habe ich ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte abgebrochen oder nicht «weitergesponnen», weil ich entweder nicht an den «Wirklichkeitswert» (oder -gehalt) des Textes geglaubt oder aber seinen «Bodengehalt», wenn man so will, seine «Bodenhaftung», seine Verankerung in meiner eigenen Ideen- und Sprachwelt nicht mehr erkennen oder auffinden konnte. Das sind meist Texte, die ich mit grossem Enthusiasmus aufgrund ihrer Idee beginne, dann aber den Halt darin verliere.

Das ist eine Grundangst meines Schreibens: den Halt verlieren. Diese Grundangst steht vor dem Hintergrund konventioneller Vorurteile gegenüber Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die ich als Schweizer mit der Muttermilch aufgesogen habe: «Das sind doch alles Lebenskünstler*innen, die tun ja gar nichts Wirkliches, die lügen sich und uns ja nur in die Tasche, die sind nur zu faul, was Richtiges zu tun und arbeiten.»

Ich habe das mal als «die Angst vor der eigenen Lebenslüge» beschrieben: Du gibst dich der Illusion hin, dass deine so genannte «Berufung» wichtiger ist als dein eigentlicher «Beruf». Aus dieser Angst wagst du dann keine wirklich ernstzunehmenden Versuche, dieser Illusion durch Arbeit und Kreativität zu Geltung in deinem Leben zu verschaffen. Und wenn du es doch tust, bist du viel zu schnell entmutigt und lässt dich ablenken von deinem Vorhaben. (Story of my life!)

«Den Halt verlieren»[1] heisst also: Im Text nicht die Berechtigung für das Tun zu finden, das du tust.

Alone – Alleine

Denn du bist alleine mit deinem Text. Im Anfang – und vielleicht, wie ich mit vielen Gedichten erfahre, auch am Ende – stehst nur du zu ihm. Er «entstammt» nur dir. Du bist sein «Erstmotivator», sein «Erwecker».

Das ist ein schweres Los. Nicht nur steht deine Berufung auf dem Spiel, wenn der Text nicht «funktioniert», sondern auch deine Lebenszeit, deine Lebensenergie: Hast du, wenn der Text nicht «funktioniert», nicht deine Zeit mit etwas Unnützem verbracht?

Hättest du deine Zeit nicht besser verwenden können – mehr Zeit für deinen Sohn, deine Tochter aufwenden, mehr Zeit in noch bessere Religionsstunden stecken, alles Dinge, die doch weitaus sinnvoller sind als das Schreiben eines Textes?

Ich will es nicht überdramatisieren, dieses «schwere Los». Doch musste man nicht den Köppen richtiggehend einsperren, damit dieser sich an den geschuldeten und versprochenen Roman setzte und daran weiterschrieb?

Du bist alleine mit dem Text. In manchen Fällen sogar «alleine im Text». Und wie ein Vater, der für sein Kind sorgt, trägst du meistens die Verantwortung ganz allein. Denn gegenüber einem Text hast du eine Verantwortung: Du hast ihn nicht nur zu verantworten, sondern bist regelrecht für sein Gedeihen und Überleben verantwortlich. Kurz, mit dir fällt und steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Textes. Hältst du nicht durch, verschwindet der Text.

Complex – Verwoben

Doch natürlich steht dein Text nicht ganz allein. Er ist ja nur die jüngste «Inkarnation» des immer gleichen Texts, den du zu schreiben versuchst. Er ist der berühmte Zwerg auf dem Rücken der Riesen, selbst wenn die Riesen selbst nur Zwerge oder Kröten waren.

Der Text hat eine Familie, eine Vor- und manchmal auch eine Nachgeschichte. Auch darin bist du dem Text verpflichtet. Du bist dafür zuständig, ihn gut einzubetten in diese Erzählung.

Der Text darf natürlich alleine und für sich stehen, das tun die besten Texte ja sofort, nach den ersten Zeilen schon. Dennoch muss der Leser*in klar werden, wem er gehört, woher er kommt, was er mitschleppt an Treibgut und gebleichten Knochen.

Diese Verwobenheit mit deiner «eigenen Welt» ist spürbar, wenn der Text dir ein Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Will heissen, wenn du merkst, dass nun jede*r kommen kann und ihn berühren und verunstalten und umarmen kann, ohne dass ihm was passiert. Er ist lebensfähig geworden. Er hat seine Unabhängigkeit wohl verdient. Du musst dich nicht mehr sorgen.

Stand-Alone-Complex – Das Dickicht hält

Mein Roman trug anfangs bezeichnenderweise den Titel «Den Wald im Rücken». (Dieser Ausdruck kommt immer wieder vor im Roman, ich habe ihn zu einem metaphorischen Leitmotiv gemacht.) Dieser Ausdruck meint, dass der Held der Geschichte zwar in einer absoluten Lebenskrise steckt, aber in der Natur hinter seinem Haus, die ganz eigenen Gesetzen und Prozessen folgt, einen Halt findet.

Das Dickicht hält den Protagonisten aufrecht. Er kann sich daran lehnen, er kann die Verwobenheit des Grünen spüren und daraus Kraft schöpfen.

So geht es mir derzeit mit meinem Roman. Ich befinde mich im 6. von 10 geplanten Kapiteln, auf Seite 185.

Ich habe nun reichlich «Wald im Rücken», der mich hält. So viel ist schon passiert im Roman, so viel Details wurden eingeflochten, mit den Personen des Romans in Verbindung gebracht, so viel «Weg» ist schon zurückgelegt.

Natürlich ist es immer noch unheimlich, «alleine mit der Oma in den Wald hinein» zu gehen, aber ich weiss jetzt, dass dieser Roman leben wird.

Er wird leben, weil er alle drei oben genannten Kriterien zu erfüllen beginnt.

Das ist ein unglaublich gutes Hochgefühl: zu wissen, dass der «Lauf» begonnen hat. Jetzt ist das Schreiben wie eine Strasse – immer noch mit Löchern und Unebenheiten, Kreuzungen und fehlenden Hinweisschildern, natürlich!

Der Wald in meinem Rücken – der Text in meinem Rücken – wächst immer mehr an, treibt mich voran, wird selbst zu seiner Motivation, befruchtet sich selbst, er ist kurz vor den ersten Schritten ganz allein, eingesponnen in meine «eigene Welt».

Das ist Glück.


[1] Und ich merke gerade, das wird der Post, der neue Massstäbe in Sachen «Wörter in Anführungszeichen» setzt… Somit erkläre ich diesen Post als den «Post mit den Anführungszeichen» und dieselben zu «Stilmitteln»…

Du kannst mir alles sagen

Die Tränen würgen mich.
Ein Schluchzen wie ein Husten schüttelt mich
Und befreit Achseln und Arme aus dem Kotau.
Nicht verstehe ich. Ich möchte
Eine auffliegende Haltung annehmen
Denn der schweissschwere Flaum meines Körpers sträubt sich
Selbst meine Nasenflügel weiten sich unterm widerborstigen Streben der Zilien
Möchte aufgerichtet aufstreben
Aus dem feuchten leicht ansteigenden Moai-Matten
Möchte… es gibt so viel zu erklären
Es gibt so viel zu verstehen
Es gibt so viel das unfertig
Ungesichtet ungerettet
Herumliegt in allen Mündern meines Körpers
Und das doch nicht den Weg behindert
Weil der Boden sich ständig hebt und hebt
So scheint es mir aber wer bin ich denn
Dass ich sagen könnte: hebt und hebt
Vielleicht wäre eher sinkt und sinkt das richtige Wort
Ja ich sinke und hebe mich
Hebe mich und sinke
Und wie ein Moorgang
Lauter rundgerollte und geschliffene Findlinge
Von der Boulekugel bis zum Bollwerk
Und das Lispeln der Erlen
Über dem reissen Knallen meiner Sarkomere
Und ich möchte diese auffliegende Haltung
Doch nicht wieder aufgeben und
Einsinken in die nachgiebige
In die verzeihende Erde bis zur Hüfte und
Darüberhinaus bis nur noch meine Nase
Ihre Flügel ausbreitet und ich schluchze auf
Es gibt doch mehr als dieses geschmeidige
Mukusgelbe Lachen
Nicht wahr und ich möchte
Nicht als Archäologe
Mich selbst Schicht um Schicht
Freilegen müssen das musst du wissen
Und an all dem Gestammel und Gebammel
Denn Furcht ist wie die Trauer
Das Öl das mich anfeuert
Und Wut natürlich aber verstehen
Mein Verstehen geht nicht beim besten Willen
Mute mir das nicht zu: ich spüre
Das feine Tippen der Tropfen an meinem nackten Hals
An meiner vernachlässigten überwucherten Kehle und nähme ich
Es auch in Angriff und griffe mit entschlossenen Schaufelhänden
In die schwarze ungepflügte Erde
Um zu heben was zu heben Wert ist
Tiefer als mein versunkenes Geschlecht
Tiefer als meine einwärts gedrehten Füsse
Über ich schon als Kleinkind unablässig gestolpert bin
Siehst du ich bin sogar bereit
Meine eigenen Körperteile zu Sündenböcken zu erklären
Um dem Unausweichlichen zu entgehen
In dem ich zu den Aktinomyzeten an meinen Wurzeln zu halten bereit bin
Oh und ich fürchte mich gar nicht am Stickstoff zu ersticken
Ich muss ja dort unten gar nicht atmen
Wo der Pfeffer für meinen Hasen begraben liegt
Ja du hörst es: lieber taumele ich
Über die feuchten Planken
Die mich weiter hineinführen
In die unaufweichliche ödemfreie
Bindungslose mehrstimmige
Du würdest sagen: unstimmige
Rampe die ich bin
Ah ich bin das Nitrat für diejenigen
Die sich zwischen diesen erratischen Blöcken
Auf eigene Gefahr begeben wer bin ich denn
An dieser Aufgabe diesem Zweck zu zweifeln
Und auch wenn mein Schluchzen noch kein Begreifen ist
So ergreift es mich doch ein wenig
Dass ich noch dazu fähig bin und
So selbst ergriffen aber
Verständnisinnig verständnislos
Starre ich weiter auf das graue Meer hinaus
Das in seinen unzählbaren Bewegungen
Bis an den Strand ausstrahlt
Und an meinem Nabel leckt wie du nie
In dem sich immer wieder die Staubfetzen sammeln
Die du aufwirbelst in meiner tropfenden
Bunkermentalität: bin ich nicht
Die Versinnbildlichung des Begriffs
Réduit… doch auch darauf
Kannst du mich nicht reduzieren
Denn unter den schweren Glocken des Nieswurzes
Unter dem weissen Afro des Wollgrases liegt doch
Hoffentlich und ich höre dich seufzen und zweifeln
Liegt doch immer noch der Granitfelsen
Auf dem das alles aufliegt
Als Erdfell: unverrückbar liegt es
Kalt und hart und mit seinen äonenalten
Epochewährenden Schürfungen und ich
Möchte wie eine Dohle
Keckern aus dieser Beziehung auffliegen
Denn immer noch warte ich auf das lange graue Gesicht
Eines Roggeveens: was hälfe es mir denn
Zu verstehen: im salzigen Wasser stehen und
Wissen müssen: unterm Würgegriff meiner Tränen
Länge ich meinen Hals wie einen Hafenkran
(Hooray, Dylan!) und hebe
Wer weiss ein letztes verbocktes Mal
Meinen Kehlkopf mit einem spöttischen Ziegenblöcken
Bis er mein Gaumensegel berührt
(was für eine österliche Liebkosung!)
Und breite den Findling meiner Zunge aus
Über die nebeltrübe Herbstfläche
Die nur für dich zum Haifischbecken wird
Und spüre das Zerren des Muskelkaters
Und blicke so unter der Schirmherrschaft meiner Zunge
Hinaus auf die Geröllhalde
Und wenn du möchtest: den Steinbruch
In dem ich das Unverstandene und das Unausgesprochene verklappe
Und die Tränen zeichnen in den Staub
Die Umrisse einer neuen Gestalt
Oder eines neuen Kleides
Gräulich wie die Asche in den Urnen.

Sommerabend mit Diane

Die erste Fledermaus taumelt
Niedrig durch den Himmel
Der erst erbleicht vor der Nacht.
Die Amsel tappt über das Glasdach meines Balkons
Singt prüfend eine halbe Strophe und fängt
Einen schweren Käfer ab. Dann
Kommen die Störche aus dem Elsass herüber
Langsam und schwer
Lange fliegende Nasen
Und es liegt am Buch das ich lese
Dass ich an das Kitzeln der Schamhaare an der Nase denken muss
Und an den erdigen Geschmack auf der Zunge
Als schlürfte man den Boden eines Kiefernwaldes.
Immer wieder blicke ich nach Westen
Weil der Wolkenschaum da hinten
Mich an etwas erinnert
Aber es fällt mir nicht ein:
Könnte ein Atompilz sein oder
Pieros Feuersbrunst oder einfach
Ein Schlot. Ja das wäre schön
Einer dieser alten Männer zu sein
Die mit den Händen in ihren tiefen Taschen
In einem Kinderbuch tageweise auf das Meer
Hinausblicken.

Das gelebte Leben

Jetzt ist es still.
Eine resolute Hängepartie zwischen einer Raison d’être und dem aufgebäumten Salzwagen
Der auf dem Schleim vom Alltag besteht:
Hoch über dem Mordent der Mönchsgrasmücke
Und den Sandküsten von Allroundbetreibern ebenso wie den Pfandgläser der Standbesteher
Bis an den Portikus der ausgewechselten Liebesmühen
Und eine einzige Wolke nur
Aus intransitiven Verben bestellt und
Aus mikronesischen Absagen an die Kommandantur der Nasalfarben
Und es ist still wie im Herzen eines Makos
Der durch die Fluten schiesst und die Floskeln
Denen du Sauberkeit und Ordnung abgewinnst
Als sei die Alltagsbewältigung weiterhin eine rein linguistische Angelegenheit oder aber
Diese berühmte Raison d’être:
Eine Wirrnis zwischen einem Praller und der aufgeschobenen Rahmenhandlung
Die wie Blicke auf einen basketballspielenden Asiaten in die nasskalten Pupillen der Leben springen
Die still ruhen und absehen
Von den nickenden Mühsalen einer unablässigen Zweisamkeit
Und die Milchkanonen beschützen
Die in ihren gut vorbereiteten Vorurteilen aufbereitet sind wie die Stäbe
Die noch Risiken begrenzen: in der Stille
Sammeln sich die verlorenen Hühner
Die in den Büschen die Knochen eines jungen Bären gefunden haben
Oder auf den Matten die reifen Augenballen eines Hahns: Nein
Diese geschürzten Märchentanten
Diese entgräteten Hörensagenonkel
Haben sich doch zu gut unter dem Doppelschlag
Aus abkömmlichen Sagen und vorbereitenden Freuden eingerichtet:
Und jetzt ist es still und aus den Tiefen der Umzugskartons
Steigt dennoch staubig und mit dem Geruch von Kardamon
Die gräuliche Entmutigung hinauf
Wird laut wie die Rotorblätter eines Rettungshubschraubers und
Erstickt den ersten Laut in der Kehle
Mit dem Frühlingsregen und dem ungelebten Leben der Neinsager und den ungefickten
Ingredienzien für den Flug der Elster durch die Gärten
Auf der Suche nach dem Nest der Mönchsgrasmücke
Und ich fahre mit meinem Finger liebevoll auf meinem Küchentisch
Über die eingetrockneten Spuren von Orangensaft.

Holbeinplatz

Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und  Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im  Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.