Ich seh die alte Lüge

Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen:
Auf diesem Pfad ist wirklich erglühen bis ins Mark!
Mit rotgeschwärtzen Händen doch stets das Gleiche meinen,
Als gäb es nicht den Spatzen, der zählt auf nichts im Park.

Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen,
Mit Blumen-Nägeln kratzen am Kitt der Sorgenwelt.
Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?
Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält!

Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend weichen Händen:
Du tust was du getan hast und gehst von Hind nach Sind.
Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden.
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.

Ich seh dich ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden.
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Der Blick deiner Katze

Meine Katze betrachtet mich:
In ihrem Blick
In ihrem langsamen Blinzeln
Sehe ich all die abgebrannten Scheunen in den überfluteten Träumen stehen
Die Löwenscherze meiner Bedürftigkeit –
Was hatte ich nicht alles eingenistet in diesen Lotterläden für meine Gedichte
Die sich niemals zu einem Gebet hinaufschwingen konnten
Hinaufschwingen können würden zu einem Gebet
Das da oben wie eine Klinge im Herbstregen sauste
Und ich sehe im Blick meiner Katze den Blick eines Wesens ohne Hoffnung
Weil Hoffnung etwas für den Menschen ist
Eine Art unendlicher Faden an dem zu ziehen der Mensch geboren wird
Um endlich am Ende des Fadens vielleicht
Eine Fliege oder eine Pfauenfeder mit dem Auge Allahs oder wenigstens
Einen Haken zu erlangen
Der leicht zu verschlucken ist und mit den ersten Rucken dann doch zu schmerzen beginnt
Aber leicht oh leicht sind die ersten Rucke wie ein Blinzeln
Und du tauchst ab und reisst alles mit dir mit in die Tiefe der Stille deiner Wohnung
In die fraglose Tiefe deiner Armut
Die wie immer keinen Ausweg verrät
Den sie dir bereit hielte für den Falle eines zu erfüllenden Gebets
Das dich abschnitte von diesem Faden an dem zu zerren du berufen bist
Und in den Augen der Katze siehst du die Unempfindlichkeit für deine Tränen und Seufzer und dein Lachen über deine Lage
Und während sie sich abwendet und die Scheunen mitnimmt und die Haken und die Regentropfen und die Tiefe und die Wünsche deiner Kinder
Hat das Gedicht schon begonnen wie eine Ankerkette.

Bericht vom Grünen

Ich grüne
Werfe mich hin
Als Schal in das Land
Eine Gestalt von Käfer und Kuss
Das Bein eines Hags ausgeschwenkt in die Zähren einer uneintauschbaren
Armut wie Grasnaben
Und hühne mich
Dem höhnischen Boden entsprossen
Hebe mich über den Stein des Anstosses
Unter dem der Bettler sich bettet
Dem die Freunde einwuchsen
Eingerollt in die Nervendecke aus Gegenwart und Zuversicht
Im leisen Schaben der Maden im Fleisch seiner und meiner Seele
Mitten im Menschental grüne ich
Noch eine Weile noch eine kleine Weile bitte
Schicke meine Papillen hinaus wie luzide lytische Antennen
In den Wald hinaus
Mit grünenden Lauten wie eine Katze im Schlaf
Schlage ich aus unter der Hand von Armut und Zumutung und
Werfe mich hin
Als Saite in die Geschichten
Die zu erfahren nicht erlaubt ist
In die Landschaften in die ich nicht geboren bin
In die Blutkreise in denen ich ersticken würde
Und höre die feinen Füsse eines Mistkäfers auf meinem Halmrücken:
Da bist du ja.

Entscheidungen

Keine Ausreden
Das bin ich: entschlossen
Zu einem Weg
Sogar abseits von euch
Ich kann euch nicht unterhalten
Ich kann ja kaum mich selbst unterhalten
Und in dieser Form kann ich euer Vater sein
Nur in dieser Form ist mir dies möglich

Wenn wir etwas mit Papa machen
Weiss ich etwas Spezielles beginnt
Etwas Wundervolles oder schrecklich Misslungenes
Ein Abenteuer schrieb meine Tochter

Als sie etwa 12 Jahre alt war
Aber ich bin keine Hilfe
Wenn ihr Kleider bracht
Oder neue Sportausrüstung
Doch sofort für Bücher
Immer für Bücher

Schaut nur meine Kleider an
Sie sind so alt wie ihr
Ferien mache ich fast nie
Weil sie mich nur noch ärmer
Nur noch hilfloser machen
Und ich ja lieber Ferien mache
Dort wo die Fantasie wohnt
Die ist ja umsonst und kostet
weder Geld noch Anstrengung

Ich liebe mein Bett und meinen Balkon
und meine drei Kugelschreiber
einer davon das Geschenk meiner besten Freundin
und meine vollzukritzelnden Hefte
meine in enger ununterbrochener Schrift vollzukritzelnden Hefte
die immer anspruchsloser und billiger werden
Und vergesst nicht
Dass ich euch nicht verlassen habe
Dass ich nicht euch verlassen habe
Wie lange hat es gedauert
Bis ich euren Verlust in meinem Kellerloch genügen wiedergekäut hatte
Dass er schon fast angenehme geschmeckt hat
Auf meinem Herzen – dass ich zwar
Diese mindere Leben führe
Das euch vorkommen mag
Als verweigere ich Verantwortung

Aber für euch dieses Leben führe
Damit ihr wisst
Es ist möglich
Für sein Talent
Arm zu sein
Andere Ziele zu haben
Als mit Arbeit Geld zu verdienen
Rechnungen zu begleichen damit sie beglichen sind
Das ist möglich:
erfolglos und ohne Anerkennung zu schöpfen
Einfach weil ich es kann
Einfach weil ich es liebe
Einfach weil ich es will

Und mit jedem Gedicht
Auch mit diesem
Das wie ein Testament ist
An Reichtum zu gewinnen
Es ist möglich für euch:
Glücklich sein
Hat mit Aufgabe zu tun und
Mit Absage und mit Liebe für das
Was ich gut kann
Was ich allein tun will
Für das was ohne Lohn ist
Für das was niemand etwas bedeutet

Das Schreiben ist meine Art zu lieben
Und auch der Ort wo ihr mich
Immer finden werdet wenn ihr denn
Schliesslich Hinfindet.

Flughafengedicht mit Hilfe von Nikki

Vom Rollfeld aufs Rollband
Aufs Laufband an Töpfen mit Plastiknatur
Vorbei und an Bildschirmen
Bildschirmen in Händen
Bildschirmen an Wänden
WE ARE CONSUMED
Bildschirmen auf Pfählen
Bildschirmen auf Dächern
Und die Kinderaugen wurzeln darin
Und die Zeigefinger reden damit
Kein Joch ist zu sehen
Und doch beugen sie ihre Hälse –
WE ARE CONSUMED BY PEOPLE
Und Kilometer um Kilometer wandere ich vorbei
An nicht essentiellen Gütern ich die
Nicht essentielle Person
Aufgebahrt zum Opfer
Für Gaumen und Magen
Für Handgelenk und Drosselgrube
Für Intimbereich und schönen Schein
Für den Ausbruch aus der dunkeln Einzelkammer
Und die Trinkfontäne ist versiegt
Doch der Boden rundherum glitschig
WHO SING THE SAME OLD SONG
Und ganz am Ende der Wanderung
Doch noch essentielle Güter
Für jemand nicht essentielles wie mich
Dick verpackt in aufgedrehte Bässe
Vielleicht um abzuschrecken
Und überflutet von zerbrechlichen
Leicht ersetzlichen Dingen
Bücher auf Tischen mit
Blutigem Fleisch oder schleimigem Fisch
Kerouac begrüsst mich mit grosser Selbstverständlichkeit
Als wohnte er hier schon sehr oder allzu lange
Rumi auch und Salinger
WE ARE CONSUMED BY PEOPLE WHO SING THE SAME OLD SONG
Und auf dem Weg zum Gate
Nach dem Abschied von Heimat
Dem Wesen im Wort
Das Bild wird in der Geschichte
Und nach dem Waschen der Hände
Das wie eine Neugeburt wirkt auf meinen erschöpften Zustand
Ein Gedicht aufsagen im Takt des eigenen Schritts
Les Assis oder Die Ballade von des Cortez’ Leuten
Leise und vernehmlich wie ein Selbstgespräch
WE ARE CONSUMED BY POEPLE WHO SING THE SAME OLD SONG
STAY und in das Flugzeug treten STAY
Wie auf eine Brücke STAY

Holbeinplatz 2

Bin wieder hier und erfahre
Wie es für die Spatzen ist
Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst
Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt
So wie dir am Gedicht: für sie
Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist
Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als
Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen –
Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden
Und die Bäume sind gut gegen den Regen
Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel
Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn
Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz
Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen
Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter
Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten
Und immer wird es plötzlich still
Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt
Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads
Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress
Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf
Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf
Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach
Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte
Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz
Seine Lippen kauen an Gedanken
Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt
Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen
Hier ist so selten – denn niemand ist
Da ausser der Held und ich
Kann wirklich nicht sagen
Wie schwer es ist
Diese Leidenschaft auszuhalten
Die niemand teilt.

Hinter mir

Hinter mir die Körper meiner Gedichte
Und wenn mich auch manchmal das Gefühl einer morgendlichen Morgue beschleicht
Kühl und von Lachgas erfüllt
Erstaunen sie mich und ich sehe ihre mangelhaft schönen Gestalten
Die sich zu zeigen nicht gelernt haben:
Rieche den Zimtgeruch ihres Schweisses
Ertaste die Ausstülpungen und Auswüchse und Wolfe’schen Wülste an jenen Stellen
Wo kein vernünftiger und auf Gesundheit bedachter Mensch sie erwartete
Höre ihre spitzen Schreie und die seltsamen Inflexionen ihrer Dialekte
Und sehe ihre offenen verkrusteten Hosen und das graue Mammuthaar ihrer Brüste
Das aus den schweissgelben Hemden herausquillt – 
Hinter mir schlurfen diese Unterweltsgeschöpfe
Diese Anderweltgeburten
Durch den Bahnhof eines Samstagmorgens im Sommer

Ein Mangel an Aussicht

Die Grachten krachten aufeinander
Die Fohlen verfielen: keine schnelle Andacht
Weder mithilfe von Vrenelis
Noch zuungunsten von Zargenschichten
Keine armierte Lastnote konnte
Die Minutien auslöschen
Die sich über den Solls brachen:
Verfielen die langen Quantitäten
Ausgedrückt unterm 25. Wahrmut
Längten längten längten sich
Die vergoldeten Zähne an den müden Nähten
Il neige sur Liège und so sehr
Fohlen die Grachten unter den Korbstühlen
Angerusst von den aviden Rufen aus den Brotkrumen
Und unter den Eiskrähenfüssen und Windgrübchen:
Es krachten die Grachten so sehr
Du wusstest nicht mehr
Wurden die Laute Lastkähne
Oder die Hinterlande Laute
Und Outremeuse: Outremeuse
Flow my tears in die Springmahd
Im dreh-drehenden Schnee
Aus dem langt mit spitzen
Zugespitzten Kehlen ein Goldcroissant
Anker oder Haken eines Unberührten
Und im bank- und tischlosen Exil
Verliefen die Identitäten in raschen
Mostfeuchten Augen: Nährkose unterm Nordlicht
Und du wusstest nicht mehr
In welche Richtung dich retten
Mit diesen Fohlenblicken
Die zurückwichen in schlichten
Maraboutischen fast schon quengelnden
Protestwellen von den Holzbänken und Aktenschränken
Den Passiven aus massvoller Erwartung und
Nie gewogener Kakaobohne: und es ist erst
April: noch lässt der Winter seine Unterlippe schleifen:
Knackend verlaufen die Laute
Unausgeklingelt in deinen Taschen
Und die logarhythmischen Bühnen jammern von
Windhäubchen und Kuchenfrauen und die Dachwinden
Schaukelten ihre Haken aus dem Krachen
In die ungeleimten schwarzen Massen
Und du wusstest il neige sur Liège nicht mehr
Ob Kriechboden oder Akkordeon

Holbeinplatz

Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und  Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im  Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.

Basilikata

Salzschwarz:
Rechne nicht mit Land –
Für dich gibt es kein Land mehr:
In der Höhle der Hochsee
Und im Olivenhain
Und in der Mühle der Einkaufszentren
Armst du: nicht einmal
Kleid Klagen Knochen Knirschen –
Einfach eine Plastiktüte voll Gebet:
Leicht reissen die Tragegriffe
Selbst wenn du zwei drei Tüten ineinanderstülpst –
Nicht einmal das Leiden ist das Land
Das aus dem salzschwarzen Strom der Zeit auftaucht:
Breite nicht die Arme aus –
Für dich gibt es keine Arme mehr:
Denn die Armen habt ihr immer bei euch
Könnte es geschrieben stehen
In den Annalen der Anläufe zum Menschen –
Für dich gibt es auch kein Spiel mehr
Wenn du hinaustrittst aus dem Olivenhain
Schweiss und Erde im Gesicht
Menschensohn: einfach die salzschwarze Ruine
Eines ehemaligen Landes
(kein Land gibt es mehr für dich)
Im Überall der Wellen: Fluten von Gebeten
Mit dem Kopf auf einem Kissen brauner feuchter Erde
Im Überall des klastischen Glühens
Und der zertrümmerten Feigenbäume:
Rechne nicht mit Land
Das du erben würdest: dort oben
Hört niemand dir zu: du hättest es
Wissen müssen.

Zitate: aus Mat 26,11 und „Unterwegs“ (Jack Kerouac); höre dazu auch den aufgesprochenen Text auf Soundcloud

Eine Reaktion auf den Film „Das neue Evangelium“ von Milo Rau