Eine eigene Welt

(Screenshot aus dem Trailer von „The Place…“ von Makoto Shinkai. Dieser Screenshot zeigt schön auf, worum es letztlich in allen meinen Romanen geht.)

Gestern habe ich „In Viriconium“ von M. John Harrison fertig gelesen, den dritten Roman seiner „Viriconium“-Trilogie („Die Pastell-Stadt“, „Ein Flügelsturm“ – die beiden andern Romane der Trilogie, entstanden 1971, 1980 und 1982) .

In meiner Ebook-Ausgabe von diesen Werken folgen auf diese Romane noch einige Geschichten, die in und um die sagenhafte modern-mittelalterliche Stadt namens Viriconium angesiedelt sind. Sie verleihen den drei Hauptromanen durch ihre Nebenfiguren und Parallelhandlungen ein zusätzliches Schillern an Glaubwürdigkeit und „Echtheit“.

Viriconium gibt es nicht „in Echt“

Nicht nur diese drei Romane haben meinem nun bereits halbjährigen nächsten Versuch, einen Roman auch wirklich fertig zu schreiben, zusätzlichen Schub gegeben. Mehr noch hat dazu ein Artikel von M. John Harrison selbst beigetragen, der mich die Tragweite und Grenzen einer „literarischen Konstruktion“ besser verstehen liess. Der Artikel heisst „What it might be like to live in Viriconium“ und stammt aus dem Jahr 2001 (zuletzt abgerufen am 13.06.21).

Dieser Artikel ist zugleich eine Bejahung der Existenz (und Existenzberechtigung) von literarischen Welten als auch eine Absage an deren Existenz. Darin erklärt er, dass er diese Frage weder gestellt bekommen noch beantworten wollen habe müssen. Und er fährt fort:

Daher machte ich diese Welt zunehmend veränderlich und komplex. Du kannst ihre Regeln nicht lernen. Noch wichtiger, Viriconium ist nie zweimal der gleiche Ort. Das kommt daher, weil es – wie Mittelerde – kein Ort ist. Es ist ein Versuch, die Güterkosten zu beleben, die angeboten werden. Diese Güter sind, wie in Tolkien, Moorcock, Disney oder Kafka, Le Guin oder Wolfe, ideologische Güter. Viriconium ist eine Theorie über die Machtstrukturen, die die Kultur zu verhindern geschaffen ist; eine Allegorie der Sprache, wie diese nur scheitern kann; die Bekanntmachung einer philsophischen (um nicht zusagen ethologischen) Verzweiflung. Und gleichzeitig ist es eine schamlose postmoderne Fiktion (Romanliteratur) des Herzens, aus dem just aus dem Grund all die von uns ersehnten Werte herausgeschwemmt worden sind, damit wir sie wieder dorthin zurückstecken wollen (und sie in diesem Versuch wieder neu betrachten). Wie alle Bücher ist Viriconium einfach ein paar Wörter. Da gibt es keinen Platz, keine Gesellschaft, keine verlässliche Zukunft, um es „echt zu machen“.

Eine schamlose postmoderne Fiktion des Herzens

Seit „Akira“ und noch stärker seit „Ghost in the Shell„, die, wie ich gerade verblüfft feststelle, immerhin 7 Jahre auseinander liegen (1988 und 1995), bin ich fasziniert von zweierlei Themenkreisen: auf der einen Seite von der Pubertät als jener Zeit, da in der Veränderung plötzlich Unglaubliches möglich scheint – sogar die zeitweise Verwandlung eines Menschen in einen Panzer -, und auf der anderen Seite von den apokalyptischen Szenarien, die mit der Klimakrise und Covid-19 noch viel realer als in meiner Kindheit und Jugend wurden. Seither möchte ich ein Buch schreiben, das diese beiden Themen verbindet. Oder vielleicht halt doch eher Bücher, die diese beiden Themen verhandeln.

Derzeit sitze ich an „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen„, einem Roman, den ich für meine Tochter schreibe. Darin geht es um die übernatürliche Invasion von fremden Wesen namens Sirenen in eine ganz und gar befremdliche Gegenwart, die dennoch den Orten, an denen sie spielt, gleicht. Menschen verwandeln, verändern sich. Nukleare Katastrophen und Umwelt-Terroristen haben die Schweiz aufgespalten in einzelne kleinere Gebiete, lange Zeit herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. (Ich möchte mit seiner Rohfassung im Januar 2022 fertig sein, um ihn bis zum nächsten Januar – 2023 – zu überarbeiten und „gut zu schreiben“.)

Nachdem ich Harrisons „Grundsatzerklärung“ (wie ich sie bei mir nenne) entdeckt und gelesen habe, wurde mir klar, dass ich mir weniger Gedanken um die „Echtheit“ als um die „innere“, philosophisch-psychologische Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) machen muss. Das hat mich sicher sehr befreit, fast ein wenig dynamisiert. Auch das in dem Aufsatz angedeutete Spiel mit einer schillernden Erzählwelt hat mich angespornt und überzeugt, meinem grossen Romankomplex (auch eine Trilogie, wie kann es anders sein) den Raum und die Schreibzeit zu geben, die sie braucht.

Umso mehr, als ich während des Schreibens unwillkürlich in die Nebenräume der Romanwirklichkeit eingedrungen bin, die von den beiden anderen Romanen beschrieben wird.

Ausdehnung der Schreibzone

Meine beste Freundin hat mich letzthin eindringlich davor gewarnt, mich im Schreiben nicht zu verzetteln. Mich ganz auf den jetzt vor mir liegenden Roman zu konzentrieren. Doch in meinem Schreiben habe ich die beiden andern angefangenen Romane indirekt „wiederbelebt“: „Bewahrung der Welt“ heisst der eine, der im Freiamt (AG) spielt – das gar nicht mehr das Freiamt ist, wie es die Freiämter kennen dürften -, „5 Stunden bis zum Krieg“ der andere.

Der Titel des Letzteren übrigens ist ein schamloses postmodernes Zitat aus Makoto Shinkais Meisterwerk „The Place Promised in Our Early Days„. Darin fällt dieser für mich und vermutlich für viele Pubertäre und Jugendliche prägende Satz:

Ich bin die einzige, die auf der ganzen Welt übrig geblieben ist… So fühlt es sich an.

Als ich nun beim Schreiben bemerkte, wie der Roman mit der zunehmenden Anzahl der geschriebenen Seiten zu atmen begann, war ich nicht nur glücklich, sondern merkte auch, dass er die Verbindung, das Glaubwürdigkeits-Netzwerk der anderen beiden Romane braucht. Er ruft danach.

Ich habe diesen beiden anderen Romanen nachgespürt und in ihnen nachgelesen. Sie haben mich gerufen, aber ich muss sie besänftigen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, sonst werde ich mich wie meine beste Freundin zu Recht befürchtet, wieder verzetteln und verlieren.

Doch werde ich mir erlauben, die Schreibzone auszuweiten: zentrale Grundlagenliteratur für alle drei Romane ist ein Buch, das ich damals, während des Schreibens an „Bewahrung der Welt“ in den Jahren 2013-2015, „Das Buch von Wicky Alois“ genannt habe.

Dieses Buch nimmt seinen Ursprung in dem spätmittelalterlichen Roman „Wigalois. Der Ritter mit dem Rade“, der selbst eine Art Metaroman der hochmittelalterlichen „Aventiure“-Romane ist. 2015 hatte ich begonnen, diesen Roman ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. Es ist bei der Bemühung geblieben. Aber jetzt, da er mir wieder in den Schreibprozess „gefallen“ ist, werde ich ihn nahe bei mir halten, um ihn immer wieder „hineinsprechen“ zu lassen in meine unkonsequenten, veränderlichen und komplexen „Welt“, in dieser zunehmend komplexeren und veränderlichen Gegenwart, die wir erleben.

Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und noch einen Anstoss hat mir Harrison gegeben. Ich bin Hals über Kopf in meinen Roman gestartet – noch dazu in der Ich-Perspektive! – und habe ich mich immer wieder an Wendepunkten oder in schwierigen Situationen gefragt: Was mache ich da überhaupt? Hat das denn einen Sinn, ganz vergessen: eine Glaubwürdigkeit?

Als Antwort möchte ich nur Harrison zitieren. Und mir die Gedanken zur Ich-Perspektive für ein andermal aufsparen:

Du kannst es nicht für diese Dinge lesen (für die Echtheit der Dinge darin), daher musst du es für alles andere lesen. Und wenn seine Landschaften nicht kartografiert werden können, seine Drohung einer unendlichen Tiefe (oder wenigstens von unendlicher Rezessivität) kann nicht aufgelöst werden, sondern muss zu ihren eigenen Bedingungen akzeptiert werden, als eine Garantie wirklichen Abenteuers. Keine Person „überlebt“ Viriconium je: sie können im besten Fall, nachdem sie hineingesogen worden sind, darauf hoffen, ganz wieder ausgespuckt zu werden (wenn auch verändert). Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und ist das nicht eine wundervolle Antwort auf R. L. Stevensons Aussage darüber, dass „Bücher ein ziemlich blutleerer Ersatz für das Leben sind„?

Das gelebte Leben

Jetzt ist es still.
Eine resolute Hängepartie zwischen einer Raison d’être und dem aufgebäumten Salzwagen
Der auf dem Schleim vom Alltag besteht:
Hoch über dem Mordent der Mönchsgrasmücke
Und den Sandküsten von Allroundbetreibern ebenso wie den Pfandgläser der Standbesteher
Bis an den Portikus der ausgewechselten Liebesmühen
Und eine einzige Wolke nur
Aus intransitiven Verben bestellt und
Aus mikronesischen Absagen an die Kommandantur der Nasalfarben
Und es ist still wie im Herzen eines Makos
Der durch die Fluten schiesst und die Floskeln
Denen du Sauberkeit und Ordnung abgewinnst
Als sei die Alltagsbewältigung weiterhin eine rein linguistische Angelegenheit oder aber
Diese berühmte Raison d’être:
Eine Wirrnis zwischen einem Praller und der aufgeschobenen Rahmenhandlung
Die wie Blicke auf einen basketballspielenden Asiaten in die nasskalten Pupillen der Leben springen
Die still ruhen und absehen
Von den nickenden Mühsalen einer unablässigen Zweisamkeit
Und die Milchkanonen beschützen
Die in ihren gut vorbereiteten Vorurteilen aufbereitet sind wie die Stäbe
Die noch Risiken begrenzen: in der Stille
Sammeln sich die verlorenen Hühner
Die in den Büschen die Knochen eines jungen Bären gefunden haben
Oder auf den Matten die reifen Augenballen eines Hahns: Nein
Diese geschürzten Märchentanten
Diese entgräteten Hörensagenonkel
Haben sich doch zu gut unter dem Doppelschlag
Aus abkömmlichen Sagen und vorbereitenden Freuden eingerichtet:
Und jetzt ist es still und aus den Tiefen der Umzugskartons
Steigt dennoch staubig und mit dem Geruch von Kardamon
Die gräuliche Entmutigung hinauf
Wird laut wie die Rotorblätter eines Rettungshubschraubers und
Erstickt den ersten Laut in der Kehle
Mit dem Frühlingsregen und dem ungelebten Leben der Neinsager und den ungefickten
Ingredienzien für den Flug der Elster durch die Gärten
Auf der Suche nach dem Nest der Mönchsgrasmücke
Und ich fahre mit meinem Finger liebevoll auf meinem Küchentisch
Über die eingetrockneten Spuren von Orangensaft.

Endlich Abschied

Und die Müdigkeit hält mich in ihrem weichen Muskelkrampf
Fest: das Angesicht ihres Beharrungsvermögens sieht wie immer
Lächerlich aus: wie der mangelnde Ernst eines Chargeurs
Angesichts eines Contrecoups aus haargleichen Spitzfindigkeiten
Die sich über dem ausgedehnten Archipel der Zähmung die Hand reichen
Und was auch immer geschieht: schwerfällig
Raffe ich mich auf mit den Händen auf den Knien
Die sich in den Spiegeln deiner Wider-
Deiner Anderworte brechen wie Boxernasen:
Ich fühle das blaue Licht der Applikationen bis in die Liftschächte meiner Vorurteile
Und die Müdigkeit befällt mit ihrem weichen Bonmot aus Neugier und Abscheu
Selbst die hinteren Stufen meines Menschenhasses: Ja
Ich sehe diesen Kropf
Der mir aus deinen Augen entgegengewachsen kommt:
Vermag nicht länger deine Partei zu sein:
Deine Partie zu spielen wie ein Kniebeugereflex –
In der Abgeschiedenheit liege ich auf uringelben Spannteppichen und höre
Das Wiehern von stiefmütterlichen Gesangsübungen
So unerhört natürlich dass künstlich
Aber niemals gekünstelt bitte sehr und ich spüre
Das Nachlassen der Anspannung hinter meinen Ohren
Während doch noch ein letzter Finger von Eis
Mir über die Stirne fährt und in die Birne:
Was gäbe ich für die Ansichtskarte von der Savanne
Die ich schützend und wissenden Auges in mir herumtrage
Wenn ich deinen Aussagen glauben schenken darf:
Einen ungelernten weissen ungeleckten Fleck von unbestimmter Durchlässigkeit
Einen ungebannten weissen spröden Fleck korrigiere ich mich
Und drehe mich der Schimmelwand zu die mir näher ist als du
Die mein Leben bisher ganz gut imprägniert hat:
Deine Aberworte mögen wie Monsun wirken woanders
Hier handelt es sich doch nur um verunglückte Konjunktionen –
Und ich wende mich von den Brandherden und von den Rodungen nur zu gerne ab
Während im Freitagabend das was ich getan habe das
Was ich unter dem Wiehern der Hochzeitskutschengäule noch sein kann das
Was ich einmal und wieder und wieder wünschte und nicht
In ein Pourparler überzuführen die Courage hatte
Unter dem erhobenen Chitinschwanz ein letztes Mal aufscheint.

Holbeinplatz

Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und  Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im  Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.

Widerstreben

Steh. Bleib. He: du: sträub dich.
Still. Halt. He: du: wohin-wohin?
Sieh. Stein. He: du: taubes Ich.
Schweig. Nein. He: du: wieviel-wieviel?

Jetzt. Bau eine Kathedrale in deinen bewegten Augen.
Jetzt.  Korrodiere mit nutzlosen Werten die Stahlstreben deiner Seele.
Jetzt. Wirf das Kies aus deiner Tasche ins Getriebe der Sauger.
Jetzt. Richte dich auf mitten in der un-Freien Strasse wie eine altägyptische Stele.

Stein. Stein. Stein. Augen zu!
Nein. Nein. Nein. Beine weg!
Stillgestanden. Ohren auf!

Zeit rinnt eh. Tauge nicht!
Streb nicht mit. Sitz am Eck!
Sing etwas. Halte auf!

Erfunden und/oder wirklich?

Die erste Reaktion auf einen unredigierten, kaum wöchigen Text ist meist dem berühmten ersten Blick bei einer Begegnung oder dem noch berühmteren ersten Eindruck bei einem Vorstellungsgespräch zu vergleichen: die ganze Daseinsberechtigung des Textes, sein „Lebenswert“, wenn du so willst, steht auf dem Spiel.

Die meisten Erstleser*innen oder Ersthörer*innen kennen mich gut, sind Bekannte oder Freunde. Ihre Perspektive auf den Text ist also meist von einem Bedürfnis des „Erkennenwollens“ geprägt: sie wollen die Stimme, die Erfahrungen, die typischen Merkmale ihres Bekannten oder Freundes wiedererkennen im Text.

Dabei unterscheidet sich die Rezeption von Lyrik und Prosa wesentlich. Während meine Gedichte in meinen Erstleser*innen oft Befremden und manchmal auch pures Unverständnis auslösen – denn die wenigsten sind geübte Lyrik-Leser*innen – und eine Ratlosigkeit in Bezug auf meine eigene „Rolle“ sowohl in der Verfertigung des Gedichts als auch in seiner Perspektive oder Tonalität, bietet sich der Prosatext weit besser für mögliche Identifikationen an.

Ähnlich jedoch wie im Gedicht sucht die Ersthörer*in im Prosatext dann aber doch den Urheber, also mich. Sehr gute Freund*innen haben meist keine Mühe, mich hinter den Masken des Erzählers oder der Figuren zu „entlarven“ – wie sie denken.

In den Gedichten rede ich meist von „persönlicher Färbung“. In Prosatexten spiegelt sich manchmal weit mehr: von der persönlichen Haltung in politischen und gesellschaftlichen Dingen über von mir bereits oft referierte prägende Erlebnisse bis hin zur eher dunkeln, melancholisch-pessimistischen Männlichkeit, die für mich prägend ist.

In den Erzählungen jedoch versuche ich mich, „aus dem Fenster hinauszulehnen“. Ich versuche bewusst, meine eigene Perspektive zu verlassen, andere Rollenbilder und andere Gestalten zu animieren. Die Lebenswirklichkeit, wenn du so willst, einer anderen Person aus ihrer Sprache heraus entstehen zu lassen.

Das ergibt sich manchmal ganz spontan, ganz intuitiv. Ein andermal ist es eine lange, quälende und unablässige Suche nach der Form, der Geste. Dabei ist das Schwierigste gewiss das Erschaffen dieser Lebenswirklichkeit, besser gesagt: das wirklichkeitsmächtige Erschaffen dieser Lebensform und -haltung, die du im Kopf hast.

Und manchmal – das ist so wie die Aufzählungen, die sich in deinen Gedichten ausbreiten, wenn du nicht aufmerksam bist: eine Müdigkeitserscheinung – rückst du von dieser Haltung ab und fällst in das eigene Erzählen zurück. Denn darin fühlst du dich ja wohl, vielleicht auch sicher.

Und da komme ich auf den Anfang dieses Eintrags zurück: Freunde und Bekannte unter den Ersthörer*innen erkennen darauf sofort, dass du daraus sprichst, wenn du in deinen „Default“-Modus zurückgefallen bist. Und sie fühlen, dass das Erzählte an Wirklichkeit, an Wahrhaftigkeit gewinnt – und finden es „stärker“ und „wahrer“ als das „Erfundene“, für das du dich so angestrengt hast. Und das vermutlich zu recht. Du solltest vermutlich nur noch von dir ausgehen; das kannst du in den Gedichten besser als in Erzählungen.

Black Boy

Stand auf dem Perron.
Sonne und Schweiss im Rücken.
Schaue auf aus dem Buch.
Ein Zug fährt ein. Wo bin ich?

Halte das Buch fest wie einen Hut.
Gleichheit der Dinge. Abgemessenheit
Und Zugemessenheit. Der Zug gleicht
Dem verstellten Horizont. Wo du bist

Kennst du bis zur Unverwechselbarkeit
Die Gestalten Gesten gleichförmigen Gegenstände
Vertikalen Gardinenstangen und die regelmässige
Freiheitsgewähr: wo nur bin ich? Ich denke an die Einsamkeit

Meiner Mutter an der Seite ihres Mannes
Der für sie fast verloren ist. Oh keine Gefährdung:
Nur ihr Mann – fantasiert beim Notar darüber
Wie er sich das Gehirn und all das Blut

Auf das halbabstrakte Sonnenuntergang-am-Meer-Gemälde
Katapultieren würde und es würde noch gut passen:
Wo bin ich? Das Buch hing in meiner Hand
An meiner Seite. Mein Zug fährt ein.

Ich warte bis die Eiligen eingestiegen sind. Sind es nicht immer
Mehr? Weshalb eilen? Das fesselnde Gefühl von Staunen und Ehrfurcht
Im Angesicht des Dramas menschlichen Gefühls
Das vom äussern Drama des Lebens verborgen wird.

Die Frage nicht nach dem Wo: nach dem Wer –
Ich weine nicht über was mein Leben verändert
Ich weine über Kinder die sich sagen lernen
Und lernen das auszudrücken was nur ihnen eigen ist:

Die Traumata ihres Vaters
Die hebräische Schrift und dass in Italien
Gotteslästerung auf Fussballplätzen
Verboten ist: wer bin ich?

Alles das im Zug. Buch auf dem Schoss.
Auf Vintage gemacht: als seien die Seiten vom Erstleser
Erst gerade aufgeschnitten worden: das Ich als Reprint
Und ich komme in Basel an. Das Tigerbaby spielt unter der Brücke

Mit dem sich aufdröselnden Schwanz seiner Mutter.  

Ode für Kuchenisten

Mit ranzigen Rauchabzügen
Und vorgezogenen Ölstreifen
In die Massweiden von
            Vordringlichen Schamapachen
                        Vorstossen:
Die eingebutterten Zügel in die Niederungen
            Unbescholtener Eierlosigkeit
                        Schleifen lassen:
Die Argumente gelten lassen
Für Rosinen und Draisinen
Von hier bis Quantico ­–
Mit den linden Zahnstochern
Den Stäbchentest durchführen bis selbst
            Den Numismatikern
                        Keine Münze mehr
                                   Zu wenden bleibt:
Da draussen im Weizenfeld mit seinen ovoiden Eindrücken unterm Gitternetzhimmel
Der voll Marzipanröschen und Premierministerhöschen hängt
Und über Herrlibergschrägen
Die Restheimatwärme gut schwenken
Vielleicht im Speichelfett eines Hühnerhundes:
Die unbändige Einfalt in die Sagen
Von gut geschlagenen Herdheimchen und saftigen
Geblümten Velarlauten dekantieren:
Im Anschluss den möglicherweise etwas kümmerlichen Spuren von Weizenspreu im Aufwind
Ein gut Schuss geschäumten Stacheldrahts
Und eine Prise Ubiquitus nefastus oder
Nach Belieben eine Messerspitze Grynszpan beimischen
Und mit den sprachlosen Weizenfeldern abschmecken
Aus denen Hunde noch so gern in den Himmel kommen
Die ewig leben wollen: von dort
Bis zum Glilot Interchange.

Bärenweisen

Die neuen Garden strahlen zahnweiss dem Kern entgegen
Der Versprechen aufbricht und die Fastenleinen
Reissen an ihren kleinen Fingern
An denen ihre Mütter hängen
Wie die vielfarbigen Kerzenstummel erster und zweiter Geburtstage:
Tresornoten und Gradsänger im Kalmargraben
Und die Quecksilberhalden zupfen am Ausschnitt
Ihres Ausschreitens: die Kronen und Tiaras
Bärendienen den Kühlwassertanks und den Grubenmägen –
Und mager ringen die Unterkiefer
Ausgestreckt im Finstergrund
Wie die Zeigefinger auf Pausenplätzen
Um die Ringelblumengüter:
Die Kränze niederlegen ganz im Anfang
Bevor noch die Zungen ihre Schmeissspuren gelegt haben:
Die neuen Garden fahlen an den Fellbeuteln
Reissen ihre Zähne über den Reissleinen zusammen und
Brechen zu den Versprechen auf
Die im Boden bis zum Himmel
Eingesunken sind: die Ausschreitungen beginnen.

Lampenschirm

Der Schatten des Rocks wird vom Licht beteuert.
Die Mythen der Rede entstammen alten
Und wilden Oktober-Gerüchen. Hallten
Nicht schon die Gesänge vor mir erneuert

Von zahnlosen Spielformen aus dem Feuer?
Im Tanz eines Worts durch den Fingerwald
Im Saum des gespiegelten Kamms krallt
Sich Zeit alles Räumliche. Alte Scheuer:

Und schwenkt auch das Licht seinen Rock ins All
Und fällt auch durch Ritzen die Sicht auf Heu:
Die Stimmen entleeren in einem Schwall

Die Zukunft in weisseste Ängste. Scheu
Wie keimende Zwiebelchen schlagen all
Die Nadeln im Schein einen Fingerwall.