Chaconne

Nichts ist wichtig: Chaos notwendig
Ist wie eine Pfeilspitze aus Vorzeiten
Und im Bogenschenkel ihres Flugs das gespaltene

Das geteilte Ohr im Wind und am Herzdotter
In den langsam und widersinnig die Zeit lauscht
Evakuiert in die steinige Stirnpfanne wo

Die Savanne ihre Knöchel glänzen lässt:
Nichts ist wichtig: nur notwendig
Die nicht angesteckten nicht angeleckten Federn

Die in Vorkehrung die Zukehrung verweigern und abwenden
Mit spitzen Fingern zu pflücken: aufhalten
Das Chaos wie eine Handfläche: aushalten die geflüsterte Schwerkraft

Eines minimen Blickes: einer gerade noch geretteten
Einer längst geretteten Gelenkpfanne
Im windigen Sud der verschenkten Augen:

Das geteilte Oder einer Frau
Die offene Gewürzader eines Mannes:
Nichts ist wichtig: zu leben vom Chaos

Abgekehrt die leichte List des Gedenkens
In dessen verstummten Nieren das Chaos aufflammt und gesträubt den Bogen senkt
Wie Gottes Finger übers feuchte Moos der Gedanken fährt am Berghang:

Und das Wasser des Athi wird zum Wasser des Galana
Und das Wasser der Bünz wird zum Wasser der Aare
Und der Eibenbogen erinnert sich an das Wanken der Krone:

Wo hat es geschimmert –
Wie hat es gekrächzt –
Wer hat es erinnert –

Aus Vorzeiten notwendig ist es
Den Kambu aus den Akazien auffliegen
Und den Skorpion in der Bougainvillea-Brust

Der so gut denken gelernt hat
Herauslesen zu lassen: über den Dollarwiesen
Kreisen schon die Rotmilane. Nichts ist

Wichtig: notwendig Chaos ist:
Die ausgestreckte Hand anlegen
Und sich in die Winde neigen: zuneigen sich

Dem gegenläufigen Ei der aufgegebenen Absicht
Dem namendurchrasselten Staub der Fernsicht
Dem leuchtenden Rapsfeld des Fremdwillens

Und im Beckenboden unterm Stirnbrand von Jua verkochen das Nichts.

Einige Träume solltest du einfach gehen lassen

Ich will gar nicht erst anfangen mit den Milchaugengäulen vor der Hochzeitskutsche auf dem Sanktmichaelshügel
Und unten in der Milchsuppe die Schärpen aus Krähen
Ein Beginn wie unwirtliches Gebet am Anfang eines Wintertages
Noch verklebt vom Schweiss der Träume
Ausgespannt über mein Atlantis-Leben zwischen zwei Kontinenten: doch einfach gehen lassen
Wie der Ausblick von der Rigi auf mein Heimatland
Da drüben der Lindenberg mit seinen Pappeln und seinen Rapspupillen wie die Streifen eines Luchses
Dort die verschlungenen Reussgründe und weit hinten die Säule des Atomkraftwerks
Wie dieser Ausblick durch die Augen geht und einen Moment oder zwei eine Art Erkenntnis aber keinen Halt findet
Weder Dauer noch Erwiderung kennt
Kann ich diese Träume nicht gehen lassen
Denn diese Milchaugengründe
Zeigen mich als Kern
Als Samen: die tiefsten noch nicht ausgeschabten Wundhöhlen
Die ausgehöhltesten noch nicht ausgeleuchteten Rücken gefüllt mit dir
Diesem Abschatz der Träume
Diesem Spiegelgrund von Furcht und Abscheu
Scheu und Fürsorge: eine bronzene Frau zierlich wie eine Pappel mit diesem starkgelben Auge eines Ziegenbocks
Einer geschmeidigen Stimme und ich im Palace auf einem Balkon mit Sicht auf die Savoyer Alpen
Das bittere Prickeln von Champagner auf der Zunge und eine Kälte auf der Stirn wie eine Eisenkrone
In meinen Ohren ein ständiges Tapiola wie eine Zentrifuge
Und die Kinder mit ihren gestreiften Krawatten hinter dem Hotelkasten
In seinem Moosschatten und du leitest ihr Spiel an
Lachend tragen sie sich über die abschüssige feuchte Erde
Die leise nach russischem Tee fünfmal aufgebrühtem russischem Tee schmeckt wenn auch du prustend hinfällst
Und alle Kinder auf dich stürzen wie ein Spatzenregen: und wieder ihre Lagerfeueraugen und ich mit gesitteten Huckleberry-Schössen in der Bar am Fenster mit Aussicht auf ein Bourbakipanorama über einem Gedicht wie eine Gletschermühle und da heulen die Sirenen auf und auch du
Hechtest mit aufgestelltem Kragen in die Kellergewölbe des Molochs: die Träume einfach weggeben
Weggehen lassen: das ist doch nicht möglich
Als seien sie vollgeschissene Windeln die so schnell wie möglich vor die Türe gestellt und der Abfuhr übergeben werden sollten: mit aufgestelltem Kragen und voller Wut über diesen unnötigen Krieg
Der über unsere Köpfe hinweg geführt wird und schätze die Stärke des Kaffees immer noch ab in deinem Mund und rufe ihren Namen
Der sich wie Zahnschmelz anfühlt
Wie die Ohren eines Esels in deinem Gesicht
Und deine Stimme gleicht den Kartoffelessern
Und ich zähle mit meinen Kollegen die Kinder durch
Ihre weichen Visagen wie Äpfel unterm Baum und da sehe ich sie
Ihren schlanken schimmernden Körper in eine Isidora-Duncan-Toga gehüllt
Ach diese besaiteten Glieder
Und du fühlst in dir jesseninen
Was noch nie gejessenint haben kann du weisst es
Wie ein Gletschersee überflutet es das Tal deiner Vernunft
Deines ganzen bisherigen Lebens: und wiehernd wie ein Gaul auf der Nebelkoppel unterm Zeigefinger einer Tanne
Deine Stirne wie ein Storch beringt
Überfliegst du die Deponie deines allzu südlichen Lebens und kannst wieder Spanisch mit grosser Zuverlässigkeit und deine Worte und ihre Worte sind wie das zarte helle Krächzen einer Krähenkolonie in den Bäumen eines Morgens im Emaus
Und ich sehe den Kellner herbeieilen mit einer Rechnungsfahne in der Hand wedeln
Und wieder beginnen die Sirenen ihren liebevollen seufzenden Gesang
Über die Lautsprecher wird uns befohlen die Gamellen sorgfältig und gewissenhaft zu säubern
Und ich denke was heisst hier Gamellen
Wir haben doch immer im Speisesaal diniert
Die Gamellen sind doch sauber geblieben mit einigen verkrusteten Speisespuren vom letzten Sommer vielleicht
Und der Kellner beginnt zu erklären und ein Wort fliesst durch die Menschen hier unten
In ihrer Lebensnacktheit
Zechpreller
Zechpreller
Und die Augen entkleiden mich bis auf die Fasern meiner eigenen Geschichte und sie
Diese Stimme die meine Nieren mit Honig und mit Flüsterfingerliedern getränkt hat
Dieser Körper der meinem Körper angelegen und wie Südamerika zu Afrika gepasst hat über die Abgründe von Sprache Spucke und Spiel hinweg: wendet sich ab
Zechpreller und du stehst auf der Treppe im Kellerschacht und hörst die Engelsstimmen der Kinder lachen
Lachen und es ist wie feiner Regen der hart wie Reiskörner dir ins Gesicht prasselt
Schlägt und ich fühle den Anstieg in den Beinen
Als zweigte ich gerade von der Mohrentalstrasse in die Kantonsstrasse ab hinauf nach Besenbüren
Also 30 Jahre jünger
Aber ausser Atem wie ein alter Mann und wache auf im Schweisse deines Angesichts
Sehe die Krähe in der Birkenkrone sitzen
Die sich von ihrem Anflug noch leise wiegt
Wie jeden Morgen um die gleiche Zeit
Und ich schmunzle einen Moment und einen zweiten Moment und weiss
Diesen Traum gilt es fertig zu träumen um dich zu retten
Denn du weisst so gut wie ich
Dass auch die Hochzeitskutsche dir damals vor 30 Jahren mehr oder minder plötzlich
Zu einer Begräbniskutsche wurde oder wenigstens werden konnte
Und ich wende mich zur Wand
Die kalt und weiss ist mit einem Kaffeefleck darauf und suche erneut Rettung im Traum:
In einem sauren Schöpfungsgebet
Das mich dauert: das mir die Wahrheit über dich zu sagen immer wieder verspricht
Selbst wenn ich es wegschöbe wie eine Liebe
Die ich nicht erwidern kann: wie die rieselnden Hautschuppen meiner Nächte: auch dieser Traum gehört nun zu meiner Person
Wie die Sterne und Igel auf dem Meeresboden hinterm Hotelkasten.

Mächtig und überhandnehmend

Mächtig und überhandnehmend ist die Hebung eines Herzens, mein Sohn;

            der Mensch mag sich sträuben,

der Mensch mag sich abwenden von dem, was sein Herz aufhebt und weit in die Öde hinausträgt,

            wo es in der Nacht unter dem Ziehen und Kreisen der Sterne erkühlt,

wo es bei Tage unterm Sonnenglast verkohlt;

            nichts wird die Worte seines Herzens mehr ändern: es hat begriffen,

es hat durchklommen die Klippen und Schluchten,

            die Geröllhänge und die Tells hat es erforscht,

weder Abkehr noch Abwehr kann dem Menschen nun helfen:

            mächtig und um sich greifend ist der Gesang eines Herzens, mein Sohn. SELA

Nichts, mein Sohn, nichts kann den mit rasender Luft erfüllten Worten des Herzens Einhalt gebieten,

            und selbst wenn deine schwarzen Augen zu glühen beginnen

selbst wenn deine Zunge im Morgengrauen von einem eisigen Häutchen überzogen sein wird,

            sollst du mit gepressten Zähnen stehen

sollst du die würgenden Worte einbehalten.

Letztes Mal

Keine Forderungen bitte
Jetzt mehr: keinen Maximalismus mehr
Bitte: weder Heidelbeeren noch Mondrausch
Mehr: du willst nur gut
Anliegen: einfach gut anliegen
Das wäre schon alles: könnte schon
Alles sein: und gebrauche nicht solche
Wörter: überhaupt keine Wörter
Überhaupt kein Wort: reicht dein Atem
Nicht reicht das Schnaufen nicht
Hier wo ich mich mit meinem Weinglas
Eingenuschelt habe: es könnte ja wer weiss
Beschwöre es nur: das letzte Mal sein
Für mich: wenn mein Herz einübt
Anzusteigen die die unmöglichen
Tränen ihre spiegelnden Nagelköpfe
In das Benediktus schlagen: anreigen
Sag es nicht: gegen die Väterfürchte
Die deine Hände zu unerschlossenen
Ölsänden anlegen: dein Glas ist wieder
Leer und jetzt kannst du dich auch nicht mehr
Aus diesem Gedicht stehlen: musst dir
Aneignen was an dir zerrt wie eine
Mutterforderung: das war das letzte Mal
In der Nacht eines Menschen nach Sternen zu fischen
Das war das letzte Mal: den Hauch eines Menschen
Das Dickicht deiner Brust kräuseln
Und das Faultier in den Baumkronen nochmals
Vom Fliegen träumen zu lassen: das letzte Mal
Anneigen zu lernen: die Schwere einer Brust
Zu wiegen: das hätte schon alles sein können:
Hast du dich etwa gefürchtet: die letzte Chance
Für deinen Echsenleib zu beweisen: du spinnst ja
Aber keine Forderungen bitte keine Vorstellungen
Jetzt: kein Zirkus hier im Gedicht: denn Warane sind Kolibris
Auch wenn das vermutlich eine Hypothese bleibt
Jetzt: über die Feuerleiter in die Augen eines Menschen
Einsteigen denn brennt nicht dort ein Öllicht
Trüb wie Spülicht oder mein Morgenkaffee
Das Doktor Mabuse dort verbrochen hat:
Das Buch das die Welt schafft: du willst doch nur ausweichen:
Aussteigen statt noch einmal an diesen Menschen zu denken
Der bereits ruhig im Schlaf atmet während du seinen Gedanken
Noch einmal weiterspinnst: und meine Zahnbürste
Hat ja keine Forderungen oder Ansprüche oder Sehnsüchte
Bitte jetzt: mein Kissen braucht kein mitfühlendes Ohr
Nur meines und den Arm darunter

Die Frauen singen

Die Frauen singen:
Ihr reitet auf weissen Eselinnen,
Ihr sitzt auf weichen Teppichen,
Ihr zieht zu Fuss die Strassen,
Ihr sitzt an der Strasse nach Timna, wo der Weg nach Enajim abzweigt,
Ihr donnert in euren Wagen daher,
Ihr seid vom Felsvorsprung noch verborgen,
Ihr werdet mit der Schleuder fortgeschleudert,
Ihr habt die Schutzmauer niedergerissen um den Weinstock,
Ihr habt Herzen wie Tamburine,
Ihr habt Nieren wie Felsennester,
Ihr zieht die männlichen Neugeborenen aus den Müttern wie die weiblichen Neugeborenen,
Ihr schüttelt den Staub von euren Füssen am Ende des Dorfes:
Wer ist euer Gott?

SELA

Ist er eine wilde Sau, die im Weinstock wütet?
Ist er ein Esel, der nicht an einem Boten vorbeigeht?
Ist er eine Heuschrecke, die über das Land fällt?
Ist er ein Unwetter, das zur falschen Zeit kommt?
Ist er ein Hirte, der seine Schafe vergessen hat in seiner Trunkenheit?
Ist er ein Weinstock, der die mächtigen Zedern verschattet?
Ist er die Stimme im Traum, die ihr nicht hört?
Ist er der umgekehrte Sinn?
Ist er die Narretei, die recht leitet?
Ist er die Höhle, in der ihr euer Geschäft machtet?
Ist er der Sohn, der einen Mann liebt?
Ist er der Vater, der seinen Sohn fortjagt?
Ist er die Tochter, die ihrem Vater tanzend entgegentritt in Mizpa?
Ist Gott wie Ruben, der lange Rat hält und sich doch nicht entscheidet?
Ist er jemand, der auszieht ohne Hoffnung auf Silberbeute?
Ist er jemand, der weder Speer noch Schild sein Eigentum nennt?
Ist er jemand, der darauf wartet, dass die Frauen sich erheben, die Mütter Israels?

SELA

Sie zerbricht die Waffen der Starken,
Sie lässt die Reichen Schweiss vergiessen für einen Laib Brot,
Sie liebt die Verachteten, sie neigt sich zu den Elenden,
sie bringt sie zu Ehren, so singen die Frauen.

Vater o Vater

Mit wenigen Atemzügen schaffst du Erbarmen mitten im Zorn: Otosan: dein Königreich der Wut ist eine schmale Schulter mitten im Wellenwurf da heraussen: und stampfe darauf auch Amataseru in ihrem ungläubigen Verdruss über deine Erhebung und führe ihren Drohtanz auf
Mit gewaltigem männlichen Stampfen: die Haare wie die Zweige des Sakaki-Baums auf dem Kagu in alle Richtungen gesträubt: und längten die lange krähenden Hähne ihre Hälse hinaus aus den Fluten des Tokoyo no kuni: mit wenigem Weiten deiner Lungen gewinnst du Gnade vor dem Zorn und dein Königreich der Wut
Erfasst von der Flut versinkt im Schatten
Den die Berge im Osten dir spenden: Otosan
So finde doch die linden Regungen deines Geistes wieder: das verwüstete Schilfland werde ich dir zurechtkämmen: die zornigen Brauen von Ojisan Namazu sind in der Seetiefe untern den Wurzeln der Wurfsteine nicht zu erkennen: Otosan
Lass die Blumen des Bösen auf deiner Zunge verdorren: OtosanLocke mit deinem tanzenden nackten Körper und den lufterfüllten Wangen unter deinen Augen eines Inoshishi in der Gänze seiner Kraft die Göttin hervor aus ihrer Höhle
Grabe mit stampfendem Fusse im Tanz
Und deine Arme fliegen wie die Zweige des Sakaki-Baums im Wind
Und dein Glied hüpft wie die Schnauze des Delpins über den Wellen
Schaffe ein Lachen Otosan unter den Göttern
Ein Lachen der Trunkenheit mitten im dunkeln Schilf unserer Tage
Mitten im windumtosten Königreich der Wut: die verschmierte Vernunft selbst
Wird sich erweichen und klären und mit linden Atemzügen mitten im wilden Kreisen deiner Füsse: Otosan
Zeige deiner Wut deine blanken Sohlen: vor der unwaschbaren Schwärze des fernen Landes aus dem das Krähen der Hähne lang ausdauernd aufsteigt und wende deinen Blick doch ab Otosan
Von der blinden träge werdenden Zukunft ab und wende dein aufgeblähtes Segelgesicht Otoutosan zu und mir
Mit wenigen Atemzügen siehst du unsere silbern blendenden Antlitze dir entgegenkommen und hinter dir spannen wir die Shimenawa vor den dunkeln Ort.

Mizaru! Mizaru!

Wie ein Lederschild erhebt: beugt sich der See in den gelben Morgenhimmel und ich sauge an den strengen Erlebnissen
Die vormals die Heiterkeit aus den blanken Anlässen gewunden haben: es ist nichts zu sehen
In dieser frostverbissenen Haltung des Landes ist nicht zu sehen
Wie sehr die Dinge sich immer noch in ihren Eigenschaften verkrallen: fast leidenschaftlich anklammern: die Affen mit ihren leuchtenden Ärschen besammeln sich an deinen Knien und zwängeln um deine Hand
Zu lecken das menschliche Salz
Das du dir aus den Augen gewischt: unerwacht stehe ich im Winter und
Sehe nichts von den Anhaftungen
Nichts sehe ich von den mizaru-Schreien der Blesshühner mit ihren spitzen Visagen und den Echsen-Augen und die Algenbärte schwenken ihre grauen Fortsätze in den Sand: ich sehe nichts
Das nicht jeden Zweiten tötet: und der Lederschild
Über dem breiten Rücken von Namazu-san beugt den Rest von Klang
Den Rest von einer fünfsilbigen Überzeugung
Die du bisher in freundliche Anstalten von Pause und Aufatmen
Von Schau und Ansicht setztest
Von zugehaltenen Entscheiden und abgehaltenen Unterschieden: in eine fiepende Unruhe beugt er sie
In eine unverzierte Erinnerungs-Scheide
In einen unverifizierten unlackierten Taumel von leidenschaftlichen Erinnerungen
Von im Stirngraben an der Hecke des freundlichen Nachbars freigelegten weisslichen Wurzelschnäuzen: die Wellen an der Nasenwurzel vertiefen sich
Und die blanken Anlässe
Die vormals die Heiterkeit den Entscheidungen entwunden haben
Kriechen blind durch die Augen der Polarhais unterm Lederschild und die Reichweite meines Blickes verbindet sich mit den mizaru-plärrenden Blesshühnern
Die unter diesem nicht länger hüpfenden Spiegel finden
Im schlüpfrigen kalten handtiefen Wintersud des Sees
Was sie brauchen: wie schwarz lackierte
Wippende Pegelzeichen markieren sie den Ort
Wo der Karpfen auf halber Höhe mit dem Ausdruck eines Weisen durch die blanke Schwärze gleitet
Mit seinem schwertlosen Scheidenmaul über die von fast gelbe grünen Algenhaaren bedeckten Geheimratsecken der Namazu-Burg
In der Tiefe wo du die zweiten Gründe versenkst
Dahin staunt.

Todesangst

Mein Sohn fürchtet den Tod.
Ohne Vorwarnung
Bricht der Schrei aus ihm heraus:
Nicht wie Sirenen in Friedenszeiten.

Mein Sohn ist in meinen Armen.
Sein Körper zittert und windet sich
Wie eine Muschel unter dem Zitronentropfen.
Ich musste hell auflachen über seine Angst:
Abwehr und Sorge in einem. Ironie
Schäumt in meiner Kehle wie heller Schmerz.

Hier helfen keine Worte.
Und doch braucht mein Sohn
Jetzt Worte. Meine Hände auch
Die über seinen Rücken streichen.

Mein Sohn fürchtet sich nicht wirklich
Vor einem Meteoriten
Der die Erde treffen könnte und alles Leben darauf
Auslöschen. Er fürchtet vielleicht nicht einmal
Seinen eigenen persönlichen Tod.
Niemand Lebendes kann sich den Tod vorstellen.

Ich sage: «Wir Menschen sind Lebewesen
Die um ihren Tod wissen können.
Eine Ameise: eine Forelle: ein Rotkehlchen
Glaube ich leben wie Kinder:

Für sie ist das Leben unendlich
Fast ewig. Ich stelle mir vor
Sie sind wie Kinder ihr ganzes Leben
Und plötzlich sterben sie. Dann sind sie tot.
Vielleicht geht es sogar den grossen Tieren so:
Löwen: Bären: Walfischen.

Und ich sage: «Ich finde es gut
Dass du an den Tod denkst.
Das gehört dazu
Um ein Mensch zu werden.»

Aber mein Sohn hat Angst vor dem Tod.
Jetzt hat er Angst davor. Ich muss ihm sagen
Dass ich keine Angst davor habe.
Ich versuche ihm mit Zahlen zu helfen.
Er ist 12 und ich 47. Wenn er nur so alt wird wie ich
Wieviele Jahre wird er dann noch mindestens zu leben haben?

Mein Sohn findet heraus: 35.
Das ist fast dreimal seine jetzige Lebensspanne.
Langsam beruhigt er sich und schmiegt sich an.
Ich denke an meine nächste Operation.

Ich denke mit meinem Sohn im Arm
An meinen Grossvater
Der im Dementenheim endlich mit 97
Ausgelöscht ist: Er kann gar nicht sterben
Denn in all den Erinnerungen ist er jung und
Krakeelt und hat uns Enkel in seiner rauen Art gern:

«Der Rabe sitzt ab. Der Rabe fliegt auf.»
Ich hänge die Todesanzeige für ihn gut sichtbar in der Küche auf.
«Ich weiss auch nicht wie es sein wird aber ich finde es gut
Dass unser Leben ein Ende hat» sage ich nach langem engen Schweigen.

Ein Gedicht schreiben: dem Lauf der Sprache nachgeben

Das Schreiben eines Gedichtes ist natürlich und immer ein Prozess, wie alle Schaffensarbeit. Ein Gedicht kann durchaus und sogar leicht auf einem Ton, in einer Stimmung beginnen und in einer ganz anderen Sprach- und Klangfarbe enden. Nicht zu vergessen: in einer ganz anderen Sinnbildlichkeit sich einrichten, die nicht „vorgesehen“ war; auf eine ganz anderen Stoffebene auf- oder absteigen, vielleicht sogar (im besten Fall) gegen den Willen der Autor*in.

Lange habe ich mich darum bemüht, Gedichte „einstimmig“, „harmonisch“, „ausgeglichen“ zu halten, sie in eine gewisse Neutralität und vorgespiegelte Finalität einzubetten. Immer wieder sind sie mir aber „drausgelaufen“. Ich hielt das ebenso lange für eine Schwäche, einen Fehler meinerseits: eine solche Zufälligkeit und Zusammenhangslosigkeit zuzulassen oder gar von vornherein mit in den Schreibprozess einzubeziehen.

Doch je mehr Erfahrung ich gesammelt, je mehr Gedichte ich geschrieben habe, und insbesondere seit ich ausdauernd und konsequent an einem Roman arbeite – denn Prosa-Arbeit ist etwas so vollkommen anderes als Gedicht-Arbeit! -, desto deutlicher wurde mir, dass es sich dabei nicht nur um ein kalkuliertes Risiko, sondern in allem Ernste um eine Aufgabe handelt: die Sprache wie ein durchgehendes Pferd zu lenken. Nur so, glaube ich jetzt zu wissen, kann sie, und mit ihr das Gedicht, das sagen, was zu sagen ich niemals vermöchte – so sehr ich mich auch um eine kontrollierte und vielleicht gar beherrschte Katastrophe bemühte.

Mit dem Einstieg in das serielle Schreiben stelle ich nun fest, was für eine Erlösung das für eine überbordende Fantasie und unaufhaltsame Sprachwut ein solcher Ansatz sein kann. Denn so kann sich das Sprachmaterial immer wieder adaptieren und verändern. Das Gedicht befasst sich mit einem Grundmaterial an Wörtern und Sätzen, Haltungen und Stimmungen – und variiert diese von Mal zu Mal, von lnkarnation zu Inkarnation.

So handele ich als eine Art „Durchlauferhitzer“ für die Sprache. Ich „kanalisiere“ ganz unesoterisch einerseits, was für Stimmungen und auch Leerungen in mir drin sind und gebe ihnen im Gedicht einen Raum und eine Zeit. Andererseits achte ich darauf, dass sich der Sprachstoff „entfalten“ kann: gebe dem wörtlichen Zerren und dem syntaktischen Zupfen nach, das ich ständig in mir verspüre.

Inzwischen – als reife, „geprüfte“ Schreib-Persönlichkeit – weiss ich auch, dass Schreibende eigentlich nichts zu sagen haben, nicht nur, wie ich als junger Mensch (bis 40 Jahre alt) dachte, weil schon alles gesagt ist, sondern weil-obwohl es nichts zu sagen gibt: die Sprache hat einen Willen, uns anderes sagen zu lassen, wenn wir genügend achtsam mit ihr umgehen, uns auf Umwege zu führen, die uns eher zu dem führen, was wir sagen können, was wir wirklich sprachlich gesehen sind.

Und wenn ich nun von einem Gedicht zum andern gehe in dem aktuellen Zyklus, fühle ich mich befreit von der Last, sowohl linear als auch begründet und-oder zweck- und zielorientiert, ganz vergessen leistungsorientiert sagen zu wollen: müssen. Ich kann der Sprache dabei zuhören, zusehen, wie sie mich führt. Ich kann der Sprache bei ihrem Lauf über das Papier und durch „meinen“ Stoff folgen, ihren Neigungswinkel verändern. Sie nimmt mich an die Hand und führt mich in die Gefilde hinaus. Dabei entstehen musikalische Kunstwerke, denen es mehr um die grossen Bögen geht, um das „laut Denken“. Und je tiefer ich in die Sprachwelt meiner Gedichtreihe eintauche, umso erfüllter wird das Schreibgefühl und der Schreibprozess. Und ich bin entspannt und glücklich: ich bin nur Zuschauer oder Zuhörer. Ich höre dem Diktat der „höheren Instanz“ zu, und das ist ja recht eigentlich die Grundbedeutung von „Dichtung“.

Schon immer eine

Schon immer eine
Die im Tal zwischen den Wellen und den abseits liegenden Fährten: in den Formen der verformten Schiefergelände: in den
Kämpfen der Fische gegen das Gemüse ihre Stirnen bewegten und die Augendotter in ein Vielfaches zerspringen liessen: Eifer und Hunger: schon immer eine
Die den Spiegeln in den ständigen Höhlen der Pilze zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat: mit abgewandtem Kopf murmelst du vom ungeraden Abseits
In dem der Wels sich längt und allmählich seine Zeit findet wie eine Glocke aus Spiegeln: die Farben der Täler haben die Wellen mit ihren starken Strichen schon verlassen und wie eine Ähre schüttelt du dein roggengelbes Haar: die unbewegten Beweger haben sich ein wenig abseits aufgestellt
Unbeeindruckt vom rosaroten Bauch der Lachse und den dunkelroten Wangen der Beeten und bewegen nur leise ihre krautstieligen Lippen
Als Vorbereitung für einen Kuss denkst du mit einer Hast in den Füssen
Den Tempel umkreisend
Den Tempel wo alle versammelt sind
Pflaumen und Datteln: Rogen und Rochen
Den Tempel mit deinem raumzeitlichen Erregungszustand in ein Beiseite rückend
Kreischend auf seinen spiegelnden Schieferplatten
Auf eine Linie weder gerade noch folgerichtig
Und deine aufgeschlagenen Augen
Die im Tal zwischen den Strömungslinien von Atem und Neigungswinkel aufgehängt als Botschafterinnen nur mehr das Offensichtliche: die Gesetze sind keine Gesetze mehr: plärrend verkünden
Die Gesetze an die sich ein Wels oder eine Steckrübe in ihrer weder entseelten noch beseelten Vorform und mit grosser Wahrscheinlichkeit immerzu optimistischen Auffahrt aus der Lethargie und dem Dunkel von Erde und Wasser nicht
halten könnten: die Blicke nicht nur getrübt von ihren ungeraden unvertieften
Ungekauten Anlässen: Go Ryo schenkt uns seine seine sommersprossige oder gesprenkelte Ansicht kaum mehr zu den verabredeten Zeiten und die Täler
Die Täler mit ihren Löchern und Sickergründen und unscharfen Aussichten: bronzefarben wie die Kehle von Ume-Boshi
Doch warst du schon immer eine
Die den Strichen und Lettern sich nur mit grossem Widerstand zugeneigt hat: als seien sie Narben im Gewebe der Wirklichkeit:
Weil die Farbtöne einer Brühe
Oben in der Burg von Meister Kessel
Den diagonalen Strichen der Winde und den gewundenen Linien des Alters widersprechen
Und die Fläche des Tals bestreichen mit ihrem priesterlichen Pastell:
Und du wischst dir den Satz aus der Stirn
Den Satz aus Kielwasser und Erdkrümel an deiner bronzenen Schur und ziehst deine Seele ab
In die Herzen der Rüben im schwarzen Mund der Erde: abseits vom Glanz der Schuppen.