Entladung

Der Himmel finsterte schnell ein. Die vier Männer an der Schifflände hatten bereits ihre Pelerinen angezogen und Taue, Tisch und Tragbahren vorbereitet. Der Kahn drehte langsam und stampfend in der Mitte des Flusses. Kalmer und Regner standen bei den Pollern, kommentierten das Wendemanöver des Schiffs. Der Doktor lehnte am Tisch und rollte sich eine Zigarette. Seine in die Stirn geschobene Brille spiegelte den Himmel, was den Eindruck aus Ergebenheit und Ergriffenheit in seinem Gesicht noch verstärkte. Doktor Wolkenträger, dachte Anna, das passte gut zu ihm. An den vierten Mann, Fäs, hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Er kauerte bei der Schifferhütte an der Wand, die Hände zwischen den Knien berührten die Planken. Fäs war nicht der älteste, Anna schätzte ihn auf knappe 30 Jahre, aber er war mit vielen Wächtern vertraut. Regner vermutete, dass er selbst einmal Wächter gewesen war. Fäs’ Bewegungen waren abgehackt und plötzlich, er konnte unerwartet an jemandes Seite auftauchen, einen mit diesen gelblichen Augen anstarren. Auch jetzt wusste Anna, Fäs wäre der erste beim Schiff, obwohl er am weitesten entfernt war. Anna war schon zweimal mit ihm zusammengestossen, einmal hatte er ihr den Weg vertreten, beim zweiten Mal hatte er sie an der Schulter angefasst und wie eine Spielfigur beiseite gestellt. Beide Male hatte er nichts gesagt. Einige Männer unter den Hütern hatten die Theorie, dass Fäs keine Zunge mehr habe. Sie selbst hatte ihn noch nie reden gehört. Das Schiff kam jetzt längsseits. Der Regen hatte eingesetzt, ein kalter, schräger Wurf unterm Wind. Von einem Moment auf den andern war nur noch die graue, raue Seite des Flusses zu sehen, das andere Ufer und die Turmruine waren verschluckt. Taue und Rufe schlickerten durch die zerhackte Luft. Anna schlüpfte in ihre Pelerine, die ihr der Doktor reichte, der Kunststoff klebte an den nassen Kleidern, die Haut darunter zusammengezogen und voller Kältehöcker. Regner schob die Landungsbrücke über die Planke, Kalmer fasste mit an, gemeinsam hoben und schoben sie den Eisensteg auf das Schiff. Zuerst war niemand auf dem Schiff zu sehen, aber Fäs war schon an Bord, schritt aus Richtung Brücke. Vom leichten Ostwind war ihm die Kapuze seiner Pelerine abgestreift worden, der Regen musste ihm kalt und hart ins Gesicht schlagen. Kalmer hatte sich umgewandt und Annas Blick gesucht, denn ein Betreten des Schiffs ohne den ausdrücklichen Befehl der Aufnahme-Offizierin war tabu. Anna schüttelte den Kopf. Auch sie stellte sich an den Kai, wo das Wasser grau zwischen Schiff und Anlegestelle schäumte. Das Schiff stank, selbst in diesem Wind. Das war nicht neu. Für einen Augenblick musste sie sich vom Fluss abwenden, um die aufkommende Übelkeit mit einem Blick in die Pappeln und Weiden zu bekämpfen. Die Bäume duckten sich in Wind und Regen. Ein Haselstrauch ein wenig weiter weg dagegen schien sich strecken und recken, weiten und wachsen zu wollen in diesem Wolkenbruch. Sie hätte ihm gerne noch ein wenig weiter zugesehen. Von der Brücke kamen jetzt Stimmen, sie kehrte sich dem Schiff zu. Fäs hatte sich die Listen geholt und war schon auf dem Rückweg. Eine Gestalt stand in der Türe der Brücke und hob den Arm, halb Gruss halb Ruf. Sie betrat das Schiff, als Fäs heruntergestürmt war. Er brachte die Liste dem Doktor, das war in Ordnung. Sie hielt ihre Kapuze fest und den Regen im Gesicht aus. Durch die offene Türe trat sie in den heissen Kommandoraum des Schiffs. Im hinteren Teil des bis auf die Armaturen kahlen Raums sassen einige Männer an einem Tisch und spielten stumm und schnaufend Karten. Hinter ihnen loderte in einem Eisenofen ein Feuerauge. Die Luft war abgestanden und roch scharf. Der Kapitän stand mit dem Rücken an die Armaturen gelehnt und wartete auf sie. Sie trat zu ihm hin und wollte die Hand zum Gruss der RETTUNG an den Hals heben. Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Rieder Louis,“ stellte er sich vor. Er legte seine Hand kurz an die Kapitänskappe. Er trug keine Uniform, sondern weite braune Kleidung, die aus Hemden zu bestehen schien. Zögernd nahm er ihre Hand und liess sie fahren. Seine Hand hatte sich wie behaart angefühlt. Sie hatte noch nicht viele Entladungen geleitet, kannte nur erst zwei der Kapitäne der kleinen Flotte. Dieser hier schien etwas Besonderes zu sein. Seine Augen schimmerten wie in Rührung oder im Fieber. „Wir haben 71 dabei heute,“ sagte er, „Grüsse von Nadler.“ Sie nickte nur. Er streckte einladend die Hand aus und führte sie von der Brücke. „Ich zeige dir etwas,“ sagte der Kapitän vor ihr. Die Treppen donnerten unter ihren Schritten. Sie kannte niemand, der Nadler hiess. Jeder Kapitän grüsste sie von diesem Nadler. Sie hatte Schneider gefragt, aber auch er wusste von keinem Nadler. Aber es sei nichts Aussergewöhnliches, dass die Brigadiers am Rheinknie schnell wechselten. Einerseits, so Schneider, müssten sich die Wächter immer wieder gegen die Jurassier zur Wehr setzen. Diese hätten sich fast das Elsass geschnappt, nachdem hier die Türme gefallen seien. Doch das Elsass habe man retten können, und mit „man“ meine er die Wächter der RETTUNG. Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das Elsass den Jurassiern gehörte. Andererseits handle es sich bei den Wächtern halt einfach um eine Bande von Halsabschneidern, da passiere so manches, wenn der Tag lang genug sei. „Wie ist dieser Nadler?“ fragte sie den Nacken des Kapitäns. Ihre Stimme klang im engen Gang wie die Stimme eines Mädchens. „Frage muss heissen, wer ist dieser Nadler,“ antwortete der Kapitän und drehte ihr im Gehen die linke Wange zu. Sie glaubte, ein Lächeln zu erkennen. Über ihnen donnerten jetzt die Schritte ihrer Männer. Sie gingen in den Laderaum. Warum gingen sie in den Laderaum? Sie war noch nie im Laderaum gewesen, das war nicht ihre Aufgabe. Und warum liess sie sich führen? Sie war die Leiterin der Schiftende, sie gehörte nach der Begrüssung an Land. In der Halle des Laderaums lagen und kauerten die künftigen Häuter. Einige waren aufgesprungen. Diese hier waren nicht angekettet. Oben wurde die Ausstiegsklappe geöffnet. Sie konnte im dünnen Graulicht die in der Mitte abgenutzten Holzstufen der Treppe sehen. Sie wollte fragen, warum der Kapitän mit ihr in den Laderaum gekommen war, wenn doch keines der Kinder angekettet war, da war der Kapitän an die Leiter getreten. „Aufstehen, herkommen,“ sagte er laut, seine Stimme war harsch und weich. Die Körper erhoben sich und versammelten sich. Eine schiebende, scharrende, hustende Masse von jungen Menschen. Ein träger schwerer Geschmack legte sich über Anna, schleimige Sporen von Angst drangen bis in ihr Herz vor. Die Menge umschloss Anna, die einige Meter vom Kapitän stehen geblieben war. Die Gesichter hatten einen feuchten Glanz, die Augen schluckten das einfallende Licht sofort. Sprühregen fiel durch die offene Klappe, umgab den Kapitän wie eine Wolke. „Ich gebe euch die Hand. Was ihr tun müsst, das tut. Ihr seid nicht die Letzten, aber vielleicht werdet ihr die Ersten sein. Wenn ihr sterben müsst…“ Der Kapitän machte eine Pause. „Wenn ihr sterben sollt, sterbt im Stehen. Aber wenn ihr frei werdet, dann tut, was ihr gelernt habt.“ Er hob die Hand zu einem Gruss, den Anna nicht kannte. „Niemand hat uns noch gefunden,“ sagte er jetzt lauter. Ein Murmeln ging durch die Menge. Eine helle Stimme rief: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um Anna herum begannen sich aufgeregt zu wiegen und wiederholten das Wort: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Nochmals erhob der Kapitän die Stimme und wiederholte: „Niemand hat uns noch gefunden.“ Und wieder kamen die Stimmen aus den tiefen Mündern um sie her: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um sie herum wiegten sich und hatten die Köpfe dabei gesenkt. Sie erwachte aus ihrem Erstaunen und kämpfte sich einen Weg durch die wogende Menge. „Was machen Sie denn?“ keuchte sie den Kapitän an. „Wir nehmen Abschied,“ antwortete Rieder, „ich schicke sie auf ihren Weg. Sind ein wenig meine Kinder.“ Die ersten Gestalten stiegen über die Treppe nach oben. Von dort kam jetzt ein Schrei. Regner hielt seinen Kopf in das Loch. Er hatte einen Jungen an der Hand, die andere Hand hatte er dem Nächsten auf den Kopf gedrückt, um ihn am Aussteigen zu hindern. „Chef, das geht nicht. Das geht doch nicht so,“ sagte er heiser. Das weckte sie ganz auf. „Kapitän, wir können sie…,“ begann sie. Dann fiel ihr das richtige Wort ein: „Ungebunden können wir sie doch nicht… wegbringen.“ „Nun, das müsst ihr jetzt wohl. Mangel an Seil, vermute ich.“ Ein Lächeln verschob die Geschichtszüge des Kapitäns, als habe jemand mit groben Fingern in das Gesicht gelangt. Seine Augen waren nicht zu sehen, verborgen unter den buschigen Brauen. „Aber es sind brave Mädels und Jungs, das kann ich sagen.“ Oben schwankte Regner zwischen den beiden Menschen. „Dann muss ich Verstärkung anfordern, tut mir leid,“ sagte Anna, „bis dahin kein Ausstieg.“ Sie trat direkt unter die Luke und rief hinauf: „Niemand steigt aus, bis ich den Befehl erteile.“ Sie konnte Regner nicken sehen, aber schon liess sie den Laderaum hinter sich. Draussen hatte der Wind zugenommen, der Regen war fett und schwer, schmeckte bitter und eisenhaltig auf den Lippen. Der Wind kam heute eindeutig aus dem Gebiet. Es war aber gut, wieder im Licht zu sein. Das Licht hatte, obwohl grau, fast grün, im Gegensatz zum menschenvollen Dämmer im Laderaum etwas plötzlich Beständig-Bestätigendes und zugleich Fragwürdiges. Hier draussen waren die Menschen in der Windleere und in der Lichtfülle nur Partikel, die Spucke eines grossen Tiers, über das Fell der Erde verteilt, dachte Anna. Sie war noch immer benommen und konnte nicht verstehen. Sie holte tief Luft, als sie auf die Plattform der Schifflände trat. Dann überquerte sie diese mit schnellem Schritt, an den beiden wartenden Männern vorbei. Beim Doktor blieb sie kurz stehen und beugte sich zu ihm hinunter, denn er hatte sein Gesicht auf die glatte saubere Scheibe des Tischs gelegt: „Da geht was nicht mit rechten Dingen zu, aufpassen.“ Als sie ihren Blick wieder auf das Schiff warf, sah sie, wie immer mehr Menschen ausstiegen. „Fäs, Kalmer,“ rief sie zu den beiden hinüber, „zieht den Landungssteg ab. Niemand steigt aus. Regner soll zurückkommen. Verstanden?“ Die beiden schauten gebannt auf das Schiff voller schwankender Menschen, die sich langsam über das im Regen glänzende Deck verteilten. „Verstanden?“ kreischte sie zu den beiden hinüber. „Verstanden,“ sagte Kalmer und setzte sich im Laufschritt in Bewegung. Sie trat in das Schauerhäuschen und holte die Telefontasche vom Haken.


(Bild von Christo Anestev auf Pixabay.)

Inkarnationsreihen

Es ist Gleichzeit. Er hat das Wort vor Jahren gehört. In der Türangel fällt es ihm jetzt ein. Die Drehungen und Wendungen der letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage geschehen immer noch. Sie haben längst nicht aufgehört. Sie mögen beben und zittern, widerstehen, es ist nicht die Zeit, die sie aufhalten wird. Er hat das Wort vor Jahren gehört, und es hat seine Schleimspur auf den Teig seiner Tage, Wochen, Monate und Jahre gelegt. Keine tiefe Spur, eine Spur wie ein Papierschnitt. Jetzt drückt es die alte Narbe auf, weitet die Lefzen der Haut und hebt seine Knospe in sein schweissblaues Gesicht. Mitten in sein Wiederkehren, mitten in sein Hineinrennen. Denn die Wörter haben Bestand, auch wenn ihr Bestand verkümmert und vergessen wird. Sie sind die Hände, die dich noch zum Menschen machen, wenn du nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sie weder zum Greifen noch zum Zeigen mehr benutzen kannst. Aber Gleichzeit ist es. Das begreift er sofort, als das Wort zu ihm kommt. Glitschig glatt gleitet es in seinen trockenen Sprechtrakt. Er hat es nicht kommen sehen. Er hat es nicht willkommen geheissen. Eine Wimper, die ins Auge sticht. Mit jeder Reibung kehrt sie wieder, schlägt erneut ins Becken der Tränen. Er wehrt sich mit aller Kraft dagegen, in die Knie gezwungen zu werden. Wenn es das Wort gibt, und wenn es auf ihn auch zutrifft, dann kann selbst die Zeit ihn nicht aufhalten. Dann ist der Tod weniger wahrscheinlich, wie ein Ton, der sich in den Tagen, Jahren, Wochen und Monaten nicht abgeschliffen hat. Nicht abgeschliffen hat daran, dass Lippen und Auge verschlossen und hart wie Glas waren. In seiner Reibung daran seine Ausdauer nicht verloren hat, seine Wärme. So steht er in der Türangel, mitten in der Wiederkehr, angeschlagen wie eine schweissige, fleischige Glocke. Die Seltenheit des Moments drängt sich auf. Sie steht wie ein anderer Mensch vor ihm auf der Schwelle. Hinausgeneigt, ein wenig geduckt, horcht er auf das Ticken der Taubenkrallen im Treppenhaus. Die Geschwindigkeit hat sich gesteigert. Seine eigene zuerst, vermutet er. Eine Geschwindigkeit wie der Rückstoss an der Schulter. Eine Bewegung, die sich selbst aus dem Stand bringt. Das Ducken ist die Kehrseite des Hineinrennens. In den Jahren, Tagen, Monaten und Wochen hat sich angesammelt, was einem Ducken gleichkommt. Die lautere Abkehr von dem Entzücken am anderen Menschen. Ein Entzücken, das von keinem Wort getragen werden konnte. Er streift weiter durch die Wüste seiner Wohnung, die sich weithin erstrecken gelernt hat. Seine Bewegungen sind die schwersten Fäuste, an die er zu denken vermag. Das schürfende Schleifen eines Körpers auf dem Tummelfeld der Abwesenheit. Hinausgedrängt wurden die Menschen aus dem After seiner Ideen. Knollen mit Gesichtern, verknäulte Gesichter. Seine eigenen Träume bekamen Äste, die an Fenstern kraulen. Wochen, Tage, Monate und Jahre behindern ihn nicht mehr. Die Gleichzeit hat eingesetzt, Glas über den sanften Pfoten der Wiederkehr. Ein Keuchen, ein Tappen. Er ist sich noch keines Namens bewusst. Willig nimmt ihn das violette Schimmern des Sofas auf, aufgeschlagenes Auge. Vom Lindenplatz herauf kommen die Regentöne auf dem Asphalt, das im Tanz der vielen Aufschläge von der Unendlichkeit zu reden vermag. Obwohl es nichts Konkretes mehr gibt, beharrt das Konkrete darauf. Es gibt weder das Wegschliessen noch das Hinausrennen. Er erinnert sich an das Willkommen im Seufzen des Sofas, ausfahrender Atem. Seit Monaten, Wochen, Jahren und Tagen hat er es nicht für wahr gehalten, dass es in diesem Widerstreit eine Auskehr, eine Erinnerung gibt. Er hatte sie ausgelaufen, ausgetreten, ausgedreht in seinem langen, langen Gang. Nicht buchstäblich zerstampft, aber doch eingetreten in die Zeit, die vergeht. Wie die Fliesen unten im Eingang, die das Ticken der Taubenkrallen annehmen, aufnehmen und weitergeben. Er hat den Widerstreit nicht bemerkt, der seine glühende Schwebe beherrscht. Mitten im Wohnzimmer stehend, stellt er sich vor, der Regen fiele schon zeitenlang. Der Regen bedecke eine hemmungslose Scham, die er nicht kennt. Woher kommt dieses Gefühl, das bleiern in seinen Muskeln schwebt? Diese Schwäche, immer wieder diese Schwäche darüber, dass für Auswege seit Tagen, Monaten, Wochen und Jahren die Augenblicke nicht mehr kommen. Die andern Menschen, wenn er von Menschen überhaupt sprechen kann, wie er von den an der Scheibe ritzenden Ästen spricht, von dem Flügelsirren im Treppenhaus, dem Minzgeruch in seinem Hirn, seit er zu denken begonnen hat, dem warmen Prasseln seines Urins auf das strahlende Porzellan… Sie haben ihre Gestalt verloren, damit ihre Sprache. Sie sind wie die Schatten, die von mehreren Lichtern gleichzeitig von verschiedenen Seiten geworfen werden. Ein Drehen im Stehen, Stehen im Drehen. Ein Rasseln in seinem Hals kündigt die Worte an. Er spürt, den Kopf an die Waldscheibe gelegt, das Zerfliessen von Wissen darüber, was ihm was ausmacht, wie ihn was ausmacht. Er steht an und davor und lacht. Hände anlegen, Ausreden abwehren, Auswege gehen, niemand halten. Auswege ausgehen, wiederholt Auswege ausgehen, als kämpfe einer gegen die eigene Ungestalt. „Die Forderungen,“ sagt er, „wurden gestellt wie Schläge. Die Forderungen waren das, was verwirrt. Verrücken dahin, verrücken dorthin.“ Vorsichtig bettet er seine Glieder auf das Sofa, bündelt seine Arme und Beine wie spreuende Ähren um die Vorhut seiner Fluchtbewegung. In dieser Lage kommt ihm die Sprache des Regens sehr nah. Mitten in seinem fliessenden Schweiss versteht er die Wolken, die nachlassen. Das violette Leder vor seinem Gesicht gefällt ihm. Es hat einen Geruch von Bestand, leicht schmierig, einen Geruch, der das Vergehen nicht kennt. Gar nicht anschmiegsam, gar nicht haftend. Nur sein Leib haftet an dem, was er berührt. Was er denkt, das spelzt sich ab. Mitten im Stroh-Strom liegt er, ein Tümmler, lang und bloss in der Tröckne. Rundum fliegen Wimpern, Waldgeräusche und Wanddünen. Schon steht er wieder, bevor es ihn einklemmt. Jedes Mal, wenn er wieder auftaucht, und heute in diesem Wassergeräusch vom Lindenplatz herauf, bekommt er es mit den andern Menschen zu tun. Mit ihren Blicken, die etwas wollen, so sehr wollen. In Monaten, Tagen, Jahren und Wochen ist es ihm nicht gelungen, das zu erkennen. Es hat ihm weder an der Entschlusskraft noch an der Entschlossenheit gemangelt. Aus seiner anderen Menschheit die anderen Menschen zu erhalten, nicht einmal für sich. Wieder neigt er den Kopf an die Waldscheibe und hört das Reiben der Äste daran. Sie wollen nicht Einlass, sie wollen Auslass, denkt er. Er zählt ihre Bemühungen, weiter vorzustossen, wieder voranzukommen. Wippend zäh. „Ich bin doch auch kein Mensch mehr,“ erklärt er in die Stille hinein. Hat es ihn jetzt auch noch in die Sprache verschlagen? Ohne Wind schreiben die Äste ihre Sprache an das Fenster. Er stellt sich vor, wie sie das Haus vor sich her schieben. Über den Lindenplatz hinweg, in die Stadtleere hinaus. Was sie tun, ist Zeitregelung. Ausdauernd, aber unregelmässig. In einer Stille, und auf den Blättern kein einziges Regenwort, kommen ihm die Gesichter entgegen. Als habe er sie im Aufstehen, dort auf dem Sofa, aufgescheucht, aufgeschüttelt. Ist das ein Sonnenstreif, hier zu seinen Füssen? Er sieht das Gesicht seiner Frau, die seinen Namen immer wieder verschluckt. Er sieht das Gesicht seines Vaters, der seinen Namen wie ein Haar auf seiner Zunge trägt. Er sieht das Gesicht seines Freundes Asagiri, dem sein Name ein klebriger Bericht aus der Zukunft war. Aus einer Zukunft, die seinem Land nicht nur drohte, war sie doch eingetreten. Er sieht das Gesicht seiner Tochter, Miriam, die um seinen Namen fürchtete. Die Zeit hat den Gesichtern weder den Schrecken genommen, dem sie ihm immer schon eingeflösst haben, noch die Schutzkraft. Da stehen sie vor ihm, in einer Garbe und doch einzeln. Er möchte sich auf sie werfen, sie pressen und schütteln, monatelang, jahrelang, tagelang, wochenlang. Bis er erfahren hätte, was die anderen Menschen sind. Wo sie jetzt nicht mehr sind, ist er sie. Muss er nicht sie sein? Den Schrecken nehmen und tragen: diese Trennung, die keine Abtrennung ist. Die Schutzkraft ergreifen, die in ihren schwarzen Blicken lag: daran zupfen, zerren, ziehen. Eine grosse Kabelrolle mit schwarzem Kabel, dieses Kabel abrollen, von hier aus hinaus in die Strecke der Zeit, die ihn von ihnen scheidet. Denn sie sind diese Wand, eine Wand aus Köpfen, im Wald gewachsen, den Asphalt mit Grün durchbohrend wie „steter Tropfen höhlt den Stein“. Er hat in sich genug Leere angesammelt. Vielleicht ist es das jetzt schon. Ist das jetzt dieses Überquellen, das ein Überlappen ist, ein Einlappen? Die Zungen der Lachen draussen auf dem Lindenplatz, ja. Die grünen Zungen der Bäume, ja. Aber die Nester von Erinnerung, die ihm jetzt ins Gesicht hängen, nein. In ihnen klimpert es, in ihnen klimpert etwas, während der Wind auswegslos durch die Geschichte fährt. Asagiris Lachen, das in ein keuchendes, grollendes Räuspern fährt, immer leiser werdend, bis zum Ersticken und wieder Aufbellen. Die Haut des Muttermals am Hals seiner Frau, das mit Küssen bekämpft werden musste, aber doch nur Haut war, weich und undurchdringlich. Die Tauben im Treppenhaus, die zwischen Scherben picken. Im Treppenhaus hört er die jahrelangen, tagelangen, monatelangen und wochenlangen Schritte hinauf und hinunter, stampfend und hüpfend, entschlossen und innehaltend. Er hört das Abklopfen von Hosen- und Westentaschen. Der Geruch von mühsam zurückgehaltener Angst steigt ihm in die Nase, der sich vor den Türen endlich ausbreiten kann, wo er doch zuhause keine Heimat haben darf, eingehalten. Wieder hält er inne, fühlt sich durchbohrt von den aufkommenden Wellen, die er gestillt glaubte. Von den Eidotter-Augen der ziegenhaften andern. Kann er wirklich das Atmen seines Kindes in der Halsbeuge fühlen, das feuchte Hecheln. Die Zunge in seinem Mund ein feiner Farnwedel, rosa, unabhängig und frei. Den bitter-törichten, bitter-lockenden Geruch einer Kopfhaut, vermischt mit dem süsslichen Geruch von Kokosöl. Die darauf gestreuten Küsse wie Kerne zwischen niedergetretenen Grashalmen. Das ist Gleichzeit. Alle sind sie da. Da sind sie alle. Verwünscht und jetzt verwunschen. Er kauert mitten im Flur im Halbschatten, der leicht grünt. Seine Augen geben ein lautes Flappen von sich, als würden zwei Nusskerne gegeneinander geschlagen. Seine Hände machen die Bewegung des Zöpfewindens. Tagelang hat er nicht um die Reihen gewusst, die in ihm wurzelten. Monatelang hat er sich Listen aufgezählt, die ihn hier hielten. Jahrelang hat er auf die Anklageblicke gestarrt, die ihn ausschlürften. Wochenlang hat er sich wieder und nieder vergewissert, dass in der Tiefe der Zeit nichts übrig geblieben ist. Aber die anderen sind immer noch da. Sind schon wieder da. Ein Andrang von anderen, als hätten sie nur ihn. Als hätten sie nur ihn, um ihre Euter-Gesichter meckernd in sein Blickfeld zu drängen. Eindringliche, gelbe Blicke. Aber die Fische hoben schon ihre Mäuler aus dem Parkett. Hohl und hallend glaubte er sie entfernt zu haben. Die Namen kommen zuerst, stockend. Hände, die unerwartet und kalt seine Brustwarzen suchen. Nasen, die unerwartet und feucht in seiner Drosselgrube nisten. Pockenmarken, in deren Mulden spiegelbildliche Einladungen schimmern. All die Gelegenheiten, die sich ihm jetzt böten. Er sieht sie klar und deutlich. Können sie denn? Können sie denn wiederkehren? Einzeln wie Milchzähne. Vorsichtig, als sei er aus Zahnstochern, stemmt er seinen Fuss in den Boden. Er hört, spürt das Rieseln der Erde an seinem ganzen Körper. Sein Gehirn versucht immer wieder zu zählen, in dieser feisten, farnhaften Freesienluft. Es ist nur ein Versuch des Zählens, eine Abwehr. Er steht als Fragezeichen im Raum, die Hände nach vorne pendelnd. Wieder und wieder versucht er umzukehren. Ohne einen Schritt. Aber da sind die Fische, die ihre Mäuler aus dem Parkett hoben. Sein Körper befindet sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper befand sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper entwindet sich den verschiedenen Zeiten nicht. Sein Körper entwand sich keiner der Zeiten. Der Gang, den er wieder aufnimmt, in den er wieder einfällt, begann nicht wieder. Seine Räume sind andere. Auf allen Dingen klebten Namen. Selbst auf den Ästen vor den Scheiben, selbst auf seinen Kniescheiben, die er sehen wird, wenn er sich vornüberbeugt, weil er Atem fassen musste. Er wird zu einem Glas-Sarg. Unter dem Glas regt sich, regt sich, regte sich, was er nicht mehr kannte. Knisternd rollen Tränen über die sandigen Flächen seiner Wangen. Wie Finger drückten die Gestalten, die Zöpfe, das Lachen, die Gesichter, die Beschimpfungen, die Krankheiten, die Schürfungen, die wütenden Gerüche der Lust, in sein Kreuz. Fuhren über die empfindlichen Stellen aussen am Brustkorb. Richteten seinen Körper auf, indem sie die Schulterblätter Richtung Herz pressten. Der Regen fällt in den Wald wie auf die grünen Scherben einer Prasserei. Nichts mehr sehend, zerbricht er das Fenster zum Wald. Seine Stirne blieb dabei heil. Klappernd wie ein Kasper stand er im heissen Wind.


(Bild von miezekieze auf Pixabay.)

Ich habe Geister gesehen

Was für komische Gefühle. Bis kurz vor dem Bahnhof konnte man sich gut fühlen. Es war doch noch die Stadt, die man kannte. Wenn auch leer, wenn auch ausgeräumt. Rüschen bewegten sich an Fenstern. Feiglinge, Drückeberger. Vorher Pfauen, jetzt Strausse. Aber er merkte schon, was gespielt wurde. Jemand versuchte irgendwo wie verrückt, die Zeit anzuhalten. Anders konnte es nicht sein. Seine Schritte waren jetzt langsamer als in der Elisabethenanlage. Langsamer und eindeutig noch etwas. Er lachte laut in die Stille hinein. Was für komische Gefühle. Noch in der Elisabethenanlage hätte er gesagt, ich bin ein Mensch. Doch jetzt, die Augen gebannt auf der Uhr im Portal, war er sich dessen nicht mehr sicher. Er war in eine Differenz hineingetreten. Die Uhr funktionierte, daran lag es nicht. Eben hatte der Minutenzeiger seinen Sprung absolviert und zitternd seine nächste Minute gefunden. Das Portal selbst sah gewaschen aus. Das Sandsteingrau leuchtete gelb. Er setzte sich etwa hundert Meter vor dem Portal auf den Boden, um es zu beobachten. Er wollte es nicht übereilen. Urteile erst, wenn du reif dafür bist, das war sein Motto. Je länger er schaute, umso klarer wurde die Erinnerung an das Gesicht. Der ganze Bau glich einem Gesicht. Wenn du nicht aufpasst, verpasst du eine Zuckung in den Zügen. Er versuchte, die Angst nochmals herauszulachen. Es gelang ihm ein Keuchen, immerhin. Er hätte nicht sagen können, was störte. Er hätte gerne gezeigt darauf, damit die Angst von seinem Finger verscheucht würde. Aber hier benötigte jedes Zeigen eine solche Überzeugung. Noch einmal betrachtete er die Falten und Runzeln des Gebäudes auf der Suche nach einer Verdeutlichung. Er kannte das Gesicht. Es brannte ganz hinten in den dunklen Korridoren seines Gehirns, wo Pilze in langen, seifigen Strähnen von den Decken wuchsen und wie leckende Zungen über die feuchten Tischtücher und die halb aufgegessenen, lange schon kalten Speisen in den Tellern strichen. Wenn er die Augen schloss, brannte und tanzte es. Und ein abschätziger Geruch war es, salzig und schmierig. Und der Bau leuchtete grün, ein Algenteich. Ein Algenteich, der spiegelte, was nicht zu sagen war. Mühsam kam er in die Höhe. Sein ganzer Körper war schwer geworden, mit Furcht-Häuten wie Öl-Schichten überzogen. Immerhin, immerhin. Wahrscheinlich war immer schon unwahrscheinlich gewesen. Das hatte ihn das Ausgucken aus seiner Bucht gelehrt. Was für komische Gefühle, das war nur der Anfang. Es war nur noch unwahrscheinlicher geworden. Aber er war sich dessen nicht mehr ganz sicher. Darum war er ja hier. Er hatte es in den Fingern, er würde mehr als Kadaver entdecken. Mit watenden Schritten ging er auf das Portal zu. Unter der grossen Pforte blieb er stehen. Geräuschvoll sog er zuerst die Luft ein. Pisse, Bier, Kotze, Kaffee, Luft unter den Flügeln von Tauben. Dann horchte er in die Halle hinein, die Augen noch geschlossen. Tatsache, Schritte. Nicht viele, aber einige, schlurfend. Hörte er auch ein leises Singen, eine Art Seufzen? Dann die Augen: eine leere Halle mit gekrümmtem Licht, der Boden bedeckt von Plastik und Kleidern. Offene Koffer. Im hinteren Teil hatte jemand die Koffer zu stapeln versucht. Schwer zu beurteilen, was hier vorgegangen war, Flucht oder Ankunft. Er schritt durch die Halle und bemühte sich, auf nichts zu treten, das Geräusche machte. Einige der Kleiderstücke wiesen schwarze Flecken auf. Das Seufzen war nicht mehr zu hören, als er in der Mitte der Halle stand. Das Schlurfen von Schritten konnte von dem Plastik kommen, der von kurzen, richtungslosen Windstössen bewegt wurde. Diese Windstösse, woher kamen die denn? Vor dem Portal war es eigentlich windstill gewesen. „Das ist wahrscheinlich,“ stiess er provozierend laut hervor. Seine Stimme kam keine zwei Meter weit. Er hatte den Eindruck, sie war, kaum aus dem Mund heraus, feucht und schlaff in die Kleiderstücke und Plastikfetzen gefallen. Wieder lauschte er lange. Kein Geräusch. Kein flatternder Vogel. Ah, eine Stille, die auf ein Geräusch wartete. Auf ein bestimmtes Geräusch. Komische Gefühle, gemischte Gefühle. Eine Stille, die sich nach einem Geräusch sehnte. Fiele hier eine Nadel, dachte er, das Klimpern der Nadel auf dem Asphalt würde auf der Stelle von dieser Stille verschluckt. Er ging auf die Treppen zu, und plötzlich war die Halle von einem Brummen erfüllt, dann von einem knirschenden kreischenden Stöhnen. Zwei der vier Rolltreppen hatten sich in Bewegung gesetzt. Etwas in ihrem Getriebe liess sie in regelmässigen Abständen jammern. Er zögerte, eine Zeitreise. Es gab nichts, was es nicht gab. Mit kleinen Schritten näherte er sich der rechten Rolltreppe. Er wartete auf die nächste Stufe, die sich aus dem Boden erheben würde. Die nächste Stufe kam und die nächste und die nächste. Hilfesuchend ergriff er den Handlauf. Ruckartig wurde er auf die Treppe gezogen, stolperte und schlug sich die Knie auf den Metallzähnen der Stufen. Sein Kopf hatte keine Zeit für den Schwindel, wurde vom Schmerz geflutet. Die Rolltreppe hatte ihn schon in die halbe Höhe hinaufgetragen, als er sich endlich aufgerichtet hatte. Die Handläufe unter seinem festen Griff ruckten in der Aufwärtsbewegung vor und zurück. Die Halle unter ihm weitete sich und fiel zurück. Gerade rechtzeitig drehte er sich in die Fahrtrichtung, da kippte ihn der Fahrsteig in die Passerelle hinaus. Einige Sekunden blieb er so stehen, seiner Füsse nicht mehr sicher. Vor ihm auf dem ersten Drittel der Passage waren hunderte Holzkisten ordentlich gestapelt, mit grossen Lettern markiert. Einige waren rot angestrichen, andere blau, dritte grün. Die Stapel waren unterschiedlich hoch, einige über mannshoch. Sie versperrten ihm fast ganz den Weg. Vom andern Eingang hörte er verhaltenes Rufen, stampfende Schritte. Er duckte sich hinter einen Stapel von grünen Kisten. Diese waren flach und länglich wie Särge. Ein Geruch von Ammoniak umgab sie. Er konnte nichts sehen und fand einen nächsten Turm, hinter dem er sich hinkniete. Diese Kisten waren rot, aus ihnen kam kein Geruch. Die Knie schmerzten, und als er sie berührte, stiessen seine Finger auf feuchten Stoff. Jetzt konnte er bis ans Ende des breiten Flurs sehen. Zwei Uniformierte standen dort zusammen und sprachen miteinander. Er konnte die Uniform weder einer Militärgattung noch der Miliz zuordnen. Die Hosen, Hemden und Westen waren ganz in blauem Kordstoff, an den Achseln hingen violette Troddeln. Die Männer trugen graue Barette, an denen etwas glitzerte. Er konnte nicht verstehen, was sie redeten. Dann begriff er, sie redeten Französisch. Darum konnte er sie nicht verstehen. Fremdes Gesocks, dachte er, was macht fremdes Gesocks auf unserem Boden, was haben die Franzmänner hier verloren? Die Franzosen machten doch Probleme erst zu Problemen. Sie waren dort im Einsatz, wo es etwas zu verschlimmern galt. Er erinnerte sich an das Erdbeben vor zehn oder fünfzehn Jahren. Da waren die Franzosen auch hinüber gekommen, um beim Aufräumen zu helfen. Sie hatten sich im Kannenfeldpark ein Denkmal errichten lassen. Sie hatten es neben dem Denkmal aus einem längst vergangenen Krieg aufgestellt, an den sich niemand erinnerte. Das Denkmal war schnell geschändet worden. Die Stadtverwaltung hatte es dann zum Schutz in eine Wellblechverschalung gesteckt, aus der es jedes Jahr zum Jahrestag herausgeschält wurde. Milizionäre standen daran Wache. Französische Brigaden salutierten davor. Ein dicker glatzköpfiger Franzose hielt eine lange Rede. Ah, komische Gefühle. Gefühle mit Ohnmacht und Verstörung. Was waren wir nur heruntergekommen. Doch war die Frage nun, wofür waren sie diesmal gekommen? Nie würde er den Anblick vergessen, wie die Franzosen in jenen Jahren einmarschiert waren. Zuerst über die Burgfelderstrasse, später auch über die Dreirosenbrücke. Vergangen, vergangen. Waren das hier Soldaten oder Söldner? Wer konnte das bei denen schon sagen. Er bewegte sich hinter den Kisten hindurch, bis er am linken Rand der Fussgängerbrücke stand. Die Holzverschläge der Marktbuden waren mit wilden Bildern bemalt. Explosionen, Drachen, wucherndes Fleisch. Einige der Läden waren geplündert worden, die Bruchstellen der Bretter leuchteten wie Stosszähne im Licht, das schräg durch die hoch gelegenen Fenster einfiel. Die Männer standen immer noch mit dem Rücken zu ihm. Er begann den Läden entlangzuschleichen. Langsam, er hob kaum die Füsse dabei. Den Rücken immer wieder an die Verschläge gelehnt. Einmal erschrak er, weil er dachte, jemand könne ihm aus dem Laden heraus die Hand auf die Schuler legen. Aber die Läden waren ja leer. Jetzt würde ihn ganz sicher niemand mehr festhalten, niemand mehr hindern. Die Zeiten waren vorbei. Sein Gesicht zeigte einen komischen Ausdruck, er wusste darum. Komische Gefühle, komischer Ausdruck. Die Lippen waren gespitzt, als wolle er gleich pfeifen. Seine Zunge war zu sehen. Er stieg mehrmals erfolgreich über herumliegende Bretter. Dann aber achtete er nicht auf seine Füsse und blieb an einem gesplitterten Brett hängen, fühlte Metall im Fleisch. Er zog vor Schmerz laut die Luft ein. Einer der Uniformierten drehte sich um, erblickte ihn und rief ihn mit einem „Hého!“ Zu sich. Humpelnd machte er sich auf den Weg, zuerst noch gebückt und in der Nähe der Buden. Dann korrigierte er seinen Weg und trat in die Mitte der Passerelle hinaus. Er konnte mit seinem Fuss nicht gut aufrecht gehen, weil der Schmerz ihn verbog, aber er versuchte es. Laut rief er durch die Halle: „Bonjour, les français!“ Auch der zweite Soldat hatte sich umgedreht. Die Gesichter der beiden Männer waren fröhlich und wohlgenährt. Sie waren ausgeschlafen und interessiert. Nicht wie damals. Aus zehn Metern rief er sie nochmals an: „Was macht ihr hier? Häh, was macht ihr hier?“ Er benahm sich wie der Hausherr. Er war ein wenig glücklich. Kaum war er heran, packten die beiden ihn zwischen sich und zogen ihn mit. Sie redeten nicht einmal mit ihm. Er machte zwei, drei Schritte mit, dann liess er sich hängen, die Spitzen seiner Schuhe schleiften auf dem Boden. Was für kindische Zeiten, dachte er. Worüber freue ich mich eigentlich? Er liess sich den Gang hinunterschleppen. Vor dem Bahnhof, auf dem Platz vor dem eingestürzte Hochhaus, standen braune Militärzelte. Soldaten oder Söldner gingen dazwischen langsam hin und her, mit gemächlichen Aufträgen. Als die Soldaten ihn auf die Füsse stellten und ihm befahlen, selbst zu gehen, sah er hinunter zu den Gleisen. Dort standen mannshohe Pferche, er konnte vier davon zählen. Die aus rohen Stämmen gebauten Ställe waren ohne Dach. Er konnte knapp erkennen, dass sich darin etwas bewegte, Haar wehte im Wind. Dahinter stand ein wartender Güterzug, die Maschine atmete prustend. Seine Ohren waren geblendet. Eben war es noch so still gewesen, so leer und unbelebt. Woher kam nun all die Aufregung, das Gestampf und das leise Wimmern? Die beiden Söldner führten ihn zu einem kleinen Zelt am Rand der Militärsiedlung. Vor dem Zelt war ein Tisch aufgestellt, dahinter eine Bank. Auf der Bank sass ein massiger Mann im Leibchen, die riesigen Hände auf dem aufgequollenen Holz des Tischs. In einer der Hände hielt er eine Pfeife, die eben angerauchte Glut war zu sehen. Auch er trug ein graues Barett, aber nichts glitzerte daran. Das Barett war speckig vom vielen Auf- und Absetzen mit schmutzigen Händen. Das Gesicht des Mannes war grau und abgetragen. Der Mann schaute von seinen Händen hoch und lachte bellend auf. Seine Stimme fistelte. „Was sehen meine müden Augen denn da?“ sagte der Mann hinter seinem Tischchen. „Kommt da etwa jemand zu Kreuz gekrochen?“ Was für komische Gefühle. Er konnte nur das Kinn auf die Brust drücken, nicht aufschauen. Er hatte ihn erst an seiner Stimme erkannt. Für Sekunden war er in der Differenz gefangen, für Sekunden gab es nur die Differenz. In ihr hallte sein ganzes Erleben wider. Über dem Platz war ein vielstimmiges Schlurfen und Flattern, eine unterdrückte Drohung. „Bist du es?“ fragte er mit der Stimme des jüngsten Bruders. Der andere kicherte und schob mit seinem Bauch den Tisch von sich weg. Holz und Kies machten ein Geräusch, als risse Haut, ein räusperndes Knallen. Er hob den Kopf und blickte seinem Bruder in die grauen Augen. Die Augen waren immer noch verschwommen und wässerig, jetzt aber wie verdrückte Pflaumen unter den Wülsten des Gesichts. Er spürte den Körper seines Bruders an seinem, die Hände klatschten auf seinen Hintern. Der Geruch von Zahnfäule, Tabak und Baustellenfeuern zwang ihn in die Knie. Er hatte noch starr, die Hände hängend, über die Schulter seines Bruders geblickt, an der Fassade des Hochhauses hing ein Stoffbanner mit einer Parole. „Beschützen heisst Zerstören. Zerstören heisst Retten. Retten heisst Häuten.“ Das hatte er noch lesen können, irgendwie um Unbeteiligung bemüht. Der Unterschied, in den er glitschte, roch nach aufgeschwollener Pappe im Gesicht. Arme hoben ihn hoch und wuchteten ihn herum. Das Stechen im Knie weckte ihn. Er blickte auf einen kindlichen Kopf mit langem Haar hinunter. Der junge Mann strich eine Paste auf seine Wunde am Knie. Langsam rollte er einen Verband auf und mit weit ausgebreiteten Armen um das Knie herum. Dabei flüsterte er. War das ein Lied oder ein Gebet? Er bemerkte, dass der Verbundene wach war. Es war ein junger Mann mit einer hellen, fast durchsichtigen Haut, seine Augen waren so dunkel, sie waren violett. „Oh, ma foi,“ lispelte der Soldat. Mit gesenktem Kopf hörte er die schnellen leichten Schritte und den Ruf nach dem „Colonel“. Das war also sein Bruder, da war also sein Bruder. Er wünschte sich, nochmals wegsinken zu dürfen. Der Jnge kam mit einem grossen Blauen zurück, der ihn ungefragt unter der Achsel packte und mitnahm. Da sass er wieder, Tisch zur Seite geschoben, Beine gespreizt, die Pfeife rauchte. Grosse Hände wie Flossen auf den Knien. „Ueli, Ueli,“ begrüsste er ihn, „immer noch ein Kippmeinnicht, häh?“ Der Mund war ihm voller Spucke, sein rechter Fuss schmerzte. „Guten Tag, Erich,“ sagte er leise. Er schaute ihm direkt in die Augen eines Molchs. „Heiss nicht mehr Erich, du liebe Feige,“ sagte der Kröterich, „heiss jetzt Motorman, ein N bitte. Hast Glück, wollten heute zum Hafen runter. Wären dann nicht mehr da gewesen.“ Beide schwiegen. Motorman sagte: „Einmal nicht verpasst, häh?“ Fast hätte Ulrich gesagt, einmal ist keinmal. Aber er ersparte dem Bruder die Freude. Vater sollte tot, Vater konnte ihm auch weiterhin gestohlen bleiben. Er blinzelte, um das Schweigen andauern lassen zu können. Das Plakat bewegte sich im Wind, ein Segel. Die Aschehaare des Jungen umgaben ihn wie eine Medusenglocke, leise lockten sie sich im Wind. Lockten sich wie seine Gedanken, krausten sich wie sein Wille. „Wollten zum Hafen runter“, nahm der Dicke wieder auf, „zum Hafen runter mit unserer kostbaren Fracht.“ Der Refrain eines Liedes. Ulrich stellte fest, dass auch sein Bruder die Augen niedergeschlagen hatte. „Und was… suchen die Franzosen hier?“ fragte er. „Die Zeiten sind verschieden, sehr verschieden,“ sagte sein Bruder, „bei den Franzmännern, da haben sie noch Menschen, Kohle, scheint’s Regierung. Aber auch dort kommt es ins Rutschen. Verstehst du? Und da kommen sie zu uns, kommen sie zu mir.“ Ulrich versuchte einen Faden von Denken zu erfassen, es gelang ihm nicht. Das Husten eines Motors fuhr ihm dazwischen, ein zweitaktiges Rumpeln. Der Zug fuhr an. „Da fährt er, hinüber in die Welt, Ueli. Wie kostbar das ist, die Welt.“ Wieder schwiegen sie, der Junge schwankte wartend an der Seite der Unke. „Ich bin erstaunt, ich war erstaunt, dass es die Welt noch gibt. Wir hatten gedacht, unser Leben ist zu Ende. Wir hatten gedacht, jetzt haben wir es geschafft.“ Der Junge beendete sein Schwanken und beugte sich vor. „Vater, wir müssen,“ sagte er mit einer alten Stimme, „die Löwin wird nicht warten wollen.“ Jetzt erst blickte Erich auf. „Du kommst nicht mit, häh? Du wartest das Verscheiden der Zeiten ab. Ich kenne dich“, eine Spur von Neid verdunkelte seine Stimme, „zuwarten ist deine Devise. Du wirst warten wollen, was dahinter kommt. Mit baren Händen, auf offne Enden.“ Die Wörter aus dem Refrain hätte er fast gesungen. Erich stemmte seine Hände auf die Knie und wuchtete sich in die Höhe. Hinter ihm öffnete sich der braune Stoff des Zelts, ein Mädchen mit einem blauen langen bleichen Rock kam heraus, das Haar von der Farbe von Luft. Sie trug einen weissen Schosshund in den Armen. „Ich geh mal Gassi mit Emil“, sagte sie. Erich wirbelte herum. „Du bleibst im Zelt, dumme Kuh“, sagte er sehr laut, „den Hund lässt du hier.“ Das Mädchen bückte sich und liess den Hund springen. Der Hund schoss zu Erich, schleifte eine schwarze Leine hinter sich her. Rechtzeitig fasste der Junge nach der Leine und nahm sie vom Boden auf. Der Hund nutzte die Länge der Leine aus, schnupperte, reckte die Nase in die Luft. Winselnd kehrte er zu dem Jungen zurück, hockte sich an Erichs Seite hin, immer noch schnüffelnd, zitternd. „Colonel“, sagte eine Stimme im Rücken Ulrichs, „wir sind Abruf.“ „Gut, gut“, Erich schüttelte seine Schultern, „dann wollen wir mal.“ Die grauen Augen überfielen Ulrich und häuteten die Neugier bis auf den Zweifel. „Was machen wir mit dir, Däumling?“ fragte er ihn. Die Stimme in seinem Rücken sagte: „Sollen wir auch zum Vieh?“ „Nein, dafür ist er doch zu alt, crêtin,“ sagte Erich, „lass ihn gehen. Aber…“ Er blieb Schulter an Schulter mit ihm stehen, der Hund zwischen ihnen. „Aber wenn du nochmals kommst, nochmals dich finden lässt, muss ich dich einspannen. Deine Talente möchte man haben. Ja, die möchte man gerne haben. Das weisst du ja.“ Und im Fortgehen, begleitet von dem Aschejungen und dem blauen Soldaten sagte er nochmals laut zu sich: „Möcht man haben, ja.“ Die drei Gestalten verschwanden zwischen den Zelten, Richtung Gleise. Niemand war mehr auf dem Platz zu sehen, die Zeltbahnen flappten im Wind, der den Rauch herantrug. Das Mädchen stand noch vor dem braunen Zelt. Die Sommersprossen tanzten über seine Wangen wie Rauch. Die Augen grünten vor Zorn. Heftig wandte es sich um und entfernte sich in der anderen Richtung. Ulrich hörte den Hund bellen, das Schreien einer Krähe. Jaulende Menschenstimme. Komische Gefühle, was. So stand er da, sank in die Tiefe des Raums. Die Tiefe des Raums war anders, müde und knarrend, plötzlicher heftiger Mundgeruch, Filz auf der Zunge. Sein Nacken war ganz steif. Seine Fussballen tasteten sich zuerst vor. Der Schmerz erreichte ihn, verebbte, leuchtete auf. Die Socke in seiner rechten Sandale war braun vollgesogen. Keine Zeit, keine Zeit. In seinem Körper knackte etwas und brach, seine Gedanken? „Ja, das wäre logisch, zweimal gebrochen gleich entkrochen,“ sagte er zu sich. Er wusste nicht, was er sagte, ausser, es stimmte. Stimmte sich der Zeit hinzu. Aus den Zelten heraus, sah er Wolken, knapp über dem Boden. Menschen aus Wolken oder Wolken aus Menschen. Letzteres. Die Franzmänner hatten die Koppel aufgemacht, in denen er Pferde gesehen hatte. Jetzt ging er dem Unterschied entgegen. Jetzt kam er dem Unterschied näher. Jetzt kam ihm der Unterschied entgegen. Ganz nahe, anders. Er schlüpfte wehr- und widerstandslos hinein, in dieses Dotterlicht. Menschen aller Art, jung wie Brombeeren. Entstiegen sie ihm oder dem Korral? Tief wurde die Zeit, saugend wie der Mund eines Säuglings. Seine Augen, die sahen, sanken immer weiter zurück, in der Zeit. Lumpen, blätternde Haut, wehende Mähnen. Giraffenhälse. Mühlenaugen. Achte darauf, achte darauf, sagte er sich, komme nicht darunter. Tiefe, rasselnde Wasser. War das jetzt die weite Welt, hier im Bahnhof? Erich Nadler stand am vordersten Güterwagen, die Hände vor der Brust, Gesicht vom Wind entfärbt. Sein ganzer Mund war in einem Lächeln abgefallen. Die Gestalten tunkten ihre Füsse in den Kies des Bahndamms, aufrechte Korallenbleiche. Was für ein weiter Spalt, dachte er, zog ihn auf mit aller Kraft, die Augen weit auseinander gezogen. Ein Augenpaar kam zu ihm, fast berührte es ihn, blutig umrandet, halbe Wange. Wohin, sagte es, wohin? Er konnte nicht einmal zurückschrecken. Er konnte nicht einmal mehr sprechen. Seine komischen Gefühle kamen nicht mehr zurecht, nicht mehr zurecht kamen sie mit den tosend taumelnden, schlurrend Schlafenden. Komische Gerüchte das, sogen und sogen und sogen an ihm. Tief hinein sogen sie ihn, und drüben war auch kein Halt mehr. Wehende Mähnen, zerfliessende Züge, Lumpen, blutige Lumpen. Niemand sah ihn, er sah niemand. Er hatte sich abgewandt von den suckelnden Augen, von den grünen Mienen. Hin und wieder war Geist aufgeblitzt in den kindlich unvollständigen, aufgedröselten Menschen, die sich gegenseitig stützten, hielten, wimmernd singen wollten. Immer noch singen wollten. Blutige Liedfetzen, „die Löwin wird nicht warten wollen“ und „die Kinder wild im Garten tollen“. Sangen ins Verstummen hinein. Ulrich riss sich vom Bann los. Er hatte es gesehen. Und es war in ihm so komisch, er musste immer daran herumfühlen. Hornhaut, an der du kratzt und zupfst. So komisch war es. Sein Körper selbst riss in Lappen, ärmlich und unterschieden. Unterschieden wovon? Er war in einen hoppelnden Trab gefallen, hüpfende weisse Krähe. Unterschieden wovon? Ja, unterschieden wovon denn? Im Nachtigallenwäldchen, dort war sein Schlupf. Unterschlüpfen ist keinmal. Ist einmal unterscheiden.


(Bild von Nick Magwood auf Pixabay.)

Diagnose

Auf Geld warten
Keine Ausreden: das ist
Was du kannst: nichts anderes
Kannst du besser
Es ist dir sehr angemessen
Eingewachsen ist dir das Schreiben
Wie das Miom in Mutters Gebärmutter
Das darin über Jahre wuchs
Gross wie eine geballte Faust
Und bei einer Kontrolle plötzlich fehlte
Abgebaut vom Wohlergehen

Keine Ausreden: irreversibel ist das
Ein Makel der Haltung
Falsche Prioritäten und gute Vorsätze
Dazu stehen ist nicht so leicht wie sagen
Ich schreibe
Heisst zugeben
Nicht dazugehören zu können
Nicht dazugehören zu wissen

Denn in meinem Heide-Herz wohnt
Pharao nicht
Keine Schlangen-Stele thront über der Weide
Und die Klumpen der Scham stehen nicht im Weg
Den Währungs-Strömen
Die meine Vorstellungskraft im Tulpen-Gelände meiner Nieren verlaufen lässt
Und die Thrombosenfäuste
Die auf die Stille meiner Schläfe eintrommeln
Lassen mich nicht zu Rhythmen tanzen
Die den Rubel rollen machen

Keine Fluchten mehr: ich kann nicht mit Geld umgehen
Warte immer auf Geld
Lasse mich einladen
Schamröte ist meine Kriegsbemalung
Die ich für euch trage
Die ihr Sicherheit findet im Geld haben
Die ihr Zukunft baut auf Vorsorge
Häuser für die eigene Ewigkeit
«Innendekoration allein hat 30’000 gekostet
Weil wir die Kacheln aus Portugal kommen liessen»

Ich höre das pfefferminzfrische Trippeln der Mäuse…
Ich höre die Kosten der Seitensprünge…
Ich höre die kreischenden Bremsen des Lastwagens
Der euren Sohn erfasst und in die Kuhweide hinausschleudert…
Ich höre die Versprechen eures Gebetes…

Den Rand um-armen

Damals wurde ich Vater. Es war eine Zeit der immer wieder drohenden und dann auch eintretenden materiellen Not, was ich gleichzeitig als befreiend erinnere.

Ich kam aus der Sicherheit, in der du für die Sorgen lebst. Die Sicherheit ist das Wichtigste; nicht nur ein Auskommen haben, auf ein Auskommen zählen, mit ihm rechnen können. Wer rechnet, vertraut nicht. Wer rechnet, sorgt sich. So lebten meine Eltern, in der Sicherheit in Sorge; aus Sicherheit in Sorge. Genug haben heisst zu wenig haben. Eine Haltung von Armen, die aufstiegen, aufgestiegen waren. Wer aufsteigt, kann jederzeit ins Rutschen und Fallen kommen.

Ich hatte kein Gefühl dafür – weder für die Sicherheit noch für das Sorgen. (Habe es auch heute nicht.) Ich war noch nicht dreissig. Die schwangere Frau an meiner Seite sorgte sich und suchte Sicherheit, würde Sicherheit und Sorgen einfordern. Im Ausland war mir die Enge und Beschränktheit meines Landes deutlich geworden. Das geht alle Schweizern so. Kurz, ich wusste mich befreit davon, in meiner Jugend von einem Gefühl der Ungefährdetheit getragen. Ich war unzuverlässig in hohem Grade. Bald würde ich mich verpflichten müssen, würde ich verpflichtet sein. Nicht daraus kam meine Unzuverlässigkeit – sie kam aus der Behütetheit, sie kam aus der Geschütztheit meiner Kindheit. Und aus meiner Jugend: weder konnte ich mir ein Ende meines Lebens (meiner Zeit) noch ein Scheitern desselben vorstellen.

In dieser Situation (fünfter oder sechster Monat) lernte ich Oe Kenzaburos „Eine persönliche Erfahrung“ kennen. Ich werde diese Lektüre-Erfahrung niemals vergessen. Sie hat meine Welt noch weiter aufgerissen, mein Wissen um die Breite menschlicher Schicksale durchlässiger und mich selbst auf das Scheitern, auf das Eingeständnis meiner Schwächen vorbereitet. Und sie hat mein Mannsein auf Schwäche und Feigheit geöffnet, auf den anderen, schwachen, gar zutiefst bodenlosen Mann hin eröffnet, der ich im Begriff war, sein zu wollen und zu werden.

Auf dem Weg zum Vatersein, das immer unerwartet kommt, verband ich mich empathisch und mit Abscheu mit diesem Bird, dessen Kind mit einer Gehirnhernie geboren wird, der sich einen Roman lang abmüht, dieses „pflanzliche Geschöpf“ loszuwerden, der sich aus der Verantwortung zu stehlen versucht, an einem unrealistischen Traum von einer grossen Afrika-Reise festhält. Ein Mann auf der Flucht, auch wenn ich nicht einen Moment an Flucht dachte. Ein Mann, der sich von seine menschlichen Verantwortung zu drücken versuchte, verstärkte mein Verantwortungsgefühl. (Denn Unzuverlässigkeit oder Verträumtheit hat nichts mit Verantwortungslosigkeit oder Verantwortungsvergessenheit zu tun, sondern mit Sorglosigkeit in Sicherheit: ständige (Selbst-) Vergewisserung ist nicht nötig.)

Ich war bereit, ein Vater nicht wie mein Vater zu sein, der nur für Sicherheit sorgte, versorgte – ein Mensch für einen Menschen: keine Rolle oder Haltung, ich selber in allen meinen Ausfaltungen. Hier sein, unverstellt, ausgestellt, ein ganz und gar persönliches Angebot.

Es gibt nicht viele solche Momente, in dem dir etwas geschenkt wird, das dir zugehören wird, dir schon zugehört: ein Geschenk, das das Geschenkte in dir eröffnet. Oe Kenzaburo verdanke ich einen solchen Moment. In mancher Hinsicht kam er zu früh, ich wusste noch nicht, wer ich sein kann und würde, unfertige Persönlichkeit. In mancher Hinsicht kam er gerade rechtzeitig, ich begriff meine Aufgabe und würde meine Gabe – von der Bird nicht einmal einen Begriff hatte – in meinem Leben nicht loslassen, in das Leben meiner Kinder hineintragen. Meine Kinder würden mich als jene Person kennenlernen, die ich sein würde.

Ich habe in meinem Leben zweimal eine Wette auf mein Schreiben abgeschlossen. In diesen Monaten vor der Geburt meines ersten Kindes setzte ich mich in jeder freien Minute hin und begann einen ersten Roman zu schreiben, „Die Heizung“. Ich wollte wissen, ob ich das könne: einfach sitzen und eine Welt schreibend erkunden, erstehen lassen. Sehr schnell merkte ich, ich konnte es, ich konnte es so sehr, dass ich nur noch das tun sollte. Aber weil das Kind bald geboren werden würde, brach ich das Projekt ab, liess die Geschichte aber nie aus der Faust meiner Vorstellungskraft fallen. Ich musste versorgen, Sicherheit erarbeiten; ich nahm die Aufgabe an. Es war zu spät zum Träumen. (Auch Bird findet sich am Ende mit der Realität ab.)

(Die andere Wette war einige Jahre später, ich arbeitete an meinem ersten Gedichtzyklus, in einem Rustico im Valle Maggia: ich wollte wissen, ob ich die Kraft besässe, Gedichte ohne äusseren Anlass, aber aus innerem Trieb und Willen „aus dem Nichts“ zu schöpfen. Auch hier eine Art Weltenbau. Auch damals hielt ich meine Träume für Träume – und nicht für die inneren Notwendigkeiten, als die ich sie doch erkannt hatte. Sicherheit und Sorge sind Traumkiller.)

Wenn ich also an Oe Kenzaburo denke, dann denke ich liebevoll an das Leben, das danach begann. Und heute noch andauert. Ich las andere Romane und Geschichten von Oe, las seine Nobelpreisrede. Darin erklärt er sein literarisches Selbstverständnis als das eines von der geografischen und kulturellen Peripherie herkommenden Autors, war er doch auf Shikoku aufgewachsen. Auch diese Rede leuchtete mir sofort ein: Ich war der erste Studierte in meiner Familie, im Gymnasium von Anwalts-, Unternehmens- und Arztkindern umgeben, die in ihren Häusern auf der Sonnenseite des kapitalistischen Wahnbildes residierten, wir waren in einer Mietwohnung zuhause, mein Vater stieg später sogar zum Prokuristen auf, und in der Universität Freiburg i. Ue. lernte ich, dass ich als „katholischer Junge vom Land“ genau die Universität gewählt hatte, die meinesgleichen besucht.

Erst viel später erfuhr ich selbst, was Oe vielleicht eher gemeint hatte: den Blick vom Rand aus auf die Gesellschaft, die Sicherheit und Vorsorge zu heften – und in dieser Abgelegenheit von den Träumen und Sehnsüchten der herrschenden Systeme ein Geschenk, vielleicht sogar eine bewusste Wahl zu sehen, mehr als ein Glück.

All das hängt für mich mit Oe Kenzaburo zusammen: verdanke ich ihm fast persönlich. In diesem Februar und März habe ich „Eine persönliche Erfahrung“ also wieder gelesen, habe all das erkannt – und herausgefunden, dass einer meiner geistigen Väter und Wegbegleiter, Wegbereiter im letzten Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Immer in Gedanken daran, dass Oe für seinen Sohn Hikari geschrieben hat, nicht für sich. Mich hat diese verspätete Nachricht erschüttert, weil ich keine Berichte davon gehört oder gelesen hatte.

„Life comes full circle“, könnte man diese Gedanken zusammenfassen. Je öfter ich über solche Momente in meinem Leben nachdenke, umso mehr wird mir deutlich, wie sehr das Leben ein Zusammenfliessen, ein Zusammenkommen ist: Nicht nur ist in der Kindheit und Jugend alles schon in dir „angelegt“, verwurzelt, keimbereit, im Rückblick leicht zu identifizieren, mehr noch ist diese Anlage, dieser Wurzelstock deine Aufgabe, dein Auftrag im Leben – und Gottseidank gibt es diese Momente – und die Momente der Retrospektive -, in denen du dies realisierst. Die Komplexität dieser Realisation kann jedoch kaum ausgedrückt werden, denn sie ist im Fluss, bewegt sich noch, dauert noch an.

Aber genug davon. Ich möchte hier einfach einen Gruss in die Nachwelt schicken: Danke, Oe-san, von ganzem Herzen danke ich Ihnen. Ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Dankbarkeit. Sie leben weiter.


(Fotografie von Thesupermat – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19577900.)

Von keinerlei Bedeutung

Es gab keine Auswege. Das war das Gute. Es gab dieses Drehen im Kreis. Von der Stube, die zur Strassenseite lag, nach hinten in das Schlafzimmer, die zum Wald lag. Das Drehen war eine Schlaufe, die mit der Zeit Ecken bekommen hatte. Es war angenehm, den Richtungswechsel als 90 Grad-Winkel zu vollziehen. Die Kontrolle in dieser Bewegung fühlte sich an, als beherrschte er noch etwas. Zur Strassenseite waren die Rollläden heruntergelassen, dort war das Gehen wie Waten durch salziges Dämmerlicht. Der Kopf war oben im Dunkeln, die nackten Füsse unten im brackigen Schimmer. Zur Waldseite war es heller, mit der Zeit war der Raum von einem verschmierten Grün eingenommen worden. Die Strasse war leer und still, der Wald war näher gerückt. Aus dem Wald kamen Geräusche, die nicht genauer zu bestimmen waren. Die Geräusche hatten ihn lange an etwas erinnert, aber sie hatten sich nicht verändert. Er hatte aufgehört, sich für sie zu interessieren. Inzwischen war es wahrscheinlicher, dass die Geräusche in den Blättern entstanden. Die Blätter des Waldes waren zudringlich geworden. Wenn er vorne in der Stube war, drängten sie herbei und klopften an die geschlossenen Fenster. Wenn er im Schlafzimmer war, konnte er ihren Abstand zum Fenster überprüfen. Er schätzte den Abstand auf etwa 60 Zentimeter. Das war weniger als am Anfang. Aber die Fenster hatten Schmieren oder Schmisse von den Ästen. Die Pause in der Mitte seines Rundgangs war fast ein Ausweg, aber notwendig. Sie gestatte ihm, sich für kurze Zeit an den Stahlrahmen der Küchentür zu lehnen. Sein Kopf im Nacken, seine Schultern und seine Pobacken an den Rahmen gepresst. Der Rahmen war ein wenig kühler als die Luft in der Wohnung. Am Anfang hatte er mit dem Gesicht am Rahmen gestanden, die Stirn klopfend an den Rahmen gepresst. Doch das war ein Ausweg gewesen, das hatte er schnell begriffen. Das war gegen das Vergessen. Aus der Küche kamen die Gerüche. Sie beruhigten durch ihre zunehmende Stärke, bewiesen das Vergehen der Zeit. Sie waren lebendig. Neben der Küche lag die Toilette. Dort lief in dünnem Strahl das Wasser. Es kam lauwarm aus der Leitung. Hin und wieder war es nur ein Tröpfeln, laut wie das Pochen an einer Türe. Das Trinken daraus war notwendig in dieser Hitze. Wenn er dachte, war er erstaunt, dass das Wasser immer noch herauskam. Wenn er dachte, war manches erstaunlich. Nur schon das Denken war erstaunlich. Doch sein Gang setzte sich bald fort. Als er begonnen hatte, war das Urinieren ein Ausweg gewesen. Mit der Zeit aber hatte er sich daran gewöhnt, fast im Vorübergehen in die offene Schüssel zu spritzen. Er trug nur noch Socken. Er blieb nur noch an drei Stellen stehen. Die erste war die Küchentüre, den rechten Fuss im Flur und den linken Fuss jenseits der Schwelle im harschen Geruch der Küche. Die zweite Stelle war das Fenster zum Wald. Er hatte darauf zu achten begonnen, dass er nicht im gleichen Gang an beiden Stellen stehen blieb. Vom Fenster zum Wald musste er sich losreissen, am Fenster zum Wald war es gefährlich. Es war dort so einsam und belebt, das verbrauchte Grün schmeichelte das Auge so sehr. Die Bewegungen der Büsche und Bäume waren hinter den geschlossenen Fenstern unerklärlich und erschreckend. Wenn er am Fenster zum Wald stand, konnte er sich selbst für Augenblicke abschütteln. Er bekam wieder eine Ahnung dafür, was noch da war ausser seiner selbst: die Vögel, die Blätter, die Eichhörnchen, der seltene Wind. Am Fenster war ihm der eigene Tod am nächsten. Hätte er das Fenster je geöffnet, so wäre er ausgestiegen. Darum riss er sich los vom Fenster, auch wenn es schmerzte. Und er hatte das Näherkommen des Waldes bemerkt, dieses gesichtslose Heranrücken. Bald würde der Wald seinen vollen Bauch an die Scheiben drücken und sie aufsprengen. Er drehte sich mit dem Rücken zum Wald, atmete ein und atmete aus, setzte sich in Bewegung. An der Wohnungstür verlangsamte er seinen Gang. Seine Schritte streichelten den porösen Korkboden vor der Türe, seine Fussballen fühlten die nachgiebigen Unebenheiten. Er verhielt seinen Atem. Sein Gehen wurde zum Aufhorchen. Sein linkes Knie konnte unerwartet nachgeben. Seine Hände stützten sich auf den weichen lauen Boden. Doch hinter der Wohnungstüre waren keine Geräusche, kein Huschen, Husten oder Rascheln. Er wusste, dass niemand da war. Er wusste nicht, ob „ausgezogen“ das richtige Wort dafür war. Doch gab es in seiner Lage keine Möglichkeit, das Verschwinden zu beweisen. Das Verschwinden, das irgendwann eingesetzt hatte. Irgendwann in diesem schrecklichen Sommer. Es konnte sein, dass er mit seiner Schlaufe in der Wohnung die Zeit anhielt. Das konnte sein, dass er die Zeit anzuhalten begonnen hatte. Und das Verschwinden war eine mögliche Folge davon. Ein- oder zweimal am Tag nahm er seinen verbliebenen Mut zusammen, um die Wohnungstür zu öffnen. Nicht zum Lauschen, denn die Türen der Sozialwohnungen waren längst alle aus verzogenem Sperrholz. Zu oft hatte die Miliz in den Wochen vor dem schrecklichen Sommer die Türen eingeschlagen oder aufgestemmt, die Bewohner in den frühen Morgenstunden auf dem Vorplatz zusammengetrieben. Die Verwaltung war sich sehr bald zu schade gewesen, nach solchen Razzien wieder solide Wohnungstüren einzubauen. Nein, die Türen waren kein Schallschutz. Er öffnete die Türe, um zu riechen. Mit einem leichten Säuseln kamen die Gerüche zu ihm hinauf in den dritten Stock. Vielleicht stand unten die Haustüre offen, daher das leise Pfeifen im Treppenhaus. Die Luft stieg kühl und frisch aus den Kellern hinauf. Sie roch nach feuchtem Kies und nach Fussschweiss. Er stellte sich die Schuhe vor den Türen vor. Früher konnte man in den Morgenstunden oder in der Nacht darüber stolpern, wenn das Licht wieder einmal ausgefallen war. Er hatte die Schuhe immer als etwas Lebendiges erklärt, schlafende Verkörperungen. Die Luft roch nach ausgekühlten Suppen, auf denen sich ein flauschiger Schimmelteppich gebildet hatte. Die Luft trug den Duft von Tierurin zu ihm herauf, Revierspuren eines Fuchses, den er nachts schon durch die Eingangshalle und über den ersten Treppenabsatz streichen gehört hatte. Und bei offener Türe konnte er auch das singende Flattern der Tauben deutlich hören, die sich im Treppenhaus eingenistet hatten. Ihr Gurren begleitete bei geschlossener Türe seinen Gang durch die Wohnung. Der Fliesenboden des Treppenhauses war empfindlich kalt. Das war ein angenehmes Gefühl. Er war wie ein Tier, das kurz aus seinem Bau schaut. Dann schloss er die Türe wieder, setzte seinen Gang fort. In der Stube fiel ihn das Gefühl von Verlassenheit an. Der Raum war der grösste der Wohnung, der leerste. Rechts drückte sich das kleine Büchergestell mit den zwei vollen Regalen an die Wand. Auf dem Büchergestell war das Foto einer jungen Frau in einem Rahmen. Sie hatte rotes, lockiges Haar. Ihr Lachen auf der Fotografie war schüchtern. Es war ein abwartendes Lachen. Doch die junge Frau war der Kamera ganz offen zugewandt. Die Fotografie war leicht verrückt, die junge Frau lachte die Ecke an. In der Mitte der Stube lag ein verblichener runder Teppich mit konzentrischen Farbkreisen. Wie seine Socken war auch der Teppich von einem Flaum von Katzenhaar überzogen. Die Katze war zuerst weg gewesen. Jedes vierte oder fünfte Mal auf seinem Rundgang blieb er beim Fenster in der Stube stehen. Hier war es am Lautesten. Im Kasten des Rollladens wohnten die Spatzen. Weder kümmerte sie die Leere des Platzes unter ihrem Nest noch die dröhnende Stille des Mittags. Er stand reglos in der linken Ecke und lauschte auf die Geräusche der Vögel. Das Einfliegen führte zu einem Keifen und Wettern, das die Rollladen erzittern liess. Das Ausfliegen hatte einen sirrenden Ton, richtete die Härchen auf seinen Armen auf. Für Sekunden war das Rascheln nur noch das von kleinen, aufgeregten Leibern. In diesen Momenten in der linken Ecke beim Fenster konnte er plötzlich wegnicken. Sein Kopf sank auf seine nasse Brust, die Lider flatterten. Er spürte, wie seine Augäpfel in ihrer Schale verzweifelt nach dem Schlaf suchten. Sie drehten sich rastlos hin und her, spatzenhaft. Für einen oder zwei Augenblicke sank er in ein staubiges, raues Gefieder hinunter. Lange Arme zogen ihn immer tiefer in die Federwelt hinunter. Dann flog wieder ein Spatz ein, oder zwei zugleich. Er öffnete die kaum geschlossenen Augen und wandte sich dem Raum zu. Er bemerkte wieder die flaumigen Federn auf dem Rand des runden Teppichs. Es wäre ein Ausweg gewesen, sich nach ihnen zu bücken. Es war ihm nicht erklärbar, wie sie auf dem Teppich gelandet waren. Die Fenster waren seit dem Anfang geschlossen gewesen. Ein heftiges Räuspern liess ihn ganz zu sich finden. Schnell wandte er seine Augen von den konzentrischen Kreisen des Teppichs ab. Dort drin hatten sie sich schon manches Mal verloren, zwei Steine mit ihren Ringen. Wie der Schatten eines Wasserbüffels wuchs das Sofa aus der Wand, ein schwarzes Hindernis. Im Mittag stieg ein gieriger, heisser Stallgeruch von ihm auf. Sein Leder aber war geschmeidig und seidig wie das Fell eines kleinen Nagers. Sonnenstaub tanzte in den vier Streifen Licht über dem breiten Rücken. Die Sofahaut zuckte gelegentlich, wenn die Gedanken in der Tagesruhe Mut gefasst hatten und zudringlich wurden. Dann waren die mächtigen Muskeln unter dem Leder eine grosse Warnung. Darum brauchte er alle seine Aufmerksamkeit, wenn er an dem Möbel vorbeikam. Er durfte ihm nicht unterliegen. Auf den Fussballen tappte er an dem Körper vorbei. Wenn er an der Küchentür angekommen war, gelang ihm hin und wieder ein Blick zurück. Eine Art bittendes Lächeln verzog seine Züge. Er dachte vielleicht an ein aufgeschobenes Geständnis, an eine uneingestandene Ausrede. Unmöglich war es, von Gedanken zu sprechen. Unwahrscheinlich war es, an ein Leben zu denken. Es gab weder einen Ausgang noch einen Ausweg. Vorsichtig und angespannt wandte er sich dem Wald zu. Später, später würde er sich vom übermächtigen Schatten überwältigen lassen.


(Bild von Валентин Киселев auf Pixabay.)

Anfangen

Während mein Kind auf dem Pfad vor mir hergeht, sich unter Zweigen hindurchduckt oder sie beiseite schiebt, dass sie mir ins Gesicht peitschen, – wenn es sich umdreht, weil ich rufe, sehe ich den kindlichen Eifer und Ernst in seinem Gesicht und lächle ihm zu, bemüht, meinen Zügen Stolz und Ehrfurcht zu nehmen, – im Boden die saugenden Geräusche unserer Schuhe, kein Vogel, der Nieselregen langt nicht bis hinunter ins Dickicht, denke ich ans Anfangen, ans Weiterführen. Immer wieder setzt man neu an, spitzt die Lippen, schärft die Feder, und läuft ins Leere, als wäre man blind, wie in einem Märchen vom eigenen Weg abkommend, findet man im Unterholz unzählige fremdländische, weil unbekannte Blüten, die einem den Weg nehmen, wie jetzt meine Tochter vorne sich über eine Weinbergschnecke beugt, die auf einem Stein mitten im Schlamm sitzt, ich will weiter, doch sie will „noch ein wenig schauen“, hingekauert, in ihrer roten Regenjacke, obwohl die Schnecke sich nicht bewegt, ich erzähle ihr vom aus dem Meer geretteten Marienkäfer mit den neun Punkten, wie ich ihn im schon kühlen Abend auf meiner Hand getragen, er breitete mehrfach die verklebten Flügel aus, um plötzlich, ich stiess einen Schrei des Erstaunens aus, aufzufliegen, in einem taumelnden Flug, doch kam er nicht weit, eine tief fliegende Schwalbe schnappte nach ihm, keine zwei Meter über dem Asphalt des Weges, mein Kind und ich lieben solche Geschichten fast mehr als alle Prinzessinnenbefreiungen, endlich sind ihm die Windungen des Schneckenhauses verleidet, wir beginnen wieder mit dem Aufstieg, so scheint mir, vom Kauern schmerzen mir die Knie, das Anfangen, führe ich meinen Gedankengang fort, diesmal geht das Mädchen direkt vor mir, ich helfe ihr, da der Weg noch rutschiger wird, ist immer von einer erschreckenden Leichtigkeit, den ersten Schritten ins Feld hinaus, in einen herbstlichen Wald hinein zu vergleichen, bald erfasst einen die Sprache und führt einen sicher (wie man glaubt) auf schwierigem Pfade (ebenfalls ein vermutlich irriger Glaube) durch das Geröll und Geschiebe des eigenen unformulierbaren Wesens und Denkens, Sofia freut sich schon auf die Schokolade in der Hochmatt, doch unverhofft stellt man fest, dass der Weg sich verengt oder sich verliert, nur noch dichtestes Dickicht, man wendet sich um und kommt auf seinen eigenen Schritten zurück, und ich gestehe mir die Schönheit dieses Umkehrens, dieses Zurückkommens ein, wir gehen jetzt auf einem gelbkiesigen, breiten Weg, hoch oben breiten die Buchen ihre ausgedünnten Arme aus, ich liebe diesen weiten Wald, der mich immer an eine Halle in einem Tempel denken lässt, und hier ist das Licht unverhofft fast grell, trotz des trüben Tages jenseits des Walds, entspricht dem gelblichen Ton des Wegs, Sofia erzählt von der Entstehung des Regenbogens, wo er anfängt, wo er endet, was sehr wichtig zu wissen sei, wie sie mir erklärt. Wenn man einmal anfangen könnte, denke ich mir, diesen Anfang fortzuführen und zu lenken fähig wäre! Selbst unsere eigenen Gedanken entfliehen uns, mehr noch als die Wörter, die sich in Metaphern verderben, und schon sind wir bei den Eseln, die Sofia mit ihren heftigen Bewegungen und ihrem Rufen erschreckt, sie trotten wieder weg, enttäuscht in ihrer Neugierde. Einmal stehen wie diese Tiere hier, im Regen, auf drei Beinen, das linke Hinterhuf nur mit der Spitze im Schlamm, die Ohren, den Schwanz bewegen nur wenn nötig, sage ich zu meinem Mädchen, in der Menschenleere, denke ich mir dazu, das jetzt aber den Weg erkannt hat und losstürmt, ich folge ihr mit pendelnden Armen, gerne wäre ich noch ein wenig bei den Eseln gestanden. Die österreichische Serviertochter schäkert bereits mit Sofia, ich hänge unsere nassen Jacken an die Heizung… Einmal anfangen und dort enden, wo das Ende liegt…

(Biel, 28.09.2007)


(Bild von Ralph auf Pixabay.)

Im Schatten des Turms

Dem entgegenzukommen, was einer am nächsten war. Das war gerade hier im Gebiet wichtig. Die Wirklichkeit nicht so anzunehmen, wie sie sich darstellte. Das Wirkliche dem Bedürfnis anzugleichen. Sie wusste es schon. Doch schien es nur in den Pausen möglich, wenn sie sich von der Aufsicht entfernen durfte. Wie jetzt, auf ihrem Weg den Stalden hinunter, wenn sie den Fluss fast schon riechen konnte. Sie wusste, dass auch die Menschen ausserhalb des Gebiets mit diesem Aber lebten, leben mussten. Doch immer war ihr das eigene Aber wichtiger gewesen. Fliessender Fluss, freier Himmel, zerstörte Grundfesten. So hatte es Regine gestern formuliert, als sie nach dem Abendessen auf der Schaukel gewippt hatten. Die Schaukel war das einzige, was vom Spielplatz noch brauchbar war, der zwischen den von der Explosion ausgeblasenen, skelettierten Wohntürmen lag. Dornen und Farne, Birken und Hasel. Regine und sie, Anna, hielten sich abends oft dort auf, fern der Männer. Manchmal gab es etwas zu bereden, manchmal nicht. Gestern hatte es etwas zu reden gegeben. Anna blieb einen Augenblick stehen, bevor sie die Gleise überquerte. Es war so schwer, sich etwas wie Züge vorzustellen, die auf Schienensträngen weite Strecken zurücklegten. Eine weite Strecke, das war jetzt dieser Weg, den sie ging. An den Fluss. Sie konnte sich an Züge erinnern, so alt war sie schon. An diesen Luftstoss, den sie vor sich hertrieben, wenn sie in die Station einfuhren, wie eine Herde verkohlter Schafe. Die Luft hatte dann immer ein wenig fremder, ein wenig herrlicher gerochen, nach Wiese vielleicht oder nach dem Regen vor einer Stunde, durch die der Zug gefahren war. Und der Geruch der Bremsen, diese verbrannte scharfe Luft. Das Seufzen der Türen, das Knattern der Ansagen, das Trappeln der Schritte, die Rufe der Begrüssung. Darum konnte sie nicht anders als Stehenbleiben. Vielleicht dachte sie auch an ihren Vater, auch wenn sie das verlernt zu haben glaubte. Sie war jetzt schon darüber hinaus, schritt durch den Wald aus Weiden und Eschen, der im Unterdorf gewachsen war. Sogar in den abgedeckten Häusern, zwischen den verbogenen, geschmolzenen Gestängen, die aus dem gewürfelten Beton ragten, wuchsen die Pflanzen, krallten sich in die leblose Materie. Jedes Mal, wenn sie durch das Unterdorf ging, fragte sie sich, warum hier noch nicht gehäutet worden war. Regine meinte, es sei zu nah an den Reaktoren dran, aber Anna wusste, dass die Reaktoren inzwischen nur noch ein leises Glühen ihrer Selbst waren. Darüber stritten sie sich regelmässig, rechneten an Halbwertszeiten herum, bedachten die Windrichtung, erörterten genetische Zerfallsprozesse und natürlich den Sinn und Unsinn des Häutens selbst. Regine wusste mehr, hatte aber keine Vorstellungskraft. Die hatte Anna, bis zur Selbstauflösung. Gestern hatten sie über die Kinder gesprochen. Zuerst hatten sie über das Sterben der Kinder gesprochen. Regine hatte Anna vorgeworfen, dass sie ihre Beförderung genutzt habe, um nicht mehr mit dem Leben der Kinder in Berührung zu kommen. Denn das Leben der Kinder sei ein Sterben der Kinder, und Anna wolle das nicht sehen. Und sehen wollen hiesse doch verhindern wollen. Wo denn ihre berühmte Vorstellungskraft bliebe. Dieser Angriff war für sie unerwartet gekommen. Regine hatte von einem Mädchen erzählt, das am Morgen gestorben war. Sie hatte ihren Blick nicht abgewandt, nicht wie die andern Kinder, nicht wie die Wächter. Es müsse etwas zu tun sein. Es müsse, es müsse doch. Anna kannte diese Klage, diese Anklage. Gestern hatte sie zugegeben, zum ersten Mal, dass sie darum an die Schifflände hatte versetzt werden wollen. Sie hatte zugegeben, dass sie die Beförderung angenommen hatte, um nicht mehr hinsehen zu müssen. „Du wolltest einfach wegsehen,“ hatte Regine gesagt, „du wolltest nicht mehr zusehen müssen.“ Da war die Anklage persönlich geworden, unerwartet stand sie als Vorwurf in der Stille zwischen den Trümmern. Im Gehen schüttelte Anna den Kopf. Es nutzte nichts, auch sie würden bald sterben. Sie hatte gestern weder Kraft noch Worte gehabt, um das zu sagen. Das Eingeständnis war für sie zum Eingeständnis vor sich selbst geworden. Das hatte sie müde gemacht, sie war mitten im Gespräch erschlafft. Regine hatte dann nichts mehr gesagt. Hatte gemerkt, dass sie nicht an Anna, sondern an sich selbst gedacht hatte. Regine hatte ihr die Hand gereicht, und zusammen waren sie in den Bunker zurückgegangen. Anna tränenüberströmt, Regine mit dünnen, gepressten Lippen. Jetzt ging sie an der römischen Mauer entlang. Die römische Mauer war das Schönste im ganzen Dorf. Auch wenn sie nicht mehr hoch aufragte, bewunderte Anna jedes Mal die Sorgfalt und Genauigkeit, mit der die Steine aufeinander geschichtet worden waren. Sie liess ihren Blick einige Zeit auf den Steinen ruhen. Das beruhigte sie wieder. Sie betrachtete die Stelle, wo eine junge Esche am Fuss der Mauer Halt gefunden hatte. Auch die Esche trieb feine Knospen aus. Doch die Knospen rochen nicht, als sich Anna über sie beugte. Sie waren fast geruchlos, vielleicht gab es da eine Spur von Honig oder Zuckerwasser. Sie nickte im Weitergehen. Es brachte nichts, an die Menschen zu denken. Davon war sie überzeugt, die Menschen waren nicht wichtig. Die Menschen waren nicht mehr wichtig. Es war etwas im Kommen. Es war etwas am Kommen. Das würde die Menschen an den Rand schieben, kippen lassen über den Rand. Sie brauchte eine Weile, bis sie am Fluss zu jener Stelle fand, wo sie vor den Blicken der Schiffer geschützt war und bequem sitzen oder liegen konnte. Der Fluss war jetzt frei, er arbeitete unermüdlich am Ufer, unterhöhlte an einer Stelle und schwemmte an der anderen Stelle an. Sie stellte sich den Fluss als eine raspelnde Schnecke vor, die ihren Weg durch das verdorbene Land frass. Überall brach das Ufer ein, lehnten sich mächtige Weiden zu weit vor, kippten hinein. Der Weg am Ufer war schwierig. Auch heute holte sie sich nasse Füsse. Aber sie hatte Glück, der Fluss hatte den ausgehöhlten Stamm noch nicht untergraben und fortgetragen, den sie letzte Woche entdeckt hatte. Er lag jetzt jedoch sehr nah am Wasser. Ein Haselbusch mit seinen grauen, rötlichen Kätzchen bedeckte ihn fast ganz. Sie legte sich hinein und wurde als Begrüssung vom Hasel eingestäubt. Sie konnte die Hand ausstrecken und das Wasser berühren, das neben ihr floss. Die Mulde im Baum war tief genug, um sie ganz aufzunehmen. Darin zu liegen war köstlich. Lange schloss sie die Augen. Das Holz war glatt und weich, roch leise nach feuchten Lebewesen aus der Erde, salzig und faul. Das Wasser machte dieses flüsternde, schmatzende Geräusch. Ihre linke Hand liebkoste den haarig rauen Rand des Baums, den ein Blitz so verletzt haben mochte. Sie liess ihrer Hand die Zeit, um den Pilz zu finden. Es waren zwei grosse Lappen, die eine Handbreit neben dem Höhlung im Baum wuchsen. Sie bemerkte, dass sie heute den Arm ein wenig abwinkeln musste, um den Pilz zu berühren. Sie war das erste Mal ein wenig erschrocken, als ihre Hand plötzlich den Pilz gefühlt hatte. Die beiden Lappen lebten in einem Zustand zwischen hart und weich, zwischen fliessend und gelähmt. Sie wusste nicht einmal ihre Farbe, weil sie dem Fluss immer mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihrer näheren Umgebung. Sie schätzte, dass er einen grünen Hut hatte, dessen Wachstumsringe gegen den Stamm hin gräulich wurden. Den oberen Lappen konnte sie mit ihrer Hand ganz erfassen, mit den Fingerspitzen in die leicht schmierigen Rillen hineinlangen. Sie konnte spüren, wie der Pilz an den Fingerspitzen saugen wollte. Wie in einem Spiel mit dem lebenden Stoff hob sie ihre Fingerspitzen wieder heraus, um sie dann wieder in die kühlen Rinnen zu senken, die sich langsam an ihre trockene, raue Haut schmiegte. Die Kruste des Pilzes fühlte sich hart, aber nachgiebig an, wie Schwielen. Ihr Blick folgte den tiefen Nebelschwaden des Morgens. Weiter stromabwärts hörte sie das Prusten einer Maschine. Bald würde das Schiff an der Anlegestelle sein, Rufe erklingen und Befehle. So konnte es sein. Eine Handbreit Freiheit im Gehirn, eine Hand an einem lebenden Stoff, das konnte so lange dauern wie es mochte, nie war es genug. Die würden sie wieder suchen, und Stäger… Sie schloss krampfhaft die Augen, aber das Bild vom Mann war schon in sie eingedrungen, umschlang wie eine Schleimspur ihre Angst, presste sie in Erregung. Die Punkte auf ihrer Netzhaut tanzten verwirrt und richtungslos wie Mücken. Die Angst sang sirrend. „Du bist die einzige hier unten, Schweighöfer, die lesen kann. Wenn du fehlst, hältst du den Betrieb auf,“ hatte er das letzte Mal gesagt. Seine Stimme löste in ihr eine flirrende Übelkeit aus, selbst wenn sie nicht in die Höhe stieg vor Eifer. Wenn er aufgebracht war, ging die Stimme in ein unsicher schwankendes Piepsen über, ihr brach darüber fast der kalte Schweiss aus. „Du bist die einzige hier unten,“ sagte sie laut in die feuchte, leise webende Luft. Dem Wirklichen nicht entgegenkommen, dachte sie. Sie hob ihre Hände vor das Gesicht, spürte das Gewellte und Gerissene an ihrem Rücken. Die Finger ihrer linken Hand waren feucht und bläulich, die Finger der rechten Hand waren leicht gerötet vom Krallen ins Holz. Was einer am nächsten war, führte sie den Gedanken fort, das kam ihr auch zuvor. Regine verstand das nicht, nicht einmal Regine. Darum war sie doch hier, in diesem Baum: das Nächste, das waren diese fast leblosen Gesellen, diese wachsenden Zellen. Ein Zischen und Räuspern in dem, was nicht leben konnte, aber leben hatte. Es machte ihr Angst, es machte ihr Freude, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung. Ein Ziehen und Wollen in dem, was ihr entgegenkam. War immer schon da, ungebraucht und unwirklich. Nicht einmal Regine verstand es. Drüben hatte das Rufen und Stampfen begonnen. Sie hatte den Kahn nicht an sich vorbeifahren gehört. Sie schlug sich alles andere aus dem Kopf, Knöchel an der Stirne. Bevor sie ging, klopfte sie auch auf die beiden Pilzhüte. Sie waren wirklich grün und grau. Der Klang war gar nicht anders als jener von ihrer Stirn. Langsam schneller werdend, verschwand sie in den Uferbüschen.


(Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.)

Die Bucht in der Mauer

Was war die Stadt so leer. Keine Gefahr, nirgends. Keine Beschimpfungen, keine Blicke. Seine Augen waren schon ganz müde vom Unsehen. Die umgefallenen Fahrräder mit ihren verbogenen Rädern auf der anderen Seite der Strasse, ja. Die heftigen Anflüge der Tauben, ja. Und die Glocke der Predigerkirche hatte noch nicht aufgehört, an die Zeit zu glauben. Wie er auch sie die einzige. Aber was war das für eine Zeit, wenn sie nicht vorüberstrich in Form von hässlichen Menschen. Das konnte man beim besten Willen nicht mehr Zeit nennen. Wirklich, wirklich. Er musste darüber einfach schon wieder den Kopf schütteln. „Nachdrücklich schüttele ich den Kopf,“ sagte er. Er schüttelte den Kopf, weil er doch schon angewiesen war auf dieses Vorübergehen von lebendem Stoff. Nie noch hatte er darüber sein Urteil zurückgehalten. Das wäre ihm nicht im Traum eingefallen, in einer so leeren Stadt zu hocken. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Aber doch eine zu ungewohnte Sache, als dass er sie hätte geniessen wollen. In dieser Leere wurde Geniessen zum Fremdwort. In dieser Leere wurde ja er selbst zum Gegenstand. Hockend und kauernd, leise die Knie vor den Augen von rechts nach links und von links nach rechts schwenkend. In Form von hässlichen Menschen, die nicht sehen konnten. Das ist die Sache mit der Zeit, wenn sie anders wird, merkst du es zu spät. War sie anders geworden? Das war die eigentliche Frage. „Die eigentliche Frage, die eigentliche Frage,“ wiederholte er schaukelnd. Das war die Stadt, ja. Hier gab es keine Ve-ge-ta-tion. Ja, die Stadt. Sie war dem Land entzogen. Doch er konzentrierte sich wieder auf die Zeit. Nun begann er aufzuzählen. Wann hatte er zuletzt den Marder gesehen, wie er in der Kurve herumschnürte? Wann hatte er zuletzt einen der Igel gesehen, der zögernd die Strasse querte? Die Tauben zählten nicht, die hatten keinen Riecher. Er fragte sich nach den beiden Füchsen, den hellen und den kupierten. Die waren verständig, waren herangekommen, schnupperten an seinen Tüten. Sogar wenn er daneben sass, mit schrägen Blicken, vor und zurück huschend, in der Dämmerung schon. „Kohlenberg, Kohlenberg,“ sagte er. Es gab keinen Zweifel, sein Wunsch war erfüllt worden. Aber der Wunsch hatte ihn ganz eindeutig am falschen Ort ereilt. „Ganz eindeutig der falsche Ort für so was“, er nickte. Nicht gerade ein Alptraum, nein. Er war ja überhaupt nicht vorbereitet. Sein Lachen kam schallend zu ihm zurück. Er lehnte sich an die Wand. Die Wand war immer noch warm vom Vortag. Wenigstens brannte sie nicht mehr. Er massierte sich mit seinen Händen die Wangen und die Stirn. Seine Hände rochen nach Eisen und altem Obst. Sahen auch so aus, verschrumpelt, schrundig. Die Narbe am linken Daumen leuchtete rosa. Er hatte sie von einer Blechbüchse. Er übte das Beugen. Er durfte es nicht übertreiben, das Blut war gleich unter der schönen Farbe der Narbe. Er streckte den Daumen. Er hob den Kopf und stellte die Leere fest. Was eine Zeit. Seine Blicke schweiften hinauf zum Bankverein und hinauf zur Burg. Eine unbewegte Stadt. Er begann die Spatzen zu zählen, die im Efeu unter der Burg hausten. Der Efeu, war das ein Baum oder ein Busch? Er hatte sich der Verzweiflung gegeben. Es gab ja Ve-ga-ta-. Ja, das Grün war doch eher Mauerfarben. Er kam bis 17. Einmal war er bis 26 gekommen, aber vermutlich hatte er den einen oder andern zweimal gezählt oder dreimal. Dort war alles in Bewegung. Es war also noch nicht Hopfen und Malz verloren. „Nicht wahr, nicht wahr?“ rief er den Spatzen zu. Er dachte an bewegte Orte. Der Bahnhof zum Beispiel. Ob es den Bahnhof noch gab als Bahnhof? Die Predigerkirche glockte in die aufziehende Hitze. „Glöckel du nur, Glockel-Gockel,“ sagte er. War eine Stunde vergangen oder eine Viertelstunde? Wenn du nachdenkst, dachte er, vergeht die Zeit. Das war immer schon ein Problem. Darum sitzt du ja hier, dachte er. Das Nachdenken hast du nicht gelernt, weil die Zeit dabei vergeht. Verlegen langte er sich in die stachligen Haare am Nacken. Wo zum Teufel sind alle die hässlichen Menschen? Warum hat dich niemand in-for-miert? Aber ja doch, aber ja doch, ich zähle nicht, wie die Spatzen. Er wischte sich den Schmutz aus den Augen und von der Nase. Er reckte sich, es knackte laut, sodass der Efeu es hören konnte. Er hatte sich zur Bewegung entschlossen, um es der Zeit zu zeigen. Ein Rabe flog unten die Haltestelle an und setzte sich auf das Eisengestänge des Wartehäuschens. Der Vogel äugte neugierig auf die Glassplitter, die im Sonnenlicht blinkten. Gefiederte Leere, fliegende Zeit. Der Rabe hob einmal den rechten und einmal den linken Fuss, wandte ihm den Rücken zu und stakste auf der Eisenstange weiter von ihm weg. In der Stille waren seine Schritte auf dem Eisen wie der Anfang eines Lieds. Ein Kettengesang. Der Mann in der Mauerbucht holte seine Beine vorsichtig unter sich hervor. Er streckte sie vor sich aus, knochenerfüllte Schläuche. Der Vogel war weg, und vom Barfüsserplatz kam Wind. Der Wind trug den Geruch von der Tankstelle heran, den süssen Geruch von Benzin. Er brachte seine Beine in komplizierte Stellungen, um aufzustehen. Endlich kniete er, auf allen Vieren. Er keuchte laut. Die Schmerzen in seiner rechten Hüfte flammten auf. Mit den Händen in den Hüften stand er schwankend im abflauenden Wind. Das Sonnensegel hätte er sowieso spannen müssen. Also gehauen wie gestochen, vorwärts jetzt. Ausser den Spatzen hatte niemand seine Kunstfertigkeit im Aufstehen bemerkt. Das war immerhin ein Vorteil der Abwesenheit von hässlichen Menschen. Nicht einmal das Sonnensegel oder sein Mittagsschlaf hatte ihn vor ihrer Verwunderung geschützt. Kinder waren gekommen und hatten ihn in die Schulter gestochen mit ihren fleischigen Pfötchen. Mütter hatten sie von ihm fortgezogen. Alte Frauen hatten ihn mit trockenem Brot gefüttert wie ein Schwan unten am Rhein. Er hob seinen grossen Kopf und wiegte sich leicht auf seinen eingeschlafenen Beinen. Im Gedanken an das alte Brot bekam er Hunger. Er langte in die Taschen seines Regenmantels. Die Bonbonpapiere knisterten dort. In der linken Tasche fand er noch einen gelben Klumpen, der nach Kräutern roch. Er steckte ihn in sein Mund und saugte daran, schluckte mit seinem Speichel Härchen herunter und andere Par-ti-kel, Steinchen oder Papierknöllchen, die sich im gelben Klumpen gefangen hatten. Der Bonbonklumpen schmeckte nach staubiger Wiese unter einem Birnbaum. „Ach, der Podest,“ sagte er schmatzend. Mit weniger Geräusch als beim Aufstehen liess er sich auf die Knie hinunter und schob sein Gesäss rückwärts an den Rand der Auskragung in der Mauer. Er streckte die Füsse über den Vorsprung hinaus und lotete mit ihnen die Tiefe aus. Dann stiess er sich ab und kam unten auf. Er machte zwei Schritte rückwärts, um nicht hinzufallen. Sein Kinn auf der Höhe des Vorsprungs. Auf der Stelle im Kreis trippelnd, machte er einige Übungen mit den Armen und dem Oberkörper. Die Tauben schwangen sich erneut in die Luft. Ohne weitere Vorbereitungen wandte er sich von seinem Posten ab und schritt hinunter zum Barfüsserplatz. „Der Zeit entgegen“, sagte er. Der Speichel füllte süss seinen Mund. Er spuckte bekräftigend aus.


(Bild von Aurimas Kaminskas auf Pixabay.)

Zufall (All die Milchmädchen)


In einer so schwierigen Zeit
Gewohnheit ist ein Fremdwort und Sicherheit
Mitten in der Kutschenfahrt durch das märzgetriebene Erdland
Am Anfang von einer manischen Aufgabe an Teichen und Stubenfenstern
Unmöglich den Nadelstichen auszuweichen
Die teuer bezahlten abgeworfenen Stachel zu zählen
Das vom Sitzen seidige Leder nach dem langen Sitzen noch auf der Zunge wie ein Wort der Begrüssung
Abwechslung ist ein Stein mit seinen Ringen
Zerstreuung ist ein Pestwurz im Schatten der Holzstösse
Auf langen leicht abschüssigen an Nebelbänken liegenden Pfaden
Längst unerreichbar die Kraft für einen Field Holler
Unvorstellbar die Entfaltung einer Zuneigung zu einem Wesen
Das nachdenken kann und fühlen
Die zirpende Kunst des Findens verloren im ratternden Rasen eines Unterwegs
Das einer anderen Generation gewohnt war und ihr Sicherheit versprach
In diesem stossenden und stockenden Vorwärts
Vorsicht übend mit allen Gelenken auf einmal
Im kurzen Aufsetzen kaum Anstellen gar nicht Abrollen
Vorsicht übend mit einem Ziel
Das wie der Schwanz einer Katze zuckend schweift
Auf diesem so schwierigen Weg mit der Schmiere von vorgelebten Gefühlen und von vorgehaltenen Verfassungen in
den Augen
Mit der Erinnerung von Metallporen an den Wangen
Von Nieten im Rücken
Derart weit vorgerückt
Dass andere Sicherheiten zugunsten von Gewohnheiten aufgegeben werden mussten
Derart aufgeklärt
Dass in ihrem Licht Teufel zu Maschinen wurden
Ungeliebte Konfektionsspiegel
In denen zusammenfallen die gewölbten und die eingefallenen Busenfreundinnen
Die sich die Hände reichen über die taumelnden Tatsachen ihrer eigenen Person hinweg
Ein Aufschreien aus Sperrgebieten
Rufe von Tentakelbewehrten
Tief aus dem rumpelnden Prärie-Abgrund des Meeres
Erstmals ausgesprochene Fiktionen
Grün und kupferklingend von der Zunge eines Liebenden
Und im nicht mehr vom Spätlicht zu unterscheidenden Frühlicht
Ein wenig von dem ungelebten Leben belebt von dem Abschein auf den Wangen eines Milchmädchens
Ein wenig von den ungelebten Gefühlen erregt von den Schlangen der drei Bäume am Horizont
Drei sicher verankerte Zeichen für im Bauch der Kutschengesellschaft schlafende Vorstellungen
Zwei Fremdwörter
Dem aufklarenden Tag
Der aufhebenden Nacht hingehalten ohne Gedanken
Und ohne Erwartungen
Konvektionskörper für das Erstaunen
Karamellfarbene Blaupausen
In die Vektoren getrieben sind vom rasenden Rattern
Verlorene Aufgaben und nicht wiedergewonnene Eigenschaften
Künftige Vorsichten und vergangene Einsichten
Grün und kupferklingend von der Zunge eines Liebenden
Und im nicht mehr vom Spätlicht zu unterscheidenden Frühlicht
Ein wenig von dem ungelebten Leben belebt von dem Abschein auf den Wangen eines Milchmädchens
Ein wenig von den ungelebten Gefühlen erregt von den Schlangen der drei Bäume am Horizont
Drei sicher verankerte Zeichen für im Bauch der Kutschengesellschaft schlafende Vorstellungen
Zwei Fremdwörter
Dem aufklarenden Tag
Der aufhebenden Nacht hingehalten ohne Gedanken
Und ohne Erwartungen
Konvektionskörper für das Erstaunen
Karamellfarbene Blaupausen in einer so schwierigen Zeit
In die Vektoren getrieben sind vom rasenden Rattern
Verlorene Aufgaben und nicht wiedergewonnene Eigenschaften
Künftige Vorsichten und vergangene Einsichten

Ich fragte mich
Ob diese Spazierfahrt nicht eine Fiktion war
Die zu lesen ich mich bequemte
In der fliessenden Zeit
Und höre doch
Das fliehende Kinn in den Fahrtwind gedrückt
Die unter den Füssen zertretenen zuckenden Geschöpfe
Die im Bitumen eingeschlossen maunzen
Um Auslass jammern in den Augen der Markise
In dem Klopfen der Grand-mère
Und die 3 zurückweihenden Eichen mit ihrem Gehörn
Verschwimmen auf der schmierigen Scheibe meines Gedächtnisses
Mit den matten Platten der Milchmädchen

Ein kurzes Aufatmen kaum Luft holen gar nicht Einhalten
Für die Zuneigung gestapelte Ablaufdaten in einer so schwierigen Zeit
Sich selbst rächende Ziele
Langgezogene knirschende Schritte in den Wolken und in Nebel
Astaugen und Bergspitzen erreichend
Gitterstäbe von Toreinfahrten
Zu lange gekautes Spanischmoos
Der Weg wie dünner flüssiger Schleim im Hals
Der Austergeschmack der Enttäuschung
Der silberne Vorhang des Meers
Unter der Garantie der Sonne.


(Bild von Jürgen auf Pixabay.)