Die Amsel ist sehr laut Von der Regentraufe herunter. Ob das andere Geschrei Von hinter den Dächern Antwort heisst? Ich beginne so sage ich Mit meinen täglichen Verrichtungen. Bald wird die Amsel Kinder haben Aggressive Anflüge üben. Ich habe auch Kinder. Ich sage das bewusst. Mit Bedenken. Es ist angesagt Dass ich mich um sie kümmere. Kümmern ist wie trösten Nur besser. Was kann es mir Dass ich beides nicht kann? Ich esse immer das Gleiche. Ich sage immer das Gleiche. Ich finde meine Bücher nicht mehr Auf doppelt und dreifach beladenen Regalen Rechnungen auf Tischen begraben Unter Katzenhaar und Katzenstreu. Ich räuspere mich. Bleibe redlich. Verrichtungen Ermöglichen Verantwortung Verantwortung erschöpft sich im Gleichen Das ich immer esse. Im Waschmittel Und Toilettenpapier. Bevor die Amsel schreit Halte ich mein Können aus dagegen Dass es gleich ist: das Wiederholen Macht es nicht gültiger. Die Kinder gleichen mir zum Fürchten. Bald sind es keine Kinder mehr. Da bin ich aber froh. Vielleicht ist die Amsel so laut Vor Schrecken? Dass das Leben Saglos gilt? Ich kümmere mich nicht Um Antworten. Ich mache nichts Weniger als gleichen. Trösten Ist nicht kümmern. Ich habe weder Ahnung Noch Meinung. Beides ist gültig. Im Regen Rückt die Birke heran und drückt Im Wind ihr Haar an meine Fenster Wie forschende Augen. Oh nein Den Geruch des Kellerlochs vergesse ich nicht: Gleichheit und Gleichmachung gelernt. Interessiert Erkunde ich Vernichtungen. Was ich kann Bleibt sich gleich. Gültig ist es nicht. Aggressives Anfliegen Üben will geübt sein.
Denken Sie sich ein Wäldchen. Gleich am Ausgang der Stadt. Ruhig, grün und nicht sehr dicht. Denken Sie sich dann einen Baum. Nicht irgendeiner; aber ein hundertjähriger Baum, der alle möglichen Unwetter erlebt hat. Stellen Sie den Baum in die Mitte des Wäldchens und hören Sie der Morgenbrise zu:
Es gab einmal einen Baum, der sich von menschlichem Fleisch ernährte. Er verschlang die Kinder. Die Gören verschwanden spurlos. Die Familien und die Behörden begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Die Gerüchte, die herumgingen, sprachen von einem Oger, der die Kinder entführte, um sie dann einer Aktiengesellschaft für Konservenfleisch weiterzuverkaufen. Man sagte auch, dieses Unternehmen mit modernen Technologien habe es sich zum Ziel gesetzt, der leidenden Menschheit zu Hilfe zu eilen, weil es mit amerikanischen Spitälern einen Vertrag über die Lieferung von für Transplantationen bestimmten Herzen und Nieren abgeschlossen habe. In Tat und Wahrheit suchte man diesen Oger schon eine ganze Weile. Man sprach in den Familien mit Betrübnis von ihm und hatte es geschafft, ihn zu einem Mythos zu machen, zu einem legendären Helden, den man in den dunkeln Jahren zurückzudrängen versucht habe. Während des Krieges und der schwierigen Zeiten erschienen, hatte er sich in unsere frühesten Sorgen eingeschlichen. Einige sagten, es handele sich dabei um eine Persönlichkeit aus Fesseln, einen über jeden Zweifel erhabenen Mann, der durch seine Zusammenarbeit mit den Christen reich geworden sei. Er musste die Patrioten erledigen. Er erwürgte seine Opfer im maurischen Bad und warf sie anschliessend in den Ofen. Die Gerüchte waren aber hier nicht zu Ende. Die Attentate und die Tode vermehrten sich, und niemand konnte ihn entlarven. (Vielleicht gab es diesen Oger ja wirklich. Man hat die Wahrheit nie herausgefunden. Der Baum und das Wäldchen werden es uns vielleicht eines Tages erzählen.) Was den Baum anbelangt, verströmte er, jenseits aller Zweifel, das Aroma eines unwiderstehlichen Weihrauchs, das den Kindern Herz und Kopf verdrehte, sie liessen sich sanft verleiten. Sie waren verzaubert, und auf ihrem Weg öffneten sich ihnen alle Spiegel. Die Himmelsschirme traten zurück, und die Sonne verfärbte sich im Takt ihrer Schritte. Der Wind umfasste unordentlich und sanft ihre kleinen Körper und opferte sie dem Baum. Ohne Bedenken liessen sie sich verschlingen. Im Austausch erlaubte ihnen der Baum, seine Borke mit ihrem Lachen zu formen. Beschädigt, hielt das Astauge das Blut zurück und erbrach die Abwesenheit von beweglichen und grünen Gestalten. Nur das in zarten Rinnsalen fliessende Harz hob sich gegen den Stern ab, liess eine Öffnung für das Gebet und die Schahada. Der Baum spannte von Zeit zu Zeit den Puls an und hob seine Wurzeln an. Die Kinder profitierten davon, indem sie hinauskamen und im Wäldchen einen Reigen tanzten. Nackt. Glücklich. Die Morgendämmerung fuhr durch ihre Finger und öffnete ihnen die Arme des Himmels. Die Morgen flohen zwischen den Wurzelknollen, um vom Schiffbruch des Zugvogels zu zeugen. Es kamen verdurstende Soden hervor. Aber die Jahreszeiten, die klamme Auflösung und die schwarze Erde bewohnten die Ketten des Baums, der nicht aus Lehm war, der nicht die Klarsicht geschenkt hatte, nicht den Tag und nicht das Meer mitten in der Stadt. Aber der Baum sorgte schon für das Glück der Nackten und der Verdammten. Das Glück der Kinder, die schamlos auf das Zeichen und das Bild gespien hatten, das Glück der Kinder, denen man die Barmherzigkeit verweigert hatte, der Kinder, die umgedreht hatten die Grabsteine, die Totenköpfe, die Heiligen ausgepfiffen und die Fatiha rückwärts aufgesagt hatten, der Kinder, die den Fluch in den Fingerspitzen trugen und aufs Brot spuckten, bevor sie daraus Kügelchen formten, die in den Bäuchen der angesehenen Persönlichkeiten explodierten, der Kinder, die in die Quellen pissten, um die rituellen Waschungen zu verhindern und die Asche der Komplizenschaft zu beschwören, der Kinder, die gleichzeitig im Zentrum der Moschee masturbiert hatten, und die man mit Gebets-Schlägen verfolgte hatte. Man sprach von den Vorzeichen des Endes der Welt. Gott warnte die Verdorbenen, indem er tödliche Engel schickte. Die Gotteslästerung ist eine Pforte zur Hölle. Agadir auf anderen Höhen. Agadir am Ende aller Nächte. Im gleichen Feuer das Grüne und das Trockne. Die Verdammnis suchte sich ihren Weg über eine gewisse Unschuld. Rituelle Waschungen mit Sperma! Das hatte man noch nie gesehen! Man konnte weder das Buch berühren noch ein Gebet sprechen. Alles Wasser der Stadt war verseucht. Die Befleckung in der Seele, liessen die angesehenen Persönlichkeiten der Stadt ihre letzten Sklaven frei. Die Moscheen wurden geschlossen und von den Ordnungskräften bewacht. Ein bewaffneter Soldat hatte die Stelle des Muezzin übernommen. Es gab keinen Gebetsruf mehr. Um seine Waschungen abzuhalten, konnte man im Notfall den geschliffenen Stein benutzen, aber es war unumgänglich, vorher seinen Körper zu reinigen und die Bakterien der Befleckung abzutöten, sich von den dickköpfigen Spermatozoen unter den Achseln zu befreien. Dafür setzte man den Körper direkt der Sonne aus und tauchte darauf siebenmal im Meer ein, den Blick nach Mekka gerichtet. Für jene, denen das Meer nicht genügte, verteilte man Reinigungsmittel, die als Zeichen der Hilfe und Sympathie aus Amerika verschickt wurden und das Hilfsprogramm für Entwicklungsländer vervollständigte. Doch das Reinigungsmittel hatte unerwartete Folgen (Fehler und Verwirrung des schenkenden Rechners…): er vergilbte die Haut und führte zu Netzhautablösungen. Nach einigen Tagen ging die gelbe Hautfarbe in grünen Schimmel über. Diese Verwandlung führte zum Verlust der Haupt- und Körperhaare. Ein süsses Kraut spross darauf auf dem Körper. Waren einige Wochen vergangen, war der Körper vollkommen davon bedeckt. Die Gliedmassen hefteten sich an den Körper, der sich versteifte. Die Heiligen konnten nichts dagegen tun. Die Fäulnis erstickte die Körper und rollte sie in ein Leintuch aus Weinblättern ein. Heimliche Begräbnisse fanden in der Nacht statt. Man warf die grünen Körper auf eine Freifläche. Sie verschwanden in den frühen Morgenstunden. Es waren das grünende-Körper-Prärie-bis-an-die-Illusion, von der Legende gesichelte und von der Erde verleugnete Körper. Der Baum bemächtigte sich ihrer, warf sie in einen benachbarten Graben für unausdenkliche Pläne. Vielleicht würden sie eine neue Nahrung werden! Kam die Regenzeit, holte der Baum seine Äste, sammelte seine Blätter ein und stellte jegliche Aktivität ein. Der Umsturz blieb in der Schwebe. Eine Zeit, um sich zu erneuern. Er liebte den Winter nicht. Weil er den Wind verabscheute, verschloss er sich über seinen Wurzeln und sank in sich zusammen. Es gab keinen Weihrauch mehr, und die Kinder gingen nicht mehr in das Wäldchen. Während Monaten vergass man den Baum und sprach wieder vom Oger.
Es gibt keinen Oger! Es hat nie einen Oger gegeben! Das ist eine Geschichte für Kinder. Wenigstens könnte es den Oger geben, wenn man ihn erfinden wollte. Man beschlösse gemeinsam, diese angesehene Persönlichkeit, dieser tugendhafte und freigiebige Mann übernehme diese Rolle, weil ihm seine soziale Stellung dies erlaube. Immerhin verbindet sich das Mitleid gelegentlich mit einer gewissen Vergesslichkeit. Der Oger könnte ein Passant sein, ein Reiter, eine ausgestopfte Schaufensterpuppe, eine Wolke, ein Gerücht… Vergessen wir’s. Aber den Baum gibt es. Den brauchen wir nicht erfinden. Unsere rote (oder grüne, alles hängt von der Jahreszeit ab) Wunde zeugt davon. Wir hätten aber auch, wenn wir schon dabei sind, den Bericht verkehren, den Schlüssel für das Ende der Seite lassen können. Aber das Geheimnis hätte uns am Spiel gehindert, am Lesen und und an der Interpretation der Zeichen. Warum dem Wahnsinn eine andere Rolle geben wollen als jene der erlebten Wirklichkeit? Der Baum ist ja schon der Traumvorgang. Wer vermöchte den Baum in den Umsturz verwickeln? Er bleibt ein Gedicht, das sich auf mögliche Vorstellungen öffnet, aber ganz ausserhalb der Unschuld.
Der Winter, das war auch jene Zeit, während der die verschlungenen Kinder ihre Haut gegen ein silbernes Federkleid (vormals Paradieskleid) wechselten. Die Behörden hatten diese Ruhezeit zu nutzen geplant, um das störende Element im Wäldchen zu entwurzeln. Sie schickten einen ihrer bewaffneten Agenten aus, um den Baum umzusägen und die Körper auszugraben. Der Agent hatte es vorgezogen, seine Mission allein und im frühen Morgen auszuführen. Das Wäldchen war hell und klar, die ersten Sonnenstrahlen bewegen sich durch die Dichte der toten Blätter. Er näherte sich dem Baum ohne Umstände und begann, ihn zu streicheln. Er empfand etwas Merkwürdiges. Sein Geschlecht war vollständig erigiert. Er drückte den Baum an seinen Bauch und stiess ein wollüstiges Stöhnen aus, als es ihm gelungen war, den Baum ganz zu umfassen. Seine Zunge hing ihm ganz hinaus und leckte den Saft auf. Der Agent ejakulierte mit einem blutigen Schrei. Er ejakultierte das grüne Sperma der angehäuften Befleckung, das blaue Blut der Moore, das seine Venen nährte, er ejakulierte zuckend das ganze Schlammloch seines Kopfes in einem Bellen, als fiele er für immer. Entleerter Körper. Die Augen des Agenten sprangen aus den Augenhöhlen und rollten in einer langsamen Bewegung über seine Wangen. Das gelbe Wasser der Netzhaut hatte sich mit dem Schweiss vermischt. Und das Sperma floss unentwegt. Er fiel hin, erschöpft von der Blutung. Er war eingeladen, sich von der Spalte verschlucken zu lassen, die sich im Stamm öffnete. Der Agent fand sich, verschluckt von der Öffnung, mitten in einem Garten wieder, der in allen Farben gemalt war. In diesem Garten gab es nicht nur Blumen, gab es nicht nur Vögel, nicht nur Kamele, nicht nur Sterne, nicht nur Lichtkugeln, nicht nur Honigklumpen, nicht nur überbordende Sonnen; es gab dort auch alle Kinder, die im Wäldchen verschwunden waren. Sie erhielten mit erleuchteten Gesichtern und Aureolen-Gesten den Kontakt mit dem Gestirn, das über ihren Atem explodierte. Ihr Blick war die Klarheit, die durch die Verschiebung des Sands gewoben war. Der Himmel schien die Finsternis für immer zurückzudrängen, und das Licht rann ununterbrochen auf die Blösse einer gereinigten Wirklichkeit. Der unbeteiligte Himmel war ohne jegliche Rachegelüste Zeuge davon. Die vorbeifliegenden Sterne hielten zum Vergnügen der Kinder an, die begeistert ihre Flugbahnen hinaufkletterten. Alle kamen sie herbei und umringten den Agenten. Sie streckten ihm ihre offenen Hände entgegen, ihre Hände voller Geschenke. Die einen boten ihm Orangen an, andere Schmuckstücke, wieder andere eine Handvoll Erde oder ein Kräuterbüschel. Sie lachten und trällerten ein Lied:
wenn alle Kinder in den Wald kämen Entleerten sich die Ozeane vor Freude Eine Liebe für die Welt Weit offen für das Hochzeitsfest mit dem Himmel
Der Agent wurde darauf eingeladen, seinen Körper in den Ursprungsbrunnen einzutauchen. Er machte sich mit einem Seil fest, und die Kinder liessen die Seilrolle laufen. Das Wasser dieses Brunnens wusch die verschlungenen Körper und reinigte sie von allen Befleckungen, die sie im Reich der Menschen erlitten hatten. Der Agent wurde wieder hochgezogen und zum Urteich geführt, wo er sein reue- und schmerzvolles Gedächtnis durch ein neues, pflanzliches Gedächtnis austauschen sollte, das bereits eine bestimmte Anzahl an künftigen Erinnerungen enthielt. Er musste dafür lange sein eigenes Bild betrachten, das ihm der Teich zurückwarf, bis zu dem Moment, da der Teich ihm nicht mehr sein eigenes Bild zurückwürfe. Der Teich schlug ihm ein anderes Gesicht vor und zeigte ihm den Weg eines neuen Projekts. Als er sich erhob, war er kein Folterknecht mehr, der sich freiwillig gemeldet hatte, um den Baum abzusägen, sondern ein Mann, einfach ein glücklicher Mann, dem Waffen unbekannt waren. Darauf musste der Agent seinen täglichen Anteil an Klarheit holen, der einzigen Nahrung im Garten. Indem er seine Schulden und seine Verbrechen abwusch, ergriff der Agent das Wort:
Erlaubt mir zu sagen ich war ein Stahlstück eine in die Brust gepflanzte Flöte ein Untermensch, stolz auf seine Verblendung Ich bin lange herumgewandert mit einem Messer im Rücken Ich habe lange in mir herumgetragen ein abgetriebenes Leben Mit der Vorstellung eines sanften und roten Todes Ich habe lange geschlagen das Fleisch in das Brot der anderen Und auf jeder Hausschwelle ein Auge niedergelegt Ich bin lange in der Zitadelle gelaufen und ich habe Geständnisse unterzogen Den Fliesen im Leeren eines Körpers und Ich habe zuerst die Geste aus der Borke herauskommen sehen Aber niemals hätte ich einen so zarten Tod erhofft, voller feinem Geschick und schönem Licht und von solcher sanfter Fleischesweitung, die ich euch zum Weiden hinreiche, worauf ihr die Asche meiner Schmerzen finden werdet Diese müde und schlaffe Haut, Vergessensmaske Ein anderer Körper erhebt sich jetzt Löscht das Auge der unförmigen Erinnerung aus Und schwöre auf die Kinder der Erhellung auf das Licht, das in unseren Venen fliesst auf den Himmelssaft Schwöre ich und gebe mich den Gräsern, die über mein Schicksal zu Rate sitzen
Erlaubt mir zu sagen Meine Scham, die heute eine Rose zeugt Der Traum vermischt sich mit dem Nebel Der klaren Borke Ich gewinne die Träne
Ich war ein Stahlstück
eine in die Brust gepflanzte Flöte
ein stolzer Moment der Verblendung...
Der Agent erlangte offiziell die Würde des Todes. Er wurde von den Kindern adoptiert, diese karrieregeile Waise der Sicherheitsdienste. Er atmete tief das vom Licht gespendete Glück ein. Das andere, zu den Akten gelegte Gedächtnis bestritt schon alles. Es widerstrebte und entrüstete sich. Aber angesichts der vollständigen Gleichgültigkeit seines vormaligen Trägers musste es sich zurückziehen und die Selbsttötung durch Abnutzung wählen. Während dieser Zeit hatten die Behörden alle ihre Männer für die Suche nach dem Agenten mobilisiert. Was sie von dieser Suche abstehen liess, war eine Botschaft, die ihnen eines Abends zukam:
*Ihr werdet meinen Körper in einer Orange finden*
*Die Orange befindet sich in einer Kiste des Departements für Aussenhandel*
*die für ein vorgestelltes Land bestimmt ist.*
*Unterzeichnet: der Agent.*
(Übersetzt aus dem Französischen von O. Füglister)
Die Frage nach der Erzählperspektive stellt sich mir bei jedem Text, den ich schreibe, und bei jedem Text, den ich lese. Dabei geht es mir um die Glaubwürdigkeit des Erzählten.
Ich verstehe unter der Erzählperspektive verschiedene Aspekte des Erzählers. Einerseits interessiert mich das Problem der Erzählhaltung, der Fokalisierung, wie sie Genette geprägt hat: in welchem Verhältnis steht das Wissen des Erzählers zu dem seiner Figur(en)? Ebenso wichtig scheint mir aber auch die sprachliche Haltung der Erzählerin zu sein: wie sehr ist diese in der Weltsicht und Weltwissen, mit Bildung und Vorwissen der erzählten Figur(en) begründet?
Mein erster grösserer Versuch einer Ich-Erzählung scheiterte auf die Dauer daran, dass ich in der „internen Fokalisierung“ schrieb. Die „Ich“-Figur sollte nicht mehr wissen, als sie in der erzählten Gegenwart wissen konnte. Um jedoch in dieser Erzählhaltung den komplexen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln, war sie immer wieder gezwungen, aus dieser „internen Fokalisierung“ herauszutreten. Gleichzeitig erzählte diese Figur mit einer Stimme, die im Wesentlichen auf meinen eigenen, persönlichen Wortschatz zurückgreifen konnte. Das war vor dem Hintergrund ihrer Bildung, ihrer Weltsicht und ihrem Vorwissen unbegründet, daher unglaubwürdig.
So stiess ich auf den Begriff der Ehrlichkeit. Kurz darauf entdeckte ich meinen „Meister“ Ramuz wieder. Er hat in meinen Augen einen regelrechten Kult um die Ehrlichkeit errichtet. Ihm ging nichts über die Kohärenz von Stimme und Haltung.
Nun kannte ich schon zahlreiche Beispiele von „inkohärenten“ Erzählperspektiven.
Da könnte man meinen geliebten Proust nennen, der zwar in vielen Momenten aus der Ich-Perspektive erzählt, dabei auch Stimme und Art und Weise in Einklang bringt, aber immer wieder in eine Erzählung mit auktorialen, allwissenden Zügen ausbricht (mit Genette zu sprechen: von der internen zur Nullfokalisierung wechselte). (Am besten in „Swanns Liebe“ zu erkennen.) Dabei verändert sich nicht die Stimme, wohl aber Vor- und Weltwissen des Erzählers; zudem war ihm nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft offen. Nicht nur das: die erzählende „Ich“-Figur gewinnt Innensicht der erzählten Personen, kann ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben.
Ein anderes, geradezu herausragendes Beispiel dafür finde ich in Ishiguros „Ungetrösteten“. Dem erzählenden Pianist (das Ich der Geschichte), der in eine veränderte, entfremdete Heimatstadt zurückkehrt, fehlt einerseits jedes Vorwissen, jede Erinnerung an die Personen und Ereignisse, die sein Leben dort geprägt (und ihn vielleicht sogar fortgetrieben) haben. Die ihm begegnenden Personen verfügen alle über ein reichhaltiges Wissen über ihn, aber aufgrund seiner Verwirrung oder Verlorenheit, seiner möglichen Amnesie, erfährt er immer nur bruchstückhaft, wer er in ihren Augen ist oder sein sollte. Andererseits sind dieser erzählenden Figur immer wieder Sprünge in eine andere Erzählhaltung möglich: Obwohl er gerade vor dem Haus im Auto sitzt, schildert er, was seine Tochter in einem geschlossenen Raum in einem Haus erlebt; es gelingt ihm sogar die Innenperspektive in mehrere handelnde Figuren in diesem Raum gleichzeitig.
Ich will es nicht verhehlen, bei Ramuz herrscht grundsätzlich eine Erzählhaltung der Nullfokalisierung vor. Der Erzähler ist auktorial, dringt immer wieder in das Weltwissen und die Innensicht der erzählten Personen ein. Da er aber sprachlich sehr konsequent ist (alle Personen haben einen ähnlichen Wortschatz, eine ähnliche Sprache oder Stimme), schadet das der Erzählung nicht. Alles, was der auktoriale Erzähler sagt, könnte ebenso eine der Figuren sagen. Der auktoriale Erzähler weiss also alles, aber er drückt es in und mit der Stimme der Figuren aus. Der Erzähler „dirigiert“ einen Chor.
Noch ein Beispiel. In Cixin Lius „Drei Sonnen“ werden Dokumente nacherzählt, die aus der Perspektive der Ausserirdischen (Trisolarier) gesprochen sind. In diesen Dokumenten sollten Begriffe wie „Liebe“, „Kultur“ und andere nicht vorkommen dürfen, denn es handelt sich ja just um Ausserirdische, die ganz anders, unvorstellbar anders sind als wir Menschen (so kommunizieren sie per Licht miteinander, gibt es für sie keinen Unterschied zwischen Denken und Sprechen). Somit müsste die Erzählung eine andere Sprache, eine Code wiedergeben. Da sie das nicht tut, sondern die Trisolarier mit menschlichen Begriffen argumentieren lässt, und dabei immer wieder darauf hinweist, dass ihnen diese Konzepte unbekannt sind, verliert die Erzählung in meinen Augen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ich fühle mich als Leser buchstäblich belogen, betrogen.
Ich bin erstaunt, dass mich die Ehrlichkeit so spät prägen will. Ich habe sie als Lyriker nie gebraucht, weil ich der Sprache diente, ihren Stimmen und Melodien nachgab. Nun, da ich selbst zum Erzähler geworden bin, merke ich die Prägungen. Da ist die Schweizer Kultur der Ehrlichkeit, der Geradheit in mir. Da ist der ernsthafte Umgang mit dem Wort in mir, den ich von Ramuz gelernt habe. Da beanspruche ich eine Ehrlichkeit, obwohl und weil ich erfinde, weil und obwohl ich aus der Vorstellung schöpfe. Plötzlich will ich ehrlich sein, wo ich doch darum weiss, dass ich nur selten ganz bei mir bin, in den Gedichten am bestimmtesten.
Ich bin ehrlich erstaunt darüber. Und gefasst auf diese lange Reise: der Auseinandersetzung mit der Erzählstimme. Und vielleicht finde ich früher oder später die „eigene“ Stimme, um ehrlich zu erzählen.
Nachbemerkung: Mein Ziel werde ich erreicht haben, wenn ich die Figur aus Tarrs und Krasnahorkais „Satantango“ in meinen Erzählkosmos eingebaut haben werde, den schnapstrinkenden Arzt des Dorfes, der sich schnapstrinkend verbarrikadiert und alles erfindet und erzählt, was dem Dorf und den Dörflern tatsächlich passiert.
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Die Länge der Zeit ist die Prüfung, die allen Aspekten einer Leidenschaft ermöglicht, sich nacheinander zu entwickeln, allen Möglichkeiten erlaubt, sich im Detail zu aktualisieren, dem Authentischen und dem Soliden gestattet, sich eindeutig vom Pseudo und vom Simili zu differenzieren… (V. Jankélévitch, Von der Lüge)
Jeder künstlerisch Schöpfende kennt dieses Gefühl. Ich nenne es die Angst vor der Lebenslüge. Die Lebenslüge ist, wenn du dich selbst belügst; wenn du dich selbst täuschst. Du bist nicht das, was du zu sein glaubst. Du bist nichts weniger als ein spanisches Schloss. Du bist vorgestellt. Dieser Betrug findet vor dem Hintergrund der Wirklichkeit statt, die ganz anders ist als du sie möchtest. Die Wirklichkeit ist immer anders, als du sie möchtest; das ist ihr Merkmal. Dass du so empfindest, macht dich zum künstlerisch Schöpfenden. Es macht dich aber auch zur Lügnerin. Denn wer den Hintergrund nicht akzeptiert, lügt im Vordergrund. Der Vordergrund aber hat keine Tiefe, bevor er nicht selbst Hintergrund wird. (Wenn du zurücktrittst, zurücktreten kannst.) Im Vordergrund redest du dir etwas ein, stellst dir etwas vor, was dich betrifft. In deiner Person gibt es eine Person, die der Wirklichkeit widerstrebt. (Stellt sie sich die Wirklichkeit vor? Das ist nicht klar.) Man kennt diese Person. Deine Nächsten kennen sie gut, auf die Dauer kann niemand sie verleugnen. Sie sehen sie, aber sie wollen deine andere Person, die im Hintergrund lebt. Für sie ist diese Person im Hintergrund, ein Statist. (Unbedeutend / weit vom Ufer weg / da war // ein ziemlich unbemerktes Aufspritzen / das war / der ertrinkende Ikarus – William Carlos Williams.) Womit aber belügst du dich, baust du das spanische Schloss? In meinem Fall mit dem Bedürfnis nach Schreiben. Dieses Bedürfnis ist anfangs gänzlich unbegründet, weil keine Erfahrung es bestätigt. Und dieses Bedürfnis stört dich in der Wirklichkeit. Du hast eine Familie, du musst für sie sorgen oder mit-sorgen. Das heisst, arbeiten. Findest du eine Stelle, die dich hin und wieder aufblicken lässt zu deinem Schloss? Du musst dich entscheiden. Du musst dein Leben ändern. Ist es schon zu spät? Denn diese Lüge, die dich antreibt, sie ist kein Lebenslauf, sie ist keine Arbeit wie die andere. Sie ist, gesteh es dir nur ein, überflüssig, nicht notwendig. Niemand braucht das. Genügt es, dass du es brauchst? Inzwischen kennst du die Wirklichkeit. Du hast sie erfahren. Und wie ein schlechter Maler hat die Erfahrung begonnen, Perspektiven zu verändern. Die Schatten fallen anders, die Distanzen sind verändert. Ist das noch Hintergrund oder schon Vordergrund – oder umgekehrt? Du hast mit der Angst vor der Lebenslüge so lange gelebt. Vor dem Hintergrund deiner Erfahrung kann sie nur noch eine Selbstlüge sein. Es gibt inzwischen Tage, da hängt das spanische Schloss schmelzend mittig im Bild, alles überdeckend. Das Bedürfnis nach Schreiben ist immer noch da. Die Nächsten haben es so lange in den Hintergrund geschoben! Du hast ihnen sogar viel zu oft dabei geholfen. Und das Bild hat sich verändert. Das haben wir schon festgestellt, aber es gehört festgestellt. (Ein Baum, der nicht ausgesagt wird, ist kein Baum. – Ramuz) Alles darauf ist verschoben. Der Hintergrund ist ganz diesig. Denn die Wirklichkeit, die du kennst, hat keine Bedeutung ausser ihrer selbst. Sie mag schon so lange oder noch so lange deine Wirklichkeit sein, das macht sie nicht vordergründiger. Deine Nächsten sind müde geworden vom Schieben, Wegstellen, Übermalen, Zurechtrücken. Sie äussern ihre Forderungen, Erwartungen und Meinungen kaum mehr flüsternd; Lippenbekenntnisse, die selbst sie nicht mehr ernst nehmen. Du hast keine Angst mehr, als du zu schreiben beginnst. Nein, das ist nicht wahr. Es gibt keine Ausreden mehr. Alles, was du in der Wirklichkeit getan hast, hat nichts befriedigt. Du wolltest den Nächsten so sehr glauben. Aber egal, wo das Bedürfnis nach dem Schreiben war, du konntest es immer sehen. Aber auch eine Selbstlüge ist noch eine Lüge. Im Schreiben aber wird sie wahr, nur in der Tat. Erlaube ihr die Wirklichkeit. Je öfter du die Lüge begehst, das Schreiben für wichtiger als die Wirklichkeit, die Arbeitswelt, die Freunde, die Familie hältst, desto wirklicher wird sie. Denn inzwischen ist sie der Wirklichkeit näher als die Wahrheit.
Es duftete nach Salmiak und heissem Teer. Je weiter ich in den Wald hineinkam, desto öfter waren die Bäume verletzt, die Kragen geplatzt, das Hart tropfte würzig auf die Farnhüte des Waldbodens, die Hälse trugen Schmauchspuren. Das Brummen war jetzt in ein tiefes Röhren übergegangen. Auf eier Lichtung lag der Drache. Sein haupt war massloss gross, schwarz behaart, sein kahles Maul war so lang wie ein Mann hoch ist, breit wie der Nacken eines Stiers, scharf und spitz wie eine frisch geschliffene Lanze, die Zähne ragten daraus hervor wie die Hauer eines Nilpferds. Sein Schwanz besass drei Enden, und in jedem hielt er einen Menschenleib gefangen. Gelenke rasselten in ihren fleischigen Pfannen. Der Bauch des Drachens war grau, grau-grün, an den seiten trug er eine gelbe Schuppenhaut, sein scharfer Grat war fast goldfarben, der Kamm auf seinem Haupt leuchtete rot und schwankte bei jedem Atemzug ein wenig hin und her. Seine im Schlaf zuckenden Ohren waren die eines Esels. Von seinen fünf Augen hatte er immer eines rot glühend offen. Aus seinem Rachen kam ein fauliger Gerucht, schlimmer als das Aas, das lange Zeit in der Sommerhitze liegt. Seine Füsse waren die eines Adlers, starkt behaart, er hatte zwei Flügel angelegt, die wie Pfauenfedern schillerten. Seine Kehle war ganz knorrig wie das Horn eines Steinbocks. Um ihn her waren viele Tierkadaver verstreut, aus einigen von ihnen wuchsen mächtige blaue violette Pilze empor, die ihre Sporen bei jedem donnernden Atemzug in hellblauen Wolken abwarfen. Die Luft auf der Lichtung war senfig heiss, und auf der Zunge breitete sich ein sauer-saftiger Geschmack aus. Kaum hatte ich diese Landschaft erblickt, erfreute mich ein Zorn.
Talent und Genie gibt es nicht. Künstlerisches Schaffen ist eine Mischung aus Ausdauer und Handwerk. Diese gründen sicher in einer natürlichen Begabung, die aber mehr eine Vorliebe, eine Hinneigung ist, die in Hingabe münden kann.
In meiner Jugend habe ich zehn Jahre lang Geige gespielt. Ich habe mir keine Mühe dabei gegeben. Ich habe keine Fortschritte gemacht. Am Ende der zehn Jahre konnte ich weder ein vernünftiges Vibrato hervorbringen noch das Spiel in den Lagen. Fast vier Jahrzehnte später habe ich während drei Jahren jeden Tag mindestens eine Stunde Geige geübt. Ich bin in diesen drei Jahren über mich hinausgewachsen. Ich habe drei Lagen erlernt und das Vibrato. Im Selbststudium. Das hatte mit Ausdauer und mit Hingabe zu tun. Und daraus erwächst dir ein Vertrauen in deine Fähigkeit(en).
Genau gleich ist es beim Schreiben. Die Angst vor dem leeren Blatt haben nur jene, die keine Übung im Schreiben haben. Nur jene auch brauchen den Mut. Wer täglich eine bis zwei Stunden schreibt, ob an Gedichten oder Prosatexten, der wird mit jedem Mal besser.
So schreibe ich seit rund vier Jahren ausdauernd an Prosa, Kurzgeschichten und Romane. Am Anfang war ich mir meiner Unfähigkeit schmerzlich bewusst. Ich hatte Mühe mit allem: von der Figurenzeichnung über die Erzählperspektive bis hin zur Wahl eines Stils. Ich hatte keine Erfahrungswerte, was Prosa betraf; wenn ich ein Gedicht schrieb, war das wie eine Heimkehr: ich wusste, was ich tat.
Aber in diesen vier Jahren habe ich das Handwerk gelernt. Ich habe nie aufgegeben, ich bin immer drangeblieben. Ich traue mir inzwischen viel mehr zu, denn ich kann diesem erlernten Handwerk jetzt vertrauen. Ich habe aus einer anfänglichen Abneigung zu einer Zweckheirat gefunden und schliesslich zu wahrer Liebe. Dieses Gefühl basiert auf Vertrauen und Erfahrung.
Mit dieser handwerklichen Erfahrung, dem Vertrauen auf ein erworbenes, antrainiertes Können werde ich, das weiss ich mit Gewissheit, mit genügend Ausdauer und Verpflichtung irgendwann «etwas Grosses» schreiben. Ich muss nur Geduld haben, dranbleiben, nicht ausruhen. Weiterhin jeden Tag mindestens eine Stunde schreiben.
Denn Ausdauer und Selbstverpflichtung, das sind die Antriebsfedern einer Liebe zum Erzählen, die meine ursprüngliche «natürliche Begabung» ist.
Diese «Begabung» erwuchs aus meiner Erfahrung des Erzählens: Als Kind und Jugendlicher erkannte ich die Macht der Geschichten, die ich erzählte. Ich war kein Sportler und nicht besonders intelligent, aber ich konnte meine Zuhörerinnen mit einer guten Geschichte fesseln.
Diese «Begabung» ist also weniger ein Talent oder eine Fähigkeit als eine Gabe, ein Geschenk, das verpflichtet. Mit diesem Geschenk hast du eine Verantwortung, eine Aufgabe. Und das Vertrauen aus der Erfahrung hat seinen Widerpart in der Treue zum Text: auch hier hast du eine Verantwortung, du musst ihm gerecht werden, ihn in seiner Selbstwerdung unterstützen. Du musst so genau hinhorchen wie ein Komponist auf seine Tonfolgen und Akkorde.
Und jederzeit mit dem Scheitern einverstanden sein, das kommt noch dazu. Wie ein Bildhauer mit einem Schlag seine Skulptur gefährden kann, so auch du. Doch das gehört zum Schaffen, das Scheitern ist Teil davon und muss angenommen werden. Denn ohne Demut findet kein Fortschritt statt.
Eine Freundin meinte in einem Gespräch über meine Prosa: «Ich finde, deine Prosatexte sind niemals so gut wie deine Gedichte. Ich glaube, du solltest bei der Poesie bleiben.» Ich antwortete ihr: «Ich habe 30 Jahre in die Poesie investiert. In diesen 30 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht geschrieben habe oder an einen Text gedacht habe, den ich schreiben möchte. Da ist es nur natürlich, dass ich gute Gedichte schreibe. Und das hat nichts mit Arroganz oder Hochmut zu tun, ich drücke damit nur eine Tatsache aus. Dass ich erst am Anfang meines Prosa-Wegs bin, das weiss ich selbst. Ich sehe täglich meine Fehler und Schwächen. Aber wenn ich dranbleibe, dann werde ich in zehn oder zwanzig Jahren ebenso gute Prosa schreiben wie heute Poesie. Davon bin ich überzeugt. Also gib mir noch einige Jahre, bitte.»
Herr Heinz kommt nicht mehr aus dem Fürchten hinaus. Er steht im Hof und friert zum Fürchten. Da steht sein Haus. Es besteht seit 30 Jahren. An vielen Ecken die Schmauchspuren seiner Versuche Seiner Selbstversuche. In vielen Winkeln Muttermale vom Aufschrecken Aus den vielen Winkeln. Die Nomadenvölker seiner Kerzenverbündeten. Die heimische Unwirtlichkeit auf der einen Seite und drüben Dieses Unglück eines Turms Aufgerichtet in 3 Jahren Gegen jede Vernunft. Wohnen ist das nicht. Auch dort wie Granatapfelkerne Die Wachstropfen. Oben das offene Feuer unter den Sternen. Das Sturmgewehr und die Schiessscharte gegen die Wildcamper. In abortgrossen Kammern die silbrig getrockneten Speichelfäden Und der Geruch von Wiedergekäutem Das wiedergekaut wurde. Herr Heinz steht und wartet. Es schneit noch nicht. Alles ist wie Herr Heinz weiss. Er hat noch eine Schaufel in der Hand. Im Stehen stolpert er über eine Spitzhacke. Seine Gedanken sind Wollpullover Die im Rücken über der Schulter festhängen. Eine Krähe setzt sich auf einen der Erdhügel im Hof Ein Komma. Die Furcht ist zum Unterscheiden da Die Kälte für die Schlafenden. Herr Heinz ist noch nicht So weit. Die beiden Gebäude Sind schon verlassen. Keine Stätte für einen Menschen Wie ihn. Aus der Brusttasche seines schweren Mantels steigt Von seiner Körperwärme der Terpentingeruch des Briefs herauf. Herr Heinz kann sich nicht entscheiden Was er mehr liebt: frieren oder fürchten. Vom Hof aus kann er die Stümpfe der Allee zählen. Auch eine Reihe von Entscheidungen Für die Vergebung fehlt. Herr Heinz kommt nicht mehr Zu seinen Stätten. Bevor er einschläft sieht er Rundumkennleuchten unten im Tal.
Dann streiften wir uns die Fetzenreste unserer Kleider ab und stiegen in den Moorsee hinein. Schnell wird es tief, wir müssen schwimmen. Vom Wasser aus ist die Richtung schwer zu bestimmen. Wenn wir Wasser treten, um uns zu orientieren, fahren unsere Beine in die kalten Wasserschichten des Sees, während unsere Brüste im wärmlichen Wasser der Oberfläche baden. Wenn man das Wasser schluckte, schmeckte es sehr leise nach öliger Baumrinde. Endlich haben wir wieder schlammig-wegsinkenden Grund. Auch unsere Leiber sind schwarz und klebrig vom See. Einige Zeit stehen wir keuchend und schmunzelnd auf dem Ufer. In dieser Zeitspanne hebt sich die Sonne hinter den letzten Bäumen des Waldes hervor, saugte mächtig am Sumpf und am Nebel. Mit der Sonne steigen hinter uns Geräusche auf wie Libellen. Doch ist in unserem Rücken nichts zu sehen ausser den Espen des Mooses, ausser dem feuchten leeren Horizont. Es sind fröhliche Kinderschreie, die von dort herüberklingen; manchmal auch ein Platschen oder der klatschende Lauf von nackten Füssen, die Stimme einer wachsamen Mutter. Ich glaube fast, auch meinen Namen zu hören: «Fritz! Frie-drich!» Doch musste ich mich getäuscht haben, denn auf Nelies schwarzem Gesicht zeichnete sich Freude ab. Sie wandte sich mir mit einem weissen Lachen in der schwarzen unteren Gesichtshälfte zu und sagte: «Hörst du? Sie ruofen uns schon!» Alle meine Haare standen zu Berg, als mich Nelie am Unterarm erfasst und zu sich heranzieht. Um mich her heben viele Espen ihre vielfachen Hände im plötzlichen lauen Wind, die Äste klappern wie abgenagte Nagerknochen, eine Begeisterung wie Mondschein, und die Sonne schleift ihren überhitzten Körper durch das vielarmig knisternde Moos. An meinen Haaren zupft das Stimmchen des Windes, kalt wie Draht. Das Lied der Espen sirrt durch meine Muskeln und schiesst in meine Nerven. Kurz streift mich Übelkeit. Die Mutter ihres Liedes kommt noch näher, kommt mir entgegen aus nächster Nähe wie von weit her. Sie berührte mich mit ihren Brüsten, stiess mich mit ihren Hüften leicht zurück. Umhüllt von ihrem stechenden Geruch schloss ich die Augen, stolperte einen oder zwei Schritte zurück, meine Füsse im elektrischen Drahtgewirr, das kleine Stösse in meine Schenkel schickt. Ihre Hand hält leicht und bestimmt meine Hoden wie trockene Pflaumen. Birnenhart drücken mich ihre Brüste. Aus dem Dorngestrüpp meines Bauches steigt mein Glied herauf mit seinem kirschenroten Auge. Meine Hände halten ihre anderen Wangen. Sie sind so kühl und schwer. Sie passen genau in die Schalen meiner Hände. Sie gurrt, ihre Augen haben ein Herbstgrau. Die Schreie unserer künftigen Kinder branden um uns auf wie Spatzen aus einer Hecke. Dann sagt sie etwas zu meiner Halsschlagader. Während ich mein Glied an den afrikafarbenen Erdhügel ihres Bauches presse, fallen wir ins Moos, das von Leben himmelt. Ihre Wärme auf meinem Bauch. Die Schwärze des Sees rinnt in Streifen an uns herunter. Der Moosboden züngelt an meinem Rücken, ich rieche die Nadeln, die mich stechen. Die Luft glüht und riecht nach Honig. Über den See strecken die Bäume Tentakel aus, die im Wind nach mir suchen und meine Stirn verschatten. Die Luft klebt in jeder Falte der Haut, begräbt uns unter sich. Die Amphore ihrer Hüfte schaukelt auf meinem Bauch. Vorsichtig hebe ich sie an meine Lippen, an meine schartigen Lippen. Ihre Vulva schmeckt wie Weintrester, meine Zunge erkundet Runzeln und Lappen, ihre Schenkel an meinen Wangen ein Schraubstock, dessen Macht mit jedem Lecken und Saugen stärker wird. Gleichzeitig schreien wir auf, in Not. Während ihre Schenkel wieder erschlaffen, knabbere ich daran wie an einem milchdurchtränkten Wecken. Das Geplänkel der Kinderschreie dringt wieder an meine Ohren. Vor meinen Augen glänzt und leuchtet die Orangenschale ihrer Vulva, der Geschmack der Passionsfrucht auf meiner Zunge, zornig starrt mich der Wachsknopf ihres Kitzlers an, ich halte seinem Blick nicht stand. Ich fühle mich wie eine Schnecke, als ich unter ihr hervorkrieche, bis sie auf meinen Schenkeln reitet. Die Sommersprossigkeit ihres Körpers blendet mich. Laut lacht sie auf, als meine Fingerbeeren an ihren traubenden Brüsten Bewegungen des Pflückens und meine Handschalen Bewegungen des Wiegens üben. Sie schlägt meine Arme von sich weg und hält sie im sonnenharten Moos fest. Sie küsst mich in den Graben hinter den Ohren, taucht ihre Nase in den Fingerhut meiner Drosselgrube, knuspert an meinem Kinn, meinem Schlüsselbein, meiner linken Brustwarze. Ihre Finger scheuchen die Nervenfedern in meiner Lende auf, ich bin ein zuckendes rotes halbgares Stück Fleisch unter ihrer Göttinnenkraft. Mein Glied windet sich in ihren aufschiebenden Händen, halb Buttersack halb Echsenzunge. Ich hebe meinen Blick in ihr Gesicht und sehe dort einen Ausdruck spielender Konzentration. Haben wir anfangs in unserem Hecheln noch Spuren von Lachen vernommen, ist es uns jetzt ernst. Meine Hände streichen und umfassen wie Gläubiger die Sanduhr ihres Körpers, und niemand kann sagen, wer sich hier wem aufpfropft, in seufzendem Hüpfen und keuchendem Ausweichen. In jedem Atemzug über mir erklingt ihr Vertrauen. Zupfend erfasst sie mein Glied, das Zögern ist verschwunden, gewissenhaft und vorsichtig bereitet sie es für sich zu, ich gebe es auf und überlasse es ihr. Für Sekunden, die sich hinziehen, fühle ich mich wie ein Stofftier, aus dem die weissen flauschigen Innereien herausgepult werden, als handele es sich um seine Seele. Dann verschwindet dieses Gefühl in ihr, nass ist es in ihr, heiss ist es in ihr, ich wollte Schnee sein, mitten im August, und langsam mich selbst vergessen. Und wieder ist es eine Schaukel, sie wiegt sich auf meinen Lenden, die Poren des Mooses unter meinem Körper öffnen wispernd ihre Ohren, ich ergreife ihre wippenden Brüste, sie erschauert, ihre krallenden und knetenden Hände bearbeiten meine Brust wie die eines gerade Verstorbenen, der noch ins Leben zurückgeholt werden kann. In freudigem Schmerz zerre ich an den Beeren ihrer Brustwarzen, für den Moment eines Lidschlags fällt sie über mich, bedeckt mich zaudernd mit ihrem Leib, ich entdecke an ihrem Hals die krautige Würze eines Tomatenstrauchs in der Hitze eines Sommernachmittags. Sie richtet sich jetzt auf und ist jetzt ganz genau, führt Buch mit ihren Hüften. Im Rhythmus lernen wir zählen. In unserer schmelzenden, schnalzenden Mitte häufen sich die Zahlen wie Sternbilder. Sie greift nach meinen Händen, um ihr beim rollenden addierenden Stossen zu helfen. Wie zwei Kerzen teilen wir unser Wachs. Die Welt umgibt uns wie silberschleimige Flügel, die wir bis an die Enden unserer Geschichten ausgespannt haben; sie streifen aus der Hitze heraus die äusserste Kälte, die letzte Härte. Unsere summierende Bewegung ist ein grosses Schaufelrad, das die Welt umdreht und umkehrt. Ich pulsiere wie eine aufgeschnittene Fingerbeere, ich höre Musik. Es ist dunkel geworden mitten im Tag, die Leiber machen den hellsten schwärzesten Nebel, die Mulde im Moos gibt immer mehr nach, Wasser verstopft mein Ohr, die dumpfe Musik schlägt immer wieder in helles Fiepen um, pocht an die letzten Widerstände, an die letzten Begründungen, die von meiner Geschichte abfallen, abspringen wie Sporen. Über mir ist ihr Seufzen wie der Name des Drachen. «Pfetan! Pfetan!» Ich bin ganz Echse, rasend in der Sonnenschwärze, Steinzeit, hämmerndes Glimmergestein, das Zeiten und Bilder durchscheint. Dann wird unsere Bewegung fast schon ein Um-sich-schlagen, sie rüttelt über mir wie der Milan dort oben in der Sonne, ich höre Musik und Lied, «wie der morgen minne-diebe kunde büezen clagen». Mein Glied ist eine aufspringende Knospe, die sich des Taus entledigt; ihre Scheide ein bebend-umdrängender Fischschwarm, der kreisend an die Oberfläche steigt. Wir sind eines Fleisches, du und ich. Wir sind eines Blutes, du und ich. Da fällt sie über mir zusammen, umgestossenes Zelt. In ihr schwingt es und brandet, und mein gebogenes Glied spannt sich an und öffnet sich wie eine Schote. Entzweigebrochen, liegt sie auf mir; entzweigespalten, lieg ich da. Weiss fällt das Licht in meine Augen, ich stosse, ich lege meine Nase in ihre pumpernde Achselhöhle, ihre Hände rascheln jenseits meines Kopfs im trockenen Moos. Die Bebung hält uns noch fest, das Zucken und Zittern kündet das Zagen und Zaudern an, «da mac verswinen wol ein triuten», höre ich weit entfernt , fast ein Schrei, «sinnen wîl er wünne selten borgen», die Achselhaare kitzeln meine Nase, ich rieche in ihren Achseln die salzigen Ursprünge der Welt. – Lange lagen wir noch so da, schnaufend und wie Saiten nachklingend. Unsere Körper lagen zwiebelglatt aneinander. Die Rosetten des Mooses hatten sich endlich auch vollgesogen. Der Kinderlärm war in sein Freudenhorn zurückgekrochen. Langsam verändert sich das Klopfen unseres Herzens, lassen sich die beiden Herzen unterscheiden. Aus unserem Schoss steigt ein herrlicher, herber, fauliger Geruch auf. Das erschlaffte Fleisch fühlt sich an, als hielte man frisch gefallene Magnolienblüten in der Hand. Leise leckte das Wasser des Sees am Pflanzengrund. Nebeneinander lagen wir wie frischgepellte Lebewesen, dem Tod entsprungen. Die Tränen wiegten uns, denn Leben heisst Abschied nehmen. Nein, wir waren nicht von gleichem Blut, von gleichem Fleisch waren wir nicht. Die Ehrlichkeit würde uns zur Lüge zwingen, die Lüge zum Leben. Sie schälte sich von mir, ich schälte mich von ihr. «Du saelden spil,» blies ich meinen Atem in ihr Haar. Sie schüttelte ihren Kopf, den sie von meiner Brust hob: «herzeliebe ist ein schûr, dem lîbe ein herter nâchgebûr; in süeze wirt vil oft sûr.» – «Ich minne dich sehr.» – «Ich minne dich mehre.» – «Ich liebe dich mehr, als ich dich minnen kann.» – So spielten die Worte miteinander, während unser Atem sich beruhigte. Beide wussten wir, es gab keine Auswege, nur Ausreden. Ich war frei, in meiner Freiheit gefangen. Sie war gefangen, selbst ohne den wachenden Drachen, in ihrer Gefangenschaft frei. Es war ihr nicht möglich, mir war es nicht möglich. Der Erzähler musste seine Ohnmacht einmal mehr unter Beweis stellen.
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Text aus der Novelle „Ne me quitte pas“ (im Entstehen)