Meister Ramuz

Vor einigen Wochen habe ich für mich das Haus „La Muette“ in Pully entdeckt, in dem der welsche Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz zuletzt gewohnt hat. Ich war in Lausanne aus dem Zug gestiegen, hatte als erstes ein Werbeplakat von diesem neu eröffneten (?) Museum gesehen – und einen Ausruf der Freude getan: das Haus meines geliebten Ramuz! Da musste ich sofort hin.

Das Haus liegt oben am Hand im alten Dorfkern Pullys, es ist schmal und rosa zwischen andere Häuser gedrückt. Es dient immer noch als Wohnhaus, aber Erdgeschoss und ein Teil des ersten Stocks sind zu einem Erinnerungshaus umgebaut. Das Museum ist sehr schlicht mit hellem Fichtenholz gestaltet, eine ausführliche Audioführung führt über verschiedene Stationen in Ramuz’ Schreibprozess und -welten ein, eine ganze Vitrine ist seiner Grossvaterliebe zu „Monsieur Paul“, seinem Enkel, gewidmet. In seinem Schreibzimmer steht ein riesiger Schreibtisch, der einen Blick auf die beiden niedrigen, vergitterten Fenster bietet, die auf einen terrassierten Garten hinausgehen, der wiederum hoch über dem See schwebt. Im Rücken des Schreibtischs eine ausgelegene Couch und an der Wand ein kleiner Ofen (gerade richtig zum Verbrennen von beschriebenem Papier).

Mir hat es sehr gefallen, dass hier keine Konservierung stattgefunden hat: es wird nicht versucht, diesen Raum so zu bewahren, „als würde der Hausherr jeden Moment eintreten und weiter schreiben“. Doch siehst du auf Fotografien im Raum, wie er ausgesehen hat, als Ramuz noch lebte: der Tisch mit wirklich meterhohen Blättertürmen beladen, aufgeschlagene Bücher überall, der Bücherschrank rechterhand neben dem massiven Pult überquellend, die Couch mit einer aufgeschlagenen Decke. Alle 3 gezeigten Räume in diesem kleinen Museum sind von einer schlichten, modernen Inszenierung, die in meinen Augen sehr dem Geiste seines ehemaligen Bewohners entspricht.

Ich habe meine Zeit in diesem Haus sehr genossen, mit Freudenlauten und Gänsehaut, kleinen glucksenden Ausrufen… Ich war der einzige Besucher, habe mich wieder und neu verbunden gefühlt mit diesem Freund unter allen meinen Lieblingen. Und wie immer bei solchen Wiederbegegnungen nach langer Trennung (oder Verleugnung?) habe ich mich gefragt: Wie konnte ich nur vergessen, dass du mir so nahe bist, lieber Freund und Meister Ramuz? Wie konnte ich nur vergessen oder aus dem Blick verlieren, wie sehr du mein Schreiben geprägt hast?

Rekonstruktion eines Vergessens (eines Vergessenen?)

Ich konnte es vergessen, weil das, was uns prägt, immer ein Unmerkliches, Allmähliches ist. Dieses Allmähliche verläuft im Untergrund deiner Persönlichkeit, deines Denkens und Handelns, ist ihr Grundwasser. Dieses Unmerkliche findet dauernd und unablässig in dir statt, ist etwas Unwirkliches, das in dir flüstert, weiter flüstert. Und es flüstert mit deiner Stimme, mit deiner Sprache.

Ich kann mir vorstellen, dass du es niemals brauchst, weil es für dich dein Eigenes scheint, natürlich und gewohnt.

Als Schreibender aber hast du doch ganz natürlich ein Auge darauf, als Schreibender aber bist du doch gewohnt, auf Töne, Stimmen und Unterschiede zu achten, die in deinen Text Eingang finden, vielleicht gar unbewusst gewaltsam eindringen in ihn, – sie genau zu beäugen und abzuwiegen, als schriebe ein anderer in oder mit dir, inwiefern und in welchem Masse sie „der Wahrheit entsprechen“: Sind die Stimmen und Töne durch dich gegangen, aus der zwanglos „herausgekommen“; sind die Unterschiede angelernte oder angelebte Unterschiede, die deinem neidisch-raffgierigen Verstand entschlüpft sind, der sich nur zu gerne mit fremden Federn schmückt, als seien es die eigenen, oder Unterschiede, die wohl in der Literatur gründen, aber mit dem eigenen Leben (Erleben) geprüft und für wahr befunden, derart verbunden und verwoben wurden, dass sie inzwischen kostbare Ketten des Könnens sind, die dich im Schreiben vor Falschheit und Effekthascherei bewahren?

(Es ist ja noch gar nicht so lange her, dass ich mir bewusst wurde, wie sehr besonders meine Gedichte „in Stimmen“ geschrieben sind; und wie sehr dieses „Schreiben in Stimmen“ schon seit dem Anfang meines Schreibens ein prägendes Element meiner Poetik war und ist.)

Die „Wiedergeburt“ und „Auferstehung“ Ramuz’ in meinen Schreib-Leben findet nun auf zwei Ebenen statt. Zuerst erwecken die bekannten Fotos von Ramuz meine Erinnerung an ihn, und darauf ist das Wieder-Lesen von „Derborence“ (das im kleinen Museum prominent vorgestellt wird) wie eine Heimkunft, ein Ankommen nach langer, mühsamer und vergeblicher Reise. Ich bin zu Tränen gerührt, als diese Sätze und Bilder wieder in mir aufklingen, Resonanz finden.

Die Erinnerung an „une main“ und vor allem „anti-poétique“ überschwemmt mich, viele Wort-Bilder steigen aus dem trüben Brunnen der literarischen Vergangenheit herauf. Selbst jetzt, mehr als einen Monat danach, kann ich mich dieser emotionalen Heimkehr kaum erwehren, fühle mich überfordert davon…

Und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich verstanden habe, warum mich seine Texte so gefesselt und geprägt haben – und es ja immer noch und wieder tun… Vielleicht werde ich es nie in Erfahrung bringen, wer weiss…

Und eines wird mir auch klar: Damals, als Jugendlicher, konnte ich gar nicht in der Lage sein, diese Einflüsse bereits in mein Schreiben einfliessen zu lassen. Ich verfügte über eine sehr geringe, begrenzte, enge Lebenserfahrung. Ich verstand zwar die Impulse, die mir Ramuz’ Poetik und Erzählweise verschafft hatte, sah ihre Wahrheit ein, aber ich war als Jugendlicher noch zu sehr davon abhängig, den Text als Pfauenrad gebrauchen zu wollen.

Erste Annäherung

Zuerst muss ich sagen, dass ich keine Lebenserfahrung habe in den Welten, wie sie Ramuz beschreibt und evoziert. Ich bin zwar in einer kleinen landschaftlichen Stadt in der Provinz aufgewachsen, habe vielleicht in meinen Eltern Spuren und in meinen Grosseltern Reste bäuerlich-bescheidener Lebenshaltung und Weltsichten und Einstellungen auf den eigenen Lebensweg „mitbekommen“ – aber für mich stand und auch heute steht der Ausbruch aus dieser dörflichen, provinziellen Enge im Zentrum. Paradoxerweise – und für mich damals ansprechenderweise – zeigt Ramuz in seinen eng ausgezirkelten Dorfwelten gerade auf, wie weit und universell in ihnen der Mensch gelesen werden kann.

Es kann also gut sein, dass mich Ramuz mit seinen Texten darüber hinweggetröstet hat, dass Enge nicht notwendigerweise Weite verhindert, sondern sie sogar ermöglicht.

(So träume ich seit einiger Zeit – noch vor meiner Wiederbegegnung mit Ramuz – , einen Dorfroman zu schreiben: Wie Ramuz die Figuren eines Dorfes miteinander in Verbindung zu bringen, eine Art kleines Biotop zum Leben zu erwecken und ihm beim Lesen zuzuschreiben. Nicht umsonst ist Stephen Kings „Under the Dome“ einer meiner Lieblingsromane!)

Zwei prägende Kunstmittel

Auf der anderen Seite hat mich seine Sprachkraft sehr geprägt. Ich will hier gar nicht auf das berühmte „on“ eingehen oder auf die grammatikalischen Eigenheiten (statt mieux le faire steht einmal le mieux faire in der Bedeutung von ersterem), die sich auch auf seinen Gebrauch der Zeitformen ausdehnen – dafür bin ich zu wenig Muttersprachler (und kein Literaturwissenschaftler).

Doch die langsame, allmähliche Verfertigung seiner Sätze, dieses Stocken, Wiederholen, Innehalten, Abschmecken, nochmals Aufnehmen (als kaue man Wörter und Sätze, um sie zu verkosten), das einem ständigen Abwägen gleichkommt, einem Abwägen im Text selbst, der damit seine eigene Schaffung thematisiert, in den Blick rückt, die Entstehung des Textes sozusagen vor den Augen der Leserin geschehen lässt, ein Miterleben des Schöpfungsprozesses durch das Wort, – diese innere Bewegung, die Ramuz in seinen Texten zu einer äusseren, weil sprachlichen macht, sie ist über die Jahre in der Prosa auch zu Meier geworden. Ich liebe es, in meinen Geschichten Figuren und Umgebung(en) schreibend und unmerklich im Akt des Schreibens selbst zu erkunden und erforschen, erspüren und entdecken, auf ihr langsames Sichtbarwerden hinzuarbeiten…

Und „langsames Sichtbarwerden“ ist für mich auch eines der Stilmerkmale von Ramuz: In allen seinen Texten, so scheint es mir, findet in jedem Moment eine Neuschöpfung der Welt im Text statt. So erinnere ich mich an jene Kurzgeschichte über einen Taupner… (Unerwartet und genau kommt dieses Wort aus meinem „tiefen“ Wortschatz herausgeschossen, ich finde es nicht in meinen Wörterbüchern, aber eine Grasfarbe: taupe, für rötlich schimmerndes Gras, und bin doch sicher, dass es dieses Wort gibt.) Ein Maulwurfjäger oder -fänger, vielleicht auch eine Art landwirschaftlicher Kammerjäger, kommt in ein Dorf (so viele Geschichten beginnen bei Ramuz, wenn ich mich erinnere, mit jemand, der in ein Dorf kommt, von ausserhalb, fremd und doch bekannt). Er kommt ganz allmählich „aus einem Hügel heraus“, steigt ein wenig wie die Sonne über einem Hügel auf, fast aus der Erde heraus wie Adam, so erinnere ich mich an diese Geschichte, tritt heraus in die Geschichte, bis auch die Füsse zu lesen sind, entsteht unter den Blicken des Lesers.

Genauso wie der Korbmacher in „Passage du Poète“, meinem Lieblingsroman von Ramuz, der in ein Dorf überm See kommt und sich mit den Spatzen unter den noch kahlen Frühlingsplatanen auf den kleinen Dorfplatz setzt und dort seine Arbeit tut, damit dem Dorf und seinen Einwohnerinnen den Frühling bringt.

In dieser Erzählhaltung, mittels dieser beiden Kunstgriffe (?) lässt Ramuz, ich kann es nicht genug sagen, die Leserin momentan teilhaben an der Genese seiner Sprache einerseits und an der Entstehung seiner Welt(en) anderseits…

Auswirkung auf das eigene Schreiben

In meinen Texten kommt ein weiteres Element dazu, das vielleicht sogar bei Ramuz angelegt ist: eine pessimistische, mythische und niedergeschlagene, halb begeisterte halb entgeisterte Lebenseinstellung. (Darum liebe ich Autoren wie Dazai so sehr!) Aus diesem Blickwinkel, so scheint es mir, aus der Sicht einer quasi gelähmten, unerwünschten, ungeschickt-glücklosen, ohnmächtigen, fast handlungsunfähigen Person (darum liebe ich König Saul so sehr!), einer in sich selbst verwirrten und mit sich selbst verstrickten Person („ich hatte meinem Gegenüber nichts anderes zu bieten als meine eigene Verwirrung“, zitierte ich Kerouac frei), aus dieser Perspektive heraus sind die beiden oben genannten Stilmittel fast unabdingbar notwendig.

Wenn ich jetzt auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, in denen ich sogar so weit gegangen bin, bei meinem letzten Umzug alle meine Ramuz-Bücher ins Brockenhaus zu bringen, in der Überzeugung, mein Meister habe mir nichts mehr zu sagen; ich hielt seine Romane für langweilig und unzeitgemäss!, und vor diesem Hintergrund muss ich nun zugeben: ich habe mich in Ramuz getäuscht, damit auch in mir selbst, ich habe die Sünde der Verleugnung begegnen, der Hahn hat zum dritten Mal gekräht, und ich lauf hinaus dem eigenen Haus, hin zu meinem Meister Ramuz, um im Chemin Ravel 2 in Pully wieder zu mir zu kommen und zu dir, mein geliebter Meister!

Der Hund

Eine Geschichte von Dazai Osamu

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Was Hunde betrifft, bin ich mir eines sicher: sicher, dass ich mich eines Tages beissen lassen werde. Das erwartet mich, davon bin ich überzeugt. Ich bin selbst darüber erstaunt, dass ich diesem Schicksal bis heute entkommen konnte. Wisse es genau, lieber Leser: Der Hund ist ein wildes Tier. Wenn ich erzählen höre, dass gewisse Hunde es vermocht haben, Pferde umzuwerfen, oder sich sogar siegreich mit Löwen gemessen haben, antworte ich mit Schulterzucken, das erstaune mich nicht. Es genügt, ihre scharfen Zähne zu betrachten: das ist nicht nichts! Schaut sie doch an: Sie spielen die Unschuldigen, geben sich bescheiden, wühlen hier und da in den Mülleimern; aber in Tat und Wahrheit handelt es sich dabei um wilde Tiere, die ein Pferd zu Fall bringen können. Ein Hund kann jederzeit von einer plötzlichen Wut ergriffen werden und seine wahre Natur zeigen; aber man wird nie wissen, wann dies passieren wird. Man muss den Hund daher sicher angekettet halten und keinen Moment – und sei es auch nur für eine Sekunde – in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.

Normalerweise schenkt ihm sein Herrchen – schlicht darum, weil er dieses fürchterliche Tier ernährt, indem er ihm jeden Tag das Almosen von ein wenig Nahrung macht – ein blindes und spontanes Vertrauen: Komm, Bello, komm! Er ruft seinen Hund mit einer unbekümmerten Freude, macht aus diesem Hund ein vollwertiges Familienmitglied und lacht aus vollem Hals, wenn der kleine Dreijährige ihn an den Ohren zieht – ein Anblick, der einen zitternd die Augen schliessen lassen möchte! Was würde passieren, wenn der Hund unerwartet und bellend das Kind bisse? Man kann nicht genug wachsam sein. Übrigens ist es nicht gesagt, dass ein Hund nicht seinen Meister beissen könne. (Die Idee, ein Hund könne niemals jemand angreifen, der ihn ernährt, ist nur gefährlicher und lächerlicher Aberglaube. Mit den scharfen Zähnen, die er besitzt, ist der Hund dafür gemacht, zuzubeissen. Es ist wissenschaftlich unmöglich zu behaupten, dass ein Hund nicht beissen würde.) Wie kann man nur solch ein Monster in den Strassen herumlaufen lassen?

Ich habe nebenbei einen Freund, der letztes Jahr im Herbst das Opfer einer dieser Bestien geworden ist. Der Arme! Er spazierte unschuldig daher, die Hände in den Taschen, als ihm ein Hund auffiel, der quer auf seinem Weg sass. Mein Freund ist an ihm vorbeigegangen, als wäre nichts. Das Tier hat ihm einen bösen Blick zugeworfen; er hat seinen Weg fortgesetzt und ist an ihm vorbeigegangen. Und genau in diesem Moment hat ihn der Hund plötzlich und bellend in das rechte Bein gebissen. Bedauernswerter Unfall! Und all das hat nur eine Sekunde gedauert…

Mein Freund war zuerst verblüfft und hat Zornestränen vergossen. Als er mir diese Geschichte erzählt hat, war ich nicht überrascht; ich habe nur bedeutungsvoll genickt. Wenn ein solches Ungeschick passiert, was kann man da tun? Nichts.

Mein Freund hat sich mit seinem verletzten Bein zum Spital geschleppt, wo man ihn verarztet hat. Er musste sich dort in der Folge während drei Wochen behandeln lassen: Ja! Einundzwanzig Tage! Sogar, als die Wunde vernarbt war, fürchtete man, er trage einen schrecklichen Virus in sich – jenen der Tollwut: Er musste daher täglich vorbeugende Spritzen ertragen. Es wäre zu viel verlangt gewesen für jemand so Zaghaften wie ihn, hätte er auch noch mit dem Meister des Hundes Verhandlungen führen müssen oder etwas ähnliches in dem Stil. Er hat sich damit begnügt, Seufzer der Resignation auszustossen und sein Unglück zu bedauern. Zudem war die Behandlung nicht kostenlos, fern davon, und mein Freund – ich bedaure ihn dafür, dies sagen zu müssen – hatte kein Geld, um es auf diese Weise zum Fenster hinauszuwerfen; mit grosser Mühe konnte er aus seinen Schubladen den nötigen Betrag zusammenkratzen. Wenn man von Katastrophen spricht, dann war das eine Katastrophe.

Und hätte er das Unglück gehabt, und sei es auch nur einmal, seine tägliche Spritze zu vergessen? Dann hätte er unter Hydrophobie, Fieber, Halluzinationen gelitten; er hätte den Ausdruck eines Hundes angenommen und begonnen, auf allen Vieren bellend herumzulaufen! Eine schreckliche Krankheit! Als er noch in Behandlung war, kann man sich den Zustand aus Angst und Furcht vorstellen, in dem er leben musste? Doch ausdauernd, wie er ist, hat er den Schlag ertragen; ohne Schwäche ist er während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! für seine Spritzen ins Spital gegangen. Und jetzt hat er energisch seine Tätigkeiten wieder aufgenommen. Aber wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich alles unternommen, um diesen Hund nicht mehr am Leben zu lassen. Ich bin drei- bis viermal so nachtragend wie der durchschnittliche Mensch, und wenn ich mich räche, fünf- bis sechsmal so gewalttätig; ich hätte nicht lange gewartet, um diesem Hund den Schädel in Stücke zu schlagen und ihm die Augen auszureissen – die ich wie toll gekaut hätte, um sie anschliessend auszuspucken! Und wenn das nicht genug gewesen wäre, hätte ich alle Hunde in der Nachbarschaft vergiftet.

Sie tun gar nichts, wirklich gar nichts, und plötzlich und bellend beisst man Ihnen ins Bein! Das ist eine Handlungsweise, die jeglicher Gewohnheit widerspricht: ein willkürlicher Gewaltakt. Oh, natürlich, man kann immer die Dummheit des Tiers vorschützen; dieses Verhalten bleibt dennoch unentschuldbar. Man bemitleidet die «armen Tiere» und lässt ihnen alles durchgehen: unverzeihliche Schwäche! Man muss sie bestrafen, sie ohne Mitleid bestrafen!

So hat im vergangenen Herbst meine Abscheu vor den Hunden, als ich davon hörte, was meinem Freund passiert war, einen Höhepunkt erreicht: sie wurde ein verzehrender Hass, wie eine blau glänzende Flamme.

Anfangs dieses Jahrs hatte ich in der Präfektur Yamanashi, unweit von Kôfu, eine «Einsiedelei» gemietet (drei Zimmer von der Grösse von respektive acht, drei und einer Tatami). Und in diesem Refugium habe ich mit Mühe die Arbeit an meinen unglücklichen Schriften wieder aufgenommen.

Wohin man geht, begegnet man in Kôfu Hunden. Enorm vielen Hunden. Sie sind da, in den Strassen: die einen liegen in voller Länge ausgestreckt herum, die andern laufen wie wild herum; einige, ohne mit dem Bellen aufzuhören, zeigen ihre Reisszähne, die in der Sonne glänzen. Noch die kleinste Freifläche dient ihnen als Schlupfwinkel: dort versammeln sie sich, üben sich im Kampf, und in der Nacht gehen sie in Gruppen durch die verwaisten Strassen, einer hinter dem andern – und man hört sie vorübergehen wie den Wind oder die Räuber. In Kôfu gibt es mindestens zwei Hunde pro Haushalt – wenigstens stelle ich mir das so vor, so zahlreich sind sie dort!

Die Yamanashi-Region ist bekannt für ihre Hunde – für die Kai Ken. Aber die Hunde, die man auf der Strasse sieht, sind keine reinen Exemplare dieser Rasse. Sie haben zumeist ein rötliches Fell: Promenadenmischungen, mehr nicht.

Von Anfang weg war ich nicht sehr positiv eingestellt gegenüber den Hunden; und seit dem Unfall meines Freundes war meine Abneigung für sie nur noch angewachsen. Ich war daher auf der Hut; aber es war nicht angenehm mit diesen Hunden, die von überallher kamen und in den Strassenecken wimmelten – ausser, sie dösten, waren unerschütterlich zusammengerollt. Was für eine mühselige Prüfung! Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich gerne mit Beinschutz, Handschuhen und Helm aus dem Haus gegangen. Doch so eine Aufmachung hätte erstaunt, und die öffentliche Moral wäre davon gestört worden. Daher musste ich eine andere Methode vorziehen. Ich habe mich sehr ernsthaft mit der möglichen Strategie befasst. Ich habe mich zuerst mit der Hundepsychologie beschäftigt. Von der menschlichen Psychologie habe ich einige Ahnung – so habe ich gelegentlich mit einigem Scharfsinn gewisse menschliche Verhaltensweise vorherzusehen vermocht -; aber die hündische Psychologie, das ist was ganz anderes! In welchem Mass kann die menschliche Sprache bei der Kommunikation zwischen Mensch und Hund helfen? Das ist die erste Frage. Doch nehmen wir an, die Wörter helfen dabei nicht: dann ist das einzige Kommunikationsmittel jenes, die Bewegungen und Haltungen zu lesen. Einige Dinge sind sehr wichtig – die Schwanzbewegungen zum Beispiel. Doch sobald man sich eingehender mit diesen Bewegungen beschäftigt, stellt man fest, dass sie kompliziert sind und ihre Deutung gar nicht einfach. Ich war daher kurz vor der Aufgabe. Als letzter Ausweg habe ich Zuflucht in einer ziemlich ungeschickten und wirklich dummen Methode gesucht, in etwas wirklich Erbärmlichen, einer Notlösung. Ich habe mich entschlossen, dass ich jedes Mal, wenn ich einem Hund begegnete, ein grosses Lächeln aufsetzen würde, um ihm deutlich zu zeigen, ich wolle ihm nicht übel. Und nachts, da man mein Lächeln nicht sehen würde, summte ich unschuldig Wiegenlieder, um damit anzuzeigen, dass ich ein wirklich wohlwollender Mensch sei. Ich habe den Eindruck, dass diese Strategie mehr oder weniger erfolgreich war. Aber ich darf mich nicht in Sicherheit wiegen. Wenn man an einem Hund vorübergeht, welchen Schrecken man auch immer empfinden mag, muss man vor allem darauf achten, nicht zu rennen. So gehe ich langsam, sehr langsam mit einem honigsüssen Heuchlerlächeln durch die Strassen, schaue mit einer scheinbaren Unbekümmertheit nach rechts und links – und in mir drin ersticke ich fast, erzittere; als kletterten zehn Raupen meine Wirbelsäule hinauf und hinunter! Meine eigene Feigheit ekelt mich an. Ich schäme mich derart vor mir, dass die Tränen mir in die Augen schiessen. Aber ich sage mir, ich habe keine Wahl: entweder das oder eine Bisswunde. So grüsse ich jedes Mal, wenn ich Hunde sehe, freundlich – so erbärmlich dieses Verfahren auch sei.

Wenn ich zu lange Haare trage, riskiere ich, ihnen verdächtig zu erscheinen und sie zum Bellen zu bringen. So habe ich beschlossen, dass ich regelmässig zum Friseur gehe, obwohl ich das hasse. Und aus Angst vor den Hunden, die mich mit einem Gehstock daherkommen sehen und dieses Objekt als eine bedrohende Waffe wahrnehmen und zu feindlichen Reaktionen übergehen könnten, habe ich mich dazu entschlossen, ohne Gehstock auf die Strasse zu gehen.

Unfähig, die hündische Psychologie zu verstehen, und bemüht darum, mir die gute Gesinnung aller Hunde, deren Weg ich kreuze, zu erwerben – und ohne an die Folgen meiner Handlungen zu denken –, erreichte ich etwas, was mich überrascht hat: sie haben mich ins Herz geschlossen! Man hat sie gesehen, wie sie mir in einer langen Reihe schwanzwedelnd folgen – was mich vor gerechtem Zorn beben liess. Das Schicksal liebt die Ironie! Dass mich die Hunde liebten, die ich nie besonders geschätzt hatte – und die ich seit kurzem sogar verabscheute! Lieber hätte ich mir die Liebe der Kamele zugezogen!

Man sagt gelegentlich, es sei nie unangenehm, geliebt zu werden – sogar von einer unschönen Frau: was für eine oberflächliche Idee! Aus persönlichem Stolz oder Instinkt ist es durchaus möglich, dass es unerträglich ist, geliebt zu werden – was zu unmöglichen Situationen führt.

Ich hasse die Hunde. Ich wusste von Anfang an, dass ich nie genug misstrauisch gegenüber ihrer durch und durch wilden Natur sein könnte. Gebt einem Hund ein- oder zweimal das Almosen von Essensresten: er wird mit seinen Freunden zurückkommen und seine Gefährtin und Familie dafür verlassen. Man wird ihn sich unterm Vordach hinlegen sehen, wie ein treuer Diener. Er wird seine Kameraden von gestern anbellen, seine Brüder, Vater und Mutter vergessen, und sich nur auf eine Sache konzentrieren: auf dem Gesicht seines Herrn auch nur das geringste Zeichen von Wohlwollen zu erspähen. Was für ein schamloser Heuchler! Man schlage ihn: er wird sich beschämt und enttäuscht zeigen – und der Spott der ganzen Familie sein. Darum bezeichnet man feige und hinterlistige Menschen als Hunde.

Ohne zu zögern, obwohl er widerstandsfähige Pfoten hat, mit denen er 10 Meilen in einem Tag ohne Müdigkeit zurücklegen kann, obwohl er scharfe Reisszähne von einer blendenden Weisse hat, die ihm ermöglichten, siegreich einem Löwen zu widerstehen, lässt der Hund natürliche Feigheit, Faulheit und Verdorbenheit die Oberhand gewinnen; entgegen jeglicher Selbstliebe unterwirft er sich den Menschen, ohne Widerstand zu leisten, betrachtet seine Artgenossen mit einem feindlichen Auge und, findet er sich ihnen gegenüber, bellt sie an und beisst sie, vervielfacht seine Bemühungen, um sich das Wohlwollen der Menschen zu erwerben. Schaut doch die Spatzen: das sind zerbrechliche und wehrlose Lebewesen, die es trotzdem verstanden haben, frei zu leben und eine von den Menschen vollkommen unabhängige Gesellschaft zu bilden. Diese Vögel sind sich in einer wirklichen Solidarität verbunden; auf ihrer Stufe, so niedrig sie auch sein mag, kennen sie eine gewisse Form des Glücks und verbringen ihre Tage mit Singen.

Je mehr man darüber nachdenkt, desto abstossender findet man die Hunde. Ich hasse die Hunde. In einer gewissen Weise habe ich sogar das Gefühl, dass sie mir gleichen – und mein Hass auf sie wird dadurch nur noch grösser. Ich kann sie nicht leiden. Wenn sie voller Zuneigung für meine Person schwanzwedelnd auf mich zukommen, um mir ihre Sympathie zu bekunden, gibt es kein Wort, das den Zustand meiner Seele beschreiben könnte: Verwirrung? Kränkung?

Ich habe ihnen unüberlegt mein Lächeln geschenkt, weil ich von ihrer Wildheit abgeschreckt worden bin. Und die Hunde haben schliesslich gedacht, sie hätten in mir einen Freund gewonnen und könnten mit mir tun und lassen, was sie wollten: Was für ein trauriges Ergebnis! Man soll in jeglicher Sache Mass walten lassen. Aber ich, ich habe immer noch nicht gelernt, Mass zu walten.

Es war am Anfang des Frühlings. Ich hatte vor dem Abendessen einen kleinen Spaziergang auf dem Übungsgelände des 49. Regiments unternommen, das nicht weit von meinem Haus entfernt ist. Zwei oder drei Hunde folgten mir. Ich starb vor Angst: Ich war überzeugt, dass sie mich jeden Moment in die Waden beissen würden. Doch war ich jedes Mal, wenn ich mein Haus verliess, für diese Möglichkeit gewappnet. Ich spielte die Ruhe und Gleichgültigkeit und unterdrückte meine Lust loszurennen; ich achtete darauf, mich nicht umzudrehen und schritt mit scheinbarer Teilnahmslosigkeit auf meinem Weg dahin. Innerlich aber war ich am Ende. Hätte ich eine Pistole gehabt, ich hätte sie kaltblütig erschossen. Doch sie folgten mir weiterhin, ohne meine Absichten zu erraten – ohne dass ihnen die dämonischen Gefühle unter der vorgetäuschten Heiterkeit eines Buddhas schwanten. Ich machte einmal den Gang um das Übungsgelände, dann kehrte ich zurück – immer noch die Hunde im Schlepptau.

Gewöhnlich verstreuten sich die Hunde vor meiner Heimkehr irgendwann von selbst. Aber an jenem Tag gab es einen, der mich nicht verliess: er glaubte wohl, ihm sei alles erlaubt! Ein ganz schwarzer Hund, so klein, dass man ihn fast übersehen konnte: er war wirklich winzig. Sein Rumpf konnte kaum fünfzehn Zentimeter lang sein. Doch war das kein Grund, meine Wachsamkeit aufzugeben. Ohne Zweifel hatte auch dieser Hund bereits Zähne. Würde er mich beissen, müsste ich während drei mal sieben: einundzwanzig Tagen! ins Spital. Denn diesen jungen Hunden fehlt jeglicher gesunde Menschenverstand. Ihre Laune ist seltsam: man muss noch wachsamer sein.

Er begleitete mich also, folgte mir oder ging mir voran, hob seinen Kopf zu mir hoch, lief auf seinen noch unsicheren Pfoten; und schliesslich gelangten wir zu meinem Haus.

«Schau mal,» rief ich meiner Frau zu, «da folgt mir ein merkwürdiges Ding!»

«Oh, wie ist er süss!»

«Süss! Blödsinn! Jag ihn davon! Aber vorsichtig, nicht zu brutal: sonst beisst er dich noch. Gib ihm einen Keks, eine Süssigkeit…»

Das heisst, aus einer Position der Schwäche heraus handeln – wie immer! Dieser kleine Hund hatte sehr wohl begriffen, dass ich mich fürchtete, und er nutzte das aus, um bei mir einzuziehen. März, April, Mai, Juni, Juli, August… Die Herbstwinde begannen zu blasen, und er ist immer noch da. Er hat mich unzählige Male gefoltert. Ich weiss wirklich nicht, was mit diesem Hund anstellen. Ich habe seine Gegenwart akzeptiert, ich habe ihm einen Namen gegeben: Pochi (auf Schweizerdeutsch etwa: Hüfeli, Bizzeli); doch obwohl wir seit sechs Monaten im gleichen Haushalt wohnen, kann ich ihn immer noch nicht als ein Mitglied der Familie annehmen. Für mich ist er immer noch ein Fremder. Wir vertragen uns nicht: unsere Gemüter sind verschieden! Wenn wir gegenseitig in unseren Herzen zu lesen versuchen, schlägt das Funken und führt zu Streit. Und was auch immer wir tun, wir können uns weder wohlgesonnen noch ohne Hintergedanken anblicken.

Bei seiner Ankunft war er nur ein Welpe: er betrachtete die Ameisen auf dem Boden mit grossem Interesse oder stiess Schreckensschreie aus, wenn er eine Kröte sah – was mich ganz gegen meinen Willen sehr erheiterte. Ich sagte mir, selbst wenn ich dieses Tier nicht liebte, sei seine Ankunft bei uns vielleicht vom Himmel gewünscht. Ich machte mich also daran, ihm unter der Veranda eine Bettstatt einzurichten, ihm die Nahrung wie einem Baby vorzukochen und ihm Puder gegen Flöhe einzureiben. Doch nach einem Monat hatte ich meine Illusionen verloren. Allmählich kam seine wahre Natur, die einer Promenadenmischung, zum Vorschein. Er war ein vulgäres, niederträchtiges Wesen: ein ausgesetzter Hund, da war ich mir sicher.

Als er sich mir an die Füsse geheftet hatte an jenem ersten Tag, war er noch ganz mager – fast unsichtbar –, und sein Fell war in einem solchen Zustand, dass sein Hinterteil fast nackt war. Weil ich so bin, habe ich diesem Ding Süssigkeiten zugesteckt und ihm Reisbrei zubereitet, ohne je wütend zu werden: kurz, ich war ganz Freundlichkeit und Vorsicht gewesen. Ein anderer als ich hätte sich dieses Hunds sicherlich mit einem einzigen Fusstritt entledigt. Gewiss, ich hatte mich freundlich gezeigt nicht aus Hundeliebe, sondern wegen dieses Gefühls von Abneigung und Furcht, das sie mir einflössten – nicht mehr und nicht weniger. Aber trotzdem… dank mir bekam Pochi ein schönes Fell, und er konnte aufwachsen wie alle Hunde seiner Gattung. Ich erhoffte mir keinerlei Anerkennung; aber meine Frau und ich dachten doch, er hätte uns ein wenig mehr Freude bereiten können. Aber das hiess zu viel von einem ausgesetzten Hund erwarten. Er schlang seine Nahrung hinunter und zerriss anschliessend, als wolle er trainieren, unerbittlich ein unglückliches Sandalenpaar oder – Liebesdienst, den man von ihm nicht gefordert hatte – riss die im Garten trocknende Wäsche herunter, um sie im Dreck herumzuzerren.

«Hör auf mit diesen Dummheiten! Du nervst! Wer hat dich geheissen, so was zu machen?» schalt ich ihn. Ich redete ihm mit der ganzen Freundlichkeit zu, zu der ich fähig war, doch mit einigen spitzen Bemerkungen; ich wollte ihn verstehen machen, dass ich nicht zufrieden war. Er warf mir einen Blick zu und strich um meine Beine, ohne meine Ironie zu verstehen. Ein Schmeichler, das war er!

Die Frechheit dieses Hundes ekelte mich innerlich an und flösste mir Verachtung ein. Je länger die Situation andauerte, um so klarer wurde dieser Charakterzug: er war für nichts zu gebrauchen.

Da war auch seine Hässlichkeit. Als er klein war, stimmten seine Proportionen besser: man hätte sogar glauben können, er sei teilweise ein Rassenhund – was für ein Trugschluss! Jetzt hatte sich sein Rumpf in die Länge gezogen, aber seine Pfoten waren immer noch kurz. Man musste unwillkürlich an eine Schildkröte denken. Was für ein unangenehmer Anblick.

Und doch folgte er mir jedes Mal, wenn ich das Haus verliess, als sei er mein Schatten. «Was für ein komischer Hund!» riefen sogar die Kinder, lachten und zeigten mit den Fingern auf ihn. Da ich ein wenig eitel bin, posierte ich während meines Spaziergangs; aber das war verlorene Liebesmühe! Ich konnte schneller gehen und so tun, als gehörte der Hund nicht zu mir: er verliess mich nicht. Er blickte zu mir auf, lief einmal vor und einmal hinter mir, klebte richtiggehend an meiner Person – sodass niemand uns für Fremde gehalten hätte: ganz klar das Herrchen und sein treuer Gefährte! Ich war dank ihm jedes Mal, wenn ich ausging, trübselig und melancholisch: was für eine gute geistige Übung! Doch solange er mir nur folgte, war das nicht schlimm…

Aber nach und nach zeigte er seine versteckte Wildheit. Er begann, den Streit zu lieben. Wenn er mich auf meinen Spaziergängen begleitete, zögerte er nicht, jedes Mal, wenn uns ein anderer Hund begegnete, diesen auf seine Art und Weise zu begrüssen – indem er ihn angriff. Er verfügte für seine Grösse und sein Alter über eine beachtliche Kraft. Eines Tages, als er sich auf eine Freifläche gestürzt hatte, wo Hunde Zuflucht suchten, griff er fünf gleichzeitig an. Man hätte nicht auf seine Haut gewettet, aber er wich den Schlägen geschickt aus und konnte die Flucht ergreifen.

Er war sich seiner sehr sicher und warf sich auf jeden beliebigen Hund. Es konnte geschehen, dass er sich in einer unsicheren Position fühlte, dann zog er sich bellend zurück. Auf das Bellen folgte erbärmliches Winseln, und sein normalerweise schwarzes Gesicht wurde ganz bläulich. Ich erbleichte, als er eines Tages einen Deutschen Schäferhund ansprang, der so gross war wie ein Kalb. Natürlich war Pochi gegenüber so einem Gegner im Nachteil. Der Schäferhund begnügte sich damit, ihn mit seine Vorderläufen wie ein Spielzeug zu behandeln, ohne die ernsthafte Absicht, sich provozieren zu lassen, und das war Pochis Rettung. Doch wenn ein Hund so eine fürchterliche Erfahrung macht, verliert er anscheinend seinen Mut. Seit diesem Tag scheute Pochi offensichtlich jegliche weitere Konfrontation.

Ich liebe die Schlägereien nicht. Um es deutlich zu sagen, bin ich der Meinung, dass es für entwickelte Länder eine Schande ist, Hundekämpfe in der Strasse zu dulden; und wenn ich die ohrenbetäubenden Schreie von kämpfenden Hunden auf der Strasse höre, empfinde ich ihnen gegenüber einen solchen Zorn und eine solche Abscheu, dass ich mir sage: selbst der Tod wäre für sie eine zu milde Strafe.

Ich liebe Pochi nicht. Alles, was ich für ihn fühle, ist Angst und Hass – aber Zuneigung? Niemals! Ich möchte ihn sterben sehen. Er begleitet mich in stillem Einverständnis, wenn ich ausgehe, und verfehlt es nie – zweifellos davon überzeugt, dass dies der Dienst ist, den er jenen schuldet, die ihn füttern –, wenn er einen anderen Hund trifft, ihm ein schreckliches Gebell entgegenzuschleudern. Aber sieht er denn nicht, wie sein Herrchen vor Angst zittert? Es ergreift mich die Lust, ein Taxi heranzurufen, mich hineinzuwerfen, die Türe zuzuschlagen und mich aus dem Staub zu machen. Es mag ja noch angehen, dass die Hunde sich mit dem Streiten zufriedengeben. Aber stellen wir uns vor, dass der andere Hund den Kopf verliert und sich auf das Herrchen stürzt, das heisst, auf mich… Sagen Sie mir nicht, das kommt nicht vor. Die Hunde sind blutrünstige Tiere. Man weiss nie, was sie tun werden. Wäre ich das Opfer einer ihrer schrecklichen Bisswunden, müsste ich mich dreimal sieben: einundzwanzig Tage in Folge! im Spital kurieren lassen.

Die Hundekämpfe sind etwas Teuflisches! Ich verpasse keine Gelegenheit, um Pochi zu belehren: «Du darfst dich nicht schlagen. Oder wenn du unbedingt musst, tu das fern von mir. Übrigens will ich es dir sagen: ich liebe dich nicht.»

Es hatte den Anschein, als verstünde er ein wenig davon, was ich ihm sagte. Wenn ich so mit ihm sprach, gab er sich niedergeschlagen – was mich in meiner Überzeugung bestärkte: die Hunde sind wirklich geheimnisvolle Kreaturen.

War dies das Resultat meiner wiederholten Ermahnungen? Oder jenes der demütigenden Niederlage, die er durch den Deutschen Schäferhund erlitten hatte? Er war jetzt derart kleinmütig, dass sein Verhalten an Feigheit grenzte. Wenn er an meiner Seite ging und andere Hunde ihn anbellten, gab er vor, diese bestialischen Äusserungen zu verachten, und stellte sich hochmütig – darin glaubte er sicher, mir zu gefallen; eine Art von Beben durchlief seinen Körper, und er blickte mit einem herablassenden Auge auf diese traurigen Hunde wie auf ebenso viele verzweifelte Fälle; dann untersuchte er mein Gesicht mit der feigen Beschaulichkeit eines Höflings. Was für ein für mich unerträglicher und abscheulicher Anblick!

«Es gibt wirklich nichts, was mir an diesem hier gefällt!» sagte ich eines Tages zu meiner Frau. «Er hört nicht damit auf, die Gesichter der Leute genau zu betrachten!»

«Das ist dein Fehler! Du kümmerst dich zu stark um ihn.»

Meine Frau hatte ihm von Anfang an nur Gleichgültigkeit gezeigt. Wenn er die Wäsche in den Dreck riss, hatte sie sich beklagt; aber danach rief sie ihn zu sich, wie wenn nichts gewesen wäre: «Pochi! Pochi!» und gab ihm zu essen.

«Vielleicht ist seine Persönlichkeit gerade dabei, sich aufzulösen», fügte sie lachend hinzu.

«Willst du damit sagen, er ist wie sein Meister?» erwiderte ich ganz und gar angewidert.

Es war Juli geworden. Es gab ein unerwartetes Ereignis. Wir hatten in Mitaka, in der Agglomeration von Tokyo, ein kleines Häuschen finden können, das sich noch im Bau befand. Wir hatten mit dem Bauherr einen Vertrag abschliessen können, der uns ermöglichte, das Haus für vierundzwanzig Yen pro Monat zu mieten, sobald die Bauarbeiten abgeschlossen wären. Wir begannen nach und nach mit den Vorbereitungen für den Umzug. Sobald das Haus fertig gebaut wäre, würde uns der Bauherr per Eilbrief davon informieren. Wir müssten dafür natürlich Pochi zurücklassen.

«Wir könnten ihn schon mitnehmen», sagte meine Frau, für die Pochi kein Problem darstellte. (Ihn zurücklassen, ihn mitnehmen, das kam für sie aufs Gleiche heraus.)

«Nein, auf keinen Fall. Ich habe ihn nicht aufgenommen, weil ich ihn «süss» gefunden habe; ich wollte nur nicht, dass er sich an mir räche: und da mir nichts anderes einfiel, habe ich ihn sich hier einrichten lassen, das ist alles. Das ist doch nicht schwierig zu verstehen!»

«Aber sobald du ihn nicht siehst, fragst du dich mit lautem Geschrei: Pochi? Wo ist nur Pochi

«Er macht mir halt nur noch mehr Angst, wenn er nicht da ist: ich stelle mir ihn dann vor, wie er sich mit seinen Artgenossen gegen mich verschwört. Er weiss, dass ich ihn verachte. Und ein Hund ist rachsüchtig.»

Es handelte sich hier wirklich, so dachte ich, um die ideale Gelegenheit. Wir würden uns so stellen, als hätten wir ihn vergessen. Wir würden ihn aussetzen, in einen Zug nach Tokyo springen, und damit hätte es sich. Er würde doch nicht den Sasago-Pass überqueren können, um uns bis nach Tokyo zu folgen! Wir hätten ihn nicht ausgesetzt, aber einfach vergessen. Wir würden uns keiner Übeltat schuldig fühlen, und es schien unvorstellbar, dass Pochi uns böse wäre und sich daher an uns rächen würde:

«Das ginge doch, oder? Selbst wenn er hierbliebe, liefe er nicht Gefahr, vor Hunger umzukommen oder irgendwas in dieser Richtung…» (Es ist schon vorgekommen, dass eine Seele aus dem Jenseits die Lebenden mit ihrem Fluch verfolgt!)

«Und schliesslich war er nur ein ausgesetzter Hund», pflichtete mir meine Frau ein wenig unsicher bei.

«Genau so ist es. Er wird schon nicht hungers sterben. Er wird sich auf die eine oder andere Weise zu helfen wissen. Würde ich diesen Hund mit nach Tokyo nehmen, ich würde mich vor meinen Freunden schämen: er ist so grotesk, mit seinem Rumpf, der nicht aufhört!»

Es war beschlossen: wir würden Pochi aussetzen.

In diesem Augenblick geschah wieder etwas Unerwartetes: Pochi litt an einem Hautausschlag. Etwas sehr Ernstes. Eine Krankheit, die zu beschreiben man zögert, so abscheulich ist ihr Anblick. Und unter der Hitze gab er einen komischen Geruch von sich. Dieses Mal konnte meine Frau nicht mehr:

«Das stört die Nachbarn! Man muss ihn töten!»

In solchen Fällen ist eine Frau weitaus gefühlloser, radikaler als ein Mann.

«Ihn töten?» (Ich war schockiert.) «Kannst du dich nicht ein wenig gedulden?»

Wir erwarteten fieberhaft Neuigkeiten von dem Haus in Mitaka. Ende Juli werde alles bereit sein, hatte man uns gesagt. Das Ende des Julis kam näher. Wir müssten dann von einem Moment auf den andern abreisen. Wir hatten also unsere Sachen bereits gepackt. Wir waren zum Warten verdammt, aber keine Nachricht kam.

Ich hatte mich entschieden, dem Bauherrn zu schreiben – und die Krankheit von Pochi hatte im selben Augenblick begonnen. Je mehr man den Hund betrachtete, desto erbärmlicher fand man ihn. Pochi selbst schämte sich seiner Hässlichkeit: er entwickelte eine wahre Vorliebe für dunkle Orte. Gelegentlich sah ich ihn auf den Platten der Eingangssteine liegen, in der brennenden Sonne, vollkommen erschöpft.

«Oh, was für ein Schrecken!» warf ich ihm dann zu, um ihn extra zu beleidigen.

Sogleich erhob er sich und versteckte sich, den Kopf gesenkt und niedergeschlagen, unter der Veranda.

Dennoch kam er, ging ich aus, auf leisen Sohlen mit mir mit; er wollte mir folgen. Ich hätte es nicht ausgehalten, von einem solchen Monster begleitet zu werden. Ich blickte ihn an, ohne ein Wort zu sagen. Mit einem Lächeln auf den Backenzähnen bannte ich ihn an Ort und Stelle.

Dieses Vorgehen war sehr effizient. Pochi schien sofort sich seiner Hässlichkeit bewusst zu werden und versteckte sich, gesenkten Kopfes und verlegen.

Meine Frau konnte nicht anders, als die Frage immer wieder aufs Tapet zu bringen.

«Nein,» sagte sie, «ich kann einfach nicht mehr! Ich bekomme ja selbst schon Juckreiz! Ich tue alles mögliche, um diesen Hund nicht anzuschauen; aber es braucht nur einen Augenzwinkern, und schon passiert es: überall juckt es mich! Ich träume sogar davon!»

«Nun, nun, noch ein wenig Geduld!» antwortete ich ihr.

Ich glaubte, das wäre das einzige, was wir tun könnten. Krank oder nicht, Pochi war ein wildes Tier: beim geringsten Anlass würde er uns noch beissen!  

«Die Antwort von Mitaka kommt vielleicht schon morgen!» fügte ich hinzu. «Und sobald wir verreisen können, wird all das Schnee von gestern sein!»

Schliesslich kam der so heftig erwartete Brief an, aber sie enttäuschte uns. Wegen des anhaltenden Regens waren die Mauern noch nicht trocken, und es fehlte an Arbeitskräften; es würde etwa noch zehn, zwölf Tage dauern, bis alles fertig war.

Ich hatte wirklich genug davon. Ich wollte so schnell wie möglich abreisen, wenigstens um diesem Hund zu entgehen.

Vor lauter Ungeduld hatte ich aufgehört zu arbeiten: ich verbrachte meine Tage damit, in Zeitschriften zu blättern und zu trinken. Von Tag zu Tag wurde die Krankheit von Pochi schlimmer. Selbst ich hatte schon Juckreiz bekommen. Mitten in der Nacht hörte ich von draussen, wie der Hund sich kratzte und wand, was mich, ich weiss nicht wie viele Male, erzittern liess. Es war unerträglich. Von Zeit zu Zeit verspürte ich eine ungeheure Lust, ihn abzuschlachten.

Ein zweiter Brief kam. Man bat uns, wir möchten nochmals zwanzig Tage Geduld haben. In diesem Augenblick richtete sich meine ganze Wut, meine ganze Frustration auf Pochi, der gerade in der Nähe war. Er war der Grund, weshalb alles so schlecht lief. Er war an all unserem Ärger schuld! Merkwürdigerweise begann ich ihn zu verfluchen. Und eines Abends fand ich Flöhe in meinem Nachthemd. Mein Zorn, den ich bis hierher hatte bezähmen können, explodierte, und ich traf eine Entscheidung.

Ich würde Pochi töten. Er war ein Unglückstier. In normalen Zeiten hätte ich nie eine solch radikale Entscheidung treffen können. Aber unter der erdrückenden Hitze dieser Region war ich selbst nicht mehr ganz mich selbst. Jeden Tag erwartete ich untätig und bedrückt den rettenden Brief. Ich langweilte mich zu Tode. Ich war schlechter Laune, gereizt, und zu allem andern schlief ich auch schlecht. Kurz, ich war wie verrückt.

Am Abend, an dem ich Flöhe in meinem Nachthemd gefunden hatte, schickte ich meine Frau, schnell ein grosses Stück Rindfleisch einkaufen; und ich begab mich zur Apotheke, um Gift zu besorgen.

Nun war alles bereit. Meine Frau war schrecklich nervös. An diesem Abend besprach das kriminelle Paar, das wir bildeten, mit leisen Stimmen, was es tun würde.

Am nächsten Morgen erhob ich mich um vier Uhr. Ich hatte mir den Wecker gestellt, aber noch bevor er klingelte, war ich aufgestanden. Das Morgengrauen begann den Himmel zu weissen. Es war fast frisch. Ich wickelte das Fleisch in Bambusborke und ging hinaus.

«Es lohnt sich nicht, bis zum Schluss zu bleiben. Du gibst ihm das Gift und kommst sofort zurück.» (Sie war jetzt ganz ruhig.)

«Klar», erwiderte ich. «Pochi! Komm!»

Er kam schwanzwedelnd unter der Veranda hervorgeschossen.

«Komm! Komm!»

In aller Eile verliess ich das Haus. Da mein Blick keinerlei Strenge zeigte, vergass Pochi seine Hässlichkeit und folgte mir voller Unternehmungslust.

Ein starker Nebel lag über allem. Die Stadt schlief, alles war still. Ich schlug ohne zu zögern den Weg zum Übungsgelände ein. Auf dem Weg dorthin begegneten wir einem rotfelligen Hund, der riesig und angsteinflössend war; er warf Pochi ein wildes Gebell entgegen. Pochi aber, mit diesem überheblichen Ausdruck, den er immer in solchen Fällen annahm, strafte ihn mit Verachtung («Was hat denn der da, so einen Lärm zu machen?») und beeilte sich, an ihm vorüberzugehen.

Aber dieser Hund war ein Feigling. Verräterisch stürzte er sich von hinten auf Pochi, so schnell wie der Wind, und zielte auf seine lächerlichen Hoden. Pochi drehte sich instinktiv um, aber er zögerte einen Moment und blickte mich fragend an.

«Mach nur!» befahl ich ihm mit lauter Stimme. «Das ist eine Memme! Schlag nur zu, so viel du willst!»

Pochi sammelte ermutigt von meiner Erlaubnis alle seine Energie und sprang seinem Gegner so schnell wie eine Pistolenkugel an die Gurgel. Es entwickelte sich ein furchtbarer Kampf. In diesem Nahkampf bildeten die beiden Hunde nur noch ein einziges Fellknäuel. Obwohl er es mit einem zwei- bis dreimal grösseren Gegner zu tun hatte, war es Pochi, der die Oberhand gewann. Der rote Hund ergriff schliesslich mit erbärmlichem Gewinsel die Flucht. Blödes Tier! Wer weiss, vielleicht hatte Pochi ihm auch noch seine Hautkrankheit übertragen!

Als der Kampf vorüber war, empfand ich Erleichterung. Ich hatte der Vorstellung mit feuchten Händen zugeschaut, wie man so sagt. Ich hatte sogar für Momente geglaubt, ich würde in die Schlägerei hineingezogen und mit Pochi zusammen sterben. «Mein Gott,» dachte ich, «wäre ich nur so gestorben!» Mit was für einer Beharrlichkeit hatte ich Pochi dazu ermuntert, sich mit all seinen Kräften zu schlagen!

Pochi vergnügte sich einen Moment noch damit, seinen Gegner zu verfolgen. Dann hielt er an. Aus dem Augenwinkel beäugte er mich. Er kam, ganz plötzlich verlegen, zu mir zurück, niedergeschlagen und gesenkten Kopfes.

«Bravo!» sagte ich zu ihm, «das hast du gut gemacht, geschieht ihm recht!»

Ich gratulierte ihm, und wir setzten unseren Spaziergang fort. Wir überquerten eine Brücke mit wackelnden Brettern. Und fanden uns bald auf dem Übungsgelände wieder.

Dort hatte man Pochi damals ausgesetzt. Wir kehrten dahin zurück, wo ich ihn gefunden hatte. Es war wohl besser, wenn er dort starb, wo er zuhause war.

«Hier, Pochi! Friss!»

Ich wollte das nicht sehen. Ich wiederholte, unbeweglich und den Blick in die Ferne gerichtet: «Friss, Pochi

Und ich vernahm das Geräusch seiner Kiefer ganz nah zu meinen Füssen. In einer Minute wäre er tot.

Mit gebeugtem Rücken kehrte ich zurück. Der Nebel war dick. Selbst die nächsten Berge waren nur vage schwarze Silhouetten. Man konnte weder die Kette der Südalpen noch den Fuji sehen.

Der Tau netzte meine Sandalen. Je weiter ich ging, immer noch sehr langsam, umso mehr schrumpfte ich zusammen. Ich überquerte die Brücke und kam vor das Gymnasium. Ich drehte mich endlich um: da war Pochi. Ja, er war es wirklich! Mit einem beschämten Ausdruck und mit gesenktem Kopf vermied er meinen Blick.

Ich bin ein Erwachsener. Jede billige Sentimentalität ist mir fremd. Ich begriff mit einem Schlag, was passiert war. Das Gift hatte keine Wirkung gehabt.

Ich musste meine Haltung überdenken. Ich schrie meiner Frau zu:

«Ein Misserfolg! Das Gift hat nichts gebracht!»

Und ich fügte hinzu:

«Lassen wir den Hund in Ruhe, er hat niemand etwas getan. Seit jeher sagt man, die Künstler seien die Verbündeten der Schwachen.»

Dieser Gedanke hatte mich auf dem Rückweg beschäftigt. Ich fuhr fort:

«Der Künstler ist der Freund der Schwachen. Dieser Freundschaft, das ist das A und das O seines Lebens. Eine so grundsätzliche und einfache Wahrheit! Dass ich sie nur vergessen konnte… Übrigens habe nicht nur ich sie vergessen, alle haben sie vergessen! Ich möchte Pochi ganz gern mit uns nach Tokyo nehmen. Und wenn unsere Freund sich über ihn lustig machen, bekommen sie es mit mir zu tun! Hast du ein Ei?»

«Ja, ja,» antwortete meine Frau. Sie schien sich nicht zu freuen.

«Gib Pochi eines. Oder sogar zwei, wenn du zwei davon hast. Nun, nun, Geduld! Er wird bald gesund!»

«Ja, ja», erwiderte sie mit unverändertem Gesichtsausdruck.


Übersetzt aus dem Französischen.

Die französische Übersetzung stammt von Dider Chiche, „Cent vues du mont Fuji“, Picquier poche 2003.

Rothermunds Sagen

Es war kein tiefer Wald, ganz gewiss nicht. Zwei, drei Eichen, einige kleinwüchsige, breit wachsende Olivenbäume, unsichere Birken und ausgreifende Haselbäume, und am Ende, zur Stadt hin, vier übermächtige Götterbäume, die fast in einem Quadrat standen. Dennoch war das Nachtigallenwäldchen im rasselnden Regen ein düsterer Ort geworden, ein entfernterer Ort. Der Mann namens Rothermund hatte ihn untergefasst und führte ihn an einen andern Ort, weg von seiner Eiche. Wieder hatte er ihr keinen Namen geschenkt, fiel Ueli ein, jedes Mal versprach er ihr das. Und jedes Mal, wenn er aus ihrem Schoss stieg, übersät mit alten Traumfetzen oder befleckt mit neuer Angströte, vergass er diesen Dank. Der Mann an seiner Seite spürte das Zögern in seinem Schritt und verstärkte seinen Druck und Zug am Arm. „Halt kommt bald,“ sagte er melodisch. Wäre ich etwa vorher gerade fast gestorben, dachte Ueli, und der hier hätte mich gerettet? Aber das war unmöglich, in der Grube der Eichenwurzel konnte niemand sterben, daraus kam nur Lebendiges. Die Eichenwurzel war ein Ort des entstehenden Bestehens, eine Vertiefung in der Welt, die in den Himmel reichte. Hiess das aber, dachte er weiter, denn im Gehen kamen die Gedanken, dieser da hatte ihn aus dem Bestehenden geholt und führte ihn fort in das blosse Entstehen? Die Füsse von Rothermund an seiner Seite tanzten voraus. Der Mann setzte die Füsse mit den Fussballen voraus auf. Darum zog er Ueli mit jedem Schrittpaar einmal nach vorne und einmal leichter nach hinten. Wieder versuchte Ueli stehen zu bleiben, um diesen Gang von hinten betrachten zu können, aber der Fremde liess ihn nicht, rückte genügend fest an ihm, um die Bewegung nach vorne aufrecht zu erhalten. Gabriela kam ihm dabei in den Sinn. Wie lange hatte er nicht mehr an sie gedacht. Gewiss war das gut gewesen, nicht an sie zu denken. Doch erinnerte er sich an den Gang das Kirchenschiff hinunter, an den leeren Bänken vorbei, Arm in Arm, vorne in der rechten Bankreihe ihr unförmiger Vater, der seinen Hut drehte und drehte, in der linken Bankreihe war seine Schwester wutrot gesessen, unterm Atem etwas wie Flüche ausstossend. Gabriela hatte an seiner Seite ausgreifende, raumfangende Schritte gemacht, mit jedem Schritt hatte sie ihn, fest eingehakt, ins Wanken gebracht. Ein Ruck vor, ein Viertel zurück. Doch Rothermund ging geschmeidiger, er zog ohne Zwang, und im Gehen musste Ueli das Nachtigallenwäldchen neu sehen. Nicht nur durch den Regen, der sanft wie Schuppen von den Augen fiel, auch durch einen seitlichen Wind hatte sich das Tal verändert. Der seitliche Wind sollte nicht möglich sein in einer kaum 50 Meter breiten Vertiefung, die der Dorenbach lautlos zerschnitt, ein Band von braun rasender Gleichgültigkeit. Die Steine in seinem Bett, über die Rothermund gehüpft war, sahen aus wie Warzen, glänzend und augenhaft, immer wieder überspült und von neuem aufleuchtend. Ein solcher Wind war nicht möglich, und doch war er sogar zu riechen, ein Geruch von süssem Aas wie aus dem Atem einer Katze. Das Nachtigallenwäldchen war ein unbekannter Ort geworden. Nicht gerade zum Fürchten, aber zum Urteilen gar nicht mehr geeignet. Ueli hielt sein Denken gerade für einen verrenkten Mann, Knochen gebrochen, Glieder puppenhaft verdreht. Doch im Gehen schaffte er doch einen Anfang, schnaufend, sammelte er die Splitter der Lupe auf, mit der die Dinge sich ins Gebiet der Wahrheit rücken liessen. Es gelang ihm, zögernd und zurückschreckend, im schwankenden Hin und Her von Rothermunds Gang in Sicherheit gewiegt, vor die Erinnerungen dieses Tages seine kleine, kaum kniehohe Mauer zu bauen, um ihre Nähe zu bannen. Und kaum hatte er damit begonnen, Urteil neben Urteil zu stellen, Zeit und Zeitläufte voneinander zu trennen, erkannte er die Stadt wieder. Sie standen auf dem Holbeinplatz: die beiden jugendlichen Linden, die beiden Bänke, die beiden Hecken, einige regenbraune zugeschlagene Felsen, die beiden Spatzenbäder, jetzt rötliche Augen. Rothermund hatte ihn losgelassen und sich auf die linke nasse Bank gesetzt. Er patschte mit seiner Hand auf den Platz neben sich. Ueli setzte sich schwer. Und schon lag die Hand Rothermunds auf seinem rechten Knie. Ueli schaute zu ihm auf. Das Gesicht des Fremden war unter einem breitkrempigen Hut verschattet, doch konnte er die runden, fast geblähten Wangen erkennen, die breiten Lippen. „Ich bin gekommen, um dir zu erzählen,“ sagte Rothermund. Sein Gesicht legte sich beim Lächeln in tausend Grübchen, eine Lache unter Wind. „Ich bin einer, der sagt,“ fuhr er fort, den Blick jetzt auf die Füsse gesenkt, „was ich sage, das vertraue ich denen an, deren Ohren sich für das Sagen eignen. Deine sind solche Ohren.“ Ueli hatte sich umgeblickt, um sich zu vergewissern. Er erkannte die kleinen Holzhäuser der Vorstadt, die Ruine eines Verwaltungsgebäudes aus Zeiten, als es noch etwas zu verwalten gab. Bevor er dem Impuls nachgeben konnte, denn er wollte aufstehen, um zu seiner Bucht zurückzukehren, hob Rothermund die Hand vom Knie auf seine Schulter, jetzt mit Kraft. „Und das Verkriechen,“ sagte Rothermund, „das kannst du noch lange genug üben, wenn alles vorbei ist… Was ich dir erzählen will, ist merkwürdig genug…“ Ueli spürte die Kälte der Bank, die Kälte des Windes. War denn wieder Winter geworden? Die Linden trugen ihre kleinen Sternenbündel… „Wie vieles beginnt das, was passiert, vor langer Zeit. Ein Bündel von Informationen, verstreut über verschiedene Körper. Der Mechanismus lässt sich erkennen, wenn auch nicht sein Urheber. Und doch ist dieser nicht von der Hand zu weisen… Vielleicht ist doch eher von einer Urheberin zu reden, wer weiss… Merkst du, wie schwer es mir fällt, das erste Mal zu sagen?“ Ueli blickte Rothermund an, doch dieser schaute zu Boden. „Es sind Vorbereitungen zu treffen, bevor man vorbereitet ist. Ich habe, merke ich, keine getroffen. Vielleicht soll es so sein, vielleicht. Das Sagen ist keine Wissenschaft, so denke ich wenigstens, aber das Sagen ist von Bedeutung.“ Wieder schwieg Rothermund, nahm die Hand von Uelis Schulter und strich damit über seine breiten Lippen, liess den Zeigefinger darauf ruhen. „Einen Auftrag zu haben, ist das eine. Den Auftrag dem Auftrag gerecht auszuführen, das andere… Und den Auftrag mit Gleichmut ausführen, wieder etwas anderes… Niemand kann dem Erzählten zuvorkommen. Niemand kann das Geschehene anders empfangen als wehrlos. Niemand kann das Sagen anders sagen als erstmals, so lange dieses Sagen auch schon warten oder dauern mag. Nun, so höre hin.“ Rothermund schüttelte sich in den Schultern und richtete sich auf. „Alles war gut. Das Fruchtwasser bedeckte die Erde. Im Fruchtwasser tummelte sich an der Grenze zur Sichtbarkeit das Leben. Ein schlürfendes Wiegen in Gewissheit, zukunftslos. Ein keimendes Gespinst, Daseins-Gewebe. Ungeformt-haltlos, darin aber beharrlich, fast unabänderlich. Doch immerhin, erste Strömungsabfälle, kleinste Zyklen, fast eigensinnige Gegenläufe. Im vom meeraufwerfenden Mondzyklus um- und umgedrehten Meer entstehen Blasen. Zuerst kaum grösser als die Zitzen eines Maulwurfs, doch Blasen blähen sich, das ist ihr einziges Tun. Sie schwellen an, verschlingen vom Gespinst, was verschlungen gehört. So würden es die Blasen sehen. Lange Zeit sind die Blasen eine Art Augen, die im Ungesehenen aufgegangen sind. Und in ihnen geschieht das Ungeschehene, mehr als Mehrung. Was Äonen gelebt und gewebt hat, in einem losen Schlingen und Umschlingen, in einem leicht zuckerhaltigen Taumel, wächst an, bläht sich wie die Blasen, und während die Blasen wie Tränen miteinander verwachsen, verwächst dieses Kringeln und Flimmern. Während der Mond mit seinem silbernen Arm die Erde wiegt, beginnt die Zeit. Sie beginnt mit dem Versteifen, die Zeit. Anders ist es nicht zu sagen, das Zusammenwachsen des ersten Taumels ist das Ausstrecken eines ersten Fingers, dann einer ersten Hand. Eine strebende, noch nicht zeigende Bewegung der Versteifung im Flirren und Kirren, gleich neben den Blasen. Ein stechendes Längen und Drängen stellt die Spannkraft der Blasen in Frage. Die Blasen reissen. Was aus ihnen quillt, dieser heiss-innere Saft, das Unabänderlich-Beharrliche, schmiegt sich an die beharrlichen Säulen, die da stechen und fechten. Ist die Zeit nicht Fechten und Stechen, ein wegloses Abkommen mit der Auflösung?“ Rothermund schwieg unerwartet nach seiner unerwarteten Frage. Er selbst fühlte sich plötzlich schwer, hörte ein Knarren in der Bank, auf der sie sassen. Die beiden Linden streckten ihre Äste nach allen Seiten nach den Vögeln aus, den verlorenen Stimmen. Sie waren mehr denn je ohne Halt, die feuchte Mauer des Himmels zu weit, zu hart für ihr ausgestrecktes, haarsträubendes Bitten, für ihr niederes, windloses Kratzen. Ueli dachte an einen Spruch, „Wessen Weisheit grösser ist als seine Werke, wem der wohl gleicht? Einem Baum, der viele Äste hat und wenig Wurzeln. Es kommt der Sturm, er reisst ihn aus und wirft ihn um.“ Ueli hatte nicht gedacht, dass ihm je wieder so eine Geschichte begegnen würde, und am wenigsten in dieser Lage. Ueli hatte nicht gedacht, dass es noch solche Geschichten gab, und am wenigsten für diese Lage. Ueli hatte nicht gedacht, wie gerne er miterzählen würde, und am wenigsten aus seiner Lage. Er sehnte sich nach Papier, nach Karton, er wollte einen Stift. Wie lange hatte er keinen Stift mehr gehalten, weder Kohle noch Kreide noch Tusche. Seine Hände zuckten. Die Bank knarrte wieder, Ueli konnte die Freude wie Schweissperlen über Rothermunds Gesicht laufen sehen. „Und was weich und fliessend gewesen war, verschmolz mit dem ersten belebten Harten. Was weich gelebt hatte, begann sich zu verhärten. Und was in der Weichheit geschlummert hatte, wachte in der Härte auf. Metallisch glänzten die Wirbelsäulen auf, die Schuppen, die Flossen, die Finger darin, die Beine und Arme. Was vorher an Dingen klebte, webte, an Felsen, Schloten, Steinesblüten, kaum weste, fast dingte, unbeirrbar zwecklos, unhaftbar anhaftend, begann zu zwicken, zwecken. Denn in den Dingen liegt kein Streben. Ein Streben liegt in den Lebewesen. Doch keines der Lebewesen konnte über sich hinaus. Das Wesende in ihnen, das den Dingen anhaftete, teilte sich unaufhaltsam. Erfasst von der Zeit, teilte und wandelte es sich, dingte sich zum Wesen. Nach oben war alles offen, das Land zuerst, der Himmel danach. Ein Wälzen nach Zielen, ein Drehen um Zwecke. Geschah das Teilen aus sich selbst heraus, damit etwas würde? Geschah das Wandeln aus sich selbst heraus, damit etwas geschehe? Eine Lenkerin ist schwer vorstellbar. Die gestaltende Hand bleibt unsichtbar. Eine Vielzahl von Gestalten wurde wahrscheinlich, möglich, wirklich. Aus dem Gestade des Wirklichen stiegen die Lebewesen herauf. So könnte man erzählen, stiegen herauf, stiegen herauf, stiegen herauf.“ Plötzlich brach Rothermund in Singen aus: „Da west es an Steinen, hier blüht’s in den Rainen, da heckt es die Seinen, da zappelt’s mit Beinen. So will es hinauf, so will es den Lauf, so will es der Lauf, so will es der Hauf. Denn viele sind Werden, und viele sind Scherben, von denen wir erben, voran sie uns herden.“ Das Schweigen war nicht angenehm. Ueli versuchte sich an das erzählte Nichts zu klammern, doch gab das Klammern nichts her. Lauter Schlingpflanzen, die im Regen wuchsen, sie schnitten in die Hände, und die Hände rutschten daran ab. Sein ganzer Körper, Kleider und Haare, waren nass. In seinem Nacken rieselte das Wasser von den Haaren den Rücken hinunter. Sein Atem füllte die trockenen Innenräume seines Körpers, hinterliess leichte Kondensspuren zurück auf dem Herz, der Leber. Auf dem Holbeinplatz war es immer angenehm zu sitzen. Doch, wie er begriff, nicht in diesem Schweigen. Es war ein Schweigen, das zu viel zu sagen hatte, das noch zu viel zu sagen hatte. Rothermund an seiner Seite hatte seinen Mund nicht geschlossen, und über dem Mund die Augen waren hell erleuchtet und fixierten etwas Monströses. Ueli dachte daran, was seine Mutter am Ende von Geschichten gesagt hatte. Er hatte es als Kind immer für eine Art Gegenspruch gehalten. Später als Erwachsener glaubte er zu verstehen, dass sie den Spruch mehr als Erinnerung an die Beharrlichkeit der Wirklichkeit gebraucht hatte, um die Veränderungskraft einer Geschichte zu mindern. „Und die Frösche blieben Frösche, die Monster Monster,“ sagte Ueli in die Stille, denn der Spruch musste jetzt heraus. Rothermund dreht ihm sein scharfes Gesicht zu, in den Augen ein glasiges Erschrecken, der Mund hechelt. Dann zerbricht er die zurückgekehrte Stille mit einem glasklaren Lachen. „Ja, ja,“ sagte Rothermund, seine Stimme in ein feuchtes Kichern herunterwürgend, „so ist es immer. Die meisten wissen bereits darum. Ich musste noch nie die ganze Geschichte erzählen. Das tröstet mich immer wieder. Und jeder einzelne hat noch dieses natürliche Widerstreben dagegen. Es ist einfach herrlich.“ Er fuhr sich mit den flachen Händen über das durchlachte Gesicht, das müde und erwartungsvoll aussah. „Du hast nichts erzählt,“ sagte Ueli, „das kann ich beurteilen. Menschen haben mir jeden Tag Geschichten erzählt, sogar die Schweigenden. Ich erkenne inzwischen jede Geschichte daran, ob sie das Gleiche sagt wie die andern. Diese Geschichte sagt nicht das Gleiche, diese Geschichte sagt nichts.“ Rothermund neigte sich zu ihm hinüber, berührte ihn am Ellbogen. „Es ist ja auch keine Geschichte, Ulrich,“ sagte er, „es ist ja auch keine Geschichte. Denn sie kommt von der Quelle. Sie hat es mir selbst erzählt. Immer wieder hat sie es mir erzählt. So höre denn zu, denn das war ja nur der Anfang.“ Der Regen über dem Platz hatte aufgehört, ein graues Gleissen lag über den Linden, die sich in Winderinnerungen wiegten. Rothermund erzählte weiter.

(Bild unverändert übernommen von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holbeinplatz,_Basel._Hans_Holbein_der_J%C3%BCngere_%281497%E2%80%931543%29_Maler,_Zeichner_%281%29.jpg?uselang=de, Urheber des Bilds ist EinDao, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:EinDao?uselang=de.)

Einen Roman schreiben: Die Realität kann mir gestohlen bleiben

Ein bekannter Bündner Autor beantwortet in einer Engadin-Literatur-Broschüre die Frage nach seiner Recherche-Methode wie folgt:

Vor dem Schreiben versuche ich, die ganz grundlegenden Schauplätze kennenzulernen, oft entscheiden ganz kleine Details über den Verlauf einer Handlung: steht da und da eine Strassenlaterne, wann geht sie an, wann geht sie aus?

Sicher gibt es verschiedene Genres, die unterschiedliche Bezüge und Haltungen zur Realität haben – der zitierte Autor schreibt Lokal-Krimis, für die Realitätsnähe ein nicht unwichtiges Kriterium ist -, dennoch möchte ich aus meiner Perspektive vehement widersprechen.

Meine Haltung zur Realität ist eine gänzlich andere. Die Realität steht in meinen Augen immer schon zur Disposition; sie ist ein Angebot, das du nützen oder lassen kannst. Das für mich wichtige Momentum beim Schreiben war für mich immer schon der Möglichkeitssinn; ich empfinde diesen Sinn immer wieder als befreiend, weil er Auswege und vor allem Umwege und Anderspfade findet und schafft. Als Autor habe ich nicht das Bedürfnis, das, was ist, zu schildern, sondern das, was sein könnte (sollte?).

Gewiss ist das in vielerlei Hinsicht auch die Absicht und die Haltung des oben erwähnten Autors. Doch in letzter Konsequenz sollen seine Romane und Erzählungen eine «glaubwürdige Realität» beschreiben, die einen Wiedererkennungswert hat; die Leserin soll das Gefühl haben, «genauso ist es, genauso sieht es aus».

Eine ähnliche Haltung kann der Autor auch mit Bezug auf die Sprache einnehmen. So redet Pedro Lenz einmal von einer «Realitätsillusion»; er meint damit, dass seine Sprache erkennbar die Sprache der Menschen einer Sprachregion sein soll, – die Leser dieser Sprachregion seine Sprache somit als glaubwürdig empfinden sollen.

Für mich als Lyriker ist Sprache ein zuerst unwillkürliches, dann willkürliches und letztlich unzuverlässiges Instrument. Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, wie wichtig es für ihren «Beherrscher» ist, in den wichtigen, den ausschlaggebenden Momenten eines Gedichts «das Heft aus der Hand zu geben»: selbst zum Instrument der Sprache zu werden, sich bedienen, behändigen zu lassen. Ich subsumiere diese Haltung jeweils unter Rimbauds «Je est un autre». Damit meine ich: Wenn du mit Sprache schaffst, bist du ihr immer auch ausgeliefert.

Das sage ich als Lyriker, der sich weder der Realität noch der Glaubwürdigkeit in besonderem Masse verpflichtet fühlt.

Diese Haltung bringe ich in meine Rolle als Prosaiker ein: Ich glaube daran, dass eine Realität, im besten Fall sogar eine «Welt», erschaffen werden kann. Als leidenschaftlicher Sci-Fi- und Fantasy-Leser glaube ich auch daran, dass ich mich nicht notwendigerweise an die Gesetze menschlicher Psychologie oder an die Regeln der Physik halten muss, dass selbst der Determinismus der Evolutionswissenschaft mit Methoden und Mechanismen an die Hand gibt, neue Lebensformen zu schaffen. (Darin ist für mich China Miéville ein grosses Vorbild. Man denke nur an die «Geier-Menschen» namens Garuda in seiner Trilogie (Perdido Street Station, The Scar, The Iron Council) oder an die «glucliche», fledermausähnliche Hyänen der Lüfte…)

Und was die Realität einer solchen «Un-Realität» betrifft, berufe ich mich gerne auf einen Ausspruch von C.F. Ramuz, der wiederum mit der Macht der Sprache zu tun hat: «Der Baum ist erst da, wenn du ihn gesagt hast.» (Auf das Eingangszitat angewendet: «Die Laterne ist da, wenn du sie sagst.»)

Ich wünschte mir also für Schreibende mehr Glauben in die Kraft der Sprache, des Worts. Um mit Lao Tse in der Übersetzung von Balts Nill zu sprechen:

«Wortlos de aafang vo himel u ärde / ds wort weckt zähtuusig wäse.»

Malvengräben

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Im Ganzen und Garen geht es hier
Um zu viel Fett
Um zu viel Lärm
Nur die Pyramiden in den mageren Kühen und die wenigen
In den Augen der Vielen und Lauten
Zäh errungenen Siegel-Siege
Die wie heisse Schächte über den Wolken-Ächtern aufsteigen
Zählen allmählich vielleicht
Und weit hinten liegen die Minzenweiden
Auf der Tora Waage
Ich sehe die Rollmöpse auf der Tanzbühne
Deren Regenbogen-Identitäten verblassen
Im Friteusegeruch zwischen Wissenwollen und Wissenkönnen
Die heissen Hufe der Glücks-Schächter klappern durch die Scheunen
Die Dünenpolizei hinterher
Den Schlamm des Nils an den Zockeln
Identitätskarten sage ich lassen sich nicht festhalten
Weder festhalten noch tiefer eindrücken in die Heringe im Pelz
Über denen die Streuselkuchen ihre Pollenfüsslein im Ende des Regenbogens baden
Wo Salomo seine Waage hingestellt hat
Aber nicht sein Schwert ruhen lässt
Das er gerne den Hirnvögeln vermacht hätte
Den Identitätskartenwächtern
Den von Malvengräben Redenden
Aber nicht den Kontrollkräften
Nicht sein Schwert
Und ich sehe beim Korn die hässlichsten Menschen der Welt an mir vorübergehen
Aus den Scheunen gestiegen
Aus denen das Nadisnah pfeift wie der Pfeffer
Und ich weiss nichts von der Liebe
Ich will auch nichts von der Liebe wissen
Denn dafür gibt es Vögte und Kümmerlinge
Die noch nicht wissen
Josef ist ganz und gar tot
Sie stehen am Jabbok mit ihren Mündern wie Scheunen
Je t’aime moi non plus
Am Tiber entfalten sie ihre mageren Lippen zu einem Gebet
Das wie der Regenbogen immer weiter geht
Aber nicht wie der Regenbogen ankommt
Denn was kann dieses sandige Flüstern denn auslösen in den wenigen fettfreien stillen Hirnlinien des Himmels
In dem du erntest was du nicht gesät
Und mit ihren mageren Worten
In denen sie die Malven parken wollen
Als könnten sie das Versprechen versprechen
Mit ihren Lungen voller Abendbrot und den Steinen von Davids Schleuder im Herzen
Auch Abu Simbel musste sich regen und an ein anderes Ufer legen:
Ein Sohn wird immer ein Sohn bleiben
Wusste ich und leerte meinen Korn
Ich will dich sagte ich gerne verlieren
Verlieren ist eine schöne Tat
Fast so schön wie das liebevolle Schmunzeln
Das du den Bösen und den Hässlichen entgegenhältst
Brillenlos und in Gedanken an die Inseln
Die wie Matjesfilets im Seichten obenauf schwimmen
Immer obenauf
Wie das Öl
Dem die Jungfernschaft genommen wurde in den Trögen
Woher die Wolken kommen und mitten im Shalom
Kaum breitbeiniger als eine Gebärende
Die auch nicht festhalten kann
Sieh genau hin
Du säst was du nicht ernten kannst
Mit Augen ungetrübt von Hass
Sieh hin über die Zinnen der Malvengräben
Über den Rubicon der heissen Erwartungen
Über die wundenfetten Identitätskarten
Durch deren Ritzen die geschenkten Kühe pfeifen wie das Salz
Und ich nehme einen Schluck von meinem zweiten Korn
Und sehe was ich nicht sehen will aber sehen kann
Höre was ich nicht hören will aber hören kann:
Wie das Salz
An dem sie leckten pfeifen
Entlang des Nils
Dem Wundenschleifer
Unter den Wolken in Scheunen
Und die Identitätsgrachten
Für die so weit zu fahren ist
Bis nach Banda
Bis in den rauchgefüllten reichgefüllten Tempel der Tropen
Wo die Menschen vor den Barbarengesichtern flüchten
Tragen sie doch das Kennzeichen
Das mit den Dingen verbunden ist
Die nicht zu wandeln sind aber zu brauchen
Und allmählich
Ein wenig wie von ungefähr
Schlüpft das hochgewanderte Licht an den Hirnvögeln vorbei
Auf die Malvenzirrhose
Auf die Torapolizei
Auf die Rollmöpse auf der Tanzbühne zu
Die wie Karten mit Zahlen wackeln
Eine auf die andere bezogen
Aber nicht auf die späteren oder die früheren
Einmal hier- und einmal dorthingeblickt
Ein Glück kann dem Kennen ausgewichen werden:
Als erhitze er mich
Blase ich auf meinen Korn
Der in den Farben meines Scheiterns glänzt
Und fein nach Waben riecht
In den öligen Schmieren vor dem Bienenhaus meiner wankelmütigen
Meiner nimmer ausgefahrenen Windmühlenkämpferinnen
Meiner grasgrünen wimpernzuckenden Stillebeutel
Die ungewogen auf dem Pflaster neben den Marktständen die Aufmerksamkeit von Fliegen und Maden auf sich ziehen
Ich weiss so sage ich auf meinem kippelnden Stuhl am Rande des Gevierts
So gar nichts von der Liebe
Dass ich sie gerne verlieren will
Noch- und nochmals
Denn dafür gibt es die Kümmerlinge und die Stockfische
Die bleiben’s dicke:
Ich kippele hier in Erwartung von Rahab
Ein Königreich für ein Seil:
Kirill ich sehn mich nach dir
Nach dem verheissenen Land
Das du mir gezeigt hast
Das aufgeht wie ein geschenktes Zelt
An dem die Matjesheringe mit ihren Kennzeichen auf ihren Flossen vorbeipilgern
Leicht zu falten und leicht zu spannen
Über meinen sieben Siegel-Siegen
Unter deren Bogen
Die für andere harte Henkel
Für mich nochmals zarte Schenkel sind
Die nichts versprechen aber auf ihren niemals weichenden Druck vertrauen
Unter deren doppelten Lächeln selbst ein Dünenwächter das Wandern im Wind verstehen könnte
Und ich schaukele unterm hydraulischen Röhren der Fahrgestelle bis nach Banda und zurück
Und zurück an Nationen von Scheunen vorbei
Will gerne aufs Lieben verzichten
An das Dienen mich noch ein wenig verlieren
Den Wolken
Den freien Ämtern
Den Katergängen
Den Hecken vor dem Gesetz
Im eigenen Rentabilitäts-Spektrum
Den unverheissenen Erwartungen dienen
Nichts von den Ernten wissen wollen
Aber einiges vom unerlässlichen unverlässlichen Säen
Und blicke in meinen Korn und sehe ihn schillern
Wie der Roggen auf den Feldern
Höre ihn knurren in meinen eigenen Eingeweiden wie die Fische in der grünen Tiefe
Und alle die sich die Zahl seines Namens hatten anbringen lassen
Die nichts verlieren wollten
Werden auf den Dünen stehen
Und nichts von der Liebe verstehen
Im wandernden Schatten der Malvengräben.

Wie Romane heranreifen

Seit ich schreibe, bin ich zum Unmittelbaren, Plötzlichen und Unveränderbar-Endgültigen hingezogen. Dieses finde ich in meinem Alltag, in meinen „Geist“-Momenten, in Gesprächen, Büchern, Spaziergängen, in aufgeschnappten Worten, die noch nicht durch die Mangel des Erinnerns und Hinterdenkens gedreht wurden. Als Lyriker hänge ich an dem Unhintergehbaren eines Worts oder Satzes, das mir ein- oder aufgefallen ist, und das ich sofort bemüht bin, in einem Gedicht zu ehren. Und in einem Gedicht will ich diese Momente bannen und noch zuckend bewahren. Ich verstehe zwar den Sinn des Überarbeitens von Texten, aber verstehe meine Texte als endgültig in dem Augenblick, da sie mein Kugelschreiber auf das Papier gewunden hat (denn Gedichte müssen aufs Papier, nicht auf den Bildschirm). Selbst wenn es mir nicht mehr gelingt, die Entscheidungen in einem Gedicht zu rechtfertigen (Adjektive, Metaphern, etc.), ich halte an ihnen fest, denn sie hatten in ihrem Entstehungsmoment ihre Berechtigung, kamen genau dorthin, wo ich sie gebraucht habe, bestanden auf ihrem Recht.
Und ich weiss noch etwas: Reifung geschieht nicht durch Arbeit, sondern durch Erfahrung. Gedichte und Prosa reifen lange heran, bis ich bereit bin, sie zu schreiben; reifen heran, damit ich bereit bin, sie zu schreiben. Ohne Geduld und wiederholtes Versuchen wird kein gutes Gedicht, kein guter Text gelingen. (So möchte ich diesen Text, der hier entsteht, schon mindestens ein halbes Jahr schreiben, aber erst heute wage ich mich daran, weil ich um sein Gelingen zu wissen glaube.)
Seit bald 21 Jahren schleppe ich ein immer grösser werdendes Paket von Texten, Ideen und, ja, „Welten“ mit mir herum. Ich habe diese Welten (jetzt ganz mutig und zuversichtlich ohne die Anführungszeichen geschrieben) immer wieder „angefangen zu schreiben“, immer wieder mich damit abgemüht, ihnen Stimme und Gestalt zu geben. Ja, ich habe sogar ein ganzes Jahr meines Schreibens für einen Roman aufgewandt, den ich bis auf das letzte Kapitel geschrieben habe. Das war vor 3 Jahren, der Roman wird seinen Titel immer tragen, „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen“. Er wird immer meiner Tochter gewidmet sein – wie vermutlich die ganzen Romane, die ich nun schreiben werde. Sie drehen sich alle um die Suche nach einer geliebten, vermeintlich oder wirklich verlorenen Person, der Tochter. Und dieses Gefühl des Verlustes ist mein vielleicht persönlichstes Gefühl: in meiner schwierigsten Lebenslage habe ich gelitten unter diesem Verlust, auch im Wissen darum, wie sehr meine Tochter darunter gelitten hat. Aber das nur nebenbei. In keinem der Romane wird die Tochter je gefunden werden…
Seither – seit 2021 – habe ich zwei grosse Gedichtzyklen geschrieben (Ginkakuji-Variationen, Psalmen für Saul) und den ersten Teil einer 7-teiligen Gedichte-Zyklus (Herbstlied in Hochwasser und Hunger, Teil der Serie Etwas lügen). Ich verstehe inzwischen (noch) viel besser, dass alles Schreiben „Dranbleiben“ ist: Ausdauer, Geduld und „Zuversicht“. (Mit Zuversicht meine ich eine eigenartige Mischung von Gutmütigkeit und Toleranz gegebenüber den eigenen Schwächen, kombiniert mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Scheitern und der Selbst-Wertschätzung in solchen Momenten des Scheiterns, die die schreibende Person ermächtigt, „einfach weiterzumachen“.)
Vor einigen Monaten (im Februar?) habe ich mich in einen neuen Roman gestürzt. Ich habe dabei alle inneren und äusseren Zurufe ignoriert, die meinten: „Jetzt schreibe doch erst mal die andern angefangenen Romane fertig!“ …
Denn das Bild, das Gefühl, der Zustand, der am Anfang dieses Romans steht, wurde so dringlich, dass es „geschrieben werden musste“. Im Schreiben habe ich gemerkt, dass es eine Art „Urszene“, ein „Urzustand“ ist. Und dass die ganzen Romane, die mich wartend und geduldig bedrängen, alles „Ausfaltungen“ dieses Urgefühls sein werden.
Diesen Urzustand zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Verzweiflung und Verlorenheit, aus tiefer Depression, aus der allein eine Neukonstruktion des eigenen Selbst, der eigenen Person stattfinden kann. Eine Art Big Bang der Person. Alle meine Gedichte drehen sich vermutlich darum. Alle meine Romane auch. Es ist ebenso ein Zustand der grossen Selbst- wie der grossen Weltverstrickung – im gleichen Augenblick auch ein Zustand des Abhandenkommens der Person sowie des Abhandenkommens der Welt. Die Verzweiflung in diesem Zustand ist so gross, dass sie in Zuversicht übergeht. Die Verlorenheit in diesem Zustand ist so mächtig, dass sie allein in der Gefundenheit münden kann. Aber die Gefundenheit ist letztlich unverfügbar, genauso die Zuversicht.
Mit diesem Roman (Von keinerlei Bedeutung) wurde mir auf einmal klar, wie alle die andern Romane und Romanentwürfe zusammenhängen. Erstmals konnte ich das Netz erahnen, dann erkennen. Es machte mich glücklich, dies erleben zu dürfen. Auch wenn meine Lebenszeit vielleicht nicht reicht, dieses riesige Netz fertig weben zu können, so trage ich es doch bis ans Ende meiner Tage mit mir herum.
Und zum ersten Mal gelingt mir seither eine Sprache, die poetisch ist. Eine Sprache, die zurückgenommen ist. Eine Sprache, die ausufern kann. Ich will es nicht beschwören, aber ich habe das Gefühl, in diesen vier Monaten etwas gefunden zu haben, worauf ich mich seit etwa 2015 / 2016 in der Lyrik stützen kann: eine eigene Stimme.
Aber das wäre nicht möglich ohne das Vertrauen in all diese Reifungsprozesse. Ich bin dankbar, dass ich dies erleben darf. Ich erlebe es, weil ich „drangeblieben“ bin. Was für ein schönes Gefühl.

Der Name des Menschen, der Mensch

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Abgekehrt vom heissen, harzigen Atem des Waldes kommt ihm etwas. Die aufgelöste Klangwelt der Erde umhimmelt ihn. Ein Rasseln und Rattern, ein Stöhnen und Rauschen wie im Kessel einer Brust. Die weglose, unentwegte Klangwelt des Himmels umspringt ihn. Ihn, mit den Füssen in einem ungerollten Würfel. Ihn, hoch in der Luft. Ihn, ohnerdig und enthimmelt. Zeiten stand er dort oben, eingeradet von den Mauern, selbst vom zerschlagenen Fenster noch gerechtwinkelt. Ein wenig sickerte Blut aus der rechten Fussballe, zeichnete im Zurückweichen ein schnell trocknendes L auf das Parkett. Denn der Mensch kann zurückweichen. Selbst vom zerschlagenen Mensch kann der Mensch sich zurückziehen, wenn auch nicht in ihn, in sich. Denn die Klangwelt des Menschen war vorbei. Noch nicht der Mensch selbst, aber es ist nur eine Frage der Zeit, kauernd auf dem Bettrand. Ihn, der sich verliess. Angebrüllt von den rollenden Toren der Wolken. Von den vergilbten Tümmlern ausgekreischt, die mit breiten Daumen die Erinnerungen ausdrückten. Ihn, die harte Traube aus Warten und Pressieren. Ihn, der sich verlassen liess. Sein Körper ist eine Frucht, die blühen möchte. Aber in ihm gab es nur die harten Samen der Tränen. Warmes Kirschenkies, das rasselte. Aber er zerbrach nicht, so sehr es ihn schüttelte. In seinem Rücken wellte sich das Bett mit jeder seiner Bewegungen wie eine Talg-See in seinem Fett. Ein saurer, milchiger Geruch stieg aus diesem Folterapparat auf, dunkel und aufreizend. Seine glucksende Kehle stiess kleine spitze Schreie aus. Die Tränen kamen wie Ziegenkot, rollten über das Parkett, unter den Heizungskörper, in die Ecken zu den Staubschwänzen. Das Gesicht hat er gesehen im Fenster. In der Zeit, die es für das Zerbrechen gebraucht hat. Es ist ihm entgegengekommen wie eine Hand, die sagt, nicht. Oder wie eine Hand, die über schwarzen, fast knarrenden Filz streicht, und sagt, nichts. Und aus dem Filz steigt der Geruch von Anfängen und Handgriffen auf, von Sägemehl und Barthaar. Er strich langsam über die Unform auf seinem Hals, über den Auswuchs. Würde ihn jemand je wieder erkennen? Das Schlucken fiel ihm schwer. Selbst wenn er die kaum gefundenen Erinnerungen, dieses trockene, ausgeschimmelte Brot, auf den Händen vor sich hertrug, es hinstreckte, um zu sagen, ich bin Mensch, fehlte ihm da nicht die Güte, um es aufzuweichen? Die kaum gefundenen Erinnerungen schmerzten wie die harten, raren Tränen. Für Sekunden ist dieses leere Schlucken an seinem Hals, dieses Zucken der faustgrossen Schwellung an seinem Hals, das einzige Zeichen für das Verstreichen der Zeit, für ein Leben, das zu leben bereit ist. Aber die Klangwelt des Himmels war abwesend. Durch die Fensterscherben drang das Fauchen des Walds, das Fächeln der Blätter. Und der rötliche Geruch des Waldbodens, die milde Säure der Nadeldecke. Umzukehren würde schwierig. Ohne Erfahrung umzukehren, noch schwieriger. Mit schlürfenden, schleifenden Bewegungen schürfen die Wolken etwas Blau vom Himmel, das er erkennt. Ein Blau, das ergrünen kann. „Miriam“, das erste Wort auf seinen harten Lippen. Ein Auge, das grüne Knospen schlägt in seiner sandigen Brust. Ja, Miriam. Er hatte sie noch nicht ganz vergessen, er hatte sie noch nicht ganz verloren. Aber würde sie ihn erkennen, mit seinen mumifizierten Fingern in den Händen, die einmal zu zeigen vermocht hatten? Er blieb auf der Wohnungsschwelle stehen. Musste er nicht dazu etwas sagen und geben können, das er war? Er war aus der Klangwelt der Menschen herausgegangen, bevor sie verstummt war. Er war von der Klangwelt der Erde verschwunden, bevor sie vertrocknete. Vertrocknete im schrecklichen Sommer, der den Wald wie einen Lederbeutel aufblies, dass er an seine Fenster stiess. Er hatte die Klangwelt des Himmels vermisst, bevor sie vorzeitig verblüht von den Bäumen gefallen war. Seine Füsse trafen auf die kalten Platten des Treppenhauses. Der Handlauf wie die Reling eines Schiffs im Sturm. Hinunter in den durchgurrten Maschinenraum. Die Tauben allein waren verblieben. Hatten sie je zum Himmel gehört, waren sie nicht eher graue Früchte des Bodens, im Reifenabrieb, im vom Wind feingeriebenen, kleingerollten Abfall gebadete Schnäbel? Seit er umzukehren versuchte, kamen nur Fragen, kannte er nur Fragen. So blieb er wieder stehen, in seiner Kehle das leise Quäken des Esels vor dem Engel. Die Platten des Eingangs waren weiss vom Schnee des Taubenkots. Die gläserne Eingangstür war eingeworfen, in die Halle hinein gesplittert. Hatte er Reifenabrieb gedacht, konnte er mit Sicherheit noch von Zeiten berichten, in der es Reifen gegeben hatte? Hatte er diese Zeiten erdacht oder erlebt? In seinem Blickfeld lag die gesprungene, rissige Fläche des Gehsteigs, ausgestreckt wie eine alte ledige Handfläche in die ebenso faltige Strecke der Strasse, von verbranntem Grün wie Achselhaar bewachsener Asphalt. Die Hitze zischte leise, wenn sie durch die Schneide des Glases fuhr, roch nach Mandeln und Steinbäuchen. Wann hatte er zuletzt die Dinge in den Mund genommen? Wann hatte er zuletzt die krabbelnde Innenseite der Erde geschmeckt? Oh, viele Male, er erinnerte sich, hatte er die Erde mit seinen Fäusten geschlagen, die Nase im Gras. Nackt, schweissüberströmt, stinkend, stand er in der Eingangshalle eines Hauses und erinnerte sich an eine andere Asphaltfläche. Jene Asphaltfläche glich jener Asphaltfläche im Süden, die Sonne brannte genauso, die Kinderstimmen fehlten, die rufenden Mütter. Er sog den Duft ein, er wurde ein anderer. Sauer verschob das Benzin der Tankstelle die Zeit, stand er an der Leitplanke hinter der Tankstelle, blickte auf das Meer hinaus, Meer von Scherben. Hinter ihm der brennende Geruch von Urin, vor ihm der steile Abhang mit den krummen, stummen Kiefern. Damals hätte er sie hören können. Eine Frauenstimme, die einen Namen rief, immer wieder einen Namen rief, zwei Silben, die ihm auf den Scherben des Horizonts hüpfend entgegenkamen. Dann ihre starke Hand auf seiner Schulter, und jetzt spürte er den warmen Strom zwischen den Beinen, jetzt musste er noch länger stehen bleiben, bis der Strom getrocknet war, im Rücken das heisere Heulen der Motoren. Die Frauenhand rüttelte ihn durch, er hatte sich wieder vergessen. „Du hörst die Klangwelt des Menschen,“ sagte er in die Halle hinein, „aber du hörst nicht die Klangwelt der Erde. Du hörst die Klangwelt der Erde, aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels.“ Er stieg vorsichtig durch die Scherben, durch die Tür, die nichts mehr abschliesst, zurückhält. Für Minuten geht er langsam über den Platz, betrat die magere Rasenfläche, ein Gerufener, der seinen Rufer verloren hat. Oder den Ruf, das Rufen. Erst spät bemerkte er seinen überströmten Körper unter dem träge fliehenden Himmel. Der Regen war eine leise sirrende Walze, die alles berührt, nichts versehrt. Das gibt es, erinnerte er sich, aber das gibt es nicht mehr. Auf der Rasenfläche, die seine Schritte nachgiebig begrüsst hat, machte er die Bewegung dazu. Das andere, das eine: Benzin, Motoren, die Ferne, Weite, aber das in die Weite, Ferne Rufende immer noch, die Breite des Himmels, das fernher, stellt er sich vor, kommende Wetter. Immer noch, das Harte, Scherbenhafte, Todlose gegen das Weiche, Wiederkehrende, Sterbende. Er wiederholte die Bewegung, er erinnert sich. Er ging in die Knie, liess sich in das Gras nieder, in das ausgebrannte, durchtränkte Gras. Das Zupfen am Gras holte die Wurzeln aus der Erde. Jetzt wiederholt er den Namen, „Miriam“, aber ein Name ist kein Satz. Und es ist nicht sein Name, erinnerte er sich. „Aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels,“ sagte er, stärker rupfend, einen schlammigen Kreis um sich öffnend. Er rutschte auf den Knien im Gras. Aber auch ein Satz brächte sie nicht zurück. Ein Name ist ein Gefäss für so viel Zeit, dachte er, wenn das noch denken war. Er spürte deutlich die Erde unter den Fingernägeln. Was war denn dieses Rufen, das ihn rief? Er hörte sein eigenes Stöhnen und freute sich daran. Motoren und Bildschirme, dahinter die Maschinen, aber die Schönheit eines Namens, eines Wetters. Eingeschlossene, doch nicht abgeschlossene Veränderung. Klangwelten, seine Hände flechten Erde und Gras zu einem Zopf, zu einem Kreis um sich. Und im Aufstehen, die Innenseite der Schenkel warm von der Schönheit, die er nicht sieht, aber weiss, entdeckt sein Gesicht das Lächeln. Es schmerzte ein wenig, als habe eine Scherbe darein geschnitten. Denn er hat nochmals den Namen gehört, gerufen und zweisilbig, in seinem Rücken. Rief ihn der Wald zu sich. Mit stotternden Augen ging er wieder auf das Haus zu. Er sah das Schild „Lindenplatz“, eine Schraube hatte sich gelöst am Pfeiler. Er wollte den Namen holen, dort hinter dem Haus. Er glaubte daran, dass dort unter den Nadelbänken ein, sein Name zu finden wäre. Dass das das Rufende war, nicht das Wetter und nicht die verschwundenen Tauben. Er erinnerte sich an ein Lied, wie ging es nochmal? Es hatte mehr als zwei Silben. Auch das konnte er nicht zusammenfinden. Ein Lied nicht, zwei Silben nicht. Und wenn die Klangwelt des Menschen vorbei war, dann hatte das Lied auch ausgesungen. Er fühlte die Glut all der auseinandergewachsenen Silben und Geschichten. Er selbst war ein dunkler Kohlenstein, nass glänzend, mit einem roten, leuchtenden Bauch. Ausgezogen, durchnässt, Wolke ohne Hose, wiederkehrendes Wetter. Er begann zu begreifen, wie all die aufeinandergewachsenen Erinnerungen einen Abhang aufstellten vor seinem Auge. Die Verzweiflung loderte immer noch in seinem Herz, das langsam wieder denken lernte. Ein Feuer unter der durchtränkten Decke der Sinne. Dann stand er vor dem Haus, das Haus stand nicht allein. Das Haus war nicht der Würfel, den er gedacht hatte. Er betrachtete die Häuserreihe, beide Enden von einer Strasse abgeschlossen. Nach der Wiese roch die Strasse, auf der er entlangtappte, viel stärker nach dem Regen, der wieder fiel. Das raue Band legte sich warm an die Füsse, die Innenhaut von Geschichten, von seiner Geschichte, er bliebt stehen und fühlte die tausend Unebenheiten der Strasse erfolglos auf seine Haut einstechen. Würde ich ein Buch schreiben, käme ich nicht über die ersten Schritte hinaus, dachte er plötzlich. In seinem Herz begann eine Klangwelt zu herrschen, zitronengelb und dunkel zerfasert. Ich würde, dachte er, den Satz mit einem Vogel beginnen lassen, mit einer Amsel im Vorgarten. Ich liesse also die Vögel wieder kommen. Das Gehen ging leicht, wenn auch wiegend, er hatte etwas anderes gefunden als die randlose Vergeisterung seiner Wohnung. Er begann sich zu korrigieren, Entgeisterung meiner Wohnung. An der Rückseite der Häuser fand er den Hohlpfad, der hinter ihnen entlangführte und nach einigen Metern in den Wald einschwenkte. Er hielt an, drehte sich zu seinen Fenstern hinauf, aber der Regen fiel zu dicht, wie rote Ameisen blitzte es in seinen Augen auf, die Fenster waren immerhin da oben, Klangwelt des Menschen. Er hatte an seinem Denken gemerkt, der Boden hatte sich verändert. Nicht wie der Boden der Wiese, weich wie der Bauch einer Frau, nachgiebig und satt. Er ging unter die Bäume. Mit der Zeit hörte der Regen auf, und er setzte sich erschöpft und ein wenig atemlos an einen Baumstumpf. Es roch nach Moder und Pilz, nach tausend, zehntausend Gliedmassen, die wühlten, wirkten und wahrnahmen. Er legte den Hinterkopf auf den Spiegel des Stumpfs, der ihn angeblinzelt hatte, als er an ihm angekommen war. Ich könnte dir erzählen, flüsterte er in den Regen hinauf, könnte dir erzählen von den ungezählten Dingen und Wesen, die in mir hausen. Aber ich würde dir erzählen von dir, fuhr er fort, und du horchst ja schon. Er würde hier ein wenig bleiben, im Ohr des Waldes, das ihn harzig anatmete, beschloss er, befreit von allem Gesang, Klangwelt der Erde. Sein Körper leuchete im lichten Wald, unter den matten Farben des Regens, über der sauren Nadeldecke. Niemand hat uns noch gefunden, sagte er in den von den Ästen versperrten Himmel hinauf.

Die Ersten

Schneider wollte erst gar nichts unternehmen. Er war mit der Hälfte der Garnison angekommen, hatte sich keuchend zum Doktor gesetzt und berichten lassen. Der Doktor hatte ihm fürsorglich die Schulter gestreichelt, mit einem vorwissenden Lächeln. Fäs hatte in den Minuten, als Anna in die Liebrüti hinauf telefoniert hatte, aus Mutwille oder Vorauseile eines der Taue gelöst. Regner hatte ihn daran gehindert, auch das zweite Tau zu lösen. Das Schiff zerrte an dem einen Poller wie ein zurückweichendes Pferd, das in Angst seinen Kopf verwirft. Immer wieder glitt sein Hinterteil hinaus in den Fluss, um in einer langsamen Bewegung wieder am Kai anzuschlagen. Schneider war auf den zweiten Stuhl an Doktors Tisch gefallen. Sein Wams hatte er inzwischen sorgfältig gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt. Von dem Marsch hinunter an den Fluss war er vollkommen durchnässt, sein Gesicht war hochrot. Anna konnte fast sehen, wie das Blut sich in seinen wütenden Wangen staute und pulsierte. Drüben auf dem Schiff wanderten immer noch die Lumpengestalten herum, einige hatten noch einmal zu singen versucht, aber in Wind und Regen trug das Lied nicht. Einige ältere Kinder standen an der Reling des Schiffs und blickten zu ihnen hinüber. Sie konnte sie nicht mehr anblicken, nachdem sie ein rotes Auge und blosse Zähne gesehen hatte, hängend und blinkend. Sie stand mit verschränkten Armen am Tisch und starrte auf Schneider herunter. Seine Männer hatten sich im Halbkreis im Ufer aufgestellt. Vielleicht war auch Regine darunter, aber unter ihren Kapuzen konnte sie keine Gesichter erkennen. Sie wusste, dass auch Schneider nicht verstand. Aber er war der Wachtmann, hatte also zu entscheiden. Wieder sagte sie: „Was ist zu tun?“ Diesmal fügte sie hinzu: „In aller Güte zum Land, Wachtmann, gibt es nicht etwas zu entscheiden?“ Sie benutzte bewusst den Spruch der RETTUNG, weil sie die Liebe Schneiders zu solchen Formeln kannte. Ein wenig freute sie sich auch darüber, wie korrekt sie sich ausgedrückt hatte. Schneider sollte ihr nicht umsonst beigebracht haben, wie die Sprache nach Erling zu entschärfen war. Der Doktor nahm sein spitzes Kinn von Schneiders Schulter und schaute zu ihr auf. „Die Zeit gibt Rat,“ sagte er und meckerte sein Lachen. Schneider zuckte über den hellen Laut an seinem Ohr zusammen und hob seinen Blick vom Tisch. Der Wolkenträger war aufgestanden und um Anna herumgegangen, hatte mit der Hand über ihre Schulterblätter gestrichen und weitergekichert. Er schlenderte zum Schiff hinüber und schlenkerte dabei stark mit den Armen. Fäs und Regner, die am Kai standen, um ein Aussteigen der Kinder zu verhindern, machten ihm Platz. Beide wichen vor ihm zurück, traten links und rechts zur Seite, als träten sie aus einem dunkeln Schatten. Sie sah Regner kräftig den Kopf schütteln, Fäs hatte ein Zucken in den Schultern, ballte die Fäuste. Schneider unter ihr räusperte sich. „In aller Güte zum Land, ja,“ wiederholte Schneider. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das nasse Haar, das so einen schwarzen Helm auf seinem Kopf bildete. Seine flache Kopfform war jetzt noch besser zu sehen. Sie verlieh ihm den Ausdruck einer arglosen Echse. „In aller Güte,“ sagte er nochmals und fuhr fort, „ich habe davon gehört, Schweigerin, es gibt diese neue Strömung. Sie wollen den Kindern eine Art von Freiheit wiedergeben. Übersehen aber dabei die Verwendung der Kinder. Wenn nicht gar ihre anderweitig für unmöglich geschätzte Nützlichkeit. Immerhin meistens terminale Stadien. Und die Verwendung der Kinder lässt keine Freiheit zu. Das Leben der Kinder hat keinen Nutzen über ihre Arbeit hinaus… Steht es nicht so in den Badener Akten?“ „Badener Akten?“ Fragte Anna nach. Sie hatte davon noch nie gehört. „Ich glaube, es ist unter Paragraf 15 zu finden, Ergänzung C,“ sagte Schneider und zitierte: „Für eine neue Zukunft muss die alte Zukunft sterben.“ Er blickte zu ihr hinauf und probierte ein Lächeln. „Was heisst denn nun Freiheit, was heisst denn nun Bestimmung?“ Er klatschte mit beiden Handflächen auf den Tisch. Beim dumpfen Knall drehten sich Regner und der Doktor um. Schneider schob den Tisch von sich und stand auf. „Wagenheber,“ rief er den Doktor an, „genaueste Untersuchung, genaueste Erfassung. Ich möchte Namen wissen, ich möchte Herkunft wissen. Ich möchte wissen, woher.“ Der Doktor stakste zum Tisch zurück. Auf seinem Gesicht war unverhohlene Freude, es war sein Glückstag. Er rückte seinen zurückgestossenen Stuhl sorgfältig an den Tisch zurück, richtete diesen aus, legte sich die umgefallen Aktentasche auf den Schoss. Während der Doktor eine Plastikplane über den Tisch warf, seine Blätter sorgfältig vor sich bündelte und ein rundes Köfferchen öffnete, das unter den Tisch geschoben war, nahm Schneider sie am Arm und führte sie zum Wasser hinunter. „Das ist alles ganz und gar nicht gut, Anna, aber du hast es gut gemacht,“ sagte er dort und hielt ihren Arm immer noch fest. „Ich hätte es lieber gehabt, wenn dieses Schiff nicht gekommen wäre. Aber wo es jetzt da ist, dürfen wir es nicht wieder wegschicken. Ich weiss, dass wir in den Menschen dort oben immer noch Menschen sehen. Unfertige, zerfallende Menschen. Durch unsere Schuld zerfallend, durch unsere Schuld unfertig, wer weiss es denn so genau. Und ich weiss nicht, ob Erling sich seine Welt so vorgestellt hat. Rekruten wie du sind wahrscheinlich entsetzt darüber, wenn ihr die Zustände hier draussen mit jenen in den Büchern Erlings vergleicht.“ Anna machte einen Schritt von Schneider weg, er musste ihren Arm loslassen. „Verzeihung,“ sagte er und fragte: „Hörst du mir zu?“ Auf dem Schiff ihnen gegenüber hatten sich mehrere Figuren zusammengefunden und starrten auf sie hinunter. Der leichte Regen verstärkte den Eindruck ihres Schwankens. Aus einer Kehle kam ein Keuchen. Wortlos lehnten sie sich an die niedrige Reling des Schiffs. Unter ihren Kapuzenmänteln konnte man nicht erkennen, ob es Mädchen oder Jungen waren. Anna fühlte sich unwohl mit Schneider an ihrer Seite. „Was wird mit ihnen geschehen?“ fragte sie und korrigierte sich: „Was werden wir mit ihnen machen?“ Schneider schnaubte: „Wieviele Entladungen?“ Anna verstand erst nicht, dann antwortete sie: „Fünf Entladungen habe ich schon gemacht, Wachtmeister.“ „Also so gut wie keine,“ Schneiders Stimme war bestimmt, „ich muss es dir nicht sagen, weil ich es dir gerade gestern bei der Lagebesprechung gesagt habe, jede Entladung ist anders, ist eigen. Diese hier ist die Erste, die uns herausfordert. Niemand ist darauf vorbereitet. Aber ich gehe fast davon aus, dass es nicht die Letzte sein wird. Darauf können wir gefasst sein, darauf können wir uns einstellen.“ Schneider hob seinen schweren Kopf und blickte die am nächsten stehende Gestalt an. „Kannst du reden?“ fragte er zum Schiff hinauf. Die Gestalt hörte mit ihrem Schwanken auf und beugte sich weit über die Reling hinaus. Fast war ihr Kopf auf der Höhe von Schneiders Kopf. „Was?“ sagte eine helle Mädchenstimme. „Ob du reden kannst, habe ich gefragt,“ sagte Schneider. „Reden ist nicht mehr nötig,“ sagte das Mädchen, „reden ist… überflüssig. Alles ist schon geschehen.“ Ein Kichern entstand unter der grauen Kapuze und wurde zum Husten. Schneider wandte sich wieder Anna zu. „Es gibt noch keine Direktiven von der VZS. Unsere Entscheidung wird uns lehren, was zu tun gewesen wäre.“ Schneider und seine Direktiven, Sendschreiben und Formeln, dachte Anna. Wieder fühlte sie den Sog in eine Mitte, die abseits der Wirklichkeit lag. Wie das Herz nicht in der Mitte der Brust sass. So eingemittet, war die Verwirrung geringer, waren die überflüssigen Gedanken bedeckt vom Schatten der dauergerollten Sprüche und Schlagworte. Das Leben der Kinder ist ein Sterben der Kinder, dachte sie. Schneider hatte sich von ihr weggedreht und gestikulierte zu Fäs und Regner hinüber. In ihren Ohren rauschte es. Sie berührte ihre heissen Wangen und klatschte mehrmals darauf. Im Aufblicken trafen sich ihre Blicke, die noch ganz erfüllt waren vom gelben Strudel des Flusses zwischen Kai und Schiffsrumpf, mit denen des Kindes. Das Mädchen war immer noch über die Reling gebeugt. Anna erschrak. Aus dem Mund des Mädchens tropfte eine gelbliche Flüssigkeit, blieb in langen Fäden am Kinn des Mädchens hängen. Das Mädchen seufzte, ächzte. Sein ganzer Körper bog sich puppenhaft. Aus dem Augenwinkel sah Anna, wie Regner das Tau auswarf und zusammen mit Fäs das Achterheck des Schiffs wieder am Kai vertäute. Die beiden Männer rückten die Landungsbrücke wieder ans Schiff heran und sicherten sie mit den schweren Haken an der Reling. Schneider stand mit den Händen auf dem Rücken auf dem Kai, sein Bäuchlein unter dem offenen Mantel sichtbar, ein Bild der Zufriedenheit mit der Wirklichkeit. Das Rauschen in ihren Ohren wurde von den Rufen der Männer gespalten. Langsam schritt sie zum Tisch des Doktors zurück. Dieser hatte seine Kladde aufgeschlagen und schrieb bereits darin. Seine Zungenspitze schlüpfte zwischen den Lippen hervor, einmal rechts und einmal links. Er hob kurz den Kopf, seine Augen schimmerten sehr dunkel, sein Atem ging schnell und flach. Sein Gesicht fiel beim Sprechen jetzt stärker auseinander. „Ich beginne bereits mit den Prä-li-mi-narien,“ sagte er, „sonst verzögere ich nur den Prozess.“ Die ersten Kinder betraten den Kai. Anna blickte sich nach Kalmer um, den sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie vom Schiff gegangen war. Sie fand ihn nicht auf dem Kai, entdeckte ihn aber unter den Kindern. Eben stieg er vom Schiff. Seine schmächtige Gestalt hatte sich unter den Kindern verloren. Er war also entgegen ihres Verbots auf das Schiff gestiegen. Ihre Blicke trafen ihn und riefen ihn zu sich. Sie hielt ihn an der Schulter fest, denn er wollte an ihr vorbeischlüpfen. Unter seiner Kappe war sein Gesicht gerötet und schwitzte. Sie wartete, bis er seinen Kopf gehoben hatte. Seine Augen waren schwarz, nur Pupillen. Sie legte ihre Finger eng aneinander und formte damit eine geschlossene Knospe, den Handrücken gegen aussen, führte damit zwei herausfordernde, ruckende Bewegungen in seine Richtung aus. Kalmer zuckte mit den Schultern und zeigte zwei Wörter. Mit der rechten Hand bildete er einen Haken, mit dem er im Uhrzeigersinn eine Spirale in die Luft zeichnete. Darauf liess er seine ausgestreckten Zeigefinger vor seinem Bauch zusammenstossen. Sein Mund formte das Wort für „Schwester“. Sie nickte ihm zu und liess seine Schulter los. Kalmer stellte sich in den Rücken des Doktors und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Schweighöfer, wo bleiben Sie?“ rief dieser sie jetzt an. Das Namensbuch lag bereits auf dem Tisch. Wer hatte es für sie geholt? Sie hatte ihre Aufgabe vergessen. Fäs hatte sich an der Landungsbrücke positioniert und half stolpernden Kindern wieder auf. Regner stand neben Schneider auf dem Weg zum Tisch und betrachtete wie dieser die Kinder. Sie sprachen unterdrückt miteinander, kurze klare Worte. Anna setzte sich an den Tisch. Wie schon das letzte Mal hatte sich der Doktor den besseren Stuhl genommen. Ihr Stuhl war klein und wackelte. Sie musste ihren Oberkörper recken, um überhaupt schreiben zu können. Ihre Ellbogen waren knapp unterhalb des Tischrands. Sie strich sich das nasse Haar aus der Stirn und nahm ihren Stift aus der Innentasche ihrer Jacke. Vor ihr stand ein hochgewachsener, magerer junger Mann. Er trug weder Hemd noch Jacke, sein weisser, haarloser Oberkörper leuchtete fast. Die Brustwarzen waren schwarz in der Kälte. Die Augen darüber waren sandfarben, der Kopf sehr rund und kahl. Einen Moment fielen seine Augen in ihre, ihre in seine. Dann löste sich der Augenblick, die Augen fanden ihre Freiheit wieder. „Name?“ fragte sie, die Augen auf dem Buch, und schrieb unter der letzten Liste das Datum. „Bleicher Johannes,“ sagte der junge Mann und schwankte vornüber. Jetzt stand Schneider an seiner Seite und hielt ihn am Oberarm fest. „Schweighöfer,“ sagte Schneider, „worauf wartest du? Komm mit, wir reden mit dem Kapitän.“ Sie wollte einwenden, „Aber die Namen“, doch er schüttelte den Kopf und machte mit der Hand die Bewegung des Aufstehens. „Wagenheber, machen Sie weiter,“ hiess sie den Doktor, der bereits an dem jungen Mann herumtastete. Gerade hatte er den Mund geöffnet und schaute sich die Zähne an. „Ja, machen’s nur,“ knurrte er mit einem Seitenblick, „ich kann auch zählen und schreiben.“ Und zu Schneider gewandt: „Ihre Männer wissen, was tun?“ Schneider nickte und sagte: „Sie wissen, was tun, Medizinmann.“ Anna ging mit Schneider zum Schiff, an der Schlange von schlurfenden Figuren vorbei.


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Die stille Nähmaschine

Die Vögel sind lange schon still. Gewesen, geworden. Unter den schweren klirrenden Perlenschnüren des Regens tänzelte er dahin. Reizwelle um Reizwelle erspürte seine Haut, seine Häutchen. Erringelten seine Ängste, die er sorgfältig und vorschnell von einem unsichern Ort zum anderen gefährdeten Unterstand hin und her schob. Erschauernder Zirkuskünstler. Seine Orientierung unter den Schauern und im Schaudern null und nichtig. Können Achänen im Regen fliegen? Er hielt seine Hände über seinen Kopf. Auf den Handflächen stichelte die Nähmaschine des Regens ein Muster. Die Handflächen wuchsen unter dem Muster an, Palmwedel. Seine Beine hatten kein Gefühl mehr, er schleuderte sie um sich und blieb aufrecht. Was Wunder. Wenn er stehen blieb, schüttelte ihn die knarrende Stille des Wäldchens. An jedem Bitzen seiner Haut zupften die Stränge ihres feuchten klebrigen Netzes. Die Bäume leuchteten wie aufgesprungene Tulpenkelche. Jeder ein gottverdammter Brunnen, tief wie Erdspalten, Marianengräben. Hatten die Vögel verschluckt, hatten die Vögel geteert und gefedert. Was Wunder. Die Äste unter seinen Füssen sahen aus wie abgehackte Storchenbeine, die Blätter über seinen Händen wie Kiebitzhauben. Sein ganzes Urteilen war von einem Schimmel punktiert. Vielleicht sind Menschen wirklich bald nicht mehr möglich. Dennoch erfasste ihn eine Art von Begeisterung, halb Häme halb Vorfreude. Er würde dem Kommenden nicht die Stirn bieten, das wusste er. Er, nein, er würde sich der Zeit nicht sperren. Schon nicht mehr länger, das sage ich dir. Was Wunder bei diesen, diesen, diesen. Phantome, so scheint es. Aber das Fehlen der Vögel, ist das etwa ein Phantom? Ein Grunzen kam aus seinem Mund. Ja wohl, so sehr. Ein Gefühl von ab-hier-bist-du-allein-Mama-hat-was-anderes-zu-tun. Nun stand er unter seinem Baum, ein torkelnder Däumling, unter den daunenweichen Testikeln der Eiche Warte-auf-dich. Verfluchtes Märchen. Ein Grunzen kam gleich nochmals aus seinem Mund, kehlig wie nach dem Reihern. Hier unten waren die Regenketten wie die Küchengardinen in der Stadt, die sich bewegt hatten unter den Händen der Feigen. Hier unten gab es keine folgenden Augen, hier unten gab es keine Distanznahme. Mehlig und schwer sank er in das Moos und zwischen die Eichensprösslinge. Aber er wusste, was zu tun war, nicht wahr? Jetzt, wo Mama hat was anderes zu tun. Er musste an seinem Urteilen feilen. Eine Stille befand sich wattig auf seinen Ohren. Über ihm der Blätterbrunnen, die Blättertiefe. Keine Kraft hinaufzusteigen, noch nicht, schon nicht. Die Stirn bieten, auch so ein Spruch aus Zeiten, als die Vernunft das Höchste gewesen war. Und wo hatte sie hingeführt, die Vernunft? Was Wunder, sass er jetzt da wie ein umgekippter Schemel, das Licht ausgeblasen für eine unbestimmte Dauer. Im Schoss des Baumes, die Fäuste immer noch sicher in den Taschen. War es nicht seine Aufgabe gewesen, auf dieses hier zu warten, auf dieses hier mit schmerzender Vorstellung zu plangen? Die Erscheinungen erstaunten ihn nicht länger. Das war, was erstaunlich war. Er konnte sich nicht mehr erstaunen, schon nicht mehr erschrecken. Obwohl der Schreck ihm mächtig in die Glieder gefahren war, für eine bebende Kälte sorgte dort, wo die Verantwortung ihren leeren Kelch hätte erheben sollen. Die Gesichter des Gesehenen verwoben sich immer noch breit und längs in einer Fieberwelle zur nächsten. Über ihm lispelten die Eichenblätter von den Stichen des Regens. Die Fäuste im Schoss, ein Wunder, das auf Fortsetzung wartete, immer noch auf Fortsetzung. Aber noch konnte er die Fäuste nicht öffnen, die vollmächtige Verantwortung ergreifen. Er wartete auf etwas, das ihm gegeben würde. Selbst jetzt noch konnte er nicht vornehmen und vorpreschen. Er legte den Kopf in den Nacken, mit seinem von Phantomen vernebelten Blick haschte er nach den aufblitzenden, aufspritzenden Sternen des Regens, der da oben stickte und stickte. Ich bin ein Geschöpf aus Boden und Stein, dachte er, was willst du von mir. Wie lange würde es dauern, bis dieser Steintrog gefüllt wäre, überflösse? Und das am falschen Ort, wohl, wohl. Denn wo keine Vögel, da kein Aufbruch, weder Frühling noch Herbst. Ein verhärtetes Kind, das bin ich, dachte er, Trotz und Ohnmacht haben mich gestählt. Aber weder Ohnmacht noch Trotz sind Dinge, die grünen, Dinge aus dem Grünenden. Allen, allen, fuhr es durch ihn hindurch, fehlte von Anfang so ein Baumes-Schoss. In einem Baumes-Schoss, was Wunder, wirst versinkend aufgehoben. Und doch konnte er nicht beschliessen, er habe nichts damit zu tun. Es schmerzte ihn, die rissige raue Ründe der Rinde in seinem geraden Rücken zu spüren. Den schüchternen Geruch des Mooses zu riechen, ein blindes durchsichtiges Tasten. Hatte er sich denn wirklich aufgemacht? Und mit welchem Zweck? Wieder nur der natürlichen Unruhe gefolgt, ja, dann sitz jetzt mal still. Seit Jahren hatte er sich unter den Augen der Vorübergehenden in sich hineingestülpt, um sich nicht anzubieten, um sich nicht auszustellen. So sehr war er in sich geschlüpft, dass sie ihn sogar zu grüssen begonnen hatten. Und nun, ausgerechnet in diesem Moment, wäre er gerne begrüsst worden? War das wirklich die Zeit, um hinauszutreten? Langsam badete das Flüstern des Tages seinen geraden Körper. Allmählich kam die Eiche auf ihn zu, rückte an seine Schulter, schob sich an seine Hüfte. Er weinte nicht, denn er verstand nicht. Er verstand nicht, denn er hatte es nur zu gut gesehen. Er weinte nicht, denn hatte er nicht mit seinen innersten Worten Anteil an dem Gesehenen, das Gesehene ausgelöst? Und er begriff nicht, wie dieses nicht Begriffene ihn derart ergriff. Denn es lag nicht an seinem Bruder. Schon immer hatte der sich den Regeln der Welt zugeneigt, in sie hineingelehnt, das waren seine Stöcke und Schlingen. Während er selbst sich verkroch, verspann, auswich. Damit lebte, sich selbst zu betrauern. Was Wunder, wurde er zum Zauberer, zum Beschwörer. Aber das wollte er nicht beschworen haben, was er gesehen hatte. Und musste es doch immer wieder, verlangsamt und tranig-verschleimt, wahrnehmen. Es war in seinen Körper gesunken wie die klamme Luft in seine Brust. Argwohn nähte die Platzwunde seines Urteils, lange schwer gleitende, plötzlich zupfende Durchstiche. Das Wissen um die rutschende Zeit war gewisser, aber die Bedrohung bedrohte auch ihn. Damit war nichts gewonnen. Die Geister, die er gesehen hatte, waren noch nicht geläutert. Die Menschen, die sie trieben, hatten keine innersten Worte mehr. Die Borke des Baums in seinem Rücken war trocken, fast warm. Im Schoss des Baums war es harzig und sicher, ein gelbes Halo umgab die beiden, wie hoch am Himmel. Schweiss und Regen trocknete zusammen auf seiner höckerigen undurchlässigen Haut. Im lichten Trichter der Eiche ragten die Hirtenstabrunen der Äste über den Menschen hinaus, Zeichen- und Schutzhand in der Ungerade. An den Stamm gelehnt, gepresst, spürte Ueli die doppelte, gewürzige Bewegung des Baums. Er begann den Schrecken zu verwinden, denn hatte er nicht davon gewusst, von den Kähnen voller Menschen, die gingen und nimmer wieder kamen? Das Eichenblattwispern über ihm drehte sich um ihn, gerundet und unregelmässig, die Nerven liefen durch die Blätter ohne zu zögern, bis in die runden Grenzen der Blätter hinaus. Was Wunder hatte die Mauer nicht vermocht, was der Baum im Nu aus der Zeit grub, aus dem Menschen heraus schöpfte. Um die Säule dieses Baums, der ihn in die Ründe der Welt hob, in die geschüttelte und behütete Kurve der Zeit, wob der Regen die Falten des Tuches, aus dem geschah, was geschehen war, geschah und geschehen würde. Seine eigene Säule, nicht mehr als ein Zahnstocher, ein wütender Hirschkäfer vielleicht, steif und zerbrechlich, bog sich glucksend und jauchzend im Schatten des Baums und des Regens. Bis auf den umbemessen tickenden Regen verstummte das regsame Urteil. Dem leichten Wind gelang es nicht, die taumelnden Wahrheiten zu stützen. Es erhob sich in ihm, schwankend wie der Schild einer Schlange, die wischende Freude. Was ich gesehen habe, kann ich nicht ungesehen machen, dachte er. Er hob den Kopf aus seinen Händen. Sein Nacken schmerzte, seine Wangen brannten. Auch ich bin feige gewesen, flüsterte er und bewegte sich wie jemand, der in ein neues Kleid zu schlüpfen versucht. Und das Kleid war triefend nass und eiskalt. Seine Bewegungen, eben noch tänzerisch, verloren ihren Takt. Alle Muskeln verspannten sich. Während er seine eigenen Vorhänge zerriss, glühte sein Gesicht wie der transparente leuchtende Körper eines Tiefseefisches. Sein Mund vollführte Atembewegungen. Sein Gehirn presste mit ganzer Macht an den Schläfen wie eine Fischblase vor dem Platzen. Seine roten Lippen mit dem Metallgeschmack zuckten wie ausgegrabene Würmer. So ist es, fuhr es ihm durch und durch, wenn du nicht mehr lügst, dich nicht mehr betrügst. Und vor den alten, lau nassen Furchen des Baums konnte ein Fremder in dem hin- und hergeworfenen Körper die Schemen unbekannter Organe sich regen sehen. Dieser Fremde stand auf dem andern Ufer des Dorenbachs. Sein Gesicht sah aus wie tausendmal aufgetrennt und tausendmal vernäht. Er stand im Schatten einer Weide, die ihre Rutengänger-Äste verwirrt über das Wasser streifen liess. Der Fremde trat aus dem grünen Vorhang heraus. Für Momente konnte nicht gesagt werden, ob es eine Frau oder ein Mann war. Die Gestalt sprang leichtfüssig über die Steine im Bach und neigte nach wenigen Sekunden ihr spitzes, tropfendes Gesicht in das von Ueli. Ihr Atem schmeckte sauer und frisch. Zurücktretend, stimmte sie ein helles hustendes Lachen an und verschwand für einige Augenblicke aus Uelis Blickfeld. Wie jemand, der das riesige Leinentuch des Regens ausschüttelt, verschwand die Lachende dahinter, und das Lachen wurde dumpf, an Nähten reissender Stoff. Dann war das Gesicht wieder da, und er konnte jede Bartstoppel sehen. „Bischt im Brünneli?“ fragte der Fremde und tanzte wieder ausser Sicht. Das nächste Mal war der Atem an seinem rechten Ohr und sagte: „Wo isch denn das Sünneli?“ Jetzt konnte Ueli deutlich den deutschen Akzent hören, flache Schiefersteine, schlecht geworfen. Er schlug nach dem Gesicht, traf aber nicht. Er war noch nicht ganz sicher, ob er es sich nicht einbildete. Um ihn herum hatte der Regen Gestalt angenommen, jeder Tropfen war ausgesucht und stach mit Bestimmung durch die gräuliche Luft. Seine Kehle war mit Moos ausgekleidet. Der Fremde war da und liess sich aus dem Stehen in einen korrekten Schneidersitz fallen. Die Beine des Fremden sahen aus wie eine eingerollte Schlange. Der Fremde hielt ihm seine gelbe lange Nase unter das Kinn und äugte zu ihm hinauf. „Bischt verschrocke?“ fragte der Fremde. Ueli konnte noch nicht antworten. Er konzentrierte sich darauf, dieses scharfe Gesicht nicht zu sehen. Dieses Gesicht war von zwei mächtigen Händen gepresst worden, von Geschwindigkeit oder von Anziehungskraft. Weder Fisch noch Vogel. Langsam wandte Ueli den Kopf von der einen zur anderen Seite. Er spürte seine Hände wieder. Seine Wirbelsäule knackte und krachte wie ein Scheit, das auseinandergerissen wird, nachdem die Axt es gespalten hat. Gelber Regen, Sägespäne. Dann war die Sicht wieder gut. Er streckte die Hand aus und berührte die Erscheinung an der Schulter. „Auf Erkenntnis folgt Überprüfung“, sagte der Fremde, „ich sehe, funktioniert doch.“ Der Fremde lehnte sich auf seine Hände zurück und hielt das Gesicht in den Regen. Im gelben Licht sah es aus wie die frisch geschlagene Spitze eines Zaunpfahls. Der Fremde bewegte sich ruckartig, schon war seine Hand nach vorne geschossen und berührte fast Uelis Brust. „Rothermund Samuel, wenn Sie gestatten,“ sagte er. Ueli brummelte seinen Namen, zögerte aber, die Hand zu ergreifen. Die Hand zuckte weiter nach vorne. „Musst sie schon annehmen, sonst geht das nicht,“ sagte der Fremde und berührte mit den Fingerspitzen Uelis Brustbein. „Sämi, der Einfachheit halber.“ Nochmals berührten die Fingerspitzen Uelis Brustbein. Diesmal ergriff er die honigweiche Hand, die keinen Druck ausübte. Dennoch war er plötzlich auf den Füssen. Mit leichtem Schwindel stand er unter dem Baum. Was Wunder, dachte er, dass ich nicht zur Hälfte noch im Boden stecke. Ein Kichern kam und ging. Jemand stand an seiner Seite und hielt ihn an der Schulter umarmt. „Ich muss dir etwas zeigen,“ sagte die Stimme neben ihm.


(Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay.)

Spiegelgedicht

Du hast keinen inneren Halt
Du saugst an fremden Knochen
Du interessierst dich nicht für mich
Du stellst keine Fragen oder unverfängliche
Du spekulierst mehr als du weisst
Du findest Muttis
                  Die helfen und sorgen sich
Du träumst dich gern hinweg
                  Aus Konflikten und Ansprüchen
Du hast keine Überzeugungen
Du bist angelesen
Du weichst Irritationen aus
Du fragst nie nach
Du suchst einen Kuss und fürchtest den Griff an meine Brust
Du redest von Liebe viel zu schnell
Du bist nicht für die Freundschaft gemacht
Deine Ideen sind geliehen
Dein Schreiben ist nur vorgeschoben
Du läufst kindlichen Vorstellungen hinterher
Du scheust das tiefer Graben
Du schüttest lieber Gräben auf
Du glaubst an den Berg und willst nur das Plane
Du bist von deiner Freiheit überzeugt
                  Als wärst du ohne mich
                                    Und ohne uns
                                                     Überhaupt möglich
Du schmückst dich mit Fremder Wörter und Fremdwörtern
Du tanzt auf allen Hochzeiten
Du hast zu viele Interessen
Du kannst nicht ehrlich sein zu dir
                  Wenn du das mit mir nicht kannst
Du hast noch nie etwas zu Ende gebracht
Du hast noch nie etwas zu Ende gedacht
Du träumst von der Wildnis und suhlst dich auf der Couch
Du liest Bücher und Geschichten
                  Um etwas zu sagen zu haben
Du möchtest nach dem Mund geredet werden
Du willst es nicht unnötig schwer machen
Du verstehst unter Freiheit etwas anderes
Du bist undankbar
Du redest ja nicht mit mir
Du rechtfertigst dich immer
Du machst im entscheidenden Moment dicht
Du willst nicht über die Beziehung sprechen
Du kreist nur um dich selbst
Dein Leben ist nur möglich dank all der anderen
Du hast ein Begehren ohne Worte
Du hast ein Begehren ohne Wissen
Du hast ein Begehren ohne Wirklichkeit
Du hast zu viele Worte
                  Und wenn es darauf ankommt keine
Du hast ein schüchternes Herz
Du bist der Widder im Gestrüpp
Du hattest einfach Glück.


(Bild von Peter H auf Pixabay.)