Auszureden ist es nicht

Auszureden ist es nicht:
Die Karussell-Stufen schlingen sich um dich wie ein Kind das dich lange vermisst hat
Die ausgewürgte Scham steigt aus deinen Augen mit ihrem Ebergesicht und den Kakerlakenfüssen
Die früheren Zeiten streiten nicht mehr mit den kommenden Zeiten
Die letzten Gedanken vor dem Schlaf sind Mutterbrüste voller lächelnder Kehrichtdeponien
Und unter das Dach deiner Gedichte hat noch kein Wurm sein Erdhäufchen hingebracht.

Der Hass auf diese Zeiten

Der Hass auf diese Zeiten, wenn Geld dir wieder fehlt,
Die Tage ausgestreckt über dir wie Kranichflügel,
Als sei der Ruf: „nach Süden, nach Süden!“ nie verfehlt,
Der Hass auf diese Zeiten, er formt den Venus-Hügel,

Auf dem du trotzt den Wünschen nach rationalem Tun,
Von dem du Hoffnung tötest auf kluges Spar-Verhalten,
Und singst und zählst die Kerne, wies tut ein blindes Huhn,
In denen liegt das Schweigen, das niemals wird veralten:

„Es sind die Dinge so voller Mühe.“ Rede nur
Und hör nicht auf das Rauschen, das kommt vom Flug der Lügen,
Die aufgereiht du hast in Gedichte ohne Spur
Von Treue oder Mut: willst dich immer noch betrügen…

Ich seh den Hass Facetten schleifen von deinen Gallensteinen.
Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen.

Lagrimas Negras

Sein wie
Der Mann im morgendlichen Park
Der zuerst im Nebel und dann in zunehmender Sonne langsam ausschreitet
Fast im Tanz
Die weissen Kopfhörer gut eingesteckt
Als seien es Wurzeln der Realität
Die sich aus seiner Jackentasche windet
Bedächtig und bedacht schreitet er aus
In seiner rechten Hand hält er eine Bierbüchse
Den ganzen Morgen hält er diese Bierbüchse in seiner rechten Hand
Grade wie sein Rücken und geht
Rund und rund um die Rasenfläche herum
Den ganzen Morgen

Sein wie
Das blonde Strubbelmädchen
Vier Jahre etwa
Das mit knarrender und krächzender Stimme
Miniaturrabe
In den Morgenpark hineinläuft
Schiesst und fuchtelt und kichert
Entgegen der Warnung der hochschwangeren Mutter auf hohe Steine kriecht
Sich unter unserem Tischtennistisch verkriecht und herausschiesst wie ein Eichhörnchen
Sich vom Ball ablenken lässt und ihn wieder lässt

Sein wie der alte Herr mit Krawatte
Jetzt im hellen schrägen Herbstmorgenlicht im Park
Mitten in der Matte
Seine Gitarre glänzt und sein Haar
Seine Gitarre trägt nicht weit
Aber seine laute tragende Stimme
Er singt in das Grün hinaus
Spanische Weisen
Die Sonne im Gesicht und ernst
Als ginge es um Brot und Leben.

Ich seh die alte Lüge

Ich seh die alte Lüge auf ihren spitzen Beinen:
Auf diesem Pfad ist wirklich erglühen bis ins Mark!
Mit rotgeschwärtzen Händen doch stets das Gleiche meinen,
Als gäb es nicht den Spatzen, der zählt auf nichts im Park.

Ich seh dich wieder sieden und Widerspruch austeilen,
Mit Blumen-Nägeln kratzen am Kitt der Sorgenwelt.
Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?
Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält!

Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend weichen Händen:
Du tust was du getan hast und gehst von Hind nach Sind.
Du siehst den Schnee schon liegen in deinen eignen Wänden.
Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind.

Ich seh dich ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden.
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Mehr als der Wall

Ich bin mehr als der Wall
In dem ich bin.
Ich bin weniger als die Wut
In der ich schreibe.
Ich bin die Mühe um Wind
Und mehr: eine Kaskade über dem schwarzen Gestein
Das in mir immer noch widersteht einer Berührung
Einer Rosenaufzucht
Und unter dem schwarzen Gestein die Dornen der Hecken im Spiegel der Zeiten
Und unter den Dornen die Bise der Abwendung.
Aufgewirbelt ist die mutlose und richtungslose Wut
Zerfetzt das Zahnfleisch der Betriebsamkeit und auf dem Wall
In dem ich hause
Schneidet meine Lunge tranige Brocken Zeit von meiner Freiheit ab.

Brackwässerige Augen sind eingefasst in die roten Wangen Adams:
Ich bin mehr als die Wut mit ihren Wurzeln in der Scham
Ich bin weniger als der Wall mit seinen Backensteinen aus Schuld
Und mehr: ich bin das Grausen der Trittsicherheit und
Die Speise des Aufstiegs.
Ich bin der Vorkoster des Abschieds und der Kataster von den krallenwerfenden
Anfängen diesen sturen Böcken
Die mitten in der Nebel-Matte stehen und die Hörner senken
Und harre katatonisch mit einem leichten Zwinkern auf den Wind
Der durch die Lücken meines Walls und in die Röte meiner Wut führe
Und kaue mit dem nötigen Schwindel am Zuckerrohr
Das aufgeschossen ist in meinem schweigenden Rücken
Verkrustet von den fehlenden Händen.

Der Blick deiner Katze

Meine Katze betrachtet mich:
In ihrem Blick
In ihrem langsamen Blinzeln
Sehe ich all die abgebrannten Scheunen in den überfluteten Träumen stehen
Die Löwenscherze meiner Bedürftigkeit –
Was hatte ich nicht alles eingenistet in diesen Lotterläden für meine Gedichte
Die sich niemals zu einem Gebet hinaufschwingen konnten
Hinaufschwingen können würden zu einem Gebet
Das da oben wie eine Klinge im Herbstregen sauste
Und ich sehe im Blick meiner Katze den Blick eines Wesens ohne Hoffnung
Weil Hoffnung etwas für den Menschen ist
Eine Art unendlicher Faden an dem zu ziehen der Mensch geboren wird
Um endlich am Ende des Fadens vielleicht
Eine Fliege oder eine Pfauenfeder mit dem Auge Allahs oder wenigstens
Einen Haken zu erlangen
Der leicht zu verschlucken ist und mit den ersten Rucken dann doch zu schmerzen beginnt
Aber leicht oh leicht sind die ersten Rucke wie ein Blinzeln
Und du tauchst ab und reisst alles mit dir mit in die Tiefe der Stille deiner Wohnung
In die fraglose Tiefe deiner Armut
Die wie immer keinen Ausweg verrät
Den sie dir bereit hielte für den Falle eines zu erfüllenden Gebets
Das dich abschnitte von diesem Faden an dem zu zerren du berufen bist
Und in den Augen der Katze siehst du die Unempfindlichkeit für deine Tränen und Seufzer und dein Lachen über deine Lage
Und während sie sich abwendet und die Scheunen mitnimmt und die Haken und die Regentropfen und die Tiefe und die Wünsche deiner Kinder
Hat das Gedicht schon begonnen wie eine Ankerkette.

Bericht vom Grünen

Ich grüne
Werfe mich hin
Als Schal in das Land
Eine Gestalt von Käfer und Kuss
Das Bein eines Hags ausgeschwenkt in die Zähren einer uneintauschbaren
Armut wie Grasnaben
Und hühne mich
Dem höhnischen Boden entsprossen
Hebe mich über den Stein des Anstosses
Unter dem der Bettler sich bettet
Dem die Freunde einwuchsen
Eingerollt in die Nervendecke aus Gegenwart und Zuversicht
Im leisen Schaben der Maden im Fleisch seiner und meiner Seele
Mitten im Menschental grüne ich
Noch eine Weile noch eine kleine Weile bitte
Schicke meine Papillen hinaus wie luzide lytische Antennen
In den Wald hinaus
Mit grünenden Lauten wie eine Katze im Schlaf
Schlage ich aus unter der Hand von Armut und Zumutung und
Werfe mich hin
Als Saite in die Geschichten
Die zu erfahren nicht erlaubt ist
In die Landschaften in die ich nicht geboren bin
In die Blutkreise in denen ich ersticken würde
Und höre die feinen Füsse eines Mistkäfers auf meinem Halmrücken:
Da bist du ja.

Dein Traum

Ich habe ein Haus
Ich führe dich herum
Es hat so viele Zimmer
Ich gebe nicht zu
Dass ich einige noch nie betreten habe
Ich glaube sie entstehen vorzu
Das Haus wächst aus sich selbst heraus
Ich bin gerührt und beschämt zugleich
Und erfinde Geschichten und Erfahrungen zu den neuen Zimmern
In den Ecken der Zimmer liegt etwas wie silberner Tau oder Kaffeeflecken
Ich zeige dir auch dein Kinderzimmer wie es war bevor du auszogst
Der riesige braune staubige Teddybär hockt wie ein Gräuel im Tempel deines ungemachten Mädchenbetts
Als wollte er dir und mir den Zutritt verweigern zu unseren Kindheiten
Schnell führe ich dich ins Zimmer nebenan
Räume einen Grossmuttertisch frei
Damit du deine Musik schreiben kannst darauf
Deine Musik für meine Schreibteppiche
Die ich dir nun zeige im neueren Teil des Hauses
Das immer weiter wird und sich ausdehnt wie eine Lunge
Israelischer Bauhausstil sagst du anerkennend und drehst dich verwundert hin und her in den lichten schlichten kaum eingerichteten Räumen
Die alle auf einen schillernden Wald hinausgehen
Auf eine Moorküste mit hoch aufgeschossenen verdorrten rindenlosen Espenstämmen
Du willst dich vor diesem in der Nieselsonne glänzenden Gebiss abwenden
Doch ich drehe dich um und bitte dich
Schau genau hin
Denn aus dem Moor steigen Nebeltücher und bilden Gestalten
Frauen und Männer und Kinder
Und ich führe dich
Bevor du sie noch erkennen kannst
Eilig weiter in das Männerzimmer
In dem die dumpfen Gespräche auf Perserteppichen geführt werden
Von ratlosen Gesten und Farsi-Gedichtfetzen und keuchenden Seufzern begleitet
Sascha Dimiter Cebrail Matthias Marc Vinzenz
Doch ich führe dich weiter in eine grosse Halle mit Oberlicht
Hier hängen die Porträts meiner Familie
Sogar die Kinder meiner Kinder stehen dort umgedreht an der Wand
Und ich führe dich zu einem Bild
Das jetzt denn plötzlich ist Nach geworden
Besser als die anderen ausgeleuchtet ist
Und ich sage
Das ist Heinz
Und ich reiche dir eine der Phiolen
Die unter dem Bild
Die unter allen Bildern in kleine Holzgestellte gesteckt sind
Und nehme mir auch eine und
Wir trinken daraus in kleinen Schlucken
Zögernd zuerst und dann immer gieriger

Bericht vom Gottesschrecken

Ich will der Wahrheit nach berichten, mein Herr
Ich will unser Leid nicht vergrössern durch Umschweife und Ausschmückung,
denn als der Gottesschrecken kam, mein Herr,
erlosch in unseren Herzen so gänzlich Hoffnung,
da durchfuhr unsere Knochen so vollständig das Eis des nächsten Lebens,
dass weder Pferd noch Reiter,
nutzlos in diesen Gebirgsländern voller Blöken und Kläffen, mit Verlaub, mein Herr,
weder Schwert noch Scheide mehr eine andere Absicht zu haben schienen als
hinzusinken und mit Gewicht zu verrosten und verrotten;
das Beben der Erde stammte von diesen Augen eines jungen Mannes,
das Schüttern der Berge,
als erzitterte ein kunstvoll zu Ehren Dagons aufgerichtetes Steinmahl unterm Donnern der Streitwagen,
ein Stein über den andern purzelnd wie ein aufgelöstes Gelöbnis, mein Herr,
das Schlickern der Hügel stammte von diesem gleissenden, schartigen Schwert,
das der junge Gottesschrecken schwang,
mein Herr, ich bezeuge seinen Eifer,
ich verstumme ob seines Muts,
den selbst du nur Tollkühnheit nennen würdest,
zwischen Senne und Bozez geschah dies,
unser Vorsprung ragte hinaus in die Schluchten und in die Kerben dieses öden Landes, das diese Barbaren wie den Garten einer Königin lieben und beschützen,
mit Harke und Schaufel um sich schlagend wie von Tollwut verseucht;
kaum hatte der Saulsohn seine Affengestalt über unseren Wall geschwungen,
das will ich bis an die Pforten meines Lebens bezeugen, mein Herr,
war es, als fielen uns die Zähne vor Klappern aus dem Kiefer,
weich wie das Fleisch frischer Feigen waren wir auf einmal geworden,
und so befiel er uns wie eine Trunkenheit,
wie ein gliederhemmender Rausch überfiel er uns,
ein Fieber liess die Welt zusammenfahren und alles Lebende zu Boden fallen, mein Herr,
als begänne eine neue Erntezeit,
selbst die Geier fielen vom Himmel wie Hühner,
das will ich bezeugen.

Versuch in Tribschenblau

Du mit deinem Meissner Remis-Gesicht
Ich mit meiner hochkantigen Zinne und meiner Wut
Die nicht tribschenblau ist
In barhäuptiger Entfernung
Lauschstation und Rauschstation
Und die wachsenden
Kriechend anwachsenden Bedürfnisse nach Entnahung:
An jedem deiner Schatten ein Faden bis in die Wurzeln meiner Fingerbeeren
Die leise in der Wärme deiner Hand pochen wie das tribschenblaue Gletscherinnen
Und die Seevögel bilden Arkaden
Schmutziggraue Bögen wie die Sohlen einer Walkyrie
Und wenn du sangst
Wurde meine Mühle ausgehoben
Und ihre Winde und Puffs ausgehebelt
In eine tribschenblaue Grube für Kühlelemente
Wo das Wigeleweia ächzend auspolterte
Hinter den Schaummasken von Raddampfern
Und den Gebissen von mondartigen Ebenen
Die wie Muskeln die Bedarfsanlagen umspannen
In die meine durchstossene barfüssige Wut eingelassen ist wie das Leuchthaar eines Pharaos
Und von wo in der Entfernung ein tribschenblauer Schatten
Fast wie eine Insel oder ein verblasstes und durchschossenes Verkehrsschild zu sehen ist.