Dazu nein

Es gibt die Anwege, schwarzer Stein:
Und wenn Körper wie Wellblech sich krümmen,
Und wenn Mädchen die Plätze erstürmen,
Dann ist, was wird, menschlich-saurer Keim.

Es gibt die Wartezeit, Bellen kaut
Am Selbst-Lob, an dem Vergebens auch,
Und du, Abendgestalt, wie der Rauch,
Du fühlst dich wieder nicht angeschaut.

Es ist, was wird; der Duldermut
Ist schon scharf auf die Kluft gerichtet,
Die schwarz brennt in den Tagen, den schlichten,
Wo nichts verrichtet als Niemandsgut.

Es gibt die Haderer; dazu nein.
Sie schenkte sich einen Brandy ein.

Alterität verwirklichen

(Dieser Text ist eine Reflexion auf ein Lyrikertreffen, das kürzlich zum Thema „Das Gedicht als Waffe“ abgehalten wurde.)

Ich beginne mit der Frage nach der Urheberschaft: Wer setzte dieses Thema?

Vetreten wurde das Thema von den drei leitenden Männern.

Meine eigene Reaktion auf das Thema war sofort eine begeisterte. Diese Begeisterung stammte einerseits aus meiner eigenen Poetik, die eine der Wut und der Auflehnung, des Widerspruchs ist. Wenn auch meine Gedichte inzwischen explizit in «Stimmen» geschrieben sind, so sprechen diese Stimmen doch immer aus einer Verletzung, aus einer Randständigkeit und aus einer Empörung heraus. Sie wollen treffen, «zurück verletzen», eine Reaktion und/oder im besten Falle eine verändernde Bewegung, eine andere Haltung bewirken. Insofern würde ich meine Poetik durchaus als ein waffenförmiges Sprechen beurteilen, ihre Gewaltbereitschaft bejahen. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt aus und in Sprache, die ich von Rimbaud und Lautreamont gelernt habe: die Sprache zum Äussersten treiben, bis sie blossstellt oder blossgestellt ist.

Um es noch ehrlicher zu sagen: Ich hasse «brave» Poesie genauso wie ich unkonkrete Poesie hasse. Ich hasse die Poesie, die Harmonie predigt oder (ver)sucht. Ich muss mich immer sehr zusammenreissen in ihrer Gegenwart. Das heisst nicht, dass ich ihr ihre Existenz absprechen will, vergessen denn: kann. Ich finde nur, dass die Welt, in der wir leben, so nach Veränderung schreit, dass diese Veränderung nur in Radikalität, in der Sehnsucht nach Aufwurf, Ausbruch und Zerstörung gesucht werden kann. Und – das Wichtigste!: Ich weiss, dass diese meine Position ein ausgesprochen männliche, also patriarchale ist.


Im Exkurs, in der Einleitung, die unsere Debatte im Forum anregen wollte, erkannte ich und/oder glaubte ich zu erkennen, wie sehr sowohl dieses Thema als auch meine oben beschriebene poetische Haltung auf den in unserer westlichen geprägten Weltordnung auf den fast manichäisch zu nennenden Dualismus abstellen. Ich weiss ebenso, dieser Dualismus ist ein durch und durch patriarchaler.

Ich weiss auch, dass ich seit einigen Jahren schon auf dem Weg bin, diesem Dualismus entfliehen zu wollen, neue (Deutungs-?) Routen zu finden, um das weite Feld zwischen den beiden Polen (Frieden-Krieg, Frau-Mann, etc.) zu entdecken und eröffnen. Denn dieses weite Feld ist der eigentliche Handlungsraum, in dem wir Lebewesen uns befinden und einzig lebenswert bewohnen können.

Oh, es geht nicht um die Erweiterung dieses Raums!: Er ist gross genug für «alle/s dazwischen»!

Was es in meinen Augen mehr denn je braucht ist das Einnehmen von Positionen, die den ambivalent-grauen Bereich zwischen den beiden Polen eröffnen.

Dafür ist es vonnöten, dass die Männer in einer gemischten Runde zurücktreten, zurückhören, wahrnehmen lernen und können. Ich selbst weiss mit grosser Gewissheit von der Leichtigkeit, der Selbstverständlichkeit, mit der ich in einer Runde das Wort ergreife – häufig, ohne die andere Person, die andere Rede(nde) ausreden zu lassen, bevor diese Person in der Rede überhaupt erst so weit kommen konnte, um ihre eigene Position entweder darlegen oder aber finden und/oder erkennen zu können. (Denn wenn du «aus dem Schweigen» kommst, weil dir gesellschaftlich eine «schweigende Rolle» zugewiesen bekommen hast, dann kannst du nicht sofort sprechen, verbalisieren, was deine Position ist; du glaubst unter Umständen gar nicht, dass die Worte dir gehören, du hast ihren Gebrauch vielleicht nicht einmal erlernen können.)

«Ich habe begonnen, lerne es noch, mich zurücknehmen» heisst auch: Meine Ansicht, meine «Erkenntnis» weder für «logisch», «selbstverständlich», «selbsterklärend» oder «von gesundem Menschenverstand» (der bisher noch immer ein durch und durch männlicher ist) noch als «abschliessend» (im Sinne von «letztgültig») zu halten. Heisst auch, bereit zu sein, von dieser Position leicht und bereitwillig Abstand zu nehmen.


Mit einer Waffe zielst du auf etwas, auf eine Sache oder ein Lebewesen.

In Anwendung von LeGuins «Tragetaschentheorie der Erzählerin» möchte ich allen zurufen: sammelt statt zu zielen, vergesst die Gerade, die Linie, die Grenze, den Zweck!

In Anwendung des vorgängig Erläuterten möchte ich sagen: Verwendet das Gedicht nicht nur als eine Waffe zur Öffnung von Möglichkeitsräumen, sondern gebraucht das Gedicht absichtlich dazu, um in diesem Möglichkeitsraum, in diesen Möglichkeitsräumen Positionen einzunehmen, zu verdeutlichen, euch darin heimisch einzurichten – damit diese im Ambivalent-Grauen verborgenen oder vom Patriarchat bewusst vergessenen oder verschütteten Positionen auch lebenswert werden.


Ich wünschte mir den subsidiären Mann: Eine Person, die vom andern, von der anderen zu hören wünscht, der anderen, dem anderen eine Sprache zutraut; eine Person, die Abstand nimmt von ihrem biologischen Geschlecht und in den ambivalent-grauen Bereich eintritt; eine Person, die freiwillig den Raum des Sprechenmüssens (der ein Raum des Sprechendürfens ist) verlässt und Platz macht für die andere, den anderen.

Denn ich bin zutiefst überzeugt davon, dass dann geschehen könnte, was ich mir so sehnlich wünsche: die Ermächtigung des anderen Sprechens, des Sprechens der Frauen, der Transmenschen, der People of Color, der Lesben und Schwulen, der Queeren und natürlich all derer, die «unserem» Abziehbild des «normalen Menschen» nicht entsprechen können, weil ihre Beeinträchtigung, ihr Anderssein – das «unsere» «Normalität», die es nicht gibt, an der «wir» aber trotzdem festhalten, – in Frage zu stellen scheint – in Tat und Wahrheit ein Reichtum ist.

Dass ich diesen Wunsch so bestimmt und brüsk vortragen und vertreten kann, fast ohne mit einer Wimper zu zucken, entlarvt mich wiederum als einen aktiven Vertreter des Patriarchats, der sich des Sprechens für die anderen anmasst.

Ich will meine Worte jenen Stimmen schenken, die in mir wohnen und leben, die nicht männlich sind, die nicht schweizerisch oder mittel- und westeuropäisch sind, die nicht weiss sind, die nicht den Normen von «körperlich und geistig gesund» entsprechen.

Denn mein Problem ist: Ich kann nicht schweigen, ich muss sagen, ich muss dichten, schreiben, das ist stärker als ich. Das ist ein Auftrag, eine Verantwortung, die ich nach langem Kampf mit den herrschenden Normen und Werten dieser westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsform angenommen habe und zu verwirklichen versuche.

Jederzeit bereit, die Personen zu hören, zu achten und schätzen, die aus diesem Ambivalent-Grauen heraus sprechen, aus diesem Zwischenraum, der recht eigentlich Lebensraum ist, heraus zur Sprache, zum Wort finden, weil sie in ihm so lange schon Halt gesucht haben, den ich in der Nähe des einen Pols schon längst gefunden zu haben scheine.

Durch den Morgen

Durch den Morgen fahren
In einem Schnellzug durch den dunkeln Morgen fahren und lesen

„Ich habe für mein Gedicht diese Autorinnen
Geplündert“ und lesen „lass uns
Ein Schneemädchen machen“

Durch den dunkeln Morgen fahren
Und die Falten der Rührung um mich ziehen
Wie den ganzen Martinsmantel

Als ich beim Aussteigenden Hut aufsetze
Rieche ich seinen vertrauenerweckenden
Haartalggeruch –

Vor Urzeiten (die Amalekiter)

Vor Urzeiten, niemand erinnert sich gern daran,
vor Urzeiten, niemand erinnert sich gern daran ausser die aufgeplusterten Kraniche Gottes,
und Vater Moses ist darüber verstorben, und Vater Aaron hat sich nicht darum geschert mit seinem läufigen, öligen Mund,
vor Urzeiten sollte ein Volk, das nur nichts getan hatte, als an einem Ort stehenzubleiben, wo nichts war, wo nichts wuchs,
ein Volk, das wie wir nur von der Gnade einiger Regentropen im Jahr lebte,
ein Volk, das wie wir dank der Gleichgültigkeit der grossen Völker im Osten, Norden und Süden noch lebte,
vor Urzeiten hätte dieses Volk im Auftrag des Ogers ausgelöscht werden sollen müssen,
von unseren Händen, Knien, Füssen zertreten,
von unseren Harken, Schaufeln, Knebeln, Keulen, Schleudern, Speeren und Knüppeln zerschlagen.
Einmal schon sollte es vernichtet werden,
es steht in unseren Büchern als das Volk, das der Oger vor dem Gericht schon gerichtet wissen wollte,
doch ist es nicht vergessen, nicht ganz vergessen, wie der Oger es gewollt hätte.
Da steht es vor uns, da steht es uns wieder im Weg. SELA

Wir sind das Volk, das angekommen ist wie ein leichter Frühlingsschauer,
wir sind das Volk, das mit einem Grossvater gewinnen kann,
wir sind das Volk, ein paar verdorrte erstarrte Seelen, die aus der Wüste hinaustorkelten, wo sie dem Starrsinn und der Tröckne fast geopfert worden wären,
wir sind das Volk, das den hier seit Urzeiten wohnenden Menschen,
denn es sind Menschen, die vor uns stehen, nicht wahr, Samuel, es sind doch Menschen,
wir sind das Volk, das ihnen ihre grauen, grünen Weiden, ihre steinigen, trockenen Bäche und ihre feuchten Höhlen, gut für einen Nachmittag der Rast, rauben soll,
das den hier seit Urzeiten mit den Jahreszeiten im Kargen Ziehenden, vom Kargen Zehrenden das magere Lamm und das dürre Rind rauben soll,
oh ganz und gar nicht wie die Aasfresser und die Aasgeier,
das Volk, das dem ganzen weiten Land, für das niemand eine andere Verwendung hat als Hindurchziehen und Ausspucken, unser blutiges Siegel aufdrücken sollen. SELA

Vor Urzeiten hätte dieses Volk, das vor uns steht im abgerissenen Bettelkleid mit Harken, Schaufeln, Knüppeln, Speeren, Keulen, Schleudern und Knebeln,
das uns so gleicht, wie es die Hände ballt, die Knie streckt, mit den Füssen stampft,
schon von der Erde verbannt werden sollen.

Die Geschichte entgleitet mir

Ich nehme ab,
ich bin nicht mehr die Flut,
ich bin nur noch die Wut.

Ich träume mich zusammen unter deiner Schamesröte, Mond.
Du legst dein Leichentuch über das Land und über die Geschichte,
ausgefaltet ist die Geschichte und das Land unter meinen Füssen als ein Spruchband, auf dem tausendmal der Name Gottes steht.
Früher, noch nicht sehr lange her,
und doch vor ungezählten Jahren,
war ich ein Kind,
und für dieses Kind waren die Dinge und die Lebewesen Gefässe der Freude und des Aufbruchs,
silber glänzende Treppenstiegen hinauf in den Tempel seines Begreifens.

Ich schwinde sehr,
ich halte mich grade so fest an mir,
eine Schaumkrone im mitternächtlichen Sand,
eine Geschichte, die seitwärts läuft,
ein Anfang, der ein Sickergrund geworden ist.
Ich spüre, wie mir die Geschichte entgleitet,
meine Glieder sind käsig und weich und träge vom Warten auf den Neumond,
die Menschen meines Volkes sehen mich eingehen und schrumpfen,
und selbst wenn meine Stimme noch mächtig schallt,
so klingt es leer von Wänden und Balken zurück,
und der Stuhl, auf dem ich sinne, rieselt unter dem zunehmenden Gewicht meiner Gestalt wie ein Brocken Salz unter meinem Tränenfluss in eine helle, schimmernde Lache zusammen. SELA

Ich war in Höhlen, noch nie am Meer,
ich war an Bächen und Wasserfällen, noch nie am Meer,
ich war in Wäldern, noch nie am Meer,
ich war in Schluchten, noch nie am Meer,
ich war in Bergen, noch nie am Meer.
Ich war bei Menschen, noch nie ein Mensch,
ich war bei Eseln, noch nie ein Mensch,
ich war bei den Schafen, noch nie ein Mensch,
ich hielt schon Kinder im Arm, noch nie einen Menschen,
ich weiss von den Frauen, noch nie ein Mensch,
ich weiss um die Feinde, noch nie ein Mensch. SELA

Ich weiss noch nichts von der Geschichte, die man mir umgelegt hat wie einem Jungen den zu grossen Mantel des Vaters,
auf dass er stolziere und sich meine, wie es der Menschen Art ist,
und ich fühle die Kälte im Rücken, die plötzliche und andauernde Kälte im Rücken,
denn eine einzige Regung, eine einzige Bewegung hat ihn abgeworfen, den alten, rauchigen Mantel.
So stehe ich da, mit dem Körper eines Kindes und dem Geist eines Bösen.

El desdichado (Saul)

Ich bin der Abdankende,
ich bin der Unbegottete,
ich bin der Gottentrüster,
der Gedankenrüster,
der Eseltröster,
der Gottzerstörer,
der Abdenkende und der Wegdenkende,
der Abdeckende und der Wegduckende,
ich bin der Gottentlauber,
der Gottentglauber,
der Ungastliche,
der Unrastliche,
der von Kindern Gefürchtete,
der Gottentfürchter,
ich stehe auf dem Hinunterpfad,
wasserfern breitet sich unter meinem eingesunkenen Lehmkopf das Nachal aus bis nach Kidron,
mein Lied ist eine leiseres Kreischen,
mein Wort ein stockendes Anstacheln,
mein Schild trägt die schwarze Sonne des Zweifels,
meine Enkelkinder heissen Hader und Nager,
oh ich werde meiner Mutter noch danken für den Weg zurück ins Tal der Lebenden,
das eine Augenblickchen im stillen dunkeln Höhlengrund,
leise murmelnd, leise planend, leise stöhnend,
ich bin der Gottverstopfte,
der bald Entkopfte,
in der Nacht meiner Entsinnung wächst wild und wächsern die Blüte der Eigenmächtigkeit,
die sich mit der Frucht des Myrtengestrüpps paart,
oh Prophet, gib mir zurück den Kampf für Jabesch,
den Schwur auf Gilgal, gib ihn mir zurück, du Ansager, du Bloss-Sager,
ich bin ein Volk ohne König,
ich bin der König, den das Volk verdient,
ich bin der Ursprung von Furcht und Abscheu weit und breit
noch über Mizpa hinaus,
und noch in Beerscheba kennen sie meinen zischenden, hässlichen Namen,
ich bin der Gotteskropf,
der im Nebel seiner Vermutungen eingetauchte Lippenkapper,
still, still, oh still,
die züngelnde Zunft der Ohrendiener,
die zuckende Zukunftsgilde tritt schon an mich heran,
sang- und klanglos ruhen ihre Augen schon auf mir wie Blattern oder Maden,
Aasgesang der Gesichterlosigkeit,
ich werde noch suchen, wenn ihr andern alle schon im Sand von Gad ertrunken seid,
wenn ihr alle andern schon seufzend wie Dämonen und heulend wie Helden in der Gehenna bechert,
ich bin der Saumselige, der Ungewisse,
der von Hexen Gekoste.

El desdichado (Samuel)

Ich bin der Abgedankte,
ich bin die Flamme, die vom Wachs trinkt,
ich bin der Ungetröstete,
der nicht singt wie Hanna,
ich bin ein Mahl der Zeit,
die schwarze Sonne der Treue,
ich bin der Nebel im Allerheiligsten,
ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich zu beweisen vor dem Theater der blühenden Granatapfelbäume,
ich dürste nach dem Segen dieses dürstenden Landes,
ich bin der Gottergötzer,
der kaltblütige Ohrenwächter, Ohrenwackler,
ich erfreue mich an der Golddistel erst, wenn sie rollt,
ich erfreue mich an den ungeprüften Höchsten, wenn sie fallen,
ich erfreue mich an den heruntergeschüttelten Niedrigsten, wenn sie gebären,
ich bin ein Wittwer, und meine Liebe sind die Kinder der Stille,
die tanzenden Sterne der Ausbeutung,
deren Augen mir folgen durch meine Gesichter wie die rasselnden Knochen Elis,
oh in seinem Schatten, dunkel und brummend, habe ich das Sagen gelernt,
wie die Rosen von Saron sich mit dem Sennabusch verbünden,
das Höchste zum Niedrigsten wird,
das Geringste kaum je zum Mächtigsten,
ich bin der Herzverstummte,
der Ohnmächtige, der nie mehr die gelbe, zitternde Luft über dem Karmel sehen wird,
verbannt in dieses schiefe, abschüssige Land voller Feigenbäume,
die auf ein Wachsen warten, das ihnen nicht gegeben werden wird,
ein Blühen erdulden, das es in diesem zerschnittenen Land nicht geben darf,
solange darin die Disteln sich auf das Blühen versteifen,
bin ich denn Dagon oder Aschera,
bin ich denn Moses oder Aaron,
und meine Stirne glänzt noch von der langen Zunge des Gottesschreckens, der Gottesschnecke,
denn sorgfältig heisst es sich vorbereiten, heisst es sich wappnen,
wenn sie unter ihrem schweren Altar angekrochen kommt,
wenn er seine lappenden Fühler ausstreckt nach dir, schmatzend und fletschend zugleich,
und ich höre die Schreie derer, die denken, und das Seufzen derer, die hoffen,
ich danke ab, Ausschau haltend von meinem rasselnden, bröckelnden Turm, der über die Ebene von Scharon blickt,
die grün verschmilzt mit der fernen Flamme des Meeres,
aus dem Jonas stieg.

Brandy

Sie schenkte sich einen Brandy ein.
Zuerst ohne die Kerzen, dann mit.
Obwohl einfacher Cognac-Verschnitt,
war dies doch besser als stille sein.

Die Wärme stieg in der Kehle auf,
und da, wo der vergangene Tag
wie sich windende Haarballen lag,
Erhob sich plötzlich ein warmer Schnauf.

Ein Wort ums andere kam hinzu,
Gebet, Knäuel aufdröselnder Spruch,
und schnell, heiss wie ein brennendes Buch
Verglühten all die Warum, Wozu,

Verloren sich in dem Kerzenschein
Und liessen sie in den Spielraum ein.

Segen aus Ungehorsam

Der Herr hat von Anfang an einen Segen auf mein Tun gelegt,
von Anfang hat er mein Tun mit Verwirrung gesegnet,
sodass mir nichts mehr glücken kann,
der Herr hat mir bald in meinem Leben den Himmel als diese bronzene Glocke zugewiesen,
als eisernen Schild hat er mir die Erde gemacht,
über die Erde schreite ich mit tönernen Schritten und kupfernem Klang,
und nachts stehe ich im Regen aus Staub und tags befällt mich die Sonne wie Krätze,
immer schon weilte ich in der Freude des Herrn, mich zu schädigen und mich auszurotten.

Es gibt nichts Schöneres als diesen Segen, den der Herr bereitet.
Nichts Kostbareres gibt es, das mich auszeichnen könnte, als dieser Segen.
Seit ich denken kann, ersehne ich diesen Segen, seit ich fühlen kann.
Es ist ein Segen, nicht zu gehorchen.
Es ist ein Segen, selbst zu denken.
Es ist ein Segen, selbst zu fühlen.
Es ist ein Segen, keine Sorgfalt zu üben.
Es ist ein Segen, nicht mit Vorbedacht zu handeln.
Es ist ein Segen, das Gute vom Bösen trennen zu können,
aber nicht das Böse vom Guten.
Es ist ein Segen, sich Gottes Gesetz zu erwehren.
Es ist ein Segen, selbst zu denken.
Es ist ein Segen, das Gute im Bösen und das Böse im Guten zu wissen.
Es ist ein Segen, die Verwirrung anzunehmen als ein Erbe des Herrn.
Es ist ein Segen, selbst zu fühlen.
Kommt, die das Lied nicht singt, kommt,
ihr unaussprechlichen Schmerzen.

Ich komme so schnell ausser Atem, wenn ich singe!
Ich sehne mich nach dem Ölfilm auf dem Boden der Gefässe, der nicht reichen wird für eine Salbung.
Ich habe mich schon immer beglückt gefühlt über den Verlust meiner Esel, und dass ich sie nicht mehr sehen musste.
Ich will mein Herz mit Leidenschaft dem Wahnsinn eröffnen,
bereitwillig will ich meine Leber zerbissen und zernagt wissen von der Angst um mein Leben, um meine Mütter, um meine Sternenkinder,
Ich fühle mich schon tappen wie ein Blinder am helllichten Tage.
Ich fühle meinen Geist in Verwirrung geraten ob meiner unbedachten Entscheidungen,
was für eine Erlösung vom Gehorsam,
was für ein weiter, was für ein offener Weg,
wie viel Luft zum Atmen ist hier,
was für eine Erlösung vom Gehorsam,
die Hyänen umstreichen mich schon,
ich schenke ihnen mein Lächeln,
und die Aasgeier kreisen über mir auf ihren geduldigen Schwingen,
ich schenke ihnen meine Augen und meine Zunge.

Kommt, die das Lied nicht singt, kommt,
ihr unaussprechlichen Schmerzen.

Fluchwürdiger Segen des Gehorsams

Ich fühle den Fluch,
die Arbeit solle Früchte tragen.
Ich fühle den Fluch,
das Volk zum ersten der Völker zu machen.
Ich habe den Fluch,
beim Auszug das Glück zu erwarten.
Ich habe den Fluch,
bei der Heimkehr das Glück zu erlangen.
Ich fühle, wie der Fluch meine Feinde zu Boden wirft,
wie es geschrieben steht,
ich habe ihre Spucke im Gesicht und ihr Blut an meinen Knöcheln.
Ich fühle, wie der Herr mich besitzt,
ich fühle das Mal des Herrn auf meiner Stirn und seine Finger in meinem Herzen,
wie sie die Buchstaben ändern, nach denen ich eine Person bin.

Ich fühle diese sorgfältige Arbeit,
diese Spinnenbeine,
und ich erkenne ihn nicht an,
nicht mehr erkenne ich ihn an,
diesen Herrn mit seinem fluchwürdigen Heischen nach einem Aufbäumen vor den Astarten und Ascheren,
die in den Büschen weben und dulden,
dulden und warten wie ein Lied auf eine Stimme,
aber er wünscht sich fluchwürdig einen Schemel,
aber er wünscht sich fluchwürdig Dienst und Zeichen,
und ich fühle seine sorgfältigen Blicke beharrlich auf meinen Sohlen ruhen,
auf meinen Lippen krausen sie sich,
auf meinem Nacken liegt seine schwere Schlaghand,
die mich in den engen Pfad hineindrückt,
ich fühle dieses Dienen,
ich fühle dieses Plangen,
halb Angst und halb Einsamkeit,
ich fühle diese Verlorenheit des Herrn,
verloren wie nur ein Mensch,
ich fühle diesen verwahrlosten Vater, der um seinen Sohn bangt,
der seine eigene Armut und seine törichte, unrätige Verkommenheit längst nicht mehr sieht,
ich fühle den segenswürdigen Fluch, ich fühle ihn sehr.

Überdeutlich,
übermächtig drängt er mich in den Gehorsam,
und ich fühle den Wunsch nach Abweichung vom rechten Weg,
der durch diese buschlose Steinwüste führt,
ich fühle dieses ablaufende Schnürchen,
ich fühle die übervollen Wolken pressen an ihrem Reichtum an Kindern, Ernten, Vieh,
doch ist es das, wonach meine Kehle giert,
ist es das, was mein flüsternder Atem mir vorgibt wie der Hauch von Wind,
der alles verweht?