Es gibt nichts mehr zu sagen

Es gibt nichts zu sagen,
nichts gibt es nachzutragen,
eine stumpfe Stille macht sich breit,
ein leises Rascheln steigt in den Kehlen der Menschen auf, das ein Lächeln werden kann,
ein Lachen kann es niemals mehr werden,
dafür ist sein Unheil zu fett am Horizont hingelagert,
dafür ist sein Gesicht zu ausgedehnt über unsere Vergangenheiten verschmiert,
zu viele Worte hat er in Anspruch genommen für seine Verweise und Anweisungen,
das Recht ist ermüdet von seiner Beanspruchung durch all die kleinen Netze und Fallstricke hinter den Nebensätzen,
er hatte nie etwas zu sagen als das eine,
und ausgerechnet darauf haben wir gehört,
er hatte einen Wortschatz aus drei Wörtern,
Gott, er, Herr,
Herr, er, Gott,
und die haben ihm bis ans Ende genügt,
was für eine armselige Kreatur er doch war,
und in der Stummheit unserer Verzweiflung wissen wir noch nicht mehr,
als dass jetzt langsam unser vielstimmiger Reichtum zurückkehren kann,
nicht nur die stiernackigen Götter und die pfauenhüftigen Göttinnen,
aber auch das Reden über unsere tiefen Wunden im Herzen, über die zerschnittene, verätzte Leber,
das Sagen, was mit unseren Händen geschehen ist, während dieser Ungeist sein Regime geführt hat,
gibt es denn noch ganze, nicht kupierte Finger,
das Aussprechen, was mit unseren Schritten geschehen ist, seit dieser Genaue mit seinen vielen Stolperknöpfen und verbotenen Töpfen ihren Lauf behindert hat,
was für Umwege sind wir gelaufen,
wie viele Male war der richtige Weg der falsche Weg,
in wie vielen Sümpfen sind wir steckengeblieben,
und es waren doch Bergwiesen mit kitzelnder Luft und Kräuterblüte,
es gibt nichts zu sagen,
nichts gibt es hinzuzufügen,
lasst uns endlich aufhorchen auf die raschelnde Welt,
die er so lange verbaut hat mit seinen Worten.

Samuel kann nicht mehr

Wie lange schon habe ich euch vorgesprochen, was ihr sprechen sollt,
wie lange schon habe ich euch entschlossen und entschieden darüber belehrt, was für ein Handeln ihr lernen sollt,
was für ein rechtes Denken euch leiten soll in den schwanken Zeiten auf trostlosem Boden,
ich habe euch Gewitter gezeigt und Regentromben,
ich habe euren Zähnen das Knirschen und euren Herzen das Glühen beigebracht,
doch war es ein Wahn, vergebliche Mühe, nutzloses Sorgen,
denn nichts kann euch vom Weg der Menschen lenken,
nichts wird euch je dem Danke zuführen und der geduldigen Stille,
denn nicht nur seid ihr ein Volk zwischen Mühlsteinen,
ihr seid ein Volk der Freude und des Augenblicks,
möge sich auch der zähe Stoff der Skrupel an eure Fersen geheftet haben,
möget ihr auch einen gerechten König erhalten haben,
und selbst in jenen Stunden, da ich Werke tat, die euch erwärmten und ernährten,
Wort des Herrn,
selbst in jenen Momenten, da mein ganzes Trachten auf eure Rettung und auf eure Schlichtung gerichtet war,
so spricht der Herr,
habe ich eure Kehlen nur säuselnd gestreift und kaum den Schatten einer Sommerwolke über euer Herzenswort geworfen,
und seht mich an, ihr Zutraulich-Unduldsamen,
ihr Hintergedanken-Ausbrüter,
ihr Einspruch-Übenden,
ihr Ausheckervolk voller Gottesargumente,
ihr gerechtigkeitssüchtigen Frevler,
seht auf mich, ein aufbrechendes Versprechen,
ein wirkungsloses Abführmittel,
ich habe das Sagen und Deuten satt,
ich finde keine Anlässe mehr dafür oder aber ungezählte,
ich höre eure Taten auf meiner Leber trommeln,
ich spüre eure Werke über meiner Glatze knattern,
die Berge würdet ihr versetzen, gäbe es ein Mittel,
das Meer würdet ihr ausschlürfen, könntet ihr es tun,
und bräche heute die Sintflut über euch herein, ihr wolltet sie verursacht haben.

Was kann er denn dafür?

Mein Herr, ich kann nicht mehr,
lass mich ziehen, sterben will ich,
ich kann nicht mehr ansehen, was dem Menschen von deiner Kraft geschieht,
was den Menschen empört und verwirrt, verwirrt und empört auch mich,
meinen Körper will ich loslassen, mein Herr,
er soll für dich keinerlei Wert mehr haben noch Würde,
ich brauche eine andere Form für mein Wesen,
ich kann nicht länger mehr zusehen und beistehen bei dem,
was deine Hand mit ihrem eigenen Willen unter den Menschen anrichtet,
und sie glauben immer noch an dich, mein Herr,
dem ich meine Worte heute verweigern will,
den ich nicht mehr Herr nennen will,
denn was hat er getan,
was konnte er denn dafür,
hast du ihn verbrannt, um ihn zu verbrennen,
hast du ihn verbannt, um ihn zu verbannen,
hast du ihn fallengelassen, um seinen Sturz mit anderen Stürzen zu vergleichen,
an denen du einst gefallen gefunden,
dort in deiner Menschenlederbibliothek,
ich kann nicht mehr, wenn ich an ihn denke,
als ich ihn herausgelesen habe für dich aus der Menge,
so erinnere dich doch,
hinter den Karren hatte er sich versteckt,
hinter den Pflugscharen,
hinter den Ochsen,
im hohen Gras; SELA
ich streichelte mit meiner alten Männerhand seinen verkrampften sanften gebeugten Nacken,
ich habe ihn aufgerichtet aus seiner Kindergestalt,
ihm unter die Achseln gegriffen und ihn mitgeschleppt,
seine Füsse waren wie die Flossen eines Fisches, als sie den Boden berührt haben,
seine Stimme wie die einer ausgestossenen verletzten Hyäne,
sein ganzes Gesicht wie die Ferne in der Wüste,
was hatte er mit dir zu schaffen,
was mit diesem Volk, das zu quälen du dich immer wieder milde lächelnd entschliesst,
ich nehme meine Hand von dir,
meine Zunge soll verdorren im ersten Laut, den sie für dich ausstösst,
du Menschenbraucher, du Menschenschädiger,
was kann er denn dafür?

Ist das noch ein Mensch?

Das ist doch nicht normal,
da muss doch was gemacht werden,
das kann doch nicht wahr sein,
der König verstummt in krächzenden Widersprüchen,
in Eselslauten voller Zorn und Häme,
ein Mensch ist das ja fast schon nicht mehr,
ich fühle mich entwürdigt, wenn ich ihn nur ansehe,
ich spüre nur mehr entsetzliche Verzweiflung, die sich gegen all sein eigenes Wollen sperrt,
ich sehe ihn auffahren von Träumen, die ihn hinwegtragen in Länder,
wo von dem Menschensinnen nichts mehr gilt,
wo Trümmer sich tummeln und auf Ruinen Runen rollen wie die Augen von Dämonen,
ich höre ihn mit triefenden Lefzen Geschichten murmeln von tollenden Hunden,
von hüpfenden, tropfenden Röcken und kalbenden Bergen,
von rechtssprechenden Ratten und versengten Katzenschwänzen,
ein König kann doch nicht verschwinden im schmierigen Gelände seiner aufgeblasenen Vorstellungen,
das ist doch nicht normal,
das kann doch nicht wirklich hier und jetzt geschehen,
ich verstehe nicht, was ihm passiert,
der König war doch so ein stiller, ein guter Mensch,
der immer zuhörte und sich für die kleinsten Details meiner Familiengeschichte interessierte,
aber seht ihn jetzt einmal an,
er nennt mich einmal Benjamin und einmal Ikabod,
er weiss die Namen nicht mehr,
er weiss ja kaum den eigenen mehr,
ich musste es ihm einflüstern, als gestern die Philisterherolde bei ihm sich vorgestellt haben,
ich musste ihm sagen, was zu sagen ist,
das ist schon fast eine Katastrophe, ein Gräuel im Hause des Königs,
und die Ärzte kommen nicht auf sieben Schritte nahe,
er spuckt und keift sie an, als wollten sie ihn vergiften,
doch plötzlich wird er still und wandert zum Fenster,
seine Augen schimmern gelblich,
seine Lippen zittern wie bei Kindern vor dem Weinen,
und er schaut aus dem Fenster und lächelt,
lauscht dem Schrei der Strausse.

Ein Mensch in der Fremde

Ein Mensch in der Fremde fühlt sich wie ich,
eingesperrt im Verschlag einer Sprache, die ein zehrendes Fieber ist,
zum Nicken verdammt in einem Volk, das von Übermut angeführt wird,
in der Fremde bin ich, in der Fremde,
ein Abgesandter der Vernunft im Lande des Rasens,
ein Tappender im Reich der Wettläufer,
ein Amputierter im Reich der Vollständigen,
denn mir fehlt jeder Glaube,
denn mir fehlt jede Gewissheit,
es fehlt mir am Herz, das sich über den Bedürfnissen schliesst,
es fehlt mir an der Kehle, die sich über einen Fremden verengt,
über einen Ungleichen, über einen anderen,
ich fürchte mich nicht vor der Verdammnis, die ein Gott aussprechen kann, der nirgends zu sehen ist,
ich habe keinen Anlass, am Lauf der Dinge zu zweifeln,
keinen Beweis habe ich für eine lenkende Hand hinter diesem oder jenen Lebenslauf,
ein Mensch in der Fremde kann sich nicht verlassener fühlen als ich,
ein Strick um den Hals von den Geboten,
ein Joch am Hals von den Vorschriften,
eine Kette am tänzerischen Knöchel für einen gerechten abgemessenen Weg,
zwischen den überhohen Werken hindurch, die die Menschen aufzurichten aufgerufen sind,
bei Strafe vollbringen müssen,
als gebe es einen grossen Plan, den zu befolgen die Menschen geboren sind,
doch sogar in der Fremde weiss ich um die Schattentiefe dieser Vorlagen,
weiss ich um die Salztümpelgründe dieser Vorhaben,
ein Mensch in der Fremde wie ich kann es nicht länger aushalten,
glühend vor Fieber und Trotz,
so hoch sein Stuhl auch aufragen möge über die herrische Zwergenbrut,
umschlossen, umflutet von Flüchen und Wahrsprüchen,
aus tiefen Klüften dringenden Sandbitten,
erstickt im Alltag von nagenden Vorwürfen,
oh lieber will ich am schweissweichen Jochholz nagen,
lieber will ich vom Kuchen des Kieses essen,
lieber will ich der Mutter in den platzenden Schoss kriechen,
lieber als in der Fremde ein Mensch zu sein.

Salbung ohne Öl

Aus Wünschen gepresst,
im Dunkeln gekeltert,
im Kühlen gereift;
aus Armen geschlagen,
der Zukunft entnommen,
mit Sonne versponnen,
dem Herrn entronnen,
den Menschen genommen,
von Zweifeln befruchtet;
den Kehlen erspart,
niemals erhitzt,
es war nicht für Fische gedacht,
es war nicht für Frauen gedacht,
es war nicht für das Brot bestimmt;
Stirnen sollte es salben,
Berufungen äufnen,
Auftrag des Herrn, Wort des Herrn sein. SELA

Doch gibt es keinen Speik mehr,
keinen Herrentrost,
keinen Herrenrat,
kein Herrenlos:
mein Sohn, mein Sohn, es fehlt das Öl,
das kostbare Öl. SELA

Ich salbe dich im Geist,
ich worte dich zum Herrn,
ich öle dich mit Zutrauen und Zuversicht,
die Wurzeln fehlen uns,
die schleichenden Wurzeln unter unseren Füssen,
in den weit entfernten Bergen,
niemand bringt sie mehr über die hohen Berge hierher,
niemand weiss davon zu erzählen,
wo die Wurzelstöcke weilen in den hohen Klüften und Triften weitab vom vererbten Land,
wo sie ihre wohlriechenden Fäuste ballen,
als wollten sie einige Zukünfte ausharren,
bis die Welt ihren Geruch wieder würdigen werde,
als könnten sie mit ihren knolligen Erdknospen dem Volk einen weiteren König,
einen nächsten Gerechten ersparen,
doch nein, mein Sohn, es taugt auch so,
die Liebe meiner Arme,
die Wärme meiner Worte,
das Vertrauen meiner Erinnerungen will ich über deinem roten Kopf auspressen,
der leuchtet wie der Abend auf den weit entfernten Bergen,
denen auch der Schnee jetzt fehlen mag,
ausgiessen die strenge Liebe des Herrn über einen neuen König,
über einen besseren König will ich den Segen sprechen,
Wie geheissen will ich den Segen sprechen,
doch fehlt uns das Öl, mein Sohn,
der Speik hat sich in die Schlünde und Schrunden verkrochen,
ein Bild des Königs von heute, mein Sohn,
die Reisenden berichten von Wüsten, Erdrutschen und Fluten,
wer weiss, was der Herr damit sagt,
doch meine Wünsche sollen dir genügen, mein Kind.

Von all den Göttern verlassen

Von all den Göttern verlassen,
von den kleinen, schrumpfenden,
von den grossen, aufgeblasenen,
von all den Freunden, die ich nie hatte,
von all den Frauen, die ich nie liebte,
umgeben vom Fliegenvolk meiner Diener,
die meine Augen und meine Kehle verkleben,
rufe ich meine Scherbenwörter in die Eselställe, wo mein wahres Volk lebt,
murmele ich meine Trümmerfreude in die Ratssitzungen meiner Feinde,
die noch an Götter glauben,
an empfindungsfähige Götter,
an gestaltungsmächtige Götter,
die keine Göttinnen kennen,
die keine mahlenden Freuden empfinden,
wenn die vertrampelten Träume ihre Rüssel recken,
wenn ihre zahnlosen Münder eine Posaune ansetzen, die Ekzeme und Exkremente über das Land mit seinen aufrechnenden Göttern wirft wie seltener Schnee;
von all den Göttern verlassen, doch eine will mich doch nicht lassen,
fährt mir sanft mit ihrem knöchernen Zeigefinger über die Schläfen,
trägt die Stürme meiner Nieren in das Ausklingbecken,
hebt die russigen, ätzenden Wolken meiner Sorgen in die hölzerne, goldbeschlagene Schale für den Dünger ihrer Wurzeln,
sieht die Jesreel-Ebene wie ich überflutet,
hört das mächtige Andonnern des Meers am Karmel und weiter oben das Krachen der Kiefern im Libanon,
all die hohen, geraden Kiefern umgehauen von einem Meteoritenwind,
diese Göttin ist dankbar statt meiner,
nicht wie die Schrumpfköpfe, nicht wie die Schwellklöppel der anderen Götter,
die nach dem Samen meiner guten Taten lechzten,
die meine Wörter aufsogen, bevor sie noch ein Lied formen konnten,
die meine Gedanken nicht der Rede wert hielten,
die meine Gefühle als Plänkler einsetzten in ihren gerechten Kriegen;
nein, die Götter mögen mich verlassen haben,
aber ich habe noch Augen zum Sehen,
ich habe noch ein Herz zum Verstehen,
und ich sehe die Welt sich öffnen vor mir wie das Auge einer von Geburt an Blinden.

Das Lied eines Sohnes

Langsam kommt es zu mir, mein Lied,
vorsichtig nimmt es seinen Weg,
allmählich erst wird es sichtbar im Schatten der brüsken Schönheit des Manns,
ich kehre mich ab, um ihm besser zugekehrt zu sein,
mein Lied ist eine sorgfältige Hand auf deinem Knie,
mein Lied ist Augenabwenden vor so viel offenem Blick,
es ist verlegen um Blicke und verlegen um Worte,
an deinen Knien richtet es sich umsichtig auf, du schöner Sänger,
dem die Töne verrutschen, aber nicht die Züge,
leise ringt sich mein Lied zu einem ersten tappenden Ton durch,
der sogleich verklingt im Lärm der Worte, die um dich gemacht werden,
im anhaltenden Getöse, das dich begleitet,
und noch ein zweites Mal besinnt es sich auf dieses Zittern in der Kehle, auf dieses leere Schlucken in der Kehle,
ich senke die Augen,
ich vertreibe die Hand des Vaters von meinem Hals,
diese russigen, klebrigen Dinge, die er Wörter nennt,
mit denen er mich zu lieben vorgibt,
ich verdrehe meinen Hals in dieser sorgfältigen Übung,
und ich weiss, alle bemerken diese Anstrengung in meinen Zügen,
ich fühle mich Augenblicke lang als eine Winde, die sich in Richtung Himmel zwirbelt,
es kommt zu mir, langsam und in seiner Scheu ungeheuer stolz,
ein abtrünniges Wesen von Geburt,
ein untrügliches Zeichen für meine Liebe zu diesem jungen Mann,
es ist ein Lied auf sein rotes, lockiges Haar,
seine Gazellenfigur und seinen Kamelgang,
und ich singe es mit sanftem Vertrauen die grossen Worte,
die immer die grossen Dinge begleiten,
es schlürft vom Honig seiner Anwesenheit,
es sieht nur ihn,
wie eine Schlange, die eine Ratte fixiert, sieht es nur ihn,
doch welche Töne, welche Tonfolgen spinnt es ausdauernd und anhaltend in die Halle hinaus und hinaus in die Gassen Gibeas,
hunderte von kostbaren, bedeutenden Tonfolgen,
ein schwebendes Gespinst von Benommenheit und Achtung ist mein Lied.

Das Lied eines jungen Menschen

Ohne Zögern erhebe ich meine Stimme,
denn ich kenne meine Wörter,
sie sind nicht zum Fürchten wie die Dinge,
sie rücken nicht von der Stelle wie das Lebendige,
und ich singe von der Liebe und von Trost,
ich summe von Einsamkeiten und Leeren, von Schwere und Bären,
ich stimme mein Lied an, ohne zuvor mit den Lidern zu zucken,
ich habe eine unverwüstliche Melodie im Herzen,
das fest und sicher wie ein Wort hier in meinem Brustkorb, prall gefüllt mit guten Gefühlen wie eine Blase Wein, hier in einer guten Seite aufsteigt,
ich habe eine unverdingliche Tonfolge in meiner breiten Kehle,
ich trage auf ihrem Kamelrücken die Wölfe meiner Lust und die Füchse meiner Zärtlichkeit in die Bankette meines Vaters,
ich fange mit einem Patschen auf das stille Wasser der Zisternen die trüben Gesinnungen der Diener und Gesellen ein,
ohne Hast und ohne Stocken treibe ich die bereitwilligen Wahrheiten in dem Saum meines Kleides vor mir her,
will sie gerne den Mächtigen bieten,
will gerne in ihrem Glanz ein wenig mich sonnen, ohne dass mich ein Spritzer ihrer Leidenschaften und Spiele träfe,
ich singe mit den Wörtern, die jeder kennt,
gute Gefährten sind sie mir,
treu und handlich finde ich sie immer bereit,
ich finde an ihren Pfoten noch an ihren Schnauzen etwas Verwerfliches,
nichts Entsetzliches gibt es daran,
nur den zarten Fleischgeruch und die wiederholte Aufforderung zum Kraulen,
ich führe mein Lied wie eine Feder um die Nasen der alten Menschen, die in ihrem Trübsinn versinken,
ich schwinge mein Lied wie einen Rock um die schwere Arbeit in den Strassen,
ich hebe mit meinen singenden Augen die Hocker im Tor in andere Umstände,
ein Wort genügt,
ein Wort, das jeder kennt,
ein Wort wie ein Gesicht, das zu dir zurückkehrt,
wie leicht ist mir das Singen und wie gut.

Das Lied eines Menschen

Mein Lied ist schmal,
ein Fädchen und Rinnsal,
ein Fiepen, ein Rasseln,
ein aufgedrehtes Band von mageren Tönen ist mein Singen,
entringt sich meiner Brust, bar jeder Kraft,
entringt sich meiner Brust wie der Klang eines Fusses im Morgengras,
entklingt meinem Leben wie das Rascheln von Salz, das Zischen von Fett,
das Lied eines Menschen ist ein Kieselgeräusch im volltönenden Gesang der lebenden Wesen,
die breiten Wortklingen schwenken im Sonnenlicht,
weite Röcke schaukeln im offenen Land,
ein Schälchen voll schalen Weins trage ich vor mir her, leicht zu verschütten, wenn ich zu singen beginne,
die Grösse meines Auftrags schrumpft vor der ausgebreiteten Festlichkeit von Gedeihen und Verzeihen,
mein Lied ist ein Knurren im Schatten, ein Murren in der Hoffnung, ein scharfes Keuchen vor dem Tag,
und die Tage kommen,
und die Tage kommen und erwarten mich,
erwarten mich mit ihrem leichtfüssigen Puls am Hals,
erhaschen mit ihren sorgfältig ausgebesserten Netzen noch die kleinsten Elritzen meiner Freude im schnell aufsteigenden Pegel der Betriebsamkeit,
mein Lied ist nicht geschäftig,
auf dem Grund meines Liedes glänzen einige Kupfermünzen,
der Schatten des Tores liegt schwer auf meinem Singen,
wie die Hand eines Vaters liegt er noch immer auf meinem Singen,
ruht in den Winter-Schrunden meiner Kehle,
steifer Rahm einer unerklungenen Klage,
mein Lied ist wie die Spur einer Schnecke, im Mittag schnell getrocknet,
die Liebe hat keinen Einsitz genommen in meinem Singen,
sie wandelt dort draussen vor den Pforten der Stadt,
wo die jungen Hirten galantieren,
sie kreist über dem Kidrontal mit ihren ihren spitzen Schreien,
und ich singe für mich in meinem Thronsaal,
weiss nicht mehr, ob ich König bin oder Bettler,
Bettler oder König,
allein am langen Tisch ohne Gefährten,
denn die Gefährten fehlen,
denn die Gefährten fürchten mein keuchendes Singen,
fliehen mein rauchiges, haariges Wort,
singe mit letzter Kraft, pfeifend und eifersüchtig auf die Laute,
die zu den anderen geschlichen.