Weitab von der Mitte

das Lied eines Vogels im Käfig, der Gesang einer Wurzel im Korb, raschelnde Mahnung und murmelnde Rüsche, denn alles ist jetzt geschwind geworden, nützlich und nah, West Virginia, Country Mama, Mountain Mama, er versucht nicht zu weinen, denn es ist vorbei, vorbei ist es, der Boom blüht im Flimmern, Sonne hat seine Sternenfahne aufgehängt in den Himmel, ein trockenes Schlucken und Schluchzen breitet seine Weihen aus, und hinter seiner Stirn verkehrt sich der Sinn, Frika naht, im Wagen mit dem Widdergespann, der Boom haust bereits am Rande von Bethelheim, und all die verrutschen Purpurlächeln, kommt zu ihm in den Schoss, berührt doch seine Brüste, seine Augen sind die wahnsinnigen Sterne, der Polarstern selbst ist nicht mehr festgebunden, im Rücken der Sonne läuft er herum, die Hände ringend, mit heruntergelassenen Hosen, den Kopf gesenkt, im Vorzimmer der zirkumpolaren Kosmogonien, und das Blau der ersten Viecher, die sich um seine Knöchel wanden, sinkt grünlich leuchtend in die Augen seiner Frau, in die Knochen seiner Babys, in Unruhe ruhend im Schoss ihrer Mutter, und selbst der Marmorfaun beginnt sich zu verändern, seine Züge schmelzen dahin, Sonnes Falkenauge brütet die Zeit der Steine aus, aufgequollen und überdimensioniert rollen sie aus den Feldern und Wäldern an die Landstrassen, und vom Marmorfaun bleiben nur noch die verrenkten Glieder, Gummi-Lettern in der Hitze, an denen die Glucliche zerren, Sonnes Falkenauge birgt die Zeit der Steine, greifbar in seinen vielen Falten ist der Nebeldunst, den sie aussendet, Verwirrung ist es nicht, nicht wie nackt durch die Strassen gehen, nicht wie seine Kleider in Trauer und Angst zerreissen, im Kreise sich drehend der Gegenwart entkommen, in dieser grauen, grau-blauen Zeit ist Gegenwart nicht möglich, Sonnes Falkenauge hat all das aufgetan, den Rachen der Sanduhr geöffnet, feucht und eng und glitschig, der nach verbrannten Federn schmeckt, und es ist ein Gefühl, als würde sein Glied samt seiner Wurzel ausgerissen, die kostbaren Verbindungen mit den anderen Sinnen ausgelöscht und aufgebracht nur diese schlundige Hitze, diese tropfende Erdschlange, die seinen Unterleib umwindet, die Zeit hat jeglichen Halt und jegliches Gut verloren in diesem Saugen und Schlürfen, das Himmlische und das Irdische sind ausgewechselt, verwechselt, ich bin ein Adler, der mit dem Wind spielt, / ich bin eine Traube von bunten Perlen, / ich bin der fernste Stern, / und die Schweisstropfen schraffieren die Körper, die Schweisstropfen zerteilen die Körper, Doppelpunkte beginnen zu sprechen, Kommas bilden einen Pulk wilder Grastänzerinnen, kein Seufzer wird mehr allein gelassen, kein Stossgebet wird mehr erhört, das Unbewegte ist befreit, die Zeit ist wie die feuchte Hitze unter einer Brust, und hebt er ihre Traube, sieht er auch da nur die blaue Sicherheit des Kreisens, eine kreissende Melancholie des Boomens, ein aufgebrachtes Rieseln von Stoffen durch die Ritzen der Imagination, staubfreie Kosmogonien, und die Spitze seines Gliedes ist die Spitze seines Wesens im Rachen der Sanduhr, ein ins vollkommen Unendliche aufgeschwollener Moment verliert alle seine Gegenwart, eine blutige, grau-blaue Beere pulsiert an der Spitze seines Gliedes, hier im Schatten von Sonnes Falkenauge, das die Unruhe der Babys stillt mit Trockenheit und Sandschwüren, und die Schnüre der Dünen umschlingen ihn mit der Gleichmut der Dinge, weitab von der Mitte sind wir schon, mein Vater, mein Vater, weitab von der Mitte, die Schmerzen von den Schlangenbissen, die angeschwollenen Knie, wir lassen sie hinter uns, die Lymphklötze an unseren Hälsen, in diesem eröffneten Zeitmass, das auch den Takt hinter sich gelassen hat, die Schmerzen in den Ohren von den Rufen des Affenpulks haben wir hinter uns gelassen, die schartigen Macheten sind hier im Busch wie Löffel, wir hätten auch Löffel mitbringen können, um unterm Affengeschwör uns einen Pfad durch den Busch zu schürfen, weitab von der Mitte sind wir, mitten im Darién, unsere Mutter und unsere Freundinnen, die an unsere Brüste gelehnt waren wie die Bretter für eine Bühne des Wahnsinns, wir sind weit vor ihnen, wir haben sie verlassen, wir haben sie dort gelassen, wir sind auf dem Weg nach Oxycontin, wir sind auf dem Weg ins Durcheinandertal, noch liegt die Wüste vor uns, ich bin der Hunger eines jungen Wolfes, / ich bin der ganze Traum dieser Dinge, / sauer schmeckt das Wasser des Sumpfs, das im Darién für uns gesotten wurde von Sonne, von Sonne und dieser unausweichlichen Zeit, die den Massstab für die Gegenwart aufgehoben und ihn uns in den Arsch gesteckt hat, darum hängen unsere Zungen so heraus wie die von Teufeln, unter den Kronen dieses Urwalds können nur vermuten, was über den Kronen des Urwalds kreisend und kreischend sich dreht in den chiliroten, langsamen Lüften, di den Geruch von Kastanien hinter sich gelassen haben, die zitronige Versprechen verbreiten von feuchten Ritzen, aus denen das Zutrauen von Mägden quillt, die für ihn sauber machen, Cleanerinnen, keine Tänzerinnen, die die Maschinerie am Laufen halten, das Boomen, den Affenpulk versorgen, die Bolzen, Stempel, Stifte und Trommeln, es ist ein Gefühl in dieser Zeit, als würde selbst das ausgerissene Gras Halm für Halm dem masslosen Zweck zugeführt, dieses Loch, diesen Spalt, der nichts mehr als eine fingerbreite Ritze ist, zu verstopfen, zu verschütten, damit das lange Auge von Sonne nicht hineinzüngeln könne, denn auch Sonne ist weitab von der Mitte, nicht befeuchten könne die letzten Keime eines Traums, über denen die drachenartigen Adler wachen, mit ihren offenen Hälsen, mit ihren Schirmaugen, und der Aufschwung ihrer Flügel erklingt wie ein Pastelgeruch über den Kronen des Urwalds, über den schwarzen faulenden Zähnen des Grünen Landes, das wir verlassen haben, um es hier zu finden, um hier zu verenden, um hier zu verendern, und Sonne brennt in Girlie XL auf die eiterschleimigen Rücken der Glucliche, die in dieser hallenden Zeit, die aus den Steinen tritt, ihre Federn lassen, aber weiter fliegen als zuvor, und ein Kiesen beginnt, beginnt nicht ein Kiesen, mitten im Aufschwung der jungen Wolfsblüten,

(In Gedanken an all die Flüchtenden, die sich durch den Tapón del Darién einen Weg finden, um in die USA zu kommen.)

Mit Dank an Jan Bartel für das schöne Urwald-Bild.

Traurige Illusionen

Es begegnete vielen. Einigen eignete das eigene Traurige. Andere glauben immer noch, es handele sich um einen Anlass wie Kuss. Doch richtete es sich auf erhabene Weise in der Frau auf, in derselben, und ihre zweite Form, zu dem sie Grund hatte, entstand im Dunst des ersten Geschriebes. Jeder Anreiz, ob bemerkenswert oder nicht, gehörte zu denen, die von Meisters Intellekt herrührten. Dieser, mit seinem oberflächlichen Optimismus, war kein Freund des Zweitenwendigen, und die Werke schreiten seither voran. Es wäre noch einmal zu streben danach. Aber eine Gewohnheit des eigenen, stoischen und sentimentalen Schicksals? Leidensbereitschaft zusammen mit sich selbst, die unerwartet von Liebe sprach. Sie zu etwas Makellosen machen… und dein Gesicht zu sehen und kennen, dass von Ungläubigen die Erfüllung all dessen, was frei von allem, erforderte. Von irgendeiner armen Illusion schimmerte es doch, nicht wahr? Des Steintaumels zerstörtes Belieben lenken, und das Wunder freute sich zustande. Und bestimmt konnte es helfen, überzeugt zu sein, wenn auch später als Grossmuter und ihre klugen Menschen. Leichtherzig liebte sie, aber keine anderen Könnige der frühen Artikel. Denn sie war von der… rer… der… rer…

Dies ist ein Cut-up aus Virginia Woolfs „Augenblicke des Daseins“, einer im S. Fischer erschienen Sammlung von autobiografischen Skizzen.

Es wird Tag

Sophistication is a nice word, isnt it? Da äugen die Glucliche, da stielen sie mit ihren Halsaugen, aus ihren Halskrausen, dies giraffenartigen Flughunde. Sie warten noch zu und klicken ganz leise lächelnd in ihren kotigen Kehlen, in ihren verknoteten Seelen. Sie wissen um ihre Aufgabe. Das wissen sie. Tuwà thókea kephíca šni Wakhá thá-ka, niyé thokéya nicága. Tuwà thókea… Das heisst, die Wetiko-Krankheit hat das europäische Denken derart korrumpiert, dass Wetiko-Verhalten und Wetiko-Absichten als der eigentliche Stoff der europäischen Entwicklung angesehen werden müssen. Daher werden jene, die den Wetiko-Werten, dem Imperialismus und der Ausbeutung widerstehen, der heilige Franziskus, das Schweizer Bergvolk, die schottischen Clans, als «Merkwürdigkeit», «Freak» oder raue Demokraten («Bauern») angesehen, die niemals genügend Menschen ausbeuten könnten, um einen Petersdom oder ein Versailles zu bauen. Ich möchte singen, warum ist meine Kehle so eng? Ich möchte singen, warum ist meine Kehle so eng? Ich nachricht allein. Wer hat mich denn verlassen? Warum klammern sich die wolkentragenden Beeren so sehr an mich? Warum ist mein Beutel so schwer, dass er platzen könnte? Ist das noch Wakan, wenn ich mich so ängstige, wenn der Tag steigt auf den Felsenbaum? Wo ist der Binnenkeil aus Gras und Wollkraut und leichtem Ostwind? Höre mein Kind die Geschichte vom Beutel des Lebens. Höre mein Kind… Ich grub in meinen Taschen nach dem Kleingeld für meinen Anruf nach Hause, um dem Vater meiner Tochter zu sagen, ich schaffe es nicht. Ich zitterte am ganzen Leib, als ich die Münze einwarf und die Nummer wählte. Bitte komm und hole mich, sagte ich ihm, ich schaffe es nicht nach Hause. Natürlich schaffst du es nach Hause. Bitte, bettelte ich, ich weiss nicht, wie. Ich war zu spät; er hatte schon die Kartoffeln zu schälen begonnen. Und dann hängte er auf. Du warst allein. Ich war allein. War dies das Kreischen der Schs? Der Tag nahm zu wie der Mond, der Mund, es wurde nicht heller. Ich dachte an die Euphorbien draussen in der Steppe, die sich ihre Akazien gefunden hatten. Ich dachte an die Akazien draussen im weiten Grasland, die sich ihre Euphorbien gefunden hatten. Und würden sie auch im schweren Wind von Sturm und Monsun von den Euphorbien zerfetzt, waren das nicht Liebesspuren? Ich erinnere mich an die Namen, an die zarten Schöpfe ihrer noch frischen Bedeutung. Wohin sind sie aufgebrochen? Haben sie sich in den Dingen verkrochen? Meine Füsse waren ganz kalt, und mein Gesicht war heiss wie vor Scham. Bluteten die Akazien auch, wenn die Euphorbien ihnen in die Weichen schlugen, ins Gesicht? Es war ihnen sicher lieber, von eigenen geschlagen zu werden als von Messern aufgeschlitzt und von Keilen geweitet zu werden. Die Menschen brauchen Keile, die Menschen brauchen Messer. Die Messer machen sie zu Menschen, die Keile machen sie zu Menschen. Ist das die Rache der Namen, die ausgewandert wurden, in Reservate getrieben? Wo sind die Beutel voller Geschichten, Grossmutter Schwarze Witwe? Aber sie ist tot, und das ist unser Fehler. Wie lange ist das schon her? Wir hatten die Schlange getötet, erinnerst du dich daran? Du? Bist du auch noch da? Mein Eigenes, mein Gleiches? Wir dürfen es eurozentrischen Gelehrten nicht länger erlauben, «Menschenopfer» in solcher Weise zu definieren, dass sie uns zu glauben verleiten, damit ein Opferakt ein Menschenopfer sei, müsse ein Prieser in einem merkwürdigen Kostüm das Herz eines Opfers herausschneiden. Wie nur kannst du ihm nur sagen, dass sogar ein einziger Schritt zu machen unbegreifbar war? Dass es jenseits jeglichen Unbegreiflichen wäre, die mehreren tausend Schritte für eine Meile zu gehen? Du würdest sterben. Ich wärme meine Füsse mit meinen Tränen. Sonne brennt durch den glasigen Morgen wie eine Kernfusion. Billiger Kautschuk, Bananen, Kaffee, Uranium, welcher Rohstoff es auch immer sein mag, erfordert zuerst ein Blutopfer, ein Kannibalenfest. Du kannst deine Stimme hören, wie du ins Telefon sprichst. Sie war flach, eine dürre Ebene. In der Ferne war der Muskel eines drehenden schwarzen Tornados. Wie konnte er oder überhaupt jemand darum wissen? Niemand, der diese schmale junge Frau mit der eng um sich geschlungenen Jacke beobachtet, würde denken, sie ist am Sterben. Ich hebe meinen Kopf. Ganz wie am Anfang hebe ich meinen Kopf, ganz wie am Ende. Hat sie Sonne auf dem Felsenbaum niedregelassen? Wird sich jemand finden lassen, der sie von dort vertreibt? Monatelang zwang sie sich zu gehen und zu schlucken. Enorme Paniklöcher öffneten sich in der Atmosphäre. Das Überqueren von Strassen war besonders schwierig. Wenn sie an eine Strassenecke gelangt, hielt sie sich an Strassenschildern fest, an Laternenpfählen, oder klammerte sich an den Griff des Kinderwagens. Du möchtest singen, warum ist deine Kehle so eng? Bist du in Wyrai angekommen? Hat alles die Form eines Pyrits, aus dem die Zukunft wie eine schleimige Floskel stammt? Hast du dich nicht selbst in diese Lage gebracht wie eine Stadt am Meer, bei der zwei Kontinentalplatten aufeinandertreffen? In einem bedeutenden Ausmass entspricht die Entwicklung der Wetiko-Krankheit dem Aufstieg dessen, was die Europäer entschieden haben, Zivilisation zu nennen. Das ist kein purer Zufall. Da kommt das Wispern, da kommt das Wispern zurück. Was hat es angerührt, was rührt es an? Wie du da vor der Geschichten-Box sassest, da wurdest du zum Heiler, da wurdest du zum Kranken, da wurdest du zum Gedicht. Du wurdest einer Öffnung in dir gewahr. In einem rasenden, engen Spalt der Wahrnehmung wusstest du, du warst gekommen, dies zu vollbringen: du musst das Gedicht werden, die Musik, die Tänzerin. Du würdest für eine lange, lange Zeit nicht wirklich verstehen, wie. Ich bin eine Feder auf dem hellen Himmel. / Ich bin das blaue Pferd, das in den Ebenen läuft. / Siehst du, ich bin am Leben, bin am Leben. Schau in die Zelle dieses Sturms, schau in die Zelle dieses Geschwürs, das diesen Körper durchdringt: siehst du die rinnende Sanduhr darin? Condoleezza Rice und andere mächtige Frauen ausgenommen, sind der Wahnsinn von Gewalt, Aggression, Krieg, Angriff, Vergewaltigung, Mord, Eroberung, Beherrschung und Terrorismus hauptsächlich Formen von Irrsinn, die häuptsächlich Männer befallen. Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber – Ich bin die Kälte des Morgens. / Ich bin eine vierfarbige Flamme. / Der Rücken schmerzt, der Kopf, das Fieber steigt an, Schüttelfrost setzt ein, im Rachen trocknet der Schleim aus, Borken bilden sich im Hals. Frauen sorgen dafür, dass es Männern gut geht. Sie selber bleiben aber auf der Strecke dabei oder danach. Es ist leider immer wieder dasselbe Muster, lautet die Nachricht, die dich erreicht, zu recht erreicht oder zu unrecht, das fällt dir zu entscheiden schwer. Du schüttelst abwehrend den Kopf, sie kann dich doch nicht mehr betreffen, nicht wahr? Ich bin das blaue Pferd, das über die Ebenen läuft. / Ich bin der Fisch, der schillernd im Wasser rollt. / Ich bin der Schatten, der einem Kind folgt. / Ich bin einem Pferd gefolgt, das sich nicht sehen lässt. Was ich getan habe, stand in keinem Buch. Noch keine Geschichte wurde davon erzählt. Jetzt höre ich immer mehr Stimmen, immer mehr Stimmen kommen hinzu und zu mir ins Wakan. Sonne hat die Sternendecke weggezogen. Aber ich höre die Schs nicht mehr bitten, ich höre sie nicht mehr tuscheln. Es ist in der Regel links von Laternenpfählen, Strassenschildern, Kinderwagen vorbeizugehen. So hast du dein Geschick in der Hand. So gibst du nichts ab davon, was du dir vorbehalten hast, was dir vorbehalten zu sein hat. Die Dimensionen verschoben sich eigensinnig. Die Dimensionen verändern die Gelände. Ich stehe in guter Beziehung zu allem Schönen. / Ich stehe in guter Beziehung zur Tochter von Tsen-tainte. / Siehst du, ich bin lebendig, ich bin am Leben. Du nimmst die verkürzten Perspektiven wahr, die schräg ins Gesicht ragenden Laternenpfähle, die schiefen Schatten des Kindes, die Impf-Pusteln im Abendlicht, ich bin der fernste Stern, / ich bin die Kälte des Morgens, / ich das Röhren des Regens, / Aber deine Hirn-Gesichte / sind nicht unser allein, / wir sind nicht ihre Erfinder, / denn die Wahrnehmungsvorgänge, / der Jekt-Strom, / der Regenbogenpfad / fliesst ob wir es wollen oder nicht, / es hängt über uns, / es heult in uns, / es läuft uns mit seiner Kraft über den Haufen, / es liebkost uns mit seiner Süsse, / es überrascht uns unablässig und andauernd, / es ist unser Universum, / und wir sind nicht von ihm begrenzt, / wir sind in Tat und Wahrheit seine bebenden, / leuchtenden Rezeptoren, es ist, als hättest du den Schlaf des Schliefers geschlafen, während die Störche ihre Flügel schüttelten, die Gänse ihre Geometrie überprüften, die Falken ihre Vorliebe für Tauben, die Geliebte ihre Zunge spitzte für die Haut hinter dem Ohr, die auf sie wartete wie die Erde auf den Herbstregen, und im Spalt zwischen den Laternenpfählen, die links umgangen werden, links, den Kinderwagen, die davon rollen, keimte vielspelzig diese Welt eines Teilzeitindianers, dieses Wechselbad der Erscheinungsformen, die auf Unterdrückung und Ausrüstung ausgerichtet sind, spriesste der Affe mit den sechs Armen, es war eine Warnung, ausgesprochen von der Mentalen: sei vorsichtig, du bist in grosser Gefahr, und sie schloss ihr zärtlich die offenen Hände, du bist in grosser Gefahr, aber es war zu sehen, was sie gesehen hatte, das Wrack ihres Lebens, Küsse, Schläge und Tasten nach anderem, mehren, mehrigen, Tasten, die aufgeschlagen wurden wie Wörterbücher, wie Thesauren des Verlusts: niemand konnte es sehen, denn sie erschien normal, sie erschien in sich geschlossen, ein Kraftwerk von Mutter und Frau, und in dieser Lücke wurde das Schreiben möglich, das Malen: in der Bewegung des Stifts über das raue billige Papier, in der Bewegung der Pinselhaare, schwer von Farbe, über das billige raue Papier kam die Grossmutter, deine Grossmutter, mein Kind, wieder ins Leben, die öfter als merkwürdig oder unheimlich wahrgenommen wurde, weil sie näher am Tod denn am Leben stand, in ihre silbernen schwarzen Mantillas gewickelt, sie existiert selbst jetzt in mir, wie ich in den Letztgeborenen meiner Kinder, und in dieser Scharte war eine Geschichte möglich, die den Mann öffnete für seinen Mangel, die ihn neu nähte und drehte für eine neue Form von Behältnis, keine Köcher mehr, keine Scheid, die den Mann-Dichter entblösste von seinen Zorngesichten und unwilligen Unfähigkeiten, von seinem Grimm, und sie hätte ihn damals, in diesen Momenten nach seinem Sprung vom Dach der Kneipe, sie hätte ihn damals verlassen müssen, während sie mit ihre Freunden zurückfuhr, die sie überzeugen wollten, ihn zu verlassen, das würde nie mehr passieren, das wird nie mehr passieren, versicherte er jedes Mal von Neuem, wir können nicht politisch für eine bessere Welt für unser Volk kämpfen, wenn wir es nicht mal im eigenen Haus zusammenzuhalten vermögen, Luschkow, öffne deine Augen

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(Danke an kangbch für das schöne Bild.)

Ein Gedicht schreiben: Jäger und Sammler

Nach fast 30 Jahren des Schreibens von Gedichten habe ich weder Hemmungen noch überzogene Vorstellungen von meinen Fähigkeiten mehr. Die Hemmungen schwanden zuerst, die Illusionen fielen zuletzt. Jetzt bin ich nur noch Jäger und Sammler.

Meine Vorstellungskraft, so habe ich begriffen, war immer schon eine Kraft, die sucht und findet: eine Antenne für Aussergewöhnliches, Ungleiches, Mankos und Umwege, semantische Krawalle, assoziative Abirrungen.

Antenne ist ein gutes Wort: ein Fühler, ein Spürer. Imagination besass ich immer nur in Massen, auf Anstoss hin, auf Eingabe und Zufall. Doch wenn die Spürnase einmal Lunte gerochen hatte, folgte sie der Spur über weite Strecken, einige Male auch bis an ihr Ende.

Ich lernte Fruchtstände, Stempel und Staubblätter, Fürchte und Fransen erkennen. Und wie in meiner Jugend, als ich mich in der Taxonomie verrannte, hatte ich eine Neigung zum Kompilieren, zum Zusammentragen alles dessen, was fehl am Platze wäre in einem Gedicht, das nur erfunden ist. Ich war ein wachsendes, wandelndes Kuriositätenkabinett.

Und während ich in meiner Jugend den wundervollen Vers von MCSolaar aus «Superstarr» für einen blossen, aber treffenden Spruch gehalten hatte – «je m’aperçois qu’en fait tu jalouses ta bibliothèque» -, so weiss ich inzwischen um seinen ironischen Wahrheitsgehalt und wende diesen Vers auf mich selbst sehr gerne an. Nichts geht über eine gute Bibliothek, das wusste schon Mr. Darcy…

Heute also konzentriere ich mich ganz darauf, auf meine liebsten Themen zu setzen, sie immer wieder aufzunehmen und zu erweitern, sie weiter zu treiben bis dorthin, wo noch niemand zu sein scheint. Ich sammele und lege alles pele-mele in den Beutel meiner Gedichte. Ich jage unerschrocken den unscharfen, minderbemittelten Gespinsten meiner Ideen nach, und wenn ich sie eingefangen habe im Netz meiner singenden Assoziationen , Anspielungen, Zitate und Eigenwesen, dann sauge ich sie gnadenlos bis zum Mark leer.

Und als Jäger und Sammler gibt es nur noch wenige, kaum geschätzte, aber desto notwendigere Fähigkeiten, auf die nicht zu verzichten ist: Ausdauer und Geduld, Aufmerksamkeit und Wanderlust, Entbehrungsbereitschaft und Liebe zur Abgeschiedenheit.

Und über diese verfüge ich inzwischen zur Genüge.

Bild eines Schädels von Australopithecus afarensis benutzt gemäss ShareAlike-Lizenz.

Du bist nicht allein

Ich höre die Lieder der Spinne leise glitzern wie eine Tränenkette über meinen aufgelösten Haaren: Schlaf und weine nicht, / deine Mutter ist tot, und doch stillst du deinen Durst an meiner Brust, / Oh-oh-la-la-la-la, oh-oh. Bevor ich einschlafe, schaue ich noch einmal über mich. Ich erinnere mich an das süsse Lispeln des Busches, voller Volk, Versprechen und Freundschaften. Da unten. Da unten war es. Thain-mom, sage ich leise zu meinem inneren Wesen, thain-mom. Ich möchte mich erheben, ich möchte entschweben. Wie fern die Wurzeln des Busches jetzt in der Erde sind, sie hängen wie Rauchfahnen in der Luft, sie schlängeln wie Blindschleichen durch den erdigen Duft. Sie stecken gar nicht im Boden, auf dem mein Körper ruht. Sie stechen gar nicht in den Boden hinein, in den mein Körper gehört, zu den Freunden und Versprechen. Wo denn sind die andern? Wohin sind sie verschwunden? Ich möchte noch einmal thain-mom, beschwöre es mit der gewaltigen Kraft der Verlassenheit, denn die Schwarze Witwe jagt, keines ihrer Augen sucht nach mir, ich höre nicht ihr Tappen an den Fäden ihrer Haube. Seltsam ist es in der höchsten Nacht. Die Schale der Nacht riecht wie die Schale einer bleichgesichtigen Erdfrucht, ein Geruch aus Schmerz und Belohnung, mit harten, süssen Kanten. Ich taste im Sand nach den Schs, die eben noch gewimmelt haben. Der Sand ist wie die Innenseite eines Lederbeutels, riecht nach den Hufen einer Giraffenartigen. Ich spüre nicht mehr die Fasern des kräftigen Weizens in meinen Gliedern ihre Pfade ziehen, die mich durchdrungen und bedungen haben. Ich bin allein, auf einmal allein. Jemand hat mich verlassen, vergessen, entlassen, und über die Terrassen des Himmels wandeln heute keine Sterne, keine Sterne. Wo ist mein Zwilling, wo ist mein Zwilling hin? Schwarz, mit greisen Haaren steht die Nacht über meinem Auge. Ich sehne mich nach den Kammhaaren meiner Mutter, die mir die Furcht aus den klebrigen Sinnen streichen. Die Finger der Königskerze versperren den Horizont. Ich versuche zu singen: Höre, mein Kind, die Geschichte vom Beutel des Lebens. / Es ist, Liebling, die Geschichte vom gebenden Streben. / Anfangs war nichts in dem Beutel, das Füllen schien vergebens. / Blicke begannen zu sammeln und Wörter zu weben. // Küsse verschwanden im Beutel, Gerüche von Fingern, / suchend im Sand der Gestaltung, und wurzelnd in Dingern; / lausche, mein Kind, dem Gelichter der Sterne, die singen, / zwingen das Licht in die Steine, gesammelt von Schwingen, // weit geflogen, und so weit gespreizt übers Erdreich; / spüre, mein Sohn, an den Gliedern die Tropfen des Taus, / silbern erglänzend in den Schatten von Mütterchen Mond; // tief wie der Himmel der Beutel geworden, und schau, / Liebstes, wie voller Geschichten, hast dich nicht geschont, / leere nun aus, und verteile, und scheu keinen Vergleich.

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(Mit Dank an Jgiammateo für das Bild der Schwarzen Witwe.)

Es ist Nacht in Wakan

Ich lausche dem Flattern der Schs. Die Ruhe liegt über Wakan, ein Kristall. Und über die einfallende Nacht, die in diesen Breiten plötzlich kommt wie ein Dieb, legen die Sterne ihre Bögen: O ka lipo o ka la, o ka lipolipo / O ka lipo o ka la, o ka lipo o ka po. / Du schreibst: «Ich habe kein Interesse mehr an allgemeinen Aussagen zu mir, meiner Person und meiner Lebenserfahrung, das ist eng und bringt nicht weiter. Ich fühle mich wie eine Haut, die auf Helium wartet.» Po wale hoi, / Hanau ka po. / Es ist Nacht, / die Nacht ist geworden: ohne das Licht ist es weniger gefährlich, / hier bin ich nun, unterhalte mich, / ich fühle mich dumm und ansteckend, / lasst mich einen Trinkspruch tun… Po wale hoi, / Hanau ka po, / ich lege mich ins Gras, ich wickele / die grüne Flagge meines eigenen Gemüts um mich, sie ist aus hoffnungsgrünem Tuch gewoben,… / oder ich meine, das Gras ist selber ein Kindlein, das der Pflanzenwuchs zeugte… / alles wird enthüllt, alles wird erleuchtet: o ka lipo o ka pa, / o ka lipolipo, / po wale hoi, / hanau ka po. Ich wende mich aus dem Heilen den Träumen zu. Nicht wahr? Dem Kampf der Mütter am Jabbok. Straff ist die Haut hinterm Ohr gespannt. Zart die Zunge, die sie sucht. Es ist Nacht. Was noch zu leben ist, lass es uns entdecken. Lass uns finden, was in den Röhren der Pilze und in den Filamenten der Sterne lauert. Die Haube stellen wie der Rotkardinal, kiesen so gut wir können. Erinnern, was uns träumte, schwante, plante. Mit langen Schritten ins Ried hineinschreiten, die Egel aufsammeln und Veilchen. Das Blut des andern von den Lippen saugen. Nach dem Pochen des Herzens fassen, feucht und wild, zitternd in den Knien, schmelzend in den Lenden, am ganzen Körper Schlange. Wallalalala weija, wallalala leijahei! Den Kopf in den Nacken werfen wie ein Pianist, auf dem du spielst. Die Mütter ächzen in der fallenden Nacht, die haarig über die Furt, die trocken lag bei Tag, streiten, stampfend im sanften Schlamm. Ich höre sie singen unter ihrem Keuchen: «mein Sohn, mein Edelstein, meine reiche Quetzalfederpracht: du bist am Leben angekommen, du bist geboren, der Schöpfer und Eigner hat dich in die Welt kommen gemacht,» und es ist Nacht, wie eine Feder streichst du um mich, streichst du über mich, fliegende Sterne wirft das Dunkle hinter deinem Auge über den Schatten des Lids, tief fällt die Feder in mich ein, kühl wie ein Stein auf dem Mantel eines Schneefelds, feucht wie die Haut des Leviathans, sprühender Regenbogen sein Blas, «bist du vielleiht, wie eine Kornähre,» höre ich die Mütter am Jabbok, am Rande von Wakan, schnaufen, um Luft ringen, mit der Luft ringen, «bist du vielleicht eine Getreideähre, die was in ihrem inneren Wesen ist freigibt? Kannst du sehen, kannst du enthüllen, was du in dir drinnen hast? Gut genutzt, gut geleitet, gut gehütet im Schwarzen deiner Augen, so sei du in deinem inneren Wesen, wie in einer Brust oder einem Geldschrank,» und feucht schiesst die Stärke durch deine Glieder, durch deinen Geist, Zitronenkerne spriessen in dir, in deinen Kniekehlen, hinter deinem Ohr, alles wird offenbar, alles wird offenbar, fühlst dich blöd und ansteckend, denn in der Nacht ist es weniger gefährlich, weiss und körnig wie Mais blüht die Stärke aus den schwächsten Stellen deines Körpers, deines Geistes, deine Füsse wurzeln im Nebel deines Körpers, japsend umringen sich die Mütter, schillernder Schweiss auf ihren Rücken, ich bin der Dichter des Weibes gleichwie des Mannes, / und ich sage, es ist ebenso gross, ein Weib zu sein wie ein Mann, / und ich sage, es gibt nichts Grösseres als eine Mutter des Menschen, / ich bin Zeuge und warte, / hechelnd umschlingen sich die Mütter am Anfang der Nacht, der Vater der Erde, quellend und schnellend, po wale hoi, / o ka walewale hookumu honua ia, / o ke kumu o ka lipo, i lipo ai, / nie war mehr Anfang als jetzt, / nie mehr Jugend oder mehr Alter als jetzt, / nie wird es mehr Vollkommenheit geben als jetzt, / oder mehr Himmel und Hölle als jetzt, / du fühlst deine Haut zum Segel werden, mein Atem dein Nordnordwest, gelb bläht sich das Meer, und dein Tausendkorngewicht fliegt auf, fliegt davon, leicht und feucht, leicht und feucht, hinauf in die schneeigen wahnsinnigen Sterne, ein wahnsinniges Gesicht, ein wahnsinniges Gedicht, und die Maiskörner springen und spicken durch das Land, du schluckst ihren Hagel, bist du schon auserwählt, doch hier im Wakan, wo die Mütter gerungen haben, ist die Vollständigkeit kein Gut, der Keim ist kein Gut, die Mütter sind kein Gut, die Füsse sind kein Gut, denn es gibt nichts Vollständiges, Vollendetes, Vollkommenes ausser dem Unvollkommenen, Unvollendeten, Unvollständigen, Unvollstreckten, das ist die Kraft des Wakan, Wind an meinem Ohr, / Farbe in meinen Augen, / die Zehen tanzen, / tanzen unterm hohen Gras, / aus dem Graben zwischen uns / steigt die Hitze auf, / Tränen und Schweiss fliessen schwarz, / es öffnet sich mehr, / es öffnet sich, öffnet sich, / hell weitet sich die Dunkelheit, / wie Funken über Stoppelfelder heben die dünnen Häute ihre Röcke und laufen in die Richtung der Sonne, die sie rauben wird, in der Dunkelheit rauben wird, in der Dunkelheit rauben wird, die süssen Häute, und auch die Mütter kämpfen noch, auch die Füsse schmerzen noch, das Blut pocht in den Schläfen, ich trage die Narben als einen Schild, die Ausschabungen aus ausgehöhlter Zeit und ansteigendem Schmerz, meine Haare schützen und kitzeln meine Hüfte, ich bin ein Zelt voller Anfänge, wie Mütter im Dunkeln am Fluss, eine gekappte Losung, eine diabolische Schwäche und Hinterlist, / Einige Forscher sagen, / die Welt begann mit einem «grossen Klapf», / aber es gibt keinen «Klapf» / ohne ein «Ohr», / ohne «eine, die hört», / denn Klang ist ein Strahlstrom, / der ohne Empfänger unvollständig ist. Ich lese die Sohlen wie Stirnen, sie sind lebendig wie der Stein, der durch die Zeit gekommen ist und diesen kleinen Raum in meinem Pochen beansprucht. Umringt von den knisternden Klängen, die an mir weiden, die auf mir weiden, die für mich weiden, umringt von diesen Älteren, diesen Vorfahren, diesen Vorgängern, ein Kriechen und Schleppen, ein Keuchen und Wispern, von allen Viechern, die über der Erde mäandernde Ebenen krabbeln und sich in den Schatten ihrer Bauchfalten aufhalten, ist ein Sch vielleicht das am Schwierigsten zu findende. Du stösst nicht jeden Tag auf eines von ihnen. Das liegt nicht an ihrer Seltenheit; tatsächlich sind sie ziemlich weit verbreitet, sogar in deiner Stadt. Und doch übersiehst du sie so leicht…, du kannst dich um deine Geschäfte kümmern, ohne einer begegnen zu müssen, dieses Stirnlecken, dieses Sohlenschmecken, umringt von dem Krabbeln und Kabbeln diese Mütter der Schöpfung, als wäre meine Haut zum Trocknen aufgespannt, ich lese die Sterne wie eine erste Geschichte, ausgefaltet vor meinem inneren Wesen.

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(Mit einem Dank an AndrejC für das sehr passende Bild.)

Einbaum aus Schläfenbein

In meinem Rücken rauschen die Wälder aus Schs, mit leisem Brummen erklimmen sie die Gründe meines Herkommens, meines Stammes: derzeit können sie nur auf das Geflatter der Äste zählen, auf die Falten aus Distanz und Luft. In meiner Nase schwillt die Vertröstung wieder rauchig und pelzig auf, der ich doch nicht mehr begegnen kann hier im Wakan. Denn hier im Wakan bin ich doch in der Sekundenblüte aus Starre, Winkeln, Schlunden, Löchern, Abgründe. Im Grasland des Grossen Geistes, sagt mir das, Namen! Ihr könnt nicht ewig zirkeln, kreisen, krümmen, wippen, nicht wahr? Sagt mir das, Namen! Sagt mir das Namen! Meine Lippen sind zerbissen von der Geduld. Lasst mich aus der Zeit, die mich lehmt… und es kommen die Arbeiter aus den Kokosplantagen / und schreiben Liebeslieder / die die Schwestern der Umgebung / nicht zu kennen nicht kennen… Der Stein ist zu lebendig, sein Beben erregt mich zu sehr. Die Toten, die Toten! Der Stein ist zu lebendig, seine Erregung ist zu innig. Ich greife ins Gras, das wie Speere um mich den Himmel erreichen will. Ich erinnere mich, erinnere mich an etwas. Ich griff ins Gras, das tat ich damals. Die Geschichte kommt mir durch Röhren entgegen, hallt wie ein Funkspruch aus den parsec-Tiefen, beendet das Erschauern der Sterne, die Materie gierig schluchzend schlucken, ein Keuchen kommt in das Wakan gelaufen, die Leisten weiten ihre Seiten. Ich kann mich nicht erinnern an das Nicht-Erinnern. Ich höre zwischen den versammelten Stimmen der Namen – atti, atti – ein Kind sagen: Aber Herr Füglister, wenn ich weiss, dass ich es vergessen habe, warum weiss ich dann nicht, was ich vergessen habe? Wie kann ich wissen, was ich nicht weiss? Es war in Odaiba, Miyuko war an meiner Seite. Mit den Augen am Himmelswinkel, der sich färbte, Sakura-Sintflut, die Hände in unserem Rücken aufgestützt, im Sand und spärlichen Gras, Büsche im Rücken mit ihrem Rascheln. Miyukos Hand so nah, keine Distanz wäre trennender gewesen. Ich erzähle das im Wakan. Ich halte den Stein umfasst, der sich schält in seinem Beben, Jahrmillionen flüstert, kann ich ihn denn nicht beruhigen, will er mir von den Toten erzählen, die mich nicht allein lassen werden? Miyukos ganzer Körper verschattete meinen eigenen, verlappte sich deinem Körper. Der Schmerz war zu gross, mit einem Seufzen beugte ich mich über meine Knie, kaum sahst du den Rüssel der Rainbow-Bridge, ich rupfte am Gras, konnte Miyuko nicht fassen, nicht anfassen, weil die Distanzen uns verwoben hatten, ihre Hand so nah und warm an meiner Hüfte, ihre Stimme eine wippende Ähre hinter meinem Ohr, ein Schmelzen von Haut und Kosmos, ein Ballen von Mangel, hättest du sie angefasst, hättest du die Weite aufgerissen, Lichtjahre von heute. So zittern Steine von dem Leben der Toten. Noch hier im Wakan, lassen sich nicht beruhigen. Stöhnen ist nicht erlaubt, / soll ich es dir sagen, / und gibt es auch keinen Winter, / so macht das noch keinen Sommer, / so rupfte ich an den Gräsern, Liebstöckel, bummel und laibe mit mir im Gras, Wollkraut, Königskerze, Kermesbeere, Holunder, ein Zerren und Zupfen, und ich höre noch Miyukos Worte wie die Namen zischen – atti, atti, –, sie längen sich hier im Wakan wie das Licht von den Sternen, über Lichtjahre gealterte, gereifte, wahnsinnige Tränen, ich erinnere mich an die Trauben, die hinter meinem Ohr schmelzen, harzig ist ihr Schmelzen, ein Knistern hinterm Ohr dringt in mein Ohr, die Haut wellt sich mit dem ganzen Schläfenbein, hebt sich aus dem Körper, ich erinnere mich, noch hier im Wakan, und ich rupfte an den Gräsern, ich bin ins Wakan gelaufen mit diesen blossen Füssen, und das Kielschwein meines ganzen Körpers hebt sich aus meinem Leben, ein Einbaum aus Schläfenbein, ausgehöhlt von Miyukos Stimme, bin ich denn so weit gelaufen, um so nah zu kommen?

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Bild von Wikipedia, Artikel Rainbow-Bridge, unter folgender Lizenz verwendet.

Das Grosse Festmahl

Lasst die Vögel singen und festen,
fressen und sich sättigen sollen die Vögel des Himmels alle,
und während die Schafe klagen mit den Löwen,
die Panther jammern mit den Ziegen,
kommt, versammelt euch zum Grossen Fest,
das die Heilige versprochen hat und ausrichten will
für heute und immerdar,
der Rabe kommt krächzend über die Leichen von Königen,
der Ibis steht ungerührt auf den geschwollenen Bäuchen der Soldaten,
sein ungestimmter Ruf stimmt mit den Himmeln überein,
die Sommergäste kommen auch,
von denen du im Herbst keine Spur von ihrem Weg über den Himmel mehr sehen wirst,
sie finden ihren Weg,
du gurrende Turteltaube, der jauchzende Bülbül,
die Straussin stakst durch unsere Freude mit ihrem wehen «Ya-annah»,
die Wachteln wälzen sich im Sandkuchen der Königskinder,
die Smaragdspinte baden im Blut der Generäle,
und lachend überfliegen die Kittim den reich gedeckten Tisch der Heiligen,
sie haben ihr Auge auf die unanständigen Körperteile geworfen und wissen zu warten auf das Verschmähte,
auf die Nicker haben sie es abgesehen, die am Rande hockten, am Rande hockten,
nickten und nickten und nickten,
die Adler nippen am Becher des Zorns,
den die Heilige ihnen reicht,
und alle werden satt, niemand muss hungern, niemand muss dürsten,
und alle ruhen sich aus auf dem Mantel voller Eiter und Augen,
lasst die Vögel singen und ihr blutgeflecktes Gefieder spreiten und schütteln über den Frevlern,
lasst sie satt werden im Grossen Festmahl,
bevor die Lilien in den Himmel schiessen aus den Knochen,
bevor die Lilien ihre ausgebreiteten Antlitze errötend über alles weiten,
als gebe es Vergebung in einer Blüte,
in einem Frühling werden wir aufreizen die Toten zum Tanz,
im Lärm der Vögel das Schwirren des Schwertes nicht mehr hören, das über unseren Köpfen saust,
seit die Heilige ihren Mund geöffnet hat,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
nie mehr wird sie ihn wieder schliessen,
sie wird ihn schliessen, wenn die Vögel weiterziehen,
wenn sie weiterziehen in den Süden,
wenn sie weiterfliegen in den Norden,
um Nester zu bauen in den Speichen des Himmels,
der sich vor unseren Augen dreht und dreht und weht und weht,
wenn sie satt sind, werden sie weiterfliegen,
wenn sie satt sind von den Leichen des Rats,
schreibe das auf, schreibe es auf,
zögere nicht länger, warte nicht zu,
und sie fliegen auf,
und sie fliegen weiter,
in den Norden und in den Süden,
alle Vögel werden satt von unserem Fleisch,
das ist der Tag der Heiligen,
es ist kein Tag für falsche Propheten,
kein Tag für gute Könige,
lasst die Vögel festen und singen,
ihren Hunger stillen an unserem Fleisch.

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Das Bild (gemeinfrei) ist stellt das Wiegen des Herzens dar, das der ägyptische Gott Thot, der einen Ibis-Kopf trägt, in der Unterwelt vornimmt. Diese Prozedur entscheidet, was mit der Seele des Verstorbenen geschehen soll.

Die Totenklage des Märchenprinzen

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer grossen Zeit zu leben,
in einer Zeit der geschwungenen Schwerter,
in einer Zeit der geworfenen Speere,
in einer Zeit der gesungenen Lieder,
in einer Zeit von Verrat und Verhöhnung,
in der Taten zu spät getan werden,
in der ein König vergisst sein Königsein,
in der ein König vergisst die leitende Faust des Himmelsherrschers,
in der zuletzt doch die Kleinen und die Aufrechten aus dem Stamm Juda den Sieg davon tragen,
wenn auch die Grossen und die Mächtigen aus dem Stamm Benjamin schadlos bleiben;
darüber wollen wir uns freuen. SELA

Wir sind hier versammelt,
vor dem Kopf des Königs Saul unsere Köpfe zu beugen,
und was für ein Kopf war das,
schwer zu übersehen,
doch schwer zu verstehen,
ein Geist von schwankender Überzeugung,
eine Kehle mit unsicherem Ruf,
ein Teil Güte und ein Teil Wüten,
ein Welpe vor Gott,
eine Echse vor den Menschen,
er ist nicht mehr, er ist gestorben,
er ist tot, er kommt nicht mehr,
er kann nichts mehr tun,
weder Gutes noch Schlimmes,
es gibt ihn nicht mehr und es wird ihn nicht mehr geben,
er ist tot, dahingegeben ist er,
dahingenommen ist er. SELA

Du wirst sterben, und ich werde sterben,
wenn meine Zeit kommt, und wenn deine Zeit kommt,
das wirst du tun, das wird mir geschehen,
das Volk selbst wird sterben,
eine Zeder, vom Sturm gefällt und entwurzelt wird es sein, mein Volk,
doch was für Untaten hat es vollbracht,
doch was für einen Heilsatem war ihm gegeben,
und dieser König war nicht gut,
und dieser König war nicht niemals schlimm,
sein Atem war faul vom Zweifel,
seine Augen getrübt vom Abwägen,
seine Taten waren eine Anfangen,
und immer liess er euch warten auf seine Entscheidung,
und immer musstet ihr ihn in den Kamp bannen,
und selbst seinen Tod wollte er einem Knecht überlassen,
einem Knecht wollte er seinen Tod überlassen, einem Knecht,
doch neigen wir unsere Köpfe vor diesem Kopf,
der uns von Verrätern und Verhöhnern gebracht wurde,
der selbst ein hämevoller Höhnender, ein verratener Rätselnder war,
schaut ihn euch nochmals an,
auch dieser Kopf war glücklich, auch wenn er tot ist,
im Tod war er noch glücklich,
auch dieser Kopf schätzte das Glück und die Freude, meine Freunde,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
darüber lässt sich weder singen noch reden.

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(Das hier gewählte Bild ist gemeinfrei; ich danke WikiImages dafür. Es zeigt Sarah Bernhardt als Hamlet in der Ersten Szene des 5. Aufzugs.)

Zwie-Gesang der Hyänen und Töchter in den Ruinen

Was tanzt ihr Mädchen auf den schiefen Türmen und aufgebrochenen Toren in den Ruinen,
was verrenkt ihr im wilden Reigen eure schönen Kehlen,
was erklingen eure Stimmen heiser und scharf wie die lidlosen Augen der Sterne über der Einöde,
was tummelt ihr euch in der Wüstenei,
wo sind eure Mütter, wo eure Väter? SELA

Wir haben unsere Freude verloren wie Tränen im Sand,
unseren Müttern wurden die Zungen gezogen,
unseren Vätern wurden die Köpfe genommen,
unseren Brüdern versiegten die Herzen,
und wir raufen unsere Haare im Tanz und heulen ein Kelterlied,
denn unser Leben wurde geprüft und verworfen,
auf den Rücken von Schaben rollen unsere gütigen Augen,
im Gebiss der Füchse hängt unsere blutende Scham,
und ihr könnt nur lachen, nur lachen! SELA

Was sollen wir uns weiden an eurem Leiden,
unsere Zähne blecken über euren trockenen Brüsten,
was sollen wir leiden an eurem Leiden,
uns schrecken an eurem Schrecken,
was johlt ihr blind und nackt und mager auf unseren Ruinen,
was vertreibt ihr unsere Trostferne mit Geheul,
hier, wo keine Heilige ihre Gesetze mehr aufrecht zu halten gedenkt,
weil jeder jaulend sich selbst der Nächte ist,
weil jeder jammernd von sich selbst nur klagt? SELA

So ist die Welt, so ist die Heilige,
eine Grube für die Aufrechten,
eine Falle für die Unschuldigen,
ein Netz für die Freiherzigen,
ein Speer für die Zögernden,
und so zappeln wir mit unseren Körpern,
und so zeigen wir an, was uns und allen Frauen geschehen ist und noch geschieht,
zähneklappernd und jauchzend wollen wir die Heilige loben in der Wüste,
die von Thymian duftet und singt vom geschäftigen Reiben des Sands,
loben wollen wir sie für die guten Taten an den Müttern und Töchtern,
mit zuckenden Leibern wollen wir entweihen unsere Zucht,
die von den Männern kommt wie eine eiserne Umarmung,
und von den Tanten, und von den Tanten,
entwürdigen wollen wir unsere Körper im Sand und Staub der Einöde,
unter eurem beistehenden bellenden Lachen wollen wir mit verdrehten Kehlen und entwurzelten Gelenken die Unschuld gewinnen,
den unbekannten, den unbefleckten, den freien Körper.

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(Bild aus „Ecrits sur la danse d Isidora Duncan“, 1927, von Antoine Bourdelle (1861-1929), gemeinfrei, gefunden auf Wikipedia.)