Zweite Nacht / Erster Traum

Die Wächter zirkeln auf ihren Köpfen
Von Blut überbordende Blicke folgen jedem meiner Flutschritte
Sie durchdringen die Seide ihrer Röcke
Das Rasseln ihrer Stimmen wie das Kratzen von Mäusen im Schober

Die Beamten treten erstmals von unten nach oben
Ihre manikürten Füsschen schlagen das Hochwasser schaumsteif
In ihren Näschen wohnen die Glasaale
Ihre Schöpfchen sind wirr und sind mit Pinseln gut verankert

Die Gärtner haben sich in ihr Schicksal ergeben
Vor dem Nabel formen ihre Schaufelhände ein grosses O
Ihre rosa Wimpern gleichen den Fühlern von munteren Flussgarnelen
Ihre wettergegerbten Stirnen leuchten wie eine aufgeschlagene Muschel im trüben Wasser

Aus den Schössen von Konkubinen steigen Blasen auf
Mit roten runden Gesichtern streben sie dem Himmelsspiegel zu
Mit geschliffenen Zähnen grasen sie die Füsse der Träumenden ab
Die Konkubinen in ihren weiten Röcken entfalten ihr scheues Krebsfleisch in Wolken

Der Herrscher selbst trägt ein Hufeisen im Gesicht
Seien Arme tanzen befehlend wie Seegras um ihn herum
In seinen Augen wohnen glitzernd die ufernahen Pfrillen
In seiner immer schon offenen Brust lauert wie immer schon der Hecht.

(Image by Brigitte Werner from Pixabay).

Erster Tag (Schiffbruch)

Die Nussschal zerschlagen
Über den Stirnen der Steine
Ein weiches Weiss
Nachgiebig wie Schenkelfleisch
Vollgesogene zerrissene Wecken
Ich betrachte das Bötchen
Aufgeschlagener Kamelkopf
Fruchtig leuchtet das leichte Holz
Und will nicht brennen
Die Steine schütteln ihre grünen Bärte
Langsam rollender Tanz aus Zeit und Moos
Nicken mir umflossen zu
Ernst und gelassen
Schiffbruch ist nichts Aussergewöhnliches
Das geschieht aller Tage
Hier am überbordenden Fluss
Starre nur auf uns weises langsames Ungestüm
Die stumpfen Zähne des Ufers
Die deine Bootsfahrt
Staunend zerrissen
Mit offener Kinnlade kommen sahen
Mit dem Greisenlächeln einer Insel aufschlugen
Was noch im Innern lag
Und nun schau über das Dotterwasser
Und nun äuge durch den sahnigen Nebel
Leise klappern die zerschlagenen Ruder
Um die Uferglatzen
Und das Rauschen des Flusses
An deinem Ohr
Wie das Flüstern von Federn in Kissen
In Streifen hängt die Seele an dir
Mein Körper weiss wie Papier
Aus den Achseln wachsen mir
Tintenschwarz Barteln hervor
Als kitzelten mich Grashalme
Rinnt der Regen über mein Gesicht
Ich lasse mir den Mund füllen
Von der Himmelsfülle
Es gibt kein Halten mehr
Das Wasser will ins Meer
Wie der Mensch in seinen Tod
Und in seinem Hunnenhirn rasen die Gestalten
Zehntausendfach
Gestecken gleich
Stuhlbeine und Wagenräder
Pinselbüschel und Raupenhaare
Durch die Kloake von Frieden-Immerdar
In deren Schaum zu baden
Auszeichnung und Reinigung ist
In den Morgenstunden nach einem Gelage
Ergraut und zitternd
Über dem Rollen
Die überrollend rollen
Winken die Beamtenbärte
Von manchem Unwetter und Ungeschick gezaust und gelängt
Im reifen Koriandergeruch
Versteift auf die Satzungen
Vertieft in die Regeln
Kauen sie auf Menschenpfriemen
Den Saft von ausgelutschter Lust und
Den Schleim von nächtlichen Gedichten
Das Mus von Konkubinenkichern
Sammelt sich in ihren hängenden Backen
Tropft in die Vorzimmer der Zukunft
Wo die Aspiranten ihre Knöchel baden
Ihre Pinsel auswaschen
Mit denen sie kopieren
Was die Gestalten verschmieren
Die in den Hunnenhirnen hausen
Die zehntausend Gestalten
Aus zehntausend Gefässen
Für zehntausend Gefährten
In zehntausend Gärten
Wo die alte Leier erklingt
Vom gestohlenen Leben
Vom verlorenen Leben
Vom verflossenen Leben
Wo die zehntausend Gestalten
Sich im Königslob ergehen
Wo die zehntausend Gefährten
Sich im Rügen der Konkubinen üben
Wo die zehntausend Gärten
Ihre Äpfel immer höher hängen
Damit die Füchse ohne Heimstatt
Durchdrungen von Schläue
Getränkt von Umwegen
Demütig in Unterzahl
Ihre Zungen stählen
Ihre Verse zählen
Ihre Stimme wählen
Denn im Abluchsen und im Beschwören
Ist ihre Bestimmung
Sie entheben sich den Notwendigkeiten
Den verbindlichen Botschaften
Den verhärmten Liebesschwüren
Füchse aus Henan
Füchse aus Tokmak und Shu
Füchse aus Shanxi
Die unablässig und zäh
Wie der überbordende Fluss
Dahin streben
Mit unermüdlicher Musse
Denn die Notwendigkeiten
Die bemühen sie nicht
Wie unreine Milch fliesst der Fluss
Und darüber das verklebte Grün der Kiefern
Und der körnige Schmelz des Nebels
Immer lächelnd in seinem Spiel
Verdecken ist entblössen
Enthüllen ist vorsehen
Und angekommen auf diesem Elend
Und angekommen auf diesem Eiland
Betrachte ich das Splitterweiss meines Kahns
Faserig wie Hühnerfleisch
Knirsche mit den Zähnen auf dem Sand
Der leise zirpt und schmeckt
Nach vergangenen Tagen
Nach Exilsgestaden
Nach Kirschensteinen
Betrachte das aufgebrochene Gefäss meiner Reise
Diesen roten Lack
Diese madenfarbenen Bruchstellen
Und die rieselnden Erbsen des Ufers
Verflossene Pflichten
Entrissene Söhnchen
Verspielte Versprechen
Und wende mich dem Himmel zu
Mit seinen Falten
Die nachwachsen und nachwachsen
Wie die Arme eines Seesterns.

(Image by Sven Lachmann from Pixabay.)

Marianne

In der weiten Stadt du
Mit Fragen für mich
Hast du schon einmal geliebt?
Unter verwindeten Haaren
Denn der Wind in der weissen Stadt will dir wohl
Das jüngste Gesicht einer Frau
Die Nasenspitze resolut in den Himmel gedreht
Die grauen Augen wie rollende Katzen im Meer

Unsere Zettel flattern durch die Marmorgalerien der Stadt
Über die Marmorbrücken hallen die Rufe unserer Augen
Durch die weiteste Stadt springt der Ring deines Rocks

In der weissen Stadt du
Mit Fragen für mich
Ich finde Hände halten gut für den Anfang und du?
Und ich lese
Du möchtest noch nicht geküsst werden
Höchstens unter Brücken im Geraspel der Zeit
Und ich schreibe
Ich möchte deinen Körper leuchten sehen zwischen all den Kuttenschatten wie eine gute Narbe
Und für Jahre erhalte ich keine Blicke mehr
Verschwindest du zwischen den Vätern
Die Marke deines Lächelns stempelt den zu blauen Himmel mit dem Anschein einer Wolke

Du findest mich in der weiten Stadt
Als langtest du nur kurz in deine Handtasche
Grau umfängt mich der Rock deines Blickes
Kühl und ingwern
Ich finde dich auf der Treppe die nicht endet
Und ich schreibe
Mein Zettel zerknittert und nass von meiner Wange
Ich liebe deine Knöchel und die lockende Wade
Weiss wie die Stadt
Du sagst
Du wirst noch zum Italiener
Und du sagst
Komm zu mir
Breitest deinen Rock über meinem Kopf
Die Wärme deines Geschlechts auf meinem Scheitel

In der weissen Stadt du
Ich zähle die Perlen deines Lachens
Und lege sie in mein Gedicht
Und Fragen werden Antworten
Antworten werden Fragen
Deine Wangen verfärben sich abendlich
Und wo nichts mehr lebt in Steinen
Reichst du mir einen Orangenschnitz

(Das Bild „Das Rätsel der Uhr“ von Giorgio di Chirico ist gemeinfrei.)

Moskau-Scheremetjewo

Gedeckte Rolltreppen
Gehen
Sicherheitskontrollen in Grün-beige-braun
Gehen und warten
Asphalt-Hitze nass
Warten und Gehen
Niemand weiss Bescheid lauter Nicken
Passkontrolle: sie drehen und wenden den Ausweis wie ein rotes Stück Fleisch in ihren Händenund reichen ihn durch ihre Reihen weiter bis nur noch das betende Ringen der Hände zu sehen ist
M. steht vorne und redet redet
Redet mit heller werdender Stimme
Als raschelten darin Mammutknochen und nicht Dreckswäsche beugt sich der Dragoner über die drei Koffer
Nicht stehen bleiben weitergehen
Weitergehen
Wieder turmhoch alles von Grün-beige-braun verstellt
Sicherheitsschranken
Die Koffer ängstlich zuckende Tiere
An der Schulter die Tochter
Eine aufgeschreckte nasse braune Möwe
Tapsend an der Seite
Leer ist die Rollbahn
Nur Zelte bis an ihr Ende
Menschen keine
Nur wir ohne Pass
Noch ein Checkpoint unter der glasigen Sonne
Im lichten Nieseln eine letzte Schranke
Ein letzter Check vor dem Flugzeug
M. parlamentiert mit einer anderen Matrone
Sehen alle aus wie mit Gerstenbrei gefüllte Uniformen
Laue Borschtsch-Augen und heisse Kirschkernwörter
Ein nickendes Njet säuberlich nickend an das nächste Njet gereiht
Klickende Klarheit Njet
Grün-beige-braun neben der Tochter an meiner Schulter
Passwendehände suchen an ihrem Gesäss und ihren Brüsten nach weiteren Herkunftsmerkmalen
Stösse vor die Brust
Augen auf Abzeichenhöhe
Angespannte Schritte vor der Brust
Angespannte Schritte im Kreis um 3 Menschen
M. macht die Matrone auf Speisereste zwischen den Vorderzähnen aufmerksam
Und ein Kompliment zum Kuchen auf dem Kopf
Warten und gehen
Wind zerrt an den Zelten auf der Rollbahn
Die Matrone reisst an M.
Die plötzlich ihren Pass in der Hand schützend vor sich hält wie ein blutiges Feigenblatt
Reisst ihr sämtliche Merkmale vom Leib
Identifikation unmöglich
Auf der Rollbahn atmen die Zelte verhalten
Wohlgenährte Gesichter vor dem prustenden Lachanfall
Stehendes Warten und gehendes Stehen im Kreis von Grün-beige-braun
Drüben die gedeckten Fluggasttreppen
Die drei Meter in den Himmel führen
Erfüllt von den auffliegenden Möwen
Unter dem Kopfschütteln des Drachens auffliegenden Möwen
Die sich auf den ausgeweideten Koffern niederlassen
Gehen und M. suchen
Warten und auf M. hoffen
Im Heulen der fernen Motoren
Die es gibt immer noch gibt
Abzeichen auf Augenhöhe
Griffe im Rücken
Schnelles Gehen zu schnellerem Warten
Gedeckte Fluggasttreppe mit einem Loch Himmel darin
Dahin geht es also
Zurück
In das ungestempelte Visa des Himmels.  

(Dank an Gianna für das Bild.)

Weiten / Zandvoort

Windspreiten über dem Sand
Windschreiten auf dem blossen Land
Ohren-Drachen
Ohren-Rachen

Die losen Fäden von Perücken
Zusammengefallen
Eingetreten zwischen Muscheln
Die losen Fäden von Albdrücken
Ich bin lieber zornig als traurig
Zerzaust wie die Mähne eines Kindes
Die seltsamen Kammern der Angst ergiessen ihre Engen
Pfeifend und surrend
Rieselnd und fliessend
In die Strandgras-Schöpfe: gelbe warme Sosse Abschied

Ein Geschöpf des Windes ist wohl besser als ein Geschöpf des Landes
Ein Geschöpf des Regens ist wohl besser als ein Geschöpf der Sonne
Ein Geschöpf des Endes ist wohl besser als ein Geschöpf der Industrie

Die Türme müssen dort hinten stehen als Grenzer
Die Schornsteine müssen da hinten stehen als Panzersperren

Schritte werden Meilen
Brüste Menschheitsgeschichte
Alles schreit verstummt im Wind
Zuerst nach Grössenwahn
Ich bin lieber zornig als traurig
Aber was hilft hier Zetern
Hier unter den Wettern
Hier unter der Sprache der Boliden
Albatros-Ohren und Albatros-Schreiten
Torkelnde Gewissheit und Sand auf den Zähnen
Die salzigen Haare eine Maske
Ein Geschirr über dem Schädel
Wogegen
Wer behändigte es

Aus den Ohren quellen die sauber schillernden Mut-Mütter
Die ersten Regungen von Freiheit
Von Abgelassenheit
Von stampfendem Kleinmut
In den Windspreiten über dem Sand
Von tobender Stille
Von ausgelassener Ruhe

Nichts bist du mit Wut
Nichts bist du mit Trauer

Füsse Flügel
Sandige Zunge eingerollt in die Stimmbänder
Leben wie eine der gestrandeten Quallen
An denen die Sturmvögel picken
Wie an Lebern und wie niedrig auch gefallen
Der Himmel auf die flache Scheibe
In der Münzen eben noch klingend und singend gerollt
Über dem Sand spreitet Wundhaken Wind
Diese röhrende Welt
Dieses Ende der Welt.

Navigation / Dienst

Richting Sand jammern
Kann jeder Richting
Wind heulen
Damit der Wasserhahn rechterhand
Brauche ich keine mehr
Eicheln und Kronen
Kobel und Wimpersäuseln
Geen Dienst
Untergang der Menschheit
Amüsiermeile nichtig über dem Porzellan
Über dem Schatten in deinem hellen Selbst
Zur Analogie erklärt
Zuckend und zögernd
Die Hände zum Waschen erheben
999
Wenn die Teller und Tassen im Buffet der Metrolijn nicht mehr rasseln
Overstappen in Zandaam
Brauche ich keine Allegorien mehr
Von dem erstaunlich wünschenswerten
Bilgenwasser
Uitgezondert die Felgenskelette
Im Aufgang zum Wimpernwind
Der Grachten zaust
Richting Waisenhäuser
Amüsiermeilen voller Sinaasappels
Erstaunlich ist der Untergang der Menschheit
Nicht wünschenswerte Signale und Aufschriften
Richting Sand
Kann jeder Richting Rolltreppenjaulen
Platz für die Hände zum Waschen
Über dem Porzellan meines Elefantenbeinschattens
Quer über die Magnolien-Analogien
Diesen gekräuselten Transportgewerkschaften
Erstaunlich irrelevant
Geen Dienst für die Allegorien
Spülicht vor dem Menschenzelt
Overstepped Körper
Overstappen geen
Dienst am Adamsapfel
Zandaam auf meinem Gewissen
Auf meinem Richtingswert
Und amüsierte Schläuche
Abgetretene Schilder und Sandbehebungen:
Kann jeder
Dosenfleisch und Dosengeist
Uitgezondert und ausgepult
Altenheime kann jeder
Jammern mit den Wegzeichen
Bahnhof über einer Gracht
Die keiner kann
Heulen mit dem Wasserhahn rechterhand
Heulen mit den Händen über der Enge eines Hafenbeckens aus Porzellan
Rechterhand gekämmt von den Wimpern eines Windes
Gekrault von den Händen eines Sandes
Kann jeder: 999 Keime für
Ein gutes Ende
Über dem die Felgen fehlen:
Brauche ich keine mehr

—–

Das Bild des Bahnhofs Zandaam ist von

Von Fantaglobe11 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0.

Mondaufhängung

Versuchte Aufhebung zum Mond
In einer angespannten Gaze und in
Violettem Tundraleder
Auf Kohlebergen mit genügend Schaumk-oben
Im aufgesplitterten Bug
Die Armaturen säuberlich aufgereiht
Accounted for und ein r-r-r-rosa Schiff wird kommen
Schwarze Mondscheibe und besch-sch-sch
Das Ross des Ringgeistes kreuzt kopflos die Beine
Aber noch kein Tanz accounted for
Nur das Rasseln des Sisyphos
Mit dem roten Tuch für den Stier
Und der Finger Gottes steckt im Hals der schwanken Garderobe
Und die Fahrräder fahren geräuschlos an ihm vorbei
Und wird beschiessen die Stadt und im Gaumen
Könnte es der Wind sein auf allen Vieren
Und die Hose hat ihr Gesicht in die Balken gehängt
Ver-r-r-ursachte Aufbahrung
Winkel 25 % über der Felge
Und Stelzen schrummen über den Beton
Mondreizung schwarz und ein rosa Schiff
Wird kommen gibt Licht hinein der Mond
Morgenlich-
T um 9 Uhr accounted for
Versuche die Schlüssel
Das Rad die anderen Anhängsel
Blue moon und strange fruit
Die-ier Gedankenlohe-Ross kreischen mehr
Als die Parallelbojen und der Schrei des letzten Mannes da oben
Von den Paraboldünen erstickt
Oben auf dem schwarzen Haufen
Mit rotem Haar wird besch-besch-beschiessen die Stadt
Und Burchemeista setzt sich in die Äste des Apfelbäumchens.

Promenade

Zeit verkürzt den Raum.
Erfahrung weitet ihn.

Der Weg am Fluss zu kurz.
Seine Länge für ein Kind
Schwer einzuschätzen. Der Pausenplatz:
Eingefallene Lunge einer Kindheit.
Wo der Volg war
Mit seinem Reichtum:
Coiffure Yvonne. Die Luzernerstrasse
Immer noch ein steiler
Motorisierten Wildwest.

Für einen Moment
Bei der chemischen Reinigung
Als röche ich Lauge
Stärke und Trockenheit.

Erfahrung belebt den Raum.
Zeit verengt ihn. Plötzliche
Nähe. Zischen und Pfeifen
Des Dampfkochtopfs
Als schnitte ich Zwiebeln
Bei Oma in der Küche.
An den Händen den weißen Schaum von Kartoffeln.

(Mit Dank an fietzfotos für das stimmige Bild.)