Innigst (4 Uhr morgens, 6. Tag)

Nur ein Bauch kann so leiden:
Diese Krämpfe dieses Stampfen und dieses Winden
Diese brachen Vorstellungen
Diese bebauten und verstellten Avenuen
Voller Zeugs
Das nicht zu den 10000 Erscheinungen gehört

Wie kann ich mich denn so sehnen
Nach den trüben Werten
Die Menschen beherrschen
Nach den wütenden Gerüsten
Die Menschen stützen und halten
Verstrickt in all den Stoffen
Die uns heisse-Luft-Menschen in den Dreck
An den Boden bannen

Ich habe Soldaten gesehen
Die auf den Boden des Wegs hämmerten
Mit frostverkümmerten Händen
Am Eingang ihres Dorfes
Das nur noch ein rauchender Holzstoss war
Daraus war der Stoff ihrer Heimat gewesen

Ich habe Mütter gesehen
Die mit zitternden Händen
Als könnten sie Schlimmeres verursachen
Die Wangen ihrer Töchter liebkosten
Die Haare ihrer Töchter aus dem Blut hoben und ordneten
Über dem zerrissenen nackten Körper
Einen Kranz oder eine Krone zu winden
Aus den Haaren der Toten
Ein dunkles Diadem
Aus dem Stoff der Zukunft

Ich habe Kinder gesehen
Über ihren Geschwistern wachen
Als spielten sie mit ihren Puppen
Denn noch konnten die Toten winken
Mit schwacher Geste die Hand heben
Um den Bruder zu trösten
Der in der Fliegenwolke sitzt
Und mit dem Schwesterchen spricht
Das aus dem Stoff der Gegenwart ist

Ich kann nicht mehr schlafen
Selbst im Schlaf kann ich nicht mehr schlafen
Denn in mir haust so viel Schrecken
Dass er mich vertrieben hat

Ich bitte euch ihr Götter
Falls wir euch nicht getötet haben
Kommt ihr getöteten Tode
Und füllt meinen Leib mit dem Wind
Der einmal innen hauste
Mit dem Wind aus Erbarmen
Jener Stadt am Anfang der Welt
In der die Ideen aus Stoff sind
Füllt meinen Leib mit dem Kleid
Das zuletzt den Rest unseres brachen Körpers
Sprengt: die innigste Liebe
Möchte ich noch einmal fühlen
Und füllen meine Lunge mit der herben Luft
Eines guten Wortes.

—-

(Bild von LoggaWiggler auf Pixabay.)

Das ganze Leben (abends)

Ich kenne die Geduld des Bauern
Ich kenne seine Furcht
Sein Brüten über der harten Erde

Widerspenstig ist die Erde
Und eigenwillig dankbar
Wie oft ringst du ihr kein Jahr ab

Das Nein ist vielzählig
Flüstert wie die Kiesel am Ufer
Unter meinen wunden Sohlen

Ich kenne es kenne es
Kenne es: ist es nicht
Als Spott in den Tierrufen

In den spröden Stimmen des Bambus im Wind
In den hechelnden Wellen des Flusses
Im keuchenden Schmerz des Scheissens –

Auf diesem Eiland
Umgeben von den gelben Gefilden des Flusses
Werde ich eilends zu mir:

Furchtlos habe ich auf Früchten gekaut
Die mir die süsse in den Mund riefen
Und den Magen verödeten

An der Magensäure habe ich geschluckt
Warme unverdiente Bitternis auf der Zunge
Deren Worte lange nach zu schmecken sind

Rastlos habe ich die Rast verkannt
Die sich mir auf dem Weg dargeboten hat
In der warmen Handfläche des Freundesgesichts

An den eigenen Worten halb erstickt
War ich ein Gast auf der Erde
Dem nicht zu danken

Aufgeplustert überm kalten Ei seiner Verse
Stolz auf die Armut
Die er gemacht

Auf die gesprungene Schale seiner Würde
Die nichts enthält
Als das Rauschen der Tage

(Bild von Peter H auf Pixabay.)

Du wirst nicht nach Ägypten zurückkehren

du wirst nicht nach Ägypten zurückkehren, denn wir haben es akzeptiert, von verdorrten Seelen und verdorbenen Herzen benannt zu werden, beim geringsten Fingerzeig siehst du sie aus den Minen und hinter den Mauern ihrer Compounds hervorstürzen, um uns die Instrumente unserer Wege aus den Händen zu reissen, und selbst hier im Land Wyrai, bewacht von den Rotkardinalen in ihren Brombeeren, unter der Geissel ihres hundertfachen Flügelschlags, wirst du nicht mehr umkehren, auf den Weg in die Nächte zurück, auf den Weg in die dunkelste Schattenlosigkeit, auf diesen saugenden Napf auf deiner Stirne, ein drittes unerleuchtetes, weil geblendetes Auge, auf diesen nüsseklappernden Aufschwung im Herzen, dem die Furcht als eine Plastikfolie übergestülpt ist, denn es könnte doch nicht anders, dein Herz, diese Beutelchen voller unvollständiger, erbärmlicher Liebe, als auf das Licht zuzufliegen, als auf ein weiteres helles Versprechen, als auf eine ungelutschte, unerfüllte Keimerstickung zuzueilen, durch das vollgestellte, vollgepackte Land Wyrai hindurch, ohne Rücksicht auf die filigranen Drähte zwischen Absicht und Zweck, hineinzulaufen in eine neue Liebe wie in ein noch nicht lange offenes Tor, das auch nicht lange offen stehen würde, denn da kommt eine Schwangere, sie wird den Kanal bald verstopfen, Kaunda, Kaunda, Kaunda, hört dein Herz über all die Meilen hinweg, die es schon erlaufen hat, und weiss wieder nichts von Tai-me, weniger noch als Botone, der gestorben ist, und keine Zeit bleibt in diesem vollständig eingeräumten Land namens Wyrai von dem so schwer zu singen sein wird wie von den Kosten, die in jeder Arekanuss verborgen sind, es ist kein Land für die kurzen Beine, das weisst du nun schon zur Genüge, tolpernd über die trockenen Knochenhaufen an seinen Strassenrändern, durch die geraden gelben Linien der Maisfelder hastend, im Rücken das Krächzen und Keuchen der Hatsegopterixe, und in den Knien dieser Drang, in die Knie zu gehen, «verneige dich», sagt die gelbe Erde unter deinen Füssen, «umarme mich», sagt die affenkeckernde Freude, «ich war in Madras scheissen», sagen die Umgebungstöchter, es hallt wie aus leeren Büchsen, in denen Menschen zu wohnen gezwungen sind, lauter Zwischenlösungen und Minimalmasse, eiserne Rationen in eisernen Beuteln, wiederkehrende Blähungen und abgewendete Bekehrungen, die Lebewesen warten auf eine Entschuldigung, auf eine Vergebungsbitte, gross ist ihre Bereitschaft dazu, doch die Pyramiden, zu denen die Götter angehäuft wurden, verunmöglichen den Weitblick und die Erleuchtung, die Messer in den Schweinerücken und die gebratenen Kapaune, die essbaren Messstände und die verzehrbaren Handschläge, das Wirken aus Karossen und das eingeräumte Schreien von Babys auf den Armen von Politikern, aber du weisst im Voraus, noch bevor die Befürchtungen den Hals der Hochanständigen perforieren, noch bevor die Zumutungen die Ärsche der Wohlmeinenden polieren, du kannst nicht nach Ägypten zurück, es gibt keine Rückkehr zu den Quellen, diese sind dir genauso verschlossen wie den Steinen, nein den Sternen, die Ewigkeit lässt sich nicht so leicht wiederfinden, doch denke auch an den Rotkardinal, der in diesem Land heimisch werden konnte, weil er sich nicht für mehr hielt als ein vorübergehendes Lied, ein kleines Mahnunglein, ein winziges Einwändchen, das sich der Flut entgegenstellte mit Sirren und Schwirren, Sophistication is a nice word, isn’t it, der Verfeinerung zu Diensten, der Abspeisung mit Kümmernissen und Plagegeistern, seine Stimme lange Zeit nicht mehr als ein Knispern und Knaspern am Hochzeitshäuschen, doch ist die Zeit auf seiner Seite, während du in den Überresten deines Besitzstandes immer noch wühlst, ein paar Federn, ein paar vollgesogene Socken, metallene Geräte ohne genaueren Verwendungszweck, eine Delfinstatue auf dem Berg, Zuckerwatte im Hirn, ein stetes Summen und Rüschenrauschen, eindringlich, ohne gebieterisch zu sein, ein begonnenes Fest, das von Auszehrung und Völlerei unterbrochen wurde, du weisst, die Verfeinerung des Sands ist die Arbeit von Jahrhunderten, während du nur kurz Brombeerenpflücken warst, in deinem alten Eifer, es allen recht zu machen, die Verfeinerung des Menschen ist eine Sache der Unmöglichkeit, denn so leicht fallen ihm die Verletzungen zu, die eingebildeten wie die vorgestellten, hier gibt es weder rechten Weg noch rechtes Lied, Beifuss und Hundspetersilie haben schon alles überwuchert, alltäglich und unaufhörlich, und immerzu fragst du dich, ist es noch Tag, ist das die Dämmerung, warum so plötzlich, was habe ich denn wieder getan, wem habe ich zuwider gehandelt, wer stiehlt mir die Habe unterm Kopfe weg, ist denn jetzt jedes Raubtier aus seiner Höhle gekommen, sticht denn jetzt alles Gewürm, gut ist das Steigen der Sonne, gut ist das Sinken der Sonne, ihre Herkunft aus dem Lichtland im Westen, ihr Heimgang in das Lichtland im Westen, auf das ihre zahlreichen Werke aufatmen können, das Schilf ebenso wie der Büffel im Schlamm, die Gräser und Kräuter ebenso wie das Vieh, das sich an ihnen befriedigt, denn sie erfreuen sich alle der gewissen Rückkehr, selbst die heulenden Hyänen und das schlingende Krokodil, die Vögel fliegen zurück zu ihren Nestern, ihre Flügel sind die Lobgebärden für meine Ka, bist du Sonne nicht der gewisse Bringer des Glücks, des plötzlichen Eifers im Guten, das meine Worte auf das zarte, geheftete und gepresste Schilf fallen lässt wie den Tau, wenn du Sonne umkehrst am für den Menschen zu weiten Himmel, der den Samen sich entwickeln lässt in den Frauen, der Wasser zu Menschen macht, der den Sohn am Leben erhält im Leib seiner Mutter, und ihn beruhigt, zähmt, indem er seine Tränen stillt, der dem Küken im Ei Luft schenkt, um es zu beleben, Heil dir, der du als Seele der Seelen kommst, herrlich im Westen, Heil dir, Öffner der Unterwelt, Geliebter aller Tore, Heil dir, der inmitten der Götter weilt, Richter im Schweigelande, Heil dir, der in seinem Worte ist, der die Unterwelt durch seine Zaubersprüche geschaffen hat, gib süssen Nordwind dem Osiris, du Sinkende, die die Lebensfrist des Festen und Unbewegten wie des Weichen und Allzu-Erregten umkreist und begrenzt, du kehrst nicht zurück nach Ägypten, du kennst die Quelle nicht mehr, denn dieses Land unterm Schnabel des Hatsegopterix, dieses Land unterm Ruf des Rotkardinals, hindert deinen Pickel daran, die innere Scham aufzubrechen, es gibt kaum Raum, um auszuholen mit dem Pickel in diesem Inneren, das schon so lange das äussere System bejaht und mit dem wiederkehrenden, fast schon gewissen Ja erhält, es gibt kaum Raum, um dich selbst dir zuzuwenden, derart verfeinert ist die Zeit in diesem Land, feinkörnig und feinporig, bitter wie Beifuss, scharf und brennend wie die Hundspetersilie, aber eng wie der Hals eines Strausses, und wie hat er dir den Schutz des verlassenen Nestes gelehrt, denn nichts unter diesem Himmel hätte nicht seine Fülle erreicht, seine Kraft, seine Gestalt, seine Schönheit, seine Brillanz, nicht einmal das Lachen, nicht einmal der ausstrahlende Himmel, nicht einmal die Freundschaft, nicht einmal die Süsse, die abends auf die Städte und auf das Land sich legt, Twih-twih-twih-dü-dü-dü-dü-dü-dü, twih-twih-twih-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi, wie der Schatten eines Büffels steigt die Nacht aus den Wassern im Osten, kriechend und krächzend kommt die Falte daher, die mich verschlingen wird, die mich selbst hier verschlingen wird, muttermächtig, seelenträchtig, jene verhuschte Kraft, die noch jeden Mistkäfer antreibt, eine Rolle zu drehen, seine Last zu rollen, auch wenn jedes Keimchen, auch wenn jedes Steinchen sich dagegen wehrt, dagegen strebt, doch siehst du die Hundsfötter in der Falte, sie entblöden sich nicht, darin mitzugleiten, darauf mitzureiten, grinsend und greinend, das Grau des Metalls, das Gelb des Golds, das fettig Tröpfelnde des Öls, die Dichte des Asphalts und des Betons, die den Aufschwung begleiten, das mühsame Aufspalten der Welt, der Härte und der Glätte, da kommen sie geritten über das Land Wyrai, halb Vogel halb Drache, staksend und hüpfend, klappernd und knatternd, die belebten Planierraupen, in deinem verschraubten Schädel macht sich das Schweigen breit, setzt sich auf den Thron der abendlichen Nebelbänke, du warst doch nicht dazu gemacht, dich in dieser klebrigen Menschheit einzukalmen, dich in ihrer Flaute, die sie für Fortschritt und Aufstieg halten, einzurichten, das musst du dir sagen lassen, sich niederzuringen mit baren Fäusten und Füssen, über die Kröten im Weihwasserbecken zu wiehern, die vor der Messe schon am Trocknen sind, das hast du gut gemacht, dass du abgehauen bist, die Schatten auszuheben noch zu deinen Lebzeiten,

Bild von Jon Bodsworth – http://www.egyptarchive.co.uk/html/cairo_museum_24.html, Copyrighted free use, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3209733.

Gekritzel im Mittag (5. Tag)

Hart ist dieser Stein
Auf dem ich sitze
Kein Häutchen und kein Lid bedeckt ihn

Was denken seine leuchtenden Flechten?
Was denkt der Regentropfen
Der auf ihn fällt?

Die Haare wuchern im Gesicht
Meine Nägel krallen sich um die Knie
Messen meine Zeit in den Tod hinein

Bloss ist dieser Stein
Unterm immer drehenden Firmament
Ungerührt dauert er aus

Und ich die Schminke
Vergängliche Kruste aus Eigenwille und Ruhmsucht
Aus Zukunftsschau und Morgentau

Eine Möglichkeit
Sich erfolgreich
Von der Welt abzuwenden

Durch die Schminke überm Abgrund
Hindurchzustossen und
Auf den Stein zu kommen.

(Bild von Frank Winkler auf Pixabay.)

Neinjahr

Nichts ist neu: kann dein Herz einen Entschluss ausführen
Den es gestern nicht ausführen konnte?
Schnell verstummt die Rakete.

Nichts ist neu: kann sich etwas ändern in deinem Leben
Weil ein anderer Tag angefangen hat?
Schnell verlöscht das Feuerwerk.

Nichts ist neu: wo sind sich Menschen in die Arme gefallen
Denen Hass in die Wiege gelegt wurde?
Lange liegt der Rauch über dem Köpfen.

Nichts ist neu: wo sind Männer aufgestanden
Um Frauen vor Gewalt durch Männer zu schützen?
Schnell verklingt der Jubel.

Nichts ist neu: wo sind die Kinder
Die die engen Stirnen ihrer Eltern spalten?
Lange geht‘s nicht mehr.

(Image by Karuvadgraphy from Pixabay.)

Schwarze Mauer / Vierter Tag

Das ist der Hinterbau von etwas
Das so stark wie nichts ist
Das ist die Abwesenheit von etwas
Das mit keiner Übung bezwungen wird
Es ist das zusammengezogene Schweigen einer Armee
Die dem Frieden entgegen geht

Ich kaue auf der Haselrute
Die ich zur Angel bestimmte
Ich maule mit dem ganzen Kiefer auf der starken Luft
Um ihrem braunen dicken Blut die letzte Würze zu nehmen
Die noch nach Heimat zu klingen vorgibt
Ich schaue auf den Hinterbauch von etwas

Ich hauche meinen Sinnen Verse ein
Hart wie Hufe und weit wie Linnen
Ich brauche schon kein Hinnen mehr
Das mich mit gefügiger widerstandsfreier Zeit nährt
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
Wo das Lauschen aussen liegt und das Geschehende hinten

Im gläsernen Murmeln der Schwarzen Mauer
Klingt das erdige Gurgeln der Schlafenden
Und das würgende Schnalzen der Schlaflosen
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
In der das Licht meiner spröden Mutter rauscht
In der die Schatten meines fluchlosen Vaters gebauscht

Ich baue hinter der Schwarzen Mauer eine erste Zeile
Eine erste Strassenzeile
Aufquellend aus dem ersten Stein
Den ich ins Safranwasser des frühen Morgens geschleudert
Lampione Ochsen und rauchende Pfeifen
Kinderpatschen Röckerauschen und Speckschwarten

Ich schaue in die Sintflut
Ich baue auf ihre Ringellocken und Würgewirbel
Eine weitere Zeile
Die auf eigenen Beinen steht
Das heiter leichte Gerüst eines Turms
In dem ein Summen haust

Ich kaue mit jedem Zeichen die Sintflut in Gerüche und Gestecke
Und entringe ihr das lange Eingeweckte
Und verschlinge ihre kantenlose Gestalt
Die vom Qionglai Shan gezehrt hat
Woher die bunten Breitgesicht-Horden einfallen
Mit jeder Letter haue ich aus der Sintflut einen Zaun

Ich schlaue mich in die Sintflut
Jeder meiner Seufzer gilt dieser gelben und blauen Stätte
Die eine Stadt zu werden verdient hätte
Aus der ich meine Verse wie Kinderköpfe ziehe
Aus der mich meine ungebetenen Präsenzen speisen
Aus der meine unerhörten Absenzen reissen

Ich kaue auf den Sprossen der Luft
Ich baue aus den Stämmen der Luft
Verheerende zuerst verlorene Zeichen
Die vorsichtig schwingen und singen
Nachgiebig nisten in meinem Gewissen
Wo fernschwindlig ein Ort auf mich wartet

Ich pfaue die Marktstände entlang der Strasse
Mit fast wütender Vorsicht
Die Fleischverkäufer ermutigen meine schüchternen Schritte
Einige werfen Innereien nach mir wie Matrosen Taue werfen
Die Fischweiber reissen ihre verkniffen berechnenden Augen weit auf
Und gurren mir entgegen und hinterher wie einem Palastschranzen

Ich schaue hinter die Sintflut
Wohin weit die Schwarze Mauer ihren Schatten hinschlägt
Die Hand eines zornigen Gottes an der herbstlichen Wange
Einen hauslosen Menschen
Und in diesem schorfigen Schatten glänzt
Zinnoberrot diese erste Arterie einer Stadt.

——–

(Image by Gerd Altmann from Pixabay.)

Das Innenfutter

Das Innenfutter der Generäle ist das Kichern eines gekitzelten Kindes
Nach wenigen Sekunden hat es keine Kraft zur Gegenwehr mehr
Ist eine zuckende Fliege oder ein zuckendes Würmchen
Das überm Schatten der Fische dahinfliegt
Und die Fische trauen sich aus dem Schatten

Das Innenfutter des Bauern ist der nächste Tag
Der sich im Osten kräuselt mit Graupel und frühem Frost
Der immer ein unversprochener ist
Aber immer ein ausgleichender
Wenn auch nicht im Sinne von Erwartungen

Das Innenfutter der Mütter ist die Völlerei ihrer Kinder
Ach diese ersten Klammerer
Gelb und runzlig werden Gesicht und Brust
Der unstillbare Durst und der unstillbare Hunger
Auf einen Menschen geworfen

Das Innenfutter der Landstreicher sind die ersten warmen Tage und die letzten warmen Tage
Wenn der Frost nicht mehr und noch nicht droht in den härenen Nächten
Wenn die Mücken noch nicht steigen und geigen
Wenn die Bauern erschöpft vom Winzer Zuversicht und getröstet von Ernte Vertrauen fassen
Wenn die Wege sich ins Fett von Blüte und Frucht zu schneiden beginnen

Das Innenfutter der Poeten ist die erträumte Einsiedelei
Unweit der Ockerhöhlen von Gongyi
Im klebrigen schweifenden Nebel eines luftigen Hügels
In einem gut gedeckten aber wandlosen Hüttchen
In durchtränkten Kleidern über das leicht reissende Papier gebeugt

Das Innenfutter der Söhne ist der erstickende väterliche Verrat
Wenn die Taten nicht den Talenten folgen
Wenn die Bärte niemals spriessen werden
Wenn das Haus verlassen liegt
Denn ein Vater fürchtet seinen Sohn

Das Innenfutter der Nebenfrauen ist das Flüstern der Mägde überm neuen Bauch beim Ankleiden
Die Übelkeit und die Schwere einer Fröhlichkeit vor Honoratioren
Das Verbeugen vor den Gästen eines Banketts
Das flüsternde Klammern des Fürsten erlöst nicht
Und im knisternden Schatten lauern die Ermahnungen der Mütter und die Vorwürfe der Väter

Das Innenfutter der Töchter sind die lachenden Geschichtenschritte der Väter
Denn auf Erzählmirdochwas kommt immer was
Und die Lücken des Schweigens sind Lichtungen des Beginnens
In denen Verhärmtes und Entferntes aufquillt
Schatten für das Licht ihres Lebens

Das Innenfutter der Flüchtenden ist der Schnee auf Pässen und der Ruf der stolpernden Gendarmen
Das seelenlose wärmende Holz der Abwege
Das hungernde Warten in Schneewehen und hinter Holzstöcken
Der rosa Schein einer fernen Stadt
Der letzte Schritt deines Freundes an deiner Seite

Das Innenfutter des Königs ist die welke Brust seiner Schwiegermutter
Die mit leisem Singen ihm den Schlaf bereitet
Der ihm angesichts ihrer Tochter fehlt
Das Reich ein vom Ärmel dieser Tochter fast blankgefegtes Spielbrett
Auf dem am Rand die pergamentenen Einflüsterer huschen

Das Innenfutter von Frieden-Immerdar ist das weit entfernte Donnern von Hufen
Das Kreischen verlassener Frauen und Kinder
Das Rumoren des Windes in den Ruinen der Dörfer und in den Worten der Ältesten
Das Röcheln der Verwundeten und das Wimmern von Versen
In den letzten Tagen vor dem Anfang einer neuen Neuen Ära.

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(Image by JayMantri from Pixabay.)

Die Auswege sind aufgebraucht

Es kommt niemand
Die Auswege sind aufgebraucht
Die Ausreden ausgelaufen
Erschöpft ist der Vorrat an Lügen
Die aus Verletzung und Scham den Hochmut stärkten

Von blankem Gelb fliesst der Miluo
Unerschütterlich schüttet es in die grünen Dulder
Büsche Bambus Eschen und Martinsvögel
Mein Bauch ist eine Mühlen-Mulde
Vom rollenden Hunger ausgeschabt

Wo sind die Hütchenträger hin und wo die Doktoren?
Will ich mir wirklich entkräftet und verlassen
Nochmals Malepartus zusammenlügen
Einen Schatz in den Dornen
Der mich den Klammerern entreisst?

Ich hülle mich in Seegras
Ich schlürfe aus den Pfützen
Ich kaue auf dem Süssklee
Ich schmecke an Stämmen die Spur des Fuchses
Der vom andern Ufer aus meine Nächte durchlacht

Ich finde mich in den Armen des letzten Klammerers wieder
Kauend auf einem bitterfrischen Haselstöckchen
Er ist ein lieber Geist
Er gleicht meinem Sohn und meinem Vater
Die beide keine solchen Arme hatten

Hätten sie solche Arme gehabt
Kein überbordender Strom hätte sie aus dem Leben gerissen
Kein überbordendes Leben hätte sie aus der Erinnerung gerissen
Doch die einfältigen Menschen zittern und maulen
Auch wenn dem letzten Klammerer die Ohren gänzlich fehlen.

(Image by Наталья Коллегова from Pixabay).

Morgen danach

Den Bergen übergestülpt eine braune Haube aus geronnener warmer Milch
Die Ziehväter-Kiefern schwanken ausgiebig im Freundschaftswind
Die Augenbrauen des Nebels zittern überm Safransand
Das Knäckebrot des Kahns in feuchte Krümel gebrochen

Erstmals befeuchtet Regen meine ausgerungenen Lippen
Ich brauche keinen Spiegel für meine einsamen Gebärden
Steinknäuel in meinen Knien und altbackene Fransen dort
Wo einmal Chao Fen yen über die Dornen hinweg mir die Hand reichte

Über die Dornen der Sintfluten und Einfälle hinweg
Täubchen im Flug: im peitschenden Regen erhebt es sich
Über den trüben Spiegel des Flusses und leuchtet wie ein Brot
Wie ein Wort aus dem Mund einer über die Reissprösslinge gebückten Bäuerin

Verquollene Gelenke und Reissen im Rücken und faulende Zunge
Auskunft für eine weitere Li und Aussicht auf feuchtes Strohlager
Ein Blinken im Auge wie die spritzenden Schuppen eines Karpfens
Und aufgebrochene Hände die aus dem Kiesrascheln kommen

Wo einmal die Musse wie eine Schule Delfine in Ufernähe spielte
Und meine ausgesungenen Freuden sich hoben wie Röcke im Tanz
Und erstmals die Knöchel zu sehen waren hell aufblitzend
Wie das warme dampfende Innere einer Wurzel

Ich kaue auf den Namen meiner Freunde herum
Ich wälze meine Zunge wie einen schmelzenden Käse
Ich breche in Lachen aus in den kitzelnden Sonnenstrahlen
Ich rufe über den überbordenden Fluss hinweg

Einzelne Silben und einzelne Stunden und einzelne Atemzüge
Ich bemüssige mich des Sitzens und ich schaue nicht aus
Nach einem rettenden Boot oder einer treibenden Insel
Die Berge erheben sich wie die Glatzenstirnen der Doktoren am Hof

Ich habe nicht rinnenden Sand in den Händen
Schwer und rötlich klumpend wie das Blut ausserhalb des Körpers
Der Fluss hat seine Aufgabe des Spiegels aufgegeben
Die Berge warten wie Eierköpfe mit ihren Nebeldeckeln auf Beschlüsse

Der Strom ist eine altersgelbe rollende Schriftrolle
Von einem unzuverlässigen ausdauernden Pinsel beschriftet
Und ich sehe den Reiher fliegen und den Raben
Denen das Warten nicht geschenkt wurde

Hier gibt es weder Kaiser noch Hunnen oder die schönen Bewegungen
Von schmalen Handgelenken in weiten Ärmeln sind hier nicht
Die einzigen Zeichen für Beziehung stehen in meinen Gesichtsfalten
Die wenigen geäusserten Worte sind stampfende Kinderfüsschen

Meine Lippen springen auf wie aufmerksame Ammen beim ersten Schrei
Mein Magen ist der zerknüllte Gesetzesentwurf
Meine Zunge der zerrissene Ehevertrag
Und im schnell wachsenden Bambuswäldchen der Geduld verirrt sich selbst die kundige Angst

Denn nichts meine Lieben ist ungewiss auf den Pfaden ins Hinterland
Die voller zerbrechlicher Entscheide und wilder Gleichmut sind
Denn nichts meine Lieben ist als Hunger zu ertragen
Wenn du an die vollen Gassen von Friede-Immerdar denkst

Wo die plötzlich aufschiessenden Hühnerdiebe an die Kurtisanensänften
Und Gemüsekarren stossen und an den herben Duft der Suppenküchen
Und Poetenstübchen an die in die zischende Stille schneidende Stimmes eines Herolds
An die stumpfe Stille der schriftlosen Gärten

Ich kaue auf es gibt
Das es gibt in der Wasserwüste
Dass es gibt in der Wasserwüste
Mitten im Nicht-Geben kaue ich genüsslich darauf

Auf den zerstobenen Freunden
Auf den zerbrechlichen Barken
Auf den zerstörten Brücken
Auf den zerwühlten Saaten.

—-

(Bild von Du Fu aus Wikipedia, Von http://202.121.7.7/person/dzzgx/030124dufu2.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=111730).

Im Darién / Dunkelster Tag

und ein Kiesen beginnt, beginnt nicht ein Kiesen, mitten im Aufschwung der jungen Wolfsblüten, auch wir nur Bushmeat, Verbrauchsgut, gut genug für Toilettenspülung und Treppenglanz, für die Erhaltung und Weitung des Massstabs nicht von Transparenz, von lecksicherer Glanzunmittelbarkeit, naive Wirte der Erregung, und die Entscheidungsblindheit hier in der Mitte des Tags, die losgelösten Zungen, unter den Hasenschartenrufen der Geschichte, das Korn einer Sandhuhr weiss nicht um Zeit und Ort, keuchendes Getriebe und Gestosse und Geschiebe, als Korn sind wir gut, als Keim verachtet, mitten im Tag ist es am dunkelsten, und bevor wir noch durch den Rachen der Sanduhr sickern, austreten aus der Mühle des Urwalds in eine unbestimmte gekringelte Stelle, aus der Mangel des moosigen Wurmlochs, vor die Körner der Grenzwächter, die den Boom hüten oder horten, unter die Sonne einer massstabgetreuen kalten Versprechung, in den Hojotoha des Eingottglaubens, in das Heiaha der Anhäufung auf Sand, zwischen die Storchenbeine der Gier, unter die goldene Geissel Frickas, wo selbst der Kot mit Kosten verbunden ist, unter die wollene graubraune Decke, die alles verhüllt, lasst uns die Beere des Mundes suchen am Himmel, die vielleicht schon aufgegangen ist über dem Durcheinandertal, es lässt sich gut einsehen von hier aus, von hier oben, das ist leicht einzusehen, denn noch haben sie uns nicht allen Verstand vertrieben, denn noch lässt sich die Wahrheit vom Spiegel der Lüge pflücken wie die Haare vom Kopf eines Hibakusha, eines von uns, der die Wege zur Midnite Mine kennt und oft gelaufen ist, die grünen Spuren in seinem Gesicht zeugen davon, es wurde dir gesagt, ihr müsst nur so hart trainieren, bis euch die Scheisshaare ausfallen, und hier im Darién, in der Welt dazwischen, lässt sich eine Alternative zur Realität ebenso schwer herstellenwie das Nichts, das uns in den Schreien der Affen begegnet, also schaut es euch an, das Durcheinandertal, Das Begehr hat es gestaltet, / der Verzehr ist stets gewaltig, / nur bewehrt wird es erhalten, / der Verkehr ist eingestaltig, / in den Abgrund, / in den Abschlund, / ins peristaltische Nichts, // und die Ordnung hat nicht Ordnung, / und die Ordnung dient der Schröpfung, / und die Ordnung ist nur Quittung, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // und die Beute ist zu klein, / und die Meute wächst noch an, / denn die Frucht sagt niemals nein, / und der Körper spannt sich an, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // das Gelände ist verbaut, / und die Aussicht ist beschränkt, / und das Blau ist längst geraubt, / und die Sonne eingegrenzt, / in den Abgrund, / in den Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und aus Plastik ist der Sand, / und aus Strahlung ist das Licht, / und aus Minen gafft das Land, / ausser Seuchen gibt es nichts, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // denn die Zwecke sind zu nutzen, / und den Zielen ist nicht zu trutzen, / weil die Vielen sind zu stutzen, / stets zu schielen auf en Nutzen, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // wie im Stiefel stinkt es dort, / und im Beutel haust ein Wort, / das gefrässig schlingt am Hort, / der im Menschen ausgeharrt, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und wenn sie es sehen kann, / alsdann ist es schon heran, / mit der Pfefferluft am Kamm, / mit Gewinn aus jedem Lamm, / aus dem Abgrund, / aus dem Abschlund, / aus dem peristaltischen Nichts, // der Besitz ist nicht geteilt, / und die Guten aufgegeilt / gegen alles, was sie hielt, / und die Schrecken aufgereiht, / für den Abgrund, / für den Abschlund, / für das peristaltische Nichts, // es hat bald sich ausgegrenzt, / viele Poole sind verfemt, / und die Wüsten ausgedehnt, / in den Senken gärt der Lehm, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und die Zeit ist kaum vorhanden, / und der Raum nicht mehr zuhanden, / die Geschöpfe sind Produkte, / und hier weiden nur Konstrukte, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // in dem Tale gibt’s kein Sammeln, / in dem Tale gibt’s kein Sagen, / in dem Tale gibt’s nur Rammeln, / in dem Tale gibt’s nur Klagen, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // und wer sammelt wird gejagt, / und wer jagt, der wird gesammelt, / niemand braucht, was gejagt, / niemand will, was er gesammelt, / in dem Abgrund, / in dem Abschlund, / in dem peristaltischen Nichts, // dieses Tal ist wie ein Mund, / der verschlingt, was noch hat Wahl, / dieses Tal ist wie ein Spund, / der verschloss die Büchse, den Wal, / überm Abgrund, / überm Abschlund, / überm peristaltischen Nichts, // forget ist sein Name, schaut es euch an, verseuchte Psychopompoi mit verdecktem Kopf, Arthur schläft im atemlosen metallic-blue-Beutel der Geschichte, die versessen vergessen die Gedankenwünsche, die aus den Früchten aufsteigen, aus den Wurzeln ausdünsten, aus den schrecksamen Tieren schwitzen, keine wie die Flammen der Flagge, wie die Geschäfte, die uns verbrannten, verbannten, er wärmt sich die Hände darüber, im Staub des Vergess, / wir sind versammelt / mit Handschellen-Händen, / wir sind versammelt / im Staub des Vergess, / suchen die Ader, / die nicht wird brechen, / sehnen uns nach dem gütigen Blau von Geschichten, die im Erzählen hängen bleiben, jedes Scheisshaar einzeln ausgefallen und abgezählt, angetreten und mitgezählt, wenn du richtig trainierst


(Image by Greg Montani from Pixabay.)