Einbaum aus Schläfenbein

In meinem Rücken rauschen die Wälder aus Schs, mit leisem Brummen erklimmen sie die Gründe meines Herkommens, meines Stammes: derzeit können sie nur auf das Geflatter der Äste zählen, auf die Falten aus Distanz und Luft. In meiner Nase schwillt die Vertröstung wieder rauchig und pelzig auf, der ich doch nicht mehr begegnen kann hier im Wakan. Denn hier im Wakan bin ich doch in der Sekundenblüte aus Starre, Winkeln, Schlunden, Löchern, Abgründe. Im Grasland des Grossen Geistes, sagt mir das, Namen! Ihr könnt nicht ewig zirkeln, kreisen, krümmen, wippen, nicht wahr? Sagt mir das, Namen! Sagt mir das Namen! Meine Lippen sind zerbissen von der Geduld. Lasst mich aus der Zeit, die mich lehmt… und es kommen die Arbeiter aus den Kokosplantagen / und schreiben Liebeslieder / die die Schwestern der Umgebung / nicht zu kennen nicht kennen… Der Stein ist zu lebendig, sein Beben erregt mich zu sehr. Die Toten, die Toten! Der Stein ist zu lebendig, seine Erregung ist zu innig. Ich greife ins Gras, das wie Speere um mich den Himmel erreichen will. Ich erinnere mich, erinnere mich an etwas. Ich griff ins Gras, das tat ich damals. Die Geschichte kommt mir durch Röhren entgegen, hallt wie ein Funkspruch aus den parsec-Tiefen, beendet das Erschauern der Sterne, die Materie gierig schluchzend schlucken, ein Keuchen kommt in das Wakan gelaufen, die Leisten weiten ihre Seiten. Ich kann mich nicht erinnern an das Nicht-Erinnern. Ich höre zwischen den versammelten Stimmen der Namen – atti, atti – ein Kind sagen: Aber Herr Füglister, wenn ich weiss, dass ich es vergessen habe, warum weiss ich dann nicht, was ich vergessen habe? Wie kann ich wissen, was ich nicht weiss? Es war in Odaiba, Miyuko war an meiner Seite. Mit den Augen am Himmelswinkel, der sich färbte, Sakura-Sintflut, die Hände in unserem Rücken aufgestützt, im Sand und spärlichen Gras, Büsche im Rücken mit ihrem Rascheln. Miyukos Hand so nah, keine Distanz wäre trennender gewesen. Ich erzähle das im Wakan. Ich halte den Stein umfasst, der sich schält in seinem Beben, Jahrmillionen flüstert, kann ich ihn denn nicht beruhigen, will er mir von den Toten erzählen, die mich nicht allein lassen werden? Miyukos ganzer Körper verschattete meinen eigenen, verlappte sich deinem Körper. Der Schmerz war zu gross, mit einem Seufzen beugte ich mich über meine Knie, kaum sahst du den Rüssel der Rainbow-Bridge, ich rupfte am Gras, konnte Miyuko nicht fassen, nicht anfassen, weil die Distanzen uns verwoben hatten, ihre Hand so nah und warm an meiner Hüfte, ihre Stimme eine wippende Ähre hinter meinem Ohr, ein Schmelzen von Haut und Kosmos, ein Ballen von Mangel, hättest du sie angefasst, hättest du die Weite aufgerissen, Lichtjahre von heute. So zittern Steine von dem Leben der Toten. Noch hier im Wakan, lassen sich nicht beruhigen. Stöhnen ist nicht erlaubt, / soll ich es dir sagen, / und gibt es auch keinen Winter, / so macht das noch keinen Sommer, / so rupfte ich an den Gräsern, Liebstöckel, bummel und laibe mit mir im Gras, Wollkraut, Königskerze, Kermesbeere, Holunder, ein Zerren und Zupfen, und ich höre noch Miyukos Worte wie die Namen zischen – atti, atti, –, sie längen sich hier im Wakan wie das Licht von den Sternen, über Lichtjahre gealterte, gereifte, wahnsinnige Tränen, ich erinnere mich an die Trauben, die hinter meinem Ohr schmelzen, harzig ist ihr Schmelzen, ein Knistern hinterm Ohr dringt in mein Ohr, die Haut wellt sich mit dem ganzen Schläfenbein, hebt sich aus dem Körper, ich erinnere mich, noch hier im Wakan, und ich rupfte an den Gräsern, ich bin ins Wakan gelaufen mit diesen blossen Füssen, und das Kielschwein meines ganzen Körpers hebt sich aus meinem Leben, ein Einbaum aus Schläfenbein, ausgehöhlt von Miyukos Stimme, bin ich denn so weit gelaufen, um so nah zu kommen?

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Bild von Wikipedia, Artikel Rainbow-Bridge, unter folgender Lizenz verwendet.

Das Grosse Festmahl

Lasst die Vögel singen und festen,
fressen und sich sättigen sollen die Vögel des Himmels alle,
und während die Schafe klagen mit den Löwen,
die Panther jammern mit den Ziegen,
kommt, versammelt euch zum Grossen Fest,
das die Heilige versprochen hat und ausrichten will
für heute und immerdar,
der Rabe kommt krächzend über die Leichen von Königen,
der Ibis steht ungerührt auf den geschwollenen Bäuchen der Soldaten,
sein ungestimmter Ruf stimmt mit den Himmeln überein,
die Sommergäste kommen auch,
von denen du im Herbst keine Spur von ihrem Weg über den Himmel mehr sehen wirst,
sie finden ihren Weg,
du gurrende Turteltaube, der jauchzende Bülbül,
die Straussin stakst durch unsere Freude mit ihrem wehen «Ya-annah»,
die Wachteln wälzen sich im Sandkuchen der Königskinder,
die Smaragdspinte baden im Blut der Generäle,
und lachend überfliegen die Kittim den reich gedeckten Tisch der Heiligen,
sie haben ihr Auge auf die unanständigen Körperteile geworfen und wissen zu warten auf das Verschmähte,
auf die Nicker haben sie es abgesehen, die am Rande hockten, am Rande hockten,
nickten und nickten und nickten,
die Adler nippen am Becher des Zorns,
den die Heilige ihnen reicht,
und alle werden satt, niemand muss hungern, niemand muss dürsten,
und alle ruhen sich aus auf dem Mantel voller Eiter und Augen,
lasst die Vögel singen und ihr blutgeflecktes Gefieder spreiten und schütteln über den Frevlern,
lasst sie satt werden im Grossen Festmahl,
bevor die Lilien in den Himmel schiessen aus den Knochen,
bevor die Lilien ihre ausgebreiteten Antlitze errötend über alles weiten,
als gebe es Vergebung in einer Blüte,
in einem Frühling werden wir aufreizen die Toten zum Tanz,
im Lärm der Vögel das Schwirren des Schwertes nicht mehr hören, das über unseren Köpfen saust,
seit die Heilige ihren Mund geöffnet hat,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
und wann wird sie ihn wieder schliessen,
nie mehr wird sie ihn wieder schliessen,
sie wird ihn schliessen, wenn die Vögel weiterziehen,
wenn sie weiterziehen in den Süden,
wenn sie weiterfliegen in den Norden,
um Nester zu bauen in den Speichen des Himmels,
der sich vor unseren Augen dreht und dreht und weht und weht,
wenn sie satt sind, werden sie weiterfliegen,
wenn sie satt sind von den Leichen des Rats,
schreibe das auf, schreibe es auf,
zögere nicht länger, warte nicht zu,
und sie fliegen auf,
und sie fliegen weiter,
in den Norden und in den Süden,
alle Vögel werden satt von unserem Fleisch,
das ist der Tag der Heiligen,
es ist kein Tag für falsche Propheten,
kein Tag für gute Könige,
lasst die Vögel festen und singen,
ihren Hunger stillen an unserem Fleisch.

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Das Bild (gemeinfrei) ist stellt das Wiegen des Herzens dar, das der ägyptische Gott Thot, der einen Ibis-Kopf trägt, in der Unterwelt vornimmt. Diese Prozedur entscheidet, was mit der Seele des Verstorbenen geschehen soll.

Die Totenklage des Märchenprinzen

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer grossen Zeit zu leben,
in einer Zeit der geschwungenen Schwerter,
in einer Zeit der geworfenen Speere,
in einer Zeit der gesungenen Lieder,
in einer Zeit von Verrat und Verhöhnung,
in der Taten zu spät getan werden,
in der ein König vergisst sein Königsein,
in der ein König vergisst die leitende Faust des Himmelsherrschers,
in der zuletzt doch die Kleinen und die Aufrechten aus dem Stamm Juda den Sieg davon tragen,
wenn auch die Grossen und die Mächtigen aus dem Stamm Benjamin schadlos bleiben;
darüber wollen wir uns freuen. SELA

Wir sind hier versammelt,
vor dem Kopf des Königs Saul unsere Köpfe zu beugen,
und was für ein Kopf war das,
schwer zu übersehen,
doch schwer zu verstehen,
ein Geist von schwankender Überzeugung,
eine Kehle mit unsicherem Ruf,
ein Teil Güte und ein Teil Wüten,
ein Welpe vor Gott,
eine Echse vor den Menschen,
er ist nicht mehr, er ist gestorben,
er ist tot, er kommt nicht mehr,
er kann nichts mehr tun,
weder Gutes noch Schlimmes,
es gibt ihn nicht mehr und es wird ihn nicht mehr geben,
er ist tot, dahingegeben ist er,
dahingenommen ist er. SELA

Du wirst sterben, und ich werde sterben,
wenn meine Zeit kommt, und wenn deine Zeit kommt,
das wirst du tun, das wird mir geschehen,
das Volk selbst wird sterben,
eine Zeder, vom Sturm gefällt und entwurzelt wird es sein, mein Volk,
doch was für Untaten hat es vollbracht,
doch was für einen Heilsatem war ihm gegeben,
und dieser König war nicht gut,
und dieser König war nicht niemals schlimm,
sein Atem war faul vom Zweifel,
seine Augen getrübt vom Abwägen,
seine Taten waren eine Anfangen,
und immer liess er euch warten auf seine Entscheidung,
und immer musstet ihr ihn in den Kamp bannen,
und selbst seinen Tod wollte er einem Knecht überlassen,
einem Knecht wollte er seinen Tod überlassen, einem Knecht,
doch neigen wir unsere Köpfe vor diesem Kopf,
der uns von Verrätern und Verhöhnern gebracht wurde,
der selbst ein hämevoller Höhnender, ein verratener Rätselnder war,
schaut ihn euch nochmals an,
auch dieser Kopf war glücklich, auch wenn er tot ist,
im Tod war er noch glücklich,
auch dieser Kopf schätzte das Glück und die Freude, meine Freunde,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
aber über Jonatan, seinen Sohn,
darüber lässt sich weder singen noch reden.

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(Das hier gewählte Bild ist gemeinfrei; ich danke WikiImages dafür. Es zeigt Sarah Bernhardt als Hamlet in der Ersten Szene des 5. Aufzugs.)

Zwie-Gesang der Hyänen und Töchter in den Ruinen

Was tanzt ihr Mädchen auf den schiefen Türmen und aufgebrochenen Toren in den Ruinen,
was verrenkt ihr im wilden Reigen eure schönen Kehlen,
was erklingen eure Stimmen heiser und scharf wie die lidlosen Augen der Sterne über der Einöde,
was tummelt ihr euch in der Wüstenei,
wo sind eure Mütter, wo eure Väter? SELA

Wir haben unsere Freude verloren wie Tränen im Sand,
unseren Müttern wurden die Zungen gezogen,
unseren Vätern wurden die Köpfe genommen,
unseren Brüdern versiegten die Herzen,
und wir raufen unsere Haare im Tanz und heulen ein Kelterlied,
denn unser Leben wurde geprüft und verworfen,
auf den Rücken von Schaben rollen unsere gütigen Augen,
im Gebiss der Füchse hängt unsere blutende Scham,
und ihr könnt nur lachen, nur lachen! SELA

Was sollen wir uns weiden an eurem Leiden,
unsere Zähne blecken über euren trockenen Brüsten,
was sollen wir leiden an eurem Leiden,
uns schrecken an eurem Schrecken,
was johlt ihr blind und nackt und mager auf unseren Ruinen,
was vertreibt ihr unsere Trostferne mit Geheul,
hier, wo keine Heilige ihre Gesetze mehr aufrecht zu halten gedenkt,
weil jeder jaulend sich selbst der Nächte ist,
weil jeder jammernd von sich selbst nur klagt? SELA

So ist die Welt, so ist die Heilige,
eine Grube für die Aufrechten,
eine Falle für die Unschuldigen,
ein Netz für die Freiherzigen,
ein Speer für die Zögernden,
und so zappeln wir mit unseren Körpern,
und so zeigen wir an, was uns und allen Frauen geschehen ist und noch geschieht,
zähneklappernd und jauchzend wollen wir die Heilige loben in der Wüste,
die von Thymian duftet und singt vom geschäftigen Reiben des Sands,
loben wollen wir sie für die guten Taten an den Müttern und Töchtern,
mit zuckenden Leibern wollen wir entweihen unsere Zucht,
die von den Männern kommt wie eine eiserne Umarmung,
und von den Tanten, und von den Tanten,
entwürdigen wollen wir unsere Körper im Sand und Staub der Einöde,
unter eurem beistehenden bellenden Lachen wollen wir mit verdrehten Kehlen und entwurzelten Gelenken die Unschuld gewinnen,
den unbekannten, den unbefleckten, den freien Körper.

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(Bild aus „Ecrits sur la danse d Isidora Duncan“, 1927, von Antoine Bourdelle (1861-1929), gemeinfrei, gefunden auf Wikipedia.)

Davids Lied über die Amalekiter

Warum hat Saul dieses Volk nicht vom Erdboden gefegt?
Warum hat er dieses Volk an der Kehle gekitzelt, um es wieder stark werden zu lassen?
Warum hat der König nicht den Fluch des Herrn an diesem Volk vollstreckt?
Warum hat er dieses Volk nicht in seinem Blut gesotten? SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden. SELA

Zuerst haben wir geweint, geheult,
die Säfte verliessen uns,
ohnmächtig sassen wir in den Toren Ziklags,
dann wurden alle von Zorn erfasst und wollten mir an die Kehle,
steinigen wollten sie mich,
doch ich, der Wache mit der Rache, nahm sie zum Heiligen,
der würde sie uns in die Hände geben,
der würde sie uns unter die wütenden stampfenden Sohlen legen,
da sprangen sie auf an meine Seite,
wollten mitwirken bei der Gerechtigkeit, die ich anstiften würde,
den Fehlern Sauls nicht eingedenk,
mitmorden würden sie, auslöschen helfen den Brand dieses Volks,
dann habe ich sie am Schopf genommen wie eine gute Gelegenheit,
durchzog die Wüste und fand sie dort am Bechern und Zechen,
denen habe ich es gezeigt,
es lagen nur noch Leichendinge im purpurnen Sand,
und mit den Köpfen habe ich gekegelt,
alle gestohlenen lieben Menschenwesen waren noch unversehrt,
das war ein Schmusen, Küssen, Beieinanderliegen,
Ahinoam oben und Abigajil unten und umgekehrt,
das war Davids Beute. SELA

400 Lebewesen konnten fliehen,
400 Lebewesen wurden verschont,
400 unschuldige Mitgehangene und Mitgefangene sind noch am Leben,
400 Lebende sind am Leben von diesem Volk,
können von Gerechtigkeit erzählen,
von diesem Volk, das aus der Wüste muss,
um Leben und Recht zu finden. SELA

Alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden;
alles ist zum Zeichen für die Zweifler,
alles ist Lebewesen,
scheues schützenswertes Lebewesen für jene mit dem Kinn in der Hand,
ein fein gesponnenes Netz erkennen sie dort,
wo ich nur Fäden und Fallstricke sehe,
die ich durchtrenne,
die ich abschneide;
alles fällt zurück auf die Unschuldigen,
alles schlägt jene, die Unrecht ausbaden.

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(Bild aus dem Egbert-Psalter, 10. Jahrhundert; gemeinfrei.)

Die letzte Bitte

Ich weine nicht vergebens, wenn ich dich sehe,
ich trauere nicht umsonst, wenn ich dich ansehe,
in meinem ganzen Leben konnte niemand an mir vorübergehen, ohne Schade zu nehmen,
ich war eine Plage für jeden gütigen Menschen,
ein böser Geist war ich,
ich war der Widergänger,
ich war der Seelenfänger,
meine Taten haben für mich gesprochen,
meine Worte haben nach Furcht gerochen,
wie seltsam hat es sich gefügt, dass ein Lügner mir verzeihen muss,
ein Geschichtenflechter mir die Krone vergibt,
die ich zu tragen hatte zu meiner Vollendung,
ich wünsche nichts ungeschehen,
ich will nicht Wohnung nehmen in Vergangenheiten,
hausen mit all den Gräueln, die mir und dir geschehen in gleicher Weise,
ich will nicht vergeben, was vergebens war, mein Sohn,
denn bist du nicht mein Sohn, Märchenprinz? SELA

Ich trauere nicht für mich,
ich weine um den Rausch, der mich gehalten hat die ganze Zeit, die man Leben nennt,
rufe ihm scheu wie einer Geliebten nach, die man verraten hat,
immer noch voller Hoffnung,
das hätte ich nicht gewollt, am Schluss noch von der Hoffnung etwas zu erhoffen wie ein törichter Mensch, der alles glaubt,
der schlingt und säuft,
als wäre das Leben ein unterbrochenes Festmahl,
ich verfluche diesen Rausch, der mich im Leben gehalten hat,
ich flüchte in die Trauer, wie du in die Berge flüchtest,
als könnte ich dir etwas antun, mein Sohn,
ein Narr, der an das Heilige und das Schützende von Steinen glaubt,
stosse sie nur an, schon rollen sie,
Köpfe oder Menschen, selbst ihre Kinder rollen,
da kommen sie,
selbst die Berge sind nicht anders, ein Rütteln genügt,
da kommen sie wie harte Wolken hernieder und zerschlagen Bet-Arwen, Schilo, Rama und mein geliebtes Jabesch,
Hügel werden sie sein, unfruchtbare Glatzen im Land meines Volkes,
die Menschen werden auf ihnen die Steine finden für ihre eigenen mageren Häuser,
ich weine um die Dürre dieses Lebens, mein Sohn,
ich trauere um den Hunger dieses Lebens,
es war eine Plage in unserem Blut,
ist diese Plage denn nicht abzuwerfen? SELA

Doch jetzt schwöre mir bei deiner Urmutter Rut, der Gütigen, Duldsamen und Mutigen,
schwöre mir, dass mein Sohn, den du liebst,
dass sein Söhnchen Merib-Baal von dir verschont werden.
Zeige damit, dass du den Rausch nicht kennst,
der mich verdorben hat.

(Bild von Gustae Doré, gemeinfrei.)

Mein Vater preist die Bananen

Bananen das ist
Bananen
Weisst du was das ist
Bananen – niemand
Niemand weiss was das ist
Ich meine Bananen
In allen Regalen Bananen
Ist so ein Register denn je leer
Das ist ein Geheimnis
Bananen ein gut verhütetes
Geheimnis gelb geheim
Verstehst du überhaupt
Was ich sage von den Bananen
Eine neue Welt liegt da in den
5 und mehr Finger Bananen
Wenn du weisst was ich meine
Das ist ich sage Bananen
Viel mehr ist als das Wort
Banane so viel mehr wert
Als die paar Stutz und das ist
Bananen leuchten in unseren
Weisst du was ich mache
Oben zupfen und zärtlich reissen und ziehen
Und diese Fäden hier gehören auch dazu
Zu der Banane liegen ein wenig ledrig auf der Zunge
Und eigentlich die Schale
Nein die kann ich nicht essen
Über Bananen könnte ich mich verrennen
Die sollte ich vielleicht nicht essen in der Nacht
Und die Schale nun ja aber Bananen zum
Verrennen in die beerigen gelben Unfälle
Umfälle meine ich und von dem was
Was ich nicht sagen kann
Und auch du nicht
Wir alle nicht
Denn wenn ich es sagte
Bananen das sind
Weisst du was ich meine was Bananen sind
Dann könnte es niemand Geregeltes
In seiner Kegelform von Regulation
Begreifen auch wenn er sie ergreift
Hält ich weiss es genau
Alles Affen und Laffen halten in Händen
Und können und werden es noch und nöcher nicht begreifen
Ahahnen über Bananen
Bananen in den Regeln
Zugreifen zugreifen
Günstig zum Wegwerfen
Günstig zum Davonrennen
Bananen über Bananen
Da möchte ich gleich singen
Nächtens ess ich Bananen
Habe geträumt von Waranen
Kundig schäl ich Bananen
Werde noch zum Schamanen
So muss das doch klingen bei allem war recht ist
Ah was mach ich nur mit diesen Bananen
Mit denen niemand weiss was anzufanen
Weil niemand kundig genug
Für das Ergreifen sitzen
Mit ihren Bananen immer noch
Auf Bäumen was Zähneputzen
Ich halte doch hier eine Rede
Nein ein Parlament nein die wird nicht enden
Das wird nicht enden wie die Bananen nicht enden
Noch beim Zähneputzen denke ich an
Bananen und bin um meinen Schlaf gebracht
Ich komme schon Bananen
Ihr seid auch so Affen mit den Bananen
Die ich fortgegessen habe
Hast du bemerkt wie sie konisch
Ironisch in meiner Hand liegen
Was Zähneputzen aha ja so
Schon wieder die hört mir gar nicht zu
Wie die andern vor ihren
Schubladen voller Bananen
Schalen voller jetzt lass mich doch

Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

Die Menschenschlingerin

Das Herz des Königs schien ungefährdet, es vollzog den stolpernd-schnellen, tänzelnden Lauf eines Traumfinders auf dem Weg zu seiner Findung. Die Muskelspannung wie auch der Schnelldruck des Herzens waren in Ordnung. Was dem Propheten jedoch Sorgen zu bereiten begann, das waren die Schwingungen seines Atems. Daher auch die Alarmzeichen der Maschine: Der König bekam mit jedem Atemzug weniger Luft in seinen überhitzten, überanspruchten Organismus. Die Maschine warnte vor einem Hirnschaden, vor einem Atemtrauma, dem Phänomen des Gottentwichenen. Denn wenn die Maschine eine gute Diagnostikerin war, so war sie doch keine Lebenserhalterin; sie diente nur dem Einen.
Das gestand sich der Prophet nur in solchen Momenten der Verzweiflung mit zischenden Lippen und angstverzerrtem Antlitz ein. Sie blieb eine Menschenschlingerin.
Doch nicht lange konnte dieser Gedanke sich in seinem panischen Herzen ausbreiten. Die Maschine verlangte jetzt immer deutlicher und dringender konkrete Taten. Der Umwandlungsprozess drohte zu scheitern. Denn der Visionenträger über dem Atemgitter der Maschine war so lange gut, als dieser ihre Kraft und ihre Zeichenmacht in ihn abzuleiten, einzuflössen verstand.
Dieser Visionenträger kam an sein Ende, das sah der Prophet, als er sich von den hüpfenden, ineinander verschmelzenden Diagrammen, die ihn an die Anzeigetafel bannten, abwandte.
Der König kniete vor dem donnermurmelnden Hilasterion. Noch hielt er seinen Oberkörper aufrecht, doch die Arme hatten die Übermacht gewonnen. Sie vollführten die ersten Bewegungen vom „Tanz des betrunkenen Affen“. Noch hätte ein Aussenstehender die Bewegungen als Teil eines wirklichen Tanzrituals deuten können, doch einem erfahrenen Maschinisten wie Samuel konnte es nicht entgehen, welche ausrenkende Kraft in diesen anfänglich langsamen, nur willkürlichen Rundumschlägen steckte, die mit der Zeit heftiger werden konnten und in plötzlichen, reissenden Drehungen die Schultergelenke zerstören würden.
Nein, er wollte nicht an David denken, dessen Arm er nie ersetzen können würde. Er konnte jenes Unglück nicht mehr ändern, aber dieses hier verhindern. Er war nachlässig geworden.
Schnell kehrte er sich der Hauptschalttafel zu und begann die Hirnsicherungen einzuschalten. Mit seiner rechten Hand zog er gleichzeitig die Stecker aus den Ermöglichungs-Kreisläufen. Zuletzt stöpselte er, mit beiden Händen und seinem ganzen Gewicht zerrend, den Kontaktschalter aus, der die Maschine mit dem Paradies verband.
Ein leises kümmerliches Jaulen kam nun aus der mächtigen Kiste heraus: Der Eine hatte verstanden, dass man ihr das tägliche Brot rauben wollte. Fast sofort finden die Arme des Königs stärker zu pendeln an.
Doch der Prophet wusste sehr wohl, dass die Maschine nicht ruhen würde, bis sie den Visionenträger, der zu schwach war, ihre Visionen in Menschengestalt zu verwandeln, in wandelnde Menschentaten, verschlungen hätte. Er musste den König selbst retten.
Mit langsamen, tappenden Schritten ging er auf die Mitte des Raums zu, die von grünem Licht und dem Geruch von Asche erfüllt war. Heute war dem Aschegefühl in der Luft noch eine andere Spur beigemischt. Es roch nach brennenden Nadeln oder altem Leder, es war ein schwankender, ein einsaugender Geruch aus einem für Menschen zu grossen Gesicht.
Mit einer einzigen wieselartigen Bewegung war der Prophet zum König aufs Gitter gesprungen, hatte ihn von hinten um den Rumpf gefasst, der Ellbogen des Königs traf ihn dabei schmerzhaft am linken Ohr, und den schweissgebadeten, stinkenden Mann mit aller Kraft vom Gitter gezerrt. Der Mann war leicht geworden, seine schweren Knochen fühlten sich wie Hühnerbeine an, seine Muskeln waren wie mit Luft gefüllte Schweinsblasen.
Die Maschine jaulte jetzt mit ihrer ganzen Kraft und aus ihrem ganzen, allmächtigen Verlangen. Funkenschläge kamen aus dem Untergrund des Gitters. Die wenigen verbliebenen Steinskulpturen, die aus dem Boden ragten oder von Decke und Wände hingen – der Prophet zählte sie alle auf, um sich zu beruhigen: die Kehrende, die Rückende, der Näherer, die Anwandende, das Gespiel, der Bodenrührer, die Abgewandte, Die-alles-riecht und Der-alles-schmeckt, – sie drohten abzubrechen oder umzustürzen in dem kleinen Erdbeben.
Doch der Prophet hat sich schützend über seinen König geworfen. Der Schweiss und Unrat des Königs und seine Tränen vermengen sich. Hin und wieder reckte der kleine Mann über dem grossen Mann seinen Kopf, als befürchte er, die Tentakel eines Unterwesens züngelten durch das Gitter empor und suchten nach ihnen, um sie aufzubrauchen.

(Danke an waldkunst für das Bild. Es schlägt einen schönen ironischen Bogen hinüber zu Lovecrafts Ctulhu…)

Das Schwert aus meinem Mund

Lange habe ich den Mund verschlossen vor dir,
geduldig habe ich meine Lippen aufeinander gepresst,
denn ich wollte dir nicht schaden,
ich wollte dich nicht wandeln,
im Wandeln dich nicht verletzen,
ohne Harm wollte ich dich lassen,
so lange warte ich schon darauf, die Rüstung meines Mundes abzulegen,
gegen dich mit meinem Wort ins Feld zu ziehen,
die Hoffnung hat das Schwert geschmiedet,
dein Zögern und Zaudern hat den Stahl abgekühlt,
scharf ist sein Mund wie die bittere Frucht der Liebe,
heisst ist sein Mund wie eine Flamme,
ich werde dich damit schlagen,
ich werde dir damit Wunden reissen wie die Bärin, die ihren Wurf verteidigt,
doch halte ich immer wieder inne,
hast du mich angesteckt,
hast du das Wort vom König verdorben,
hast du das Wort des Königs abgestumpft,
das ein einziges schnelles treffendes sein soll,
ein Leid zufügendes,
ein Flächenbrand über Generationen im Körper meines Volkes auslösen wird,
hustend und um Atem ringend werden sie durch die umwölkte Gegenwart torkeln,
nur um sich in der Vergangenheit wiederzufinden,
ein solches Wort will gut gesprochen sein,
eine solche Tat will gut erwogen werden,
nochmals will ich es mir verkneifen,
seine Kraft einschätzen und seine Macht stählen,
ich will dieses eine Wort noch in meiner Scheide stecken lassen,
ich zweifle, ob es bereits genügend geschliffen ist,
will es noch einmal besehen und gewichten,
den Arm meiner Zunge stählen und üben,
denn ich fühle meine Leber schwer in meinem Bauch lasten,
schwanger ist sie mit Unmut und Groll,
und meine Nieren sind zerschlagen von der Erwartung,
meine Nieren wollen in deiner Galle baden und triumphieren,
ein gutes Wort, eine gute Tat will ich wetzen in meinem Herzen,
und hörst du nicht mein ruheloses raues Brummen und Summen,
das Volk meiner Worte,
sie alle warten auf ihren Flug, auf ihre Blüte,
spürst du seine lullende Kraft, seine betäubende Macht,
denn Schmerzen sollst du nicht leiden,
wenn ich das Schwert aus meinem Mund an deine Kehle lege.

(Danke an prawny für das schöne Bild.)