Im Ganzen und Garen geht es hier Um zu viel Fett Um zu viel Lärm Nur die Pyramiden in den mageren Kühen und die wenigen In den Augen der Vielen und Lauten Zäh errungenen Siegel-Siege Die wie heisse Schächte über den Wolken-Ächtern aufsteigen Zählen allmählich vielleicht Und weit hinten liegen die Minzenweiden Auf der Tora Waage Ich sehe die Rollmöpse auf der Tanzbühne Deren Regenbogen-Identitäten verblassen Im Friteusegeruch zwischen Wissenwollen und Wissenkönnen Die heissen Hufe der Glücks-Schächter klappern durch die Scheunen Die Dünenpolizei hinterher Den Schlamm des Nils an den Zockeln Identitätskarten sage ich lassen sich nicht festhalten Weder festhalten noch tiefer eindrücken in die Heringe im Pelz Über denen die Streuselkuchen ihre Pollenfüsslein im Ende des Regenbogens baden Wo Salomo seine Waage hingestellt hat Aber nicht sein Schwert ruhen lässt Das er gerne den Hirnvögeln vermacht hätte Den Identitätskartenwächtern Den von Malvengräben Redenden Aber nicht den Kontrollkräften Nicht sein Schwert Und ich sehe beim Korn die hässlichsten Menschen der Welt an mir vorübergehen Aus den Scheunen gestiegen Aus denen das Nadisnah pfeift wie der Pfeffer Und ich weiss nichts von der Liebe Ich will auch nichts von der Liebe wissen Denn dafür gibt es Vögte und Kümmerlinge Die noch nicht wissen Josef ist ganz und gar tot Sie stehen am Jabbok mit ihren Mündern wie Scheunen Je t’aime moi non plus Am Tiber entfalten sie ihre mageren Lippen zu einem Gebet Das wie der Regenbogen immer weiter geht Aber nicht wie der Regenbogen ankommt Denn was kann dieses sandige Flüstern denn auslösen in den wenigen fettfreien stillen Hirnlinien des Himmels In dem du erntest was du nicht gesät Und mit ihren mageren Worten In denen sie die Malven parken wollen Als könnten sie das Versprechen versprechen Mit ihren Lungen voller Abendbrot und den Steinen von Davids Schleuder im Herzen Auch Abu Simbel musste sich regen und an ein anderes Ufer legen: Ein Sohn wird immer ein Sohn bleiben Wusste ich und leerte meinen Korn Ich will dich sagte ich gerne verlieren Verlieren ist eine schöne Tat Fast so schön wie das liebevolle Schmunzeln Das du den Bösen und den Hässlichen entgegenhältst Brillenlos und in Gedanken an die Inseln Die wie Matjesfilets im Seichten obenauf schwimmen Immer obenauf Wie das Öl Dem die Jungfernschaft genommen wurde in den Trögen Woher die Wolken kommen und mitten im Shalom Kaum breitbeiniger als eine Gebärende Die auch nicht festhalten kann Sieh genau hin Du säst was du nicht ernten kannst Mit Augen ungetrübt von Hass Sieh hin über die Zinnen der Malvengräben Über den Rubicon der heissen Erwartungen Über die wundenfetten Identitätskarten Durch deren Ritzen die geschenkten Kühe pfeifen wie das Salz Und ich nehme einen Schluck von meinem zweiten Korn Und sehe was ich nicht sehen will aber sehen kann Höre was ich nicht hören will aber hören kann: Wie das Salz An dem sie leckten pfeifen Entlang des Nils Dem Wundenschleifer Unter den Wolken in Scheunen Und die Identitätsgrachten Für die so weit zu fahren ist Bis nach Banda Bis in den rauchgefüllten reichgefüllten Tempel der Tropen Wo die Menschen vor den Barbarengesichtern flüchten Tragen sie doch das Kennzeichen Das mit den Dingen verbunden ist Die nicht zu wandeln sind aber zu brauchen Und allmählich Ein wenig wie von ungefähr Schlüpft das hochgewanderte Licht an den Hirnvögeln vorbei Auf die Malvenzirrhose Auf die Torapolizei Auf die Rollmöpse auf der Tanzbühne zu Die wie Karten mit Zahlen wackeln Eine auf die andere bezogen Aber nicht auf die späteren oder die früheren Einmal hier- und einmal dorthingeblickt Ein Glück kann dem Kennen ausgewichen werden: Als erhitze er mich Blase ich auf meinen Korn Der in den Farben meines Scheiterns glänzt Und fein nach Waben riecht In den öligen Schmieren vor dem Bienenhaus meiner wankelmütigen Meiner nimmer ausgefahrenen Windmühlenkämpferinnen Meiner grasgrünen wimpernzuckenden Stillebeutel Die ungewogen auf dem Pflaster neben den Marktständen die Aufmerksamkeit von Fliegen und Maden auf sich ziehen Ich weiss so sage ich auf meinem kippelnden Stuhl am Rande des Gevierts So gar nichts von der Liebe Dass ich sie gerne verlieren will Noch- und nochmals Denn dafür gibt es die Kümmerlinge und die Stockfische Die bleiben’s dicke: Ich kippele hier in Erwartung von Rahab Ein Königreich für ein Seil: Kirill ich sehn mich nach dir Nach dem verheissenen Land Das du mir gezeigt hast Das aufgeht wie ein geschenktes Zelt An dem die Matjesheringe mit ihren Kennzeichen auf ihren Flossen vorbeipilgern Leicht zu falten und leicht zu spannen Über meinen sieben Siegel-Siegen Unter deren Bogen Die für andere harte Henkel Für mich nochmals zarte Schenkel sind Die nichts versprechen aber auf ihren niemals weichenden Druck vertrauen Unter deren doppelten Lächeln selbst ein Dünenwächter das Wandern im Wind verstehen könnte Und ich schaukele unterm hydraulischen Röhren der Fahrgestelle bis nach Banda und zurück Und zurück an Nationen von Scheunen vorbei Will gerne aufs Lieben verzichten An das Dienen mich noch ein wenig verlieren Den Wolken Den freien Ämtern Den Katergängen Den Hecken vor dem Gesetz Im eigenen Rentabilitäts-Spektrum Den unverheissenen Erwartungen dienen Nichts von den Ernten wissen wollen Aber einiges vom unerlässlichen unverlässlichen Säen Und blicke in meinen Korn und sehe ihn schillern Wie der Roggen auf den Feldern Höre ihn knurren in meinen eigenen Eingeweiden wie die Fische in der grünen Tiefe Und alle die sich die Zahl seines Namens hatten anbringen lassen Die nichts verlieren wollten Werden auf den Dünen stehen Und nichts von der Liebe verstehen Im wandernden Schatten der Malvengräben.
Seit ich schreibe, bin ich zum Unmittelbaren, Plötzlichen und Unveränderbar-Endgültigen hingezogen. Dieses finde ich in meinem Alltag, in meinen „Geist“-Momenten, in Gesprächen, Büchern, Spaziergängen, in aufgeschnappten Worten, die noch nicht durch die Mangel des Erinnerns und Hinterdenkens gedreht wurden. Als Lyriker hänge ich an dem Unhintergehbaren eines Worts oder Satzes, das mir ein- oder aufgefallen ist, und das ich sofort bemüht bin, in einem Gedicht zu ehren. Und in einem Gedicht will ich diese Momente bannen und noch zuckend bewahren. Ich verstehe zwar den Sinn des Überarbeitens von Texten, aber verstehe meine Texte als endgültig in dem Augenblick, da sie mein Kugelschreiber auf das Papier gewunden hat (denn Gedichte müssen aufs Papier, nicht auf den Bildschirm). Selbst wenn es mir nicht mehr gelingt, die Entscheidungen in einem Gedicht zu rechtfertigen (Adjektive, Metaphern, etc.), ich halte an ihnen fest, denn sie hatten in ihrem Entstehungsmoment ihre Berechtigung, kamen genau dorthin, wo ich sie gebraucht habe, bestanden auf ihrem Recht. Und ich weiss noch etwas: Reifung geschieht nicht durch Arbeit, sondern durch Erfahrung. Gedichte und Prosa reifen lange heran, bis ich bereit bin, sie zu schreiben; reifen heran, damit ich bereit bin, sie zu schreiben. Ohne Geduld und wiederholtes Versuchen wird kein gutes Gedicht, kein guter Text gelingen. (So möchte ich diesen Text, der hier entsteht, schon mindestens ein halbes Jahr schreiben, aber erst heute wage ich mich daran, weil ich um sein Gelingen zu wissen glaube.) Seit bald 21 Jahren schleppe ich ein immer grösser werdendes Paket von Texten, Ideen und, ja, „Welten“ mit mir herum. Ich habe diese Welten (jetzt ganz mutig und zuversichtlich ohne die Anführungszeichen geschrieben) immer wieder „angefangen zu schreiben“, immer wieder mich damit abgemüht, ihnen Stimme und Gestalt zu geben. Ja, ich habe sogar ein ganzes Jahr meines Schreibens für einen Roman aufgewandt, den ich bis auf das letzte Kapitel geschrieben habe. Das war vor 3 Jahren, der Roman wird seinen Titel immer tragen, „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen“. Er wird immer meiner Tochter gewidmet sein – wie vermutlich die ganzen Romane, die ich nun schreiben werde. Sie drehen sich alle um die Suche nach einer geliebten, vermeintlich oder wirklich verlorenen Person, der Tochter. Und dieses Gefühl des Verlustes ist mein vielleicht persönlichstes Gefühl: in meiner schwierigsten Lebenslage habe ich gelitten unter diesem Verlust, auch im Wissen darum, wie sehr meine Tochter darunter gelitten hat. Aber das nur nebenbei. In keinem der Romane wird die Tochter je gefunden werden… Seither – seit 2021 – habe ich zwei grosse Gedichtzyklen geschrieben (Ginkakuji-Variationen, Psalmen für Saul) und den ersten Teil einer 7-teiligen Gedichte-Zyklus (Herbstlied in Hochwasser und Hunger, Teil der Serie Etwas lügen). Ich verstehe inzwischen (noch) viel besser, dass alles Schreiben „Dranbleiben“ ist: Ausdauer, Geduld und „Zuversicht“. (Mit Zuversicht meine ich eine eigenartige Mischung von Gutmütigkeit und Toleranz gegebenüber den eigenen Schwächen, kombiniert mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Scheitern und der Selbst-Wertschätzung in solchen Momenten des Scheiterns, die die schreibende Person ermächtigt, „einfach weiterzumachen“.) Vor einigen Monaten (im Februar?) habe ich mich in einen neuen Roman gestürzt. Ich habe dabei alle inneren und äusseren Zurufe ignoriert, die meinten: „Jetzt schreibe doch erst mal die andern angefangenen Romane fertig!“ … Denn das Bild, das Gefühl, der Zustand, der am Anfang dieses Romans steht, wurde so dringlich, dass es „geschrieben werden musste“. Im Schreiben habe ich gemerkt, dass es eine Art „Urszene“, ein „Urzustand“ ist. Und dass die ganzen Romane, die mich wartend und geduldig bedrängen, alles „Ausfaltungen“ dieses Urgefühls sein werden. Diesen Urzustand zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Verzweiflung und Verlorenheit, aus tiefer Depression, aus der allein eine Neukonstruktion des eigenen Selbst, der eigenen Person stattfinden kann. Eine Art Big Bang der Person. Alle meine Gedichte drehen sich vermutlich darum. Alle meine Romane auch. Es ist ebenso ein Zustand der grossen Selbst- wie der grossen Weltverstrickung – im gleichen Augenblick auch ein Zustand des Abhandenkommens der Person sowie des Abhandenkommens der Welt. Die Verzweiflung in diesem Zustand ist so gross, dass sie in Zuversicht übergeht. Die Verlorenheit in diesem Zustand ist so mächtig, dass sie allein in der Gefundenheit münden kann. Aber die Gefundenheit ist letztlich unverfügbar, genauso die Zuversicht. Mit diesem Roman (Von keinerlei Bedeutung) wurde mir auf einmal klar, wie alle die andern Romane und Romanentwürfe zusammenhängen. Erstmals konnte ich das Netz erahnen, dann erkennen. Es machte mich glücklich, dies erleben zu dürfen. Auch wenn meine Lebenszeit vielleicht nicht reicht, dieses riesige Netz fertig weben zu können, so trage ich es doch bis ans Ende meiner Tage mit mir herum. Und zum ersten Mal gelingt mir seither eine Sprache, die poetisch ist. Eine Sprache, die zurückgenommen ist. Eine Sprache, die ausufern kann. Ich will es nicht beschwören, aber ich habe das Gefühl, in diesen vier Monaten etwas gefunden zu haben, worauf ich mich seit etwa 2015 / 2016 in der Lyrik stützen kann: eine eigene Stimme. Aber das wäre nicht möglich ohne das Vertrauen in all diese Reifungsprozesse. Ich bin dankbar, dass ich dies erleben darf. Ich erlebe es, weil ich „drangeblieben“ bin. Was für ein schönes Gefühl.
Abgekehrt vom heissen, harzigen Atem des Waldes kommt ihm etwas. Die aufgelöste Klangwelt der Erde umhimmelt ihn. Ein Rasseln und Rattern, ein Stöhnen und Rauschen wie im Kessel einer Brust. Die weglose, unentwegte Klangwelt des Himmels umspringt ihn. Ihn, mit den Füssen in einem ungerollten Würfel. Ihn, hoch in der Luft. Ihn, ohnerdig und enthimmelt. Zeiten stand er dort oben, eingeradet von den Mauern, selbst vom zerschlagenen Fenster noch gerechtwinkelt. Ein wenig sickerte Blut aus der rechten Fussballe, zeichnete im Zurückweichen ein schnell trocknendes L auf das Parkett. Denn der Mensch kann zurückweichen. Selbst vom zerschlagenen Mensch kann der Mensch sich zurückziehen, wenn auch nicht in ihn, in sich. Denn die Klangwelt des Menschen war vorbei. Noch nicht der Mensch selbst, aber es ist nur eine Frage der Zeit, kauernd auf dem Bettrand. Ihn, der sich verliess. Angebrüllt von den rollenden Toren der Wolken. Von den vergilbten Tümmlern ausgekreischt, die mit breiten Daumen die Erinnerungen ausdrückten. Ihn, die harte Traube aus Warten und Pressieren. Ihn, der sich verlassen liess. Sein Körper ist eine Frucht, die blühen möchte. Aber in ihm gab es nur die harten Samen der Tränen. Warmes Kirschenkies, das rasselte. Aber er zerbrach nicht, so sehr es ihn schüttelte. In seinem Rücken wellte sich das Bett mit jeder seiner Bewegungen wie eine Talg-See in seinem Fett. Ein saurer, milchiger Geruch stieg aus diesem Folterapparat auf, dunkel und aufreizend. Seine glucksende Kehle stiess kleine spitze Schreie aus. Die Tränen kamen wie Ziegenkot, rollten über das Parkett, unter den Heizungskörper, in die Ecken zu den Staubschwänzen. Das Gesicht hat er gesehen im Fenster. In der Zeit, die es für das Zerbrechen gebraucht hat. Es ist ihm entgegengekommen wie eine Hand, die sagt, nicht. Oder wie eine Hand, die über schwarzen, fast knarrenden Filz streicht, und sagt, nichts. Und aus dem Filz steigt der Geruch von Anfängen und Handgriffen auf, von Sägemehl und Barthaar. Er strich langsam über die Unform auf seinem Hals, über den Auswuchs. Würde ihn jemand je wieder erkennen? Das Schlucken fiel ihm schwer. Selbst wenn er die kaum gefundenen Erinnerungen, dieses trockene, ausgeschimmelte Brot, auf den Händen vor sich hertrug, es hinstreckte, um zu sagen, ich bin Mensch, fehlte ihm da nicht die Güte, um es aufzuweichen? Die kaum gefundenen Erinnerungen schmerzten wie die harten, raren Tränen. Für Sekunden ist dieses leere Schlucken an seinem Hals, dieses Zucken der faustgrossen Schwellung an seinem Hals, das einzige Zeichen für das Verstreichen der Zeit, für ein Leben, das zu leben bereit ist. Aber die Klangwelt des Himmels war abwesend. Durch die Fensterscherben drang das Fauchen des Walds, das Fächeln der Blätter. Und der rötliche Geruch des Waldbodens, die milde Säure der Nadeldecke. Umzukehren würde schwierig. Ohne Erfahrung umzukehren, noch schwieriger. Mit schlürfenden, schleifenden Bewegungen schürfen die Wolken etwas Blau vom Himmel, das er erkennt. Ein Blau, das ergrünen kann. „Miriam“, das erste Wort auf seinen harten Lippen. Ein Auge, das grüne Knospen schlägt in seiner sandigen Brust. Ja, Miriam. Er hatte sie noch nicht ganz vergessen, er hatte sie noch nicht ganz verloren. Aber würde sie ihn erkennen, mit seinen mumifizierten Fingern in den Händen, die einmal zu zeigen vermocht hatten? Er blieb auf der Wohnungsschwelle stehen. Musste er nicht dazu etwas sagen und geben können, das er war? Er war aus der Klangwelt der Menschen herausgegangen, bevor sie verstummt war. Er war von der Klangwelt der Erde verschwunden, bevor sie vertrocknete. Vertrocknete im schrecklichen Sommer, der den Wald wie einen Lederbeutel aufblies, dass er an seine Fenster stiess. Er hatte die Klangwelt des Himmels vermisst, bevor sie vorzeitig verblüht von den Bäumen gefallen war. Seine Füsse trafen auf die kalten Platten des Treppenhauses. Der Handlauf wie die Reling eines Schiffs im Sturm. Hinunter in den durchgurrten Maschinenraum. Die Tauben allein waren verblieben. Hatten sie je zum Himmel gehört, waren sie nicht eher graue Früchte des Bodens, im Reifenabrieb, im vom Wind feingeriebenen, kleingerollten Abfall gebadete Schnäbel? Seit er umzukehren versuchte, kamen nur Fragen, kannte er nur Fragen. So blieb er wieder stehen, in seiner Kehle das leise Quäken des Esels vor dem Engel. Die Platten des Eingangs waren weiss vom Schnee des Taubenkots. Die gläserne Eingangstür war eingeworfen, in die Halle hinein gesplittert. Hatte er Reifenabrieb gedacht, konnte er mit Sicherheit noch von Zeiten berichten, in der es Reifen gegeben hatte? Hatte er diese Zeiten erdacht oder erlebt? In seinem Blickfeld lag die gesprungene, rissige Fläche des Gehsteigs, ausgestreckt wie eine alte ledige Handfläche in die ebenso faltige Strecke der Strasse, von verbranntem Grün wie Achselhaar bewachsener Asphalt. Die Hitze zischte leise, wenn sie durch die Schneide des Glases fuhr, roch nach Mandeln und Steinbäuchen. Wann hatte er zuletzt die Dinge in den Mund genommen? Wann hatte er zuletzt die krabbelnde Innenseite der Erde geschmeckt? Oh, viele Male, er erinnerte sich, hatte er die Erde mit seinen Fäusten geschlagen, die Nase im Gras. Nackt, schweissüberströmt, stinkend, stand er in der Eingangshalle eines Hauses und erinnerte sich an eine andere Asphaltfläche. Jene Asphaltfläche glich jener Asphaltfläche im Süden, die Sonne brannte genauso, die Kinderstimmen fehlten, die rufenden Mütter. Er sog den Duft ein, er wurde ein anderer. Sauer verschob das Benzin der Tankstelle die Zeit, stand er an der Leitplanke hinter der Tankstelle, blickte auf das Meer hinaus, Meer von Scherben. Hinter ihm der brennende Geruch von Urin, vor ihm der steile Abhang mit den krummen, stummen Kiefern. Damals hätte er sie hören können. Eine Frauenstimme, die einen Namen rief, immer wieder einen Namen rief, zwei Silben, die ihm auf den Scherben des Horizonts hüpfend entgegenkamen. Dann ihre starke Hand auf seiner Schulter, und jetzt spürte er den warmen Strom zwischen den Beinen, jetzt musste er noch länger stehen bleiben, bis der Strom getrocknet war, im Rücken das heisere Heulen der Motoren. Die Frauenhand rüttelte ihn durch, er hatte sich wieder vergessen. „Du hörst die Klangwelt des Menschen,“ sagte er in die Halle hinein, „aber du hörst nicht die Klangwelt der Erde. Du hörst die Klangwelt der Erde, aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels.“ Er stieg vorsichtig durch die Scherben, durch die Tür, die nichts mehr abschliesst, zurückhält. Für Minuten geht er langsam über den Platz, betrat die magere Rasenfläche, ein Gerufener, der seinen Rufer verloren hat. Oder den Ruf, das Rufen. Erst spät bemerkte er seinen überströmten Körper unter dem träge fliehenden Himmel. Der Regen war eine leise sirrende Walze, die alles berührt, nichts versehrt. Das gibt es, erinnerte er sich, aber das gibt es nicht mehr. Auf der Rasenfläche, die seine Schritte nachgiebig begrüsst hat, machte er die Bewegung dazu. Das andere, das eine: Benzin, Motoren, die Ferne, Weite, aber das in die Weite, Ferne Rufende immer noch, die Breite des Himmels, das fernher, stellt er sich vor, kommende Wetter. Immer noch, das Harte, Scherbenhafte, Todlose gegen das Weiche, Wiederkehrende, Sterbende. Er wiederholte die Bewegung, er erinnert sich. Er ging in die Knie, liess sich in das Gras nieder, in das ausgebrannte, durchtränkte Gras. Das Zupfen am Gras holte die Wurzeln aus der Erde. Jetzt wiederholt er den Namen, „Miriam“, aber ein Name ist kein Satz. Und es ist nicht sein Name, erinnerte er sich. „Aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels,“ sagte er, stärker rupfend, einen schlammigen Kreis um sich öffnend. Er rutschte auf den Knien im Gras. Aber auch ein Satz brächte sie nicht zurück. Ein Name ist ein Gefäss für so viel Zeit, dachte er, wenn das noch denken war. Er spürte deutlich die Erde unter den Fingernägeln. Was war denn dieses Rufen, das ihn rief? Er hörte sein eigenes Stöhnen und freute sich daran. Motoren und Bildschirme, dahinter die Maschinen, aber die Schönheit eines Namens, eines Wetters. Eingeschlossene, doch nicht abgeschlossene Veränderung. Klangwelten, seine Hände flechten Erde und Gras zu einem Zopf, zu einem Kreis um sich. Und im Aufstehen, die Innenseite der Schenkel warm von der Schönheit, die er nicht sieht, aber weiss, entdeckt sein Gesicht das Lächeln. Es schmerzte ein wenig, als habe eine Scherbe darein geschnitten. Denn er hat nochmals den Namen gehört, gerufen und zweisilbig, in seinem Rücken. Rief ihn der Wald zu sich. Mit stotternden Augen ging er wieder auf das Haus zu. Er sah das Schild „Lindenplatz“, eine Schraube hatte sich gelöst am Pfeiler. Er wollte den Namen holen, dort hinter dem Haus. Er glaubte daran, dass dort unter den Nadelbänken ein, sein Name zu finden wäre. Dass das das Rufende war, nicht das Wetter und nicht die verschwundenen Tauben. Er erinnerte sich an ein Lied, wie ging es nochmal? Es hatte mehr als zwei Silben. Auch das konnte er nicht zusammenfinden. Ein Lied nicht, zwei Silben nicht. Und wenn die Klangwelt des Menschen vorbei war, dann hatte das Lied auch ausgesungen. Er fühlte die Glut all der auseinandergewachsenen Silben und Geschichten. Er selbst war ein dunkler Kohlenstein, nass glänzend, mit einem roten, leuchtenden Bauch. Ausgezogen, durchnässt, Wolke ohne Hose, wiederkehrendes Wetter. Er begann zu begreifen, wie all die aufeinandergewachsenen Erinnerungen einen Abhang aufstellten vor seinem Auge. Die Verzweiflung loderte immer noch in seinem Herz, das langsam wieder denken lernte. Ein Feuer unter der durchtränkten Decke der Sinne. Dann stand er vor dem Haus, das Haus stand nicht allein. Das Haus war nicht der Würfel, den er gedacht hatte. Er betrachtete die Häuserreihe, beide Enden von einer Strasse abgeschlossen. Nach der Wiese roch die Strasse, auf der er entlangtappte, viel stärker nach dem Regen, der wieder fiel. Das raue Band legte sich warm an die Füsse, die Innenhaut von Geschichten, von seiner Geschichte, er bliebt stehen und fühlte die tausend Unebenheiten der Strasse erfolglos auf seine Haut einstechen. Würde ich ein Buch schreiben, käme ich nicht über die ersten Schritte hinaus, dachte er plötzlich. In seinem Herz begann eine Klangwelt zu herrschen, zitronengelb und dunkel zerfasert. Ich würde, dachte er, den Satz mit einem Vogel beginnen lassen, mit einer Amsel im Vorgarten. Ich liesse also die Vögel wieder kommen. Das Gehen ging leicht, wenn auch wiegend, er hatte etwas anderes gefunden als die randlose Vergeisterung seiner Wohnung. Er begann sich zu korrigieren, Entgeisterung meiner Wohnung. An der Rückseite der Häuser fand er den Hohlpfad, der hinter ihnen entlangführte und nach einigen Metern in den Wald einschwenkte. Er hielt an, drehte sich zu seinen Fenstern hinauf, aber der Regen fiel zu dicht, wie rote Ameisen blitzte es in seinen Augen auf, die Fenster waren immerhin da oben, Klangwelt des Menschen. Er hatte an seinem Denken gemerkt, der Boden hatte sich verändert. Nicht wie der Boden der Wiese, weich wie der Bauch einer Frau, nachgiebig und satt. Er ging unter die Bäume. Mit der Zeit hörte der Regen auf, und er setzte sich erschöpft und ein wenig atemlos an einen Baumstumpf. Es roch nach Moder und Pilz, nach tausend, zehntausend Gliedmassen, die wühlten, wirkten und wahrnahmen. Er legte den Hinterkopf auf den Spiegel des Stumpfs, der ihn angeblinzelt hatte, als er an ihm angekommen war. Ich könnte dir erzählen, flüsterte er in den Regen hinauf, könnte dir erzählen von den ungezählten Dingen und Wesen, die in mir hausen. Aber ich würde dir erzählen von dir, fuhr er fort, und du horchst ja schon. Er würde hier ein wenig bleiben, im Ohr des Waldes, das ihn harzig anatmete, beschloss er, befreit von allem Gesang, Klangwelt der Erde. Sein Körper leuchete im lichten Wald, unter den matten Farben des Regens, über der sauren Nadeldecke. Niemand hat uns noch gefunden, sagte er in den von den Ästen versperrten Himmel hinauf.
Schneider wollte erst gar nichts unternehmen. Er war mit der Hälfte der Garnison angekommen, hatte sich keuchend zum Doktor gesetzt und berichten lassen. Der Doktor hatte ihm fürsorglich die Schulter gestreichelt, mit einem vorwissenden Lächeln. Fäs hatte in den Minuten, als Anna in die Liebrüti hinauf telefoniert hatte, aus Mutwille oder Vorauseile eines der Taue gelöst. Regner hatte ihn daran gehindert, auch das zweite Tau zu lösen. Das Schiff zerrte an dem einen Poller wie ein zurückweichendes Pferd, das in Angst seinen Kopf verwirft. Immer wieder glitt sein Hinterteil hinaus in den Fluss, um in einer langsamen Bewegung wieder am Kai anzuschlagen. Schneider war auf den zweiten Stuhl an Doktors Tisch gefallen. Sein Wams hatte er inzwischen sorgfältig gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt. Von dem Marsch hinunter an den Fluss war er vollkommen durchnässt, sein Gesicht war hochrot. Anna konnte fast sehen, wie das Blut sich in seinen wütenden Wangen staute und pulsierte. Drüben auf dem Schiff wanderten immer noch die Lumpengestalten herum, einige hatten noch einmal zu singen versucht, aber in Wind und Regen trug das Lied nicht. Einige ältere Kinder standen an der Reling des Schiffs und blickten zu ihnen hinüber. Sie konnte sie nicht mehr anblicken, nachdem sie ein rotes Auge und blosse Zähne gesehen hatte, hängend und blinkend. Sie stand mit verschränkten Armen am Tisch und starrte auf Schneider herunter. Seine Männer hatten sich im Halbkreis im Ufer aufgestellt. Vielleicht war auch Regine darunter, aber unter ihren Kapuzen konnte sie keine Gesichter erkennen. Sie wusste, dass auch Schneider nicht verstand. Aber er war der Wachtmann, hatte also zu entscheiden. Wieder sagte sie: „Was ist zu tun?“ Diesmal fügte sie hinzu: „In aller Güte zum Land, Wachtmann, gibt es nicht etwas zu entscheiden?“ Sie benutzte bewusst den Spruch der RETTUNG, weil sie die Liebe Schneiders zu solchen Formeln kannte. Ein wenig freute sie sich auch darüber, wie korrekt sie sich ausgedrückt hatte. Schneider sollte ihr nicht umsonst beigebracht haben, wie die Sprache nach Erling zu entschärfen war. Der Doktor nahm sein spitzes Kinn von Schneiders Schulter und schaute zu ihr auf. „Die Zeit gibt Rat,“ sagte er und meckerte sein Lachen. Schneider zuckte über den hellen Laut an seinem Ohr zusammen und hob seinen Blick vom Tisch. Der Wolkenträger war aufgestanden und um Anna herumgegangen, hatte mit der Hand über ihre Schulterblätter gestrichen und weitergekichert. Er schlenderte zum Schiff hinüber und schlenkerte dabei stark mit den Armen. Fäs und Regner, die am Kai standen, um ein Aussteigen der Kinder zu verhindern, machten ihm Platz. Beide wichen vor ihm zurück, traten links und rechts zur Seite, als träten sie aus einem dunkeln Schatten. Sie sah Regner kräftig den Kopf schütteln, Fäs hatte ein Zucken in den Schultern, ballte die Fäuste. Schneider unter ihr räusperte sich. „In aller Güte zum Land, ja,“ wiederholte Schneider. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das nasse Haar, das so einen schwarzen Helm auf seinem Kopf bildete. Seine flache Kopfform war jetzt noch besser zu sehen. Sie verlieh ihm den Ausdruck einer arglosen Echse. „In aller Güte,“ sagte er nochmals und fuhr fort, „ich habe davon gehört, Schweigerin, es gibt diese neue Strömung. Sie wollen den Kindern eine Art von Freiheit wiedergeben. Übersehen aber dabei die Verwendung der Kinder. Wenn nicht gar ihre anderweitig für unmöglich geschätzte Nützlichkeit. Immerhin meistens terminale Stadien. Und die Verwendung der Kinder lässt keine Freiheit zu. Das Leben der Kinder hat keinen Nutzen über ihre Arbeit hinaus… Steht es nicht so in den Badener Akten?“ „Badener Akten?“ Fragte Anna nach. Sie hatte davon noch nie gehört. „Ich glaube, es ist unter Paragraf 15 zu finden, Ergänzung C,“ sagte Schneider und zitierte: „Für eine neue Zukunft muss die alte Zukunft sterben.“ Er blickte zu ihr hinauf und probierte ein Lächeln. „Was heisst denn nun Freiheit, was heisst denn nun Bestimmung?“ Er klatschte mit beiden Handflächen auf den Tisch. Beim dumpfen Knall drehten sich Regner und der Doktor um. Schneider schob den Tisch von sich und stand auf. „Wagenheber,“ rief er den Doktor an, „genaueste Untersuchung, genaueste Erfassung. Ich möchte Namen wissen, ich möchte Herkunft wissen. Ich möchte wissen, woher.“ Der Doktor stakste zum Tisch zurück. Auf seinem Gesicht war unverhohlene Freude, es war sein Glückstag. Er rückte seinen zurückgestossenen Stuhl sorgfältig an den Tisch zurück, richtete diesen aus, legte sich die umgefallen Aktentasche auf den Schoss. Während der Doktor eine Plastikplane über den Tisch warf, seine Blätter sorgfältig vor sich bündelte und ein rundes Köfferchen öffnete, das unter den Tisch geschoben war, nahm Schneider sie am Arm und führte sie zum Wasser hinunter. „Das ist alles ganz und gar nicht gut, Anna, aber du hast es gut gemacht,“ sagte er dort und hielt ihren Arm immer noch fest. „Ich hätte es lieber gehabt, wenn dieses Schiff nicht gekommen wäre. Aber wo es jetzt da ist, dürfen wir es nicht wieder wegschicken. Ich weiss, dass wir in den Menschen dort oben immer noch Menschen sehen. Unfertige, zerfallende Menschen. Durch unsere Schuld zerfallend, durch unsere Schuld unfertig, wer weiss es denn so genau. Und ich weiss nicht, ob Erling sich seine Welt so vorgestellt hat. Rekruten wie du sind wahrscheinlich entsetzt darüber, wenn ihr die Zustände hier draussen mit jenen in den Büchern Erlings vergleicht.“ Anna machte einen Schritt von Schneider weg, er musste ihren Arm loslassen. „Verzeihung,“ sagte er und fragte: „Hörst du mir zu?“ Auf dem Schiff ihnen gegenüber hatten sich mehrere Figuren zusammengefunden und starrten auf sie hinunter. Der leichte Regen verstärkte den Eindruck ihres Schwankens. Aus einer Kehle kam ein Keuchen. Wortlos lehnten sie sich an die niedrige Reling des Schiffs. Unter ihren Kapuzenmänteln konnte man nicht erkennen, ob es Mädchen oder Jungen waren. Anna fühlte sich unwohl mit Schneider an ihrer Seite. „Was wird mit ihnen geschehen?“ fragte sie und korrigierte sich: „Was werden wir mit ihnen machen?“ Schneider schnaubte: „Wieviele Entladungen?“ Anna verstand erst nicht, dann antwortete sie: „Fünf Entladungen habe ich schon gemacht, Wachtmeister.“ „Also so gut wie keine,“ Schneiders Stimme war bestimmt, „ich muss es dir nicht sagen, weil ich es dir gerade gestern bei der Lagebesprechung gesagt habe, jede Entladung ist anders, ist eigen. Diese hier ist die Erste, die uns herausfordert. Niemand ist darauf vorbereitet. Aber ich gehe fast davon aus, dass es nicht die Letzte sein wird. Darauf können wir gefasst sein, darauf können wir uns einstellen.“ Schneider hob seinen schweren Kopf und blickte die am nächsten stehende Gestalt an. „Kannst du reden?“ fragte er zum Schiff hinauf. Die Gestalt hörte mit ihrem Schwanken auf und beugte sich weit über die Reling hinaus. Fast war ihr Kopf auf der Höhe von Schneiders Kopf. „Was?“ sagte eine helle Mädchenstimme. „Ob du reden kannst, habe ich gefragt,“ sagte Schneider. „Reden ist nicht mehr nötig,“ sagte das Mädchen, „reden ist… überflüssig. Alles ist schon geschehen.“ Ein Kichern entstand unter der grauen Kapuze und wurde zum Husten. Schneider wandte sich wieder Anna zu. „Es gibt noch keine Direktiven von der VZS. Unsere Entscheidung wird uns lehren, was zu tun gewesen wäre.“ Schneider und seine Direktiven, Sendschreiben und Formeln, dachte Anna. Wieder fühlte sie den Sog in eine Mitte, die abseits der Wirklichkeit lag. Wie das Herz nicht in der Mitte der Brust sass. So eingemittet, war die Verwirrung geringer, waren die überflüssigen Gedanken bedeckt vom Schatten der dauergerollten Sprüche und Schlagworte. Das Leben der Kinder ist ein Sterben der Kinder, dachte sie. Schneider hatte sich von ihr weggedreht und gestikulierte zu Fäs und Regner hinüber. In ihren Ohren rauschte es. Sie berührte ihre heissen Wangen und klatschte mehrmals darauf. Im Aufblicken trafen sich ihre Blicke, die noch ganz erfüllt waren vom gelben Strudel des Flusses zwischen Kai und Schiffsrumpf, mit denen des Kindes. Das Mädchen war immer noch über die Reling gebeugt. Anna erschrak. Aus dem Mund des Mädchens tropfte eine gelbliche Flüssigkeit, blieb in langen Fäden am Kinn des Mädchens hängen. Das Mädchen seufzte, ächzte. Sein ganzer Körper bog sich puppenhaft. Aus dem Augenwinkel sah Anna, wie Regner das Tau auswarf und zusammen mit Fäs das Achterheck des Schiffs wieder am Kai vertäute. Die beiden Männer rückten die Landungsbrücke wieder ans Schiff heran und sicherten sie mit den schweren Haken an der Reling. Schneider stand mit den Händen auf dem Rücken auf dem Kai, sein Bäuchlein unter dem offenen Mantel sichtbar, ein Bild der Zufriedenheit mit der Wirklichkeit. Das Rauschen in ihren Ohren wurde von den Rufen der Männer gespalten. Langsam schritt sie zum Tisch des Doktors zurück. Dieser hatte seine Kladde aufgeschlagen und schrieb bereits darin. Seine Zungenspitze schlüpfte zwischen den Lippen hervor, einmal rechts und einmal links. Er hob kurz den Kopf, seine Augen schimmerten sehr dunkel, sein Atem ging schnell und flach. Sein Gesicht fiel beim Sprechen jetzt stärker auseinander. „Ich beginne bereits mit den Prä-li-mi-narien,“ sagte er, „sonst verzögere ich nur den Prozess.“ Die ersten Kinder betraten den Kai. Anna blickte sich nach Kalmer um, den sie nicht mehr gesehen hatte, seit sie vom Schiff gegangen war. Sie fand ihn nicht auf dem Kai, entdeckte ihn aber unter den Kindern. Eben stieg er vom Schiff. Seine schmächtige Gestalt hatte sich unter den Kindern verloren. Er war also entgegen ihres Verbots auf das Schiff gestiegen. Ihre Blicke trafen ihn und riefen ihn zu sich. Sie hielt ihn an der Schulter fest, denn er wollte an ihr vorbeischlüpfen. Unter seiner Kappe war sein Gesicht gerötet und schwitzte. Sie wartete, bis er seinen Kopf gehoben hatte. Seine Augen waren schwarz, nur Pupillen. Sie legte ihre Finger eng aneinander und formte damit eine geschlossene Knospe, den Handrücken gegen aussen, führte damit zwei herausfordernde, ruckende Bewegungen in seine Richtung aus. Kalmer zuckte mit den Schultern und zeigte zwei Wörter. Mit der rechten Hand bildete er einen Haken, mit dem er im Uhrzeigersinn eine Spirale in die Luft zeichnete. Darauf liess er seine ausgestreckten Zeigefinger vor seinem Bauch zusammenstossen. Sein Mund formte das Wort für „Schwester“. Sie nickte ihm zu und liess seine Schulter los. Kalmer stellte sich in den Rücken des Doktors und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Schweighöfer, wo bleiben Sie?“ rief dieser sie jetzt an. Das Namensbuch lag bereits auf dem Tisch. Wer hatte es für sie geholt? Sie hatte ihre Aufgabe vergessen. Fäs hatte sich an der Landungsbrücke positioniert und half stolpernden Kindern wieder auf. Regner stand neben Schneider auf dem Weg zum Tisch und betrachtete wie dieser die Kinder. Sie sprachen unterdrückt miteinander, kurze klare Worte. Anna setzte sich an den Tisch. Wie schon das letzte Mal hatte sich der Doktor den besseren Stuhl genommen. Ihr Stuhl war klein und wackelte. Sie musste ihren Oberkörper recken, um überhaupt schreiben zu können. Ihre Ellbogen waren knapp unterhalb des Tischrands. Sie strich sich das nasse Haar aus der Stirn und nahm ihren Stift aus der Innentasche ihrer Jacke. Vor ihr stand ein hochgewachsener, magerer junger Mann. Er trug weder Hemd noch Jacke, sein weisser, haarloser Oberkörper leuchtete fast. Die Brustwarzen waren schwarz in der Kälte. Die Augen darüber waren sandfarben, der Kopf sehr rund und kahl. Einen Moment fielen seine Augen in ihre, ihre in seine. Dann löste sich der Augenblick, die Augen fanden ihre Freiheit wieder. „Name?“ fragte sie, die Augen auf dem Buch, und schrieb unter der letzten Liste das Datum. „Bleicher Johannes,“ sagte der junge Mann und schwankte vornüber. Jetzt stand Schneider an seiner Seite und hielt ihn am Oberarm fest. „Schweighöfer,“ sagte Schneider, „worauf wartest du? Komm mit, wir reden mit dem Kapitän.“ Sie wollte einwenden, „Aber die Namen“, doch er schüttelte den Kopf und machte mit der Hand die Bewegung des Aufstehens. „Wagenheber, machen Sie weiter,“ hiess sie den Doktor, der bereits an dem jungen Mann herumtastete. Gerade hatte er den Mund geöffnet und schaute sich die Zähne an. „Ja, machen’s nur,“ knurrte er mit einem Seitenblick, „ich kann auch zählen und schreiben.“ Und zu Schneider gewandt: „Ihre Männer wissen, was tun?“ Schneider nickte und sagte: „Sie wissen, was tun, Medizinmann.“ Anna ging mit Schneider zum Schiff, an der Schlange von schlurfenden Figuren vorbei.
Die Vögel sind lange schon still. Gewesen, geworden. Unter den schweren klirrenden Perlenschnüren des Regens tänzelte er dahin. Reizwelle um Reizwelle erspürte seine Haut, seine Häutchen. Erringelten seine Ängste, die er sorgfältig und vorschnell von einem unsichern Ort zum anderen gefährdeten Unterstand hin und her schob. Erschauernder Zirkuskünstler. Seine Orientierung unter den Schauern und im Schaudern null und nichtig. Können Achänen im Regen fliegen? Er hielt seine Hände über seinen Kopf. Auf den Handflächen stichelte die Nähmaschine des Regens ein Muster. Die Handflächen wuchsen unter dem Muster an, Palmwedel. Seine Beine hatten kein Gefühl mehr, er schleuderte sie um sich und blieb aufrecht. Was Wunder. Wenn er stehen blieb, schüttelte ihn die knarrende Stille des Wäldchens. An jedem Bitzen seiner Haut zupften die Stränge ihres feuchten klebrigen Netzes. Die Bäume leuchteten wie aufgesprungene Tulpenkelche. Jeder ein gottverdammter Brunnen, tief wie Erdspalten, Marianengräben. Hatten die Vögel verschluckt, hatten die Vögel geteert und gefedert. Was Wunder. Die Äste unter seinen Füssen sahen aus wie abgehackte Storchenbeine, die Blätter über seinen Händen wie Kiebitzhauben. Sein ganzes Urteilen war von einem Schimmel punktiert. Vielleicht sind Menschen wirklich bald nicht mehr möglich. Dennoch erfasste ihn eine Art von Begeisterung, halb Häme halb Vorfreude. Er würde dem Kommenden nicht die Stirn bieten, das wusste er. Er, nein, er würde sich der Zeit nicht sperren. Schon nicht mehr länger, das sage ich dir. Was Wunder bei diesen, diesen, diesen. Phantome, so scheint es. Aber das Fehlen der Vögel, ist das etwa ein Phantom? Ein Grunzen kam aus seinem Mund. Ja wohl, so sehr. Ein Gefühl von ab-hier-bist-du-allein-Mama-hat-was-anderes-zu-tun. Nun stand er unter seinem Baum, ein torkelnder Däumling, unter den daunenweichen Testikeln der Eiche Warte-auf-dich. Verfluchtes Märchen. Ein Grunzen kam gleich nochmals aus seinem Mund, kehlig wie nach dem Reihern. Hier unten waren die Regenketten wie die Küchengardinen in der Stadt, die sich bewegt hatten unter den Händen der Feigen. Hier unten gab es keine folgenden Augen, hier unten gab es keine Distanznahme. Mehlig und schwer sank er in das Moos und zwischen die Eichensprösslinge. Aber er wusste, was zu tun war, nicht wahr? Jetzt, wo Mama hat was anderes zu tun. Er musste an seinem Urteilen feilen. Eine Stille befand sich wattig auf seinen Ohren. Über ihm der Blätterbrunnen, die Blättertiefe. Keine Kraft hinaufzusteigen, noch nicht, schon nicht. Die Stirn bieten, auch so ein Spruch aus Zeiten, als die Vernunft das Höchste gewesen war. Und wo hatte sie hingeführt, die Vernunft? Was Wunder, sass er jetzt da wie ein umgekippter Schemel, das Licht ausgeblasen für eine unbestimmte Dauer. Im Schoss des Baumes, die Fäuste immer noch sicher in den Taschen. War es nicht seine Aufgabe gewesen, auf dieses hier zu warten, auf dieses hier mit schmerzender Vorstellung zu plangen? Die Erscheinungen erstaunten ihn nicht länger. Das war, was erstaunlich war. Er konnte sich nicht mehr erstaunen, schon nicht mehr erschrecken. Obwohl der Schreck ihm mächtig in die Glieder gefahren war, für eine bebende Kälte sorgte dort, wo die Verantwortung ihren leeren Kelch hätte erheben sollen. Die Gesichter des Gesehenen verwoben sich immer noch breit und längs in einer Fieberwelle zur nächsten. Über ihm lispelten die Eichenblätter von den Stichen des Regens. Die Fäuste im Schoss, ein Wunder, das auf Fortsetzung wartete, immer noch auf Fortsetzung. Aber noch konnte er die Fäuste nicht öffnen, die vollmächtige Verantwortung ergreifen. Er wartete auf etwas, das ihm gegeben würde. Selbst jetzt noch konnte er nicht vornehmen und vorpreschen. Er legte den Kopf in den Nacken, mit seinem von Phantomen vernebelten Blick haschte er nach den aufblitzenden, aufspritzenden Sternen des Regens, der da oben stickte und stickte. Ich bin ein Geschöpf aus Boden und Stein, dachte er, was willst du von mir. Wie lange würde es dauern, bis dieser Steintrog gefüllt wäre, überflösse? Und das am falschen Ort, wohl, wohl. Denn wo keine Vögel, da kein Aufbruch, weder Frühling noch Herbst. Ein verhärtetes Kind, das bin ich, dachte er, Trotz und Ohnmacht haben mich gestählt. Aber weder Ohnmacht noch Trotz sind Dinge, die grünen, Dinge aus dem Grünenden. Allen, allen, fuhr es durch ihn hindurch, fehlte von Anfang so ein Baumes-Schoss. In einem Baumes-Schoss, was Wunder, wirst versinkend aufgehoben. Und doch konnte er nicht beschliessen, er habe nichts damit zu tun. Es schmerzte ihn, die rissige raue Ründe der Rinde in seinem geraden Rücken zu spüren. Den schüchternen Geruch des Mooses zu riechen, ein blindes durchsichtiges Tasten. Hatte er sich denn wirklich aufgemacht? Und mit welchem Zweck? Wieder nur der natürlichen Unruhe gefolgt, ja, dann sitz jetzt mal still. Seit Jahren hatte er sich unter den Augen der Vorübergehenden in sich hineingestülpt, um sich nicht anzubieten, um sich nicht auszustellen. So sehr war er in sich geschlüpft, dass sie ihn sogar zu grüssen begonnen hatten. Und nun, ausgerechnet in diesem Moment, wäre er gerne begrüsst worden? War das wirklich die Zeit, um hinauszutreten? Langsam badete das Flüstern des Tages seinen geraden Körper. Allmählich kam die Eiche auf ihn zu, rückte an seine Schulter, schob sich an seine Hüfte. Er weinte nicht, denn er verstand nicht. Er verstand nicht, denn er hatte es nur zu gut gesehen. Er weinte nicht, denn hatte er nicht mit seinen innersten Worten Anteil an dem Gesehenen, das Gesehene ausgelöst? Und er begriff nicht, wie dieses nicht Begriffene ihn derart ergriff. Denn es lag nicht an seinem Bruder. Schon immer hatte der sich den Regeln der Welt zugeneigt, in sie hineingelehnt, das waren seine Stöcke und Schlingen. Während er selbst sich verkroch, verspann, auswich. Damit lebte, sich selbst zu betrauern. Was Wunder, wurde er zum Zauberer, zum Beschwörer. Aber das wollte er nicht beschworen haben, was er gesehen hatte. Und musste es doch immer wieder, verlangsamt und tranig-verschleimt, wahrnehmen. Es war in seinen Körper gesunken wie die klamme Luft in seine Brust. Argwohn nähte die Platzwunde seines Urteils, lange schwer gleitende, plötzlich zupfende Durchstiche. Das Wissen um die rutschende Zeit war gewisser, aber die Bedrohung bedrohte auch ihn. Damit war nichts gewonnen. Die Geister, die er gesehen hatte, waren noch nicht geläutert. Die Menschen, die sie trieben, hatten keine innersten Worte mehr. Die Borke des Baums in seinem Rücken war trocken, fast warm. Im Schoss des Baums war es harzig und sicher, ein gelbes Halo umgab die beiden, wie hoch am Himmel. Schweiss und Regen trocknete zusammen auf seiner höckerigen undurchlässigen Haut. Im lichten Trichter der Eiche ragten die Hirtenstabrunen der Äste über den Menschen hinaus, Zeichen- und Schutzhand in der Ungerade. An den Stamm gelehnt, gepresst, spürte Ueli die doppelte, gewürzige Bewegung des Baums. Er begann den Schrecken zu verwinden, denn hatte er nicht davon gewusst, von den Kähnen voller Menschen, die gingen und nimmer wieder kamen? Das Eichenblattwispern über ihm drehte sich um ihn, gerundet und unregelmässig, die Nerven liefen durch die Blätter ohne zu zögern, bis in die runden Grenzen der Blätter hinaus. Was Wunder hatte die Mauer nicht vermocht, was der Baum im Nu aus der Zeit grub, aus dem Menschen heraus schöpfte. Um die Säule dieses Baums, der ihn in die Ründe der Welt hob, in die geschüttelte und behütete Kurve der Zeit, wob der Regen die Falten des Tuches, aus dem geschah, was geschehen war, geschah und geschehen würde. Seine eigene Säule, nicht mehr als ein Zahnstocher, ein wütender Hirschkäfer vielleicht, steif und zerbrechlich, bog sich glucksend und jauchzend im Schatten des Baums und des Regens. Bis auf den umbemessen tickenden Regen verstummte das regsame Urteil. Dem leichten Wind gelang es nicht, die taumelnden Wahrheiten zu stützen. Es erhob sich in ihm, schwankend wie der Schild einer Schlange, die wischende Freude. Was ich gesehen habe, kann ich nicht ungesehen machen, dachte er. Er hob den Kopf aus seinen Händen. Sein Nacken schmerzte, seine Wangen brannten. Auch ich bin feige gewesen, flüsterte er und bewegte sich wie jemand, der in ein neues Kleid zu schlüpfen versucht. Und das Kleid war triefend nass und eiskalt. Seine Bewegungen, eben noch tänzerisch, verloren ihren Takt. Alle Muskeln verspannten sich. Während er seine eigenen Vorhänge zerriss, glühte sein Gesicht wie der transparente leuchtende Körper eines Tiefseefisches. Sein Mund vollführte Atembewegungen. Sein Gehirn presste mit ganzer Macht an den Schläfen wie eine Fischblase vor dem Platzen. Seine roten Lippen mit dem Metallgeschmack zuckten wie ausgegrabene Würmer. So ist es, fuhr es ihm durch und durch, wenn du nicht mehr lügst, dich nicht mehr betrügst. Und vor den alten, lau nassen Furchen des Baums konnte ein Fremder in dem hin- und hergeworfenen Körper die Schemen unbekannter Organe sich regen sehen. Dieser Fremde stand auf dem andern Ufer des Dorenbachs. Sein Gesicht sah aus wie tausendmal aufgetrennt und tausendmal vernäht. Er stand im Schatten einer Weide, die ihre Rutengänger-Äste verwirrt über das Wasser streifen liess. Der Fremde trat aus dem grünen Vorhang heraus. Für Momente konnte nicht gesagt werden, ob es eine Frau oder ein Mann war. Die Gestalt sprang leichtfüssig über die Steine im Bach und neigte nach wenigen Sekunden ihr spitzes, tropfendes Gesicht in das von Ueli. Ihr Atem schmeckte sauer und frisch. Zurücktretend, stimmte sie ein helles hustendes Lachen an und verschwand für einige Augenblicke aus Uelis Blickfeld. Wie jemand, der das riesige Leinentuch des Regens ausschüttelt, verschwand die Lachende dahinter, und das Lachen wurde dumpf, an Nähten reissender Stoff. Dann war das Gesicht wieder da, und er konnte jede Bartstoppel sehen. „Bischt im Brünneli?“ fragte der Fremde und tanzte wieder ausser Sicht. Das nächste Mal war der Atem an seinem rechten Ohr und sagte: „Wo isch denn das Sünneli?“ Jetzt konnte Ueli deutlich den deutschen Akzent hören, flache Schiefersteine, schlecht geworfen. Er schlug nach dem Gesicht, traf aber nicht. Er war noch nicht ganz sicher, ob er es sich nicht einbildete. Um ihn herum hatte der Regen Gestalt angenommen, jeder Tropfen war ausgesucht und stach mit Bestimmung durch die gräuliche Luft. Seine Kehle war mit Moos ausgekleidet. Der Fremde war da und liess sich aus dem Stehen in einen korrekten Schneidersitz fallen. Die Beine des Fremden sahen aus wie eine eingerollte Schlange. Der Fremde hielt ihm seine gelbe lange Nase unter das Kinn und äugte zu ihm hinauf. „Bischt verschrocke?“ fragte der Fremde. Ueli konnte noch nicht antworten. Er konzentrierte sich darauf, dieses scharfe Gesicht nicht zu sehen. Dieses Gesicht war von zwei mächtigen Händen gepresst worden, von Geschwindigkeit oder von Anziehungskraft. Weder Fisch noch Vogel. Langsam wandte Ueli den Kopf von der einen zur anderen Seite. Er spürte seine Hände wieder. Seine Wirbelsäule knackte und krachte wie ein Scheit, das auseinandergerissen wird, nachdem die Axt es gespalten hat. Gelber Regen, Sägespäne. Dann war die Sicht wieder gut. Er streckte die Hand aus und berührte die Erscheinung an der Schulter. „Auf Erkenntnis folgt Überprüfung“, sagte der Fremde, „ich sehe, funktioniert doch.“ Der Fremde lehnte sich auf seine Hände zurück und hielt das Gesicht in den Regen. Im gelben Licht sah es aus wie die frisch geschlagene Spitze eines Zaunpfahls. Der Fremde bewegte sich ruckartig, schon war seine Hand nach vorne geschossen und berührte fast Uelis Brust. „Rothermund Samuel, wenn Sie gestatten,“ sagte er. Ueli brummelte seinen Namen, zögerte aber, die Hand zu ergreifen. Die Hand zuckte weiter nach vorne. „Musst sie schon annehmen, sonst geht das nicht,“ sagte der Fremde und berührte mit den Fingerspitzen Uelis Brustbein. „Sämi, der Einfachheit halber.“ Nochmals berührten die Fingerspitzen Uelis Brustbein. Diesmal ergriff er die honigweiche Hand, die keinen Druck ausübte. Dennoch war er plötzlich auf den Füssen. Mit leichtem Schwindel stand er unter dem Baum. Was Wunder, dachte er, dass ich nicht zur Hälfte noch im Boden stecke. Ein Kichern kam und ging. Jemand stand an seiner Seite und hielt ihn an der Schulter umarmt. „Ich muss dir etwas zeigen,“ sagte die Stimme neben ihm.
Du hast keinen inneren Halt Du saugst an fremden Knochen Du interessierst dich nicht für mich Du stellst keine Fragen oder unverfängliche Du spekulierst mehr als du weisst Du findest Muttis Die helfen und sorgen sich Du träumst dich gern hinweg Aus Konflikten und Ansprüchen Du hast keine Überzeugungen Du bist angelesen Du weichst Irritationen aus Du fragst nie nach Du suchst einen Kuss und fürchtest den Griff an meine Brust Du redest von Liebe viel zu schnell Du bist nicht für die Freundschaft gemacht Deine Ideen sind geliehen Dein Schreiben ist nur vorgeschoben Du läufst kindlichen Vorstellungen hinterher Du scheust das tiefer Graben Du schüttest lieber Gräben auf Du glaubst an den Berg und willst nur das Plane Du bist von deiner Freiheit überzeugt Als wärst du ohne mich Und ohne uns Überhaupt möglich Du schmückst dich mit Fremder Wörter und Fremdwörtern Du tanzt auf allen Hochzeiten Du hast zu viele Interessen Du kannst nicht ehrlich sein zu dir Wenn du das mit mir nicht kannst Du hast noch nie etwas zu Ende gebracht Du hast noch nie etwas zu Ende gedacht Du träumst von der Wildnis und suhlst dich auf der Couch Du liest Bücher und Geschichten Um etwas zu sagen zu haben Du möchtest nach dem Mund geredet werden Du willst es nicht unnötig schwer machen Du verstehst unter Freiheit etwas anderes Du bist undankbar Du redest ja nicht mit mir Du rechtfertigst dich immer Du machst im entscheidenden Moment dicht Du willst nicht über die Beziehung sprechen Du kreist nur um dich selbst Dein Leben ist nur möglich dank all der anderen Du hast ein Begehren ohne Worte Du hast ein Begehren ohne Wissen Du hast ein Begehren ohne Wirklichkeit Du hast zu viele Worte Und wenn es darauf ankommt keine Du hast ein schüchternes Herz Du bist der Widder im Gestrüpp Du hattest einfach Glück.
Der Himmel finsterte schnell ein. Die vier Männer an der Schifflände hatten bereits ihre Pelerinen angezogen und Taue, Tisch und Tragbahren vorbereitet. Der Kahn drehte langsam und stampfend in der Mitte des Flusses. Kalmer und Regner standen bei den Pollern, kommentierten das Wendemanöver des Schiffs. Der Doktor lehnte am Tisch und rollte sich eine Zigarette. Seine in die Stirn geschobene Brille spiegelte den Himmel, was den Eindruck aus Ergebenheit und Ergriffenheit in seinem Gesicht noch verstärkte. Doktor Wolkenträger, dachte Anna, das passte gut zu ihm. An den vierten Mann, Fäs, hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Er kauerte bei der Schifferhütte an der Wand, die Hände zwischen den Knien berührten die Planken. Fäs war nicht der älteste, Anna schätzte ihn auf knappe 30 Jahre, aber er war mit vielen Wächtern vertraut. Regner vermutete, dass er selbst einmal Wächter gewesen war. Fäs’ Bewegungen waren abgehackt und plötzlich, er konnte unerwartet an jemandes Seite auftauchen, einen mit diesen gelblichen Augen anstarren. Auch jetzt wusste Anna, Fäs wäre der erste beim Schiff, obwohl er am weitesten entfernt war. Anna war schon zweimal mit ihm zusammengestossen, einmal hatte er ihr den Weg vertreten, beim zweiten Mal hatte er sie an der Schulter angefasst und wie eine Spielfigur beiseite gestellt. Beide Male hatte er nichts gesagt. Einige Männer unter den Hütern hatten die Theorie, dass Fäs keine Zunge mehr habe. Sie selbst hatte ihn noch nie reden gehört. Das Schiff kam jetzt längsseits. Der Regen hatte eingesetzt, ein kalter, schräger Wurf unterm Wind. Von einem Moment auf den andern war nur noch die graue, raue Seite des Flusses zu sehen, das andere Ufer und die Turmruine waren verschluckt. Taue und Rufe schlickerten durch die zerhackte Luft. Anna schlüpfte in ihre Pelerine, die ihr der Doktor reichte, der Kunststoff klebte an den nassen Kleidern, die Haut darunter zusammengezogen und voller Kältehöcker. Regner schob die Landungsbrücke über die Planke, Kalmer fasste mit an, gemeinsam hoben und schoben sie den Eisensteg auf das Schiff. Zuerst war niemand auf dem Schiff zu sehen, aber Fäs war schon an Bord, schritt aus Richtung Brücke. Vom leichten Ostwind war ihm die Kapuze seiner Pelerine abgestreift worden, der Regen musste ihm kalt und hart ins Gesicht schlagen. Kalmer hatte sich umgewandt und Annas Blick gesucht, denn ein Betreten des Schiffs ohne den ausdrücklichen Befehl der Aufnahme-Offizierin war tabu. Anna schüttelte den Kopf. Auch sie stellte sich an den Kai, wo das Wasser grau zwischen Schiff und Anlegestelle schäumte. Das Schiff stank, selbst in diesem Wind. Das war nicht neu. Für einen Augenblick musste sie sich vom Fluss abwenden, um die aufkommende Übelkeit mit einem Blick in die Pappeln und Weiden zu bekämpfen. Die Bäume duckten sich in Wind und Regen. Ein Haselstrauch ein wenig weiter weg dagegen schien sich strecken und recken, weiten und wachsen zu wollen in diesem Wolkenbruch. Sie hätte ihm gerne noch ein wenig weiter zugesehen. Von der Brücke kamen jetzt Stimmen, sie kehrte sich dem Schiff zu. Fäs hatte sich die Listen geholt und war schon auf dem Rückweg. Eine Gestalt stand in der Türe der Brücke und hob den Arm, halb Gruss halb Ruf. Sie betrat das Schiff, als Fäs heruntergestürmt war. Er brachte die Liste dem Doktor, das war in Ordnung. Sie hielt ihre Kapuze fest und den Regen im Gesicht aus. Durch die offene Türe trat sie in den heissen Kommandoraum des Schiffs. Im hinteren Teil des bis auf die Armaturen kahlen Raums sassen einige Männer an einem Tisch und spielten stumm und schnaufend Karten. Hinter ihnen loderte in einem Eisenofen ein Feuerauge. Die Luft war abgestanden und roch scharf. Der Kapitän stand mit dem Rücken an die Armaturen gelehnt und wartete auf sie. Sie trat zu ihm hin und wollte die Hand zum Gruss der RETTUNG an den Hals heben. Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Rieder Louis,“ stellte er sich vor. Er legte seine Hand kurz an die Kapitänskappe. Er trug keine Uniform, sondern weite braune Kleidung, die aus Hemden zu bestehen schien. Zögernd nahm er ihre Hand und liess sie fahren. Seine Hand hatte sich wie behaart angefühlt. Sie hatte noch nicht viele Entladungen geleitet, kannte nur erst zwei der Kapitäne der kleinen Flotte. Dieser hier schien etwas Besonderes zu sein. Seine Augen schimmerten wie in Rührung oder im Fieber. „Wir haben 71 dabei heute,“ sagte er, „Grüsse von Nadler.“ Sie nickte nur. Er streckte einladend die Hand aus und führte sie von der Brücke. „Ich zeige dir etwas,“ sagte der Kapitän vor ihr. Die Treppen donnerten unter ihren Schritten. Sie kannte niemand, der Nadler hiess. Jeder Kapitän grüsste sie von diesem Nadler. Sie hatte Schneider gefragt, aber auch er wusste von keinem Nadler. Aber es sei nichts Aussergewöhnliches, dass die Brigadiers am Rheinknie schnell wechselten. Einerseits, so Schneider, müssten sich die Wächter immer wieder gegen die Jurassier zur Wehr setzen. Diese hätten sich fast das Elsass geschnappt, nachdem hier die Türme gefallen seien. Doch das Elsass habe man retten können, und mit „man“ meine er die Wächter der RETTUNG. Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das Elsass den Jurassiern gehörte. Andererseits handle es sich bei den Wächtern halt einfach um eine Bande von Halsabschneidern, da passiere so manches, wenn der Tag lang genug sei. „Wie ist dieser Nadler?“ fragte sie den Nacken des Kapitäns. Ihre Stimme klang im engen Gang wie die Stimme eines Mädchens. „Frage muss heissen, wer ist dieser Nadler,“ antwortete der Kapitän und drehte ihr im Gehen die linke Wange zu. Sie glaubte, ein Lächeln zu erkennen. Über ihnen donnerten jetzt die Schritte ihrer Männer. Sie gingen in den Laderaum. Warum gingen sie in den Laderaum? Sie war noch nie im Laderaum gewesen, das war nicht ihre Aufgabe. Und warum liess sie sich führen? Sie war die Leiterin der Schiftende, sie gehörte nach der Begrüssung an Land. In der Halle des Laderaums lagen und kauerten die künftigen Häuter. Einige waren aufgesprungen. Diese hier waren nicht angekettet. Oben wurde die Ausstiegsklappe geöffnet. Sie konnte im dünnen Graulicht die in der Mitte abgenutzten Holzstufen der Treppe sehen. Sie wollte fragen, warum der Kapitän mit ihr in den Laderaum gekommen war, wenn doch keines der Kinder angekettet war, da war der Kapitän an die Leiter getreten. „Aufstehen, herkommen,“ sagte er laut, seine Stimme war harsch und weich. Die Körper erhoben sich und versammelten sich. Eine schiebende, scharrende, hustende Masse von jungen Menschen. Ein träger schwerer Geschmack legte sich über Anna, schleimige Sporen von Angst drangen bis in ihr Herz vor. Die Menge umschloss Anna, die einige Meter vom Kapitän stehen geblieben war. Die Gesichter hatten einen feuchten Glanz, die Augen schluckten das einfallende Licht sofort. Sprühregen fiel durch die offene Klappe, umgab den Kapitän wie eine Wolke. „Ich gebe euch die Hand. Was ihr tun müsst, das tut. Ihr seid nicht die Letzten, aber vielleicht werdet ihr die Ersten sein. Wenn ihr sterben müsst…“ Der Kapitän machte eine Pause. „Wenn ihr sterben sollt, sterbt im Stehen. Aber wenn ihr frei werdet, dann tut, was ihr gelernt habt.“ Er hob die Hand zu einem Gruss, den Anna nicht kannte. „Niemand hat uns noch gefunden,“ sagte er jetzt lauter. Ein Murmeln ging durch die Menge. Eine helle Stimme rief: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um Anna herum begannen sich aufgeregt zu wiegen und wiederholten das Wort: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Nochmals erhob der Kapitän die Stimme und wiederholte: „Niemand hat uns noch gefunden.“ Und wieder kamen die Stimmen aus den tiefen Mündern um sie her: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um sie herum wiegten sich und hatten die Köpfe dabei gesenkt. Sie erwachte aus ihrem Erstaunen und kämpfte sich einen Weg durch die wogende Menge. „Was machen Sie denn?“ keuchte sie den Kapitän an. „Wir nehmen Abschied,“ antwortete Rieder, „ich schicke sie auf ihren Weg. Sind ein wenig meine Kinder.“ Die ersten Gestalten stiegen über die Treppe nach oben. Von dort kam jetzt ein Schrei. Regner hielt seinen Kopf in das Loch. Er hatte einen Jungen an der Hand, die andere Hand hatte er dem Nächsten auf den Kopf gedrückt, um ihn am Aussteigen zu hindern. „Chef, das geht nicht. Das geht doch nicht so,“ sagte er heiser. Das weckte sie ganz auf. „Kapitän, wir können sie…,“ begann sie. Dann fiel ihr das richtige Wort ein: „Ungebunden können wir sie doch nicht… wegbringen.“ „Nun, das müsst ihr jetzt wohl. Mangel an Seil, vermute ich.“ Ein Lächeln verschob die Geschichtszüge des Kapitäns, als habe jemand mit groben Fingern in das Gesicht gelangt. Seine Augen waren nicht zu sehen, verborgen unter den buschigen Brauen. „Aber es sind brave Mädels und Jungs, das kann ich sagen.“ Oben schwankte Regner zwischen den beiden Menschen. „Dann muss ich Verstärkung anfordern, tut mir leid,“ sagte Anna, „bis dahin kein Ausstieg.“ Sie trat direkt unter die Luke und rief hinauf: „Niemand steigt aus, bis ich den Befehl erteile.“ Sie konnte Regner nicken sehen, aber schon liess sie den Laderaum hinter sich. Draussen hatte der Wind zugenommen, der Regen war fett und schwer, schmeckte bitter und eisenhaltig auf den Lippen. Der Wind kam heute eindeutig aus dem Gebiet. Es war aber gut, wieder im Licht zu sein. Das Licht hatte, obwohl grau, fast grün, im Gegensatz zum menschenvollen Dämmer im Laderaum etwas plötzlich Beständig-Bestätigendes und zugleich Fragwürdiges. Hier draussen waren die Menschen in der Windleere und in der Lichtfülle nur Partikel, die Spucke eines grossen Tiers, über das Fell der Erde verteilt, dachte Anna. Sie war noch immer benommen und konnte nicht verstehen. Sie holte tief Luft, als sie auf die Plattform der Schifflände trat. Dann überquerte sie diese mit schnellem Schritt, an den beiden wartenden Männern vorbei. Beim Doktor blieb sie kurz stehen und beugte sich zu ihm hinunter, denn er hatte sein Gesicht auf die glatte saubere Scheibe des Tischs gelegt: „Da geht was nicht mit rechten Dingen zu, aufpassen.“ Als sie ihren Blick wieder auf das Schiff warf, sah sie, wie immer mehr Menschen ausstiegen. „Fäs, Kalmer,“ rief sie zu den beiden hinüber, „zieht den Landungssteg ab. Niemand steigt aus. Regner soll zurückkommen. Verstanden?“ Die beiden schauten gebannt auf das Schiff voller schwankender Menschen, die sich langsam über das im Regen glänzende Deck verteilten. „Verstanden?“ kreischte sie zu den beiden hinüber. „Verstanden,“ sagte Kalmer und setzte sich im Laufschritt in Bewegung. Sie trat in das Schauerhäuschen und holte die Telefontasche vom Haken.
Es ist Gleichzeit. Er hat das Wort vor Jahren gehört. In der Türangel fällt es ihm jetzt ein. Die Drehungen und Wendungen der letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage geschehen immer noch. Sie haben längst nicht aufgehört. Sie mögen beben und zittern, widerstehen, es ist nicht die Zeit, die sie aufhalten wird. Er hat das Wort vor Jahren gehört, und es hat seine Schleimspur auf den Teig seiner Tage, Wochen, Monate und Jahre gelegt. Keine tiefe Spur, eine Spur wie ein Papierschnitt. Jetzt drückt es die alte Narbe auf, weitet die Lefzen der Haut und hebt seine Knospe in sein schweissblaues Gesicht. Mitten in sein Wiederkehren, mitten in sein Hineinrennen. Denn die Wörter haben Bestand, auch wenn ihr Bestand verkümmert und vergessen wird. Sie sind die Hände, die dich noch zum Menschen machen, wenn du nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sie weder zum Greifen noch zum Zeigen mehr benutzen kannst. Aber Gleichzeit ist es. Das begreift er sofort, als das Wort zu ihm kommt. Glitschig glatt gleitet es in seinen trockenen Sprechtrakt. Er hat es nicht kommen sehen. Er hat es nicht willkommen geheissen. Eine Wimper, die ins Auge sticht. Mit jeder Reibung kehrt sie wieder, schlägt erneut ins Becken der Tränen. Er wehrt sich mit aller Kraft dagegen, in die Knie gezwungen zu werden. Wenn es das Wort gibt, und wenn es auf ihn auch zutrifft, dann kann selbst die Zeit ihn nicht aufhalten. Dann ist der Tod weniger wahrscheinlich, wie ein Ton, der sich in den Tagen, Jahren, Wochen und Monaten nicht abgeschliffen hat. Nicht abgeschliffen hat daran, dass Lippen und Auge verschlossen und hart wie Glas waren. In seiner Reibung daran seine Ausdauer nicht verloren hat, seine Wärme. So steht er in der Türangel, mitten in der Wiederkehr, angeschlagen wie eine schweissige, fleischige Glocke. Die Seltenheit des Moments drängt sich auf. Sie steht wie ein anderer Mensch vor ihm auf der Schwelle. Hinausgeneigt, ein wenig geduckt, horcht er auf das Ticken der Taubenkrallen im Treppenhaus. Die Geschwindigkeit hat sich gesteigert. Seine eigene zuerst, vermutet er. Eine Geschwindigkeit wie der Rückstoss an der Schulter. Eine Bewegung, die sich selbst aus dem Stand bringt. Das Ducken ist die Kehrseite des Hineinrennens. In den Jahren, Tagen, Monaten und Wochen hat sich angesammelt, was einem Ducken gleichkommt. Die lautere Abkehr von dem Entzücken am anderen Menschen. Ein Entzücken, das von keinem Wort getragen werden konnte. Er streift weiter durch die Wüste seiner Wohnung, die sich weithin erstrecken gelernt hat. Seine Bewegungen sind die schwersten Fäuste, an die er zu denken vermag. Das schürfende Schleifen eines Körpers auf dem Tummelfeld der Abwesenheit. Hinausgedrängt wurden die Menschen aus dem After seiner Ideen. Knollen mit Gesichtern, verknäulte Gesichter. Seine eigenen Träume bekamen Äste, die an Fenstern kraulen. Wochen, Tage, Monate und Jahre behindern ihn nicht mehr. Die Gleichzeit hat eingesetzt, Glas über den sanften Pfoten der Wiederkehr. Ein Keuchen, ein Tappen. Er ist sich noch keines Namens bewusst. Willig nimmt ihn das violette Schimmern des Sofas auf, aufgeschlagenes Auge. Vom Lindenplatz herauf kommen die Regentöne auf dem Asphalt, das im Tanz der vielen Aufschläge von der Unendlichkeit zu reden vermag. Obwohl es nichts Konkretes mehr gibt, beharrt das Konkrete darauf. Es gibt weder das Wegschliessen noch das Hinausrennen. Er erinnert sich an das Willkommen im Seufzen des Sofas, ausfahrender Atem. Seit Monaten, Wochen, Jahren und Tagen hat er es nicht für wahr gehalten, dass es in diesem Widerstreit eine Auskehr, eine Erinnerung gibt. Er hatte sie ausgelaufen, ausgetreten, ausgedreht in seinem langen, langen Gang. Nicht buchstäblich zerstampft, aber doch eingetreten in die Zeit, die vergeht. Wie die Fliesen unten im Eingang, die das Ticken der Taubenkrallen annehmen, aufnehmen und weitergeben. Er hat den Widerstreit nicht bemerkt, der seine glühende Schwebe beherrscht. Mitten im Wohnzimmer stehend, stellt er sich vor, der Regen fiele schon zeitenlang. Der Regen bedecke eine hemmungslose Scham, die er nicht kennt. Woher kommt dieses Gefühl, das bleiern in seinen Muskeln schwebt? Diese Schwäche, immer wieder diese Schwäche darüber, dass für Auswege seit Tagen, Monaten, Wochen und Jahren die Augenblicke nicht mehr kommen. Die andern Menschen, wenn er von Menschen überhaupt sprechen kann, wie er von den an der Scheibe ritzenden Ästen spricht, von dem Flügelsirren im Treppenhaus, dem Minzgeruch in seinem Hirn, seit er zu denken begonnen hat, dem warmen Prasseln seines Urins auf das strahlende Porzellan… Sie haben ihre Gestalt verloren, damit ihre Sprache. Sie sind wie die Schatten, die von mehreren Lichtern gleichzeitig von verschiedenen Seiten geworfen werden. Ein Drehen im Stehen, Stehen im Drehen. Ein Rasseln in seinem Hals kündigt die Worte an. Er spürt, den Kopf an die Waldscheibe gelegt, das Zerfliessen von Wissen darüber, was ihm was ausmacht, wie ihn was ausmacht. Er steht an und davor und lacht. Hände anlegen, Ausreden abwehren, Auswege gehen, niemand halten. Auswege ausgehen, wiederholt Auswege ausgehen, als kämpfe einer gegen die eigene Ungestalt. „Die Forderungen,“ sagt er, „wurden gestellt wie Schläge. Die Forderungen waren das, was verwirrt. Verrücken dahin, verrücken dorthin.“ Vorsichtig bettet er seine Glieder auf das Sofa, bündelt seine Arme und Beine wie spreuende Ähren um die Vorhut seiner Fluchtbewegung. In dieser Lage kommt ihm die Sprache des Regens sehr nah. Mitten in seinem fliessenden Schweiss versteht er die Wolken, die nachlassen. Das violette Leder vor seinem Gesicht gefällt ihm. Es hat einen Geruch von Bestand, leicht schmierig, einen Geruch, der das Vergehen nicht kennt. Gar nicht anschmiegsam, gar nicht haftend. Nur sein Leib haftet an dem, was er berührt. Was er denkt, das spelzt sich ab. Mitten im Stroh-Strom liegt er, ein Tümmler, lang und bloss in der Tröckne. Rundum fliegen Wimpern, Waldgeräusche und Wanddünen. Schon steht er wieder, bevor es ihn einklemmt. Jedes Mal, wenn er wieder auftaucht, und heute in diesem Wassergeräusch vom Lindenplatz herauf, bekommt er es mit den andern Menschen zu tun. Mit ihren Blicken, die etwas wollen, so sehr wollen. In Monaten, Tagen, Jahren und Wochen ist es ihm nicht gelungen, das zu erkennen. Es hat ihm weder an der Entschlusskraft noch an der Entschlossenheit gemangelt. Aus seiner anderen Menschheit die anderen Menschen zu erhalten, nicht einmal für sich. Wieder neigt er den Kopf an die Waldscheibe und hört das Reiben der Äste daran. Sie wollen nicht Einlass, sie wollen Auslass, denkt er. Er zählt ihre Bemühungen, weiter vorzustossen, wieder voranzukommen. Wippend zäh. „Ich bin doch auch kein Mensch mehr,“ erklärt er in die Stille hinein. Hat es ihn jetzt auch noch in die Sprache verschlagen? Ohne Wind schreiben die Äste ihre Sprache an das Fenster. Er stellt sich vor, wie sie das Haus vor sich her schieben. Über den Lindenplatz hinweg, in die Stadtleere hinaus. Was sie tun, ist Zeitregelung. Ausdauernd, aber unregelmässig. In einer Stille, und auf den Blättern kein einziges Regenwort, kommen ihm die Gesichter entgegen. Als habe er sie im Aufstehen, dort auf dem Sofa, aufgescheucht, aufgeschüttelt. Ist das ein Sonnenstreif, hier zu seinen Füssen? Er sieht das Gesicht seiner Frau, die seinen Namen immer wieder verschluckt. Er sieht das Gesicht seines Vaters, der seinen Namen wie ein Haar auf seiner Zunge trägt. Er sieht das Gesicht seines Freundes Asagiri, dem sein Name ein klebriger Bericht aus der Zukunft war. Aus einer Zukunft, die seinem Land nicht nur drohte, war sie doch eingetreten. Er sieht das Gesicht seiner Tochter, Miriam, die um seinen Namen fürchtete. Die Zeit hat den Gesichtern weder den Schrecken genommen, dem sie ihm immer schon eingeflösst haben, noch die Schutzkraft. Da stehen sie vor ihm, in einer Garbe und doch einzeln. Er möchte sich auf sie werfen, sie pressen und schütteln, monatelang, jahrelang, tagelang, wochenlang. Bis er erfahren hätte, was die anderen Menschen sind. Wo sie jetzt nicht mehr sind, ist er sie. Muss er nicht sie sein? Den Schrecken nehmen und tragen: diese Trennung, die keine Abtrennung ist. Die Schutzkraft ergreifen, die in ihren schwarzen Blicken lag: daran zupfen, zerren, ziehen. Eine grosse Kabelrolle mit schwarzem Kabel, dieses Kabel abrollen, von hier aus hinaus in die Strecke der Zeit, die ihn von ihnen scheidet. Denn sie sind diese Wand, eine Wand aus Köpfen, im Wald gewachsen, den Asphalt mit Grün durchbohrend wie „steter Tropfen höhlt den Stein“. Er hat in sich genug Leere angesammelt. Vielleicht ist es das jetzt schon. Ist das jetzt dieses Überquellen, das ein Überlappen ist, ein Einlappen? Die Zungen der Lachen draussen auf dem Lindenplatz, ja. Die grünen Zungen der Bäume, ja. Aber die Nester von Erinnerung, die ihm jetzt ins Gesicht hängen, nein. In ihnen klimpert es, in ihnen klimpert etwas, während der Wind auswegslos durch die Geschichte fährt. Asagiris Lachen, das in ein keuchendes, grollendes Räuspern fährt, immer leiser werdend, bis zum Ersticken und wieder Aufbellen. Die Haut des Muttermals am Hals seiner Frau, das mit Küssen bekämpft werden musste, aber doch nur Haut war, weich und undurchdringlich. Die Tauben im Treppenhaus, die zwischen Scherben picken. Im Treppenhaus hört er die jahrelangen, tagelangen, monatelangen und wochenlangen Schritte hinauf und hinunter, stampfend und hüpfend, entschlossen und innehaltend. Er hört das Abklopfen von Hosen- und Westentaschen. Der Geruch von mühsam zurückgehaltener Angst steigt ihm in die Nase, der sich vor den Türen endlich ausbreiten kann, wo er doch zuhause keine Heimat haben darf, eingehalten. Wieder hält er inne, fühlt sich durchbohrt von den aufkommenden Wellen, die er gestillt glaubte. Von den Eidotter-Augen der ziegenhaften andern. Kann er wirklich das Atmen seines Kindes in der Halsbeuge fühlen, das feuchte Hecheln. Die Zunge in seinem Mund ein feiner Farnwedel, rosa, unabhängig und frei. Den bitter-törichten, bitter-lockenden Geruch einer Kopfhaut, vermischt mit dem süsslichen Geruch von Kokosöl. Die darauf gestreuten Küsse wie Kerne zwischen niedergetretenen Grashalmen. Das ist Gleichzeit. Alle sind sie da. Da sind sie alle. Verwünscht und jetzt verwunschen. Er kauert mitten im Flur im Halbschatten, der leicht grünt. Seine Augen geben ein lautes Flappen von sich, als würden zwei Nusskerne gegeneinander geschlagen. Seine Hände machen die Bewegung des Zöpfewindens. Tagelang hat er nicht um die Reihen gewusst, die in ihm wurzelten. Monatelang hat er sich Listen aufgezählt, die ihn hier hielten. Jahrelang hat er auf die Anklageblicke gestarrt, die ihn ausschlürften. Wochenlang hat er sich wieder und nieder vergewissert, dass in der Tiefe der Zeit nichts übrig geblieben ist. Aber die anderen sind immer noch da. Sind schon wieder da. Ein Andrang von anderen, als hätten sie nur ihn. Als hätten sie nur ihn, um ihre Euter-Gesichter meckernd in sein Blickfeld zu drängen. Eindringliche, gelbe Blicke. Aber die Fische hoben schon ihre Mäuler aus dem Parkett. Hohl und hallend glaubte er sie entfernt zu haben. Die Namen kommen zuerst, stockend. Hände, die unerwartet und kalt seine Brustwarzen suchen. Nasen, die unerwartet und feucht in seiner Drosselgrube nisten. Pockenmarken, in deren Mulden spiegelbildliche Einladungen schimmern. All die Gelegenheiten, die sich ihm jetzt böten. Er sieht sie klar und deutlich. Können sie denn? Können sie denn wiederkehren? Einzeln wie Milchzähne. Vorsichtig, als sei er aus Zahnstochern, stemmt er seinen Fuss in den Boden. Er hört, spürt das Rieseln der Erde an seinem ganzen Körper. Sein Gehirn versucht immer wieder zu zählen, in dieser feisten, farnhaften Freesienluft. Es ist nur ein Versuch des Zählens, eine Abwehr. Er steht als Fragezeichen im Raum, die Hände nach vorne pendelnd. Wieder und wieder versucht er umzukehren. Ohne einen Schritt. Aber da sind die Fische, die ihre Mäuler aus dem Parkett hoben. Sein Körper befindet sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper befand sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper entwindet sich den verschiedenen Zeiten nicht. Sein Körper entwand sich keiner der Zeiten. Der Gang, den er wieder aufnimmt, in den er wieder einfällt, begann nicht wieder. Seine Räume sind andere. Auf allen Dingen klebten Namen. Selbst auf den Ästen vor den Scheiben, selbst auf seinen Kniescheiben, die er sehen wird, wenn er sich vornüberbeugt, weil er Atem fassen musste. Er wird zu einem Glas-Sarg. Unter dem Glas regt sich, regt sich, regte sich, was er nicht mehr kannte. Knisternd rollen Tränen über die sandigen Flächen seiner Wangen. Wie Finger drückten die Gestalten, die Zöpfe, das Lachen, die Gesichter, die Beschimpfungen, die Krankheiten, die Schürfungen, die wütenden Gerüche der Lust, in sein Kreuz. Fuhren über die empfindlichen Stellen aussen am Brustkorb. Richteten seinen Körper auf, indem sie die Schulterblätter Richtung Herz pressten. Der Regen fällt in den Wald wie auf die grünen Scherben einer Prasserei. Nichts mehr sehend, zerbricht er das Fenster zum Wald. Seine Stirne blieb dabei heil. Klappernd wie ein Kasper stand er im heissen Wind.
Was für komische Gefühle. Bis kurz vor dem Bahnhof konnte man sich gut fühlen. Es war doch noch die Stadt, die man kannte. Wenn auch leer, wenn auch ausgeräumt. Rüschen bewegten sich an Fenstern. Feiglinge, Drückeberger. Vorher Pfauen, jetzt Strausse. Aber er merkte schon, was gespielt wurde. Jemand versuchte irgendwo wie verrückt, die Zeit anzuhalten. Anders konnte es nicht sein. Seine Schritte waren jetzt langsamer als in der Elisabethenanlage. Langsamer und eindeutig noch etwas. Er lachte laut in die Stille hinein. Was für komische Gefühle. Noch in der Elisabethenanlage hätte er gesagt, ich bin ein Mensch. Doch jetzt, die Augen gebannt auf der Uhr im Portal, war er sich dessen nicht mehr sicher. Er war in eine Differenz hineingetreten. Die Uhr funktionierte, daran lag es nicht. Eben hatte der Minutenzeiger seinen Sprung absolviert und zitternd seine nächste Minute gefunden. Das Portal selbst sah gewaschen aus. Das Sandsteingrau leuchtete gelb. Er setzte sich etwa hundert Meter vor dem Portal auf den Boden, um es zu beobachten. Er wollte es nicht übereilen. Urteile erst, wenn du reif dafür bist, das war sein Motto. Je länger er schaute, umso klarer wurde die Erinnerung an das Gesicht. Der ganze Bau glich einem Gesicht. Wenn du nicht aufpasst, verpasst du eine Zuckung in den Zügen. Er versuchte, die Angst nochmals herauszulachen. Es gelang ihm ein Keuchen, immerhin. Er hätte nicht sagen können, was störte. Er hätte gerne gezeigt darauf, damit die Angst von seinem Finger verscheucht würde. Aber hier benötigte jedes Zeigen eine solche Überzeugung. Noch einmal betrachtete er die Falten und Runzeln des Gebäudes auf der Suche nach einer Verdeutlichung. Er kannte das Gesicht. Es brannte ganz hinten in den dunklen Korridoren seines Gehirns, wo Pilze in langen, seifigen Strähnen von den Decken wuchsen und wie leckende Zungen über die feuchten Tischtücher und die halb aufgegessenen, lange schon kalten Speisen in den Tellern strichen. Wenn er die Augen schloss, brannte und tanzte es. Und ein abschätziger Geruch war es, salzig und schmierig. Und der Bau leuchtete grün, ein Algenteich. Ein Algenteich, der spiegelte, was nicht zu sagen war. Mühsam kam er in die Höhe. Sein ganzer Körper war schwer geworden, mit Furcht-Häuten wie Öl-Schichten überzogen. Immerhin, immerhin. Wahrscheinlich war immer schon unwahrscheinlich gewesen. Das hatte ihn das Ausgucken aus seiner Bucht gelehrt. Was für komische Gefühle, das war nur der Anfang. Es war nur noch unwahrscheinlicher geworden. Aber er war sich dessen nicht mehr ganz sicher. Darum war er ja hier. Er hatte es in den Fingern, er würde mehr als Kadaver entdecken. Mit watenden Schritten ging er auf das Portal zu. Unter der grossen Pforte blieb er stehen. Geräuschvoll sog er zuerst die Luft ein. Pisse, Bier, Kotze, Kaffee, Luft unter den Flügeln von Tauben. Dann horchte er in die Halle hinein, die Augen noch geschlossen. Tatsache, Schritte. Nicht viele, aber einige, schlurfend. Hörte er auch ein leises Singen, eine Art Seufzen? Dann die Augen: eine leere Halle mit gekrümmtem Licht, der Boden bedeckt von Plastik und Kleidern. Offene Koffer. Im hinteren Teil hatte jemand die Koffer zu stapeln versucht. Schwer zu beurteilen, was hier vorgegangen war, Flucht oder Ankunft. Er schritt durch die Halle und bemühte sich, auf nichts zu treten, das Geräusche machte. Einige der Kleiderstücke wiesen schwarze Flecken auf. Das Seufzen war nicht mehr zu hören, als er in der Mitte der Halle stand. Das Schlurfen von Schritten konnte von dem Plastik kommen, der von kurzen, richtungslosen Windstössen bewegt wurde. Diese Windstösse, woher kamen die denn? Vor dem Portal war es eigentlich windstill gewesen. „Das ist wahrscheinlich,“ stiess er provozierend laut hervor. Seine Stimme kam keine zwei Meter weit. Er hatte den Eindruck, sie war, kaum aus dem Mund heraus, feucht und schlaff in die Kleiderstücke und Plastikfetzen gefallen. Wieder lauschte er lange. Kein Geräusch. Kein flatternder Vogel. Ah, eine Stille, die auf ein Geräusch wartete. Auf ein bestimmtes Geräusch. Komische Gefühle, gemischte Gefühle. Eine Stille, die sich nach einem Geräusch sehnte. Fiele hier eine Nadel, dachte er, das Klimpern der Nadel auf dem Asphalt würde auf der Stelle von dieser Stille verschluckt. Er ging auf die Treppen zu, und plötzlich war die Halle von einem Brummen erfüllt, dann von einem knirschenden kreischenden Stöhnen. Zwei der vier Rolltreppen hatten sich in Bewegung gesetzt. Etwas in ihrem Getriebe liess sie in regelmässigen Abständen jammern. Er zögerte, eine Zeitreise. Es gab nichts, was es nicht gab. Mit kleinen Schritten näherte er sich der rechten Rolltreppe. Er wartete auf die nächste Stufe, die sich aus dem Boden erheben würde. Die nächste Stufe kam und die nächste und die nächste. Hilfesuchend ergriff er den Handlauf. Ruckartig wurde er auf die Treppe gezogen, stolperte und schlug sich die Knie auf den Metallzähnen der Stufen. Sein Kopf hatte keine Zeit für den Schwindel, wurde vom Schmerz geflutet. Die Rolltreppe hatte ihn schon in die halbe Höhe hinaufgetragen, als er sich endlich aufgerichtet hatte. Die Handläufe unter seinem festen Griff ruckten in der Aufwärtsbewegung vor und zurück. Die Halle unter ihm weitete sich und fiel zurück. Gerade rechtzeitig drehte er sich in die Fahrtrichtung, da kippte ihn der Fahrsteig in die Passerelle hinaus. Einige Sekunden blieb er so stehen, seiner Füsse nicht mehr sicher. Vor ihm auf dem ersten Drittel der Passage waren hunderte Holzkisten ordentlich gestapelt, mit grossen Lettern markiert. Einige waren rot angestrichen, andere blau, dritte grün. Die Stapel waren unterschiedlich hoch, einige über mannshoch. Sie versperrten ihm fast ganz den Weg. Vom andern Eingang hörte er verhaltenes Rufen, stampfende Schritte. Er duckte sich hinter einen Stapel von grünen Kisten. Diese waren flach und länglich wie Särge. Ein Geruch von Ammoniak umgab sie. Er konnte nichts sehen und fand einen nächsten Turm, hinter dem er sich hinkniete. Diese Kisten waren rot, aus ihnen kam kein Geruch. Die Knie schmerzten, und als er sie berührte, stiessen seine Finger auf feuchten Stoff. Jetzt konnte er bis ans Ende des breiten Flurs sehen. Zwei Uniformierte standen dort zusammen und sprachen miteinander. Er konnte die Uniform weder einer Militärgattung noch der Miliz zuordnen. Die Hosen, Hemden und Westen waren ganz in blauem Kordstoff, an den Achseln hingen violette Troddeln. Die Männer trugen graue Barette, an denen etwas glitzerte. Er konnte nicht verstehen, was sie redeten. Dann begriff er, sie redeten Französisch. Darum konnte er sie nicht verstehen. Fremdes Gesocks, dachte er, was macht fremdes Gesocks auf unserem Boden, was haben die Franzmänner hier verloren? Die Franzosen machten doch Probleme erst zu Problemen. Sie waren dort im Einsatz, wo es etwas zu verschlimmern galt. Er erinnerte sich an das Erdbeben vor zehn oder fünfzehn Jahren. Da waren die Franzosen auch hinüber gekommen, um beim Aufräumen zu helfen. Sie hatten sich im Kannenfeldpark ein Denkmal errichten lassen. Sie hatten es neben dem Denkmal aus einem längst vergangenen Krieg aufgestellt, an den sich niemand erinnerte. Das Denkmal war schnell geschändet worden. Die Stadtverwaltung hatte es dann zum Schutz in eine Wellblechverschalung gesteckt, aus der es jedes Jahr zum Jahrestag herausgeschält wurde. Milizionäre standen daran Wache. Französische Brigaden salutierten davor. Ein dicker glatzköpfiger Franzose hielt eine lange Rede. Ah, komische Gefühle. Gefühle mit Ohnmacht und Verstörung. Was waren wir nur heruntergekommen. Doch war die Frage nun, wofür waren sie diesmal gekommen? Nie würde er den Anblick vergessen, wie die Franzosen in jenen Jahren einmarschiert waren. Zuerst über die Burgfelderstrasse, später auch über die Dreirosenbrücke. Vergangen, vergangen. Waren das hier Soldaten oder Söldner? Wer konnte das bei denen schon sagen. Er bewegte sich hinter den Kisten hindurch, bis er am linken Rand der Fussgängerbrücke stand. Die Holzverschläge der Marktbuden waren mit wilden Bildern bemalt. Explosionen, Drachen, wucherndes Fleisch. Einige der Läden waren geplündert worden, die Bruchstellen der Bretter leuchteten wie Stosszähne im Licht, das schräg durch die hoch gelegenen Fenster einfiel. Die Männer standen immer noch mit dem Rücken zu ihm. Er begann den Läden entlangzuschleichen. Langsam, er hob kaum die Füsse dabei. Den Rücken immer wieder an die Verschläge gelehnt. Einmal erschrak er, weil er dachte, jemand könne ihm aus dem Laden heraus die Hand auf die Schuler legen. Aber die Läden waren ja leer. Jetzt würde ihn ganz sicher niemand mehr festhalten, niemand mehr hindern. Die Zeiten waren vorbei. Sein Gesicht zeigte einen komischen Ausdruck, er wusste darum. Komische Gefühle, komischer Ausdruck. Die Lippen waren gespitzt, als wolle er gleich pfeifen. Seine Zunge war zu sehen. Er stieg mehrmals erfolgreich über herumliegende Bretter. Dann aber achtete er nicht auf seine Füsse und blieb an einem gesplitterten Brett hängen, fühlte Metall im Fleisch. Er zog vor Schmerz laut die Luft ein. Einer der Uniformierten drehte sich um, erblickte ihn und rief ihn mit einem „Hého!“ Zu sich. Humpelnd machte er sich auf den Weg, zuerst noch gebückt und in der Nähe der Buden. Dann korrigierte er seinen Weg und trat in die Mitte der Passerelle hinaus. Er konnte mit seinem Fuss nicht gut aufrecht gehen, weil der Schmerz ihn verbog, aber er versuchte es. Laut rief er durch die Halle: „Bonjour, les français!“ Auch der zweite Soldat hatte sich umgedreht. Die Gesichter der beiden Männer waren fröhlich und wohlgenährt. Sie waren ausgeschlafen und interessiert. Nicht wie damals. Aus zehn Metern rief er sie nochmals an: „Was macht ihr hier? Häh, was macht ihr hier?“ Er benahm sich wie der Hausherr. Er war ein wenig glücklich. Kaum war er heran, packten die beiden ihn zwischen sich und zogen ihn mit. Sie redeten nicht einmal mit ihm. Er machte zwei, drei Schritte mit, dann liess er sich hängen, die Spitzen seiner Schuhe schleiften auf dem Boden. Was für kindische Zeiten, dachte er. Worüber freue ich mich eigentlich? Er liess sich den Gang hinunterschleppen. Vor dem Bahnhof, auf dem Platz vor dem eingestürzte Hochhaus, standen braune Militärzelte. Soldaten oder Söldner gingen dazwischen langsam hin und her, mit gemächlichen Aufträgen. Als die Soldaten ihn auf die Füsse stellten und ihm befahlen, selbst zu gehen, sah er hinunter zu den Gleisen. Dort standen mannshohe Pferche, er konnte vier davon zählen. Die aus rohen Stämmen gebauten Ställe waren ohne Dach. Er konnte knapp erkennen, dass sich darin etwas bewegte, Haar wehte im Wind. Dahinter stand ein wartender Güterzug, die Maschine atmete prustend. Seine Ohren waren geblendet. Eben war es noch so still gewesen, so leer und unbelebt. Woher kam nun all die Aufregung, das Gestampf und das leise Wimmern? Die beiden Söldner führten ihn zu einem kleinen Zelt am Rand der Militärsiedlung. Vor dem Zelt war ein Tisch aufgestellt, dahinter eine Bank. Auf der Bank sass ein massiger Mann im Leibchen, die riesigen Hände auf dem aufgequollenen Holz des Tischs. In einer der Hände hielt er eine Pfeife, die eben angerauchte Glut war zu sehen. Auch er trug ein graues Barett, aber nichts glitzerte daran. Das Barett war speckig vom vielen Auf- und Absetzen mit schmutzigen Händen. Das Gesicht des Mannes war grau und abgetragen. Der Mann schaute von seinen Händen hoch und lachte bellend auf. Seine Stimme fistelte. „Was sehen meine müden Augen denn da?“ sagte der Mann hinter seinem Tischchen. „Kommt da etwa jemand zu Kreuz gekrochen?“ Was für komische Gefühle. Er konnte nur das Kinn auf die Brust drücken, nicht aufschauen. Er hatte ihn erst an seiner Stimme erkannt. Für Sekunden war er in der Differenz gefangen, für Sekunden gab es nur die Differenz. In ihr hallte sein ganzes Erleben wider. Über dem Platz war ein vielstimmiges Schlurfen und Flattern, eine unterdrückte Drohung. „Bist du es?“ fragte er mit der Stimme des jüngsten Bruders. Der andere kicherte und schob mit seinem Bauch den Tisch von sich weg. Holz und Kies machten ein Geräusch, als risse Haut, ein räusperndes Knallen. Er hob den Kopf und blickte seinem Bruder in die grauen Augen. Die Augen waren immer noch verschwommen und wässerig, jetzt aber wie verdrückte Pflaumen unter den Wülsten des Gesichts. Er spürte den Körper seines Bruders an seinem, die Hände klatschten auf seinen Hintern. Der Geruch von Zahnfäule, Tabak und Baustellenfeuern zwang ihn in die Knie. Er hatte noch starr, die Hände hängend, über die Schulter seines Bruders geblickt, an der Fassade des Hochhauses hing ein Stoffbanner mit einer Parole. „Beschützen heisst Zerstören. Zerstören heisst Retten. Retten heisst Häuten.“ Das hatte er noch lesen können, irgendwie um Unbeteiligung bemüht. Der Unterschied, in den er glitschte, roch nach aufgeschwollener Pappe im Gesicht. Arme hoben ihn hoch und wuchteten ihn herum. Das Stechen im Knie weckte ihn. Er blickte auf einen kindlichen Kopf mit langem Haar hinunter. Der junge Mann strich eine Paste auf seine Wunde am Knie. Langsam rollte er einen Verband auf und mit weit ausgebreiteten Armen um das Knie herum. Dabei flüsterte er. War das ein Lied oder ein Gebet? Er bemerkte, dass der Verbundene wach war. Es war ein junger Mann mit einer hellen, fast durchsichtigen Haut, seine Augen waren so dunkel, sie waren violett. „Oh, ma foi,“ lispelte der Soldat. Mit gesenktem Kopf hörte er die schnellen leichten Schritte und den Ruf nach dem „Colonel“. Das war also sein Bruder, da war also sein Bruder. Er wünschte sich, nochmals wegsinken zu dürfen. Der Jnge kam mit einem grossen Blauen zurück, der ihn ungefragt unter der Achsel packte und mitnahm. Da sass er wieder, Tisch zur Seite geschoben, Beine gespreizt, die Pfeife rauchte. Grosse Hände wie Flossen auf den Knien. „Ueli, Ueli,“ begrüsste er ihn, „immer noch ein Kippmeinnicht, häh?“ Der Mund war ihm voller Spucke, sein rechter Fuss schmerzte. „Guten Tag, Erich,“ sagte er leise. Er schaute ihm direkt in die Augen eines Molchs. „Heiss nicht mehr Erich, du liebe Feige,“ sagte der Kröterich, „heiss jetzt Motorman, ein N bitte. Hast Glück, wollten heute zum Hafen runter. Wären dann nicht mehr da gewesen.“ Beide schwiegen. Motorman sagte: „Einmal nicht verpasst, häh?“ Fast hätte Ulrich gesagt, einmal ist keinmal. Aber er ersparte dem Bruder die Freude. Vater sollte tot, Vater konnte ihm auch weiterhin gestohlen bleiben. Er blinzelte, um das Schweigen andauern lassen zu können. Das Plakat bewegte sich im Wind, ein Segel. Die Aschehaare des Jungen umgaben ihn wie eine Medusenglocke, leise lockten sie sich im Wind. Lockten sich wie seine Gedanken, krausten sich wie sein Wille. „Wollten zum Hafen runter“, nahm der Dicke wieder auf, „zum Hafen runter mit unserer kostbaren Fracht.“ Der Refrain eines Liedes. Ulrich stellte fest, dass auch sein Bruder die Augen niedergeschlagen hatte. „Und was… suchen die Franzosen hier?“ fragte er. „Die Zeiten sind verschieden, sehr verschieden,“ sagte sein Bruder, „bei den Franzmännern, da haben sie noch Menschen, Kohle, scheint’s Regierung. Aber auch dort kommt es ins Rutschen. Verstehst du? Und da kommen sie zu uns, kommen sie zu mir.“ Ulrich versuchte einen Faden von Denken zu erfassen, es gelang ihm nicht. Das Husten eines Motors fuhr ihm dazwischen, ein zweitaktiges Rumpeln. Der Zug fuhr an. „Da fährt er, hinüber in die Welt, Ueli. Wie kostbar das ist, die Welt.“ Wieder schwiegen sie, der Junge schwankte wartend an der Seite der Unke. „Ich bin erstaunt, ich war erstaunt, dass es die Welt noch gibt. Wir hatten gedacht, unser Leben ist zu Ende. Wir hatten gedacht, jetzt haben wir es geschafft.“ Der Junge beendete sein Schwanken und beugte sich vor. „Vater, wir müssen,“ sagte er mit einer alten Stimme, „die Löwin wird nicht warten wollen.“ Jetzt erst blickte Erich auf. „Du kommst nicht mit, häh? Du wartest das Verscheiden der Zeiten ab. Ich kenne dich“, eine Spur von Neid verdunkelte seine Stimme, „zuwarten ist deine Devise. Du wirst warten wollen, was dahinter kommt. Mit baren Händen, auf offne Enden.“ Die Wörter aus dem Refrain hätte er fast gesungen. Erich stemmte seine Hände auf die Knie und wuchtete sich in die Höhe. Hinter ihm öffnete sich der braune Stoff des Zelts, ein Mädchen mit einem blauen langen bleichen Rock kam heraus, das Haar von der Farbe von Luft. Sie trug einen weissen Schosshund in den Armen. „Ich geh mal Gassi mit Emil“, sagte sie. Erich wirbelte herum. „Du bleibst im Zelt, dumme Kuh“, sagte er sehr laut, „den Hund lässt du hier.“ Das Mädchen bückte sich und liess den Hund springen. Der Hund schoss zu Erich, schleifte eine schwarze Leine hinter sich her. Rechtzeitig fasste der Junge nach der Leine und nahm sie vom Boden auf. Der Hund nutzte die Länge der Leine aus, schnupperte, reckte die Nase in die Luft. Winselnd kehrte er zu dem Jungen zurück, hockte sich an Erichs Seite hin, immer noch schnüffelnd, zitternd. „Colonel“, sagte eine Stimme im Rücken Ulrichs, „wir sind Abruf.“ „Gut, gut“, Erich schüttelte seine Schultern, „dann wollen wir mal.“ Die grauen Augen überfielen Ulrich und häuteten die Neugier bis auf den Zweifel. „Was machen wir mit dir, Däumling?“ fragte er ihn. Die Stimme in seinem Rücken sagte: „Sollen wir auch zum Vieh?“ „Nein, dafür ist er doch zu alt, crêtin,“ sagte Erich, „lass ihn gehen. Aber…“ Er blieb Schulter an Schulter mit ihm stehen, der Hund zwischen ihnen. „Aber wenn du nochmals kommst, nochmals dich finden lässt, muss ich dich einspannen. Deine Talente möchte man haben. Ja, die möchte man gerne haben. Das weisst du ja.“ Und im Fortgehen, begleitet von dem Aschejungen und dem blauen Soldaten sagte er nochmals laut zu sich: „Möcht man haben, ja.“ Die drei Gestalten verschwanden zwischen den Zelten, Richtung Gleise. Niemand war mehr auf dem Platz zu sehen, die Zeltbahnen flappten im Wind, der den Rauch herantrug. Das Mädchen stand noch vor dem braunen Zelt. Die Sommersprossen tanzten über seine Wangen wie Rauch. Die Augen grünten vor Zorn. Heftig wandte es sich um und entfernte sich in der anderen Richtung. Ulrich hörte den Hund bellen, das Schreien einer Krähe. Jaulende Menschenstimme. Komische Gefühle, was. So stand er da, sank in die Tiefe des Raums. Die Tiefe des Raums war anders, müde und knarrend, plötzlicher heftiger Mundgeruch, Filz auf der Zunge. Sein Nacken war ganz steif. Seine Fussballen tasteten sich zuerst vor. Der Schmerz erreichte ihn, verebbte, leuchtete auf. Die Socke in seiner rechten Sandale war braun vollgesogen. Keine Zeit, keine Zeit. In seinem Körper knackte etwas und brach, seine Gedanken? „Ja, das wäre logisch, zweimal gebrochen gleich entkrochen,“ sagte er zu sich. Er wusste nicht, was er sagte, ausser, es stimmte. Stimmte sich der Zeit hinzu. Aus den Zelten heraus, sah er Wolken, knapp über dem Boden. Menschen aus Wolken oder Wolken aus Menschen. Letzteres. Die Franzmänner hatten die Koppel aufgemacht, in denen er Pferde gesehen hatte. Jetzt ging er dem Unterschied entgegen. Jetzt kam er dem Unterschied näher. Jetzt kam ihm der Unterschied entgegen. Ganz nahe, anders. Er schlüpfte wehr- und widerstandslos hinein, in dieses Dotterlicht. Menschen aller Art, jung wie Brombeeren. Entstiegen sie ihm oder dem Korral? Tief wurde die Zeit, saugend wie der Mund eines Säuglings. Seine Augen, die sahen, sanken immer weiter zurück, in der Zeit. Lumpen, blätternde Haut, wehende Mähnen. Giraffenhälse. Mühlenaugen. Achte darauf, achte darauf, sagte er sich, komme nicht darunter. Tiefe, rasselnde Wasser. War das jetzt die weite Welt, hier im Bahnhof? Erich Nadler stand am vordersten Güterwagen, die Hände vor der Brust, Gesicht vom Wind entfärbt. Sein ganzer Mund war in einem Lächeln abgefallen. Die Gestalten tunkten ihre Füsse in den Kies des Bahndamms, aufrechte Korallenbleiche. Was für ein weiter Spalt, dachte er, zog ihn auf mit aller Kraft, die Augen weit auseinander gezogen. Ein Augenpaar kam zu ihm, fast berührte es ihn, blutig umrandet, halbe Wange. Wohin, sagte es, wohin? Er konnte nicht einmal zurückschrecken. Er konnte nicht einmal mehr sprechen. Seine komischen Gefühle kamen nicht mehr zurecht, nicht mehr zurecht kamen sie mit den tosend taumelnden, schlurrend Schlafenden. Komische Gerüchte das, sogen und sogen und sogen an ihm. Tief hinein sogen sie ihn, und drüben war auch kein Halt mehr. Wehende Mähnen, zerfliessende Züge, Lumpen, blutige Lumpen. Niemand sah ihn, er sah niemand. Er hatte sich abgewandt von den suckelnden Augen, von den grünen Mienen. Hin und wieder war Geist aufgeblitzt in den kindlich unvollständigen, aufgedröselten Menschen, die sich gegenseitig stützten, hielten, wimmernd singen wollten. Immer noch singen wollten. Blutige Liedfetzen, „die Löwin wird nicht warten wollen“ und „die Kinder wild im Garten tollen“. Sangen ins Verstummen hinein. Ulrich riss sich vom Bann los. Er hatte es gesehen. Und es war in ihm so komisch, er musste immer daran herumfühlen. Hornhaut, an der du kratzt und zupfst. So komisch war es. Sein Körper selbst riss in Lappen, ärmlich und unterschieden. Unterschieden wovon? Er war in einen hoppelnden Trab gefallen, hüpfende weisse Krähe. Unterschieden wovon? Ja, unterschieden wovon denn? Im Nachtigallenwäldchen, dort war sein Schlupf. Unterschlüpfen ist keinmal. Ist einmal unterscheiden.
Auf Geld warten Keine Ausreden: das ist Was du kannst: nichts anderes Kannst du besser Es ist dir sehr angemessen Eingewachsen ist dir das Schreiben Wie das Miom in Mutters Gebärmutter Das darin über Jahre wuchs Gross wie eine geballte Faust Und bei einer Kontrolle plötzlich fehlte Abgebaut vom Wohlergehen
Keine Ausreden: irreversibel ist das Ein Makel der Haltung Falsche Prioritäten und gute Vorsätze Dazu stehen ist nicht so leicht wie sagen Ich schreibe Heisst zugeben Nicht dazugehören zu können Nicht dazugehören zu wissen
Denn in meinem Heide-Herz wohnt Pharao nicht Keine Schlangen-Stele thront über der Weide Und die Klumpen der Scham stehen nicht im Weg Den Währungs-Strömen Die meine Vorstellungskraft im Tulpen-Gelände meiner Nieren verlaufen lässt Und die Thrombosenfäuste Die auf die Stille meiner Schläfe eintrommeln Lassen mich nicht zu Rhythmen tanzen Die den Rubel rollen machen
Keine Fluchten mehr: ich kann nicht mit Geld umgehen Warte immer auf Geld Lasse mich einladen Schamröte ist meine Kriegsbemalung Die ich für euch trage Die ihr Sicherheit findet im Geld haben Die ihr Zukunft baut auf Vorsorge Häuser für die eigene Ewigkeit «Innendekoration allein hat 30’000 gekostet Weil wir die Kacheln aus Portugal kommen liessen»
Ich höre das pfefferminzfrische Trippeln der Mäuse… Ich höre die Kosten der Seitensprünge… Ich höre die kreischenden Bremsen des Lastwagens Der euren Sohn erfasst und in die Kuhweide hinausschleudert… Ich höre die Versprechen eures Gebetes…