
Ich höre im Radio, Poesie ist das Gegenteil von Propaganda, und ich halte inne, rühre mich nicht, Zeit verstreicht, grammatisch geordnet redet der Sprecher weiter, wohlüberlegte angstlose Sätze, die ich leise raunend wiederhole, als wolle ich sie auswendig lernen, ich schlurfe zum Kühlschrank, in dem Rabatte harren, Dosen und Büchsen, Schalen und Schälchen, notdürftig eingewickelte Käse- und Fleischstücke, ein Geruch wie von Maultiergeschrei, Schweinegrunzen und schlüpfrigem Gackern wabert für fünf Sekunden um mich, die Stimme im Radio fährt fort, ich rühre mich nicht, halte weiterhin inne, während ich an einem harten Stück Sandwich kaue, die länger schon abgelaufen ist als mein letzter Effort für eine Aussage, die sich in eine Gedicht eintragen liesse, das wenn möglich ungenutzte Verstreichen des Moments, das ist mein Thema, im Küchenschrank Rabatte, hochverarbeitetes Essen, sofort geniessbar, wenn auch von Geniessen nicht die Rede sein kann, rote Sticker überall, Leben im Raunen, denke ich unter dem Einfluss der Radiostimme, verfrühte Gegenstände, die leicht verblühen, leblose Reihen, die sich vor mir türmen wie aufgebrachte Taten, Texte, schmelzende Tundren, du bist Schmiede, sagt der ungerührte Poet im Radio, erhitze dich, erhitze uns, die Kälte kommt schnell genug, ich lese die Anweisungen auf einer Plastikbox, Beutelinhalt in eine Tasse geben, lasse den Kühlschrank offen, der sich summend beklagt oder vor dem Sprung der Katze fürchtet, der Wasserkocher lässt das Wasser donnern, ich verlasse die Küche, immer noch irgendwie grammatisch verloren, abgeschlagenes Hufeisen, verhornte Zufallsstufe, ich meine -Stute, ich lege mich hin auf die durchhängende Couch, die mich flüsternd begrüsst mit ihrem abgewetzten Rosa, die Katze schiesst davon, ich habe sie nicht gesehen, lege den rechten Arm über Stirn und Augen, Einfalt wartet, denke ich, wartet auf genauso eine Schwäche, die zur Tat führen soll, Einfalt wartet im Schoss der Tat, sage ich laut und übertöne die jetzt scheppernde Stimme des Sprechers, der jetzt von der Grammatik der Dinge redet, diese sei die Bühne der leblosen Reihen, der leblosen Reihen, frage ich in die Kälte des Zimmers, die vom Gurgeln der Heizkörper verstärkt wird, betrachte die Löcher in meiner rechten Socke, Arm über der Stirn, ich schere mich gerade um jeden Effort, lasse den Moment verstreichen, wie sich das gehört, in aller Ehrerbietung, mit grosser, angebrachter Demut, der alte weisse Mann im Radio sagt, ich solle daran denken, einen runden, nicht einen flachen Stein den Berg hinaufzurollen, Bahm ist jetzt zurück aus Berlin und hat auch nicht mehr zu sagen gehabt, als er bei mir war, mit seinem Rasen der Stuckaturen glaubt er wohl ein Fressen gefunden zu haben, der alte Sack, steisskrumm erhebe ich mich, um dem fiesen Fallensteller im Radio das Wort abzuschneiden, denn ich bin vielen Fallen feil, lasse immer wieder verfliessen, was ergreift, jenen unerwartet kalten Schlussakkord, diesen Druckfehler, raune vor mich hin, während ich durch die leeren Zimmer gehe, in deren Ecken Säcke gestapelt sind, meine Kleider und Decken, mein Zelt, ich betreibe nun nicht länger mehr Demontage, sondern schlicht und ergreifend Absolution und Konsumation, ich brauche den flachen Stein nur über die nasse Fläche des Gartenasphalts zu werfen, tak-tak-ta-tak, ahmt er das Geräusch einer Schreibmaschine nach, die ich gestern für 25 Franken verkauft habe in der Güterstrasse, auch sie trägt jetzt einen roten Sticker, nehme ich an, die Grammatik der Dinge ist eine Grammatik, die sich der Grammatik widersetzt, so viel ist klar, und ich liebe Widersetzliches, vielleicht schreibe ich doch wieder einmal ein Gedicht, übermorgen, in dem nur Nomen vorkommen, aufgereiht, verfrüht und rot beschriftet, zuerst ganz hilflos ohne Verben, dann aber überhand nehmend auf der Seite wie Falten an meinem Bauch, die überhängen, darin der Geruch von Ingwer, ich meine in den Falten, von Ingwer und Eiern, ich komme zurück in die Küche, schliesse den inzwischen röhrenden Kühlschrank und denke, immer noch ungehalten innegehalten, abgehalten und eingedreht, denke an den letzten Moment, den ich nicht verstreichen liess, schlurfe durch die Flure und betrachte die vertrockneten Orchideen, die mir Leserinnen geschenkt haben, ich habe sie aufgereiht wie auf einer Bühne der leblosen Grammatik.
